Freitag, 13. Oktober 2017

Die HOTLIST-Preisverleihung hat stattgefunden

Der beste unabhängige Verlag ausgezeichnet

 

Heute fand die Verleihung des mit 5.000 Euro dotierten Preises der Hotlist 2017 statt. Er wurde an den Verlag Matthes & Seitz Berlin für das Buch Strategien der Wirtsfindung der Autorin Brigitta Falkner vergeben. 



Auch die Buchhändlerinnen und -händler haben ihre Entscheidung gefällt und wählten für den Melusine-Huss-Preis den Verlag Assoziation A mit dem Buch Über Grenzen  von Lutz Tauber aus. Damit ist ein Gutschein der österreichischen Druckerei Theiss im Wert von 4.000 Euro verbunden.

Einen ausführlichen Artikel über die beiden Bücher, die Preise und das Auswahlverfahren gibt es hier



(C) Verein der HOTLIST

# 121 - Vietnam als geteiltes Land erleben

Eine Zeitreise ins Vietnam der 1960er und 1970er Jahre

 

Anna Mudry wurde 1969 und 1973 von der in Ost-Berlin ansässigen Berliner Zeitung nach Nord-Vietnam geschickt. Ihre Reisen fielen in Phasen, in denen der Krieg in Vietnam gerade eine Pause machte: während der Pariser Gespräche, die (erfolglose) Waffenstillstandsverhandlungen zwischen den USA und Nord-Vietnam zum Inhalt hatten, und nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens, das zum 28. Januar 1973 wirksam wurde. 1975 veröffentlichte sie ihr Buch Bis zum befreiten Süden, das Buch Vietnam - Gesichter und Schicksale ist dessen überarbeitete Neuauflage, die 2017 herausgegeben wurde.

Wiederaufbau unter widrigsten Bedingungen

 

Anna Mudry startete ihre Vietnam-Reisen beide Male in Hanoi. Sie wurden von Mitarbeitern einer dortigen Zeitung organisiert, was nicht nur die Route, sondern auch die Begegnung mit Einheimischen umfasste. Mudry sah Städte, die im Laufe des Vietnam-Krieges von US-Truppen dem Erdboden gleich gemacht wurden, und traf auf Menschen, die unermüdlich daran arbeiten, dass die Ernährung sichergestellt wird, alle ein Dach über dem Kopf haben sowie die Verkehrswege und die Schulen neu gebaut werden. Sie berichtet von Menschen, die während des Krieges ein unterirdisches Wohn-, Versorgungs- und Tunnelsystem gegraben hatten und von Kindern, die viele Monate kein Sonnenlicht gesehen hatten, weil der Aufenthalt im Freien wegen der ständigen Bombardements zu gefährlich war. In dieser krisengeschüttelten Gesellschaft hat der Einzelne seine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt, um seine Arbeitskraft der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. So sahen sich Ehepartner oft monatelang nicht, und Kinder wurden von ihren Großeltern aufgezogen, weil ihre Eltern im Krieg kämpften oder für den Straßenbau eingeplant waren. Immer ging die Gemeinschaft dem Einzelnen und seinen Angehörigen vor.
Anna Mudry betont in ihrem Vorwort, dass sie sich nicht als Kriegsberichterstatterin gesehen hat. Es war ihr Ziel, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und von ihnen zu erfahren, wie sie die Auswirkungen der massiven Angriffe der US-Streitkräfte, die auch den Einsatz von chemischen Kampfstoffen wie Napalm oder Entlaubungsmitteln umfassten, erlebt und überstanden hatten. Die Autorin weist ausrücklich darauf hin, dass sie eine subjektive Berichterstattung hier für die beste Methode hält, um sich der Wahrheit so weit wie möglich zu nähern. Das Ergebnis sind Schilderungen über erschütternde Lebensbedingungen der vietnamensischen Bevölkerung, die alles daran setzt, ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen.

Wie war's? 

 

Vietnam - Gesichter und Schicksale gibt einen tiefen Einblick, wie es der Bevölkerung insbesondere Nord-Vietnams, das offiziell den Namen Demokratische Republik Vietnam (DRV) trug, im Verlauf des 20 Jahre dauernden Vietnamkriegs ergangen ist. In dieser Zeit haben zwischen zwei und fünf Millionen Menschen ihr Leben verloren, die genaue Zahl kennt niemand. Anna Mudry beschäftigt sich sowohl mit Einzelschicksalen als auch mit den Lebensumständen, denen die Bevölkerung unterworfen war und die wegen ihrer Tragik und Verzweiflung oft sprachlos machen. Sie versucht jedoch auch, ihren Lesern einen Teil der vietnamesichen Geschichte näherzubringen. Es ist eine Geschichte, die von Kolonialismus, Verrat und Gewalt geprägt ist und sich ohne eine nähere Beschäftigung mit ihr nur schwer erschließt. Wer sich mit ihr bislang noch nicht auseinandergesetzt hat, sollte vor dem Lesen des Buches einen Blick auf die Zeittafel werfen, die Anna Mudry nach dem letzten Kapitel angefügt hat.
Sowohl an der Wortwahl als auch dem Schwerpunkt ist zu erkennen, dass die Autorin als DDR-Journalistin nach Vietnam aufgebrochen ist; die DDR hatte sich damals vorbehaltlos an die Seite der DRV gestellt, was sich auch in manchen Formulierungen Mudrys widerspiegelt. Doch trotz dieser ideologisch besetzten Position ist Vietnam - Gesichter und Schicksale ein Buch, das vor allem für die Generation, die nach dem Ende des Vietnamkriegs aufgewachsen ist, interessant ist. Anna Mudry hat ihrem Buch mehr als 40 Fotos beigefügt, die das Gelesene anschaulich machen.

