Freitag, 5. März 2021

# 280 - Es ist alles so optimal hier

Theresa Hannig hat mit ihrem Debütroman Die Optimierer einen Blick in unsere Zukunft geworfen. 

Wir sind im Jahr 2052 und Deutschland ist kaum noch wiederzuerkennen: Die Europäische Union gibt es seit 2031 nicht mehr, Deutschland ist nun Mitglied der BEU, der 'Bundesrepublik Europa'. Zur BEU gehören außerdem Norwegen, Polen, Dänemark, Östereich, Frankreich, die Benelux-Länder sowie die Schweiz. Um die BEU wurde ein Grenzzaun gezogen, um die Flüchtlingsströme - insbesondere aus dem armen Italien - draußen zu halten. Das neu eingeführte Gesellschaftssystem wird als 'Optimalwohlökonomie' bezeichnet, und mit technischen Neuerungen, die angeblich zum Wohl und der Bequemlichkeit der Menschen eingeführt wurden, werden die Bürger nicht nur überwacht, sondern bis in den Schlaf hinein manipuliert. Dagegen ist 1984 von Aldous Huxley Kinderkram.

Im Mittelpunkt steht Samson Freitag. Er ist Anfang dreißig, lebt mit seiner Freundin in München und ist erfolgreicher Lebensberater. Seine Arbeit besteht darin, Bürger aufzusuchen und anhand eines standardisierten Kriterienkatalogs herauszufinden, für welche Tätigkeit an welchem Arbeitsplatz sie sich am besten eignen. Wer sich von ihm beraten lässt, muss seiner Empfehlung für mindestens zehn Jahre Folge leisten, bevor ein erneuter Termin bei der Lebensberatung möglich ist. Die übliche Grußformel "Jeder an seinem Platz!" passt da genau zum System.

Freitag ist ein Vorzeigebürger, der alles richtig machen will und die neue Gesellschaftsordnung voll und ganz unterstützt. Auf seine Eltern, die der Optimalwohlökonomie sehr skeptisch gegenüberstehen und sich immer wieder ihre kleinen Schlupflöcher suchen, blickt er mit einer Mischung aus Unverständnis und Sorge. Warum wollen sie nicht verstehen, dass die Regierung das Beste für alle will?

Neben weit verzweigten Überwachungsstrukturen zeichnet sich das Leben durch eine Reihe von Vorgaben aus. Der Verzehr von echtem Fleisch ist streng verboten; der Internetzugang ist zensiert; ein Privatauto ist nur wenigen verdienten Bürgern - darunter auch Freitag - vorbehalten, alle anderen nutzen Bahnen, Segways, Fahrräder oder sog. Kommunalautos, die sich selbst steuern; immer mehr humanoide Roboter, die kaum noch von echten Menschen zu unterscheiden sind, übernehmen im öffentlichen und privaten Bereich Aufgaben; die Partnersuche wird mithilfe der Volksdatenbank abgewickelt; klassische Schreibutensilien wie Notizbücher oder Füllfederhalter sind nostalgische Relikte aus einer fernen Vergangenheit. 

Freitags ausgeprägtes bürokratisches Pflichtgefühl hat dazu geführt, dass er fast 1.000 Sozialpunkte auf seinem persönlichen Bürgerkonto hat. Er hat sie sich durch Wohltaten und das obsessive Schreiben von Korrekturvermerken verdient. Sobald er die 1.000-Punkte-Marke erreicht hat, kann er mit einer Beförderung rechnen und auf weitere Privilegien hoffen. Freitag sieht eine glänzende Zukunft vor sich.

Aber dann kommt der Tag, an dem sich sein Leben von Grund auf ändern soll. Freitag beendet die Lebensberatung einer jungen Frau damit, dass er sie zur Kontemplation vorsieht. Damit bekommt sie bis zum nächsten Beratungstermin ein bedingungsloses Grundeinkommen, darf aber keinem Beruf nachgehen. Freitag hält sich bei seiner Entscheidung strikt an die Vorgaben und ist felsenfest davon überzeugt, auch hier richtig gehandelt zu haben. Doch schon zwei Tage später ist die Frau tot: Aus Verzweiflung über ihr Schicksal hat sie sich das Leben genommen. Für seine Vorgesetzten bei der Lebensberatung ist klar, dass Freitags Beratung fehlerhaft war und er für den Suizid verantwortlich ist. Er wird vom Dienst suspendiert. 

