Sonntag, 13. Oktober 2019

Literaturnobelpreis - Wie eine angesehene Auszeichnung die Szene spalten kann

1901 beginnt die Geschichte der insgesamt fünf
(fast) jährlich vergebenen Nobelpreise. Den Nobelpreis für Literatur erhielt damals der Franzose Sully Prudhomme. Zu seinen bekanntesten Werken zählt das Gedicht Le Vase brisé. Nie gehört? Ich auch nicht. Aber Wikipedia wird schon recht damit haben.

Wenn ein Kriterium nicht entscheidend ist, um in dieser Kategorie ausgezeichnet zu werden, dann, dass der Nachwelt etwas hinterlassen wird, was auch noch drei oder vier Generationen später begeisterte "Ahs" und "Ohs" hervorruft. Die Vergabe des Nobelpreises ist auch ein Spiegel der jeweiligen Zeit, in der sie stattfindet. Vielleicht hat das Gremium auch den Wunsch, mit der Preisvergabe ein Zeichen zu setzen.

Vor drei Tagen wurden die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk und der österreiche Schriftsteller Peter Handke auf den Nobelthron des Jahres 2018 bzw. 2019 gesetzt. Zur Erinnerung: 2018 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben, weil sich einzelne Mitglieder der Jury nicht nur danebenbenommen, sondern gleich einen richtigen Skandalberg aufgehäuft hatten. Der Ehemann eines Komiteemitgliedes hatte nicht nur das Amt seiner Frau ausgenutzt, sondern wurde auch wegen mehrfacher Vergewaltigung angezeigt. Die Glaubwürdigkeit und der Ruf des Gremiums waren nachhaltig erschüttert.

Nun also eine Frau und ein Mann. Wie die
Komiteemitglieder zu ihrer Entscheidung gekommen sind, entzieht sich jedermanns Kenntnis. Inwieweit man der offiziellen Begründung folgen darf? Der Spekulation sind Tür und Tor geöffnet. Soll die hälftige Mann/Frau-Aufteilung suggerieren, hier habe man auf Geschlechtergerechtigkeit geachtet? Das zu glauben, fällt schwer: Olga Tokarczuk ist die 15. Preisträgerin, dagegen konnten 100 schreibende Herren Medaille und Preisgeld in Empfang nehmen. Ein klitzekleine Schieflage ist hier durchaus erkennbar.

Der Blick über den literarischen Tellerrand war für die Nobelkomitees all die Jahre ebenfalls nicht leicht, wenn man sich die Auswahl anhand ihrer geografischen Ausgewogenheit ansieht: Wenn ich mich nicht völlig verzählt habe, haben sich die Mitglieder 80 Mal für Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Europa entschieden. Zehn kamen aus den USA, nur drei aus Afrika. Zu glauben, dass da irgendwie ein Proporz eine Rolle gespielt hat, wäre sicher Unsinn.

Nächster Anlauf, die Auswahl des Komitees nachzuvollziehen. Haben möglicherweise die Botschaften, die Frau Tokarczuk und Herr Handke ihrem Lesepublikum vermittelt haben, den Ausschlag gegeben? Wenn man den Worten des Sprechers folgt, der den wartenden Medien in Stockholm die Entscheidung verkündet hat, weitet das Werk der polnischen Autorin den "Blick auf Mittel- und Osteuropa". Das stimmt. Olga Tokarczuk hat sich in ihren Werken derart deutlich gegen die konservative Regierung ihres Heimatlandes positioniert, dass sie seit Langem Morddrohungen erhält.

Peter Handke hat insbesondere dadurch auf sich aufmerksam gemacht, dass er für sich Theater neu definiert hat: In einem seiner Schauspiele ("Publikumsbeschimpfung", Erstaufführung 1966) werden die Zuschauer mit "Nettigkeiten" überhäuft. Es sollte ein Protest gegen die Altnazis sein. Wie es dazu passt, dass sich Handke Jahrzehnte später mit einer Grabrede von einem brutalen Autokraten - dem serbischen Ex-Diktator Slobodan Milosevic - verabschiedete und behauptete, dieser sei an dem  Massaker in Srebrenica, bei dem 1995 etwa 8.000 bosnische Muslime ermordet wurden, gänzlich unschuldig und habe noch nicht einmal etwas davon gewusst, bleibt sein Geheimnis.

Und dann gibt es da noch Literaturkritiker wie Denis Scheck. Scheck kann sich vor Begeisterung kaum noch einkriegen. Noch am Abend der Bekanntgabe der Preisträger/in spricht er im SWR in der Sendung Kunscht! lobend von der Nobelkomission als "Bastion politischer Korrektheit", die es unterlassen hat, Handke wegen seiner politischen Irrwege nicht auszuzeichnen. Am selben Tag nennt Scheck die Entscheidung zugunsten des Österreichers in der ZDF-Sendung Kulturzeit "eine schallende Ohrfeige ins Gesicht der politischen Korrektheit". Ich bin verwirrt, Herr Scheck: Ist damit gemeint, dass sich die Komissionsmitglieder gegenseitig vermöbeln?

Literatur und die Bewertung ihrer Güte bleiben Geschmackssache. Was mich stört, ist die augenscheinlich so unterschiedliche Herangehensweise, nach der Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt werden. Auch die Vorbehalte gegen Literatur aus Asien, Afrika oder Mittel- und Südamerika werden - von den sehr wenigen Ausnahmen abgesehen - weiterhin kultiviert.