Vietnam - Gesichter und Schicksale ist im Pirmoni-Verlag in der Reihe menschen unterwegs als Taschenbuch erschienen und kostet 14,90 Euro. Das Buch wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Deutscher Buchpreis 2017 - The winner is...?

Der österreichische Blick auf Brüssel hat die Nase vorn

 

Seit gestern steht es fest: Der diesjährige Preisträger des Deutschen Buchpreises heißt Robert Menasse, der mit seinem Roman Die Hauptstadt die aus Literaturkritikern und Buchhändlern bestehende Jury überzeugt hat. Die Handlung ist nicht in Wien, der Hauptstadt von Menasses Heimatland Österreich, sondern in Brüssel angesiedelt. Es geht um die EU: Sie steht kurz vor ihrem 60. Jubiläum, das natürlich angemessen begangen werden soll. Die Veranstaltung soll dazu dienen, die Europäische Union in ein günstiges Licht zu rücken, und Fenia Xenopoulou, eine ranghohe zypriotische EU-Beamtin der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, ist auf der Suche nach guten Ideen. Das ist ein Anlass, die Ellenbogen auszufahren und sich zu profilieren. Eine sehr ungewöhnliche und gewöhnungsbedürftige Idee wird letztlich ausgewählt: David de Vriend, der die letzte Lebensphase in einem Brüsseler Seniorenheim verbringt, soll dem Kampagnenmotto, dass die europäische Einheit eine Lehre aus der Geschichte ist, ein Gesicht geben. Er ist als Junge von einem Zug gesprungen, der ihn und seine Eltern in ein Konzentrationslager bringen sollte. Fenia Xenopoulou will nun den Festakt in Auschwitz abhalten - mit de Vriend, der sein ganzes Leben damit beschäftigt war, das Erlebte von damals zu vergessen. Ein Mordfall, in dem aus politischen Gründen nicht ermittelt werden soll, spielt in Die Hauptstadt ebenso eine Rolle wie ein Wirtschaftswissenschaftler, dem seine Utopie, in Auschwitz eine neue europäische Hauptstadt zu errichten, schon bald gefährlich wird. 

Geteilte Meinung über Preisvergabe 

 

Die Entscheidung der Jury hat nicht nur Zustimmung hervorgerufen. Es wurden einige Stimmen von Literaturexperten laut, die Die Hauptstadt nicht für das beste Buch des Jahres halten. Sie merken an, dass sich seit der ersten Vergabe des Preises 2005 Tendenzen beobachten lassen, die zumindest nachdenklich machen. Es wird da beispielsweise kritisiert, dass unter den Büchern der Shortlist der Suhrkamp-Verlag mit drei Titeln sehr oft vertreten war. 
Auch eine andere Auffälligkeit wird thematisiert: Alle Buchpreise sind seit der ersten Vergabe 2005 an Autoren gegangen, deren Bücher im Herbst, also kurz vor der Frankfurter Buchmesse, erschienen sind. Kann es wirklich sein, dass im Frühling nie Titel herausgebracht werden, die preiswürdig sein könnten? Die Jury hat denn auch hervorgehoben, dass es allein um die Literatur gehe und sonst nichts.
Dass es in Die Hauptstadt um die Darstellung einer korrupten und intriganten EU-Bürokratie geht, vewundert umso mehr, wenn man Menasses vor fünf Jahren erschienenen Essay Der Europäische Landbote zur Hand nimmt, in dem der Autor von seinen Eindrücken und Erfahrungen anlässlich seiner Reise nach Brüssel erzählt, die durchweg positiv ausfallen. Sein Fazit: Es ist nicht die EU selbst, deren Regularien und Vorgaben Probleme machen, sondern es sind die Mitgliedsstaaten, die mit ihrem eigennützigen Leuchtturmdenken die Idee des gemeinsamen Europas hintertreiben. Die Botschaft des jetzt ausgezeichneten Romans ist eine andere. Warum?

Freitag, 6. Oktober 2017

# 120 - Und wieder wird am Bodensee getötet

Ines Fox auf Abwegen

 

Im August 2016 habe ich hier das Buch Seezeichen 13 von Christiane Kördel vorgestellt, heute wird es um die Fortsetzung Seeblick kostet extra gehen. Die selbstständige Webdesignerin Ines Fox bleibt ihrem Verhalten, ihre Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken und sich damit selbst in Bedrängnis zu bringen, auch dieses Mal treu. Der Psychopath Roger Merian aus dem ersten Band wird vom Gericht wider Erwarten frei gesprochen, womit für Ines Fox erneut unruhige Zeiten anbrechen. Schon wenige Stunden nach dem Richterspruch wird die Leiche von Kriminalhauptkommissar Schroff gefunden, der im Verdacht stand, korrupt zu sein und deshalb suspendiert worden war. Die Ermittlungen ergeben, dass jemand sein plötzliches Ableben mit einem Gift beschleunigt hat. Schroffs Kollege Arthur von Leisfall erfährt von dessen Witwe, dass Roger Merian kurz vor dem Tod Schroffs noch bei ihm gewesen ist. Doch der streitet ab, etwas mit dem Mord zu tun zu haben.

