Sonntag, 1. August 2021

# 301 - Königin Olga, die gute Seele von Württemberg

 Der Text auf dem Schutzumschlag beginnt mit den Worten: "Bis heute ist sie unvergessen." Aber ich will ehrlich sein: Bevor ich das Buch Königin Olga - Die Zarentochter auf dem württembergischen Thron von Antje Windgassen zur Hand genommen habe, hat mir ihr Name nichts gesagt. 

Die württembergische Königin Olga wurde 1822 geboren und war das dritte Kind von Zar Nikolaus I. und seiner Frau, der Zarin Alexandra Fjodorowna. Sie wuchs behütet und sorgenfrei im Kreis ihrer Familie auf, was auch daran lag, dass die Ehe ihrer Eltern nicht arrangiert worden war, sondern aus Liebe geschlossen wurde. Das war für den Adel der damaligen Zeit ungewöhnlich, doch Nikolaus und Alexandra ließen ihren sieben Kindern bei der Wahl ihrer Partner oder Partnerinnen freie Hand.

Olga verliebte sich in den Kronprinzen Karl von Württemberg, und die beiden heirateten 1846 in St. Petersburg. Damit war Olga für damalige Verhältnisse ein "spätes Mädchen". Sie wünschte sich immer eine große Familie und war vom ambivalenten Verhalten ihres Mannes sehr irritiert: Tagsüber kümmerte er sich vorbildlich um seine Frau und zeigte ihr seine Verehrung und Liebe - doch am späten Abend brachte er Olga bis zur Tür ihres Schlafgemachs und verabschiedete sich dann von ihr.

Doch der Tag kam, an dem er seiner Frau gestand, dass er zwar starke Gefühle für sie habe, er sexuell sich aber nur zu Männern hingezogen fühlt. Olgas Traum, Mutter vieler Kinder zu werden, zerplatzte. Doch sie bewies Größe: Karl sollte seine Beziehungen zu Männern zwar ausleben, dies sollte aber diskret geschehen, um keinen Skandal heraufzubeschwören.

Olga hat sich als Königin von Württemberg um mehrere karitative Einrichtungen gekümmert, was sie sehr beliebt gemacht hat. Ihr lagen besonders die Bildung von Mädchen sowie die Unterstützung von behinderten oder im Krieg verwundeten Menschen am Herzen. Auf ihr Engagement gehen auch die Einrichtung einer Krankenpflegeschule und die Versorgung der einhundert Ortschaften auf der Schwäbischen Alb mit Wasser zurück.

Ihr Kinderwunsch sollte sich dann doch noch erfüllen - auf eine andere Weise, als sich Olga das vorgestellt hatte. Die Freude darüber wurde später von einer großen Illoyalität ihres Mannes überschattet, der dafür teuer bezahlen musste.

Lesen?

Königin Olga - Die Zarentochter auf dem württembergischen Thron ist ein interessantes Buch, das durch die eingestreuten persönlichen Erinnerungen Olgas sehr authentisch ist. Diese Aufzeichnungen sind zwischen April und Oktober 1892 entstanden, als Königin Olga spürte, das ihr nicht mehr viel Zeit bleiben würde.
Antje Windgassen hat sich fast durchgehend an die zeitliche Abfolge der Ereignisse gehalten, sodass man nicht nur viel über die deutsche, sondern auch die europäische Geschichte erfährt. Sie streift beispielsweise die Hungersnöte, die zur massenhaften Auswanderung von Württembergern führten, ebenso wie das "Jahr ohne Sommer": Durch einen Vulkanausbruch auf einer indonesischen Insel im Jahr 1815 sanken die Temperaturen ein Jahr später in Teilen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz so dramatisch, dass noch im Mai 1816 die Brunnen zufroren und ab Juni so viel Regen fiel, dass das Getreide verfaulte. Viele Menschen starben; wer konnte, floh.

Wenn man Kritik am Buch üben wollte, dann die, dass es nicht den geringsten Makel an Olgas Charakter gegeben zu haben scheint. Auch die Stellung der Adelshäuser wirkt etwas entrückt, das gemeine Volk ist oft nur eine Randerscheinung. Der Verlag beschreibt den Titel jedoch als Romanbiografie, sodass man nicht den Rundumblick eines Sachbuchs erwarten sollte. 

Die teilweise sehr ähnlichen Namen der Angehörigen des Adels und ihre Verwandtschaftsbeziehungen sind verwirrend, aber das am Ende des Buches angefügte Personenverzeichnis hilft bei der Orientierung. Ein Glossar erklärt außerdem Begriffe, die für uns nicht (mehr) alltäglich sind.

Antje Windgassens flüssiger Schreibstil sorgt für etliche Stunden Lesevergnügen, weshalb ich dieses Buch empfehlen kann.

Königin Olga - Die Zarentochter auf dem württembergischen Thron ist 2021 im Südverlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro.

Freitag, 23. Juli 2021

# 300 - Robert Koch - eine Spurensuche

Spätestens seit dem Beginn der Covid-19-Pandemieist der Name Robert Koch in aller Munde: Das nach ihm benannte Robert Koch-Institut sammelt und veröffentlicht die zur Risikoeinschätzung nötigen Daten und gibt auch Informationen zu anderen Erkrankungen wie z. B. der Influenza heraus. 

Was bringt man mit diesem Namen noch in Verbindung? Der Mikrobiologe, Mediziner und Hygieniker Koch entdeckte das für die Infektionskrankheit verantwortliche Bakterium, gilt als einer der Begründer der modernen Bakteriologie und bekam 1905 in Anerkennung seiner Leistungen auf dem Gebiet der Tuberkuloseforschung den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

Doch was Robert Koch darüber hinaus ausgemacht hat, ist kaum bekannt. Was trieb ihn an? War er kritikfähig? Ein Altruist? Ein Menschenfreund? Ein guter Ehemann? Ein verlässlicher Freund? Michael Lichtwarck-Aschoff nähert sich Koch in seinem Buch Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes an. Mithilfe von Originaldokumenten wie beispielsweise von Koch verfassten wissenschaftlichen Arbeiten und Aufsätzen zeichnet er in Romanform ein Bild des vielfach bewunderten Wissenschaftlers, das hier allerdings einige Risse bekommt.

