Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort wird Josef wieder von seinem alten Arbeitgeber eingestellt. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Freitag, 20. Januar 2023

# 378 - Das Leben einer Kriegsreporterin in einem Roman

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. hat die Schriftstellerin und Kriegsreporterin Gabriele Riedle ihr Buch genannt. Und damit keine Missverständnisse aufkommen, über das, was die Leserinnen und Leser erwarten können, lautet der Untertitel: Eine Art Abenteuerroman.

Diese sehr vage Bezeichnung trifft es genau: Dieses Buch ist kein Roman im üblichen Sinne, weil es sich bei seinem Inhalt kaum um Fiktion handelt. Gabriele Riedle hat ihre namenlose Ich-Erzählerin in die Rolle einer Kriegsreporterin schlüpfen lassen und lässt diese schildern, was ihr Berufsleben prägt.

Der rote Faden ist der Tod ihres britischen Kollegen Tim Hetherington, der 2011 im libyschen Misrata von einer Granate getötet wurde. Die Trauer um ihn ist deutlich zu spüren, Riedle hatte mit ihm für eine "Geo"-Reportage in Liberia zusammengearbeitet. Von Hetheringtons Tod hat die Erzählerin an einem sonnigen Apriltag 2011 im Radio erfahren, die nächste Meldung war die über das Wetter. Zu ihm kehren die Ausführungen immer wieder zurück.

Gabriele Riedle hat einen sehr besonderen Erzählstil gewählt. Die Gedanken mäandern oft von einem Thema zum nächsten, oft passen auf eine Buchseite nur zwei Sätze. Sie beschreibt das Leben von Kriegsberichterstattern und -fotografen auf eine Weise, auf die vor allem ein Attribut passt: atemlos.

Da ist der Chefredakteur eines Nachrichtenmagazins, der die Reporter in ein Krisengebiet schickt und sich von ihnen wünscht, sie mögen an die Leser denken. Was er damit meint? Unklar. Manchmal ist das auch egal, weil der Chefredakteurssessel bedenklich wackelt, wenn die Auflage sinkt. Und dann "rief auch der Neue uns hinterher, wir sollten einfach immer nur sagen, was ist, und natürlich sollten wir dabei an die Leser denken."

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. ist ein Blick hinter die Reportagen. Wir erahnen, was sich in Redaktionen abspielt, und erfahren, wie es ist, ständig unter Lebensgefahr von dem zu berichten, was die Auftraggeber in Hamburg, Manhattan oder sonstwo erwarten. Wir erfahren auch, dass die Welt der Kriegsberichterstattung von Männern dominiert wird, dass es hier Besonnene und Wichtigtuer gibt und Janusköpfigkeit sowohl in den fernen Krisengebieten Afghanistans oder Liberias als auch in den westlichen Chefredaktionen existiert.

Lesen?

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. ist ein sehr schnelles und teilweise hektisches Buch. Bei all dem, was inhaltlich vermittelt wird, wird jedoch deutlich, dass Gabriele Riedle offenbar nichts mehr erschüttern kann. Sie schreibt beispielsweise mit Ironie über die Chefredaktionen, mit Belustigung über die Taliban, die sich in ihren eigenen strengen Vorschriften verheddern, doch auf alles fällt eine gute Portion Zynismus. Die größten Schwierigkeiten hatte ich jedoch mit ihrem Schreibstil, mit dem ich am besten durch oberflächliches, schnelles Lesen umgehen konnte. Als ich das Buch zur Seite gelegt habe, zeigte mir der E-Book-Reader an, dass ich 80 Prozent geschafft hatte. Auf das letzte Fünftel habe ich verzichtet.

In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. ist 2022 in der Buchreihe "Die andere Bibliothek" im Aufbau Verlag erschienen und kostet 24 Euro, als E-Book 16,99 Euro. Es stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022.

Freitag, 13. Januar 2023

# 377 - In 80 Büchern um die Welt?

Vermutlich soll der Buchtitel In 80 Büchern um die Welt auf Jule Vernes Werk In 80 Tagen um die Welt anspielen. Doch während Phileas Fogg sein Ziel, einmal um die Welt zu reisen, tatsächlich haarscharf nach 80 Tagen erreichte, verfehlt dieses Buch das gesetzte Ziel knapp: In 78 kurzen zwei- bis sechsseitigen Texten stellen 55 literarische Fachfrauen und -männer Bücher der Weltliteratur vor, die sich mit dem Reisen über kurze oder sehr lange Distanzen beschäftigen.