Eine alternative Methode, Kriminalfälle zu lösen

 

Ines leidet immer stärker unter plötzlich einsetzenden Echtträumen. Wenn sie passieren, löst sie sich mental aus ihrem Körper und findet sich in luftiger Höhe und für die meisten Menschen unsichtbar über ihr bekannten Personen wieder. Doch was auf den ersten Blick ganz praktisch erscheint, hat für sie ernste körperliche Folgen: Immer, wenn sie in ihren Körper zurückkehrt, spürte sie eine tiefe Kälte in sich, die bis in die letzte Zelle eingedrungen zu sein scheint und zu einer massiven Unterkühlung führt. Diesem Phänomen, das sich für Ines immer bedrohlicher anfühlt, ist ihr Freund, der Pathologe Dr. Frieder, auf der Spur. Doch nicht nur die unvorhersehbaren Echtträume machen ihr das Leben schwer: Sie wird verfolgt, und jemand hat das Wahrzeichen von Konstanz, die Imperia, verschandelt und mit einem Fluch versehen, der sich gegen die Stadt und Ines Fox richtet. Als unmittelbar danach Falschmeldungen in Umlauf gebracht werden, die zur Folge haben, dass Konstanz in einem nie dagewesenen Verkehrschaos versinkt und das öffentliche Leben zum Stillstand kommt, werden Forderungen laut, dass Ines Fox die Stadt verlassen soll. Wie, um das zu unterstreichen, wird ihre Wohnung von Unbekannten zu Kleinholz verarbeitet. Freund und Ex-Freund stehen ihr jedoch immer wieder hilfreich zur Seite und tragen dazu bei, dass die junge Frau wegen ihrer Neigung zu spontanen und unüberlegten Handlungen nicht noch mehr in Gefahr gerät.


Wie war's?

 

Wer Seezeichen 13 mochte, dem wird auch Seeblick kostet extra gefallen. Das Buch ist locker und humorvoll geschrieben und eine sehr gute Unterhaltungslektüre. Es ist kein Muss, den ersten Teil der Serie gelesen zu haben, trägt aber bei mancher Szene zum Verständnis bei. Wie Christiane Kördel in ihrem zweiten Epilog andeutet, wird es eine weitere Fortsetzung geben. Wir dürfen also gespannt sein, wie es mit Ines Fox und ihren unfreiwilligen Ermittlungen weitergeht.
Seeblick kostet extra ist bei Books on Demand erschienen und kostet als Taschenbuch 11,99 Euro sowie als Kindle-Edition 2,99 Euro. 

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Der Rückblick: Was war im August und September los?

Die Frankfurter Buchmesse nähert sich

 

Die beiden großen deutschen Buchmessen in Leipzig und Frankfurt führen jedes Jahr zu einer erhöhten Betriebsamkeit in der Buchbranche, je näher das jeweilige Datum heranrückt. Das hat sich auch in der Bücherkiste insbesondere im September bemerkbar gemacht.

Der August

 

In Es brennt das ganze Kind sogar des Autors Edelhard Callies setzt sich der vom Leben benachteiligte Karl Reitz zur Wehr. Gewalt erzeugt Gegengewalt - das bekommen seine Peiniger zu spüren. Ein Roman, in dem es nicht nur um Ungerechtigkeit, sondern auch um das Leben einer deutschen Familie geht, deren Schicksal maßgeblich von vom erstarkenden Nationalsozialismus und der massenhaften Ermordung von behinderten Menschen geprägt ist. 


Mit Brant von Ken Bruen habe ich den ersten Crime Noir auf diesem Blog vorgestellt. Der Londoner Sergeant Brant ist korrupt, draufgängerisch und gnadenlos. Er muss einen offenbar durchgeknallten Killer zur Strecke bringen, der es auf Polizisten abgesehen hat und nach öffentlicher Aufmerksamkeit giert. Was Brant noch nicht weiß: Sein eigener Tod soll das grausame Finale der Mordserie werden, denn er und der Täter sind Jahre zuvor aneinander geraten. Skrupellos, spannend und ganz dicht dran. Mehr Krimi geht nicht. 


"Geld regiert die Welt." Wie sehr das zutrifft, erklärt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl in seinem Buch Verstehen Sie Geld? auch für den Laien gut verständlich. Auch wer bislang der Meinung war, ihm könne beim Thema Geld keiner mehr etwas vormachen, wird das nach dem Lesen dieses Buches wahrscheinlich anders sehen. Çöl spannt den Bogen von der Entstehung der ersten Formen des Geldes bis zu den heutigen Finanzmarktmechanismen, die bei der "Rettung" der südeuropäischen EU-Mitgliedsstaaten noch lange nicht enden. 


Ende August hat die Frankfurter Buchmesse mit dem ersten Artikel hier Einzug gehalten: Bei einem Besuch "meines" Buchhändlers sah ich den Reader mit Leseproben aller Bücher auf dem Tresen liegen, die für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurden. Welche Titel ich nur anhand der Textauszüge zu meinen Favoriten gemacht habe, lest ihr in diesem Beitrag


Mit Chlorophyll ist M. J. Herberth ein Roman gelungen, der ein mögliches Weltuntergangsszenario realistisch beschreibt. Die Schilderung macht auch vor teilweise sehr üblen Überlebensstrategien der immer weniger werdenden Menschen nicht halt, wobei man sich manchmal am liebsten schaudernd abwenden möchte. 




Der September

 

Terri Blackstock hat in Nur wenn ich fliehe einen Plot geschaffen, der sich dem Leser erst nach und nach erschließt. Die Versicherungsangestellte Casey findet ihren besten Freund Brant ermordet in dessen Haus und ergreift sofort die Flucht. Damit macht sie sich zu einer Verdächtigen, aber es gibt Menschen, die an ihre Unschuld glauben. Der Grund, dass sie sich nicht der Polizei stellen will, liegt jedoch weit vor dem Zeitpunkt des Mordes. Brant soll nicht das einzige Opfer bleiben. 