Der erste Teil des Buches beschreibt das Leben Kochs im Jahr 1903 in Berlin. Dort wohnte er mit seiner ersten Frau Fanny, dem Mediziner Walther Hesse und dessen Frau, einem etwas verschrobenen Gärtner (der viele von Kochs Ansichten nicht teilte) sowie einem Affen mit einem Faible für kunterbunte Militäruniformen zusammen. Koch unterhielt enge Beziehungen zum Kriegsministerium, namentlich zu Minister Karl von Einem, der im Ersten Weltkrieg Generaloberst wurde. Schon hier ahnt man, worum es bei der Typhusforschung im Kern ging: die deutschen Soldaten gesund und damit kriegsfähig zu erhalten. Dafür war das Kriegsministerium bereit, Kochs Forschungsarbeit mit viel Geld zu unterstützen. Für den Wissenschaftler Koch war diese Form der Vereinnahmung kein Problem; man hat ohnehin immer wieder den Eindruck, dass er die Erkrankten weniger als Menschen, sondern mehr als Forschungsobjekte betrachtete. Den Status ihrer körperlichen Verfassung beurteilte er anhand von entnommenen Blut-, Urin- und Stuhlproben, die Menschen sah er sich nicht näher an.

Im zweiten Teil des Romans kommt mit Johann Kindsmüller ein Soldat zu Wort, der 1906 an Robert Kochs Expedition nach Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Burundi und Ruanda) teilgenommen hatte. Er war 1925 Patient in einer Nervenklinik in Ingolstadt und wurde dort von einem Psychiater befragt. Robert Koch war von der preußischen Regierung damit beauftragt worden, die Ursachen für die Schlafkrankheit herauszufinden. Die oft tödliche Krankheit war in Afrika zu einer Epidemie geworden, und die Kolonialherren sorgten sich, dass durch sie die Zahl der zur Verfügung stehenden Arbeiter zu sehr dezimiert werden könnte. Die Menschen sollten nicht krank werden, sondern für den Aufbau der Infrastruktur sorgen. Die Gruppe, zu der Kindsmüller gehörte, war mit der ihnen anvertrauten Aufgabe, die erkrankten Einheimischen zu internieren, zu versorgen, ihnen Proben zu entnehmen und sie einem äußerst brutalen Experiment mit dem arsenhaltigen Präparat Atoxyl zu unterziehen, komplett überfordert. Atoxyl durfte in Deutschland wegen seiner Gefährlichkeit nicht mehr eingesetzt werden, im fernen Afrika interessierte das niemanden. 

Das Grauen, das der Soldat während dieser Zeit erlebt hat, ließ ihn sein Leben lang nicht mehr los: Im Lager waren katastrophale hygienische Bedingungen, die Atoxyl-Spritzen waren äußerst schmerzhaft und für tausende Menschen tödlich. Viele Menschen erblindeten durch diese "Behandlung" dauerhaft - was auch Koch bekannt sein musste, da diese Wirkung schon damals in der Fachliteratur beschrieben wurde. Kindsmüllers Seele war zerstört und damit auch seine Zukunft. Robert Koch hat sich um das Team nicht gekümmert, sondern ist in einem Camp direkt am Victoriasee geblieben. Ihm waren nur die regelmäßigen Berichte, die ihn aus dem Lager erreichten, wichtig.

Im letzten Abschnitt steht die amerikanische Ärztin Sara Josephine Baker im Mittelpunkt. Baker hatte sich dem Kampf gegen Erkrankungen verschrieben, die um das Jahr 1900 herum im New Yorker Slum "Hell's Kitchen" gehäuft auftraten. Auch Typhus gehörte dazu. Schon zu Beginn ihrer Berufstätigkeit war es ihr gelungen, die irische Einwanderin Mary Mallon in ihren Verstecken aufzuspüren. Mallon war der erste Mensch in den USA, bei dem Typhuserreger nachgewiesen worden waren, der aber nicht erkrankte. Als sog. Dauerausscheiderin steckte sie als Köchin, die in wohlhabenden Privathaushalten arbeitete, über 50 Menschen mit Typhus an, einige von ihnen starben. Die von der Presse als "Typhoid Mary" betitelte Frau war die Personifizierung von Robert Kochs großem Irrtum, von dem im Buchtitel die Rede ist. Um niemanden mehr anzustecken, verbrachte sie 26 ihrer 69 Lebensjahre in Quarantäne in einem New Yorker Krankenhaus.

Lesen?

Über viele berühmte Persönlichkeiten, die fachlich Großes geleistet haben weiß man, dass ihr Charakter ethisch und moralisch eine gähnende Leerstelle aufweist. Hier reiht sich auch Robert Koch ein: Ihm gingen die Wissenschaft und seine fachliche Reputation über alles, die Einheimischen in Deutsch-Ostafrika waren für ihn unrein und minderwertig. Er vertrat außerdem die Meinung, dass Infektionskrankheiten durch die Isolation der Erkrankten begegnet werden kann: Die an der Schlafkrankheit Erkrankten sollten in Internierungslager gebracht werden. Da die Menschen dort sowieso früher oder später stürben, würden seiner Meinung nach nur die Gesunden übrig bleiben.

Michael Lichtwarck-Aschoff hat sich an die historischen Fakten gehalten und war nur bei den korrekten Datierungen etwas kreativ: Er weist selbst darauf hin, dass Robert Koch der Nobelpreis vor der Expedition nach Deutsch-Ostafrika und nicht danach verliehen wurde.

Robert Kochs Affe - Der grandiose Irrtum des berühmten Seuchenarztes gibt einen interessanten Einblick in die deutsche Kolonialgeschichte und die Entwicklung der Bakteriologie. Leseempfehlung!

Das Buch ist 2021 im Hirzel Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 21,90 Euro.