Es geht allerdings nicht nur um Reisen, die zum Spaß gemacht werden. Das vom britischen Literaturprofessor John Sutherland herausgegebene Buch greift auch Werke auf, in denen es um Migration, Flucht und höchste Not geht. In 80 Büchern um die Welt ist in vier Abschnitte aufgeteilt, die die Beiträge chronologisch sortieren. Es beginnt mit der Vorstellung von Homers Odyssee (725-675 v. Chr.), setzt sich fort mit Laura in der Prärie von Laura Ingalls Wilder (1935) oder John Steinbecks Früchte des Zorns (1939), beschreibt Lolita von Vladimir Nabokov (1955) und endet im letzten Kapitel mit Lincoln Highway von Amor Towles (2021).

Warum gerade diese 55 Titel ausgewählt wurden, bleibt etwas im Dunklen. Zwar erläutert der Lektor John McMurtrie in der Einleitung, welche "drei Kriterien maßgeblich" gewesen seien - "Erstens muss es sich um ein literarisches Werk handeln [...]; zweitens sollte jedes Buch eine Reise enthalten, die zu realen und nicht imaginären Orten führt [...]" -, das dritte Kriterium bleibt er jedoch schuldig. 
Trotzdem ist die Auswahl eine gute Mischung aus Bekanntem und (fast) Unbekanntem, sodass die kurzen Texte zum Lesen der vollständigen Romane einladen.

Ein Highlight sind die zahlreichen Illustrationen: Fotos, historische Karten oder Zeichnungen geben einen guten Eindruck davon, in welchem zeitlichen Kontext die jeweiligen Bücher erschienen sind.

Lesen?

In 80 Büchern um die Welt ist ein sehr gutes Buch zum Schmökern: Es erinnert an Romane, die man vor vielen Jahren gelesen und nur noch undeutlich in Erinnerung hat und gibt Hinweise auf Titel, die man sich noch vornehmen kann. Die Illustrationen runden den positiven Bucheindruck ab.
Sehr schade ist allerdings, dass Autorinnen deutlich unterrepräsentiert sind. Unter den sechs "Tipps zum Weiterlesen" finden sich dann leider nur noch Autoren.

Hinweis: Diese Ausgabe hat keine Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Buch, das 2011 im Thiele & Brandstätter Verlag veröffentlicht wurde und nur noch antiquarisch erhältlich ist.

In 80 Büchern um die Welt ist 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 29 Euro.

Dienstag, 20. Dezember 2022

# 376 - Culture-Clash: Ein Alman feiert selten allein

Kurz vor Weihnachten muss es ein Buch sein, das sich mit dem Fest der Liebe beschäftigt, in diesem Fall ein Hörbuch. In diesem Herbst kam das Debüt der Autorin Aylin Atmaca heraus: In Ein Alman feiert selten allein begleitet ihre Hauptfigur Elif zum ersten Mal ihren Freund Jonas zu dessen Eltern. Aber die beiden machen sich nicht nur auf den Weg, damit sich Elif ihren Schwiegereltern in spe vorstellen kann, sondern auch, um mit etlichen weiteren Verwandten von Jonas gemeinsam Heiligabend zu feiern. 

Elif kennt deutsche Bräuche nur in dem Maße, in dem man sie daran teilhaben ließ. Sie weiß, dass ein Weihnachtsbaum, gutes Essen und Geschenke üblich sind, alles andere ist ihr fremd. Ihre eigene Familie hat den Brauch, einen Baum aufzustellen, groß aufzutafeln und sich gegenseitig zu beschenken, übernommen. Wenn alle beisammen waren, ging es dabei immer laut und fröhlich zu. Dass Heiligabend und Weihnachten in deutschen Familien völlig anders begangen werden, kam ihr nie in den Sinn.

Nun ist sie also bei den Neubauers eingeladen und muss feststellen, dass sie sich alles ganz anders vorgestellt hat. Mutter Neubauer beginnt schon im September mit dem Verschicken der Weihnachtskarten und ruft für die Planung des Heiligen Abends eine WhatsApp-Gruppe ins Leben. Elif lernt, dass nichts dem Zufall überlassen und das Fest nach einem fein ausgearbeiteten Ablaufplan vorbereitet wird.