Der Verlust des angesehenen Berufs ist der Beginn einer unheilvollen Entwicklung. Freitags Freundin trennt sich von ihm, bei einem Besuch bei seinen Eltern servieren ihm diese einen echten Braten, um ihm eine Freude zu machen, und als ob das nicht schon reichen würde, schreibt Freitag einen Korrekturvermerk, in dem er einen bekannten Politiker eines Betrugs beschuldigt. Seine Sozialpunkte schmelzen zusammen wie Schnee im Sonnenlicht und binnen drei Tagen nach der Beratung der jungen Frau hat er den Status eines sog. Piretisten - eines Menschen, der in der sozialen Hierarchie auf der untersten Stufe steht und dem einige Bürgerrechte aberkannt wurden.

Lesen?

Die Optimierer zeichnet eine Welt, die von Technik dominiert wird und die Bürger in vorgegebene Handlungs- und Zukunftsschablonen zwängt. Absolut angepasstes Wohlverhalten wird belohnt, Fehler oder mangelnder Einsatz werden sanktioniert - dieses Prinzip gilt bereits heute in China. Das Land kann jedoch hinsichtlich der technischen Überwachungsmöglichkeiten bei Theresa Hannig Nachhilfe nehmen, die beschreibt, was hier tatsächlich denkbar und möglich wäre. 

Warum ein solches System, in dem individuelle Freiheiten nichts mehr gelten, von den meisten Menschen hingenommen wird, erklärt Hannig damit, dass diese mit einer bescheidenen Karriere, einem schönen Urlaub und ein bisschen Wohlstand zufrieden sind, das Wohl des Staates ihnen aber gleichgültig ist.

Hannig greift Themen auf, die seit Jahren diskutiert werden, und spinnt den Faden weiter: Klimawandel, Flüchtlinge, Wohlstand und Wirtschaftswachstum hängen miteinander zusammen. Sind politische Systeme wie die Optimalwohlökonomie Möglichkeiten, diese Probleme zu überwinden? Und führt eine vollständige Video- und Audioüberwachung der Bevölkerung zu mehr Sicherheit?

Samson Freitags Weg als sozialer Aussätziger nimmt einen Verlauf, den er sich wenige Tage zuvor nicht hätte vorstellen könnte. Das Ende des Romans ist konsequent, aber bis kurz vor dem Schluss dennoch überraschend. Die Optimierer ist ein spannend geschriebenes Buch, das uns nachdenklich machen sollte.

Die Optimierer ist 2017 im Bastei Lübbe Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.

Freitag, 26. Februar 2021

# 279 - Mittagsstunde ... und andere Rituale auf dem Dorf

Dörte Hansen hat sich mit ihrem Buch Mittagsstunde nach ihrem Erfolgsroman Altes Land wieder in ein Dorf begeben. Diesmal jedoch nicht in das Hamburger Umland mit seinen Obstbäumen, sondern nach Schleswig-Holstein in die Nähe von Husum. Das fiktive Dorf Brinkebüll liegt in der friesischen Geest, einer dünn besiedelten und kargen Landschaft.

Im Mittelpunkt steht Ingwer Feddersen. Der promovierte Archäologe ist in Brinkebüll als Enkel des Gastwirtehepaars Ella und Sönke Feddersen aufgewachsen, hat auf dringendes Anraten des Dorfschullehrers das Gymnasium besucht und ist zum Studieren nach Kiel gegangen. Damit hat er sich gegen die Tradition entschieden, denn für Sönke Feddersen war es eigentlich klar gewesen, dass Ingwer mal den Gasthof übernehmen würde. So wie schon sein eigener Vater, Großvater und Urgroßvater es getan hatten. Tradition verpflichtet schließlich. 

Aber jetzt ist der Junge, der mittlerweile schon fast 50 ist, weit weg und arbeitet als Dozent an der Kieler Uni. Das an sich ist für Sönke schon seltsam genug, aber Ingwer hat auch keine eigene Familie, sondern lebt bereits seit einer Ewigkeit in einer WG mit einer Frau und einem Mann in seinem Alter. Wenn das jetzt nicht wirklich eigenartig ist, was dann sonst?

