Neunzehn Jahre nach der Veröffentlichung des Romans
The Incident Report von Martha Baillie und zwei Jahre nach dessen Verfilmung ("Darkest Miriam") erschien das Buch nun auch auf Deutsch: In Besondere Vorkommnisse arbeitet die 35-jährige Miriam Gordon in einer öffentlichen Bibliothek in Toronto. Von ihrer Vorgesetzten wird sie gebeten, alle besonderen Vorkommnisse auf einem Formblatt zu protokollieren. Das tut Miriam, und zwar 144 Mal.
Eine Bibliothek ist ein vielversprechender Schauplatz für einen Roman. Tag für Tag treffen dort Menschen aufeinander, die sich sonst kaum begegnen würden. Es gibt Stammgäste und zufällige Besucher, eigenartige Anliegen, kleine Konflikte und gelegentlich Situationen, die aus dem Rahmen fallen. Miriam hält sich nicht an die Vorgaben des Vordrucks, sondern erstellt Fließtexte über die Vorkommnisse, die sie in ihrer Schreibtischschublade aufbewahrt.
Die Ausgangsidee hat ihren Reiz. Aus den nüchternen Aufzeichnungen könnte sich allmählich ein vielschichtiges Bild der Bibliothek und der Menschen ergeben, die sie nutzen. Auch Miriam selbst, die zunächst eher beobachtet als handelt, könnte nach und nach Konturen gewinnen. Doch das gelingt nur begrenzt. Die einzelnen Episoden bleiben häufig emotionslos. Statt einer lebendigen Atmosphäre entsteht der Eindruck eines weitgehend leblosen Ortes, an dem zwar einiges geschieht, aber nur wenig davon wirklich berührt.
Das liegt auch an der fragmentarischen Form des Romans. Die kurzen Berichte, die manchmal nur wenige Worte beinhalten, reihen sich aneinander, ohne einen wirklichen Sog zu entwickeln. Ein Spannungsbogen ist kaum erkennbar. Zwar gibt es rätselhafte Briefe, die mit „Rigoletto“ unterzeichnet sind, und Miriam begegnet dem slowenischen Taxifahrer und Künstler Janko, mit dem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Doch auch diese Elemente tragen die Handlung nicht. Sie wirken weniger wie selbstverständlich aus der Geschichte hervorgegangene Entwicklungen als wie Versuche, dem Roman mehr Tiefe und Spannung zu verleihen.
Manches erscheint konstruiert. Einige Figuren und Begegnungen wirken nicht wie Beobachtungen aus einem tatsächlichen Bibliotheksalltag, sondern wie gezielt platzierte Bestandteile eines literarischen Konzepts. Der Roman möchte offenbar von Einsamkeit, Verletzlichkeit und der vorsichtigen Annäherung zweier Menschen erzählen. Doch weil die Figuren auf Distanz bleiben, gelingt das nur begrenzt.
Auch die lakonische Erzählweise trägt dazu bei, dass kaum Nähe entsteht. Sogar als eine Katastrophe passiert, die Miriams Leben erschüttert und ihre Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Partner vernichtet, behält sie ihre nüchterne Erzählweise bei. Nur an der Entscheidung, was sie in ihrem Leben ändern will, ist abzulesen, wie sehr Miriams Leben aus den Fugen geraten ist. Nüchternheit kann einen besonderen Reiz haben, wenn hinter ihr eine spürbare Spannung oder eine untergründige Intensität liegt. In Besondere Vorkommnisse führt sie jedoch über weite Strecken dazu, dass die Handlung trotz aller Skurrilitäten gleichförmig wirkt.
Lesen?
Besondere Vorkommnisse beruht auf einer interessanten Idee, konnte mich aber nicht überzeugen. Die Atmosphäre bleibt leblos, ein tragfähiger Spannungsbogen fehlt, und mehrere Handlungselemente wirken zu deutlich konstruiert. Wer experimentelle, stark fragmentierte Romane schätzt, kann dem Buch wahrscheinlich mehr abgewinnen. Für mich blieb es trotz seines ungewöhnlichen Schauplatzes distanziert.
The Incident Report stand 2009 auf der Longlist des renommierten und hochdotierten kanadischen Giller Prize.
Besondere Vorkommnisse erscheint am 20. August 2026 im Klaus Wagenbach Verlag und kostet 24 Euro.