Drei Wochen vor dem Tod des Kulturwissenschaftlers und Kulturmanagers Martin Roth wurde sein Buch Widerrede! veröffentlicht. Es enthält ein mehrteiliges Diskussionsprotokoll von Gesprächen mit seinen drei erwachsenen Kindern, in denen es um Fragen der eigenen ethischen und moralischen Werte, des zunehmenden Populismus' und des nötigen politischen Engagements geht. Ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der häufig Phrasendrescherei der sachlichen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Auffassungen vorgezogen wird. 


© HOTLIST 2017
Die unabhängigen Verlage müssen einige Energie aufbieten, um sich gegen die Großen der Buchbranche zu behaupten und von den Lesern wahrgenommen zu werden. Um sie zu unterstützen, wird im Zuge der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr zum neunten Mal der Preis der Hotlist vergeben. In der Endrunde befinden sich jetzt noch zehn Titel. Welche das sind und wann die Preisverleihung stattfindet, erläutere ich in meinem Beitrag. 



Mit Mord am Waterberg haben die Autorinnen, die Joirnalistinnen Almut Hielscher und Uta König, einen Kriminalfall in Namibia stattfinden lassen: Eine Deutsche wird ermordet aufgefunden, ihre aus Stuttgart angereiste Schwester tut alles, um den Fall auch ohne die Hilfe der passiven Polizei aufzuklären. Das deutsch-namibische Verhältnis, das durch die deutsche Kolonialzeit beeinflusst ist, spielt hierbei eine große Rolle.  



©: Petra Gass / Börsenverein
Die Jury des Deutschen Buchpreises hat die Shortlist, die Liste der sechs in der Endrunde stehenden Titel, bekanntgegeben. Welches Buch ich für den heißesten Anwärter auf den "Thron" halte, lest ihr hier.



Die Ermordung des Glücks ist der zweite Krimi von Friedrich Ani, in dem der Ex-Kommissar Jakob Franck im Mittelpunkt steht. Kann Ani mit diesem Buch erneut den Deutschen Krimipreis gewinnen? 





©: MVB
Im Laufe der Frankfurter Buchmesse wird erstmalig ein weiterer Preis verliehen: Mit dem Selfpublishing-Preis wird endlich auch dieser Autorengruppe die nötige öffentliche Aufmerksamkeit gegeben, die nötig ist, um die Bücher einem breiteren Lesepublikum bekannt zu machen. 


Das Klischee ist bekannt: Alle Finnen lieben ihre Sauna. Das greift auch der Autor Roope Lipasti in seinem Roman Nachbar mit Sauna auf: Ein chaotischer Familienvater will ein Saunahaus bauen und muss mit den "guten" Ratschlägen seines Nachbars, einem Lehrer, leben. Der klugscheißende Pädagoge verguckt sich obendrein auch noch in die attraktive Frau des Nachbarn. 

Viel Spaß beim Stöbern!

Sonntag, 1. Oktober 2017

#Buchpassion - Lieblingsautor

#Buchpassion - Was steckt dahinter?

 

Die Buchbloggerin Janine Rumrich aus Chemnitz schreibt auf ihrem Blog Kapri-zioes schon seit vier Jahren über ihre Leidenschaft, das Bücherlesen. Sie hat in diesem Jahr zum zweiten Mal die Online-Aktion "Buchpassion" gestartet, die sich an Autoren, Leser, Blogger und Unternehmen aus der Buchbranche richtet. Die Aktion aus dem letzten Jahr hatte ich nicht mitbekommen, doch diesmal habe ich mich angeschlossen. Die Aufgabe: Stell deinen Lieblingsautor oder deine Lieblingsautorin vor. Erster Reflex: Was? Nur eine/n? Aus dem Stand fallen mir mehrere ein, die an dieser Stelle genannt werden sollten. Also nachgedacht. Wessen Bücher mochte ich (fast) ausnahmslos? Wessen Bücher würde ich ein weiteres Mal lesen oder habe es schon getan? Wer gibt mir etwas mit, an das ich mich noch erinnere, wenn das Buch schon längst wieder im Regal steht?

Das ist er: mein Lieblingsautor

 

Mein Lieblingsautor wurde 1927 geboren und ist 2014 verstorben - wie ich irgendwo gelesen habe, war er in den letzten ein oder zwei Jahren vor seinem Tod dement. Er stammt aus Kolumbien, hat ein bewegtes Leben hinter sich und 1967 den Roman Cien años de soledad  veröffentlicht, für den er 15 Jahre später den Literaturnobelpreis bekam: Gabriel García Márquez. Dieses Buch, das das erste von ihm war, das ich gelesen habe, ist drei Jahre nach der Originalausgabe unter dem deutschen Titel Hundert Jahre Einsamkeit erschienen. In dieser abgebildeten Ausgabe von 1982 steht es noch heute in meinem Bücherschrank. Gelesen habe ich es vermutlich um 1985 herum. Nach diesem Buch war ich von Márquez "infiziert", und ich habe nach und nach alle seine Titel gelesen, die auf Deutsch erschienen sind.

Warum gerade er?