Aber Sönke und Ella sind nun alt geworden, schon über 90, und Ingwer nimmt sich 2012 ein Sabbatjahr, um die beiden Alten eine Weile zu pflegen und zu überlegen, was aus der Gaststätte werden soll. Sönke ist geistig hellwach, aber körperlich gebrechlich, während Ellas Verstand stark abgebaut hat. Sie lebt immer mehr in der Vergangenheit. 

Ihre Tochter Marret, "die Verdreihte", ist schon seit vielen Jahren verschwunden. Niemand weiß, was aus ihr geworden ist. Marret war das, was man heute als verhaltensauffällig bezeichnen wurde, und Ingwer dämmert erst nach und nach, was es mit der Familiengeschichte der Feddersens eigentlich auf sich hat.

Dörte Hansen befindet sich jedoch nicht nur in der Gegenwart, sondern erklärt in zahlreichen Rückblicken, wie das Dorf mit seinen Bewohnern wurde, was es heute ist, und was es ausmacht. Schützen- und Gesangsvereine spielen keine Rolle, wohl aber die vielen Teppiche, unter die der ganze soziale Unrat gekehrt wurde; das, was nicht jeder wissen durfte und worüber man am besten niemals sprach. Da sind die Kuckuckskinder, die verkorksten Ehen, Väter, die ihre Kinder gewohnheitsmäßig grün und blau schlagen und die Veränderungen, die auch vor einem verschlafenen Nest wie Brinkebüll nicht haltmachen.

Die Flurbereinigung von 1964 gab den Anstoß für eine ganze Reihe von Veränderungen: Vermesser kamen nach Brinkebüll, die kleinen Felder wurden zu größeren zusammengelegt und die alte schadhafte Dorfstraße wurde durch eine glatte Durchfahrtsstraße ersetzt, die sogar eine Mittellinie bekam. Dafür mussten viele alte Kastanien weichen. Das Dorf erhielt dadurch einen anderen Charakter, zog Neubürger an, die sich am Ortsrand ihre Häuschen bauten und erfuhr eine Wandlung, die den Alteingesessenen zwar nicht gefiel, die sie aber nicht aufhalten konnten. Die althergebrachten Strukturen lösten sich auf und andere entstanden. Ob sie besser waren, ist eine ganz andere Frage.

Die Handlung wird begleitet vom Soundtrack der 1960-er und 1970-er Jahre. Ingwer Feddersen hört die Musik von Neil Young, wenn er zur Ruhe kommen will, und die einzelnen Kapitel sind nach Songs aus den alten Zeiten von Brinkbüll - von Interpreten von Manuela über Janis Joplin und Bob Dylan bis zu Roland Kaiser - benannt.

Lesen?

Dörte Hansen widmet sich in ihrem Roman nicht nur den Einwohnern von Brinkebüll mit ihren Marotten und Geheimnissen, sondern auch der Frage, was die junge Generation der alten schuldig ist. Haben die Nachkommen eine Verpflichtung gegenüber den Alten, weil die sich in ihrer Kindheit und Jugend um sie gekümmert haben?

Darüber hinaus werden mit der Flurbereinigung nicht nur deren Folgen für einzelne Menschen im Dorf geschildert, sondern die Autorin beschäftigt sich auch mit den Auswirkungen dieser weitgreifenden Maßnahme für die Natur und die Struktur Deutschlands. Mithilfe der Flurbereinigungen sollte während der Jahre des deutschen Wirtschaftswunders erreicht werden, dass kleine und schlecht zu erreichende Äcker so umstrukturiert wurden, dass es am Ende des Prozesses nur noch große Felder gab, die sich für moderne Landmaschinen eigneten. Dafür wurden natürliche Hecken gerodet, Bäche stillgelegt oder umgeleitet und Feuchtgebiete trockengelegt. Das Sterben der kleinen Höfe begann und das Artensterben gleich mit.

Mittagsstunde ist ein sehr einfühlsam geschriebenes Buch. Das, was lange im Verborgenen geblieben war, wird von Dörte Hansen oft nur angedeutet: mit einem Nebensatz oder einer im Suff herausgerutschten Bemerkung. Die Atmosphäre bekommt durch zahlreiche plattdeutsche Dialoge viel Authentizität, sodass das Ende des Romans nach der letzten Seite viel zu früh kommt. Das Bild über die Vergangenheit der Dorfbewohner setzt sich erst nach und nach zusammen, vieles kommt einem bekannt vor. Brinkebüll: Der Name steht stellvertretend für viele Dörfer. Klare Leseempfehlung!

