Freitag, 15. Januar 2021

# 273 - Aus dem geheimen Eheleben des Paares Merkel/Sauer

Die männliche Hälfte von Deutschlands Third Couple
muss sich wohl einiges von der Seele reden. Was genau, hat sich ein Autorenteam überlegt und Joachim Sauer Worte in den Mund gelegt, die einen tiefen Blick in das Eheleben der Bundeskanzlerin und und des Chemie-Professors möglich machen. Wollen wir diese ganzen Alltagsdetails wirklich immer so genau wissen? Doch, doch, wollen wir! Neigt der Mensch nicht sowieso zum Voyeurismus?

Das Hörbuch Das total gefälschte Geheim-Tagebuch vom Mann von Frau Merkel wird von Christoph Maria Herbst gesprochen, der diesen Part so gut übernimmt, dass man mit Joachim Sauer mitfühlt und -denkt. Merkels Gatte wird als ein liebenswerter Mensch charakterisiert, der oft gedanklich noch im Jahr 1989 festhängt und sich über die vielen Neuerungen unserer Zeit wundert, die für den Rest der Welt ganz selbstverständlich zu sein scheinen. Kann es nicht sein, dass der Begriff "Neuland", der der Kanzlerin im Zusammenhang mit dem Internet zugeschrieben wird, eigentlich aus dem Mund ihres Mannes stammt?

Joachim Sauer kommt in diesem Buch ziemlich gut weg. Ein paar liebenswerte Schrullen hat doch jeder, oder? Er liebt seine Frau, hat keine Ahnung, was sie den ganzen Tag über macht und hadert mit seiner eigenen Bedeutungslosigkeit. Was ist schon ein langweiliger Professor gegen eine Bundeskanzlerin, die die Wichtigen dieser Welt trifft und ständig um den Globus jettet? Wenn er über die Kanzlerin spricht, ist mal von "Mutti" und mal von "Angela" die Rede.

Sauer ist stolz auf seine Angela, ärgert sich allerdings über einige "Störgeräusche": Regierungssprecher Seibert ist ihm zu arrogant und zeigt ihm durch sein Schweigen, auf welcher Stufe der Hühnerleiter sich der Kanzlerinnengatte einzuordnen hat.

Und dann ist da noch Beate Baumann, Angela Merkels Büroleiterin und engste Vertraute. Sauer hat oft den Verdacht, dass "die Baumann", wie er sie verächtlich nennt, ihn von seiner Frau abschirmt und ihr mehr Essen zusteckt, als es Angela guttut. Der Beweis: Die Kleiderprobe vor wichtigen Anlässen endet für Merkel regelmäßig damit, dass sie neue Blazer oder ein weiteres Kleid braucht.

Manchmal kocht und backt Angela Merkel auch. Über die Qualität dessen, was ihre Küche verlässt, sind sich alle insgeheim einig. Die zum Eintopfessen eingeladene Ministerriege trifft sich vorher beim angesagten Lieblingsitaliener, und der Apfelkuchen, den Merkel an ihre Sicherheitsbeamten verschenkt, wird von denen gleich an das BKA weitergegeben: "Damit bringt der Mossad iranische Wissenschaftler um", heißt es zur Begründung.

Sehr witzig ist z. B. die Charakterisierung von Ursula von der Leyen: Sauer trifft die Ministerin, als diese gerade auf einem Laufband trainiert. Gleichzeitig telefoniert sie mit ihrer Tochter und tippt mit der freien Hand eine Presseerklärung. An anderer Stelle baut sie ein IKEA-Möbelstück nicht mit Werkzeug, sondern allein mit Willenskraft auf. Fähigkeiten, die man sich selbst auch dann und wann wünscht.

Das Sauer-Tagebuch deckt den Zeitraum vom 31. Dezember 2011 bis zum 22. Januar 2013 ab. Da passiert einiges: Christian Wulff tritt von seinem Amt als Bundespräsident zurück, Joachim Gauck wird sein Nachfolger und die Fußball-WM in Polen und der Ukraine findet statt, um nur ein paar Eckdaten zu nennen. Und Angela ist immer irgendwie mittendrin.

In den knapp dreieinhalb Stunden Hörzeit kommen gefühlt alle Persönlichkeiten vor, die damals in der Politik mitmischten oder anders mit der Kanzlerin in Verbindung standen: die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, Merkels Frisör Udo Walz und der französische Präsident Nicolas Sarcozy. Sie und noch etliche andere Personen bekommen von Joachim Sauer ihr Fett weg - die einen mehr, die anderen weniger. Ein paar Personen sind wieder oder immer noch aktuell, über andere spricht heute kein Mensch mehr. 

Hören?

Ich hatte nach einem Buch Ausschau gehalten, das mich zum Lachen bringt. Christoph Maria Herbst hat es so gut vorgetragen, dass das geklappt hat. Man darf jedoch nicht zu zartbesaitet sein und sollte hin und wieder Abstriche machen, wenn es um die Political Correctness geht: Da bleibt immer wieder Wolfgang Schäuble mit seinem Rollstuhl in zu engen Toilettentüren stecken, und die Lebenspartnerschaft von Guido Westerwelle und Michael Mronz scheint bei Herrn Sauer ein gewisses Befremden auszulösen. Wer damit umgehen kann, ist mit diesem Hörbuch sehr gut bedient.

Das total gefälschte Geheim-Tagebuch vom Mann von Frau Merkel wurde 2013 als Argon-Hörbuch herausgebracht und kostet 34,15 Euro. Das Taschenbuch ist im Fischer Verlag erschienen und kostet 9,99 Euro.

Montag, 11. Januar 2021

# 272 - Selfmade-Millionär zeigt, wie's geht

Philipp J. Müller hat sein Berufsleben als
Investmentberater begonnen, sehr gut verdient, war aber trotzdem nicht zufrieden. Ihn störte immer mehr, dass Banken mit dem Geld ihrer Kunden sehr viel Geld verdienen, für die Kunden jedoch nur vergleichsweise kleine Beträge übrig blieben.

Mit 33 Jahren hatte er ausgesorgt und sich und seiner Familie eine Auszeit gegönnt. Doch dann war da der Wunsch, mit dem Vermögen sinnvoll umzugehen: Die Idee, in der Nähe von Hamburg eine Finanzakademie zu gründen, war geboren.

