Freitag, 11. August 2017

# 112 - Ein irrer Killer terrorisiert London

Die Taktik: Feuer mit Feuer bekämpfen

 

Detectiv Sergeant Brant ist das genaue Gegenteil dessen, was sich der Bürger unter einem Polizisten vorstellt: Er säuft bis zum Umfallen, ist kinderleicht korrumpierbar und ganz sicher nicht der Typ Mensch, den man sich als Schwiegersohn wünscht. Der Krimi Brant des irischen Schriftstellers Ken Bruen ist nach den Titeln Füchsin und Kaliber der dritte Band der in London spielenden Romanreihe um den Polizeibeamten Tom Brant.

Polizeiarbeit eines unsympathischen Ermittlers

 

Brant muss sich wieder einem ungewöhnlichen Fall widmen: Ein Unbekannter ruft Chefreporter Dunphy des Käseblattes  Tabloid an, um ihm mitzuteilen, dass er vorhat, Polizisten zu ermorden. Er bräuchte jetzt nur noch einen Tipp, wie viele es insgesamt werden sollten. Dunphy wittert seine berufliche Chance und denkt nicht im Traum daran, die Polizei zu informieren. Was noch niemand weiß: Bei diesem Typen handelt es sich um einen kokainsüchtigen Verrückten, der auch zu Wodka oder Red Bull greift, wenn gerade kein Koks zur Hand ist. So geistig unterbelichtet Barry Weiss auch ist, er meint seine Drohung todernst. Er giert nach Aufmerksamkeit und will unbedingt in die Zeitung oder noch besser: ins Fernsehen. Und dann summiert sich Barrys Bullenhass auf: Durch den Hinweis eines örtlichen Streifenpolizisten wird die Steuerfahndung auf seinen Marktstand an der Waterloo Station aufmerksam, was ihn sein Geschäft kostet. Dann verliert er nach der Anzeige eines Verkehrspolizisten wegen Trunkenheit am Steuer seinen Führerschein, und als ob das noch nicht reichen würde, taucht eine schwarze (!) Polizistin bei Barry auf, weil die Nachbarn sich über ihn wegen Lärmbelästigung beschwert haben, und liest ihm die Leviten. Zum Schluss dann quasi das Sahnehäubchen der polizeilichen Verfolgung: Als Barry gerade aus der Kneipe kommt, erleichtert er sich an der Mauer einer Kirche. Die Folge: Verhaftung wegen öffentlichen Ärgernisses. Das Maß ist voll. Barry will sieben Polizisten töten. Der achte soll erst ganz zum Schluss an die Reihe kommen: Brant. Der hatte Barry vor ein paar Jahren in einer Billardhalle mit einem Queue niedergeschlagen, als er ein paar Pakistani aufmischen wollte. Mit einem Fußtritt hatte Brant Barry vor die Tür befördert und vorher daran gedacht, dem Krawallmacher eine Billardkugel zwischen die Kiefer zu schieben. Für Brant muss es etwas ganz Besonderes, etwas Spektakuläres sein.

Wenn man erstmal dabei ist, geht es ganz leicht

 

Die erste Polizistin erschießt Barry buchstäblich im Vorbeigehen auf der Straße. Niemand hält ihn auf. Kurz darauf erschießt er einen Streifenpolizisten, noch ehe der sein Fahrzeug verlassen kann. Auch diese Aktion kommt so unvermittelt, dass Barry unbehelligt in den nächsten Bus steigen kann. Doch Brant, der die Polizistenmorde aufklären soll, arbeitet nicht mit klassischen Mitteln. Er nutzt sein Spitzelnetzwerk und bekommt schon bald einen ersten, aber noch vagen Hinweis auf Barry Weiss.
Barry macht derweil Inventur und merkt, dass ihm die Munition ausgegangen ist. Doch es geht doch nichts über einen guten, schweren Hammer. Der wird dann auch gleich für den nächsten Mord an einem pensionierten Streifenpolizisten eingesetzt: Barry erschlägt den Alten brutal in seiner Wohnung, die er dann in Brand setzt, um die Spuren zu verwischen. Bei diesem Überfall erbeutet er zufällig etwas Wertvolles: das Adressbuch des Toten, in dem sich eine ganze Reihe von Privatanschriften Londoner Polizisten befindet - auch die von Tom Brant. Er ahnt noch nicht, dass man ihm auf der Spur ist, auch wenn die Ermittlungen eher in Trippelschritten vorangehen. Barrys durch Drogen und Alkohol vernebeltes Hirn und sein übersteigertes Ego verhindern eine klare Sicht auf die Realität. Das Schicksal, das auf ihn wartet, ist mindestens so gnadenlos wie er selbst.

Wie war's?

 

Brant gehört in die Kategorie der Crime Noir, die sich durch eine düstere Grundstimmung und ein unklares Ende auszeichnet. Die Personen - allesamt Menschen, die ein ganzes Stück von dem entfernt sind, was man als "normal" ansehen würde - sind charakterlich klar gezeichnet, im Laufe der Handlung wird nichts beschönigt. Den Ekel bei besonders blutigen Szenen gibt's obendrauf. Trotz der finsteren Grundstimmung sind da jedoch immer wieder hoffnungsvolle Momente, die wie ein dünner Lichtstrahl die Düsternis zerteilen: Ein sehr gegensätzliches Paar findet sich, einem frisch verwitweten Polizisten wird beigestanden, indem man mit ihm nicht nur zur armseligen Beisetzung seiner verstorbenen Frau geht, sondern mit ihm gleich danach zu einem Saufgelage aufbricht.
Dieser Krimi gehört in eine Kategorie, über die man sagen könnte "Muss man mögen". Dass Brant Geschmackssache ist, trifft in besonderem Maße zu. Das Buch ist es auf jeden Fall wert, sich diesem Genre einmal zu nähern.

Brant ist im Polar Verlag erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt. Der Titel kostet als Klappenbroschur 16 € und als epub- oder Kindle-Edition 10,99 €.

Freitag, 4. August 2017

# 111 - Ein Gepeinigter setzt sich zur Wehr

Ein Kinderleben vor 100 Jahren im Deutschen Reich 

 

Karl Reitz wird im März 1920 als achtes Kind von Eduard, einem verbeamteten Bahnheizer, und seiner Frau Mathilde im hinterpommerschen Jadrow geboren. Er ist seine ganze Kindheit und Jugend hindurch deutlich kleiner als alle anderen Gleichaltrigen, was seine Mutter insgeheim auf ihre Affäre mit dem Dorfkrämer zurückführt: Auch der ist sehr viel kleiner als die anderen Männer im Dorf. Doch dass Karl ein Kuckuckskind sein könnte, soll nicht zu ihrem oder Karls größten Problem werden. 
Edelhard Callies schildert in seinem Roman Es brennt das ganze Kind sogar, wie man im Nationalsozialismus mit Behinderten umging und dass es oft schon reicht, nicht ganz der Norm zu entsprechen, um von seinen Mitmenschen aussortiert zu werden.