Und dann kommt der große Tag. Elif ist bemüht, bei der Familie einen möglichst guten Eindruck zu machen und allen denkbaren Fettnäpfchen auszuweichen. Aber schon nach wenigen Stunden merkt sie, dass sie nicht nur vom detaillierten Zeitkorsett, sondern auch von scheinbar harmlosen Bemerkungen, die sich auf ihren Migrationshintergrund beziehen, überfordert ist. Dass sie sich nicht wie sie selbst verhält und obendrein ihr Freund als "Sohn des Hauses" in Verhaltensmuster zurückfällt, die sie bislang nicht an ihm kannte, gibt ihr den Rest.

Die Situation eskaliert derart, dass die Beziehung der jungen Leute auf der Kippe zu stehen scheint. Doch Elif wird in einem ruhigen Moment auch bewusst, dass sie das, was sie Jonas ankreidet, ihren eigenen Eltern gegenüber ebenfalls praktiziert: Auch sie hat vor ihnen Geheimnisse und gaukelt bei Familientreffen vor, eine brave Tochter ohne Laster zu sein. "Wir sind für immer die Kinder unserer Eltern - ob wir wollen oder nicht", resümiert sie zum Schluss.

Lesen?

In Ein Alman feiert selten allein nimmt sich Aylin Atmaca sehr überspitzt die deutschen Bräuche rund um Heiligabend und Weihnachten sowie die Vorurteile, die Menschen mit ihrem persönlichen Hintergrund immer noch entgegenschlagen - immerhin 67 Jahre nach dem Abschluss des ersten Anwerbeabkommens mit Italien und 61 Jahre nach dem Abkommen mit der Türkei -, vor. Was die Hauptfigur Elif erlebt, ist ein Hardcore-Heiligabend, wie ich ihn von niemandem kenne und auch niemandem wünsche.

Elif hat mit ihrer Schöpferin viel gemeinsam: Beide wurden als Kinder von aus der Türkei stammenden Eltern in Deutschland geboren und sind zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Beide haben wegen ihrer nicht-deutschen Herkunft Verletzungen erfahren. Auch das klingt im Buch immer wieder an.

Der Roman hat viel Humor und einen lockeren Schreibstil. Sollte er jedoch der Versuch gewesen sein, den Deutschen mit ihren Feiertagsbräuchen den Spiegel vorzuhalten, ist das nicht gelungen, weil die Überzeichnung zu stark ausgefallen ist. Atmacas Kritik an Stereotypen, denen sie immer wieder ausgesetzt ist, kann ich hingegen gut nachvollziehen.

Ein Alman feiert selten allein ist 2022 bei Harper Collins erschienen und kostet als Taschenbuch 16 Euro, als E-Book 13,99 Euro sowie als Hörbuch (gelesen von Sandra Voss) 12,99 Euro.


Freitag, 16. Dezember 2022

# 375 - Eine Frau - ein besonderer Blick auf die verstorbene Mutter

Im April 1986 stirbt Annie Ernaux' Mutter im Alter von 80 Jahren in einem Altenheim in der Nähe von Paris. Zwei Jahre hat sie dort gelebt - dement und hilfsbedürftig.

Knapp zwei Wochen später schreibt Ernaux in Eine Frau auf, was das besondere Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter geprägt hat. Zehn Monate benötigt sie, um ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend zu Papier zu bringen, aber auch, um über das oft angespannte Mutter-Tochter-Verhältnis zu schreiben, das die beiden Frauen verband.

Die Eltern stammten aus sozial einfachen Verhältnissen und wollten, dass es ihr Kind einmal besser hat als sie. Dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Aufstieg ist, war insbesondere der Mutter klar. Damit das gelingt, sollte es bei einem Kind bleiben. Das erste Kind der Eltern stirbt 1938 an Diphtherie, 1940 wird Annie geboren. Obwohl das Geld knapp ist, ermöglichen die Eltern ihrer Tochter den Besuch guter Schulen. Das Kind Annie weiß genau, mit welchem Anliegen sie sich an den Vater oder die Mutter wenden muss: "Er ging mit mir auf den Jahrmarkt, in den Zirkus, in Filme mit Fernandel, er brachte mir Radfahren bei und welches Gemüse im Garten wuchs. Mit ihm hatte ich Spaß, mit ihr 'unterhielt ich mich'. Sie war die dominante Figur, das Gesetz."