Im Oktober 2020 hat Müller nun mit GeldRICHTIG sein erstes Buch vorgelegt. In fünf Kapiteln erläutert er den Weg zu einem Vermögensaufbau, bei dem auch ethische Komponenten nicht zu kurz kommen sollen. Er stellt gleich zu Beginn klar, dass es ihm nicht um das schnelle Geld geht und Heilsversprechen anderer "Experten", die ihren Kunden oder Lesern Reichtum durch passives Einkommen oder stets geschickte Börsentransaktionen suggerieren, nicht sein Ding sind.

Um vernünftig mit Geld umzugehen, sind grundlegende Kenntnisse darüber, wie unser Finanzsystem funktioniert, nötig. Müller kritisiert das allgemeine Fehlen dieses elementaren Wissens und regt an, das Thema in den Schulen zu unterrichten. Ihm geht es auch darum, dass die Begriffe Geld und Reichtum von ihrem Schmuddelimage wegkommen und Geld als etwas Neutrales angesehen wird.

Müller beschreibt ganz praktisch, wie wir unsere Haltung zum Geld verändern und uns ein gutes Geld-Verhalten aneignen können. Erst im vierten Kapitel widmet er sich dem Aktienhandel und versucht, die Vorbehalte dagegen, die in Deutschland groß sind, zu nehmen. Er geht kurz auf die bekanntesten Möglichkeiten der Geldanlage ein (Festgeld, Immobilien, Rohstoffe), um sich dann wieder den Aktien zuzuwenden. Kein Wunder, denn mit dem Aktienhandel hat Müller sein Vermögen aufgebaut. Er spricht sich dafür aus, Investitionen langfristig zu planen und will die Angst vor einem Börsencrash nehmen. Außerdem fordert er seine Leser dazu auf, sich selbst mit ihrer Finanzplanung zu beschäftigen und keinen Berater damit zu beauftragen, der für seine Leistungen Provisionen berechnet und in erster Linie Anlagen empfiehlt, die sich nicht unbedingt an den Bedürfnissen des Kunden orientieren.

Etwa im letzten Viertel seines Buches beschäftigt sich Müller mit den wichtigsten Grundsätzen der Börse. Eine zentrale Rolle spielen dabei seine zwölf zentralen Regeln für den Börsenerfolg. Auch wichtig: Der Börsenhandel erfordert Zeit und Geduld. Das erinnert mich an einen Ausspruch des vor mehr als 20 Jahren verstorbenen Börsen-Gurus André Kostolany: "Verwenden Sie auf den Aktienkauf ebenso viel Zeit wie auf den Kauf eines Gebrauchtwagens." Neu ist Müllers Rat also nicht, aber immer noch aktuell.

Lesen?

GeldRICHTIG liest sich über weite Strecken wie ein Coaching Müllers mit seinen Seminarteilnehmern. Die Sprache ist direkt, er arbeitet viel mit Beispielen aus dem Alltag. Das Buch eignet sich für Leser, die noch mit sich ringen, ihr Geld in Aktien anzulegen oder auf der Suche nach dem richtigen Einstieg sind. Wer sich mit der Thematik allerdings schon beschäftigt hat, sollte sich nach anderer Literatur umsehen, denn konkrete Anlagetipps hält Müller nicht bereit.

GeldRICHTIG ist 2020 im GABAL Verlag erschienen und kostet als Broschurausgabe 25 Euro. Mehr Informationen sowie das kostenlose E-Book GeldRICHTIG - Der Krisenhelfer gibt es auf der Website zum Buch.


Montag, 28. Dezember 2020

# 271 - Ist das die öffentlich-rechtliche Medienwelt?

Vor acht Jahren hat der Journalist Jens Jessen mit seinem Roman Im falschen Bett seine schriftstellerischen Scheinwerfer gleich auf mehrere Szenerien geworfen: auf das Selbstverständnis derer, die sich zur gehobenen bürgerlichen Schicht Münchens zählen, den Umgang des (öffentlich-rechtlichen) Fernsehens mit Menschen und Geld, das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Gesellschaftsschichten im selben Umfeld sowie das sogenannte "zweite München", in dem die Reichen und Mächtigen sich junger Frauen bedienen, als seien sie ihr Spielzeug.

Im Mittelpunkt stehen der TV-Produzent Dr. Torsten Welske, der von allen nur als "der Bonze" bezeichnet wird, und die deutlich jüngere Christina Laroche. Die beiden lernen sich während eines Castings einer Fernsehshow kennen, und der Bonze verliebt sich in sie, weil sie sich in ihrer Unauffälligkeit und Zurückhaltung deutlich von den anderen Kandidatinnen unterscheidet, auf die normalerweise sein Blick fällt.

Was in diesem Roman passiert, wird aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschildert, der als Praktikant die folgenden Ereignisse erlebt oder aber von anderen ins Bild gesetzt wird. Er ist Student an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und lebt in einer Studenten-WG, in der das seltsame Verhältnis zwischen Christina und dem Bonzen interessiert verfolgt und gern kommentiert wird.

Die Beziehung zu Christina ist kurz, entwickelt sich aber für den Bonzen zu einem Desaster. Zu spät erfährt er, dass Christina die Patentochter von Oberkirchenrat Neander ist, der als Mitglied des Rundfunkrates immer wieder beim Bonzen auftaucht und ihm auf den Zahn fühlt: Wie ist das eigentlich mit dem Sponsoring von lokalen Unternehmern, deren Produkte in den Fernsehsendungen des Produzenten gezeigt werden? Fließt da nicht auch Geld, das möglicherweise dem Sender vorenthalten wird? 

Doch der Oberkirchenrat ahnt nicht, wessen Groll er sich da zuzieht: Der kleine Rachefeldzug des Bonzen wird ihn und seine drei mit ihm zusammenlebenden alten Tanten die Wohnung kosten. Es wird intrigiert, es wird gestorben und irgendwie kennt jeder um ein paar Ecken jeden - was nicht immer gut ist. Immer wieder fragt man sich beim Lesen, wie groß das Körnchen Wahrheit wohl sein mag, das Jessen in seine Geschichte eingestreut hat. Das kann der Autor am besten selbst beantworten, der zum Zeitpunkt der Romanveröffentlichung Ressortleiter des Feuilletons der Wochenzeitschrift "Die Zeit" gewesen ist.