Kinder sind grausam? Nicht nur sie

 

Seine Körpergröße verfolgt Karl wie ein Fluch: Der Dorflehrer macht von Anfang an Witze über ihn, und bei den Nachbarn reicht das Repertoire der "Nettigkeiten" von Schrumpfgermane bis zu Wurzelzwerg. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird über die Körpergröße des Jungen gefrotzelt. Karl leidet sehr darunter, aber er hat zu Hause keine große Unterstützung: Sein Vater ist ein zur Gewalt neigender und aufbrausender Despot, der keinen Widerspruch und schon gar keine Abweichung von den von ihm aufgestellten Regeln duldet. Seiner Frau und seinen Kindern räumt er keinerlei Mitspracherechte ein; 1937 beschließt er beispielsweise, dass Karl eine Lehre als Schriftsetzer machen muss und die Familie ihr Haus verkauft und in die Stadt zieht. Seine Mutter ist eine charakterlich zu schwache Person, um ihren Jüngsten gegen den Vater und die hänselnden Dorfbewohner in Schutz zu nehmen. Nur seine zwei Jahre ältere Schwester Marlene, die von allen Lenchen gerufen wird, ist ihm ans Herz gewachsen: Sie ist immer fröhlich und freundlich, aber wegen eines Herzfehlers körperlich nicht sehr leistungsfähig  - wie viele Menschen mit einem Down-Syndrom. Die Großeltern, die ebenfalls in Jadrow wohnen, sind für den Jungen eine Zuflucht. Zu ihnen kann er sich retten, wenn er es zu Hause gar nicht mehr aushält.
Als Karl zehn Jahre alt ist, zieht eine neue Familie aus Bayern ins Dorf und deren Sohn Hans wird zu Karls bestem und einzigem Freund. Mit Hans ist endlich jemand da, der sich auch dann vor Karl stellt und sich für ihn einsetzt, wenn es mal brenzlig wird und die anderen Jungen Karl mal wieder aufs Korn genommen haben. Doch diese Freundschaft findet ein jähes Ende, als Hans im Dorfweiher ertrinkt. Karl hatte noch versucht, ihn zu retten, aber es nicht geschafft. 
Karl hat schon lange davor beschlossen, die ständigen Demütigungen nicht mehr auf sich beruhen zu lassen und beginnt, sich für jede einzelne zu rächen. Dabei gehen Gebäude in Flammen auf, die Besucher des Dorffests erleiden Brechdurchfall und ja: Tote gibt es auch.

Aus den Augen, aus dem Sinn?

 

Das Jahr 1934 bringt für die Familie Reitz eine Zäsur mit sich: Schon vor einiger Zeit hatte der Dorflehrer, ein strammer Nationalsozilalist und HJ-Untergruppenführer, den Eltern  zu verstehen gegeben, dass Lenchen wegen ihrer geistigen Einschränkung zu Hause nicht mehr gut aufgehoben sei und deshalb lieber in einem Behindertenheim untergebracht werden sollte. Die mit der Situation überforderten Eltern stimmen dem Lehrer, der in der damaligen Zeit zum Kreis der Respektspersonen gehörte, zu. Die Mutter begleitet ihre Tochter auf dem Weg in ihr künftiges Zuhause und beruhigt ihren jüngsten Sohn, der sich schon bei Lenchens Abreise Sorgen um sie macht. Karl soll recht behalten: Fünf Jahre später erhält die Mutter einen Brief des Behindertenheims, in dem ihr mitgeteilt wird, dass ihre Tochter verstorben ist. Die angebliche Todesursache: ein perforierter Blinddarm. Karl erkennt die Lüge sofort: Seine Schwester hatte schon keinen Blinddarm mehr, als sie in die Anstalt gebracht worden war. Für den jungen Mann ist klar, dass Lenchen ermordet wurde. Beweisen lässt sich das allerdings nicht mehr: Ihre Leiche wurde bereits verbrannt, die Familie kann ihre Asche jedoch bekommen, wenn sie vorher eine Gebühr für den Versand entrichtet. Für Karl ist es völlig klar: Der Tod der Lieblingsschwester darf nicht ungesühnt bleiben.

Tragik und Verzweiflung gehen Hand in Hand

 

Edelhard Callies zeichnet in seinem Buch das Porträt eines in jeder Hinsicht im Leben zu kurz Gekommenen: Seine Körpergröße macht Karl Reitz in jeder Phase seines Lebens einen Strich durch die Rechnung. In ihm brennt die Flamme des Hasses, die mit jeder Erniedrigung immer größer wird.
Es brennt das ganze Kind sogar ist wegen seiner Nähe zu historischen Fakten lesenswert: Behinderte galten im Dritten Reich als unwertes Leben. Viele von ihnen wurden in Heimen, die sich als Heil- und Pflegeanstalten bezeichneten, weggesperrt und dort getötet. In zahlreichen Fällen gingen ihrem Tod medizinische Experimente voraus. Tausende Behinderte wurden so zugunsten der "Volksgesundheit" eliminiert. Der Autor greift auch eine Rechenaufgabe auf, die es an deutschen Schulen tatsächlich gegeben hat: Sie soll schon Kindern vor Augen führen, wie teuer es das deutsche Volk kommt, "Geistekranke" durchzufüttern.
Mit der "Aktion T4" leiteten die Nationalsozilisten in Deutschland ihr Vernichtungswerk ein: 1939 begonnen, forderte die Aktion innerhalb eines Jahres etwa 70.000 Tote - allesamt Kranke und Behinderte. Wie im Buch beschrieben wurden die Leichen rasch verbrannt, um Nachforschungen der Angehörigen zu verhindern.
Es brennt das ganze Kind sogar ist ein Buch, das den Leser in seinen Bann zieht, auch wenn einzelne Szenen etwas besser hätten ausformuliert werden können.  
Der Roman ist 2017 bei epubli als Taschenbuch erschienen und kostet 10,99 Euro. Er wurde mir als Rezensionsexemplar von indie publishing zur Verfügung gestellt.

Mittwoch, 2. August 2017

Eine Besonderheit aus Afrika, ein totes Kind, ein starker König und ein zweifelndes Paar

Viel Abwechslung im Juli


Der mit den Glasaugen von Marta Monti machte in diesem Monat den Anfang: Der fünfjährige Jan verschwindet aus dem Haus seiner Mutter, und die Kripo Bern, allen voran das Ermittlerduo Beta und Bertschi, machen sich auf die Suche nach dem Kind. Was zu Beginn der Fall eines Ausreißers hätte sein können, entpuppt sich später als Mord. Dieser Krimi kam bei mir nicht besonders gut weg: Der Spannungsbogen hat ein paar Dellen, und an Logik und Schlüssigkeit besteht durchaus Optimierungsbedarf. Auch der Umgang mit der Grammatik war ein Kritikpunkt.










In Die verborgene Schönheit der Sterne steht ein kinderloses Ehepaar aus Berlin im Mittelpunkt, das sich in und mit seinem Leben arrangiert hat. Doch dann platzt eine todbringende Diagnose in ihr Leben, die alles verändert: Ihre Vorstellungen von Treue und Zusammenhalt und darüber, was im Leben wirklich wichtig ist, werden auf die Probe gestellt. Karen Hilgarth hat einen einfühlsamen Roman geschrieben, der glücklicherweise nie ins Kitschige oder Gefühlsduselige abgleitet. Karen Hilgarth stellt sich auf ihrer Autorenseite bei Facebook vor.