 

Márquez war bekennender Sozialist und auch mit Fidel Castro befreundet, aber kein demagogischer Typ. Seine politische Überzeugung spiegelt sich mehr oder weniger stark in allen seinen Büchern wider, ist aber nicht der Grund, warum er seit Jahrzehnten bei mir ganz oben steht. Ich habe vielmehr bewundert, wie es Márquez immer wieder geschafft hat, Elemente seines Lebens mit einer fiktionalen Geschichte sowie politischen Ereignissen in Südamerika zu verbinden. Dieses Heranziehen von tatsächlichen Begebenheiten hat ihn auch in Bedrängnis gebracht: In Bericht eines Schiffbrüchigen geht es zwar vordergründig "nur" um die Erlebnisse eines schiffbrüchigen Matrosen eines kolumbianischen Kriegsschiffs, tatsächlich aber wird beim Lesen deutlich, dass das Kriegsschiff in erster Linie deshalb gesunken ist, weil es mit geschmuggelten Haushaltsgeräten hoffnungslos überladen war. Ein Umstand, dessen Bekanntwerden dem damaligen kolumbianischen Diktator Pinilla so wenig gefiel, dass sich Márquez genötigt sah, mehrere Jahre aus dem Ausland für eine kolumbianische Tageszeitung zu arbeiten.
Márquez' Nachlass ist vielfältig und umfasst nicht nur Romane wie Hundert Jahre Einsamkeit, Die böse Stunde oder Von der Liebe und anderen Dämonen. Da die Arbeit als Zeitungsjournalist nach seinem abgebrochenen Jura-Studium lange Zeit Márquez' Brotberuf gewesen ist, finden sich in seinem literarischen Gesamtwerk auch hiervon Spuren. Der Titel Die Abenteuer des Miguel Littín ist hierfür ein Beispiel: Der chilenische Regisseur, dem es während der Diktatur von General Pinochet streng verboten war, in sein Heimatland zurückzukehren, führte in Chile 1985 in einer generalstabsmäßig geplanten Aktion mit mehreren Teams heimlich Dreharbeiten an einem Dokumentarfilm über die bis dahin schon zwölf Jahre dauernde Militärdiktatur durch. Márquez lässt Littín in seinem Buch erzählen; durch die Ich-Form erreicht die Reportage eine große Authentizität und so etwas wie einen greifbaren Realismus. Im Band Zwischen Karibik und Moskau - Journalistische Arbeiten 1955-1959 berichtet Márquez von seinen Eindrücken, die er damals von Europa westlich und östlich des Eisernen Vorhangs und Venezuela hatte. Interessant: 1959 hatte er von Berlin das Bild einer "irren Stadt" ("Berlin es un disparate") und sprach im selben Jahr davon, dass "der russische Mensch allmählich der Gegensätze überdrüssig" werde; gemeint waren die Gegensätze zwischen der westlichen Konsumwelt und der der UdSSR sowie der Diskrepanz dessen, was der Staat wollte (Erfolge in der Raumfahrt etc.) und dem, was seine Bürger brauchten (ein regendichtes Dach über dem Kopf, haltbare Schuhe an den Füßen usw.). Diese Schilderungen sind immer klar und deutlich, dabei aber unaufgeregt und sachlich.
Ich habe, bevor ich mit dem Schreiben dieses Textes begonnen habe, alle Bücher, die sich von Gabriel García Márquez in meinen Regalen befinden, um mich herum aufgebaut und hatte die Vorstellung, zu jedem eine Kleinigkeit zu schreiben. Angesichts der Länge, die dieser Text bereits erreicht hat, verkneife ich mir das nun. Wer bisher noch nichts von Márquez gelesen hat, sollte zum Einstieg mit Zwölf Geschichten aus der Fremde beginnen. Anhand der hier versammelten Erzählungen kann man den Erzählstil des Autors gut kennenlernen und entscheiden, ob man mehr von ihm lesen möchte.

An der Aktion Buchpassion sind natürlich noch etliche andere Blogs beteiligt. Welche das sind, könnt ihr hier erfahren. 

Freitag, 29. September 2017

# 119 - DIY in Finnland auf dem platten Land

Es geht doch nichts über Selbstgemachtes

 

Was bauen wir denn heute mal? Das scheint im Roman Sauna mit Nachbar des finnischen Autors Roope Lipasti die Standardfrage von Jan, dem  Nachbarn des Geschichtslehrers, zu sein. Die beiden Männer leben nun schon seit zehn Jahren nebeneinander auf ihren Grundstücken in irgendeiner ländlichen Gegend Finnlands. Der Lehrer ist 50 Jahre alt, hat gerade Sommerferien, und die dauern in Finnland zehn Wochen. Da er vor drei Jahren verwitwet ist, hat er nun jede Menge Zeit, in den Tag hineinzutrödeln und Jan dabei zuzusehen, wie er mit Sperrmüll zur Mülldeponie fährt und mit neuem Zeug zurückkommt. Auf dem Grundstück des Nachbarn sieht es immer aus wie nach einem Kometeneinschlag: Werkzeug und Baumaterial liegen verstreut herum, und mehrere "Projekte" warten darauf, fertiggestellt zu werden. Das ist gar nicht so einfach, denn Jan hat eine gutaussehende Ehefrau namens Emilia und etliche Kinder, kann sich also nicht immer uneingeschränkt dem Heimwerken widmen. Doch in diesem Sommer hat er sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Er will für sich und seine Familie eine Haussauna bauen, die so aussehen soll, wie es in Finnland üblich ist: Ein gemütliches Häuschen neben dem selbst angelegten Teich soll es werden. Der Lehrer sieht dem Treiben mit Skepsis zu.

