Mittwoch, 26. August 2015

Dieses Buch ist ziemlich schräg und ungewöhnlich

Der Kuriositäten-Post Nr. 1 - eine Reise nach China

 

Wie schon angekündigt werde ich ab und zu über ein Buch schreiben, das auf die eine oder andere Art aus dem üblichen Rahmen fällt. Wenn es soweit ist, werde ich das - im Gegensatz zu meinen Buchvorstellungen an den Freitagen - immer vorher ankündigen.
 
Was soll ich sagen? Heute ist so weit! Das heutige Buch ist kein Roman, sondern passt, wenn man es überhaupt irgendwo einordnen will, in die Kategorie "Sachbuch". Langweilig? Nein, aus unserer Sicht, mit dem zeitlichen Abstand, ziemlich amüsant! Der Titel lautet Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics und ist 1972 bei Rowohlt erschienen. Herausgeber war Jürgen Manthey und nicht wie bei der zehn Jahre später herausgegebenen Ausgabe Umberto Eco. Das Buch enthält sechs Comics oder Fotogeschichten.

Worum geht's?

 

Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics glänzt durch seine unfreiwillige und unbeabsichtigte Komik. Anders als im Westen, wo Comics so gut wie immer der Unterhaltung dienten, wurden sie in China seit den 1950er Jahren für die politische Propaganda eingespannt. Sie kursierten im ganzen Land und wurden von Hand zu Hand weitergereicht. Nur wenige arbeiteten allerdings mit Sprechblasen, sondern ordneten den Text immer parallel zu einem Bild an. Zunächst waren die gezeichneten Comics eher für Jugendliche gedacht, für Erwachsene gab es Fotogeschichten. Im Laufe der Jahre näherten sich die chinesischen Comics immer mehr der Weltsicht von Mao Tse-tung an und zeigten den Bürgern, wie man zu leben und zu denken hatte. Anti-maoistische Hefte wurden aus dem Handel genommen. Aber wann war etwas anti-maoistisch? Da gab es z. B. eine Krimi-Serie, in der Verbrechen von richtigen Berufspolizisten professionell aufgeklärt wurden. Völlig verkehrt! Die wahren Helden hätten hier die Vertreter aus den breiten Volksmassen sein müssen, damit das Bild stimmt.


Die Handlung des Comics "Das Mädchen aus der Volkskommune" (1964)


Leider kann ich hier aus urheberrechtlichen Gründen keine Aufnahmen einzelner Seiten zeigen, ein paar Zitate müssen es dann auch tun. Im Comic "Das Mädchen aus der Vokskommune" geht es um ein junges Ehepaar, das sich wegen der Verteilung der häuslichen Aufgaben streitet. Als der Ehemann Hsi-wang weiter stichelt, verliert seine Frau Shuang-shuang die Nerven und schlägt ihn mit beiden Fäusten auf den Rücken. Er will sich mit seinem Schuh verteidigen, doch Shuang-shuang wehrt ihn ab und sagt: "Gehen wir das mit dem Zellensekretär diskutieren!" Tja, da, wo es keine Eheberatung gibt, muss eben ein Parteifunktionär herhalten. 
Doch dazu kommt es nicht, weil sich schon das nächste drängende Problem anbahnt, das unbedingt gelöst werden will: Die Frauen arbeiten zu wenig für die Gemeinschaft, und Shuang-shuang ärgert sich darüber. Sie weiß auch genau, woran das liegt: Der stellvertretende Brigadeleiter Chin-ch'iao hat mit der Verteilung der Arbeitspunkte aufgehört! Außer Shuang-shuang traut sich keine der Frauen, das Problem beim Schopf zu packen. Also nimmt sie das nächste Vorhaben allein in Angriff und gestaltet eine Wandzeitung, mit der sie diesen Missstand anprangert.

Der Parteisekretär lobt ihren Vorstoß und Hsi-wang wird zum Verantwortlichen für die Bücher gewählt, in denen die Arbeitspunkte notiert werden. Doch schon bahnt sich der nächste Ärger an: Bei der Frage der gerechten Punkteverteilung gibt es Unstimmigkeiten. Hsi-wang ist mit anderen Männern zum Düngen eines entfernten Feldes mit Mist geschickt worden. Doch welch glückliche Fügung: Der Fahrer eines unbeladenen Lastwagens kommt vorbei, und die Männer können ihn überreden, den Mist zum Feld zu transportieren. Dort verteilen sie ihn auf dem Acker, indem sie ihn direkt vom fahrenden Laster abwerfen. Die Arbeit ist schnell erledigt und Hsi-wang trägt allen in einem Anflug von Großzügigkeit 10 Punkte in ihre Arbeitsbücher ein.