An diesem Buch konnte ich nicht vorbeigehen: Libreville von Janis Otsiemi ist der erste Roman aus dem westafrikanischen Gabun, der jemals ins Deutsche übersetzt wurde. Mein Eindruck: Die Struktur dieses Krimis hat nichts mit dem gemeinsam, was wir gewohnt sind. Auch wenn der Klappentext diesen Eindruck vermittelt, geht es nicht nur um einen einzigen Fall, dem die Polizei hier auf der Spur ist, sondern auch um drei weitere, die nichts miteinander zu tun haben. Wie nebenbei lernt der Leser eine Menge über die Geschichte des Landes, die sozialen Verhältnisse und darüber, dass Machos und Korruption an der Tagesordnung sind, gern auch miteinander verbunden. Letzteres ist etwas, was nicht wirklich überrascht. In der WDR-Reihe "Noller liest" wurde ein Interview mit dem Autor veröffentlicht.




Die Bestsellerautorin Rebecca Gablé hat mit Die fremde Königin einen weiteren historischen Roman vorgelegt, der diesmal die deutsche Geschichte zwischen 951 und 962 abdeckt, als König Otto I. regierte und sich zum Kaiser krönen ließ. Die wahren und erfundenen Anteile der Geschichte strotzen vor Intrigen, Morden, Liebe und Verrat. Das Buch hat ein stilistisches Merkmal, das Gablé-Fans schon aus der Waringham-Reihe wie z. B. dem Band Der Palast der Meere kennen. Welches? Lest selbst! Der Verlag hat ein Video bereitgestellt, in dem Rebecca Gablé über ihr neuestes Buch spricht:













Vom Deutschland des Mittelalters geht es mit Jugend ohne Gott von Ödön von Horváth in das Deutschland des Nationalsozialismus'. Ein Lehrer an einem Gymansium erlebt, wie die braune Ideologie in das gesamte Leben der Deutschen einsickert und auch die Schule nicht davon verschont bleibt. Der Roman erzählt von Verrohung, Gefühlskälte und Mitläufertum und beschäftigt sich mit der Frage, ob unter solchen Bedingungen Gott überhaupt eine Chance hat. Trotz dieses Hinweises handelt es sich nicht um ein unbedingt religiöses Buch. Bereits vor 80 Jahren erschienen, aber immer noch aktuell.
Der Roman wurde 1991 mit Ulrich Mühe verfilmt, hier gibt es den Trailer.


War für euch ein Buch dabei?

Freitag, 28. Juli 2017

# 110 - Mal wieder ein Klassiker

Wie weit kann sich ein Mensch moralisch verbiegen?

 

Der im damaligen Österreich-Ungarn und heutigem Kroatien geborene Schriftsteller Ödon von Horváth ist den meisten Menschen heute allenfalls noch in Zusammenhang mit der Schullektüre bekannt, die irgendwann einmal beschafft und im Unterricht gelesen werden musste. Doch das Leben des Autors und die Bedingungen, unter denen seine Bücher erschienen sind, sind nahezu in Vergessenheit geraten. Mit Jugend ohne Gott gelang ihm ein schriftstellerischer Erfolg, der jedoch kommerziell gesehen nur kurz anhalten sollte: 1938, nur ein Jahr nach dem Erscheinen des Titels, wurde das Buch auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt und auf dem Gebiet des Deutschen Reichs vernichtet.

Konformismus als Richtschnur des Lebens

 

Ein Lehrer an einem Gymnasium, der im Buch namenlos bleibt, muss während der Zeit des Dritten Reichs einen Stapel Aufsätze zum Thema "Warum müssen wir Kolonien haben?" korrigieren. Die Vorstellung der Schulaufsichtsbehörde, wie an diese Frage heranzugehen ist, ist ihm klar und deckt sich nicht zufällig mit der der Machthaber. Der Lehrer hat zu diesem Zeitpunkt bereits resigniert, um sich nicht ständig ärgern zu müssen. Doch dann ist da in einem der Aufsätze dieser eine Satz, der ihn stocken lässt: "Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul." Er unterdrückt seinen ersten Impuls, diese Aussage als Verallgemeinerung zu tadeln, denn erst kurz zuvor hat er sie in einem Restaurant gehört, wo sie als Teil der Propaganda aus einem Lautsprecher tönte. Doch bei der Rückgabe der Hefte kann sich der Lehrer den Hinweis nicht verkneifen, dass die Neger doch Menschen sind. Das soll nicht ohne Folgen bleiben: Der Vater des Schülers beschwert sich umgehend bei ihm und wirft ihm "Sabotage am Vaterland" vor. Der Hinweis auf die Bibel, in der stehe, dass doch alle Menschen Menschen sind, verpufft und der aufgebrachte Vater begründet die offizielle Sichtweise auf die Neger damit, dass es damals, als die Bibel geschrieben wurde, noch keine Kolonien gegeben habe. Er scheut sich auch nicht, seiner Empörung bei der Aufsichtsbehörde Luft zu machen. Der Lehrer wird daraufhin von seinem Rektor darauf hingewiesen, dass die Schule in erster Linie die Aufgabe hat, ihre Schüler für den Krieg zu erziehen. Auch dem Rektor gefällt diese eingeschlagene politische Richtung nicht, aber er hat sich für die Aussicht auf eine volle Pension entschieden und ist dafür bereit, seine eigenen moralischen Grundsätze über Bord zu werfen. 

Früh übt sich, was ein guter Soldat werden soll

 

Direkt nach Ostern beginnt anstelle von Ferientagen ein einwöchiges Zeltlager der ganzen Klasse, das den Zweck einer vormilitärischen Ausbildung hat. Der Lehrer sowie ein pensionierter Unteroffizier haben die Aufsicht über die Jungen, doch in dieser Woche geschieht ein Drama: Einer der Schüler wird im nahen Wald tot aufgefunden. Er wurde offensichtlich erschlagen. Die polizeilichen Ermittlungen fokussieren sich rasch auf einen Klassenkameraden, sodass sich dieser schon kurz danach nur aufgrund von Indizien vor Gericht wiederfindet. Der Fall erregt großes öffentliches Aufsehen, in der Presse wird der angeklagte Schüler bereits wie ein überführter Täter behandelt, obendrein legt er ein Geständnis ab. Doch man ahnt es bereits: Der Prozess nimmt plötzlich einen ganz anderen als den erwarteten Verlauf, und der Leser blickt in menschliche Abgründe, die sich wie ein Krater vor ihm auftun. Die Aussage des Lehrers, die ein entscheidendes Detail enthält, soll die Wende bringen.

Lesen?

Jugend ohne Gott ist auch 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung ein sehr lesenswertes und aktuelles Buch. Ödön von Horváth stellt hier nicht nur die Frage, inwieweit der Einzelne bereit ist, Unrecht zugunsten des persönlichen Vorteils zu ignorieren, sondern macht auch auf soziale Mechanismen aufmerksam, die bis heute Bestand haben. Das beginnt mit nicht hinterfragten Vorurteilen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen und hört mit einer "Hängt ihn höher"-Denkweise noch lange nicht auf. Das Buch ist durchzogen von der Frage, ob es möglich ist, angesichts einer Kälte und Härte in der Gesellschaft noch an einen Gott zu glauben. Der Lehrer beantwortet diese Frage am Ende des Buches für sich und trifft eine Entscheidung, die sein bisheriges Leben völlig verändert.
Jugend ohne Gott erschien 1937 im Allert de Lange-Verlag, der deutschsprachigen Exil-Schriftstellern, deren Werke im Deutschen Reich verboten waren, die Möglichkeit bot, weiter zu veröffentlichen. Näheres über diesen Verlag und die Hintergründe seines Entstehens habe ich in meiner Rezension des Buches Schreiben im Exil - 1933-1935 erläutert.
Die mir vorliegende Ausgabe von Jugend ohne Gott ist 1983 als Suhrkamp-Taschenbuch herausgegeben worden und kostete 7,-- DM. Heute ist der Titel u. a. in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp für 7,50 € und im Anaconda-Verlag erhältlich.