Mittagsstunde ist 2018 im Penguin Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 19. Februar 2021

# 278 - Wenn eine Sprache verstummt, stirbt auch eine Kultur

Dieses Buch ist ein echtes Highlight für alle, die sich für Sprachen begeistern können und hat kaum Ähnlichkeit mit den Atlanten, die wir aus unserer Schulzeit kennen: In ihrem Atlas der verlorenen Sprachen begibt sich Rita Mielke auf alle Kontinente und stellt beispielhaft jeweils einige Sprachen vor, die bereits untergegangen oder nur noch wenigen Menschen geläufig sind.

Mielke hat 50 Sprachen ausgewählt, und man erfährt nicht nur statistische Daten wie deren Verbreitungsgebiet oder die Zahl der Sprecher, sondern auch viele interessante Besonderheiten.

Da ist zum Beispiel Khosian. Die Sprache ist in Botswana, Namibia, Angola und Südafrika beheimatet. Sie erschien den Europäern, die seit dem 17. Jahrhundert dabei waren, den Kontinent zu unterwerfen, so fremdartig, dass sie sie als "Hottentott" bezeichneten. Die Redewendung "Das sieht hier aus wie bei den Hottentotten" geht also auf die Kolonialzeit zurück und bewertet alles Fremdartige als minderwertig. Khosian bestand ursprünglich nur aus Schnalz- und Klicklauten, erst seit 1982 gibt es ein afrikanisches Referenzalphabet. 
Eine traurige Berühmtheit erlangte die 1789 geborene Sklavin Sarah Baartman, die wegen ihrer Sprache und ihres Aussehens im Alter von 20 Jahren nach Europa gebracht und dort zur Schau gestellt wurde. Auch ihr viel zu früher Tod in Frankreich konnte nicht dazu führen, sie als Mensch und nicht nur als Ausstellungsstück zu sehen.

Aus dem alten China stammt die ausgestorbene Sprache Nushu. Sie war eine ausschließlich von Frauen verwendete Geheimsprache und hatte ihren Ursprung in der Provinz Hunan. Nushu diente nicht nur der Kommunikation, sondern stand symbolisch für den Versuch, sich aus der männlich verordneten Unmündigkeit und Unselbstständigkeit zu befreien, die Frauen von Bildung ausschloss und sie ans Haus band - nicht zuletzt wegen ihrer traditionell gebundenen Lotusfüße, die das Gehen zur Qual machten. Die Kenntnisse des Nushu-Schreibens und -Sprechens wurden von einer Generation zur anderen weitergegeben, immer unter den Vorzeichen der absoluten Geheimhaltung.

Rita Mielke vermittelt nicht nur ihr Wissen um die Sprachen, sondern beleuchtet auch, in welchem politischen, gesellschaftlichen und/oder ökonomischen Kontext sie entstanden und untergegangen sind. Atlas der verlorenen Sprachen ist also nicht nur ein "Sprachbuch", sondern auch eine Quelle vieler historischen Begebenheiten und Entwicklungen, die zum Verständnis von Sprachentwicklungen nötig sind. 

Die Illustrationen von Hanna Zeckau veranschaulichen die Darstellungen und machen das Buch "rund".

Lesen?

Na klar! Der Atlas der verlorenen Sprachen ist auch für diejenigen sehr gut verständlich, die sich bislang noch nicht näher mit diesem Thema beschäftigt haben und dürfte auch für Experten einige Überraschungen bereithalten.

Atlas der verlorenen Sprachen ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro.

Freitag, 12. Februar 2021

# 277 - Was wäre passiert, wenn Hitler Facebook genutzt hätte?

Steile These oder lohnendes Gedankenexperiment?
Maik Fielitz und Holger Marcks stellen diese Überlegung, die 2019 vom britischen Komiker Sacha Baron Cohen geäußert wurde, an den Anfang ihres Buches Digitaler Faschismus. Cohen hatte seinerzeit eine Rede vor der Anti-Defamation League (ADF) gehalten, in der er diese These vertreten hat: 

"Hätte es Facebook in den 1930-er Jahren gegeben, hätte es Hitler für seine Lösung der Judenfrage werben lassen."