Freitag, 16. Juli 2021

# 299 - Wie Augsburg zu seiner Puppenkiste kam

Wer kennt sie nicht: Lukas, den Lokomotivführer, Urmel aus dem Eis, Kater Mikesch oder Frau Mahlzahn? Wer die Aufführungen der Augsburger Puppenkiste nicht live vor Ort verfolgen konnte, saß oft vor dem Fernseher, um die Abenteuer der Puppen zu sehen.

Vor 73 Jahren hat der Schauspieler Walter Oehmichen die heutige Augsburger Puppenkiste gegründet. Ihr Vorläufer war der sog. "Puppenschrein": Oehmichen war während des Zweiten Weltkriegs in Calais stationiert und hatte dort die deutschen Soldaten mit selbstgemachten Puppen unterhalten. Wieder zurück in Augsburg baute er ein mobiles Haustheater, das nur einen Türrahmen und einen Tisch benötigte. Damit gab er auch im Krankenhaus Vorstellungen.

Ein Bombentreffer zerstörte den Puppenschrein. Oehmichen musste erneut in den Kriegsdienst, wurde jedoch wegen einer Erkrankung in eine Darmstädter Klinik eingeliefert. Dort lernte er einen Holzbildhauer kennen, der ihm das Schnitzen beibrachte. Der Grundstein für die spätere Augsburger Puppenkiste wurde dort mit den ersten beiden Figuren gelegt.

Mit diesen Anfängen der Augsburger Puppenkiste beschäftigt sich Thomas Hettches Roman Herzfaden. Dieses Wort stammt von Oehmichen und ist keine Erfindung des Autors. Oehmichen bezeichnete so den wichtigsten Faden seiner Puppen, denn er "macht uns glauben, sie sei lebendig, denn er ist am Herzen der Zuschauer festgemacht".

Hettche schildert die Geschichte des Puppentheaters aus der Sicht von Hannelore Oehmichen, eine der Töchter von Walter Oehmichen. Sie, die von allen "Hatü" genannt wurde, war es, der die Arbeit in er Puppenkiste mindestens so am Herzen lag wie ihrem Vater. Doch der Autor bringt noch einen weiteren Dreh hinein: Das Buch beginnt damit, dass ein zwölfjähriges Mädchen mit seinem Vater eine Vorstellung der Puppenkiste besucht, obwohl es das für Kinderkram hält. Es versteckt sich und findet zufällig eine Holztür, die auf einen in Mondlicht getauchten Dachboden führt. Mit jeder Stufe, die nach oben führt, schrumpft das Mädchen ein Stückchen. Als es den Dachboden erreicht hat, ist das Mädchen nur noch so groß wie eine Marionette. Dort oben trifft es nicht nur auf die bekanntesten Figuren der Augsburger Puppenkiste, die lebendig geworden sind und sprechen können, sondern auch auf den Geist der längst verstorbenen Hatü, der vom eigenen Leben und dem Werdegang der Puppenkiste erzählt.

In dieser Erzählung ist die deutsche Geschichte während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit eingeflochten. Hatü schildert, was sie als Kind und junge Erwachsene wahrgenommen und erlebt hat: die Probleme des Kriegsalltags ohne den Vater, die Deportationen von Juden aus der Nachbarschaft, die unentschlossene Haltung von Walter Oehmichen, der kein Nazi, sondern eher ein unauffälliger Mitläufer war.

Hatü spricht auch über ihre Angst vor dem Kasperl, die sich auch auf dem Dachboden immer wieder zeigt. Ihn hat sie während eines Aufenthalts der Kinderlandverschickung geschnitzt und ihm unbewusst Merkmale zugefügt, die von den Nazis als antisemitische Stereotype propagiert wurden. Das schleichende Gift der nationalsozialistischen Propaganda hatte sich auch bei der kleinen Hatü ausgebreitet, ohne dass es ihr zunächst bewusst geworden war. Seitdem fürchtet sie sich vor ihrer eigenen Marionette.

Lesen?

Herzfaden ist mit seinem Wechsel zwischen Hatüs Rückschau und den Szenen auf dem Dachboden ein modernes Märchen, das dazu beiträgt, nicht nur die Geschichte der Augsburger Puppenkiste, sondern auch Deutschlands ein Stück weit lebendig und im Gedächtnis zu behalten. Leseempfehlung!

Thomas Hettche hat bereist zahlreise Preise für seine Werke erhalten. Herzfaden stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2020.

Herzfaden ist 2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Freitag, 9. Juli 2021

# 298 - Wie funktioniert die Bildung von Schwärmen?

Prof. Helmut Satz hat sich in seinem Buch Heuschrecken haben keinen König ganz den Fragen gewidmet, wie und warum es in der Tierwelt zur Bildung von Schwärmen kommt, wie die einzelnen Schwarmmitglieder aufeinander reagieren und was Tiere dazu bringt, sich "getaktet" zu verhalten. Doch Satz belässt es nicht dabei, sondern spannt den Bogen auch in die Physik (seinem eigenen Fachgebiet), die Mathematik und die Informatik.

Das Buch richtet sich ausdrücklich an Laien und kommt mit wenigen mathematischen Formeln aus. Wer weniger mathebegeistert ist, kann diese kurzen Passagen überspringen, ohne den Faden zu verlieren.

Es wird deutlich, welche Unterschiede es bei der Schwarmbildung zwischen Vögeln und Insekten gibt, wann auch Menschen sich als Teil eines Schwarms verhalten, wovon Wissenschaftler vor einigen hundert Jahren ausgegangen sind (Stichwort: Telepathie bei Vögeln) - und wo die Grenzen des aktuellen Wissens liegen.

In 21 Kapiteln beleuchtet Satz die komplexe Thematik, indem er sich unterschiedlichen Tierarten zuwendet und auch auf die Kommunikation von Tieren innerhalb eines Schwarms eingeht. Wer noch mehr einsteigen möchte, kann das mit den beiden Anhängen tun. Sie bieten dann auch Stoff für alle, die sich den geschilderten Phänomenen mathematisch nähern wollen.

Das Buch wird durch ein Literatur-, Personen- und Sachverzeichnis abgerundet.

Lesen?