Freitag, 21. Juli 2017

# 109 - Eine Geschichte aus dem Mittelalter

Spannender Historienroman 

 

Rebecca Gablé ist bekannt für ihre lebendig geschriebenen historischen Romane, und Die fremde Königin fügt sich nahtlos in die Reihe der erfolgreichen Bücher der Autorin ein. Diesmal geht es um Adelheid von Burgund, die ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes König Lothar II. von Italien König Otto I. heiratet. Diese auch aus taktischen Gründen geschlossene Ehe rief erwartungsgemäß einige Gegner auf den Plan und führte auch in der eigenen Familie zu Verwerfungen. Die fremde Königin knüpft an die Handlung des Romans Das Haupt der Welt an. 

Historische Fakten geschickt verwoben mit Erfundenem

 

König Lothar II. von Italien wird 950 Opfer eines Giftmordes, und so ist seine Frau Adelheid im Alter von 19 Jahren plötzlich verwitwet. Markgraf Berengar von Ivrea steckt hinter dem Anschlag: Sein halbwüchsiger Sohn Adalbert soll die junge Witwe heiraten und so zum König von Italien aufsteigen. Doch auch die Kerkerhaft in Garda unter widrigsten Umständen kann Adelheid nicht dazu bringen, sich ein Ja-Wort abzuringen. Mithilfe des Panzerreiters Gaidemar gelingt ihr 951 zusammen mit ihrer kleinen Tochter Emma und ihren Begleitern die Flucht aus dem Verlies, und die Gruppe findet in der Burg des Grafen von Canossa Unterschlupf. Währenddessen ist König Otto I. über die Alpen gezogen, hat Berengar aus Pavia vertrieben und seinen Bruder Heinrich Herzog von Bayern ausgesandt, um Adelheid nach Parvia zu eskortieren. Der Zweck ist klar: Wie im Adel des Mittelalters üblich, soll auch diese Verbindung eine Zweckehe sein, die Otto zum König von Italien macht. Außerdem braucht Otto mehr Söhne, damit es nach seinem Tod kein Problem bei der Thronfolge gibt. Doch Otto und Adelheid haben ein weiteres großes Ziel: Der König plant die Errichtung einer prächtigen Pfalz in Magdeburg und die Gründung des Erzbistums Magdeburg, und sowohl er als auch seine Frau streben die Kaiserkrönung an. Doch zuvor müssen zahllose Intrigen überstanden und überlebt werden, ehe es in Rom dazu kommen kann. Auch die Pest, an der Otto 956 in Köln erkrankt, ist eine schwere Prüfung.

Pageturner bis zur letzten Seite

 

Rebecca Gablé spannt den Bogen von August 951 bis Januar 962, dem Zeitpunkt der Krönung des Königspaares zum Kaiser bzw. zur Kaiserin durch Papst Johannes XII. Wie schon in ihren anderen Romanen verwebt sie gekonnt historisch belegte Tatsachen mit selbst erdachten Personen und Handlungen. Am Ende ihres Buches weist sie jedoch detailliert auf alles hin, was ihrer Phantasie entsprungen ist.
Ebenfalls typisch für die Autorin sind Personen oder Personengruppen, die dem gesamten Verlauf einen roten Faden geben. In der fünfteiligen Reihe um die Familie Waringham (siehe auch Der Palast der Meere) war es eben diese, die alle Titel der Reihe durchzog und die Handlung zusammenhielt, die es aber nie gegeben hat. In Die fremde Königin ist es der Panzerreiter Gaidemar, der für den Fortgang des Romans unverzichtbar ist: Der junge Mann ist insbesondere gegenüber Adelheid sehr loyal, mutig und ehrlich und hat einen weichen Kern unter seiner harten Schale. Schade, dass auch er nicht gelebt hat.

Die fremde Königin ist bei Bastei Lübbe erschienen, hat inkl. des Nachworts ca. 760 Seiten und kostet in der gebundenen Ausgabe 26,-- €, als Audio-CD 20,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 19,99 € und als Hörbuch 44,95 € (ungekürzt) oder 20,95 € (gekürzt). 

Vielen Dank!

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorrätige Titel innerhalb eines Werktages.  
  

Dienstag, 18. Juli 2017

Veröffentlichung Marta Monti bei Indie Publishing

Zum Monatsbeginn hatte ich den Roman Der mit den Glasaugen der schweizerischen Autorin Marta Monti vorgestellt. Wer die Rezension gelesen hat weiß, dass das Buch bei mir nicht besonders gut weggegkommen ist. Das hat Indie Publishing, ein Angebot der Fachzeitschrift buchreport, jedoch nicht gehindert, sie zu veröffentlichen. Die Rezension ist im Indie-Publishing-Katalog bereits online lesbar und erscheint außerdem mit der nächsten gedruckten Ausgabe des Katalogs im Dezember 2017.

Freitag, 14. Juli 2017

# 108 - Eine deutsche Premiere: ein Krimi aus Gabun

Ein Reporter wird ermordet

 

Der Krimi Libreville von Janis Otsiemi ist der erste Roman eines Schriftstellers aus Gabun, der je ins Deutsche übersetzt wurde. Die Gelegenheit, auf diesem Weg einen Blick auf das westafrikanische Land zu werfen, wollte genutzt werden.


Korruption und Skrupellosigkeit sind an der Tagesordnung

 

An einem Montag des Jahres 2008 wird morgens um drei Uhr in der gabunischen Hauptstadt Libreville ein Toter in der Nähe des Präsidentenpalastes ins Meer geworfen. Einen Tag später wird er von Spaziergängern gefunden: Es handelt sich um den Investigativjournalisten Robert Missange, der der stellvertretende Chefredakteur des Échos du sud ist und sich durch seine Reportagen etliche Feinde gemacht hat. Er starb durch einen Schuss in den Hals, von seiner Schreibhand wurden ihm zwei Finger abgetrennt. Die Vermutung, dass es einen Zusammenhang zwischen seinem Tod, den Folterspuren und seinen regierungskritischen Artikeln gibt, liegt nahe: In einem Jahr sollen die nächsten Wahlen stattfinden, der Sohn des derzeitigen Machthabers ist dazu vorgesehen, das Amt seines Vaters zu "erben". Da ist eine zügige Aufklärung nötig, mit der natürlich aufgrund der politischen Brisanz nicht einfache Polizisten, sondern Beamte der Police Judiciaire (PJ) beauftragt werden. Bei der Leiche wird eine Patronenhülse gefunden, die darauf hindeutet, dass Missange mit einer Maschinenpistole aus tschechoslowakischer Herstellung ermordet wurde. In Gabun benutzen nur die Leibwächter des Verteidigungsministers Waffen dieses Typs. Mit der Tatwaffe wurde jedoch schon einmal ein Mord begangen: Fünf Jahre zuvor wurde der Sicherheitschef des Verteidigungsministers mit dieser Pistole getötet. Aber die Ermittler haben den Verdacht, dass die Spuren absichtlich so gelegt wurden, dass sie von den wahren Tätern ablenken sollen.
Die Polizeiarbeit findet unter Verhältnissen statt, für die das Attribut "veraltet" noch geschmeichelt ist: Die technische Ausstattung der PJ besteht aus einer Schreibmaschine aus den 1960er Jahren, und es läuft viel über Informanten, das Verprügeln der Verdächtigen im sog. Purgatorium und Bauchgefühl.

