Freitag, 20. Juli 2018

# 159 - Rizzoli und Isles sind wieder auf Mörderjagd

Mordinszenierungen geben Rätsel auf

 

Blutzeuge ist der zwölfte Band der Rizzoli-&-Isles-Serie von Tess Gerritsen und spielt auch diesmal mit den Ängsten seiner Leser. 
In Boston geht offenbar ein Serienkiller um, der einen perfiden Hang zu Inszenierungen hat. Das erste Opfer ist die junge Horrorfilm-Produzentin Cassandra Coyle. Sie wird tot auf ihrem Bett gefunden und wirkt auf den ersten Blick so friedlich, als würde sie noch schlafen. Doch in ihren Händen liegen zwei Augäpfel - ihre eigenen, die ihr jedoch erst post mortem entfernt wurden. Der Zusammenhang zu ihrem Beruf ist schnell hergestellt, und so wird zunächst in diese Richtung ermittelt. Aber es dauert nicht lange, bis es wieder einen Toten gibt.

Noch ein Mord

 

Schon wenige Tage danach wird Timothy McDougal gefunden - ebenfalls tot, mit drei Pfeilen in seiner Brust. Auch sie wurden ihm erst in den Körper geschossen, nachdem er bereits tot war. Die Polizei sucht bis zurück in die Schulzeit nach Gemeinsamkeiten zwischen den gleichaltrigen jungen Leuten, doch die Nachforschungen verlaufen ergebnislos. Erst der Kontakt zwischen Maura und dem Polizeigeistlichen des Boston PD, Daniel Brophy, bringt die Ermittlungen einen großen Schritt voran: Der Pater stellt beim Anblick der Tatortfotos sofort eine Verbindung zu zwei Märtyrern her: zur heiligen Lucia, die wegen ihrer Zugehörigkeit zum Christentum mit dem Herausreißen ihrer Augen bestraft wurde, und zum heiligen Sebastian, der aus demselben Grund im Auftrag von Kaiser Diokletian von Bogenschützen erschossen werden sollte.
Die Parallele ist zu auffällig, als dass sie nicht von Bedeutung sein könnte. Und tatsächlich erkennt Maura, dass Cassandra und Timothy an den Tagen getötet wurden, an denen die beiden Märtyrer im 16. bzw. 3. Jahrhundert ebenfalls ermordet worden waren. Als die Kollegen des PD dann auch noch auf Filmaufnahmen der Trauerfeiern eine Frau entdecken, die beide Male anwesend war, haben sie so etwas wie eine heiße Spur, die weit in die Kindheit von Cassandra und Timothy zurückreicht.

Wie war's?

 

Tess Gerritsen schreibt wie gewohnt flüssig und spannend. Was diesen Krimi aus der Reihe um Rizzoli & Isles von manchen anderen unterscheidet ist, dass auch ihr Privatleben in die Handlung eingewoben wird. Maura Isles hatte eine Beziehung zu Pater Daniel Brophy, die das Paar wegen Brophys Gelübde nur versteckt gelebt hat. Ihr Wiedersehen nach mehr als sechs Monaten soll zwar nur rein dienstlich sein, aber ihre Gefühle füreinander flammen wieder auf.

Jane Rizzoli hadert mit ihrer eigentlichen Familie: Sie hatte bei ihren Adoptiveltern eine soglose Kindheit, ihre biologische Familie ist jedoch eine Ansammlung von Kriminellen, allen voran ihre Mutter Amalthea. Diese liegt nun im Sterben liegt, versucht aber immer noch, ihre Umgebung zu manipulieren. Jane entdeckt, dass es eine Verbindung zwischen den Mordfällen und ihrer leiblichen Mutter gibt. Kurzum: Blutzeuge ist ein gut gemachter Thriller mit einer Portion Grusel. 

Blutzeuge ist im Limes Verlag erschienen und  kostet als gebundene Ausgabe 19,99 Euro, in der epub-oder Kindle-Edition 15,99 Euro sowie auf CD-ROM 15,79 Euro. Ich bedanke mich beim Bloggerportal für das Überlassen eines Rezensionsexemplars.

Freitag, 13. Juli 2018

Es ist wieder soweit: Die Hotlist 2018 geht in die nächste Runde

30 Bücher stehen zur Wahl

 

Zum zehnten Mal wird der Wettbewerb Hotlist veranstaltet, und aus den 161 Einsendungen unabhängiger Verlage hat eine Jury die ihrer Meinung nach besten 30 ausgewählt. Jetzt haben die Leser die Wahl: Alle Bücher werden mit Klappentext und Leseprobe vorgestellt (hier), sodass man sich einen Eindruck verschaffen kann. Ich habe mich schwer getan, meine Stimme abzugeben (hier), da man sich für ein Buch entscheiden muss.