Heuschrecken haben keinen König ist auch für Laien gut lesbar, weil fast völlig auf die sonst in Fachbüchern übliche wissenschaftliche Formulierung verzichtet wird. Trotzdem gehört es zu den anspruchsvollen Sachbüchern und lässt sich aufgrund seines nicht populärwissenschaftlichen Schreibstils nicht "in einem Rutsch" lesen. Interesse an der Thematik sollte also vorhanden sein, wenn man das Buch zur Hand nimmt.

Heuschrecken haben keinen König ist 2021 beim Verlag Wiley-VCH erschienen und kostet als broschierte Ausgabe 24,90 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.

Freitag, 2. Juli 2021

# 297 - Mallorca, immer wieder Mallorca

Tessa Hennig ist bekannt für ihre unterhaltsamen und
locker geschriebenen Romane, die mit einer guten Prise Humor gewürzt sind. Da ist ihr neuestes Buch Erben wollen sie alle keine Ausnahme.

Bianca Stegemann ist fast 75, verwitwet und lebt allein in ihrem schönen Haus mit Meerblick auf Mallorca. Ihre in Deutschland wohnenden Kinder sind mit sich selbst beschäftigt und haben nur wenig Kontakt zu ihrer Mutter. Nur Enkelin Luisa besucht gern ihre Oma, wenn ihr das Medizinstudium die Zeit dazu lässt.

Biancas etwas eintöniges Leben bekommt neuen Schwung, als sie in Sollér in einem Hafencafé den einige Jahre jüngeren und gutaussehenden Wolfgang - "Wolfi" - kennenlernt. Die beiden verlieben sich sofort ineinander und schon nach wenigen Wochen schmieden sie Pläne: Wolfi schlägt eine gemeinsame Weltreise vor. Sein Enthusiasmus steckt Bianca an, und sie überlegt, ihr Haus zu verkaufen, um die Reise finanzieren zu können.

Als Biancas Kinder Anja und Steffen davon Wind bekommen, sehen sie ihr Erbe den Bach hinuntergehen. Sie laden sich selbst sowie Steffens Frau Yvonne und Luisa nach Mallorca ein. Unter dem Vorwand, mit ihrer Mutter deren 75. Geburtstag feiern zu wollen, reisen sie kurzfristig an. Und es kommt, wie es kommen muss: Wolfi hat ein Geheimnis, dem Steffen und Yvonne auf die Spur kommen.

Doch auch Bianca, die sich einige Zeit vor dem Tod ihres Mannes von ihm getrennt hatte, hat den wahren Grund für diesen Schritt all die Jahre für sich behalten. Tessa Hennig schafft es, ihre Leser zunächst auf die falsche Spur zu schicken, was der Handlung noch mehr Schwung gibt.

Lesen?

Erben wollen sie alle ist das richtige Buch für laue Sommerabende oder Tage auf der Sonnenliege. Ein bisschen Klischee, viel Gefühl und eine schwungvolle Handlung - Leseempfehlung!

Erben wollen sie alle ist im Juli 2021 im Ullstein Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 25. Juni 2021

# 296 - Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky hat die Handlung ihres Bestsellers Was
man von hier aus sehen kann
 in ein Dorf im Westerwald verlegt. Im Mittelpunkt steht Luise, deren Leben von ihrem zehnten bis etwa dreißigsten Lebensjahr nachvollzogen wird und die hier als Ich-Erzählerin auftritt.

Luises auffallendstes Wesensmerkmal ist ihre Passivität. Sowohl als Kind als auch Heranwachsende kann man über sie nur sagen: Sie läuft immer irgendwie mit. Das ist umso auffälliger, als die anderen Personen, mit denen sie ständig mehr oder weniger Kontakt hat, mindestens mit dem Attribut 'speziell' bedacht werden können. Ihre Großmutter Selma träumt hin und wieder von einer Begegnung mit einem Okapi, und alle im Dorf wissen, was das bedeutet: Innerhalb der nächsten 24 Stunden wird jemand von ihnen sterben. In einem Fall auch viel zu jung und zu tragisch. Doch Selmas Schwägerin Elsbeth weiß auch hier mithilfe ihres Aberglaubens Rat. Keinen Rat weiß sich leider der Optiker: Er war bis zu dessen Tod der beste Freund von Selmas Mann Heinrich. Heinrich lebt schon seit Jahrzehnten nicht mehr, und fast genau so lange liebt der Optiker die Witwe - hat aber nicht den Mut, ihr seine Gefühle zu gestehen. Luises Eltern nehmen wie der örtliche Einzelhändler, die mürrische und immer nörgelnde Marlies oder der Jäger Palm Nebenrollen ein, die restlichen Dorfbewohner spielen keine Rolle.

Das Dorf folgt den Klischees, das man ihm allgemein zuschreibt: Jeder bewegt sich in seinen Bahnen, man findet sich manchmal gegenseitig seltsam, hält aber zusammen, wenn es darauf ankommt. Was im Geheimen unter vier Augen erzählt wird, findet in kurzer Zeit seinen Weg zu vielen weiteren Ohren. Leky beschreibt diesen Zusammenhalt teils sehr amüsant, teils aber auch irritierend. Hier und da fragt man sich, wie viel Skurrilität eine Gemeinschaft verträgt, bevor jemand die Nerven verliert.

Selma ist unbestritten der Mittelpunkt des Dorfes oder zumindest derjenigen, die in diesem Roman eine Rolle spielen. An ihrem Küchentisch wird gelacht, getröstet und geweint. Sie gibt den Menschen um sich herum Halt und erlebt mit, dass sich ihre Enkelin Luise mit 22 Jahren verliebt. Luise hat Frederik zufällig am Waldrand in der Nähe des Dorfes kennengelernt. Er ist ein aus Hessen stammender buddhistischer Mönch und lebt in einem Kloster in Japan. Im Gegensatz zu ihr hat Frederik sich bewusst für dieses Leben entschieden, während Luise feststellt, dass ihr Dinge immer nur widerfahren sind und sie nie zu etwas Ja, sondern immer nur nicht Nein gesagt hat.

