Freitag, 19. Mai 2017

# 100 - Inklusion auf Teufel komm raus?

Wohin mit dem behinderten Kind?

 

Der Autor Michael Felten ist in Nordrhein-Westfalen als Lehrer, Schulentwicklungsberater und in der Lehrerausbildung tätig. In seinem Buch Die Inklusionsfalle sieht er sich an, wie die Inklusion von behinderten Schülern schwerpunktmäßig in NRW, aber auch in anderen Bundesländern und im Ausland funktioniert.

Inklusion in Deutschland - wem kommt sie zugute?

 

Das hört sich doch erstmal toll an: Kein Kind wird zurückgelassen, behinderte Kinder sollen vorrangig eine Regelschule - also eine Haupt- oder Realschule oder das Gymnasium oder wie Schulen der Sekundarstufe in Deutschland heute noch heißen mögen - besuchen. Das ist nicht nur die Vorstellung der noch amtierenden NRW-Landesregierung, sondern auch das gut gemeinte Motto in anderen Bundesländern. Die, die so etwas propagieren, berufen sich auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, der Deutschland 2009 beigetreten ist. Da Bildung Sache der Länder ist, wird dieses Thema in 16 Abwandlungen angegangen und umgesetzt. Wie Michael Felten hier anhand von Praxisbeispielen und Literaturquellen dokumentiert, ist es nicht unbedingt das Kindeswohl, das bei der Neustrukturierung der Bildungslandschaft an erster Stelle steht.

Ohne Moos nix los - ist die Inklusion ein gut getarntes Sparschwein?

 

In zahlreichen Bundesländern läuft die schulische Inklusion nach folgendem Muster ab: So viele Behinderte wie möglich sollen die Regelschulen besuchen, im Gegenzug werden nach und nach Förderschulen geschlossen. Die Sonderpädagogen, die dort bislang fest beschäftigt waren und Klassen von 4 bis 16 Schülern unterrichteten, sind jetzt gleichzeitig an bis zu acht Regelschulen tätig, an denen sich behinderte Schüler mit einem Förderbedarf befinden. Das bedeutet, dass sie in jeder dieser Schulen nur wenige Stunden pro Woche sind, während sie nach dem alten System eine echte Bezugsperson für ihre Schüler sein konnten, da auch die Zeit für ein persönliches Gespräch mit ihnen da war. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Da sitzt dann ein verhaltensauffälliges oder geistig behindertes Kind inmitten einer "normalen" Klasse und soll den größten Teil der Zeit von einer mit dieser speziellen Problematik allein gelassenen Lehrkraft angepasst an seine persönlichen Bedürfnisse unterrichtet werden. Bei diesem Modell kommen alle Beteiligten zu kurz: Der Lehrer an der Regelschule, der durch die Schulen nomadisierende Sonderpädagoge und auch die Schüler - die behinderten ebenso wie die nicht-behinderten.
Besondere Blüten treibt diese Entwicklung im Land Bremen: Dort wurden kurzerhand der Studiengang Sonderpädagogik und die Förderschulen abgeschafft. Ist ja auch logisch: Wo es keine Förderschulen gibt, braucht kein Mensch Sonderpädagogen. Statt dessen bietet das Land einen lauen Ersatz: Lehkräfte an Regelschulen können sich innerhalb von zwei Jahren berufsbegleitend zum Thema Sonderpädagogik fortbilden. Auch Nordrhein-Westfalen zeigt sich in der Ausbildung der Sonderpädagogen kreativ: War es bislang üblich, dass sich die Studenten schwerpunktmäßig auf zwei der sieben der in NRW festgelegten Förderschwerpunkte konzentrierten, werden sie nun für alle ausgebildet. So wissen sie von allem ein bisschen, aber von nichts wirklich viel.

Auf dem Papier gilt die freie Schulwahl

 

Eltern können sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch in anderen Ländern wie z. B. Niedersachsen wählen, ob ihr behindertes Kind an einer Regel- oder einer Förderschule unterrichtet werden soll. Aber diese Wahlmöglichkeit besteht zunehmend nur noch auf dem Papier: Wo eine Förderschule nach der anderen ihre Türen schließen muss, werden die Wege bis zur nächsten geeigneten Schule so weit, dass die betroffenen Kinder einen halben Tag in einem Sammeltransport verbringen müssen - und das fünf Mal pro Woche mit oft schweren körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen. Das ist für ihre Eltern wie die Wahl zwischen Pest und Cholera: Es gilt, die Zumutung einer viel zu langen Anfahrt gegen die völlig unzureichenden Zustände in einer Regelschule aufzuwiegen.