Ich will euch natürlich nicht beeinflussen und werde nicht sagen, welcher Titel mir am besten gefallen hat, aber diese Bücher sind in meine engere Wahl gekommen (die Links neben dem Cover führen zur jeweiligen Buchbeschreibung):


Aluta
                                                        Das Buch der entbehrlichen Gedanken
 Der Sonnenschirm des Terroristen
                                  Die Himmelblauen Berge
 Hilde & Gretl
                                                Reise in ein tragikomisches Jahrhundert
 Shelleys Traum nach vorn
                                         Sonnenfinsternis










Hotlist: ein Rückblick

 

Ich habe bereits 2017 über die Hotlist geschrieben. Wenn euch die Hintergründe interessieren, könnt ihr sie hier und hier nachlesen.  

# 158 - Ein Gesellschaftsroman mit wahren Elementen

Ein mecklenburgisches Dorf als Zentrum des Geschehens

 

Machandel: Das ist der Name eines fiktiven mecklenburgischen Dorfes und des gleichnamigen Debutromans von Regina Scheer, der 2014, passend zum 25. Jahrestags des Falls der deutsch-deutschen Mauer, erschienen ist. Der Dorfame leitet sich vom niederdeutschen Wort für Wacholder ab, der rund um Machandel üppig wächst.

Deutschland von den 1930er bis zu den 1990er Jahren

 

So unbedeutend das winzige Dorf Machandel an sich ist, für die Hauptpersonen in Regina Scheers Roman ist es so etwas wie der Nabel ihres Lebens. Der russische Offizier Grigori strandet hier im 2. Weltkrieg für etwas mehr als ein Jahr ebenso wie die  Arztwitwe Emma aus Hamburg, die es sich zur Aufgabe macht, sieben verwaiste Kinder großzuziehen, deren Mutter verstorben ist, deren Vater als Soldat im Krieg kämpft und deren älteste Schwester in einer Nervenklinik ist - nachdem sie vom Stallarbeiter und späteren Gefangenenaufseher Wilhelm Stüwe vergewaltigt und dann als schwachsinnig denunziert wurde, damit sie ihm nicht gefährlich werden kann.

Doch im Mittelpunkt des Romans steht die 1960 geborene Clara. Wie die anderen Personen, die den Inhalt des Buches wesentlich prägen, spricht sie aus der Ich-Perspektive und zeigt ihre Sicht der Ereignisse. Sie ist die Schwester des 14 Jahre älteren Fotografen Jan Langner, der im Schloss von Machandel geboren wird und erst im Alter von sieben Jahren zu seinen Eltern nach Ost-Berlin zieht. Die beiden sind die Kinder des Kommunisten Hans Langner, der in der DDR verschiedene wichtige Positionen bis hin zum Minister inne hatte und sein Leben lang von einem kommunistischen Staat träumt. Er wird 1935 wie seine Lebensgefährtin Else als Mitglied der Kommunistischen Partei verhaftet und letztlich ab 1943 im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten. Als die Rote Armee immer näher rückt, treibt die SS über 30.000 Häftlinge nach Nordwesten. Auf diesem Todesmarsch gelingt Hans Langner gemeinsam mit zwei tschechischen Gefangenen die Flucht und er erreicht schwer krank Machandel. Dort wird er von der jungen Johanna gesund gepflegt, die selbst zusammen mit ihrer Mutter als Flüchtling in das Dorf gelangt ist. Johanna und Hans werden ein Paar.