Die Liebe, die sich unerwartet in Luises Leben breitgemacht hat, droht wegen Frederiks Lebensentwurf und der großen Entfernung zwischen den beiden immer wieder unterzugehen. Zehn Jahre lang halten die jungen Leute per Brief und telefonisch den Kontakt. Luise bekommt immer wieder von ihrer Oma und dem Optiker einen dezenten verbalen Schubs, der sie daran erinnern soll, Frederik nicht aus den Augen zu verlieren. An diesem Punkt, als sie sogar dem Rat ihrer resignierenden Oma folgt, sich mit einem Mitschüler aus der Berufsschule zu treffen, ist Luises Trägheit kaum noch auszuhalten. Doch ein einschneidendes Ereignis bringt den Optiker dazu, einzugreifen - was Luise immer noch nicht möglich war.

Lesen?

Was man von hier aus sehen kann enthält viele Metaphern, die die Gefühle, Beziehungen und Verhältnisse quasi durch die Hintertür erklären. Leky schildert mit einem ganz besonderen Humor das scheinbar ereignislose Leben in diesem kleinen Dorf, das immer wirkt, als spielte sich außerhalb seiner Grenzen kaum etwas anderes Wesentliches ab.

Der Tod spielt in diesem Roman eine große Rolle. Jeder Todesfall verändert die Menschen, die davon betroffen sind, und lässt sie nicht nur spüren, dass ihr eigenes Leben ebenfalls endlich ist, sondern auch, dass die Zeit vergeht - und zwar immer schneller, je älter man wird. Und dass es für Veränderungen nie zu spät ist.

Was man von hier aus sehen kann ist ein Buch für Menschen, die die leisen und unaufgeregten Töne mögen und sich von manchmal etwas skurrilen Szenen nicht abschrecken lassen.

Was man von hier aus sehen kann ist 2017 im Dumont Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro, als E-Book 9,99 Euro sowie als Taschenbuch 12 Euro.

Freitag, 18. Juni 2021

# 295 - Wie werden wir in Zukunft leben und sterben?

Seitdem Menschen eine Vorstellung davon haben, dass es außer dem Hier und Jetzt auch noch eine Zukunft gibt, machen sie sich darüber Gedanken. Unsere Welt hält schon jetzt viele Möglichkeiten bereit, sich das Leben durch immer mehr Technik einfacher und komfortabler zu machen und Probleme aus dem Weg zu räumen. Doch wie weit dürfen Menschen gehen? 

Die britische Journalistin und Dokumentarfilmerin Jenny Kleeman hat sich in ihrem 2020 erschienen Buch Sex Robots & Vegan Meat: Adventures at the Frontier of Birth, Food, Sex and Death dieser Frage angenommen und einen Streifzug durch die kleinen und großen Labore dieser Welt unternommen. 2021 ist ihr Buch unter dem Titel Roboterland - Wie wir morgen lieben, leben, essen und sterben werden auf Deutsch erschienen.

Kleeman hat ihr Buch in vier Abschnitte aufgeteilt. Im ersten Teil geht es um die Entwicklung von Sexrobotern, die das, was man heute im Allgemeinen unter Sex Dolls versteht, weit übertreffen. Wenn die Entwickler dieser KI-gestützten Puppen recht behalten, werden Sexroboter nicht nur wie echte Menschen aussehen und sich wie sie anfühlen, sondern auch in der Lage sein, ihre Eigentümer auf ihre Art kennenzulernen. Damit sind nicht nur deren sexuelle Vorlieben gemeint, sondern auch ihr Lebensumfeld. Eine Sexpuppe der Zukunft soll mit "ihrem" Menschen Gespräche führen können, die sich nicht auf banale und vorprogrammierte Antworten begrenzen. Sie soll für die Kommunikation auf Informationen zurückgreifen können, die sie bereits über ihren Eigentümer gesammelt hat. Man kann hier ruhig von "den Eigentümern" sprechen, ohne jemanden zu benachteiligen: Sexpuppen werden fast ausschließlich von Männern gekauft. Wundert man sich darüber, dass sich viele der heutigen Kunden Sexpuppen wünschen, die widerspruchslos die Hausarbeit erledigen und ihnen jederzeit zur Verfügung stehen?

Im zweiten Teil beschäftigt sich Kleeman mit der Zukunft des Essens, speziell mit dem Verzehr von Fleisch und Fisch. Es hat sich ja mittlerweile herumgesprochen, dass tierische Nahrung für die Klimaentwicklung, den Bestand unserer Ressourcen und unsere Gesundheit alles andere als ein Hauptgewinn ist. In den Supermarktregalen finden sich heute immer mehr Produkte, die auf der Basis von pflanzlichen Bestandteilen wie z. B. Soja oder Erbsen tierische Lebensmittel imitieren. Ein in Niedersachsen ansässiger Wursthersteller, der 2019 zu den Top 10 seiner Branche gehörte, vermarktet seine vegetarischen und veganen Produkte so erfolgreich, dass er seit dem Sommer 2020 mit diesen mehr Umsatz macht als mit seinen klassischen Wurstprodukten.
Aber dass da noch eine Menge mehr geht, zeigt Kleeman anhand ihrer Beobachtungen, die sie bei ihren Besuchen in mehreren Laboren gemacht hat. Dort wird auf der Basis von tierischen Zellen Fleisch oder Fisch gezüchtet - für alle, die sich mit den Ersatzprodukten nicht zufrieden geben wollen. Die Idee des körperlosen Fleisches ist nicht neu, wird aber heute immer stärker perfektioniert. Die, die das tun, nennen ihr Produkt "Clean Meat", weil es nicht mit dem Geruch oder der Existenz von Fäkalien in Verbindung gebracht wird und dem Konsumenten kein Blut entgegentropft. Nicht zuletzt wird das Gewissen entlastet, da für dieses Kunstfleisch fast kein Tier leiden und geopfert werden musste.
Aber ist solch ein Aufwand wirklich nötig? Ist es nicht viel einfacher, auf diese aufwendige Kunstfleisch und -fisch-Entwicklung zu verzichten und gleich auf pflanzliche Ernährung umzusteigen? Ja, das wäre es. Aber in einem Interview, das Kleeman mit Bruce Friedrich, dem Geschäftsführer eines Think Tanks für die Marktbereiche Clean Meat und Fleisch auf Pflanzenbasis, führt, wird eine menschliche Schwäche deutlich, die leider nicht von der Hand zu weisen ist: die Fähigkeit des Verdrängens. Er erklärt, dass bereits seit Jahrzehnten immer wieder über die Schädlichkeit der industriellen Landwirtschaft aufgeklärt wird, aber 98 bis 99 Prozent der Menschen ihre Ernährung trotz der negativen Folgen für die Umwelt, Gesundheit und den Tierschutz nicht verändern. Friedrichs Empfehlung lautet darum: "Geben wir den Menschen, was sie wollen, doch kürzen wir die schädlichen Effekte heraus." Doch man ahnt es schon: Auch Clean Meat kommt nicht ganz ohne Tierleid aus.