Währenddessen hat Shuang-shuang zusammen mit anderen Frauen auf einem Baumwollfeld gearbeitet. Sie diskutieren über die Punkteverteilung und sind sich keineswegs einig: Shuang-shuang kritisiert die schlechte Arbeitsqualität einer der Frauen und es kommt zum Streit.  Die Gruppe trennt sich in schlechter Stimmung, und für ihre Arbeit werden fast allen fünf Punkte gutgeschrieben. Doch zu Hause prahlt Hsi-wang vor seiner Frau damit, wie leicht er so viele Arbeitspunkte gemacht habe. Der nächste Ehekrach bricht los.

Die Geschichte geht noch eine Weile in diesem Modus weiter: Shuang-shuangs Streben nach Gerechtigkeit und bestmöglicher Planerfüllung stößt bei ihrem Mann auf nur wenig Gegenliebe. Sobald er ihr Verhalten kritisiert und sie zur Mäßigung aufruft, ist die Stimmung zwischen den beiden vergiftet. Hsi-wang lenkt grundsätzlich nur dann ein, wenn sein Verhalten öffentlich wird und er direkt oder indirekt kritisiert wird. Der arme Mann hat es nicht leicht mit seiner Frau, die zu allem Überfluss auch noch dabei ist, in der Parteihierarchie aufzusteigen.
Doch am Ende wird alles gut: Hsi-wang wandelt sich unter dem Einfluss seiner Frau und der Gemeinschaft von einem Individualisten zu einem besseren Menschen, der die heimlichen Verfehlungen anderer Brigademitglieder zum Wohl der Gemeinschaft zur Sprache bringt und zum Schluss erkennt, was er an seiner intelligenten Frau hat.

Hintergründe

 

Auch wenn man als Leser spontan über die in den Comics gezeigten Handlungen amüsiert sein mag, gibt es doch Parallelen zu denen im Westen herausgegebenen Heften: Hier wie dort wird die Welt in "gut" und "böse" aufgeteilt. Den Bösen ist oft, damit es auch der letzte Idiot begreift, die Boshaftigkeit an der Nasenspitze anzusehen. Probleme werden standardisiert und vereinfacht dargestellt, Mehrdeutigkeiten sind nicht üblich. Die Handlung geht grundsätzlich von einer Erwartungshaltung der Leser aus und bedient sie.

Als die im Buch vorgestellten Comics entstanden sind, waren sie für die große Masse gedacht. Zu Beginn der 1960-er Jahre lag die Aphabetisierungsrate der chinesischen Bevölkerung bei etwa 30 %. Das Volk mit rein schriftlichem Propagandamaterial versorgen zu wollen, wäre da völlig sinnlos gewesen. Da bot sich mit den Comics ein guter Kompromiss, da die Bilder so eindeutig waren, dass man sich die Handlung gut "zusammenreimen" konnte. Sie wurden von der Parteiführung als Übergangslösung, jedoch auch zu diesem Zeitpunkt als unentbehrlich angesehen.

Das Buch spiegelt sehr gut das wider, was das chinesische Volk zu denken und zu tun hatte. Natürlich hat es einen ernsten Hintergrund: Immerhin verloren unter der Herrschaft von Mao Tse-Tung etwa 45 Millionen Menschen ihr Leben. Aber ich nehme mir aus meiner heutigen ziemlich komfortablen Situation die Freiheit heraus, die Comics mit einem Schmunzeln zu lesen, jedoch gleichzeitig froh zu sein, solch eine Zeit nicht selbst erlebt haben zu müssen.

Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics ist schon lange nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Die bekannten Versender von gebrauchten Büchern bieten jedoch Exemplare an.

Zitate

 

"Wir haben eine kollektive Produktion, und auf jedem Grashalm liegt der Schweiß von allen!"  (Shuang-shuang zu Hsi-wang)

"Ich bin ein guter Kerl des alten Typs. Sie [Anm.: gemeint ist Shuang-shuang] ist ein guter Kerl des neuen Typs. Unser ganzes Denken wird von der Politik geleitet." (Hsi-wang zu einem anderen Brigademitglied)


Kommentare:

  1. Gute alte Mao-Zeit! Das ist ja ein Buch aus meinen Revoluzzerjahren! Irgendwann hatte ich das auch mal, aber ich glaube, dass ist dann auf einem Flohmarkt verkauft worden. Mich hat es damals schon sehr erstaunt, dass ausgerechnet Rowohlt so ein Buch verlegt.
    LG
    Sabiene

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    1. Rowohlt hatte ja mal eine ganze Weile einen gewissen aufklärerischen Anspruch an sich. In diese Phase dürfte auch diese Buchveröffentlichung gefallen sein.
      Du hattest Revoluzzer-Jahre? Interessant, erzähl doch mal! ;-)

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