Chaos trifft auf Gediegenheit

 

Selbstverständlich ist der Lehrer davon überzeugt, dem heimwerkenden Nachbarn intellektuell um Längen voraus zu sein. Er gibt sich auch keine besondere Mühe, das zu verbergen: Sobald sich auf dem Hof nebenan etwas regt, macht er sich auf den Weg nach drüben und spart nicht mit kritischen Anmerkungen, wenn ihm etwas auffällt, von dem er meint, es besser zu können. Er gefällt sich in der Rolle des kommentierenden, aber ansonsten passiven Beobachters; der Gedanke, dem Nachbarn auch durch tatkräftige Mithilfe zur Seite zu stehen, liegt ihm fern. Statt dessen richtet er seine Aufmerksamkeit immer stärker auf die attraktive Emilia und bildet sich ein, dass sie ihn ebenfalls anziehend findet. Als der Lehrer registriert, dass sie dem Vorhaben ihres Mannes,  ein Saunahaus zu bauen, ablehnend gegenübersteht, beginnt er, das Bauprojekt zu hintertreiben. Mit einer gewissen Genugtuung bemerkt er, dass der Saunabau immer öfter der Grund für Streitigkeiten zwischen den Eheleuten ist. Jan ist von den Vorbereitungen und der Koordination der Arbeiten, die er nicht selbst durchführen kann sowie dem eigentlichen Bauen stark gefordert. Die zusätzlichen Belastungen durch die schlechte Stimmung zwischen ihm und seiner Frau machen ihm zusätzlich zu schaffen. In dieser angespannten Atmosphäre passiert ihm ein Unfall und er muss im Krankenhaus operiert werden. Der Geschichtslehrer sieht seine Chance, bei der Nachbarin zu landen, gekommen: Er hütet die Kinder und räumt den Hof auf. Doch dann kommt alles anders, als er es sich gedacht hatte.

Wie war's?

 

Sauna mit Nachbar ist als humorvolles Buch angelegt, das seine Leser gut unterhalten soll. Das kann es auch: Es ist flüssig geschrieben und gibt einen Einblick, wie das Leben in der finnischen Einsamkeit sein kann. Der vermeintlich seinem Nachbarn überlegene Lehrer wird im Laufe der Handlung jedoch mehrmals zu einer peinlichen Figur; wenn es das Wort "fremdschämen" nicht schon gäbe, müsste es für ihn erfunden werden. Erst zum Schluss stellt der Lehrer erstaunt fest, dass der Nachbar eine Eigenschaft hat, die ihn durchs Leben trägt, ihm selbst jedoch fehlt. Angesichts der für mich immer unsympathischer werdenden Person des Lehrers ein versöhnliches Ende. Der Handlung des Buches eine "philosophische Dimension" beizumessen, wie es die finnische Tageszeitung Helsingi Sanomat getan hat, finde ich allerdings übertrieben.

Sauna mit Nachbar ist im Heyne Verlag erschienen und kostet als broschierte Ausgabe 14,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 11,99 Euro. Der Roman wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt.

 

 

Dienstag, 26. September 2017

Und noch ein Preis: Die Nominierung der 10 besten Selfpublishing-Titel

Der Selfpublishing-Preis geht in die nächste Runde


Der Deutsche Selfpublishing-Preis ist in diesem Jahr zum ersten Mal am Start, und da ich auch in diesem Blog Selfpublisher gern unterstütze, ist klar, dass ich über diesen Preis schreiben muss. 
Für den Siegertitel wurde ein Preisgeld von 10.000 Euro ausgelobt. Für alle zehn Bücher, die es in die Shortlist geschafft haben, werden außerdem Mediapreise im Wert von insgesamt 80.000 Euro bereitgestellt. Hinter dem Preis stehen die MVB – Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH und der Selfpublisher-Verband e.V. Selfpublishing-Autoren sollen so in der Wahrnehmung der Buchleser aus der "Schmuddelecke" geholt werden, in die sie oft - und sehr oft zu Unrecht - gestellt werden. 
Eine Jury hat die Titel der Shortlist aus allen Einreichungen erstellt. Aus dieser wählt sie den Gewinnertitel aus.

Doch auch die Leser werden beteiligt: Bis zum 10. Oktober 2017 können sie ihre Stimme unter dem Link http://selfpublishing-preis.de/shortlist/ abgeben und so entscheiden, für welches Buch der Publikumspreis vergeben werden soll. Am 11. Oktober 2017 findet die Preisverleihung im Rahmen der Frankfurter Buchmesse statt.
Aus 1.800 Einsendungen wurden 22 Bücher für die Longlist ausgewählt, aus der dann die Shortlist zusammengestellt wurde, die heute veröffentlicht worden ist. 


Die besten zehn Selfpublishing-Bücher der Shortlist 


Der stille Feind von Saskia Calden
Der Schwur der Schlange von Barbara Drucker
Was du nicht siehst von Leonie Haubrich
Viereinhalb Minuten von Kathrin Hövekamp
Dornröschen hatte es leichter von Vanessa Mansini
Zur Hölle mit der Kohle von Stefan Mühlfried
This New World von Laura Newman
Blutföhre von Monika Pfundmeier
Noras Welten / Durch den Nimbus von Madeleine Puljic
... also nachm Regenbogen um sechs Uhr abends von Victoria Suffrage 












Fürs Auge: Der Preis für das schönste Buch

Die Frankfurter Buchmesse wirft ihren Schatten voraus


Auf einer Buchmesse gibt es nicht nur jede Menge Bücher, sondern es werden immer auch Preise vergeben. Über die Shortlist des Deutschen Buchpreises hatte ich bereits geschrieben,  ebenso über die Hotlist der unabhängigen Verlage. Aber wer auch ästhetische Ansprüche an ein Buch hat, darf diese Preisverleihung auf keinen Fall verpassen : 
The Beauty and the Book Award ist ein Preis, der von der Frankfurter Buchmesse und der Stiftung Buchkunst bereits zum vierten Mal  initiiert wird. Aus zehn Kategorien wurde jetzt die Shortlist 2017 der schönsten Cover erstellt. Die 600 Bewerbungen kamen aus aller Welt, und mehr als 80.000 Stimmen auf www.beautybook.com haben zur Shortlist geführt. Unter diesem Link kann man sich alle Kandidaten noch einmal ansehen. Aus dieser Fülle und Vielfalt ein Cover als das schönste auszuwählen,  ist eine Herausforderung.
Die Besucher der Frankfurter Buchmesse haben die Möglichkeit, am Stand der Stiftung Buchkunst aus den letzten zehn Titeln direkt für ihren Favoriten abzustimmen. Es entscheidet also keine Jury, sondern bis zum Schluss die Leser.