Clara lernt Machandel erst 1985 kennen. Jan hat seine Ausreise aus der DDR beantragt, und sie wurde genehmigt. Kurz vor dem Abschied schlägt er vor, mit Clara und ihrem Mann Michael nach Machandel zu fahren und ihnen den Ort seiner frühen Kindheit zu zeigen. Ab diesem Zeitpunkt wird das Dorf für Clara zu einer Art Sehnsuchtsort: Sie und Michael kaufen die alte Kate, in der Emma etliche Jahre zuvor mit den sieben Kindern gelebt hat, und richten sie als Wochenendhaus her. Sie verbringen viel Zeit in Machandel, das gerade Clara wie eine Art Oase und Ruhepunkt erscheint. Doch im Laufe der Jahre erfährt sie immer mehr über die Bewohner - die früheren und die jetzigen - und die Geschichte des Dorfs. Flucht, Gewalt und Erniedrigung hat dieser Ort gesehen, aber auch Zusammenhalt und Liebe. Clara lernt im Laufe der Jahre auch immer mehr über ihre eigene Familie. In ihrem eigenen Leben geht es auf und ab, doch ein Wunsch begleitet sie immer: Sie würde gern ihren Bruder wiederfinden. Niemand aus der Familie oder von seinen Freunden hat Jan seit seiner Ausreise aus der DDR wiedergesehen. Doch es gibt Spuren, an die sich sein alter Freund Herbert heftet: Immer wieder werden seine Fotos in Zeitschriften veröffentlicht - aus Kuba, Nicaragua oder Bolivien. Aber die Fotos sind nicht mit seinem Namen gekennzeichnet: Unter jedem Bild steht einfach nur "Machandel".

Lesen?

 

Machandel ist ein äußerst vielschichtiger Roman, in den man förmlich eintaucht. Da es sich nicht um eine chronologische Handlung handelt, sondern die Personen nacheinander ihre Sicht auf die Vergangenheit erzählen, gelingt es sehr gut, sich in sie hineinzufühlen. Jeder hat ein Geheimnis oder leidet unter der Erinnerung an oft lange zurückliegende Ereignisse. Nur der Leser weiß, warum die Menschen auf die eine oder andere Art gehandelt haben. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie mehr miteinander geredet hätten?

Regina Scheer wurde 1950 in Ost-Berlin geboren und hat die DDR auch dann nicht verlassen, als sich die Möglichkeit ergeben hatte. Der Osten Deutschlands und vor allem Berlin ist darum auch der Schwerpunkt ihres Buchs. Wer in der DDR aufgewachsen ist oder die Situation dort verfolgt hat, wird auch viele Namen von einst wichtigen Personen wiedererkennen; auch die, die nicht explizit genannt, sondern nur beschrieben werden.

Machandel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2017 im Penguin Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro, als gebundene Ausgabe 22,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 8,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

 

 

Freitag, 6. Juli 2018

# 157 - Zwei ganz unterschiedliche Reisebücher

Sommer, Sonne ... Reisen!

 

Diesmal geht es um zwei Bücher, die gemeinsam haben, dass sie von Männern geschrieben wurden, die auf einer mehrmonatigen Reise zusammen mit ihren Partnerinnen viel von der Welt gesehen haben. Da hören die Übereinstimmungen allerdings auf. Aber lest selbst. 

Drei Kontinente in sieben Monaten

Der Journalist Torsten Johannknecht hat mit Die Welt von oben sein erstes Buch veröffentlicht. Mit Ausnahme der ersten sechs Wochen reist er zusammen mit seiner Freundin Bärbel um den Globus. Dabei sind ständig besonders zwei Hindernisse zu bewältigen: Bärbel gehört zu den Optimierern und Man-muss-alles-super-planen-Menschen, was dem gern vor sich hin dümpelnden Johannknecht immer wieder ziemlich auf die Nerven geht. Und: seine Körpergröße. 205 Zentimeter bei Schuhgröße 52 haben durchaus ihre Nachteile. Das beginnt bei der Bettenlänge und hört bei der vor Ort üblichen Raumhöhe noch lange nicht auf. 

So manches Mal muss er im Geiste mehrmals über seinen Schatten springen, um die Herausforderungen dieser Reise zu bewältigen. So isst er zum Beispiel im peruanischen Urwald nahe Iquitos widerstrebend einen lebenden Wurm, den einer der Guides aus einer Art Nuss gezogen hat. In Ushuaia (Argentinien), der südlichsten Stadt der Welt, haben Johannknecht und seine Freundin bereits vorab eine Off-Road-Tour gebucht, ohne so ganz genau zu wissen, was sie erwarten wird. Und diese Tour hat es in sich: Die Warnung des Fahrers vor dem launischen Wetter soll sich schon nach wenigen Minuten bewahrheiten, als es anfängt, zu schneien. Doch der größte Aufreger dieser Fahrt soll noch kommen, als sie erkennen, dass man nicht nur neben dem Grenzsee Lago Fagnano fahren kann...