Annie Ernaux beschreibt sehr genau und prägnant, wie sich das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter verändert, als die Tochter vom Kind zur Jugendlichen wird. Durch deren Unterstellung, die Tochter würde mit dem Erstbesten ins Bett gehen und sich schwängern lassen, erzeugt die Mutter ungewollt eine Distanz. Ernaux empfindet bei dem Gedanken an ihre Mutter in dieser Zeit eine so deutliche Mutlosigkeit, dass sie eine Parallele zieht zu "afrikanischen Müttern, die ihren Töchtern die Arme auf dem Rücken festhalten, während eine Beschneiderin ihnen die Klitoris entfernt".

Spätestens mit dem Beginn des Studiums wird spürbar, dass sich Ernaux und ihre Eltern in verschiedenen Welten bewegen und einander kaum noch etwas zu sagen haben. An der Uni lernt die junge Frau ihren späteren Ehemann kennen, der aus einem Elternhaus stammt, in dem Bildung etwas Selbstverständliches ist. Ihr wird der soziale Unterschied zwischen ihren Eltern und Schwiegereltern sowie insbesondere den beiden Müttern immer deutlicher.
Einige Zeit nach dem Tod des Vaters zieht die Mutter in das Haus ihrer Tochter ein, in dem diese mit ihrem Mann und den zwei Söhnen lebt. Es ist keine Überraschung, dass sich dabei Konflikte ergeben: Die Erwartungen von Mutter und Tochter an das gemeinsame Zusammenleben sind nur schwer in Einklang zu bringen. Nach wenigen Jahren zieht die Mutter zurück in ihre Heimatstadt Yvetot.

Dann stellt Ernaux fest, dass sich ihre Mutter verändert. Sie wird immer verwirrter, und nach einiger Zeit wird bei ihr die Alzheimer-Krankheit diagnostiziert. Ernaux holt die alte Frau zu sich, muss aber feststellen, dass sie mit deren Pflege auf Dauer überfordert ist. Es bleibt nur die Unterbringung in einem Pflegeheim.

Lesen?

Wer schon ein Elternteil verloren hat, kann sehr viel von dem nachempfinden, worüber Ernaux geschrieben hat. Das Verhältnis zu den Eltern - nicht nur zur Mutter - ändert sich im Laufe des Lebens. Dazu gehört auch, dass sich die Beziehungen oft umkehren, wenn die alten Eltern mit ihren Kräften am Ende sind oder eine Demenz beginnt, das Leben zu beherrschen: Während früher die Eltern (meistens) als Menschen erlebt wurden, die so schnell nichts umhaut, nehmen sie im Alter oft de facto die Rolle von Kindern ein, die von ihren eigenen Kindern Unterstützung erhoffen.

Annie Ernaux hat nicht nur diesen Rollenwechsel sehr genau beschrieben, sondern auch das wechselhafte Verhältnis zu ihrer Mutter, die durch von unterschiedlichen sozialen Status geprägten Leben und Konflikte der beiden Frauen sowie ihren eigenen  Trauerprozess, der mit der letzten Zeile des Buches nicht zu Ende war. Das alles in einer schnörkellosen Sprache, die die Leserschaft direkt anspricht.

Eine Frau wurde in der Originalfassung Une femme 1987 veröffentlicht. 1993 und 2007 wurden die deutschen Titel Das Leben einer Frau bzw. Gesichter einer Frau herausgebracht. 
Die aktuelle Übersetzung aus dem Jahr 2019 erschien im Suhrkamp Verlag. Die gebundene Ausgabe kostet 20 Euro, das E-Book 11,99 Euro und das Taschenbuch 12 Euro.

Annie Ernaux erhielt 2022 den Nobelpreis für Literatur.


Freitag, 9. Dezember 2022

# 374 - Kaputte Wörter - kann da noch etwas repariert werden?

In Matthias Heines Buch Kaputte Wörter? kreist alles um die Frage, ab wann ein Wort so "kaputt" ist, dass man es auf keinen Fall weiterhin verwenden darf. Doch woran kann man erkennen, ob ein Wort noch gebrauchsfähig ist?

Heine erläutert das anschaulich an 78 Begriffen von "Abtreibung" bis "Zwerg". Ihnen ist gemeinsam, dass ihre Benutzung durch einen Sprecher oft dazu führt, dass sein Gesprächspartner sich nicht über den gesagten Inhalt, sondern über die Verwendung des "kaputten" Wortes erregt. Die eigentliche Botschaft des Sprechers gerät dabei völlig in den Hintergrund.