Fielitz und Marcks teilen diese Ansicht, weil in den letzten Jahren zu beobachten gewesen ist, wie prinzipienlos sich Facebook verhalten hat. Zuckerberg hat seit 2016 immer wiederholt, man solle vorsichtig damit sein, die Plattformen als Schiedsrichter über die Wahrheit anzusehen. Eine Sichtweise, über die man geteilter Meinung sein kann.

In acht Kapiteln schildern die Autoren, wie das Internet, das zu Beginn als Hort des Informations- und Meinungsaustauschs sowie Bereicherung für die Demokratie gesehen wurde, sich zu einem wirkungsvollen Instrument entwickelt hat, Menschen zu manipulieren. Dabei wird mit verschiedenen Methoden gearbeitet, die von der stetigen dramatischen Wiederholung von Ereignissen und dem Schüren von Panik bis zum Gaslighting reichen. Ein bekanntes Gaslighting-Beispiel ist hier die Aussage der früheren Sprecherin von Ex-US-Präsident Trump, Kellyanne Conway, die im Zusammenhang mit der angeblich riesigen Menschenmenge, die 2017 die Amtseinführung des 45. Präsidenten vor der National Mall in Washington beobachtet hat, von "alternativen Fakten" gesprochen hatte. Ihre Formulierung war der Beginn einer einzigartigen Kette von Lügen, die Trumps gesamte Amtszeit geprägt haben und die vor allem durch die Verbreitung auf Internetplattformen ihre Wirkung entfaltet haben.

Doch sieht es in Deutschland besser aus? Auch hier machen sich vor allem rechte Gruppierungen - allen voran die AfD - das Internet zunutze. Messenger-Gruppen, YouTube oder Facebook-Gruppen bieten ein breites Spektrum, um Falschnachrichten oder Halbwahrheiten, ausgestattet mit emotionalen Triggern, unter die Menschen zu bringen. Hier wird nichts auf den Wahrheitsgehalt untersucht, sondern die sog. 'Nachrichten' werden in schneller Folge verbreitet. Die immer besseren Video- und Bildbearbeitungstechniken verleihen vermeintlichen Nachrichten Glaubwürdigkeit und werden immer mehr dazu verwendet, Personen zu denunzieren, in denen ihnen Aussagen in den Mund gelegt oder Handlungen zugeschrieben werden, die sie nie gesagt bzw. getan haben.

Die Autoren sehen eine Aushöhlung der Demokratie und bemerken immer mehr Rufe nach einer Regulierung. Vorgaben müssen jedoch den "faschistischen Dynamiken im Netz entgegenwirken ohne selbst die Demokratie zu schwächen". (S. 203) Wie das gehen kann, machen Fielitz und Marcks mit ihren Vorschlägen deutlich.

Lesen?

Dass die sozialen Medien für Rechtsextreme ein beliebtes Betätigungsfeld sind, ist zunächst einmal nichts Neues mehr. Was dieses Buch allerdings lesenswert macht, ist die anschauliche Erläuterung der verschiedenen Mechanismen und Manipulationsmöglichkeiten, die das Internet für eine wirkungsvolle Meinungsmache mithilfe von Fake News bereithält. In Digitaler Faschismus wird deren ganze Palette dargestellt, sodass man als Leser wie die beiden Autoren nur zu dem Schluss kommen kann, dass hier etwas passieren und eingegriffen werden muss.

Digitaler Faschismus ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.

Nachtrag: Hier gibt es weitere Informationen über das Buch, u. a. die Zusammenfassung von drei Kapiteln in Illustrationen.

Freitag, 5. Februar 2021

# 276 - Ein Reisebericht der ersten Touristin auf Mallorca

Wer schon einmal auf Mallorca war, hat wahrscheinlich auch das Bergdorf Valldemossa im Tramuntana-Gebirge besucht. Die Hauptattraktion des Ortes ist das ehemalige Kartäuserkloster, in dem die französische Schriftstellerin George Sand mit ihren beiden Kindern und dem polnischen Komponisten Frédéric Chopin den Winter 1838/1839 verbrachte. Ihre Eindrücke hat Sand 1842 in ihrem Buch Un Hiver à Majorque geschildert, das unter dem deutschen Titel Ein Winter auf Mallorca mehrfach herausgegeben wurde. Das Buch gilt als Klassiker der Reiseliteratur.