Das ist die Shortlist der schönsten Buchcover



Allgemeine Literatur: 
Alegori Rumah Api von Mat Luthfi (Puteh Press) 

Architektur: 
Modern Mosques in Malaysia: Between Regionalism and Eclecticism von Wael A. Yousef Mousa (Penerbit USM)

Design: 
Für den tieferen Sinn – Duft als Medium in Kunst, Design und Kommunikation von Martin Hegel und Matthias Wagner K (Spielbein Publishers GmbH) 

DIY: 
Tulis! Jangan Takut-Takut von Zamri Mohamad (Legacy Publishing PLT) 

Fotobuch: 
Don Rosa: I still get chills von Alex Jakubowski, Lois Lammerhuber, Don Rosa (Edition Lammerhuber) 

Kinder- und Jugendbuch: 
Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin von Pei-Yu Chang (NordSüd Verlag) 

Kochbuch: 
Hundebraten süßsauer: Kochbuch der chinesischen Hausmannskost von Pei-Yu Chang (Kunstanstifter Verlag) 

Kunstbuch: 
Im Licht - Im Bild von Bernhard C. Striebel (Edition Monhardt) 

Natur und Garten: 
Mein Bienengarten von Elke Schwarzer (Verlag Eugen Ulmer) 

Reisen: 
Kias Tersirat ~ Perantauan Bertemu Melayu & Islam Di Dunia Melayu Benua von Herman Abdullah (Penerbit USM) 





























Bei einem der Bücher habe ich aufgrund des Titels starke Zweifel, dass es den Buchhändlern von ihren Kunden aus den Händen gerissen wird. 😉

Montag, 25. September 2017

Das Aus für unabhängigen Krimi-Verlag

Polar-Verlag meldet Insolvenz an



Es ist keine Neuigkeit,  dass der Buchmarkt hart umkämpft ist. Besonders die unabhängigen Verlage, die von ihren Inhabern mit viel Herzblut betrieben werden und oft diejenigen sind, die neuen Autoren die ersehnte Chance geben,  ihre Titel zu veröffentlichen, haben es enorm schwer. Nach fast 30 Jahren hat es Ende Juni den A1-Verlag getroffen, der Insolvenz anmelden musste, wie die Fachzeitschrift buchreport berichtete. Auch ein Buch, das hier besprochen wurde, haben die engagierten Verleger herausgebracht: Herr der Krähen ist zweifellos ein ungewöhnliches Buch von einem ebenso ungewöhnlichen Schriftsteller und dürfte zu den Titeln gehört haben, die Geld in die knappe Verlagskasse gespült haben.

Nun also hat es den Polar-Verlag aus Hamburg getroffen. Der Verleger Wolfgang Franßen hatte sich vor vier Jahren vorgenommen,  seinen Lesern ungewöhnliche Krimis abseits des Mainstrams zu bieten. Das ist ihm auch gelungen. Doch das ambitionierte Vorhaben scheiterte am "lieben Geld". Dabei war Franßen durchaus kreativ vorgegangen: Per Crowdfunding hatte er versucht, 50.000 Euro einzusammeln. Das hat nicht funktioniert : Bei nicht ganz 2.700 Euro war Schluss. Nun hat er in letzter Konsequenz Insolvenz anmelden müssen. 
Diese beiden Krimis aus dem Polar-Verlag habe ich in der Bücherkiste vorgestellt (mit Klick auf die ausgeschriebenen Titel links geht's zur Rezension):



Libreville  
   


Brant 
  


Vielleicht gelingt es dem Insolvenzverwalter, einen Investor zu finden, damit es mit dem Polar-Verlag weitergehen kann. Zu wünschen ist es ihm allemal.

Freitag, 22. September 2017

# 118 - Ex-Kommissar ist dem Mörder auf der Spur

Mitten in München: Ein Kind verschwindet

 

Friedrich Ani hat mit seinem neuesten Krimi Ermordung des Glücks den zweiten Band seiner Reihe um den Münchener Ex-Kommissar Jakob Franck veröffentlicht. Der erste Band Der namenlose Tag ist 2015 erschienen, und Ani bekam für dieses Buch 2016 den Deutschen Krimipreis. Die Erwartungen an den jüngsten Roman sind also hoch.

Ein langer Irrweg

 