Kein klassischer Krimi 

 

Libreville entspricht nicht dem, was sich europäische oder US-amerikanische Leser unter einem Kriminalroman vorstellen. Wer also gut ausgearbeitete Charaktere und jede Menge Spannung erwartet, sollte um dieses Buch einen Bogen machen. Janis Otsiemi stellt den Mord an Robert Missange zwar an den Anfang der Handlung und weist ihm so die größte Wichtigkeit zu, die Kriminalbeamten bearbeiten jedoch auch noch weitere Fälle: Da gibt es eine Fahrerflucht mit Todesfolge, einen pädophilen Pornoproduzenten und einen Ex-Minister, dem in einem Moment der Unachtsamkeit sein Scheckheft gestohlen und anschließend von den Dieben ausgiebig genutzt wird. Diese Fälle nehmen ebenso viel Raum ein wie der eigentliche Hauptfall und dienen wie dieser dazu, das Land und seine Strukturen zu beschreiben: Korruption ist so normal, dass man sich dort wohl fragen könnte, wie man ohne sie auskommt, die Verkommenheit nimmt mit jeder Stufe in der Polizeihierarchie zu und wie selbstverständlich "hält" sich jeder der Kriminalbeamten eine Art Zweitfrau, die er für ihre Dienste bezahlt, indem er die Kosten für Miete und Lebensführung übernimmt. Die Organisation dieses Nebenhaushalts und dessen Geheimhaltung finden während der Dienstzeit statt, da muss die Ermittlungsarbeit schon mal warten.

Der Autor hat derart viele Informationen über die Geschichte und aktuelle Situation Gabuns in den Text hineingearbeitet, dass sich unweigerlich die Frage stellt, für wen er dieses Buch eigentlich geschrieben hat. Für den Leser, der vor der Lektüre Gabun gerade mal buchstabieren und in Afrika verorten konnte, reichen die neuen Kenntnisse allemal für ein Kurzreferat. Aber: Ist es das, was ein Krimi haben sollte? Erwarte ich ein verkürztes Geschichtsbuch, wenn ich einen Kriminalroman kaufe?
Für dieses Buch spricht, dass es sich in seiner Erzählweise deutlich von typischen Krimis unterscheidet: Otsiemi fängt sehr gut die Stimmung ein, in der die Menschen leben und bedient sich Redewendungen, die eine Situation auf den Punkt bringen. Wenn eine Äußerung wie "Ein Mann so lang wie ein Tag ohne Brot" fällt, ist alles gesagt.
Wer also damit leben kann, dass Libreville nicht in das gewohnte Krimi-Muster passt, sondern sich etwas ganz Anderem öffnen will, sollte dieses Buch lesen.

Libreville ist im Polar Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 10,99 Euro. Ich bedanke mich bei bloggdeinbuch für ein Rezensionsexemplar.


 




Freitag, 7. Juli 2017

# 107 - Was ist schon perfekt?

Was ist schon "normal"

 

Eine bislang unspektakulär und in festen Bahnen verlaufende Ehe wird plötzlich einer Bewährungsprobe ausgesetzt, die alles, was bisher als gut und richtig galt, infrage stellt. Um dieses Grundproblem dreht sich die Handlung in Karen Hilgarths Roman Die verborgene Schönheit der Sterne. Liebe und Vertrauen sind wichtige Elemente dieses Buches, es gleitet jedoch nicht ins Kitschige ab.


Schlechte Nachrichten werfen das Lebenskonzept um


Martina und Leonhard leben in Berlin, sind seit zehn Jahren verheiratet, und als sie "Ja" zueinander sagten, war ihr fester Vorsatz, sich gegenseitig beizustehen, wenn das Leben es mal nicht gut mit ihnen meinen sollte. Sie haben keine Kinder, weil sie davon ausgehen, eine klassische Familie passe nicht in die Lebensplanung des anderen. In ihren Berufen fühlen sich beide zu Hause: Leonhard ist mit seinen 47 Jahren ein erfolgreicher und anerkannter Astrophysiker, er steuert als Wissenschaftler der Universität Berlin den deutschen Anteil am Large Hadron Collider (LHC) in Genf bei. Der LHC ist ein Prestigeobjekt, das den an ihm beteiligten Forschern ein großes Renommee verspricht: Mit dem Teilchenbeschleuniger soll unter geregelten Bedingungen der Urknall simuliert werden. Dieses Projekt ist Leonhard wichtig, aber noch wichtiger ist ihm Martina.
Martina nimmt den gefühlvollen Part der Beziehung ein: Sie ist 33 und arbeitet als Sozialarbeiterin im Trebercafé, einem Treffpunkt für Obdachlose. Dort versucht sie, den Menschen am unteren Rand der Gesellschaft Hoffnung oder doch wenigstens ein offenes Ohr zu geben. Genau wie ihr Mann hat sich auch Martina in ihrem Leben eingerichtet.
Doch dann wird Leonhard krank. Sein Zustand verschlechtert sich so rapide, dass er sich an Cornelius wendet, einen Bekannten aus der Studienzeit, der jetzt Professor an der Charité und Experte für Onkologie ist. Claudius stellt die erschütternde Diagnose: Leonhard leidet an Bauchspeicheldrüsenkrebs, er wird nur noch höchstens ein Dreivierteljahr zu leben haben.

Was ist normal angesichts des nahenden Todes?

 

Leonhard geht mit der Aussicht, nur noch wenige Monate zu leben, auf eine sehr spezielle Art um: Er stürzt sich noch mehr in seine Arbeit, als gelte es, der Welt ein wissenschaftliches Vermächtnis zu hinterlassen, das eng mit seinem Namen verknüpft ist. Martina, die ihm beistehen und ihn so gut wie möglich unterstützen will, kommt in seinen Planungen nicht vor. Auch der Inhalt der Gespräche mit Cornelius bleibt seine Angelegenheit, die er nicht mit seiner Frau teilt. Durch die Ehe zieht sich ein Riss, der Martina in ein emotionales Loch fallen lässt. Kurz vor der Diagnose lernt sie zufällig den katholischen Priester Jarek kennen. Jarek und Martina fühlen sich zueinander hingezogen, und Martina beginnt mit dem Geistlichen eine Affäre - dem Zölibat zum Trotz. Für Jarek fällt diese Begegnung in eine Zeit des Zweifelns: Er ist mit sich und Gott nicht im Reinen und fühlt sich in der von ihm betreuten Gemeinde, in der Beerdigungen an der Tagesordnung und Trauungen eine seltene Ausnahme sind, fehl am Platz. Doch Jarek ist ein empathischer Mensch und merkt, dass Martina mit der Erkrankung ihres Mannes und allen ihren Begleiterscheinungen überfordert ist. Er kommt Martinas Wunsch nach, sich um Leonhard zu kümmern. Jarek besucht den Todkranken und ficht mit ihm in mehreren Gesprächen eine scharfsinnige Diskussion über die Bedeutung von Wissenschaft und christlichem Glauben aus. Die Beziehung zwischen den drei Personen erinnert immer stärker an die Bewegungen eines Kugelstoßpendels.