Einen Hinweis gibt Jessen mit dem Zitat eines mittlerweile verstorbenen einflussreichen Medienunternehmers: "Im Seichten kann man nicht ertrinken", war ein Ausspruch von Leo Kirch, der damit auf die Kritik hinsichtlich des niedrigen Niveaus der Sendungen seiner privaten Fernsehsender reagierte.

Doch im Abspann stellt Jessen klar, dass es Produzenten wie den in seinem Roman beschriebenen in öffentlich-rechtlichen Sendern nicht gibt und er sich alle Personen, Gremien, Gewohnheiten und die ganze Geschichte "aus den Fingern gesaugt" hat.

Lesen?

Im falschen Bett ist ein unterhaltsamer und humorvoller Roman, der einige Untiefen der (Münchener) Gesellschaft und der Fernsehlandschaft aufs Korn nimmt. Ob das Buch als Satire verstanden werden soll, bleibt aber unklar. 

Im falschen Bett ist 2012 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 17,90 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.

Freitag, 18. Dezember 2020

# 270 - Vier Bücher zum Verschenken oder Selberlesen

Weihnachten steht vor der Tür, und da ich ein großer Fan davon bin, Bücher zu verschenken (und natürlich auch zu bekommen), stelle ich heute vier Titel vor, die die unterschiedlichsten Geschmäcker ansprechen.

Es geht los mit einem Krimi, der seine Leser so sehr in seinen Bann zieht, dass sie ihn erst weglegen, wenn die letzte Seite gelesen worden ist: Tin Men des kanadischen Autors Mike Knowles.

Dennis, Woody und Os sind hartgesottene Polizisten, die schon lange im kanadischen Hamilton ihren Dienst tun. Die Drei haben bereits einiges in ihrem Berufsleben gesehen und glauben, dass sie nichts mehr erschüttern kann. Doch der Mord an ihrer Kollegin Julie hat eine besonders grausame Komponente: Der Schwangeren wurde von ihrem Mörder ihr ungeborenes Kind aus dem Bauch geschnitten. Das ungleiche Ermittlerteam wird auf die Frage angesetzt, warum Julie getötet wurde und wer ein Interesse an ihrem Baby gehabt haben könnte.

Die drei Cops sind nicht unbedingt ein vertrauenswürdiges Dream Team: Woody ist drogensüchtig und hat sein Leben nicht mehr im Griff, Dennis hält sich für den fähigsten Cop der Stadt und gibt seinem schwachen Ego durch Bordellbesuche einen faden Glanz, und der Hüne Os flößt seinen Mitmenschen schon durch seine massige Erscheinung Angst ein, befindet sich aber in der Hand der örtlichen Russenmafia. Selbstverständlich setzt jeder von ihnen alles daran, seine Schwächen vor anderen zu verbergen. Einer von ihnen hütet außerdem ein Geheimnis, das ihn zwar auch privat motiviert, Julies Mörder und das verschwundene Kind so schnell wie möglich zu finden, aber die Ermittlungsarbeit für die beiden Kollegen erschwert.

Die einzige Person, mit der Julie befreundet gewesen war, ist ihre Wohnungsnachbarin Lisa. Diese gibt wertvolle Hinweise zum Privatleben der Ermordeten. Die Situation wird jedoch kompliziert, als Lisa kurz nach ihrer polizeilichen Befragung bei einem Autounfall ums Leben kommt. Gibt es einen Zusammenhang mit Julies Ermordung? 

Während der gesamten Ermittlungsarbeit kämpfen die drei Polizisten gegen ihre eigenen Dämonen an und haben Mühe, dass nicht ihre eigenen Leben aus der Kurve getragen werden. Einer von ihnen wird nicht mehr erfahren, wer die Kollegin auf dem Gewissen hat.

Tin Men  ist 2020 im Polar Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 14 Euro. 

 

Es geht kriminell weiter, dieses Mal aber ganz realistisch und bodenständig. Der Kulturjournalist Bert Lingnau hat sich in seinem in der zweiten Auflage 2018 erschienenen Buch Rübe ab! in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern umgesehen und spürt in vier Kapiteln, die das Bundesland unterteilen, 48 wahren Kriminalfällen nach, die sich zwischen dem 14. und dem 20. Jahrhundert ereignet haben. Mordende Diener, Münzfälscher, als Hexen verfolgte Frauen oder Räuber, die ihren Opfern in dunklen Wäldern auflauerten: Sie alle sind in diesem Buch vertreten, das Lingnau mit zahlreichen Fotos illustriert hat. Früher war man auch mit der Art der Bestrafung nicht zimperlich: Wer "Glück" hatte, landete im Kerker; oft waren aber auch Vierteilungen oder Köpfungen das Mittel der Wahl, um einen Täter zu bestrafen. 

Rübe ab! ist trotz des ernsten Hintergrunds ein sehr unterhaltsames Buch, weil der Autor es versteht, den lange zurückliegenden Ereignissen durch seinen Schreibstil Leben einzuhauchen. Der Titel ist im Klatschmohn Verlag als Taschenbuch erschienen und kostet 9,80 Euro.


Wer sich gern mit Sprache beschäftigt, wird an diesem
Buch Gefallen finden: Der Schriftsteller und Satiriker Eckhard Henscheid hat mit Dummdeutsch erstmals 1985 seinem Unmut über den Verfall der deutschen Sprache Luft gemacht. Der damals vom Fischer Verlag herausgegebene Titel wurde im Reclam Verlag neu aufgelegt, mir liegt die Printversion aus dem Jahr 2017 vor. Henscheid ist Mitbegründer der Satirezeitschrift "Titanic" und so verwundert es nicht, dass seine Kritik nicht bitterböse, sondern humorvoll und messerscharf daherkommt. Dummdeutsch ist wie ein Lexikon alphabetisch aufgebaut, der Wortfundus reicht von A wie "Abbauen" bis Z wie "Zynisch". Henscheid belegt an Beispielen, wie die Bedeutung von bereits bestehenden Begriffen z. B. in der Werbung verhunzt wird oder neue Wörter ("Korngesund", "Gehirn-Jogging" oder "Entsorgungspark") kreiert wurden, um den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Und immer wieder stellt man beim Lesen fest, dass man selbst nicht frei davon ist, dummdeutsch daherzureden.