Michael Felten ist keineswegs ein Gegner von Inklusion. Er prangert jedoch an, unter welchen Umständen sie stattfindet und dass für eine tatsächliche Inklusion, die diesen Namen auch verdient, deutlich mehr Geld ausgegeben werden müsste. Damit ist allerdings nicht zu rechnen. Statt dessen sonnen sich die Bundesländer in ihren allmählich ansteigenden Inklusionsquoten und sehen diese als Beweis für ihre erfolgreichen Bemühungen zugunsten der Behinderten an.
Gern wird Italien als europäischer Leuchtturm der Inklusion genannt: Seit Ende der 1970-er Jahre gibt es dort die schulische Inklusion. Bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich allerdings nur als Instrument der Kosteneinsparung. Förderschulen gibt es dort gar nicht mehr, statt dessen besuchen alle behinderten Schüler normale Schulen. Dort sind Integrationslehrer tätig, die nur über eine kurze Ausbildung verfügen, die ihnen die einzelnen Behinderungen in groben Zügen vermittelt. Die betroffenen Schüler werden alle gleich behandelt, egal, ob sie blind, hörbehindert, verhaltensauffällig, körperbehindert oder geistig beeinträchtigt sind. Lerntechniken, die es überhaupt erst möglich machen, dem Unterrichtsstoff zu folgen, müssen irgendwie außerhalb der Schule erworben werden. Unter solchen Rahmenbedingungen wird die Schule nicht zu einer Bildungs- sondern nur zu einer Verwahranstalt, die ihre behinderten Schüler nicht auf das Leben, sondern auf die Arbeitslosigkeit oder eine Fortsetzung der Verwahrung vorbereitet - auch dann, wenn der Schulbesuch unter günstigeren Voraussetzungen erfolgreich hätte sein können.

Wer sollte dieses Buch lesen?

 

Das Buch ist nicht nur für Eltern von behinderten Kindern interessant, sondern auch für diejenigen Eltern, deren Kinder nicht beeinträchtigt sind. Die von der Politik gesteuerten Fehlentwicklungen gehen jedoch letztlich die ganze Gesellschaft an. Ich wünsche mir, dass Die Inklusionsfalle auch von Politikern und Verantwortlichen der Schulverwaltungsbehörden gelesen wird, damit es zu einer Korrektur des bisherigen Kurses kommt. Wer nicht bereit ist, so viel Geld auszugeben, wie nötig ist, damit für jedes Kind ein für es geeigneter Förderort bereitgehalten werden kann, sollte sich nicht öffentlich als Befürworter der Inklusion und Unterstützer der Behinderten präsentieren. 
  
Die UN-Behindertenrechtskonvention schreibt übrigens nirgends den gemeinsamen Schulbesuch von behinderten und nicht-behinderten Kindern vor. Sie fordert einen "Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen" sowie die "notwendige Untertsützung, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern". Die Konvention sieht, dass "das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt" ist, "der vorrangig zu berücksichtigen ist". Außerdem stellt sie klar, dass "besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens gelten". Von einem Zwang zur gemeinsamen Beschulung ist, erst recht unter den geschilderten Umständen, nirgends die Rede.

Die Inklusionsfalle ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt. Die gebundene Ausgabe kostet 17,99 €, als epub- oder Kindle-Edition ist das Buch für 13,99 € zu haben.

Nachtrag: Wer sich jetzt spontan empört und findet, dass ich vom Thema keine Ahnung habe und mich diskriminierend verhalte, kann sich hier oder hier ein erstes Bild von mir machen.

 

7 Kommentare:

  1. Hallo Ina,

    ich bin nicht ganz persönlich betroffen, habe aber inklusive Erfahrung; an unserer Schule wurde ein körperbehindertes Kind (Blind) ganz normal unterrichtet; es war für uns Schüler völlig normal und selbstverständlich.

    Mit geistigen Behinderungen stelle ich es mir schwieriger vor.

    Inklusion ist ja gerade eni großes und strittiges Thema. Das Buch hört sich interessant an

    Ich habe deinen interessanten Beitrag auf meiner Wanderung durch die Welt der Bücherblogs verlinkt.

    Grüße
    Daniela

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  2. Liebe Daniela,
    vielen Dank für deinen Kommentar und die Verlinkung dieses Posts auf deinem Blog. Inklusion ist ein Thema, bei dem die Meinungen sehr auseinandergehen. Bist du den beiden Links am Ende des Textes gefolgt? Wenn ja, weißt du, dass ich selbst behindert bin. Ich habe als Schülerin mit einer Gehbehinderung (ohne Rollstuhl) normale Schulen besucht. Das ist jetzt mehr als 30 Jahre her, und es war auch nie überlegt worden, ob eine andere Lösung vielleicht besser wäre. Die Grund- und später auch die weiterführende Schule waren nur bedingt für Körperbehinderte geeignet, aber da ich Treppen besser bewältigen konnte als heute, ging es. In solchen Fällen wie meinem ist Inklusion quasi ein Kinderspiel. Ich bin im Unterricht nicht mehr oder weniger aufgefallen als jeder meiner Mitschüler, auf Ausflügen oder Klassenfahrten wurde auf meine reduzierte Gehgeschwindigkeit Rücksicht genommen und bei langen Gehstrecken eine Möglichkeit gefunden, mich auf Rädern zu transportieren. Von Bollerwagen bis Fahrrad war alles dabei.
    Mein Sohn, der vor vier Jahren die Schule verlassen hat, sieht das schon etwas anders. In seinem Jahrgang war ein blindes Mädchen. Rein technisch war das kein Problem: Die Schülerin hat einige Hilfsmittel benutzt und konnte dem Unterricht folgen. Sie war allerdings nicht in der Lage, ohne Begleitung unterwegs zu sein. Das hieß in der täglichen Praxis: Ständig war ihre Begleiterin neben ihr, auch während der Pausen wich sie nicht von ihrer Seite. Das führte dazu, dass diese Schülerin sozial völlig isoliert war, denn jemanden anzusprechen, der gefühlt pausenlos "bewacht" wird, fällt deutlich schwerer als in einem normalen Umfeld. Aus meiner Sicht war das schon ein Versagen der Schule, die sich stärker zugunsten des Mädchens hätte engagieren müssen. Aber jeder einzelne Lehrer hatte so viel Zeit zur Verfügung, als würde die Lerngruppe nur aus gesunden Schülern bestehen. Für diese Schülerin wurde nichts verändert. Möglicherweise fehlte den Lehrkräften auch das Wissen, wie man solche Situationen erfolgreich in den Griff bekommt, denn sie waren dazu ausgebildet, Schüler am Gymnasium zu unterrichten und nicht, eine sozial anspruchsvollere Situation gut zu meistern.