In einer Nebenhandlung wird ein Blick auf das Leben des Obdachlosen jungen Mannes Mike geworfen, der von Martina im Trebercafé die Unterstützung bekommt, die er braucht, um noch mal neu anzufangen. Während er seinen Schulabschluss nachholt, lernt er Jenny kennen und lieben. Auch sie kommt aus einem sozial schwierigen Milieu, ist aber deutlich willensstärker als ihr Freund, der seine Tage bislang mit seinem besten Kumpel, dem Alkohol, verbracht hat. Ihre Geschichte zeigt Martina, dass man das Erlebte nicht auslöschen kann, aber dass das Leben immer weitergehen würde.


Wie war's?

 

Die verborgene Schönheit der Sterne ist ein ungewöhnlicher Roman. Jedes der 39 Kapitel wird von einem Exkurs in die Welt der Astrophysik eingeleitet. Diese Zeilen stellen eine Verbindung zum Verlauf der Handlung dar, was sich jedoch manchmal erst auf den zweiten Blick erschließt. Karen Hilgarth hat die Figuren ihres Romans klar gezeichnet, ihr Hang zu langen Sätzen erschwert jedoch manchmal das flüssige Lesen. Dennoch ist das Buch keines, das man nach dem Lesen einfach zur Seite legt: Es gibt seinen Lesern Anregungen, über sich, ihr Leben und ihre Rolle, die sie darin einnehmen, nachzudenken.

Die verborgene Schönheit der Sterne ist im ProTalk Verlag erschienen und wurde mir von der Fachagentur für Kultur- und Medienkommunikation Kongking.de zur Verfügung gestellt. Der Titel wird nur als E-Book vertrieben und ist für 8,99 Euro erhältlich.

Mittwoch, 5. Juli 2017

Die aktuellen Top-Hörbücher

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Krimis, guter Rat, leichte Unterhaltung: Das sind die beliebtesten Hörbücher

 

Hörbücher erobern sich nach und nach eine stabile Position auf dem Büchermarkt, denn immer mehr Kunden wissen ihre Vorteile zu schätzen. Ein Hörbuch muss nicht mehr auf einer CD sein, sondern ist nur noch eine Datei auf dem PC, Smartphone oder Tablet und kann deshalb problemlos überallhin mitgenommen werden. Ein Hörbuch ist immer dann praktisch, wo sich ein Buch nicht lesen lässt: Menschen mit einer Sehbehinderung profitieren ebenso wie Autofahrer davon, dass ihnen vorgelesen wird. Ein Hörbuch kann auch parallel zu einer anderen Tätigkeit wie z. B. der Hausarbeit gehört werden. In der Regel werden Hörbücher von den Autoren, professionellen Sprechern oder Schauspielern vorgetragen, sodass "Leser" auf eine sehr gute Qualität vertrauen können.

Große Bandbreite bei der Auswahl an Hörbüchern

 

Die Vorlieben der Hörbuchkunden zeigen, wie groß die Auswahl in den letzten Jahren geworden ist. Der führende Anbieter für Hörbücher audible zeigt auf seiner Homepage, welche Titel gerade am beliebtesten sind. Dies sind die Top 5 der 27. Kalenderwoche 2017:

1. In Und in dir die Finsternis von Kevin O'Brian geht es um die in Seattle lebende Megan, die vor 14 Jahren auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann ein völlig neues Leben begonnen hat. Niemand weiß von ihrer Vergangenheit, als sie noch Lisa hieß. Doch dann kommen zunächst mysteriöse Anrufe, in denen ihr früherer Name fällt. Die Bedrohung spitzt sich zu, als ihr Sohn nachts aus dem Haus entführt wird.









2. Mit Am Arsch vorbei geht auch ein Weg gibt Alexandra Reinwarth ihren Lesern (und Hörern) den Rat, nicht länger nach jedermanns Pfeife zu tanzen, sondern klare Entscheidungen zu treffen, um sich nervtötende Mitmenschen vom Hals zu halten. Motto: Wie gehe ich auf Distanz zu Arschlöchern, ohne selbst eines zu werden?








3. Ich schenk dir die Hölle auf Erden ist ein Unterhaltungsroman, in dem die Autorin Ellen Berg über die Ehefrau und Mutter Carina erzählt, deren Mann nach zehn Jahren Ehe fremdgeht und seiner Geliebten all die schönen Dinge ermöglicht, die sich Carina immer erträumt hatte. Die Betrogene macht sich einen Schlachtplan, um den treulosen Gatten in die Hölle einer Scheidung zu schicken.







4. Schwarzwasser ist der siebte Teil der Krimi-Reihe um Kommissar Wallner. Der Autor Andreas Föhr lässt einen Mann gewaltsam sterben, den es eigentlich gar nicht geben dürfte. Was hat es mit dem Ermordeten auf sich? Und wem lag etwas an seinem Tod?









5. Da die Menschen böse sind des bekannten Krimi-Autors Markus Heitz nimmt seinen Anfang im Hörsaal einer Privathochschule: Professor Martens zeigt den Studenten im Rahmen seiner Vorlesung über die Grundlagen des Behaviorismus einen Film, der zeigt, wie gezielt ausgesuchte, aber ahnungslose Gäste bei der Eröffnung eines Privatclubs plötzlich eingeschlossen werden. Die Regeln: In den nächsten 24 Stunden können alle tun, was sie wollen. Drogen und Waffen stehen zur Verfügung. Es beginnt ein Szenario des Schreckens. Wird es jemand schaffen, diese Vorhölle zu überleben? Und wer hat das alles inszeniert?



  

Montag, 3. Juli 2017

Kochen, leiden, lieben und ermitteln - das war der Juni

Im Juni war die Bücherkiste in Europa und Afrika

 

Der Monat begann mit dem Roman Palast aus Staub und Sand des Autors Haroon Gordon. Er erzählt von der tiefen Freundschaft zweier Jungen in einem algerischen Frauengefängnis: Der eine ist der Sohn des Gefängnisleiters, der andere wurde auf dem Anstaltsgelände als Kind einer Insassin geboren. Was beide zunächst nicht wissen: Zwischen ihnen steht ein Geheimnis, dessen Folgen sich im Laufe der Jahre immer stärker auswirken sollen und zu einer dramatischen Zuspitzung führen. Tipp: Lesen!
Haroon Gordon präsentiert sich und seine Arbeit als Autor auf seiner Homepage. Und hier geht es zum Buchtrailer:

  





Kochen, essen, leben, genießen: Das Kochbuch Baskisch des in London lebenden spanischen Spitzenkochs José Pizarro ist nicht nur eine vielfältige Sammlung facettenreicher Gerichte aus der nordspanischen Provinz, sondern weckt beim Leser wegen seiner zahlreichen Fotos von Land und Leuten auch Lust, das Baskenland zu bereisen und es mit allen Sinnen zu erleben. Auch für dieses Buch gibt es darum eine dicke Empfehlung. Auch José Pizarro hat selbstverständlich eine Homepage, wo er nicht nur seine Restaurants und Bücher, sondern auch fast 40 Rezepte vorstellt. Die britische Tageszeitung The Guardian hat eine eigens für Pizarro aufgebaute Webseite eingerichtet, auf der sich ebenfalls zahlreiche Rezepte, aber auch Koch-Videos mit und von ihm befinden.