Der Titel ist im üblichen Format der kleinen Reclam-Bücher erschienen und kostet 7,80 Euro.


Zum Schluss stelle ich ein Buch vor, das sich an Kinder im Grundschulalter richtet, aber auch Erwachsenen die
ein oder andere neue Information bietet: Eine Reise durch die Zeit - Alfelds Geschichte für Kinder wurde von der Stadt Alfeld (Leine) herausgegeben und widmet sich der Geschichte der niedersächsischen Stadt in der Nähe von Hannover vom Jahr 1010 bis heute. Das Buch ist mit sehr vielen Zeichnungen und Fotos illustriert und zeigt, wie ähnlich sich die Entwicklungen deutscher Städte in vielen Dingen sind: der Dreißigjährige Krieg, der Einfluss der Kirche, die typische Ernährung der einfachen Bürger im Mittelalter, der Nationalsozialismus oder Feuersbrünste: Die Alfelder Stadtgeschichte ist nicht weniger abwechslungsreich als die größerer Orte. Hervorzuheben ist jedoch etwas, das weltweit nur wenige Städte vorzuweisen haben: Mit dem 1911 vom Architekten Walter Gropius entworfenen Fagus-Werk hat Alfeld ein UNESCO-Weltkulturerbe, das seit 2011 auf der Liste der wichtigsten Bauwerke der Welt steht.

Eine Reise durch die Zeit - Alfelds Geschichte für Kinder kostet 9,50 Euro und kann über das Forum Alfeld Aktiv e. V. vor Ort oder im Versand erworben werden.

Dienstag, 8. Dezember 2020

# 269 - Wer spricht denn da? Wir sind von immer mehr Algorithmen umgeben

Seit den 1950-er Jahren wird versucht, der menschlichen Sprache mit technischen Mitteln möglichst nahe zu kommen. Aber Sprache ist eben nicht nur der Austausch von Worten unter Verwendung der korrekten Grammatik. Menschliche Kommunikation setzt darüber hinaus eine Art Weltverständnis voraus, das Wissen um Hintergründe und Zusammenhänge. Der Autor und Journalist Christoph Drösser hat sich nicht nur Siri, Alexa & Co. angeschaut, sondern in seinem Buch Wenn die Dinge mit uns reden einen Ausblick auf die zu erwartende Weiterentwicklung der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine gegeben.

Auch wer selbst keine "Alexa" in seinem Wohnzimmer hat, weiß, was der Sprachassistent kann: Er ist in Lautsprecher integriert und kann zahlreiche Smart Home-Geräte steuern. Alexa gehört zu den KI-Anwendungen, also zu dem, was heute unter "Künstlicher Intelligenz" verstanden wird. Mit einer mittlerweile sehr menschenähnlichen Stimme lauert die Software auf ihr Stichwort, das ihr signalisiert, dass ihr Nutzer etwas von ihr möchte: den aktuellen Wetterbericht, die Lieblingsmusik oder eine Lexikoninformation. Erweitert man das Grundgerät mit smarten Geräten, können per Sprachbefehl Saugroboter bedient, Heizkörper reguliert oder Türen geöffnet werden. Der Erfolg dieses und anderer Sprachassistenten beruht auf der Bequemlichkeit der Käufer: Viele alltägliche Dinge lassen sich mit der Stimme erledigen, sich wegen banalen Tätigkeiten aus dem Sofa hochzuquälen kann vermieden werden. 

Klar, dass das nur funktioniert, wenn die entsprechenden Geräte ununterbrochen online sind. Sie schicken alle Daten in eine Cloud und erhalten von dort Daten zurück. So "lernt" der Algorithmus ständig dazu - und dadurch, dass Mitarbeiter irgendwo auf der Welt mithören, was bei den Kunden passiert. Auf diese Weise soll der Grad der Perfektionierung weiter vorangetrieben werden.

Aber dieser Typus von Sprachprogrammen ist natürlich noch lange nicht der Weisheit letzter Schluss. Das Ziel ist ein Algorithmus, der sich am Sprachverständnis des Menschen orientiert und das möglichst so gut, dass er menschliche (Sprach-)Züge annimmt und als dessen Gesprächspartner agieren kann - und nicht bloß als auf der Reiz-Reaktion-Ebene verharrt. Bei aller Technikbegeisterung, die Christoph Drösser seinen Lesern vermittelt, mischt sich an dieser Stelle eine gehörige Portion Skepsis in seine Ausführungen. Insbesondere dann, wenn es um die Entwicklung von Sprachmodellen geht, die mit Deep Learning arbeiten und sich dazu eignen, einige Dinge in der Wirtschaft und der Gesellschaft umzukrempeln.

Das amerikanische Forschungsunternehmen OpenAI hat mit Generative Pre-trained Transformer 3 - oder kurz GPT-3 - ein solches Modell entwickelt. GPT-3 befindet sich seit Juli 2020 im Betatest und hat mit 175 Milliarden maschinellen Lernparametern das bislang führende Produkt Turing NLG von Microsoft, das erst im Februar 2020 eingeführt worden ist, mit seiner mehr als zehnfachen Kapazität überrundet.

GPT-3 ist zunächst einmal ein Textgenerator, der nicht versteht, was er schreibt. Das ist für Menschen jedoch kein Grund, sich beruhigt zurückzulehnen. Die Sprache ist zwar nicht identisch mit der eines Menschen und auch die Sinnhaftigkeit mancher von GPT-3 erstellter Texte lässt zu wünschen übrig. Das Sprachmodell eignet sich aber bestens für den Einsatz als Chatbot, für das Schreiben von Hausarbeiten im Grundstudium - und leider auch für die Verbreitung von Fake News, die vom durchschnittlichen Leser nicht mehr von wahren Meldungen unterschieden werden können, weil das Modell seinen Schreibstil an den von tatsächlich existierenden Schreibern wie z. B. bestimmten Zeitungsjournalisten anlehnen kann. Nicht zuletzt ist zu erwarten, dass durch den Einsatz von GPT-3 Menschen arbeitslos werden, die ihr Geld bislang mit dem Schreiben von Texten verdient haben. Wie bei allen Neuerungen hat die Medaille auch hier zwei Seiten.