Die Vier wollten das anstrengende Leben in Paris für ein paar Jahre hinter sich lassen und erhofften sich eine wohltuende Wirkung des mallorquinischen Klimas auf die Rheumaerkrankung des Sohnes und die Lungenerkrankung des Komponisten. Doch das, was sie auf der Insel während ihres viermonatigen Aufenthalts erlebten, hat ihnen so zugesetzt, dass sie schließlich fast schon fluchtartig die Rückreise antraten.

Man kann sich allerdings darüber wundern, mit welchen Vorstellungen insbesondere George Sand auf die Insel gereist ist. Sie und Chopin gelten als die ersten Touristen Mallorcas, eine nennenswerte Infrastruktur gab es nicht, die Dampfschiff-Verbindung zwischen Palma und Barcelona war erst wenige Jahre zuvor eingerichtet worden. Sie fanden kein Hotel, kamen kurzzeitig in einem leerstehenden Herrenhaus in Establiments in der Nähe von Palma unter, das sie aber dann abrupt räumen mussten, weil der Eigentümer befürchtete, bei Chopins Erkrankung könnte es sich um Tuberkulose handeln - was, wie sich später herausstellte, richtig war.

Auf der Suche nach einer neuen Unterkunft wurden sie im schon damals vom Kartäuserorden aufgegebenen Kloster von Valldemossa fündig. Das Dorf verfügt jedoch über ein eigenes Mikroklima, sodass die Temperaturen im Sommer dort angenehmer sind als in den niedrigeren Lagen Mallorcas, der Winter kann dort allerdings sehr ungemütlich werden und erinnert mit seiner Kälte, dem Wind und den gelegentlichen Schneefällen an die norddeutsche Tiefebene. Das alles wussten weder Sand noch Chopin.

Ihnen war auch nicht klar, wie provokant ihr Auftreten und Lebensstil auf die Einheimischen wirken mussten: Diese sahen eine Patchworkfamilie mit einem unverheirateten Paar, eine Frau in Männerkleidung und die Verweigerung, am Sonntagsgottesdienst teilzunehmen. Ihnen schlug die Ablehnung und das Misstrauen der Landbevölkerung entgegen, die auf dieses Anderssein mit großer Zurückhaltung und dem Verkauf von Lebensmitteln zu Wucherpreisen reagierte. 

Entsprechend schlecht kamen sowohl die Bauern als auch die Adeligen auf der Insel in Sands Reisebeschreibung weg. Den Bauern spricht sie die Fähigkeit zum Denken ab und bescheinigt ihnen Planlosigkeit, dem Adel fehlen hingegen Stil, Bildung und ein gewisses Maß an Durchsetzungsvermögen.  

Sand bricht jedoch in große Euphorie aus, wenn es um die Beschreibung der Naturschönheit Mallorcas geht. Dichtern und Malern empfiehlt sie mehrmals, sich von ihr inspirieren zu lassen.

Mit keinem Wort erklärt sie jedoch, bei wem es sich um den Begleiter handelt, er wird nur als "der Patient" bezeichnet. Erst 1855 kommt sie mit der Veröffentlichung von "Die Geschichte meines Lebens" wieder auf Chopin und ihre gemeinsame Zeit auf Mallorca zu sprechen und schildert dort das Verhalten des Komponisten und das Fortschreiten seiner Erkrankung.

Lesen?

Es ist an vielen Stellen des Buches kaum zu glauben, dass sich eine Frau, die zur damaligen Bildungselite gezählt hat, zu solch einem Abenteuer hat hinreißen lassen und sich praktisch ohne Vorbereitung mit zwei kranken Menschen auf diese Reise begeben hat. Ihre Beschreibung ist gerade dann, wenn von den Einheimischen die Rede ist, oft sehr gnadenlos und einseitig, aber sicher hat jede subjektive Aussage einen wahren Kern. Mallorca war vor mehr als 180 Jahren einfach nicht darauf vorbereitet, Fremde zu beherbergen und zu versorgen. Der Blick in die Vergangenheit ist schon deshalb interessant, weil die Insel heute zu den beliebtesten Urlaubszielen zählt und jedes Jahr von ca. 14 Millionen Touristen besucht wird. George Sand hat zudem einen so lockeren Schreibstil, dass das Lesen nicht langweilig wird.