Im bolivianischen La Paz geht das Paar zum Frauen-Wrestling ("Cholitas Wrestling"), um etwas Ausgefallenes zu erleben. Das ist es dann auch: Johannknecht sticht aus der Menge dermaßen heraus, dass er aufgefordert wird, mit einer der 1,50 Meter kleinen Wrestlerinnen zu "kämpfen". Als er genügend Kämpfe "verloren" hat, muss er vor der Frau niederknien - und überragt sie immer noch, was alle in der Halle brüllend komisch finden.
Außer Südamerika bereisen die beiden noch Neuseeland, Australien, Fidschi und Asien (China und Hongkong) und sind, weil sie fast immer in Hostels wohnen, mitten im Geschehen - was spannend ist, weil man mehr erlebt, aber auch anstrengend sein kann, wenn Städte völlig überfüllt sind und sich die Menschenmengen nur noch vorwärts schieben (Hongkong und Jakarta). 

Ganz klar: Auch die typischen Touristen-Hot-Spots dürfen nicht fehlen, wenn man denn schon mal in der Nähe ist: Hobbiton bei Matamata (Neuseeland), die Kulisse von ... ja, genau: der Hobbit-Trilogie.



Natürlich musste der Autor auch sich und der Nachwelt beweisen, dass er zu Großem auf dem Gebiet des Fischfangs berufen ist. Mit diesem Beweisfoto sind auch die letzten Zweifel ausgeräumt: Johannknecht präsentiert einen von ihm auf dem Amazonas in Peru mit der Hand gefangenen Piranha. Die anderen Piranhas sind danach vermutlich verängstigt geflohen, denn es blieb bei diesem einen: 



Wie war's?

 

Johannknecht hat mit Die Welt von oben ein sehr unterhaltsames Buch geschrieben, das aber nicht als Reiseführer betrachtet werden sollte. Es liest sich so, als würde man mit ihm in einer Bar sitzen und jemand würde sagen: "Mensch, Torsten, erzähl doch mal von eurer Reise!" Schön ist, dass er nichts auslässt, sondern offen auch über die Schwächen seiner Reise schreibt, angefangen von der schlechten Unterkunft, nervtötenden anderen Touristen bis hin zur kurzzeitigen Beziehungskrise mit Bärbel. Während die eine oder andere Station etwas zu kurz kommt (Titicacasee), schildert er emotional einen der für ihn schönsten Momente auf einem Hügel in Patagonien mit Ausblick auf einen Gletscher. Das, was allerdings irgendwann ein bisschen ermüdend wirkt, ist der sich etliche Male wiederholende Hinweis auf seine außergewöhnliche Körpergröße. Das lässt sich aber angesichts des guten Gesamteindrucks vernachlässigen.

Die Welt von oben ist im Juni 2018 beim Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 12,-- Euro. Das Buch sowie die Fotos wurden mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. 

Das zweite Buch: eine Reise zu den Alten der Welt

 

Das Buch des Lebens - Eine Reise zu den Ältesten der Welt von Andrew Jackson ist so etwas wie das Kontrastprogramm zum vorherigen Titel. Dieses Buch ist bereits 2000 in der deutschen Erstausgabe erschienen, und Jackson hat für die zweijährige Reise, die ihn und seine Frau Vanella auf alle Kontinente geführt hat, einen Top-Job in der Werbebranche aufgegeben. Das Paar hatte sich vorgenommen, sehr alte Menschen in der ganzen Welt zu finden und mit ihnen über ihr Leben und das Alter zu sprechen. Dabei geht es nicht um die ältesten Menschen im Sinne eines Superlativs; die beiden sind an ihren Zielorten direkt auf die Suche nach sehr betagten Senioren gegangen und durchweg auf offene Persönlichkeiten gestoßen, die bereit waren, mit den Fremden auch sehr private Dinge zu teilen. Und tatsächlich unterscheiden sich die Sichtweisen der einzelnen Senioren auf das, was im Leben wichtig ist und war. Das ist sicherlich nicht nur auf das Heimatland, sondern auch auf die persönlichen Erfahrungen und die Werte, die innerhalb einer Gesellschaft eine Rolle spielen, zurückzuführen. Das Paar trifft zum Beispiel auf einen balinesischen Brahmanen, der sich vor ihnen die Schneidezähne feilt, oder auf einen 102-jährigen Inder, der immer noch zu den Top-Kricketspielern der Welt gehört. Manche dieser Alten sind eher still und leise, andere nutzen ihre letzte Lebensphase, um das auszuleben, was sie sich bislang verkniffen haben. Zu den bemerkenswertesten Gesprächen gehörte für Jackson das mit Sir Mark Oliphant, einem 2000 im Alter von fast 99 Jahren verstorbenen Physiker und Politiker. Es geht darin um die Frage, warum die australische Regierung trotz der günstigen Bedingungen nicht auf Solarenergie umgestellt hat. Seine Antwort: "Weil eine Regierung wie die Industrie funktioniert. Wenn etwas nicht schon morgen Profit abwirft, ist es uninteressant. Jede Art von langfristigem Ansatz ist heute praktisch allen Regierungen ein Greuel." Daran hat sich bis heute, fast 20 Jahre nach diesem Interview, nichts geändert.