Was Wenn die Dinge mit uns reden von zahlreichen anderen Sachbüchern unterscheidet, ist die Heranziehung von Fachkompetenz durch Interviews: Drösser befragt u. a. den Experten für KI und Sprachverarbeitung Richard Socher und die Stanford-Professorin Monica Lam, die mit ihrem Team das Open-Source-System Almond entwickelt hat, das in Konkurrenz zu Alexa und Siri treten soll.

Lesen?

Wer sich mit Sprachassistenz und -modellen bereits beschäftigt hat, wird in Christoph Drössers Buch auch Bekanntes antreffen. Aber jedem, der sich hierfür interessiert, kann der Titel empfohlen werden, weil sich der Autor und seine Interviewpartner dem Thema von verschiedenen Blickwinkeln aus annähern. Die Sorge, vor lauter Fachbegriffen nicht zu verstehen, worum es geht, ist unbegründet: Drösser schreibt so, dass ihm auch Techniklaien folgen können.

Wem der Name des Autors bekannt vorkommt, hat von ihm möglicherweise schon Artikel in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT gelesen. Drösser war dort lange Redakteur und hat das Ressort "ZEIT-Wissen" gegründet. Etliche Jahre hat er außerdem in der Kolumne "Stimmt's?" Fragen von Lesern beantwortet wie z. B. Verhindert ein Löffel im Flaschenhals, dass Sekt über Nacht schal wird? (Antwort: Nein, von ihm natürlich ausführlich begründet.)

Wenn die Dinge mit uns reden ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 16 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.

Freitag, 4. Dezember 2020

# 268 - Ein Leben auf der Suche nach Liebe

Delia Owens hat mit ihrem Roman Der Gesang der Flusskrebse 2019 einen Bestseller veröffentlicht, der seinen großen Erfolg verdient hat. Die Hauptperson Catherine Clark, die von allen Kya genannt wird, lebt mit ihren Eltern und vier Geschwistern im Marschland an der Küste von North Carolina, in der Nähe der beschaulichen fiktiven Küstenstadt Barkley Cove. Ihr Lebensweg ist mehr als ungewöhnlich.

Kya wird 1945 als jüngstes Kind der Familie geboren und erfährt nur Armut und Gewalt. Ihr Vater ist Weltkriegsveteran, und was er im Krieg erlebt hat, hat ihn zu einem trunksüchtigen Schläger gemacht. Die Kriegsversehrtenrente verspielt und versäuft er fast vollständig in einer heruntergekommenen Kneipe. Die Mutter versucht, ihren Kindern Liebe zu geben und die Familie zusammenzuhalten. Doch nach vielen quälenden Jahren ist sie mit ihren Kräften am Ende und verlässt Mann und Kinder kurz vor Kyas siebtem Geburtstag.

Ihr Weggang lässt die Familie förmlich erodieren: Innerhalb weniger Tage verlassen  die drei ältesten Geschwister ebenfalls ihr Zuhause – wie die Mutter ohne ein Wort. Zum Schluss geht auch Jodie, der Bruder, der Kya immer am nächsten stand. Er bittet seine Schwester um Verständnis, aber sie fragt sich, warum sie von allen alleingelassen wird und sie niemand mitnimmt. Sie fühlt sich zum ersten Mal völlig verlassen.

Allein mit ihrem Vater versucht Kya, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen. Oft kommt er tagelang nicht nach Hause, und wenn er da ist, ist er unberechenbar. Trotzdem wird ihre Beziehung nach einer Weile etwas besser. Doch dann – Kya ist jetzt acht Jahre alt - ist ein Brief von ihrer Mutter im Briefkasten. Das Mädchen erkennt die Handschrift auf dem Umschlag, lesen kann sie ihn nicht: Sie war nur einen Tag in der Schule, will aber nie mehr dorthin, weil sie von den anderen Kindern verspottet und ausgelacht wurde. Der Inhalt des Briefs führt zu einem Wutanfall ihres Vaters.

Als Kya zehn Jahre alt ist, kommt ihr Vater immer seltener nach Hause und dann gar nicht mehr. Von da an schlägt sie sich allein durchs Leben. Sie bleibt in der windschiefen Hütte und ernährt sich von dem, was sie findet und anbaut. In Barkley Cove nennt man sie nur „das Marschmädchen“. In der sozialen Hierarchie steht Kya ganz unten – nach den Schwarzen und den anderen Marschbewohnern. Ihre schlechten Erfahrungen mit Menschen machen sie scheu und misstrauisch, sie vermeidet es, in die Stadt zu fahren. Sie beschäftigt sich lieber mit den Tieren und Pflanzen um sie herum. Lange ist Jumpin‘, der einen kleinen Laden und eine Bootstankstelle betreibt, ihr einziger Kontakt. Er und seine Frau Mabel versuchen, Kya zu unterstützen und respektieren ihre spezielle Art zu leben.

Später lernt sie den freundlichen und geduldigen Tate kennen, der sich wie sie oft mit seinem Boot in der Marsch aufhält, um zu angeln oder Tiere zu beobachten. Er ist Kya zwar sympathisch, aber ihre Menschenscheu hält sie auf Abstand zu ihm. Er bringt ihr Lesen bei und öffnet ihr damit das Tor zu einer neuen Welt.

Einige Jahre später verliebt sie sich in den Kleinstadtcasanova Chase, einen jungen Mann mit reichen Eltern und überbordendem Ego. Aber Chase hält nichts von dem, was er Kya verspricht und heiratet eine andere Frau. In Barkley Cove wird über das Verhältnis getuschelt, wovon Kya nichts ahnt. 1969 wird Chases Leiche unter dem alten, maroden Feuerwachturm gefunden. Er ist an den Folgen eines Sturzes gestorben und die Einwohner und die Polizei von Barkley Cove haben sofort Kya in Verdacht, den jungen Mann getötet zu haben. Alles, was sie entlastet, wird in der Beweisführung so verdreht, dass es sie belastet. Sie wird angeklagt und muss mit der Todesstrafe rechnen.