Der Preisstifter Alfred Nobel hat vor 134 in seinem Testament verfügt, nach welchen Gesichtspunkten die nach ihm benannten Preise vergeben werden sollen. Dort ist davon die Rede, dass "Preise denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben." Außerdem soll der Literaturpreis dem gegeben werden, "der in der Literatur das beste in idealistischer Richtung geschaffen hat".
Zum Schluss heißt es: " Es ist mein ausdrücklicher Wille, dass bei der Preisverteilung keinerlei Rücksicht auf die Nationalität genommen werden darf, so dass nur der Würdigste den Preis erhält, ob er nun Skandinavier ist oder nicht..."

Ich habe seit Jahren einen Kandidaten, dem ich wünsche, den Nobelpreis zu bekommen. Der aus Kenia stammende und heute in den USA lebende Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o hat es meiner Meinung nach verdient, geehrt zu werden. Seit etlichen Jahren heißt es, er stünde auf der Nominierungsliste. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass er eher für die "Hall of Fame der ewigen Anwärter" als für den Nobelpreis vorgesehen ist. Aber irgendwann wird sich die Bastion der politischen Korrektheit vielleicht daran erinnern, welches Anliegen Alfred Nobel mit seiner Stiftung verfolgt hat.

Einen ersten Eindruck von Ngũgĩ wa Thiong’os Werk gibt es in der Besprechung seines Hauptwerkes, Der Herr der Krähen.
 

Freitag, 11. Oktober 2019

# 215 - Holocaust in Norwegen

Dies ist das sechste und letzte Buch, das ich im Rahmen meiner Norwegen-Reihe vorstelle. Ich behaupte, es ist das wichtigste.

Holocaust in Norwegen - Registrierung,
Deportation und Vernichtung des norwegischen Historikers Bjarte Bruland ist 2017 in der Original- und 2019 in der deutschen Ausgabe erschienen. Das Buch gilt als die erste wissenschaftliche Monographie zu diesem Thema. Nicht, dass es bis zum Erscheinen dieses Titels keine entsprechenden Publikationen gegeben hätte, die sich mit der Judenverfolgung in Norwegen beschäftigt hätten; die Geschichtsforschung war allerdings nur unvollständig, weil der Fokus allein auf den Tätern - insbesondere den Polizeibehörden - gelegen hat. 

Bruland hat in seiner Einleitung deutlich gemacht, dass er vor allem dokumentieren möchte, wie die deutschen Sicherheitsbehörden mit der norwegischen Staatspolizei zusammenarbeiteten, nach welchen Richtlinien vorgegangen wurde und wie die informelle Kooperation funktionierte. Der Umstand, dass die Gestapo ihre Unterlagen vernichtete, bevor sich die deutschen Streitkräfte in Norwegen ergaben, hat seine Recherchen erschwert. Auch die Mitverantwortung der Nationalversammlung sowie der norwegischen Bürokratie wird hier hinterfragt.

Bruland stieß auf ein System des Verschleierns und des Abschiebens von Verantwortung. Er fand nicht nur heraus, dass das in Norwegen praktizierte Vorgehen, eine "Endlösung" hinsichtlich der Vernichtung der Juden herbeizuführen, sich von dem in den anderen europäischen Staaten unterschied. Der Autor richtet seinen Blick auch auf das Verhalten der Kirchen und anderer Institutionen. Ein Beispiel: Nachdem 1942 alle Bischöfe und die meisten Pastoren aus ihren staatlichen Kirchenstellen ausgeschieden waren, waren sie dennoch weiterhin als kirchliche Amtsträger tätig. Norwegens Kirche arbeitete also als autonome Institution unter einer provisorischen Kirchenleitung. Diese und weitere kirchliche Kreise riefen im sogenannten Hebräerbrief dazu auf, die Verfolgung der Juden, "ohne dass sie wegen des Verstoßes gegen die Gesetze des Landes angeklagt waren", zu beenden. Der sehr emotionale Protestbrief war von fast allen christlichen Kreisen in Norwegen unterzeichnet worden - außer der katholischen Kirche.

Bruland beschreibt sehr detailliert, was sich seit dem Beginn des Holocausts in Norwegen 1942 abgespielt hat. Er zeichnet die schleichende Enteignung und die Registrierung der norwegischen Juden ebenso nach wie ihre Deportation in die Konzentrationslager und das Wirken der Helfer, die etliche Juden vor dem sicheren Tod retteten.

Lesen?

 

Bruland hat ein jahrelanges Quellenstudium betrieben. Er ist der Enkel eines seinerzeit vom norwegischen Holocaust betroffenen Juden und hat sich nicht nur in seiner Diplomarbeit und mehreren Büchern, sondern auch als früherer Chefkurator des Jüdischen Museums in Oslo sowie als Leiter des Jüdischen Museums in Trondheim viele Jahre mit der Judenverfolgung in Norwegen beschäftigt. 

Holocaust in Norwegen - Registrierung, Deportation und Vernichtung wird von Fachleuten als Meilenstein der Forschung angesehen. Es ist allen, die sich für dieses Thema interessieren, unbedingt zu empfehlen.


Holocaust in Norwegen - Registrierung, Deportation und Vernichtung ist im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 60 Euro.

Ich bedanke mich beim Verlag, der mir ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat. 