Diskussionen um den richtigen Gebrauch der Sprache sind in Deutschland nichts Neues. Schon im 17. Jahrhundert wandten sich die deutsche Aristokratie und das Bildungsbürgertum gegen das Einsickern von französischen Begriffen und die Entstehung der sog. Alamodesprache.
Während des Ersten Weltkriegs tat sich mit dem Allgemeinen Deutschen Sprachverein eine Art Tugendwächter hervor, der die seiner Meinung nach falsche Verwendung von Begriffen wie z. B. Billett anstelle von Fahrkarte mit Vaterlandsverrat gleichsetzte.

Die Sprachdiskussionen, die heute geführt werden, haben allerdings einen anderen Hintergrund. Heute verschaffen sich gesellschaftliche Gruppen Gehör, die bislang ignoriert oder marginalisiert wurden und für sich die Art und Weise beanspruchen, wie man über sie spricht.
Hinzu kommt, dass durch die Veränderung der Medienlandschaft in den letzten zwanzig Jahren ein falsches und/oder unbedachtes Wort deutlich mehr Reichweite hat: Wer früher z. B. das N-Wort am Kneipentresen aussprach, löste nur ein Augenrollen aus. Heute haben Äußerungen durch die sozialen Medien ein Mehrfaches an Publikum - und führen schnell zu einem verbalen Flächenbrand.
Und dann ist da noch ein Phänomen, das Heine als German linguistic angst bezeichnet. Nach seiner Beobachtung haben speziell Deutsche eine große Angst vor falscher Sprache. Ein Indiz dafür sind die Begriffe Sprachkritik und Unwort. Sie gibt es in der Bedeutung, wie wir sie kennen, nur in der deutschen Sprache; ähnliche Begriffe wie z. B. language criticism bzw. non word treffen nicht den Kern der Sache.

Lesen?

Kaputte Wörter? bietet eine Fülle von Einsichten. Matthias Heine beleuchtet jedes einzelne Wort sehr genau, indem er nicht nur seinen Ursprung und Gebrauch erläutert, sondern auch die Gründe, die zu der Kritik an ihm geführt haben. Jedes Kapitel schließt mit einer persönlichen Einschätzung des Autors ab.

Viele der von Heine gewählten Wörter waren mir als "kaputt" bekannt. Neu war mir jedoch die Diskussion um beispielsweise "Altes Testament", "Schamlippen" oder "bester Freund". 
Matthias Heine bezieht zwar immer Stellung, betont aber, dass sein Buch ein Beitrag zur Sprachdiskussion sein soll, er aber niemandem seine Sichtweise aufzwingen will. Das ist ihm gelungen.

Kaputte Wörter? ist 2022 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.

Sonntag, 4. Dezember 2022

# 373 - Meine Mutter sagt... Ach, wenn sie doch mal schweigen würde

Meine Mutter sagt ist das zweite Buch von Stine
Pilgaard, das hier in der Bücherkiste vorgestellt wird. Es ist jedoch das Debüt der dänischen Autorin, das übersetzt wurde, nachdem ihr zweiter Roman Meter pro Sekunde in Deutschland ein großer Erfolg war.

Die namenlose Ich-Erzählerin wird von ihrer Freundin verlassen, mit der sie dreieinhalb Jahre zusammengelebt hatte. Es bricht ihr das Herz, denn sie hatte sich so sehr gewünscht, dass diese Beziehung für immer halten würde. Man durchlebt mit der Erzählerin sämtliche verzweifelten und hoffnungsvollen Momente und fühlt, wie schwer es ihr fällt, mit der Situation zurechtzukommen. Doch das Buch ist keineswegs trübsinnig: Pilgaard hat ihre leidende Protagonistin mit einem trockenen Humor ausgestattet, der immer wieder für Lacher sorgt.

Die Verlassene kommt übergangsweise bei ihrem Vater unter, einem Pastor, der mit seiner zweiten Frau zusammenlebt. Man erfährt von der länger zurückliegenden Scheidung der Eltern und der unterschiedlichen Art und Weise, wie diese damit umgehen. Warum sich die Erzählerin entschieden hat, bei ihrem Vater einzuziehen, wird schnell klar: Im Gegensatz zu seiner Ex-Frau ist er ruhig und verständnisvoll. Die Mutter hingegen haut ihrer Tochter wie nebenbei ihre Kritik um die Ohren, obwohl diese in ihrer Situation Zuspruch und Trost gebrauchen könnte. Pilgaard schildert sie als egozentrisch und wenig empathisch. Kurz: anstrengend.