Aber es geht in Jacksons Buch auch um Privates. Er schildert, wie Vanella wegen einer Darmerkrankung, die sie schon seit ihrer Kindheit begleitet, in Caracas fast daran verstirbt. Die Not, in der sich die beiden dort befinden, ist praktisch mit Händen zu greifen. Am Ende der Reise weiß er, was für sein eigenes Leben wichtig ist. Mir hat dieses Buch so gut gefallen, dass ich es zweimal gelesen habe.

Das Buch des Lebens - Eine Reise zu den Ältesten der Welt ist in der National Geographic-Reihe bei Frederking & Thaler erschienen und kostete in der mir vorliegenden 2. Auflage von 2003 12,-- Euro. Es ist heute nur noch antiquarisch zu bekommen, was aber auf den hierfür bekannten Internetseiten kein Problem ist.

Dienstag, 3. Juli 2018

Ulrike Busch, Martin Krist und René Jorde im Indie-Katalog von Buchreport!

Ein toller Erfolg für drei Selfpublishing-Autoren

 

Die zweite Ausgabe des Indie-Katalogs in diesem Jahr ist gerade erschienen, und ich freue mich sehr für eine Autorin, deren Bücher mehrfach auf diesem Blog vertreten sind: Ulrike Busch hat mit ihrem Buch Mord auf der Hallig einen verdienten Platz im halbjährlich erscheinenden Katalog, der eher den Charakter einer Branchenzeitschrift hat, bekommen. Als "Ableger" der Fachzeitschrift buchreport wird der Indie-Katalog in einer Auflage von 4.200 Stück an die Buchhandlungen ausgeliefert.


 



Martin Krists spannender Thriller Drecksspiel wird ebenfalls im Indie-Katalog vorgestellt. Sein Buch ist ein echter Page-Turner und kann allen empfohlen werden, die nicht zu zart besaitet sind. Auch von Martin Krist habe ich schon vier Bücher vorgestellt, weil sie mir so gut gefielen.




  




René Jordes Ratgeber Recht für Selbstverleger und Autoren kann allen empfohlen werden, die sich hierzu zählen. Etliche juristische Schnitzer sind mit ein paar Vorkenntnissen vermeidbar und können für Autoren ziemlich teuer werden. 

Ich wünsche allen dreien weiterhin viel Erfolg!











Sonntag, 1. Juli 2018

Die neue "Herbstkollektion" der Unabhängigen

Kataloge prall gefüllt mit tollen Titeln

 

In zwei Sendungen hat mir die Literaturagentur re-book marketing & kommunikation die neuesten Kataloge von 19 unabhängigen Verlage für den Herbst 2018 zugesendet. An dieser Stelle herzlichen Dank dafür!

Was gibt's Neues?

 

Der Wieser Verlag aus Klagenfurt legt einen Schwerpunkt auf Literatur aus Georgien. Kein Wunder, denn Georgien ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Herbst.

Der Verlag Der gesunde Menschenverstand aus Luzern hat Werke der verstorbenen rumänisch-schweizerischen Autorin Aglaja Veteranyi, einen Satire-Roman von Matto Kämpf, die Audio-CD "Im Schwarm" von Michael Fehr u. a. sowie die Fortsetzung der Reihe "essais agités" neu im Programm.

Vom Cover des Drava Verlags Klagenfurt guckt dem Leser ein Schaf entgegen. Ein bisschen blättern, und dann findet man es im Inneren des Hefts: Das neugierige Tier gehört zum Titelbild von "24 Ein-Schaf-Geschichten für Erwachsene", eines Buches der österreichischen Autorin Anna Derndorfer. Außerdem finden sich noch weitere Bücher aus den Bereichen Belletristik, Sachbuch und Kunstbuch.