Mit diesem Titel endet meine Reihe mit Büchern norwegischer Autoren, die ich anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse, zu der Norwegen als Ehrengast eingeladen ist, begonnen habe. Dies waren die vorangegangenen Bücher:
 

 

Samstag, 5. Oktober 2019

# 214 - Von Mythen, Hoffnung und dem Kampf ums Überleben

Der neueste Roman Die Glocke im See des norwegischen Autors Lars
Mytting ist Ende des 19. Jahrhunders angesiedelt: Das Dorf Butangen im Süden Norwegens erfährt 1880 eine seiner tiefgreifendsten Veränderungen in seiner jahrhundertealten Geschichte. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Lauf der Zeit an diesem Ort bislang praktisch spurlos vorübergegangen ist. Die Menschen waren immer abhängig vom Wetter, die meisten arm und das Schicksal eines jeden Neugeborenen stand fest, sobald es den ersten Schrei getan hatte. Außer, man entschloss sich, nach Amerika auszuwandern.

Doch 1880 tut sich etwas in Butangen. An diesem abgeschiedenen Ort, der auch heute noch mühsam zu erreichen ist, wird ein neuer Pfarrer, der junge Kai Schweigaard, eingesetzt. Ihm ist die siebenhundert Jahre alte Stabkirche, die 1170 unter der Regentschaft von König Magnus V. fertiggestellt wurde, ein Dorn im Auge: Das Bauwerk mit seinen geschnitzten Drachenköpfen und ineinander verschlungenen Schlangenkörpern sowie den hohen Spitzen symbolisiert für ihn das heidnische Denken, das immer noch in den Köpfen der Dorfbewohner vorhanden ist. Da kommt ihm eine neue Verordnung der norwegischen Regierung gerade recht: Sie sieht vor, dass eine Kirche Platz für mindestens ein Drittel der Mitglieder eines Kirchspiels haben muss. Davon ist die Butanger Stabkirche weit entfernt.

Was Schweigaard nicht weiß: Die Geschichte der Kirche ist eng mit der des Dorfes verwoben, insbesondere mit der der Familie Hekne. Vor allem die beiden sogenannten Schwesterglocken, die einst von den Vorfahren der Hekne-Familie gestiftet wurden und ungewöhnlich viel Silber enthalten, haben einen sehr speziellen Hintergrund.

Der Pfarrer nutzt das Interesse der Kunstakademie in Dresden, die die Stabkirche von Butangen gern in ihrer Nähe aufbauen würde, und verkauft ihr das Bauwerk. Von den Einnahmen soll der Bau einer neuen und schlichten Kirche bezahlt werden. Schweigaard trifft die Vereinbarung, ohne sich mit jemandem zu besprechen. 

Die Kunstakademie schickt den Studenten Gerhard Schönauer, der den Auftrag hat, sich um den Abbau und Abtransport der Stabkirche zu kümmern. Der Akademie ist der kultur- und kunsthistorische Wert des Gebäudes bewusst: Sie will der Nachwelt den Blick auf diese ungewöhnlichen Bauwerke erhalten, die durch die Verordnung bedroht sind.

Doch die beiden Männer spüren Widerstand: Die zwanzigjährige Astrid Hekne, eine Nachfahrin des Stifters der Schwesterglocken, ist nicht nur über den Verkauf der alten Kirche entsetzt. Was sie weit mehr ärgert ist, dass die Glocken Bestandteil des Kaufvertrags sind. Der Pfarrer hat ihre Bedeutung für Butangen und noch mehr für die einst wohlhabende Familie Hekne, der es erst nach ihrer Spende wirtschaftlich schlecht ging, ignoriert. Dieser Fehler soll sich als verhängnisvoll erweisen.


Wie war's?


Mit Die Glocke im See ist Mytting ein Roman gelungen, der einen wichtigen Teil der norwegischen Geschichte und Kultur in eine Handlung einbettet, die auch den Alltag der Einheimischen und - ein bisschen Gefühl schadet nie - eine tragische Liebesgeschichte mit einbezieht. Man versteht, warum sich die Menschen nicht auf einen abstrakten Gott verlassen wollten, sondern noch lange an ihren Mythen und dem allgegenwärtigen Aberglauben festhielten. Alles Unerklärliche, was möglicherweise zu einer Bedrohung werden konnte, musste irgendwie im Zaum gehalten und milde gestimmt werden. 

Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite fesselnd geschrieben und lässt seine Leser in die damaligen Verhältnisse eintauchen. Wenn man etwas kritisieren kann, dann die Wahl des Titels der deutschsprachigen Ausgabe: Im norwegischen Original heißt das Buch Søsterklokkene, was deutlich passender ist als die vom Insel Verlag gewählte Variante.

Die Glocke im See ist im Januar 2019 erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.


Dieser Titel ist der fünfte, den ich anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse vorstelle, deren Gastland diesmal Norwegen ist. Dies waren die vorangegangenen Bücher norwegischer Autoren:


Nachtrag:
Von den ehemals schätzungsweise 2.000 Stabkirchen gibt es in Norwegen heute nur noch 28. Es hat zwar keine Umsetzung einer Kirche nach Dresden gegeben, wohl aber eine ins polnische Riesengebirge nach Karpacz. Die Kirche Wang wurde im 12./13. Jahrhundert in der südnorwegischen Ortschaft Vang errichtet und auf Initiative des aus Norwegen stammenden und in Dresden als Kunstprofessor tätigen Johan Christian Clausen Dahl ab- und zwischen 1842 und 1844 in Karpacz wieder aufgebaut.


Samstag, 28. September 2019

# 213 - 150 Jahre Kampf in Graphic Novels

Bücher über den Kampf der Frauen für mehr Rechte - insbesondere das Recht auf Freiheit, auf Bildung, Arbeit und ein eigenes Einkommen sowie das Wahlrecht und die sexuelle Selbstbestimmung - gibt es schon sehr viele. Muss da noch ein weiteres hinzukommen?