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    1. Wirklich seltsam, bei uns haben sich die Schüler selber um ihre blinde Mitschülerin gekümmert. Es hat sich immer jemand gefunden, der sie abgeholt hat morgens und mit zur Bushaltestelle genommen hat und beim Wechsel von Klassenräumen war auch immer von der Clique bereit, das lief ganz natürlich, auch in der Oberstufe.

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    2. Die Schüler kamen aus verschiedenen Stadtteilen von Hannover und etliche wohnten außerhalb in kleineren Orten. Nur wenige hatten da einen gemeinsamen Schulweg. Das Mädchen kam zusammen mit der Betreuerin, die den ganzen Tag neben ihr blieb, und verließ die Schule auch wieder mit ihr. Ihrer sozialen Integration und ihrer Selbstständigkeit hat das sicher nicht gutgetan.Im Sinne der Inklusion war es auch nicht, weil die Mitschüler diese Konstellation eher als Abschirmung empfunden haben. Ziemlich traurig, finde ich.

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  3. Und dann gibt es noch diejenigen Schüler, die mehrfachbehindert oder verhaltensauffällig sind. Ich weigere mich, so angeblich moderne Begriffe wie "verhaltenskreativ" oder "verhaltensoriginell" zu benutzen, weil sie die Probleme nur verniedlichen und verschleiern und dann wieder nur herumgeeiert wird. Solche Schüler beginnen z. B. plötzlich zu schreien oder gar zu schlagen. Allerspätestens dann sind Lehrer, die dazu ausgebildet wurden, ganz normale Schüler zu unterrichten - die ja auch ohne eine Behinderung sehr individuell sind -, überfordert. Das ist nicht ihnen vorzuwerfen, da ihnen diese Situation übergestülpt wurde wie dem Riesen der Kinderpullover. Um diese Situationen halbwegs befriedigend für alle - also auch die nicht-behinderten Kinder - zu lösen, wird eigentlich ein ständig anwesender Sonderpädagoge in jeder Klasse gebraucht, in der sich ein Schüler mit aufgrund seiner Behinderung erhöhtem Unterstützungsbedarf aufhält. Eigentlich. Denn das in den meisten Bundesländern gelebte Modell sieht das vor, was ich in meinem Text beschrieben habe: Sonderpädagogen, die nur wenige Stunden pro Woche in einer Klasse sind und ihre Schüler zu wenig kennenlernen; "normale" Lehrer, die überfordert sind und an der Situation irgendwann verzweifeln; behinderte Schüler, mit denen sich in einer Regelschule zu selten jemand so intennsiv beschäftigt, wie es nötig wäre; und schließlich nicht-behinderte Schüler, denen im schlechten Fall durch ständige Unterbrechungen und die fokussierte Aufmerksamkeit des "normalen" Lehrers auf die behinderten Schüler ihr Recht auf normalen Unterricht verwehrt wird. Denn es gerät in der Inklusionsdebatte nach meinem Geschmack ständig aus dem Blickfeld, dass es da noch die große Masse der nicht-behinderten Schüler gibt, denen ein Mindestmaß an Bildung zusteht. Dieses Modell der umfassenden Unterstützung wird aber nicht praktiziert. Vielmehr werden Förderschulen geschlossen und Sonderpädagogen "auf die Reise" in mehrere Schulen geschickt. Die Sonderpädagogen, die gebraucht würden, um alle Beteiligten zufriedenzustellen, sind in so großer Zahl einerseits gar nicht da und andererseits in den Stellenplänen nicht vorgesehen. Das ist eine riesige Mogelpackung, die allein den öffentlichen Haushalten zugutekommt.
    Viele Grüße
    Ina

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    1. Hallo Ina,
      das hört sich wirklich ganz furchtbar an. Man merkt, dass du tief in der Sache drinsteckst und Bescheid weißt
      Gruß, Daniela

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    2. Ja, ich finde das auch schlimm. Zumal ich auch nirgends sehe, dass die Politik diese Missstände beheben will. Die Kosten, die Kosten. ..

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