Versuchung von Harry Luck wirft einen Blick in die nächste Zukunft: Schon 2020 hat sich die Welt, wie wir sie kennen, sehr geändert. Der Konzern SkyCorp hat jetzt bei allem, was irgendwie mit elektronischer Kommunikation zu tun hat, die Hände im Spiel. Doch es gibt Gerüchte, dass der Unternehmenschef Marc Donnelly eine neue Version der Suchmaschine Sky-Search nur deshalb nicht herausgeben will, weil interne Vorgänge vertuscht werden sollen. Die Journalisten Adam Berger und Eva Röller werden von ihrem Arbeitgeber worldnews auf Donnelly angesetzt und begeben sich dabei in tödliche Gefahr. Gute Unterhaltung, auch wenn der Spannungsbogen ein paar Durchhänger hat. Auf Harry Lucks Homepage erfahren seine interessierten Leser alles über seine Arbeit als Autor und Journalist. 




Das letzte im Juni vorgestellte Buch war Spanish Bombs von Ulf Krämer. Mitten in das satte und gleichförmige Leben von Anders Sulla platzt Post aus Spanien: Ein Massengrab in Sevilla, in dem neben anderen sterblichen Überresten von durch Franco-Getreue ermordeten Widerstandskämpfern auch die Gebeine seines Großvaters liegen sollen, wird in Kürze geöffnet. Alle ermittelten nächsten Angehörigen der Toten sind zu diesem Termin eingeladen worden. Sulla macht sich ohne Abschied in einem gemieteten Wohnmobil auf die Reise und begegnet unterwegs Menschen, die sein bisheriges geordnetes Leben kräftig auf den Kopf stellen sollen. Ein gut geschriebener Roman, der wie nebenbei ein Stück spanische Geschichte vermittelt.
Auch Ulf Krämer hat eine Homepage, auf der er seinen Lesern zeigt, was sein Leben ausmacht. Krämer ist als Jonny Brewster auch mit der Punk-Band Mr. Spinalzo unterwegs. Hörproben gibt es bei myspace.
 

Samstag, 1. Juli 2017

# 106 - Ein Kind verschwindet

Eingespieltes Ermittlerteam stößt an seine Grenzen

 

Der mit den Glasaugen ist der zweite Teil einer Trilogie der schweizerischen Autorin Marta Monti, bei der wie schon im ersten Roman Auf ein Ewiges das Ermittlerduo Beta Bianca und Benno Bertschi (B&B) im Mittelpunkt steht. Sie und ihre Kollegen der Kriminalpolizei Bern müssen sich gleich zwei Themen stellen, die auch gestandenen Ermittlern an die Nieren gehen.

Wo ist Jan?

 

Alice Köhler hat ihren Mann verlassen und den fünfjährigen gemeinsamen Sohn Jan mitgenommen. Mit ihrem neuen Freund Richard Lang plant sie, nach Sardinien auszuwandern und dort ein neues Leben zu beginnen. Jan soll mitkommen, was weder das Kind noch dessen Vater will. Doch die Wünsche ihrer Mitmenschen lassen Alice Köhler kalt: Sie beeindruckt nicht durch ein mitfühlendes Wesen, sondern durch ihr blendendes Aussehen. Eines Abends bringt sie ihren Sohn ins Bett und verlässt das Haus, um sich mit ihrem Freund in einer Bar zu treffen. Nach ihrer Rückkehr ist das Kind unauffindbar. Mit ihrer Aussage, die offensichtliche Lügen enthält, gerät sie schnell in den Verdacht, etwas mit Jans Verschwinden zu tun zu haben. Allerdings äußert sie die Vermutung, ihr Ex-Mann könnte das Kind entführt haben, um zu verhindern, dass sie Jan mit nach Italien nimmt. Diese Theorie ist auf den ersten Blick gar nicht so unwahrscheinlich, denn zwischen den früheren Eheleuten herrscht eine erbitterte Feindschaft, bei der Jan als Spielball missbraucht wird. Außerdem befinden sich auf Köhlers Segelyacht Jans Teddy und sein Lieblingsbecher. Beide Gegenstände begleiten den Jungen, ohne sie geht er nirgendwo hin. 

Selbstsucht und Gefühlskälte bestimmen das Handeln


B&B erkennen rasch, dass es den Eltern nicht in erster Linie um das Wohl des Kindes geht, sondern darum, dem ehemaligen Partner zu schaden und ihm das Leben schwer zu machen. Ihre Befragungen ergeben allerdings auch, dass Jan Richard Lang auf die Nerven geht und er ihn auf keinen Fall mit nach Sardinien nehmen will. Auch er macht sich verdächtig. Je mehr Einzelheiten die Beamten über den Alltag der Familie Köhler herausfinden, desto mehr Personen kommen in Betracht, etwas mit Jans Verschwinden zu tun zu haben oder etwas darüber zu wissen. Zwei Dinge stehen jedoch fest: In der Verwandtschaft und Nachbarschaft der Familie gibt es praktisch niemanden ohne eine seelische Störung oder ein sonderbares Sozialverhalten. Ein besonderes Augenmerk haben die Beamten auf den einschlägig vorbestraften Nachbarn Seiler, den sie rasch verdächtigen, mit Kinderpornographie und Kindesmissbrauch zu tun zu haben. Auch ein bekannter Bauunternehmer und ein Justizbeamter geraten in den Fokus der Nachforschungen. Und: So sehr die Berner Kripo den Jungen sucht, es gibt keine brauchbare Spur, die zu ihm führt. Die Akten werden vorläufig geschlossen.

Kommissar Zufall bringt die Ermittlungen voran

 

Eineinhalb Jahre später wird Jans Leiche von zwei Kletterern in einer Felsspalte der Falkenfluh, einem Kletterberg zwischen Bern und Thun, gefunden. Noch vor der pathologischen Untersuchung ist klar, dass es sich um das vermisste Kind handeln muss, da der Junge einen auffälligen Pyjama trägt. Der Fall wird wieder aufgerollt, und die Ermittlungen nehmen Fahrt auf. Der Rechtsmediziner findet heraus, dass Jan wahrscheinlich erstickt wurde. Das Duo B&B hofft im Zuge einer Dienstreise, in Italien neue Erkenntnisse zu gewinnen. Der Fundort und die ungewöhnliche Körperhaltung des toten Kindes engen den Kreis der möglichen Täter deutlich ein.

Wie war's?


Der mit den Glasaugen ist ein Krimi, der sich einem Thema widmet, das so gut wie niemanden kalt lässt: Verbrechen an Kindern erschüttern auch dann, wenn man die Opfer nicht gekannt hat. So ist es auch hier. Die Autorin nutzt jedoch die Chancen, die dieses Delikt für den weiteren Verlauf bietet, nicht aus: Der Handlung fehlt es an Spannung, und der Verdacht, dass das Kind nicht mehr am Leben ist, drängt sich dem Leser bereits zu einem Zeitpunkt auf, als die Ermittler noch Hubschrauber und Mantrailer in die schweizerische Bergwelt schicken. Die Untersuchung der Alibis der dringend Verdächtigen und die Überprüfung aller Aussagen auf Unwahrheiten und Widersprüche werden erst begonnen, nachdem das tote Kind gefunden wird. Da drängt sich die Frage auf, warum man die letzten 18 Monate nicht sinnvoll genutzt und diese Basisarbeit erledigt hat. 
Wer den ersten Teil der Trilogie nicht gelesen hat, hat es mitunter schwer, sich in die Figuren hineinzuversetzen: Mehrere Beamte haben sehr spezielle Verhaltensmuster, die zunächst nur als schrullig wahrgenommen werden können. Was hinter ihnen steht, können sich die Leser im weiteren Verlauf zusammenreimen, wirklich verstehen kann man sie nicht.
Wer das Buch aufmerksam liest, stolpert immer wieder über Ungereimtheiten: Dass die Fassadenreinigung des Berner Polizeigebäudes auch nach eineinhalb Jahren noch in vollem Gange ist und einer der Kriminalbeamten verschiedenfarbige Pupillen haben soll, sind die kleineren Ungenauigkeiten. Ein Lektorat hätte der Handlung gutgetan. Auch ein Korrektorat hätte geholfen, die zahlreichen den Lesefluss bremsenden Kommafehler zu vermeiden und dem Genitiv eine Chance zu geben.