Ja, denn Rebellische Frauen - Women in Battle 
der Sachbuchautorin Marta Breen und der Illustratorin Jenny Jordahl hebt sich von allem ab, was man bislang zu diesem Thema gewohnt ist. Hier handelt es sich nicht um einen auf den Text fokussierten Titel, sondern um Graphic Novels, die auch diejenigen Leser, die sich noch nie mit der Geschichte der Frauenbewegung(en) beschäftigt haben, ansprechen.

Das zuerst in Norwegen erschienene Buch erzählt chronologisch, wann und warum die Frauenbewegung begann und welche Frauen sie vorantrieben. Nur wenige Namen wie z. B. die der Sozialistinnen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg sind vielen Menschen bekannt. Die Mitte des 19. Jahrhunderts aktiven US-amerikanischen Frauenrechtlerinnen Elizabeth Cody Stanton und Lucretia Mott dürften den meisten eher unbekannt sein. Den beiden stieß bei einem 1840 in England stattfindenden Kongress gegen die Sklaverei sauer auf, dass sie und alle anderen mitgereisten Frauen wegen ihres Geschlechts zum Zuhören verdonnert wurden und nicht selbst etwas beitragen durften. Sie arbeiteten ein Manifest zur Gleichberechtigung aus, das 1848 auf einer Abolitionistenkonferenz in Seneca Falls (New York) verlesen und verabschiedet wurde. Diese Veranstaltung gilt als die erste Versammlung in der Geschichte der Frauenbewegung.

Breen und Jordahl erinnern u. a. auch an Harriet Tubman, eine entlaufene Sklavin, die für die Abschaffung der Sklaverei in den USA kämpfte. Sie half anderen Sklaven zu fliehen und wurde trotz eines hohen auf ihre Ergreifung ausgesetzten Kopfgeldes nie gefasst.

Da erging es der Französin Olympe de Gouges ganz anders: Da die nach der Französichen Revolution erarbeitete Verfassung nur die Menschen- und Bürgerrechte von Männern beinhaltete und die andere Hälfte der Bevökerung "vergessen" wurde, schrieb die streitbare Autorin und Feministin 1791 einen Gegenentwurf, der sich ausdrücklich mit den Rechten der Frauen befasste. Sie bezahlte ihren Einsatz mit ihrer Hinrichtung.

Das Buch kommt zu einem Resümee, das nicht überrascht: Frauen werden nach wie vor rund um den Globus unterdrückt, ausgegrenzt, misshandelt oder in anderer Weise Repressalien ausgesetzt. Aber den allermeisten geht es besser als vor 150 Jahren. Das soll auf keinen Fall bedeuten, dass sich Frauen mit dem bisher Erreichten zufrieden geben sollen. Darum lauten die letzten beiden Sätze:

"Langsam aber sicher geht es voran.
Wenn nur jemand vorgeht."

Rebellische Frauen - Women in Battle bietet einen schnellen, aber dennoch sehr guten Überblick über die Geschichte der Frauenbewegung. Klare Leseempfehlung.

Aus urheberrechtlichen Gründen ist es mir leider nicht möglich, an dieser Stelle beispielhaft Zeichnungen zu zeigen. Der Elisabeth Sandmann Verlag hat auf seiner Website jedoch einige von ihnen zur Ansicht bereitgestellt.

Rebellische Frauen - Women in Battle ist beim Elisabeth Sandmann Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro. 

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat das
Buch broschiert in ihrer Schriftenreihe herausgegeben. Dort ist es für 4,50 Euro erhältlich. 

Dieser Titel ist der vierte, den ich anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse vorstelle, deren Gastland diesmal Norwegen ist. Dies waren die vorangegangenen Bücher norwegischer Autoren:

Freitag, 13. September 2019

# 212 - Von der Hauptstadt raus aufs Land

Die Journalistin Agnes Ravatn hat mit Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land ein kleines, feines Buch darüber geschrieben, wie es ist, von der Hauptstadt Oslo mit ihrem pulsierenden Leben aufs Land zu ziehen, wo fast nur die Geräusche der Natur zu hören sind. Ihr und ihrem Mann hat in Oslo nichts gefehlt, im Gegenteil: Sie fühlten sich wohl in ihrer Dreizimmerwohnung, zwischen so unterschiedlichen Menschen, die sie auf der Straße, bei der Arbeit oder bei Veranstaltungen antrafen. Warum also dieser radikale Schritt?


Der Auslöser ist die Geburt des ersten Kindes. Die jungen Eltern wollen ausprobieren, wie es sich auf dem Land lebt und dafür die sechsmonatige Elternzeit nutzen. Die Familie von Ravatns Mann besitzt im westnorwegischen Valestrand ein leerstehendes Bauernhaus, das von den Verwandten sofort bezugsfertig renoviert wird. Hier leben auf einer Fläche von 59 km² etwas mehr als 1.200 Menschen. Bis nach Oslo sind es ungefähr 450 Kilometer. Dazwischen scheinen Welten zu liegen: So, wie es Ravatn schildert, sind der westnorwegische Humor und die Fähigkeit zur Ironie den ostnorwegischen Gewohnheiten so ähnlich wie  die zwischen Holstein und Bayern: Man spricht zwar dieselbe Sprache, aber immer hübsch aneinander vorbei.

Doch das ist nicht der einzige Unterschied, an den sich die kleine Familie gewöhnen muss: kein Internet, kein Fernsehen, keine kulturellen Veranstaltungen, keine Spontankäufe und gefühlt kein Tag ohne Regen. Dafür jede Menge Ruhe, Natur, das Wahrnehmen des Wechsels der Jahreszeiten und die Rückbesinnung auf grundsätzliche Dinge, die das Leben ausmachen.