Der Verlag Klöpfer & Meyer aus Tübingen legt zum Herbst eine ganze Menge neuer Bücher auf. Die Bandbreite reicht von Belletristik und Lyrik bis zu Sachbüchern. Auf den ersten Blick ist mir "Angerichtet, herzhaft und scharf!" des Sterne-Kochs Vincent Klink aufgefallen. Dort widmet sich Klink nicht nur dem Kochen, sondern macht sich auch kritisch Gedanken zu Fragen der Zeit. Auch ein anderes Buch hat mich angesprochen: "Gegenverkehr - Demokratische Öffentlichkeit neu denken" enthält Beiträge unter anderem von Andreas Vosskuhle (Präsident des Bundesverfassungsgerichts), Norbert Lammert (Ex-Bundestagspräsident), Alexander van der Bellen (österreichischer Bundespräsident) oder Robert Habeck (Umweltminister in Schleswig-Holstein und Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen). Die Herausgeber Ralf Fücks und Thomas Schmid haben den Buchtitel an ein Zitat des italienischen Schriftstellers Alberto Moravia angelehnt: "Diktaturen sind Einbahnstraßen, in Demokratien herrscht Gegenverkehr." 



Im Septime-Verlag Wien sind mir vor allem zwei Bücher aufgefallen: Da ist der bereits erschienene Roman "Einsame Schwestern" der georgischen Schriftstellerin Ekaterine Togonidze, der bereits durch die Buchblogs "geistert". Es geht um das Leben von siamesischen Zwillingen, von denen ihr Vater erst nach deren Tod erfährt. Von Ryū Murakami stammt das Buch "In Liebe, dein Vaterland", in dem es um den Niedergang Japans geht, nachdem die einst mit dem Land verbündeten USA ihm den Rücken gekehrt haben. Die Namensähnlichkeit zum bekannteren Schriftsteller Haruki Murakami ist zufällig.

Der Osburg Verlag Hamburg legt sich hinsichtlich seines Repertoires nicht auf einige wenige Genres fest. Stark vertreten unter den Neuerscheinungen sind Romane mit historischem Bezug (nicht zu verwechseln mit historischen Romanen) sowie die Fortsetzung der Krimireihe der dänischen Autorin Inger Madsen mit dem Buch "Blutstaub".

Der Piet Meyer Verlag legt seinen Schwerpunkt auf zwei Neuerscheinungen: "Über Kunst/Schriften 1979-2008" von John Updike. Updike ist den meisten Lesern nur als Romanautor bekannt, er hat jeodch auch zahlreiche Essays verfasst, die in diesem Band versammelt sind. Die zweite Neuerscheinung ist "Alberto Giacometti - Der schreitende Mann" von Franck Maubert, in der sich der Kunsthistoriker Maubert mit dem Maler und Bildhauer Giacometti beschäftigt. 

Beim Klever Verlag Wien finden sich Romane neben Gedichten. Die für mich auffälligste Neuerscheinung ist "Das Geheimnisgeschichtenlexikon des David Sylvester Marek", herausgegeben von Franzobel, einem Anwärter auf den Deutschen Buchpreis 2017. Franzobel zählt Mareks Texte "zum Eigenartigsten, Unverständlichsten, aber auch Faszinierendsten, Geheimnisvollsten und Poetischsten, was ich je gelesen habe". Nun denn.

Bei Edition Bücherlese Luzern stehen zwei in der Schweiz spielende Romane sowie ein weiterer, der sich mit den Schwierigkeiten einer Frau befasst, mit ihrer neuen Rolle als Mutter zurechtzukommen, neu im Programm. Für die Originalfassung von  "Am Abend fließt die Mutter aus dem Krug" erhielt Virginia Helbling 2015 den ersten "Premio Studer/Ganz per la migliore opera prima".

Beim Stroemfeld Verlag Frankfurt am Main/Basel fällt insbesondere die Herausgabe der Prager Manuskripte von Robert Walser mit einer begleitenden elektronischen Edition auf. Der Band enthält 103 Reinschriftmanuskripte in Originalgröße, die im Museum der Tschechischen Literatur aufbewahrt werden.


Im Verlag Die Brotsuppe Biel erscheinen Gedichtbände auf Schwyzerdütsch und Deutsch sowie ein Fotoband von Mischa Dickerhoff, der Bilder enthält, die die Stimmung von Musik und die Persönlichkeit von Musikern einfangen: "Donnerstag Abend"/"Jeudi Soir".