Zum Glück ist da die beste Freundin Mulle, die von der Erzählerin als ihre Spindoktorin bezeichnet wird. Sie ist bodenständig und praktisch und damit eine gute Stütze für die trauernde junge Frau.
Auch der Arzt, der in der Trauerphase ständig von der Erzählerin aufgesucht wird, erweist sich als guter und einfühlsamer Zuhörer. Er geht nicht nur auf die körperlichen Beschwerden, sondern auch auf den seelischen Zustand seiner Patientin ein. Ein Traum.

Eine Besonderheit des Romans sind die eingestreuten Seepferdchenmonologe. Sie spielen auf die Hirnregion Hippocampus an, die für das Abspeichern und Abrufen von Erinnerungen notwendig ist. Mit einer spielerischen Sprache gelingt es Pilgaard, zu zeigen, wie nahe der Erzählerin der Verlust der geliebten Freundin geht.

Lesen?

Stine Pilgaard ist mit Meine Mutter sagt ein Roman gelungen, der bei aller Verzweiflung zeigt, dass es nach einem tiefen Tal auch wieder aufwärts geht und sich die Beziehung zu einem (immer noch) geliebten Menschen neu gestalten lässt, nachdem man diesen losgelassen hat.

Meine Mutter sagt ist als deutsche Übersetzung 2022 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

Stine Pilgaard erhielt für das Original Min mor siger 2012 den Bodil und Jørgen Munch-Christensen-Debütantenpreis (Bodil og Jørgen Munch-Christensens debutantpris).

Samstag, 26. November 2022

# 372 - Atmosphärisch dichter Krimi in den Weiten Nebraskas

Die amerikanische Autorin Chris Harding Thornton hat
ihren Debütroman in eine Kleinstadt inmitten der Sandhills von Nebraska verlegt und in den Sommer des Jahres 1978: Pickard County ist eine Gegend, in dem jeder jeden kennt und in dem zahllose Geschichten und Gerüchte die Runde machen. 

Eine der Hauptfiguren ist Deputy Sheriff Harley Jensen. Er ist geschieden, hat kein nennenswertes Sozialleben und darum kein Problem damit, die Nachtschichten zu übernehmen. Sein Leben ist unaufgeregt: Manchmal kommt ein Notruf, auf den er reagieren muss, aber einen großen Teil seines Dienstes verbringt er mit der Kontrolle der vielen leerstehenden Farmhäuser. Jedes von ihnen hat eine Geschichte, auch das, in dem Harley aufgewachsen ist. Wegen eines traumatischen Erlebnisses in seiner Kindheit versucht er das Gebäude zu meiden.

Doch da ist diese Brandserie. Immer wieder treiben sich gelangweilte Jugendliche in den verlassenen Farmhäusern herum und zünden Teile davon an. Harley ist allerdings davon überzeugt, dass dahinter der jüngste Sohn der Reddick-Familie steckt, den er schon eine Weile beobachtet. Paul gehört zu den Leuten, die ihren Mitmenschen gehörig auf die Nerven gehen, die aber schlecht zu fassen sind. Er ist der örtlich bekannte Kleinkriminelle, der aus einer Familie stammt, die nach einem tragischen Ereignis achtzehn Jahre zuvor zerrüttet ist. Der älteste Sohn wurde im Alter von sieben Jahren erschlagen, der Mörder konnte jedoch nicht mehr sagen, wo er die Leiche abgelegt hatte: Bevor es zur Verhaftung kam, erschoss er sich. Breit angelegte Suchaktionen waren erfolglos, das tote Kind blieb verschwunden. Auch Harley Jensen war an der erfolglosen Suche beteiligt gewesen.

Die Mutter Viginia Reddick zog sich danach völlig zurück und versank in Alkohol und Zigarettenqualm. Ihre Söhne Rick und Paul wuchsen in einer durch das Familientrauma geschwängerten Atmosphäre auf.
Als junge Erwachsene arbeiten sie nun für ihren despotischen Vater, der alte und beschädigte Trailer aufkauft, sie von seinen Söhnen aufarbeiten lässt und weiterverkauft. 