Ein stetiger Lichtblick sind der in der Nähe wohnende Dichter und Essayist Einar Økland und seine Frau Liv Marit. Økland ist fast 40 Jahre älter als Ravatn und eine in Norwegen sehr bekannte Persönlichkeit. Er ist ein väterlicher Freund, der mit seinen liebenswerten Schrullen schon seit 40 Jahren in seinem Haus auf dem Land lebt. Als er sich entschloss, Oslo zu verlassen, war er also etwa so alt wie die Autorin es heute ist.

Wer schon einmal auf dem Land gelebt hat, weiß, dass man hier und da nicht besonders zimperlich sein sollte. Das ist in Norwegen nicht anders: Die Methoden, die Schnecken im Garten zu dezimieren oder den geangelten Fischen den Garaus zu machen, bevor sie an Ort und Stelle ausgenommen werden, ist nichts für sensible Gemüter.
Und noch etwas lernt Ravatn von Økland: wie man richtig gutes Knäckebrot backt und was wahres Glück ist.


Wie war's?


Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land beschreibt die Sicht einer Städterin auf das Landleben. Ravatn und ihr Mann verlassen das gewohnte Umfeld und stürzen sich kopfüber in das neue Leben. Die Betrachtung des täglichen Lebens fällt in diesem Buch relativ oberflächlich aus, es geht mehr um die Beschreibung des sich nach und nach herausschälenden neuen Lebensgefühls. Interessant und sehr kurzweilig zu lesen, aber wer einen intensiven Blick auf die die Autorin umgebende Natur erwartet hat, ist mit diesem Titel weniger gut bedient.

Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land ist 2019 in der deutschen Ausgabe bei btb erschienen und kostet als gebundenes Buch 15 Euro sowie als E-Book 11,99 Euro.

Diese Rezension ist Teil einer Reihe, die sich anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2019 mit ihrem Ehrengast Norwegen mit norwegischen Schriftstellern beschäftigt.
In den letzten Wochen habe ich über diese Bücher geschrieben:


Freitag, 6. September 2019

# 211 - Der Vogel des Todes

Unter dem Pseudonym Samuel Bjørk veröffentlicht
der norwegische Schriftsteller Frode Sander Øien seine Krimis. Das gilt auch für die bislang dreiteilige Reihe um Kriminalkommissar Holger Munch. Federgrab ist das zweite Buch aus dieser Serie.

Die 17-jährige Camilla Green lebt seit zwei Jahren in der privaten Jugendhilfeeinrichtung 'Gärtnerei Hurumlandet' in der Nähe von Oslo. Sie gilt dort als eigenwillig, sodass sich am Tag ihres Verschwindens noch niemand Sorgen um sie macht. Doch dann wird sie von der Leiterin Helene Eriksen als vermisst gemeldet. Kurz darauf zieht sie die Vermisstenmeldung wieder zurück.

Drei Monate später wird Camilla auf einer Lichtung tot aufgefunden: nackt, umgeben von Eulenfedern und mit einer weißen Lilie zwischen den Lippen. Um sie herum ist ein Pentagramm aus Lichtern aufgebaut. Die Szenerie wirkt, als habe hier jemand ein Ritual zelebriert. Bei der Obduktion werden in ihrem Magen Tierfutter-Pellets gefunden. Die Rechtsmediziner finden außerdem Verletzungen an Knien und Handflächen. Die Ermittler gehen schnell davon aus, dass Camilla gefangen gehalten wurde.

Die Jugendeinrichtung, die bislang einen guten Ruf genießt, der insbesondere ihrer Leiterin zu verdanken ist, ist in einer nervös-angespannten Aufregung. Der Ort, an dem auch schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche wieder zur Ruhe und einen Ort zur Regeneration fanden, sieht sich nun Verdächtigungen ausgesetzt.

Das Ermittlerteam der Osloer Mordkommission wirft sein Netz in alle Richtungen aus. Dem erfahrenen und allseits geachteten Munch ist es wichtig, wegen ihrer überragenden intuitiven Fähigkeiten die junge Ermittlerin Mia Krüger dabei zu haben. Mia wurde, nachdem sie im Dienst einen Mann erschossen hatte, vom Dienst suspendiert und muss sich einer Psychotherapie unterziehen. Doch sie flieht vor den Schatten aus ihrer Vergangenheit in eine Alkohol- und Tablettenabhängigkeit und ist nur begrenzt zurechnungsfähig. Munch schafft es, dass die Suspendierung ausgesetzt wird und stellt trotz aller deutlichen Zeichen von Mias Überforderung seine Bedenken zugunsten der Mordermittlung hintenan.

Die Arbeit der Polizisten kommt erst dann in Fahrt, als ein früherer Freund ihres Teamkollegen Gabriel Mørk, der Hacker Skunk, diesen aufsucht und ihm einen Film zeigt, den er zufällig im Darknet gefunden hat. Darauf ist die entkräftete Camilla zu sehen, die in einem überdimensionelen Hamsterrad, das sich in einem Kellerraum zu befinden scheint, auf Anweisung vorwärts krabbelt und zur "Belohnung" Pellets vom Boden aufklauben und essen muss. Der, der diese Anweisungen gibt, ist zwar nur undeutlich im Hintergrund zu erkennen, hat sich aber zweifellos als Vogel verkleidet. 

Wie war's?

