Der Roman Der Graf Luna von Alexander Lernet-
Holenia wurde bereits 1955 veröffentlicht und ist damit über siebzig Jahre alt. Wer ist eigentlich dieser Autor? Hat man schon mal von Alexander Lernet-Holenia gehört?
Das hat man tatsächlich, es ist aber bereits Jahrzehnte her. Der Schriftsteller wurde 1897 in Wien geboren und verstarb 1976. Die Zeit seiner größten Popularität lag zwischen dem Ende der 1920-er und dem Beginn der 1960-er Jahre. Bis zu seinem Tod gehörte er zu Österreichs bekannten Autoren, danach geriet er als gelesener Autor immer mehr in Vergessenheit. Heute ist er vor allem Kennern der österreichischen Literatur ein Begriff.
Doch Der Graf Luna wurde nun von Verleger Albert Eibl gewissermaßen dem Vergessenwerden entrissen. 2014 gründete Eibl in Wien den DVB Verlag, dessen Name sich vom Zweck des Unternehmens ableitet: Das vergessene Buch. Hier veröffentlicht der gebürtige Münchener bislang vergessene Bücher und sagt auf der Verlags-Homepage: "Fernab großartig durchdachter pekuniärer Gewinnerwartungsstrategien sollen im DVB Verlag in den nächsten Jahren weiterhin herausragende Werke der deutschsprachigen Literatur erscheinen, die zu Unrecht vergessen wurden [...]"
Das klingt ambitioniert und interessant, womit ich endlich zu Lernet-Holenias Roman komme.
Im Mittelpunkt steht der wohlhabende Wiener Transportunternehmer Alexander Jessiersky, dessen Reichtum auf dem Vermögen der Mutter und den kompetenten Mitarbeitern seines ererbten Unternehmens beruht. Jessiersky interessiert sich für die Firma nur, weil sie ihm seinen bequemen Lebensstil sichert, und taucht in deren Büros nicht öfter als nötig auf.
Er erlebt die Machtübernahme der Nationalsozialisten und den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich. Er sieht die Entwicklung kritisch, hält sich aber mit entsprechenden Äußerungen zurück, weil sein Unternehmen von ihr profitiert.
Es kommt der Tag, an dem ihm seine Direktoren empfehlen, zu Expansionszwecken Ländereien eines Grafen Luna zu kaufen. Jessiersky ist der Vorgang gleichgültig, er lässt ihnen wie immer freie Hand. Doch der Graf ist will nicht verkaufen, sodass die Direktoren einen anderen Weg gehen: Sie denunzieren den Mann, sodass er verhaftet und ins KZ Mauthausen gebracht wird. Der Weg für die Firmenerweiterung ist frei. Luna wird später in das KZ Ebensee gebracht, einem Außenlager des KZ Mauthausen. Um sein Gewissen zu beruhigen, schickt Jessiersky dem Gefangenen regelmäßig Lebensmittelpakete. Dann verliert sich dessen Spur. Es ist am wahrscheinlichsten, dass er im KZ ums Leben gekommen ist.
Jessiersky bereut seine Passivität, als er vom Schicksal des Grafen erfährt, aber es gibt kein Zurück. Um sein Gesicht zu wahren, klärt er den Sachverhalt nicht auf.
Nach dem Krieg, zu Beginn der 1950-er Jahre, meint eines von Jessierskys Kindern, auf einem gerade angeschafften Ölbild, das einen Unbekannten im Harnisch zeigt, den Mann zu erkennen, der ihm im Park mehrmals Süßigkeiten geschenkt hat. Jessierksy ist alarmiert: Der abgebildete Mann hat große Ähnlichkeit mit dem Grafen Luna, den Jessiersky bislang nur auf einem Foto gesehen hat. Er ist sicher: Der totgeglaubte Graf lebt und will sich an ihm rächen.
Lernet-Holenias Geschichte gleitet im Lauf der Handlung immer stärker in Jessierskys wahnhaftes Verhalten ab. Er fühlt sich von dem Grafen verfolgt, will aber für sein Verhalten gegenüber Luna keine Verantwortung übernehmen. Jessierskys Handeln bekommt paranoide Züge und er schreckt auch nicht davor zurück, Menschen zu töten. Als ihm die Polizei auf den Fersen ist, ersinnt er einen Plan, um sich wieder einmal der Verantwortung für seine Taten zu entziehen.
Alexander Lernet-Holenia beschreibt seinen Protagonisten Jessiersky als jemanden, der vom Nationalsozialismus nicht überzeugt, aber ein egozentrischer Mitläufer ist. Mit jeder Handlung, mit der sich der Unternehmer vor Lunas Rache schützen und den Grafen ausschalten will, vollzieht sich ein weiterer Schritt in einen Abwärtsstrudel - auch räumlich. An die Folgen, die sein verblendeter Privatfeldzug für seine Familie hat, denkt er nicht.
Lesen?
Der Roman hat durch Passagen, die Jessierskys fiebrige Suche nach Abstammungen und Adelsgeschlechtern schildern, zwar einige Längen. Letztlich vertiefen diese aber beim Lesen den Eindruck des Wahnhaften in Jessierskys Wesen. Der Graf Luna hält dem klassischen Typus des Mitläufers den Spiegel vor: nicht auffallen, aber sich bietende Vorteile nutzen. Menschen wie Jessiersky begegnet man auch heute immer wieder: Sie sehen Verantwortung nicht bei sich, sondern bei Vorgesetzten, Behörden oder den politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Alexander Lernet-Holenia zeigt, dass Schuld nicht nur durch aktives Handeln, sondern auch durch Unterlassen und Verdrängung entstehen kann.
Der Graf Luna wurde am 3. Juli 2026, dem 50. Todestag von Alexander Lernet-Holenia, bei Das vergessene Buch - DVB Verlag GmbH in einer leicht überarbeiteten Fassung herausgegeben. Es enthält ein ausführliches Nachwort von Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder (Universität Wien) über das Leben und Werk von Alexander Lernet-Holenia.
Das Buch kostet als gebundene Ausgabe mit Lesebändchen 26 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.