Der mit den Glasaugen ist bei tredition erschienen und als E-Book (2,99 €), Paperback (15,99 €) und Hardcover (23,99 €) erhältlich.
 

Samstag, 24. Juni 2017

# 105 - Freifahrtschein von der Komfortzone in den Terrorismus

Wenn da noch ein paar Rechnungen offen sind

 

Mit Spanish Bombs taucht Ulf Krämer in die spanische Geschichte während der Franco-Zeit ein, deren tiefe gesellschaftliche Gräben bis in die Gegenwart fortdauern. Vergeben und vergessen - dieses Motto passt zu keinem der Protagonisten.


Die Schatten der Vergangenheit


Anders Sulla ist 38 Jahre alt, ein bestenfalls mittelmäßiger Bühnenschauspieler und mit der vermögenden Nadine verheiratet. Das Paar hat sich in seinem Leben komfortabel eingerichtet: Gemeinsame Kinder soll es nicht geben, man gönnt sich Reisen und andere Unternehmungen und hat Kontakt zu Menschen, die genauso ticken wie man selbst. Das Leben plätschert so dahin, und das, was man in diesen Kreisen als Abenteuer bezeichnet, ist das, was das Programm von Eventanbietern so hergibt. Doch dann erhält Anders, den so gut wie alle, auch seine Frau, nur mit seinem Nachnamen ansprechen, unerwartete Post: Eine spanische Gesellschaft für Erinnerungskultur teilt ihm mit, dass es wahrscheinlich gelungen sei, ein Massengrab aufzuspüren, in dem sich die Gebeine seines Großvaters Joaquin befinden. Dieser habe der republikanischen Brigade Lorca angehört und sei 1954 erschossen worden. In einer Woche sei die Graböffnung in Sevilla vorgesehen, wozu man ihn als Joaquins Enkel herzlich einlade.
Sulla zögert nur kurz und mietet sich dann kurzentschlossen ein Wohnmobil. Ohne Nachricht oder Abschied macht er sich allein auf den Weg nach Andalusien. Die Premiere der Carmen-Adaption, in der er die Rolle des Toreros Escamillo spielen sollte, würde er verpassen, was er leichten Herzens hinnimmt. Doch seine Vorstellung, er könnte auf der Fahrt nach Südspanien etwas Abstand bekommen und den Kopf freikriegen, stellt sich rasch als Trugschluss heraus: Kurz hinter Lyon gabelt er die 17-jährige Deutsche Sophie auf, die offensichtlich verfolgt wird. Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. In Tarragona treffen sie in einer Wohnung von Sophies Internetbekanntschaft Yussuf auf die junge Teresa, die sich ihnen bis Málaga anschließen will und in Sulla den Verdacht weckt, sie könnte eine Terroristin sein. Bei einem kleinen Umweg über Madrid nehmen sie Sullas alten Kumpel Lars in ihre kleine Runde auf. Das macht die Fahrt nicht entspannter.


Wer interessiert sich für die Toten in einem Massengrab?

 

Die amerikanische Kriegsreporterin Ava Svensson ist ebenfalls auf dem Weg nach Sevilla. Auf ihre Initiative hin ist es zu dem offiziellen Exhumierungstermin, zu dem die Angehörigen aller dort bestatteten Freiheitskämpfer eingeladen wurden, gekommen. Auch sie hat eine persönliche Motivation, die sie antreibt: Zusammen mit ihrem Onkel Phil, einem erfahrenen Reporter, und einem Fotografen, war sie in Kolumbien in eine Sprengfalle geraten, die ihren Onkel das Leben gekostet hatte. Er verfolgte damals die Spur seines ermordeten Vaters, dessen Leiche sich in dem andalusischen Massengrab befinden sollte. Jonathan Svensson gehörte allerdings nicht der Brigade Lorca an, sondern war als Reporter in Spanien gewesen. Ava hat das Gefühl, Phil etwas schuldig zu sein und setzt dessen Nachforschungen fort.
Schon kurz nach ihrer Ankunft in Sevilla trifft Ava auf den merkwürdigen Taxifahrer Jésus, der sich auf der Suche nach dem seiner Meinung nach besten Tapaskoch der Welt befindet: Alfonso, der seit Jahren das Restaurant La Orilla betreibt. Alfonso ist von einem Tag auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt. Jésus' Nachforschungen gehen zunächst ins Leere, aber nachdem er einen alten Bekannten, den er aus seinen früheren Tagen als Krimineller kennt, um Hilfe gebeten hat, bekommt er eine heiße Spur. Doch es gibt Leute, die die Graböffnung verhindern wollen und die ebenfalls auf der Suche nach Alfonso sind, auch wenn sie ihn nicht unter diesem Namen kennen. Eine ganze Reihe von Menschen muss um ihr Leben fürchten, während andere es so schnell verlieren, dass sie vor ihrem letzten Atemzug nicht mehr zum Nachdenken kommen.

Wie war's?

 

Spanish Bombs wird im Klappentext als Road-Story bezeichnet, was die Atmosphäre sehr gut trifft. Ein großer Teil der Handlung findet auf Straßen oder Parkplätzen statt, und nicht nur Sulla ist in diesem Roman auf der Suche nach der Freiheit und sich selbst. Der Buchtitel schlägt die Brücke zwischen der Diktatur unter Franco sowie der Verfolgung und Ermordung der Widerstandskämpfer durch die spanischen Faschisten und dem gleichnamigen Song der Punk-Band The Clash, der das Thema ebenfalls aufgreift.
Ulf Krämer baut die Geschichte des Widerstands gegen das Franco-Regime und die unrühmliche Rolle der Guardia Civil immer wieder geschickt in die Handlung seines Romans ein. Wer bislang noch nichts über diesen Teil der spanischen Geschichte wusste, erhält so zumindest einen Eindruck dessen, was sich unter der Diktatur des "Caudillo" zwischen 1936 und 1975 in Spanien abgespielt hat. 
Spanish Bombs ist sehr flüssig geschrieben und wird an keiner Stelle langweilig.
Die Handlung ist - locker formuliert - ziemlich abgefahren. An manchen Stellen befindet sie sich auf einem schmalen Grat zwischen einer knappen Glaubwürdigkeit und der beginnenden Zweifelhaftigkeit. 
Ab etwa der zweiten Buchhälfte hätte das Korrektorat gern aufmerksamer sein dürfen. Zu oft finden sich Fehler, die sich störend auf den Lesefluss auswirken.

Spanish Bombs wurde bei epubli veröffentlicht und kostet als Taschenbuch 16,99 €.

 

  

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