 

Der Thriller Federgrab hätte das Potenzial gehabt, aus den einzelnen thematischen Versatzstücken mehr zu machen. Das Buch wirkt streckenweise jedoch so, als habe der Autor möglichst viele verschiedene gesellschaftliche Themen anschneiden wollen, um der Geschichte zu unerwarteten Wendungen zu verhelfen: Satanismus und Okkultismus gepaart mit den Schattenseiten des Internets und militanten Tierschützern ergeben eine Mischung, die haarscharf an der Grenze zur Unglaubwürdigkeit vorbeischrammt.

Die Figur des Holger Munch erinnert deutlich an die des Kurt Wallander des schwedischen Schriftstellers Henning Mankell: Er ist ebenfalls geschieden, hat eine erwachsene Tochter und neigt zu Grübeleien. Auch Munch hat eine jahrzehntelange Polizeikarriere hinter sich und ist in einem ähnlichen Alter wie Wallander zu Beginn der elfteiligen Krimiserie von Henning Mankell.

Mia Krüger hat Ähnlichkeit mit Lisbeth Salander aus der Millennium-Trilogie von Stieg Larsson - die Bände vier bis sechs empfinde ich als Fake, da sie nach Larssons Tod weitergeschrieben wurden. 
Beide Frauen versuchen, mit ihren Traumata fertig zu werden, sind introvertiert und haben (unterschiedliche) herausragende Fähigkeiten, die ihre Arbeit trotz ihrer charakterlichen Untiefen wertvoll machen.

Federgrab hat mich nicht überzeugt. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass bei der Erstellung des Plots auch danach gegangen wurde, welche Charaktere und Handlungsstränge bereits bei anderen Titeln erfolgversprechend eingesetzt wurden. Trotzdem gehört es zu den Büchern, die sich zügig lesen lassen; man will schließlich die Frage aller Fragen beantwortet haben: Wer hat diese scheußliche Tat begangen?

Federgrab ist bei Goldmann erschienen und kostet broschiert 12,99 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Diese Rezension ist Teil einer Reihe, in der ich anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse Bücher aus Norwegen, dem diesjährigen Ehrengast, vorstelle. Letzte Woche war es Doktor Proktors Pupspulver von Jo Nesbø, den wir in Deutschland eher als Krimiautor kennen und der mit diesem Titel sein erstes Kinderbuch vorgelegt hat.

Freitag, 30. August 2019

# 210 - Pupsen in Norwegen

Jo Nesbø ist in Deutschland als Krimi-Autor bekannt: Mit Koma oder Leopard hat er sich hier viele Fans
gemacht.


Kaum jemand weiß jedoch, dass Nesbø auch Kinderbücher geschrieben hat: Zwischen 2007 und 2013 sind vier Bände der "Doktor Proktor"-Serie entstanden, in deren Mittelpunkt der alte, sehr kreative Professor aus Oslo steht.

Diese Rezension ist gleichzeitig der Start in eine Beitragsreihe, in der sich alles um Bücher aus Norwegen dreht. Warum Norwegen? Das Land ist in diesem Jahr der Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Grund, mal näher hinzusehen. Das mache ich heute mit dem ersten Band der "Doktor Proktor"-Reihe: Doktor Proktors Pupspulver.

Die beschaulichste Ecke Oslos: die Kanonenstraße

Wenn man vom kindlichen Terror der Zwillinge Truls und Trym Thrane mal absieht, stimmt das auch. Bis zu dem Tag, an dem der kleine Junge Bulle zusammen mit seiner Mutter und seiner grässlichen fünfzehnjährigen Schwester in das gelbe Haus gegenüber von Lise einzieht. Lises beste Freundin ist kürzlich weggezogen, und dieser Junge da mit den kurzen feuerroten Haaren ist total interessant: Sein Wortschwall, der manches Wahre und eine Menge Ausgedachtes enthält, scheint nie zu versiegen. Außerdem ist er der winzigste Zehnjährige, den die Welt je gesehen hat. Und er kann 1A Trompete spielen. Sagt er.

Schon als die Möbelpacker das Haus, in dem Bulle mit seiner Familie künftig wohnen wird, einräumen, lernt der Junge Doktor Proktor kennen, der nebenan wohnt. Ein klapperdürrer Mann mit wirren, langen Haaren, der in einem blauen Kittel und mit einer Motorradbrille auf den Augen am Gartenzaun steht.

Doktor Proktor entpuppt sich schnell als einigermaßen genial, aber chronisch erfolglos. Aber ihn zeichnet aus, dass er niemals aufgibt. Das gilt auch für seine allerneueste Erfindung, die eigentlich ein Pulver gegen Heuschnupfen werden sollte, sich aber dann als Anti-Pupspulver herausstellt. Das ist Musik in Bulles Ohren, der fast sofort zum Forschungsassistenten ernannt wird und unerschrocken ein bisschen von dem Pulver löffelt. Das trockene Zeug rasch mit etwas von Doktor Proktors selbst kreierter Birnenbrause heruntergespült... Mit einem lauten Knall entfährt Bulle ein derart heftiger Pups, dass die Labortür auffliegt. Mit so einer Erfindung lässt sich doch bestimmt etwas anfangen, oder?

Wie war's?

Dieses Buch ist auf keinen Fall nur etwas für Kinder. Auch Erwachsene, deren Persönlichkeit sich ein paar infantile Züge bewahrt hat, haben ihre Freude daran. Jo Nesbø erzählt die Geschichte um den Professor, Bulle und Lise sehr anschaulich und witzig, aber nur "große Kinder" dürften bemerken, dass er gern auch mit einem Augenzwinkern auf sein Heimatland schaut. Eine Kostprobe, die gleich zu Beginn für den ersten Lacher sorgt:

"Es war Mai und die Sonne schien schon eine Weile auf Japan, dann Russland und Schweden. Jetzt ging sie auch über Oslo auf. Oslo ist die nicht besonders große Hauptstadt eines nicht besonders großen Landes namens Norwegen. Die Sonne schien sogleich auf das gelbe, eher kleine Schloss in Oslo. Hier lebt ein König, der so wenig zu bestimmen hat, dass es kaum auffällt."