Im dritten Kapitel geht es um die menschliche Fortpflanzung, genauer: um die Entwicklung einer künstlichen Gebärmutter, in der ein Fötus außerhalb des Körpers der Mutter heranwächst. Wie das so ist mit neuen Technologien, hat auch dieses als Ektogenese bezeichnete Verfahren neben den guten auch seine Schattenseiten. Frühchen, die unter den heute üblichen Bedingungen keine oder nur eine geringe Überlebenschance haben und bei denen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sie unter lebenslangen Beeinträchtigungen zu leiden haben, könnten sich in einer künstlichen Gebärmutter unter optimierten Bedingungen körperlich besser entwickeln. Doch schon gibt es erste Forderungen, Föten auch dann ihren Müttern zu entnehmen und sie sich per Ektogenese entwickeln zu lassen, wenn die Frauen als nicht ausreichend gesund angesehen werden oder man ihren Lebenswandel als nicht angemessen für eine Schwangere beurteilt. Auch, was es für Frauen bedeutet, auf diese Weise ein Kind zu bekommen, ohne eine Schwangerschaft zu durchleben, beleuchtet Kleeman sowohl aus feministischer Sicht als auch aus der Perspektive der Arbeitgeber - denen es in erster Linie um den Erhalt der Arbeitskraft der Frau geht. 

Im letzten Kapitel schildert Kleeman den womöglich künftigen Weg, den Menschen gehen könnten, wenn sie ihr Leben beenden wollen. Am Beispiel der 1997 in Australien gegründeten Organisation Exit International verdeutlicht sie deren grundsätzlich andere Sichtweise auf das Sterben und die Beweggründe, die dazu führen können, dass Menschen das eigene Leben beenden wollen. Deren Gründer Philip Haig Nitschke genügt der Wille eines Menschen zum Sterben; auf die Gründe, die zu dem Todeswunsch geführt haben, kommt es ihm nicht an. Das unterscheidet diese Organisation wesentlich von dem hier bekannteren schweizerischen Sterbehilfeverein Dignitas, der nach eigenen Angaben nur hilft, wenn ein Mensch unter einer sicher tödlich verlaufenden Erkrankung, nicht beherrschbaren Schmerzen oder einer unzumutbaren Behinderung leidet. So vage diese Voraussetzungen auch formuliert sind, so bilden sie wenigstens eine Art Entscheidungsgerüst.
Exit International wird von Nitschke dominiert, der sich im Laufe der Jahre immer neue Selbsttötungsmethoden überlegt hat. Wenn sie einen Showeffekt bieten, umso besser. Nitschkes Motive sind unklar: Vordergründig will er helfen, im Interview verwendet er jedoch das Vokabular eines Unternehmenschefs: Da ist dann von einem "erheblichen Wachstum" oder von Europa als einem "interessanten Großraum" die Rede. 

Lesen?

Der Originaltitel von Jenny Kleemans Buch trifft seinen Inhalt besser als der deutsche: Die Autorin hat Situationen erlebt, die abenteuerlich anmuten. Sie hat nicht nur die Protagonisten der "schönen neuen Welt" und deren Kunden befragt, sondern sich auch die Produkte näher angesehen - bis hin zur Verkostung von künstlich hergestelltem Fleisch.

Kleeman hat den Stil einer Reportage gewählt. Das hat den Vorteil, dass die Leser hautnah dabei sind, wenn eine Sexdoll-Werkstatt oder ein Forschungslabor besichtigt wird, in dem eine künstliche Gebärmutter mit einem Schafsfötus darin gezeigt wird. Hin und wieder streut sie Personenbeschreibungen ein, die ich überflüssig finde, die aber auch nicht vom Kernthema ablenken.

Im Epilog betont Jenny Kleeman, dass es noch keine der vorgestellten Innovationen zur kommerziellen Marktreife gebracht hat, man aber in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren damit rechnen muss. Es wird deutlich, dass alle diese Entwicklungen die Gesellschaft verändern werden - die meisten von ihnen wahrscheinlich zum Nachteil von Frauen.
Leseempfehlung!

Roboterland - Wie wir morgen lieben, leben, essen und sterben werden ist im Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 16 Euro.


Freitag, 11. Juni 2021

# 294 - Der große Sommer - eine Geschichte vom Erwachsenwerden in den 1980-ern

Ewald Arenz hat mit Der große Sommer einen
Coming-of-Age-Roman geschrieben, der in einem Jahr spielt, in der der 1965 geborene Arenz genauso alt war wie seine Hauptfigur Friedrich "Frieder" Büchner: 1981. 

1981 war das Jahr, in dem die SALT II-Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion scheiterten und das Wettrüsten neu Fahrt aufnahm. Eine Zeit der Unsicherheit und der Sorge, wann und wie diese Entwicklung ein Ende nehmen würde.