Während Paul halt- und emotionslos durch sein Leben schlingert, versucht Rick, seine kleine Familie über Wasser zu halten. Er lebt mit seiner Frau Pam und seiner kleinen Tochter Anna in einem Trailerpark, in dem sich Pam immer unwohler fühlt. Sie spürt genau, dass die Entscheidung, Mutter zu werden, für sie grundfalsch war und sie sich auch nicht als Ehe- und Hausfrau eignet. Ihr wird klar, dass sie das, was sie sich unter einem normalen Leben vorstellt, an Ricks Seite nie erreichen wird. Pam wird die einzige Person in diesem Krimi sein, die versucht, ihre Situation zu ändern. 

Die Handlung nähert sich nur langsam ihrem Höhepunkt, was dem Buch aber nichts von seiner Spannung nimmt. Der Schluss wird von einem Showdown bestimmt, der nur darum entsteht, weil zu viele Personen die falschen Schlüsse gezogen haben und sich an den Falschen rächen wollen.

Lesen?

Chris Harding Thornton ist in siebter Generation in Nebraska ansässig. Das merkt man ihrem Buch deutlich an: Der Kriminalroman atmet gewissermaßen die besondere Atmosphäre, die eintönige und karge Landschaft, die verlassenen und verfallenden Farmen mit ihren teils dramatischen Geschichten sowie die Art und Weise, wie die Menschen dort miteinander umgehen. 

Pickard County ist allerdings kein typischer Krimi, wie man ihn sonst gewohnt ist. Dem Buch liegt kein Mord zugrunde, der von einem cleveren Polizisten gelöst wird. Es geht vielmehr um die Abgründe im menschlichen Miteinander, um Hoffnungen, Träume, Enttäuschungen und Traumata. Alles zusammen ergibt eine so gute Mischung, dass das Buch von der ersten bis zur letzten Seite nicht langweilig wird.
Da Chris Harding Thornton mehrere Fragen unbeantwortet gelassen hat, kann man vermuten, dass es eine Fortsetzung von Pickard County geben wird.

Pickard County wurde 2022 auf Deutsch im Polar Verlag veröffentlicht und kostet als Taschenbuch 16 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.


Montag, 21. November 2022

# 371 - Mehr als nur Schlange und Walfisch: Die Biester der Bibel

Um die 130 Tiere gibt es in der Bibel, und es sind
nicht nur die, die in der Erzählung von der Arche Noah vorkommen. Die Philosophin Claudia Paganini und der Theologe Simone Paganini setzen mit Die Biester der Bibel die Reihe ihrer Bücher fort, in denen sie ihren Leserinnen und Lesern die Besonderheiten der Bibel mit viel Freude und Humor näherbringen.

Das gelingt ihnen auch diesmal. Sie erläutern, warum die Schlange aus dem Paradies nur einmal spricht, was es mit Einhörnern und Drachen im Alten Testament auf sich hat und wie nach biblischer Rechtsprechung mit Tieren umgegangen wurde, die einen Menschen verletzt oder gar getötet hatten.

An etlichen Stellen fragt man sich beim Lesen, warum einem bei einem Blick ins Alte Testament solch abenteuerliche Tiere, auf die man doch sofort aufmerksam würde, nicht aufgefallen sind. Beim Einhorn beispielsweise, das wir heute als mystisches Wesen kennen, lässt sich das mittlerweile gut nachvollziehen. Beim Übersetzen des Alten Testaments ins Griechische galt die Redewendung: Viele Köche verderben den Brei. Immerhin 72 Übersetzer waren mit der Übertragung des Textes beschäftigt. Sie stießen im Original auf das hebräische Wort "Re'em", das ein starkes und wildes Tier beschreiben sollte, und entschieden sich für den griechischen Begriff "Monókeros": Das Einhorn war geboren, zumindest sprachlich. 
Sogar die Heilige Hildegard von Bingen glaubte an die Existenz des Tieres und schilderte in einer ihrer Schriften, wie man es am besten fangen könne: Mithilfe blonder Jungfrauen sollte die Jagd auf Einhörner zum Erfolg werden.
Martin Luther ließ das edle Tier in seiner Bibelübersetzung am Leben und nannte es immerhin neun Mal. Erst als sich Sprachkundige 1984 an die Modernisierung der Luther-Bibel machten, starb das Einhorn einen unspektakulären Tod.