Der Rotpunkt Verlag Zürich veröffentlicht mit "Du bist in einer Luft mit mir" eine Familiengeschichte, die von der gebürtigen Georgierin Ruska Jorjoliani geschrieben wurde, die als Flüchtling nach Sizilien kam. Außerdem gibt es mehrere Sachbücher, die sich mit dem Brexit, dem Kapitalismus und seiner Ungerechtigkeit oder der Geschichte der Zürcher Hellmutstraße, in der sich auch der Rotpunkt Verlag befindet, beschäftigen.

Der Lilienfeld Verlag Düsseldorf bringt eine Neuauflage des Romans "Der Kramladen des Glücks" von Franz Hessel (Vater von Stéphane Hessel) heraus. Außerdem: Der Roman "Dor und der September" aus dem Jahr 1940 von Karl Friedrich Borée in einer Neuauflage. Der 1964 verstorbene Borée war der erste Vorsitzende des Westberliner Schriftstellerverbands sowie Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Der Limbus Verlag Innsbruck veröffentlicht neu Lyrikbände von österreichischen und schweizerischen Autoren, die Erzählung "Monster" der österreichischen Autorin Isabella Feimer sowie mehrere sehr schön illustrierte Kinderbücher.

In der Herbstvorschau des Bilgerverlags Zürich fiel mir das Buch von Willi Wottreng auf: In "Ein Irokese am Genfersee" vermengt der Schriftsteller die wahre Geschichte des Irokesenhäuptlings Deskaheh, der 1923 nach Genf reiste, um beim Völkerbund um Hilfe im 'Appell für Rothäute' zu bitten, mit einer fiktiven Kriminalgeschichte. Als er 1925 plötzlich verstirbt, wittert eine Staatsanwältin dahinter ein Verbrechen.

Weiter geht es mit dem Launenweber Verlag Köln. Hier wird es mehrere neue und interessante Romane geben, am meisten spricht mich aber "novopoint grün" von Daniel Ketteler an. Ketteler stammt aus Westfalen und hat Germanistik und Medizin studiert. All das schlägt sich auch in seinem Buch nieder: Auf einem Hochsitz nahe einer westfälischen Kleinstadt wird ein Toter gefunden. Ein Polizeianwärter und sein Freund Peter recherchieren, der angehende Polizist stirbt jedoch bald. Peter, der unter einer bipolaren Psychose leidet, schreibt das Leben mit seinem Freund auf und offenbart sich auch seinem Psychiater. Doch kann man dem Arzt wirklich trauen?

Der Limmat Verlag Zürich legt seinen Schwerpunkt auf die neuere Geschichte. Interessant: "China brennt - Bildberichte 1931-1939" des schweizerischen Fotojournalisten Walter Bosshard und "Grazie a voi.", herausgegeben von Fausto Tisato u.a., das mit Fotografien die Geschichte der italienienischen Migration in der Schweiz dokumentiert.

Bei kookbooks Berlin werden im Herbst drei Gedichtbände und ein Kinderbuch ("alle nase diederdase" von Dagmara Kraus) herausgebracht.

Last, but not least: der Elsinor Verlag Coesfeld. Nachdem die Originalfassung 75 Jahre verschwunden war, tauchte das Manuskript von Arthur Koetlers Roman "Sonnenfinsternis" 2015 einer Zürcher Bibliiothek wieder auf. Das Buch wurde am 22. Juni 2018 im 'Literarischen Quartett' vorgestellt (ab etwa 15:10): 




Das waren die (aus meiner Sicht) besten Bücher der unabhängigen Verlage, die im Herbst 2018 auf uns warten. Ich hoffe, der kleine Überblick hat euch gefallen.

Nachtrag
Einen Tag nach dem Hochladen dieses Textes habe ich gemerkt, dass ich einen Verlag "unterschlagen" habe, nämlich Edition Korrespondenzen aus Wien. Das kleine Heft ist mir heimlich, still und leise zwischen andere Unterlagen auf meinem Schreibtisch gerutscht, hat sich aber nun glücklicherweise wieder angefunden. Der Verlag widmet sich im Herbst sechs Neuerscheinungen, darunter mit "Der ich bin. Chronik des Vergessens" der Start einer autobiographischen Trilogie des in Berlin lebenden Schweizer Autors Armin Senser sowie Titeln osteuropäischer Schriftsteller. Und weil ich diese Zeilen nachgeschoben habe, bekommt der Verlagsprospekt ein eigenes Foto, auf dem er sich präsentieren kann:


Freitag, 29. Juni 2018

# 156 - Roman über eine lange Liebe mit Höhen und Tiefen

Stille und Einfachheit prägen die Familie

 

Johanna Lettmann und Wilfried Fiebelkorn werden im 2. Weltkrieg von der Roten Armee aus Hinterpommern vertrieben. Johanna wird schnell schwanger, doch auf der Flucht wird Wilfried von britischen Soldaten aufgegriffen und verbringt die nächsten fünf Jahre in englischer Kriegsgefangenschaft, ohne vorher je einen Schuss abgefeuert zu haben. Johanna erhält während dieser Zeit kein Lebenszeichen von ihm. In seinem Debutroman Ein Fiebelkorn erzählt Matthias Lanin auf eine spezielle Art von einer deutschen Familie, deren Schicksal - wie das vieler anderer auch -  von Umständen abhing, die sie nicht beeinflussen konnten.

Mehr als 50 Jahre Ehe in einem Buch

 

Die Fiebelkorns führen ein stilles Leben und sind immer wieder gezwungen, sich mit einschneidenden Ereignissen auseinanderzusetzen und sie zu verarbeiten. Sie haben vier Töchter, aber eine von ihnen stirbt im Alter von vier Jahren. Zu einer anderen Tochter, die in den USA lebt, haben sie nur gelegentlich Kontakt. Johanna und Wilfried haben das Kriegsende erlebt, ihre Kinder in der DDR großgezogen, haben ungläubig den Mauerfall vor dem Fernseher verfolgt und sind über all dem alt geworden. Jeder kennt genau die Vorzüge und Macken des anderen und kommt damit zurecht, sie haben sich als über 80-Jährige in ihrer bescheidenen Zweisamkeit eingerichtet. Doch man ahnt schon auf den ersten Seiten, dass damit bald Schluss ist: Wilfried spürt ein Gewicht auf der Brust, das ihm das Atmen schwer macht, behält das aber für sich. Aber dann, etwa in der Mitte des Romans, passiert das, wovor sich Johanna gefürchtet hat: Ihr Mann bittet sie, ihn sofort mit dem Auto ins Krankenhaus zu fahren. Wenn er das macht, muss es schlimm um ihn stehen, das ist Johanna klar. Aber sie ist schon eine Ewigkeit nicht mehr gefahren, und ihre Brille hat sie auch verlegt. Wilfried sackt auf dem Beifahrersitz zusammen, noch bevor sie am Krankenhaus angekommen sind.

Wie soll es nun allein weitergehen? 

 

Mithilfe einer ihrer Töchter wird Wilfrieds Beerdigung organisiert, aber Johannas Gemütszustand ist völlig aus den Fugen geraten: In manchen Momenten will sie nicht wahrhaben, dass ihr Mann tot ist und nie mehr zur Tür hereinkommen und auf seinem Platz am Küchentisch sitzen wird. Manchmal ärgert sie sich auch, dass er sich so einfach davongemacht hat, ohne ihr Bescheid zu sagen. Doch vom ersten Moment an, den sie allein in ihrem Haus verbringt, spürt sie die Einsamkeit, die Leere um sich herum. Und dann sieht sie etwas vor dem Fenster, was sie unmissverständlich auf ihre eigene Endlichkeit hinweist.

Wie war's?

 

Matthias Lanin setzt für seinen Roman einen neutralen Erzähler ein, der immer dann, wenn der Fokus auf Johanna oder Wilfried liegt, zu plattdeutschen Ausdrücken greift. Auffällig ist die Sprachlosigkeit der Eheleute: Sie verständigen sich untereinander oft nur mit Blicken oder Gesten, richtige Gespräche finden nicht statt. Das setzt sich auch gegenüber ihren Töchtern fort: Das, was die Eltern denken, lassen diese unausgesprochen und fertigen ihre Kinder oft mit Kurzsätzen barsch ab.
Auf dem Buchcover wird Ein Fiebelkorn als Liebesgeschichte bezeichnet. Wer deswegen eine romantische Lektüre erwartet, ist hier falsch. In der Rückschau gibt es sogar einen Moment, in dem sich die junge schwangere Johanna fast einem anderen Mann zugewandt hätte. Auch das, was die Eheleute voneinander denken, ist nicht immer freundlich, aber nach so vielen gemeinsamen Jahren realistisch.

Ein Fiebelkorn ist im Divan Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 15,90 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 8,99 Euro. Ich bedanke mich bei der Literaturagentur kongking, die  mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.