Im weiteren Verlauf der Handlung wird es ein bisschen kriminell, die Polizei steckt die Falschen ins Gefängnis und ein Widerling erfährt nach über 30 Jahren eine verspätete Rache. Und das alles vor dem Hintergrund des 17. Mai, dem norwegischen Nationalfeiertag, der beinahe ohne Salutschüsse für den König geendet hätte.

Das Buch eignet sich für Kinder ab acht oder neun Jahren, denen klar ist, dass das Leben in der Natur aus Fressen und Gefressenwerden besteht.

Doktor Proktors Pupspulver ist 2008 in deutscher Übersetzung bei Arena erschienen und kostet als gebundenes Buch 13,99 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Die Buchverfilmung lief 2015 in den deutschen Kinos. In einer Nebenrolle ist Anke Engelke zu sehen. Hier ist der Trailer:

Samstag, 24. August 2019

# 209 - Wer kennt Kurt Wallander?

Kurt wer? Der Name Kurt Wallander gehört zu denen, über die man denkt: "Den habe ich doch schon mal irgendwo gehört...".

Das haben viele von uns tatsächlich. Zumindest die,
die gern schwedische Krimis lesen und hin und wieder auch einen von Henning Mankell. Elfmal wird der Kommissar aus Ystad von seinem Schöpfer aktiviert, um dem kriminellen Treiben in der südschwedischen Stadt an der Ostsee ein Ende zu bereiten.

2014 hat Mankell seinen Wallander porträtiert und alles in Wallanders Welt aufgeschrieben, was sich über ihn zu wissen lohnt. Dabei ist so etwas wie ein Wallander-Mikrokosmos herausgekommen, der dem Leser nicht nur den Polizisten, sondern auch den Privatmann zeigt: den Vater, (gescheiterten) Ehemann, Sohn, Bruder, Freund und den Musikliebhaber. Aus jedem Kapitel wird deutlich, wie stimmig Mankell diese Figur aufgebaut hat, die ihre Fälle zwischen 1991 und 2009 löste.

Mankell erzählt in diesem Buch auch, wie es zu der Entstehung von Kurt Wallander kam. 1990 war das: Der Autor war nach monatelanger Abwesenheit nach Schweden zurückgekehrt und stellte fest, dass sich der Rassismus in seinem Heimatland deutlich verstärkt hatte. Deshalb beschloss er, über dieses Thema zu schreiben. Da rassistische Handlungen nach Mankells Ansicht immer etwas Kriminelles sind, entschied er sich, sein Anliegen in Form von Kriminalromanen zu verarbeiten.

Die "Taufe" des Kommissars war denkbar unspektakulär: Der Inspiration wurde durch einen Blick ins Telefonbuch auf die Sprünge geholfen. Da es praktisch war, bekam Wallander dasselbe Geburtsjahr wie Henning Mankell: 1948.

Mankell berichtet, vor welchen politischen Hintergründen die einzelnen Bücher entstanden sind und stimmt den Lesern zu, die der Meinung sind, dass er in deren Handlungen oft Ereignissen vorgegriffen habe. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass da etwas dran ist.

Mit der Figur des Kurt Wallander erlebte Mankell immer wieder irritierende Begebenheiten, die mit ihr verknüpft waren: Menschen sprachen ihn auf der Straße an und fragten ihn, wie denn wohl Kurt Wallander diese oder jene Begebenheit beurteilen würde. Wäre Kurt Wallander dafür, dass Schweden Mitglied der EU wird? Der Kommissar wurde von manchem Leser wie eine real existierende Person behandelt. Er trägt sehr menschliche Züge und ist ein Spiegel seiner Zeit.

Wallanders Welt ist im Carl Hanser Verlag als E-Book erschienen und kostet 3,99 Euro.
Ich habe es über die Onleihe gelesen.
 

Sonntag, 18. August 2019

# 208 - Fifty Shades of...?


Was fällt fast jedem ein, wenn "Fifty Shades" gesagt wird? Sicher nicht das Buch, das ich heute vorstellen werde: Fifty Shades of Merkel ist das zweite Buch der Politikwissenschaftlerin Julia Schramm und bereits 2016 erschienen. Wer nun vermutet, dass die Kanzlerin hier von einem ihrer Fans porträtiert wurde, liegt falsch: Schramm ist als ehemaliges Mitglied der Piratenpartei und jetziges Mitglied der Partei Die Linke unverdächtig, Angela Merkel in den Himmel zu heben.

In 50 Kapiteln ist Schramm der Bundeskanzlerin auf der Spur. Sie sieht sich deren Leben von ihrer Geburt als Tochter eines evangelischen Pastors in Hamburg bis 2015 an und betrachtet jeden Abschnitt aus verschiedenen Winkeln. Der Zweck des Buches ist trotz der entgegengesetzten politischen Ausrichtung der beiden Frauen nicht, Merkel zu verunglimpfen oder der Lächerlichkeit preiszugeben. 

Schramm geht analytisch und einigermaßen chronologisch vor und versucht, Angela Merkel zu verstehen und zu ergründen. Das ist nicht so einfach, denn die Kanzlerin gehört nicht zu den Menschen, die das Herz auf der Zunge tragen.