Mit dem Untertitel Warum es in der Heiligen Schrift keine Katzen, aber eine Killer-Kuh gibt locken Claudia und Simone Paganini ihre Leserschaft etwas in die Irre. Hier geht es nicht um durchdrehende Rinder, die mit Schaum vorm Maul alles um sich herum niederwalzen, sondern um einen  Vergleich zwischen dem biblischen und unserem heutigen Tier-Recht. Der wesentliche Unterschied: Tiere wurden strafrechtlich fast wie Menschen behandelt. Wurde eine Kuh damals gewalttätig und verletzte einen Menschen tödlich, wurde sie genauso wie ein Mensch bestraft: Die übliche Sanktion war Tod durch Steinigung.

Interessant ist der Abschnitt, der sich mit dem Vegetarismus zu Jesus' Lebzeiten beschäftigt. Jesus aß hin und wieder Fisch und Fleisch, sein älterer Bruder Jakobus allerdings nicht. Was waren die Gründe dafür? Und wie wichtig waren Tiere für die Ernährung der Menschen?

Lesen?

Die Biester der Bibel ist kein trockenes theologisches Sachbuch, sondern will auf unterhaltsame Weise ein bisschen Wissen weitergeben. Das ist dem Ehepaar Paganini sehr gut gelungen. Doch es handelt sich nicht (nur) um eine Sammlung tierischer Anekdoten, sondern gibt einen sehr guten Überblick über geschichtliche Hintergründe, die hinter dem Auftauchen und Verschwinden von Tieren aus dem Alten Testament stehen.

In ihrem Schlusswort macht das Autorenpaar einen Exkurs zum Thema "Tier-Ethik im Neuen Testament" und plädiert dafür, "die selbstverständliche Machtausübung des Menschen über die Tiere fundamental in Frage zu stellen. Je früher auch die Kirche damit beginnt, desto besser".

Die Biester der Bibel ist 2022 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 16 Euro,





Dienstag, 15. November 2022

# 370 - Von Schuld und Vergebung

 Absolvo te heißt das zweite Buch des bulgarischen
Schriftstellers Georgi Bardarov, das die Jury des Europäischen Literaturpreises 2021 so sehr überzeugte, dass sie den Preis an den Autor vergab.

Bardarov ist Professor für ethno-religiöse Konflikte und Demographie an der Universität Sofia. Da scheint das Thema seines Romans nahezuliegen: Ein Araber, ein Jude und ein Nazi-Offizier stehen im Mittelpunkt der Handlung. Aber es gibt nicht "die" Handlung im klassischen Sinn, sondern Bardarov schildert in mehreren Handlungssträngen geschichtliche Ereignisse, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun zu haben scheinen: die Diktatur der Nationalsozialisten mit ihrer brutalen Tötungsmaschinerie und der israelisch-palästinensische Konflikt, dessen Beginn etwa auf das Ende des 19. Jahrhunderts datiert werden kann und der bis heute andauert. Die Romanhandlung betrachtet diesen Konflikt im Zeitrahmen der 1970-er und 1980-er Jahre.

Wie ein roter Faden zieht sich die Figur des Max Schewtschenko durch den Roman. Das Kuriose daran: Man bemerkt diesen Kniff beim Lesen erst mit Verzögerung. Max, ein begabter Student und Sportler, ist ein aus der Ukraine stammender Jude, der Mitte November 1944 mit einem Güterzug zusammen mit vielen anderen Menschen in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht wird. Unter dem Eindruck von Hunger und unmenschlicher Grausamkeit lernt er nicht nur seine seelischen und körperlichen, sondern auch seine moralischen Grenzen kennen. Zu überleben ist das einzige Ziel. Bardarov weist Max Schewtschenko die Funktion einer Brücke zwischen dem Holocaust und der tief sitzenden Feindschaft zwischen Juden und Palästinensern zu. Kann das gelingen?

Lesen?

Absolvo te bedeutet etwa "Ich spreche dich frei" oder "Ich entlaste dich". Das ist die Botschaft, die Georgi Bardarov seinen Leserinnen und Lesern vermittelt: Bevor es Frieden und Versöhnung geben kann, muss man einander vergeben. Angesichts dessen, dass das Buch auf zwei wahren Begebenheiten beruht, die von Brutalität und Gnadenlosigkeit geprägt sind, kann man sich gut vorstellen, dass die Vergebung für die Menschen, die sowohl Opfer als auch Täter sind, ein Kraftakt ist. Noch schwerer ist es aber, sich selbst zu vergeben.

Absolvo te ist in der deutschen Übersetzung 2022 im Anthea Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22,90 Euro.