Was da in der Welt vorgeht, spielt für Frieder jedoch keine große Rolle. Er durchlebt seine eigene, ganz private Unsicherheit: Der Gymnasiast ist in der 9. Klasse gescheitert und kann seinen Verbleib in der Schule nur sichern, indem er die Nachprüfungen besteht. Seine Eltern eröffnen ihm, dass er nicht wie in den letzten Jahren mit ihnen und seinen Geschwistern ans Meer fahren, sondern die ganzen Sommerferien zum Lernen bei den Großeltern verbringen wird. Der Großvater ist ein angesehener Professor für Bakteriologie und streng mit sich und seinen Mitmenschen. Im Gegensatz zum Alltag in der eigenen achtköpfigen Familie erwarten Frieder dort Ruhe, ein geregelter Tagesablauf und Aufsicht. Frieder fügt sich und hakt die nächsten sechs Wochen im Geiste als gelaufen ab.

Doch die Zeit entwickelt sich völlig anders als gedacht. Frieder lernt im Freibad die gleichaltrige Beate kennen, die seine erste große Liebe wird. Die beiden verbringen die Nachmittage und Abende mit Frieders Schwester Alma und seinem besten Freund Johann. Im Gegensatz zu allem anderen, was für Frieder bislang passte und es jetzt nicht mehr tut - die Schule, die Schallplatten im Kinderzimmer, die Eltern - passt diese Gemeinschaft hundertprozentig.

Johann ist der, der den Takt vorgibt und vorschlägt, was man unternehmen könnte. Er ist auch der, der am coolsten wirkt und so, als könnte ihn nichts erschüttern. Doch mitten in den Ferien gibt es ein Ereignis, das seine Seele völlig aus der Bahn wirft. Sein für die Clique verändertes Verhalten ist irritierend und führt dazu, dass die Freundschaften plötzlich auseinanderbrechen und kein Stein auf dem anderen bleibt. 

Doch nicht nur in dieser Situation erweist sich der anfangs so skeptisch betrachtete Großvater als verlässlicher und pragmatischer Helfer, der um sein Handeln nicht viel Aufhebens macht. Frieder beginnt, seinen Blick auf ihn zu verändern.

Durch einen Zufall stößt er im Haus seiner Großeltern auf ein Tagebuch seiner Großmutter aus dem Jahr 1948. Er liest darin und erfährt Dinge aus der Familiengeschichte, die ihm bislang unbekannt waren. Manches, was er bislang nicht verstanden hatte, kann er nun nachvollziehen und in einem neuen Licht sehen. Auch das ist eine Zäsur mit Folgen.

Lesen?

Ich bin nur ein Jahr jünger als Ewald Arenz. Deshalb weckt vieles von dem, was er schreibt, Erinnerungen an meine eigene Jugend und das Lebensgefühl, das ich mit dieser Zeit verbinde. Hier spüre ich, dass jemand weiß wovon er schreibt und nicht Sekundärquellen heranziehen muss, bevor er den ersten Satz formuliert.

Arenz belässt es nicht dabei, seine Hauptfigur diesen einen Sommer erleben zu lassen. Er zeigt auch den erwachsenen Frieder, der regelmäßig auf den Friedhof seiner Heimatstadt geht, um ein bestimmtes Grab aufzusuchen. Dabei wird deutlich, dass Frieder nicht völlig mit sich im Reinen ist: Heute ist so ein Tag. Ein Tag, an dem ich mich frage, ob aus dem Jungen von damals dieser Mann werden musste, der zu früh aufwacht und überlegt, ob er sein Leben noch richtig lebt. (Seite 39)

Der Tod ist ein Motiv, das sich durch den Roman zieht. Frieder wird sehr nachdenklich, als er eigentlich nur seine Schwester, die in einem Altenheim arbeitet, dort besuchen will. Unvorbereitet findet er sich in einem Zimmer wieder, in dem sich eine alte Frau in der letzten Phase des Sterbens befindet und eine Schwester ihm und Alma genau erklärt, welche Anzeichen auf den nahen Tod hindeuten. Ihm wird zum ersten Mal klar, was der Tod bedeutet und dass sich die Erde danach weiterdreht.

Der letzte Sommer hat viele lebensfrohe und komische Facetten, wird aber immer wieder von Nachdenklichkeit und einem Hauch Melancholie durchweht. Leseempfehlung!

Der letzte Sommer ist 2021 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Freitag, 4. Juni 2021

# 293 - Die Schnüfflerin

Anne von Vaszary hat mit Die Schnüfflerin ihren ersten Krimi veröffentlicht. Im Mittelpunkt steht die 23-jährige Berlinerin Ninella-Pritilata Buck, die von allen nur Nina genannt wird. 

Nina ist bislang irgendwie durch ihr Leben geschlingert. Sie hat die Schule abgebrochen und sich mit kleinen Jobs über Wasser gehalten. Von ihrer Mutter wurde sie schon früh an die Oma weitergereicht, die immer versucht hat, den Spagat zwischen ihrem Beruf als selbstständige Hebamme und der Erziehung ihrer Enkelin zu schaffen. Die Oma, die immer die einzige Konstante für Nina war, ist seit fünf Jahren tot. Ihr Vater ist in Ninas Leben der große Unbekannte, über dessen Identität sich die Mutter ausschweigt. Die junge Frau fühlt sich allein und haltlos.

Aber schlimmer geht bekanntlich immer. Nina hat einen One-Night-Stand mit dem großmäuligen Aufreißer Ricky und wird prompt von ihm schwanger. Sie hat nichts dagegen, eine Familie zu gründen, aber doch bitte nicht mit diesem Spinner!

Als sie sich mit ihm in einem Restaurant verabredet, um ihm die frohe Botschaft mitzuteilen, hält ein merkwürdiger Geruch Nina davon ab, ihr Essen zu probieren. Durch die Schwangerschaft ist ihr Geruchssinn extrem sensibel geworden. Doch alle Gäste um sie herum - auch Ricky - fangen schon nach dem ersten Bissen an, nach Luft zu ringen und um ihr Leben zu kämpfen. Wie sich später herausstellt, wurde den Gerichten Zyankali beigemischt.

Da Nina als einzige ihr Essen nicht angerührt hat, wird sie für die Polizei automatisch zur Hauptverdächtigen. Doch Kommissar Koller, der für seine unkonventionellen Ermittlungsmethoden berüchtigt ist, spannt Nina für seine Zwecke ein. Er verfolgt gemeinsam mit ihr zahlreiche Spuren und nutzt ihren ausgeprägten Geruchssinn aus - wohl wissend, dass sie nur mitmacht, um ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis zu stellen.