Lesen?

Der Gesang der Flusskrebse ist ein ungewöhnlich anrührender Roman, der seine Leser das ganze emotionale Spektrum nachfühlen lässt, dass Kya durchlebt: die enge Verbundenheit zu der Natur um sie herum, das tiefe Gefühl des schuldlosen Verlassenwerdens, die große Bindungsangst aufgrund der vielen enttäuschenden Erfahrungen und trotzdem immer die Hoffnung, eines Tages zu jemandem zu gehören und eine Familie zu haben. Delia Owens schafft es, diese ganze Bandbreite zu vermitteln, ohne ins Kitschige abzugleiten. Das Buch gehört zu denen, die man nach dem letzten Wort nicht einfach zuklappen kann. Das Gelesene hallt noch eine Weile nach.

Der Gesang der Flusskrebse ist 2019 bei hanserblau erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als Taschenbuch 11,99 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

Freitag, 27. November 2020

# 267 - Was geschah wirklich in der Heiligen Nacht?

Das Ehepaar Claudia und Simone Paganini hat sich in seinem Buch Von wegen Heilige Nacht! der Weihnachtsgeschichte angenommen und untersucht Schritt für Schritt in 17 Kapiteln, wie viel Wahrheit  eigentlich in ihr steckt. Das tut es unter Heranziehung zahlreicher religiöser Quellen und historischer Zusammenhänge sowie mit einer profunden Sachkenntnis. Kein Wunder: Beide sind promovierte Theologen; Simone Paganini ist Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen, Claudia Paganini ist am Institut für christliche Philosophie an der Universität Innsbruck tätig. 

Die zentrale Erkenntnis: Fast alles, was uns die Bibel in der Weihnachtsgeschichte, ist falsch oder zumindest sehr wahrscheinlich falsch. Dahinter steckt nicht unbedingt die Absicht, der Nachwelt ein für die Christen identitätsstiftendes Märchen aufzutischen, sondern oft ein Effekt, der sich bis in unsere Zeit erhalten hat: Versteht man einen Sachverhalt nicht zu 100 Prozent, wird er mit inhaltlicher Füllmasse ein bisschen aufgehübscht. Aber auch eine politische Absicht dürfte hin und wieder der Grund dafür gewesen sein, dass man sich die biblischen Geschehnisse etwas zurechtgebogen hat. Oft dürften auch Übersetzungsfehler eine Rolle gespielt haben. Und ein bisschen zusätzliches Drama kann ohnehin nicht schaden.

Ist der 24. Dezember tatsächlich der Tag, an dem Jesus geboren wurde? War es tatsächlich bitter kalt? Ist es plausibel, dass die heilige Familie auf der Suche nach einer Unterkunft überall abgewiesen wurde und deshalb das Jesuskind in eine Krippe gelegt werden musste, kritisch beäugt von Ochs und Esel? Waren Maria und Josef arm? Wurde Jesus wirklich in Bethlehem geboren? Es reiht sich Frage an Frage, und jede wird ausführlich und gut nachvollziehbar beantwortet.

Claudia und Simone Paganini haben mit ihrem Buch nicht vor, jemandem mit ihren Erläuterungen in religiöser Hinsicht zu nahe zu treten. Sie degradieren die Weihnachtsgeschichte auch nicht zu einem Märchen, in dem die gesamte Handlung der Phantasie entspringt: Das Lukasevangelium bedient sich bei Jesus' Biographie schriftlicher Quellen sowie Berichten von Augenzeugen, außerdem wird auf einen chronologischen Aufbau Wert gelegt. Die Geschichte von Jesus' Geburt wurde allerdings bis zum Beginn des 2. Jahrhunderts mündlich weitergegeben und erst dann schriftlich niedergelegt. Wenn man die Weihnachtsgeschichte und ihren eigentlichen Zweck verstehen will, geht das nicht ohne den Blick auf die Zeit vor etwa 2.000 Jahren: Die Menschen erwarteten eine religiöse Unterstützung und die Bestätigung, dass sich ihr Gott für sie interessiert und es sich bei Jesus' Geburt um ein wichtiges Ereignis gehandelt hat. Es ging damals um Hoffnung und Zuversicht, nicht aber unbedingt um Rationalität. Denn: Die Adressaten der Weihnachtsgeschichte waren nicht wir Menschen des 21. Jahrhunderts.

Lesen?

Von wegen Heilige Nacht! ist ein unverkrampfter Blick auf die Weihnachtsgeschichte und ihren wissenschaftlich begründeten Wahrheitsgehalt. Das Buch ist eine gute Lektüre für alle, die sich für religiöse Zusammenhänge interessieren. Geschichtskenntnisse sind nicht nötig, um den Erläuterungen von Claudia und Simone Paganini folgen zu können. 
 
Von wegen Heilige Nacht! ist 2020 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 14 Euro. 
 
Nachtrag: Simone Paganini ist in mehreren Videos zu sehen, die von der RWTH Aachen produziert wurden. In diesem geht es um die Frage: Waren tatsächlich ein Ochse und ein Esel an Jesus' Krippe?
 
Auch Claudia Paganini ist in zahlreichen Videos zu sehen. Hier ist eines, in dem sie sich beim Science Slam Innsbruck 2018 über "Warum christliche Philosophie?" Gedanken macht:
 


Freitag, 20. November 2020

# 266 - Eine Reise durch die Antike - aus pharmazeutischer Sicht

Monika Niehaus und Michael Wink sind promovierte Naturwissenschaftler und haben sich in ihrem Buch Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solch üblen Tricks schützt der klassischen Antike aus einer ganz neuen Perspektive genähert. 

Man muss die "Ilias" und die "Odyssee" des griechischen Dichters Homer nicht gelesen haben, um einige Figuren daraus zu kennen. Die Abenteuer von Odysseus, dem König von Ithaka, und seine Begegnungen sowie die weiterer griechischer Sagenhelden mit Zauberinnen, Ungeheuern und anderen mythischen Gestalten sind weltbekannt. Immer wieder ist dort von Zaubertränken oder -salben die Rede und von Menschen, die sich nach dem Kontakt mit ihnen euphorisch, phlegmatisch oder erratisch wütend verhielten. 