Ein Winter auf Mallorca lag mir als E-Book in der neuesten Übersetzung von Hermann Lindner aus dem Jahr 2016 vor. Es enthält neben dem ungekürzten Text mehrere zeitgenössische Illustrationen, einen Auszug aus Sands Buch Die Geschichte meines Lebens ("Der Winter auf Mallorca"), den "Brief eines heimgekehrten Reisenden an einen häuslichen Freund" (von George Sand an einen Herrn namens François) und Anmerkungen zu Leben und Werk der Schriftstellerin.
Das Buch ist bei dtv digital erschienen und kostet 14,99 Euro.


Nachtrag: Das Herrenhaus, in dem die Familie zuerst gewohnt hat, gibt es noch. Es befindet sich in Privatbesitz, wird aber leider nicht gepflegt. Hier geht es zu einem kurzen Bericht: 
Hier froren George Sand und Frédéric Chopin zuerst (mallorcamagazin.com)

Freitag, 29. Januar 2021

# 275 - Das Gesicht Europas

Der Biologe Bernd-Jürgen Seitz hatte 2017 mit Das Gesicht Deutschlands ein beeindruckendes Buch herausgebracht, nun hat er das Blickfeld erweitert und mit dem Titel Das Gesicht Europas nachgelegt.

In vier Kapiteln widmet sich Seitz nicht nur einer Beschreibung der geologischen, klimatischen und ökologischen Bedingungen des Kontinents, sondern erläutert Begriffe und Zusammenhänge und macht praktische Vorschläge, wie der Rückgang der Artenvielfalt mit relativ wenig Aufwand gestoppt werden kann. Die Inhalte sind leicht verständlich aufbereitet und richten sich sowohl an Leser mit wenigen Vorkenntnissen als auch an solche, die sich bereits mit der Thematik beschäftigt haben.

Der Abschnitt Landschaften und Lebensräume beschäftigt sich mit einer ausführlichen Betrachtung der Lebensräume Wald, Wasser, Wüste, Grasland, Kulturland sowie Bergland und macht seine Leser auf deren genaue Beschaffenheit und ihre Besonderheiten aufmerksam. Zum Verständnis der Landschaften gehört dabei unbedingt das Wissen um ihre Geschichte.

Im darauffolgenden Kapitel wird jeder dieser Lebensräume genau unter die Lupe genommen: Haben wir noch irgendwo in Europa Wildnis? Sollen auch Kulturlandschaften geschützt werden und wer tut das überhaupt? 

Im letzten Teil stellt Seitz die einzelnen Länder Europas anhand einiger statistischer Daten sowie ihrer Landschaften und Lebensräume vor. Er leitet es sehr treffend mit einem Zitat des Forschungsreisenden Alexander von Humbold ein: Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung der Leute, die sich die Welt nicht angeschaut haben.

Das Buch wird sehr anschaulich durch zahlreiche Fotos wie zum Beispiel diese ergänzt:

Litauen: Der Mittelpunkt Europas


Grabenbuchzone in Island



Eisernes Tor an der rumänisch-serbischen Grenze



Schilfernte am Neusiedler See (Österreich, 1996)



Kuhrische Nehrung mit Haff


Lesen?

Klare Leseempfehlung. Mir ist kein anderes Buch bekannt, das seinen Lesern Europa aus dieser Perspektive so anschaulich nahebringt wie dieses.

Das Gesicht Europas ist 2020 bei wbg Theiss, einem Inprint der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG), erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 50 Euro sowie als E-Book 39,99 Euro.

Ich bedanke mich beim Verlag, der mir die Fotos zur Verfügung gestellt hat.

Montag, 18. Januar 2021

# 274 - Rechne immer mit dem Schlimmsten

Beata und Matti Aalto wandern Mitte der 1960-er Jahre von Finnland ins vermeintlich bessere Schweden aus. Ihre Kinder lassen sie zunächst bei Mattis versoffenem Bruder zurück, was sich als verhängnisvoller Fehler erweisen soll. Mit Rechne immer mit dem Schlimmsten hat Petteri Nuottimäki 2017 seinen ersten Roman vorgelegt, der wegen seiner skurrilen Handlung zum Teil an die Bücher von Jonas Jonasson erinnert.

Matti wurde schon von seinem Vater eingebläut, seine Pflicht zu tun, sich aber zum Beispiel beim Militär nicht in den Vordergrund zu drängen. Und natürlich solle er sich vor den Russen in Acht nehmen! Angesichts der Erfahrungen, die die Finnen und auch Matti mit ihren östlichen Nachbarn in der Vergangenheit gemacht haben, ist dieser Rat gut nachvollziehbar.