An einem kalten, stürmischen und regnerischen Tag Mitte November verschwindet der elfjährige Lennard Grabbe spurlos auf dem Weg von der Schule nach Hause. Erst 34 Tage später wird seine Leiche gefunden. Der pensionierte Kommissar Jakob Franck hatte schon als aktiver Ermittler freiwillig eine Tätigkeit übernommen, die seine Kollegen bereitwillig an ihn abgegeben hatten: Er überbrachte Angehörigen von Mordopfern die Todesnachricht. Dabei ist es auch nach seiner Pensionierung geblieben, und so ist er es, der in das Café von Tanja und Stephan Grabbe kommt und den Eltern die schreckliche Nachricht vom Fund ihres toten Sohns überbringt. Doch dabei bleibt es nicht: Franck taucht auch in diesen Fall ein und ermittelt auf seine eigene und sehr spezielle Weise. 
Die Polizeiarbeit läuft auf Hochtouren: Der Fundort ist nicht der Tatort. Schnell ist klar, dass Lennard ganz in der Nähe der Schule getötet worden sein muss. An einem Baum werden dann auch tatsächlich Haare mit seiner DNA gefunden. Aber die Spurensuche ergibt ansonsten keine Erkenntnisse: Mehr als fünf Wochen nach der Tat bei ständig miserablem Wetter noch etwas Verwertbares finden zu können, gliche einem Sechser im Lotto. Die Frage bleibt im Raum: Wer vergreift sich an einem Jungen? Stammt der Täter aus dem Umfeld der Familie? Die Mordkommission der Münchener Kripo befragt 650 Menschen, die in der Nähe des mutmaßlichen Tatorts leben oder arbeiten, doch niemand hat eine Beobachtung gemacht, die der Polizei weiterhelfen würde.
Während die Ermittler nach Lennards Mörder suchen, wird immer deutlicher, dass der grausame Verlust des Kindes in der Familie Gräben wieder aufreißt, die viele Jahre lang verschüttet gewesen waren. Tanja Grabbe kommt mit dem Tod ihres Sohnes am schlechtesten zurecht. Lennards nun verwaistes Kinderzimmer wird für sie zu einer Art Schrein, in den sie sich physisch und psychisch zurückzieht und in Zwiesprache mit ihrem toten Sohn tritt. Ihr Mann Stephan hat hier keinen Zutritt, weder in den Raum noch in ihre Seele. Stephan fühlt neben der eigenen Verzweiflung und der zunehmenden Hilflosigkeit auch etwas anderes immer deutlicher: Auch nach etlichen Ehejahren kann er es mit Tanjas Bruder Maximilian Hofmeister nicht aufnehmen. Das Band zwischen seiner Frau und seinem Schwager ist so fest, dass er als Tanjas Ehemann immer nur eine Nebenrolle gespielt hat und spielen wird. Was Stephan nicht ahnt: Maximilian trägt schwer an einem grausamen Geheimnis, von dem nur Tanja weiß.

Gibt es den typischen Verdächtigen

 

Die Polizei ermittelt einen Verdächtigen, der bestens ins "Beuteschema" passt: Ein Versicherungsvertreter, der bis zum Umzug der Familie Grabbe zu ihren Nachbarn gehörte, hat Freude am Kontakt zu Kindern. Er bewunderte Lennards Fußballtalent und unterhielt sich gern mit ihm. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf ihn, die Presse nimmt den Faden gern auf. Letzten Endes reicht der Verdacht gegen den Mann jedoch nicht aus, um seine Untersuchungshaft zu verlängern. Doch er wird, kaum wieder in Freiheit, von jemandem erwartet, der nicht an seine Unschuld glaubt und das Recht in die eigenen Hände nehmen will. 
Der Mordfall erhält eine unerwartete Wendung, was insbesondere Francks Hartnäckigkeit und seiner besonderen Art, mit seinen Gesprächspartnern umzugehen, zu verdanken ist. Die Kripo muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass es nicht nur eine Unschuldsvermutung gibt, sondern dass sie auch immer die Menschen als mögliche Täter im Fokus behalten sollte, denen sie eine solche Tat am wenigsten zutraut.

Lesen?

 

Ermordung des Glücks gehört nicht zu den Krimis, die nach einem klassischen Schema aufgebaut sind. Ex-Kommissar Franck ist ein Mann, dessen Psyche nach der jahrzehntelangen Beschäftigung mit menschlichen Abgründen zerrissen ist. Er ist nicht in der Lage, mit dem Polizeidienst abzuschließen und bringt seine besonderen Kompetenzen bei speziellen Fällen immer wieder ein. Von seiner sehr ungewöhnlichen Methode, sich einem Mord emotional zu nähern und dessen Untiefen auszuloten, weiß allerdings kaum jemand: Die von ihm als Gedankenfühligkeit bezeichnete Vorgehensweise eignet sich nicht für die Polizeischule, hat ihm aber in seinem Berufsleben zu vielen überraschenden Erkenntnissen verholfen. Allerdings nicht bei der Aufklärung des Mordes an Lennard Grabbe. Krimi-Fans, die sich auch dafür interessieren, wie sich extreme psychische Belastungen auf Menschen auswirken und wie diese darauf reagieren können, werden dieses Buch sicher mögen. Nach Lennard kommen zwei weitere Menschen ums Leben, brutal wird die Handlung dadurch aber nicht. 

Die Suche nach der Wahrheit beinhaltet auch, dass die Aufnahmen von Kameras, die die Gegend um den mutmaßlichen Tatort ausleuchten, in Augenschein genommen werden. Friedrich Ani zählt auf, von welchen Größenordnungen da die Rede ist: Im Münchener Stadtgebiet befinden sich insgesamt mehr als 9.000 Kameras, der Großteil davon gehört der Deutschen Bahn und den Verkehrsbetrieben. Im Einsatzzentrum der Polizei sitzen Beamte rund um die Uhr vor 32 Monitoren und melden ihren Kollegen, wenn sie etwas Verdächtiges wahrnehmen. Aber die Frage, wie groß die Chance ist, mithilfe dieser Kameras ein Verbrechen zu beobachten oder sogar zu verhüten, erhitzt immer wieder die Gemüter. Letztlich geht es um ein subjektives Sicherheitsgefühl, das die Geräte vermitteln; wie einzelne Studien belegen, hat eine Videoüberwachung im öffentlichen Raum keinen Einfluss auf die Verbrechensrate.

Ermordung des Glücks ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro, als Kindle- oder epub-Edition 16,99 Euro sowie als CD-Hörbuch 15,95 Euro. Das Buch wurde mir von vorablesen zur Verfügung gestellt.

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