Homers "Odyssee" ist keine Tatsachenbeschreibung, sondern schildert epische Geschehnisse. Die beiden Wissenschaftler haben jedoch aufgrund der Beschreibungen versucht nachzuvollziehen, welche naturwissenschaftlichen Indizien hinter diesen dort und in der "Ilias" beschriebenen Phänomenen stecken. 

Doch es geht Niehaus und Wink nicht nur um die dunklen Seiten der frühen Pharmakologie, sondern auch um Liebeselixiere und Heilmittel. Dabei richten sie ihren Blick immer wieder auf die Frage, inwieweit diese schon früh verwendeten Substanzen auch in unserer Zeit noch eine Rolle spielen. Nicht zuletzt geht es auch um Sagengestalten wie zum Beispiel Zyklopen, deren Aussehen sich ebenfalls auf pflanzliche Wirkstoffe, die sich in der Ziegenmilch befunden haben, zurückführen lässt.

Bei allem gilt: Die Dosis macht das Gift. Wirkstoffe, die in geringer Konzentration heilend und wohltuend wirken, töten einen Erwachsenen in wenigen Minuten. Niehaus und Wink belassen es jedoch nicht bei der Erläuterung dessen, was da wohl vor 3.000 Jahren Pflanzenkundige getan haben mögen. Sie erklären anhand von Tafeln die wichtigsten Rauschpflanzen und Gifte.

Das Buch ist humorvoll geschrieben, Fachbegriffe werden unmittelbar erklärt. Für Laien ist es darum kein Problem, den Erläuterungen zu folgen. Auch Dinge, die man schon zu wissen glaubt, werden aufgegriffen: Woher kommt das Wort "Droge" und was bedeutet es ursprünglich? Welcher getrocknete Waldpilz sorgt nach dem Verzehr für ekstatische Halluzinationen und hat die Besonderheit, dass der Urin derjenigen, die ihn konsumiert haben, noch stärker berauschend wirkt? Und woher kommt das Bild von den auf Besen reitenden Hexen?

Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solchen üblen Tricks schützt endet mit einem Hinweis auf das sog. 'Odysseus-Phänomen'. Mit dem Begriff ist die existenzielle Unsicherheit von Migranten, die in psychische Belastungsstörungen mündet, gemeint. Das soll auch Odysseus so empfunden haben, wie es Homer in der "Odyssee" (5. Gesang, Vers 82-85) beschreibt:

Weinend saß er am Ufer des Meeres. Dort saß er gewöhnlich,
und zerquälte sein Herz mit Weinen, Seufzen und Jammern,
und durchsuchte mit Tränen die große Wüste des Meeres.

Für Niehaus und Wink schließt sich damit in der Gegenwart ein Kreis, der in der Antike seinen Anfang genommen hat.

 

Wie man Männer in Schweine verwandelt und wie man sich vor solchen üblen Tricks schützt ist 2020 im S. Hirzel Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro. 

 

Freitag, 13. November 2020

# 265 - Ein heißes Eisen: Impfgegner, Alternativmedizin und Gesundheitspolitik

Die Journalistin Beate Frenkel, die als Redakteurin für das politische ZDF-Fernsehmagazin Frontal21 arbeitet, hat mit Pillen, Heiler, Globuli ein Buch herausgegeben, in dem sie sich intensiv mit der sog. Alternativmedizin sowie deren Verbreitung und Vermarktung beschäftigt.

Anhand zahlreicher Beispiele schildert sie, wie sehr selbsternannte Heiler die Verzweiflung von Menschen ausnutzen, die für sich oder Angehörige eine Möglichkeit suchen, eine Krankheit zu überwinden. 

Frenkel schreibt auch über Impfgegner, die Impfungen generell ablehnen und dabei nicht nur gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren, sondern auch das Risiko in Kauf nehmen, dass sich Menschen, die (noch) nicht geimpft werden können, anstecken und im schlechten Fall lebenslang unter den Krankheitsfolgen leiden oder sogar an ihnen versterben. Es kommen zahlreiche Fachleute zu Wort, darunter zum Beispiel auch die Psychologin und Gesundheitswissenschaftlerin Prof. Dr. Cornelia Betsch. Sie hat Diskussionen mit Impfverweigerern mittlerweile aufgegeben, weil diese "Cherry-Picking" betreiben: Studien, die die eigene These stützen, werden als glaubwürdig eingestuft; Studien, die der eigenen Anschauung widersprechen, werden entweder als gefälscht oder gekauft abgetan oder nicht zur Kenntnis genommen. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema findet jedoch nicht statt.

Frenkel schreibt über Ärzte, die auf Wunsch ihrer Patienten Impfungen bescheinigen, die nie stattgefunden haben. Ein Kinderarzt bietet sogar die Ausstellung von Impfunfähigkeitsbescheinigungen an, nachdem ihm ein frankierter Rückumschlag und in Silberpapier einegschlagene zehn Euro gesendet wurden. Es ist für ihn nicht nötig, das jeweilige Kind zu kennen. Nach Ansicht desselben Arztes werden auch die Folgen einer Masernerkrankung völlig überschätzt, die man gut mit Einläufen, einer guten mental-physichen Führung und Homöopathie heilen könne.

Wenn es überhaupt Aktivitäten der Ärztekammern gegen solche Mediziner gibt, werden sie halbherzig angegangen und verlaufen häufig im Sande. Den Medizinlobbyisten ist das Thema zu heikel, als dass sie sich daran die Finger verbrennen wollen. Auch die Krankenkassen ziehen keine Konsequenzen, wenn auch aus anderen Gründen.

Frenkel geht auch auf die Wirksamkeit des "Wundermittels" Chlorbleiche ein, das spätestens seit Donald Trumps Auslassungen hierzu im Zusammenhang mit der Covid 19-Pandemie eine größere Bekanntheit erlangte. Im alternativmedizinischen Bereich wird die ätzende Flüssigkeit u. a. für Einläufe bei autistischen Kindern empfohlen. Einen positiven Effekt hat sie definitiv nicht, dennoch wird mit ihrem und dem Verkauf von Büchern, in dem die Anwendung beschrieben wird, Kasse gemacht.