Schramm entdeckt sogar - man mag es kaum glauben - Parallelen zwischen Angela Merkel und Helmut Schmidt. Beiden schreibt sie eine hanseatische Gelassenheit zu und eine Politikausrichtung, die sich an den Erfordernissen des aktuellen Moments ausrichtet. 

Doch auch die Eltern Kasner sowie Angela Merkels jüngere Geschwister Irene und Marcus Kasner werden in den Blick genommen. Inwieweit haben sie dazu beigetragen, dass Angela Merkel die wurde, die sie heute ist? Es geht auch um ihren ersten Mann, dessen Namen sie auch nach ihrer zweiten Heirat behalten hat, sowie die politischen Weggefährten, mit denen sie zum Teil sehr gut zusammengearbeitet, sie in manchen Fällen aber auch politisch ermordet hat. Helmut Kohl war ihr bekanntestes Opfer; als "Vatermörderin" wurde sie damals bezeichnet, als sie mithilfe eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Dezember 1999 wegen der Spendenaffäre den Mann vom Thron stieß, der sie als Ziehvater in ihrer Polit-Karriere unterstützt hatte.

Julia Schramm bindet immer wieder amüsantes aus Merkels Leben ein, ihr Buch ist nicht als trockenes wissenschaftliches Werk zu sehen. Da ist zum Beispiel die Geschichte mit der gelben Bluse. Für die junge Angela Kasner war die BRD im Prinzip das Land, in dem Milch und Honig fließen. Eines Tages wünschte sie sich von ihrer Verwandtschaft in Hamburg, von der immer wieder Pakete geschickt wurden, eine gelbe Bluse. So etwas war in der DDR nicht aufzutreiben. Doch sie konnte kaum glauben, was ihre Tante ihr daraufhin antwortete: Auch in der BRD gab es weit und breit keine gelben Blusen, weil diese gerade nicht in Mode waren.

Die Kasners waren keine "normale" DDR-Familie. Sie wurden zunächst misstrauisch beäugt, und die Stasi hat sich das vom Vater betriebene Weiterbildungszentrum für Theologen in Templin in der Uckermark genau angesehen. Angela Merkel hat selbst eingeräumt, dass ihre Kindheit dazu geführt habe, kommunikativ vorsichtig zu sein.

Wie war's?

 

Fifty Shades of Merkel ist so etwas wie ein Angela-Merkel-Rundumschlag, den Julia Schramm so objektiv wie nötig und mit einem gewissen Abstand verfasst hat. Das Buch gibt viele neue Einblicke in das Leben und die Denkweise der Kanzlerin und bleibt dabei im positiven Sinn unterhaltsam.

Fifty Shades of Merkel ist bei Hoffman und Campe erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 15 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro. 
Ich habe das E-Book über die Onleihe bezogen.

Online (fast) gratis eBooks ausleihen - wie geht das?

Vor ein paar Monaten bin ich auf eine Möglichkeit
gestoßen, so gut wie gratis ständig an neuen Lesestoff zu kommen. Mittlerweile weiß ich, dass es sie schon seit einigen Jahren gibt, aber ihr Angebot immer mehr ausgeweitet wurde. Die Rede ist von der onleihe. Um daran teilnehmen zu können, benötigt man ein internetfähiges Endgerät und einen Leseausweis einer öffentlichen Stadtbibliothek, die an diesem Service teilnimmt.

Die Stadtbibliothek meines Wohnortes stellt dieses Anegbot leider nicht zur Verfügung, deshalb bin ich auf die Nachbarkommune ausgewichen. Dort habe ich eine einmalige Gebühr von 2,60 Euro bezahlt und den Hinweis bekommen, dass ich die Gültigkeit meines Leseausweises einmal pro Jahr telefonisch verlängern muss. Dafür fallen keine Kosten an. Das ist nicht überall so: Wie viel für einen Leseausweis und damit für die Teilnahme an der onleihe bezahlt werden muss, ist von Bibliothek zu Bibliothek unterschiedlich.

Über eine eigens eingerichtete Homepage melde ich mich mit der Nummer meines Leseausweises und einem Passwort an und habe dann Zugang zu E-Books, Videos, E-Papers und E-Magazines. Die Verfügbarkeit sowie die maximale Ausleihdauer werden direkt neben dem Medium angezeigt. Sofern eines davon nicht sofort verfügbar ist, besteht die Möglichkeit, sich per E-Mail informieren zu lassen, sobald es zurückgegeben wurde.

Die Rückgabe erfolgt automatisch nach dem Ablauf der Ausleihfrist. Deshalb fallen keine Säumnisgebühren an. Die Medien können beliebig oft ausgeliehen werden, gleichzeitig kann man zehn Medien nutzen. Im Informationsblatt, das mir mit dem Leihausweis ausgehändigt wurde, wurde darauf hingewiesen, dass die Medien dieser Bibliothek nicht mit Kindle-Geräten kompatibel sind. Ich weiß aber, dass das in den einzelnen Stadtbüchereien unterschiedlich gehandhabt wird. Auch die anfallenden Gebühren variieren und müssen vor Ort nachgefragt werden.

Auf mich hat die onleihe einen sehr guten Eindruck gemacht: Sie hat mich durch ihre unkomplizierte Handhabung, die gute Darstellung der Bücher (andere Medien habe ich noch nicht ausprobiert) und die unschlagbar günstigen Kosten überzeugt.
Aber beim Lesen bleibe ich trotzdem altmodisch: Mir ist ein richtiges Buch mit echten Seiten grundsätzlich lieber. Aber angesichts des geringen Gewichts und der besseren Handhabbarkeit ist ein E-Reader für unterwegs die bessere Wahl.