Nina beeindruckt Koller immer wieder mit ihren logischen Schlussfolgerungen. Aber sein Misstrauen bleibt: Hat sie wirklich nichts mit dem Fall zu tun? Oder war sie tatsächlich nur zur falschen Zeit am falschen Ort?

Nina hat nicht nur gegen Kollers immer wieder aufflammende Zweifel an ihrer Unschuld zu kämpfen, sondern spürt, dass sie ihr Leben endlich in Ordnung bringen muss. Durch unerwartete Ereignisse erfährt sie, auf wen sie sich wirklich verlassen kann.

Lesen?

Nina ist in diesem Cosy-Krimi eine sympathische Protagonistin, die sich trotz aller Rückschläge nicht entmutigen lässt. Sie macht Die Schnüfflerin wegen ihrer Fähigkeiten zu einem ungewöhnlichen Buch und trägt dazu bei, dass das Interesse am Fortgang des Falls bis zur letzten Seite erhalten bleibt. Leseempfehlung!

Die Schnüfflerin ist 2020 im Knaur Verlag erschienen und kostet sowohl als Taschenbuch als auch als E-Book 9,99 Euro.



Freitag, 28. Mai 2021

# 292 - Eine Sammlung zauberhafter und bedeutungsvoller Wörter aus aller Welt

Der New Yorker Psychologe David Tripolina hat nicht nur ein Faible für sein Fachgebiet, sondern beschäftigt sich auch mit Sprache. Genauer: mit ungewöhnlichen Begriffen. "Panda" heißt auf Isländisch Bambusbjörn zeigt die nach Ansicht Tripolinas "schönsten Wörter der Welt".

Keine Frage: Die Auswahl kann nur subjektiv sein, das gibt der Autor auch zu. Doch er hat sich tatsächlich auf allen Kontinenten umgesehen und sein Buch nicht nur alphabetisch gegliedert, sondern auch einzelne Themenschwerpunkte gesetzt. 

Einer meiner Favoriten ist der Abschnitt "Höhepunkte aus dem deutschen Schimpfwörterbuch von 1838". Beim 'Bettbrunzer' steht mir sofort eine Person vor Augen, die jede Nacht viel Schuld am Klimawandel auf sich lädt. Bei der 'Arschkröte' muss es sich um eine Mutation handeln und beim 'Ofenpudel' um einen bemitleidenswerten Hund, der schleunigst gerettet werden sollte.

Beim Lesen wird deutlich, wie sehr Begriffe, die im ersten Moment lustig sind, etwas über die Mentalität der Menschen in einem Land aussagen.
'Bakku-Shan' gehört dazu: Dieser japanische Begriff steht für "ein hübsches Mädchen, solange man es nur von hinten sieht". Interessant daran: Es handelt sich um ein Kunstwort, das sich aus dem englischen "back" ("hinten") und dem deutschen "schön" ableitet. In Deutschland würde man sich keine Freunde machen, wenn man eine Frau offen so abwertend beschreiben würde. In Japan ist die Gesellschaft von einer Gleichberechtigung der Geschlechter allerdings weit entfernt: Der im März 2021 veröffentlichte Global Gender Gap Report des World Economic Forum sieht Japan auf dem 120. Rang bei 156 bewerteten Ländern. Damit ist das Land das Schlusslicht unter den G7-Staaten.

Auch der aus Korea stammende Begriff 'Eomchina' lässt tief blicken. Mit ihm ist eine Person gemeint, die eine Mutter ihrem Kind als gutes Beispiel für Leistung und Erfolg anführt. Das soll der Motivation dienen, führt aber, wenn man sich hier ein bisschen in das Thema einliest, eher zu Frustration - zumal auch in Korea der schulische und berufliche Erfolg stark von der sozialen Herkunft beeinflusst werden.

'Kalsarikannit' beschreibt einen (angeblichen) Trend in Finnland, sich allein und nur mit der Unterhose bekleidet zu betrinken. Dieses Wort hat einen bitteren Beigeschmack: Seitdem das Land seine Alkoholgesetzgebung 2018 gelockert hat, steigt die Zahl der durch Alkohol verursachten Todesfälle an. Bevor die Alkoholsteuer in Estland in mehreren Schritten angehoben wurde, florierte auf den Fähren zwischen Helsinki und Tallinn der finnische Alkoholtourismus. Jetzt hat sich das Geschehen nach Lettland verlagert.

Von reichlich Geduld und Gelassenheit zeugt der schwedische Begriff 'Tidsoptimist'. Unter einem Zeitoptimisten wird eine Person verstanden, die sich zwar um Pünktlichkeit bemüht, aber trotzdem ständig zu spät kommt, weil sie glaubt, dass sie mehr Zeit zur Verfügung hat als es tatsächlich der Fall ist. Tja, ich erkenne mich wieder ... Auf nach Schweden.

Im Land des Polarlichts wurde 2014 ein Begriff zum schönsten Wort des Jahres gewählt: Mit 'Ljósmóðir' ist in Island eine Hebamme gemeint. Wörtlich heißt der Begriff aber 'Lichtmutter'. Strahlt dieses Wort nicht jede Menge Wärme und Wertschätzung aus?

Lesen?

"Panda" heißt auf Isländisch Bambusbjörn ist ein sehr unterhaltsames Buch, das seine Leser oft zum Schmunzeln und Staunen bringt. Ich hätte allerdings gern mehr über die Herkunft und Entstehung der einzelnen Wörter gewusst, was hier leider zu kurz kam.

Wer das Buch kauft, sollte wissen, dass es an einigen Stellen Überschneidungen mit Tripolinas Buch Einzigartige Wörter gibt, das 2017 im Riva Verlag erschienen ist.

"Panda" heißt auf Isländisch Bambusbjörn ist 2021 bei Yes Publishing erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 9,99 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.


Nachtrag: Wer sich für das oben zitierte Deutsche Schimpfwörterbuch von 1839 interessiert, kann es sich hier ansehen.