Die Grenzen zwischen alternativer und Schulmedizin sind häufig nicht klar auszumachen. Frenkel berichtet, welche Menschen sich typischerweise in besonders starkem Maß gegen das Impfen und für alternative Methoden aussprechen und was ihrer Meinung nach passieren muss, damit Schaden von Patienten abgewendet wird, die den Versprechen der Heiler glauben. Auch zu der Wirkung der Covid 19-Pandemie auf diese Entwicklung nimmt sie Stellung.

Lesen?

Wer sich umfassend über die Kluft zwischen der Schul- und der Alternativmedizin informieren möchte, ist mit diesem Buch gut beraten. Lesern, die sich ohnehin schon mit dieser Thematik befasst haben, wird das eine oder andere bekannt vorkommen. Frenkel stellt jedoch in ihrem Buch ihre große Sachkenntnis unter Beweis, für die sie bereits 2019 für ihre Frontal21-Dokumentation "Pillen, Pulver, Wunderheiler – Das Geschäft mit der Alternativmedizin" den expopharm-Medienpreis erhalten hatte.

Pillen, Heiler, Globuli ist 2020 im Hirzel-Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro. 

Freitag, 6. November 2020

# 264 - Zwei Seelen bei Nacht

Mit Unsere Seelen bei Nacht hat Kent Haruf einen sehr sensiblen und im besten Sinne zu Herzen gehenden Roman geschrieben. Im Mittelpunkt stehen zwei Menschen, die den Mut finden, ihrem eingefahrenen Leben eine neue Wendung zu geben.

Die 70-jährige Addie lebt allein in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado, dem Schauplatz aller Romane des US-Autors. Sie ist schon lange verwitwet und fühlt sich einsam. Eines Tages entschließt sie sich dazu, einen Häuserblock weiter bei Louis zu klingeln. Louis ist im selben Alter, ebenfalls verwitwet und alleinlebend. Zu seinem Erstaunen macht ihm Addie einen ungewöhnlichen Vorschlag: Sie wünscht sich, dass er ab und zu bei ihr übernachtet. Es geht ihr nicht um Sex, sondern um seine Gesellschaft und gute Gespräche, die sich am besten im Dunkel der Nacht führen lassen.

Louis willigt ein und kommt beim ersten Mal über die Hintertür in Addies Haus. Doch die Seniorin protestiert: Es passiert schließlich nichts Unrechtes, das verheimlicht werden müsste, also solle Louis doch die Vordertür benutzen. Schon an dieser Stelle möchte man applaudieren und die beiden unterstützen: Genießt den Rest eures Lebens und lasst euch das, was euch guttut, nicht von "den Leuten" madig machen.

Diesem Credo folgen die beiden dann tatsächlich, was Louis etwas schwerer fällt als Addie. Sie zeigen sich gemeinsam in der Öffentlichkeit und verbringen irgendwann nicht nur die Nächte, sondern auch immer mehr von den Tagen miteinander. Ihre zunächst platonische Beziehung wird immer romantischer, und da sie einander absolute Ehrlichkeit versprochen haben, erzählen sie sich im Schutz der Dunkelheit auch die unschönen Dinge, die ihnen im Leben widerfahren sind. Die emotionale Nähe nimmt zu, das Vertrauen zwischen ihnen wächst. 

Doch natürlich bleibt ihre Zweisamkeit in Holt nicht unbemerkt: Bekannte machen mal mehr, mal weniger deutliche Bemerkungen, die meisten haben für die beiden kein Verständnis. Doch Addie und Louis gelingt es, mit diesen Vorbehalten gelassen umzugehen.

Einige Monate später scheint die Ehe von Addies Sohn Gene am Ende zu sein. Um weiter seinen Beruf ausüben zu können, bringt er seinen sechsjährigen Sohn Jamie zu seiner Oma. Louis wird bald zu dessen väterlichem Freund und die Drei bilden den Sommer über eine harmonische Gemeinschaft, in der dann auch noch ein Hund aus dem Tierheim ein Zuhause findet.

Aber Gene ist das "Treiben" des verliebten Paares ein Dorn im Auge, ebenso wie Louis' Tochter Holly, die die Beziehung als 'peinlich' bezeichnet. Das Recht, das sie selbstverständlich für sich fordert - ihr eigenes Leben ohne Bevormundungen zu leben -, spricht sie ihrem Vater ab. Mit ihren Vorhaltungen hat sie allerdings keinen Erfolg.

Gene dagegen setzt seine Mutter mit einer emotionalen Erpressung unter Druck, um die Situation in seinem Sinn zu verändern. Addie und Louis, die bis dahin autark und selbstbestimmt gelebt haben, werden auf das Niveau von fremdbestimmten Kindern zurückgeworfen.

Lesen?

Auf jeden Fall! Kent Haruf ist es gelungen, einfühlsam zu schildern, wie sich Addie und Louis langsam aneinander herantasten und ihre Partnerschaft an Tiefe gewinnt. Er macht seinen Lesern unaufdringlich deutlich, dass jeder Mensch eine einzigartige Persönlichkeit mit all ihren Stärken und Schwächen ist. 

Das würde schon genügen, um ein wirklich gutes Buch zu schreiben. Doch dann ist da noch der feine Humor des Schriftstellers, der sich in kleinen Momenten wie diesem zeigt: Nach dem plötzlichen Tod von Addies betagter Nachbarin Ruth, zu der das Paar einen guten Kontakt hatte, verkauft deren Nichte als Alleinerbin das Haus. Die Nichte hatte sich nie um Ruth gekümmert und legt keinen Wert darauf, die Urne mit der Asche ihrer Tante zu bekommen. Addie nimmt die Urne an sich und verstreut Ruth' Asche gemeinsam mit Louis nachts um zwei im Garten hinter dem Haus der Verstorbenen - in dem bereits die neuen Eigentümer wohnen.

An einer Stelle nimmt Haruf in einem Dialog zwischen Addie und Louis seine eigenen Bücher auf die Schippe: Die beiden finden die Handlungen darin ziemlich weit hergeholt, besonders in dem Buch, in dem zwei alte Viehzüchter ein schwangeres Mädchen bei sich aufnehmen. Großartig!

Unsere Seelen bei Nacht ist 2017 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als Taschenbuch 13 Euro.