Aber Matti entwickelt eine handfeste Paranoia, die letzten Endes zur Übersiedelung nach Schweden führt. Dort macht sich der Familienvater mit dem Handel mit Raubinsekten selbstständig, was so gut läuft, dass die Altos - ein A wurde gestrichen, damit man unauffällig bleiben konnte - davon gut leben und Matti ein kleines Vermögen anhäufen kann.

Aber Mattis drei Kinder entwickeln sich trotz des väterlichen Vorbilds und der strengen patriarchalischen Erziehung nicht so, wie er es sich gewünscht hätte. Der jüngste Sohn hat autistische Züge, der älteste Sohn wird zum drogensüchtigen Spieler und die Tochter lacht sich immer wieder kriminelle Freunde an. Doch ihr Vater will sein Unternehmen dem erfolgreichsten Kind überschreiben und denkt sich dafür einen Wettbewerb aus, um die Geschäftstüchtigkeit der Drei auf die Probe zu stellen. Dieses teure Experiment verläuft allerdings ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte.

Lesen?

Der Roman erzählt mit der Figur des Matti die Geschichte von Nuottimäkis Großvater. So wirken auch einige Anekdoten, bei denen man sich gut vorstellen kann, wie sie im Kreis der Familie an der Kaffeetafel mit einem "Weißt du noch? eingeleitet wurden und zu etlichen Lachern führten. Aber was für Familientreffen gut ist, eignet sich nicht unbedingt für ein ganzes Buch. Nuottimäki schildert humorvoll, was den Aaltos widerfahren ist und mit welch seltsamen Methoden Matti seine Kinder auf die Anforderungen des Lebens vorbereiten will. Es fehlt jedoch immer wieder an echter Emotion: Da kommt ein Kind ums Leben, aber Nuottimäki lässt die Erschütterung, die eine Familie durch solch ein Ereignis erfährt, außen vor. Das gilt auch für die ärztliche Diagnose, die Matti nur noch eine kurze Lebenserwartung zuspricht: Die Mitteilung wird so hingenommen wie der Wetterbericht, der drei Tage Regen vorhersagt.

Neben der Emotionsarmut leidet der Roman an einer Unglaubwürdigkeit, die zunimmt, je mehr er sich dem Ende nähert. Ein Wiedersehen, das normalerweise eine ganze Palette von Gefühlen bei allen Beteiligten hätte auslösen müssen, wird fast schon holzschnittartig geschildert. Dass Beata und Matti schuld daran sind, dass dieses Treffen erst so spät stattfindet, hätte ihnen eigentlich den Boden unter den Füßen wegziehen müssen, aber da passiert nichts dergleichen.

Nuottimäki frönt in seinem Roman einem Faible für Fußnoten. Nur wenige von ihnen erklären etwas; die Mehrzahl lenkt den Blick auf einen Nebenschauplatz oder hätte gut in den Haupttext eingebaut werden können.

Rechne immer mit dem Schlimmsten ist nette Unterhaltung, aber mehr leider auch nicht.

Der Roman ist bei Harper Collins erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 18 Euro.

Freitag, 15. Januar 2021

# 273 - Aus dem geheimen Eheleben des Paares Merkel/Sauer

Die männliche Hälfte von Deutschlands Third Couple
muss sich wohl einiges von der Seele reden. Was genau, hat sich ein Autorenteam überlegt und Joachim Sauer Worte in den Mund gelegt, die einen tiefen Blick in das Eheleben der Bundeskanzlerin und und des Chemie-Professors möglich machen. Wollen wir diese ganzen Alltagsdetails wirklich immer so genau wissen? Doch, doch, wollen wir! Neigt der Mensch nicht sowieso zum Voyeurismus?

Das Hörbuch Das total gefälschte Geheim-Tagebuch vom Mann von Frau Merkel wird von Christoph Maria Herbst gesprochen, der diesen Part so gut übernimmt, dass man mit Joachim Sauer mitfühlt und -denkt. Merkels Gatte wird als ein liebenswerter Mensch charakterisiert, der oft gedanklich noch im Jahr 1989 festhängt und sich über die vielen Neuerungen unserer Zeit wundert, die für den Rest der Welt ganz selbstverständlich zu sein scheinen. Kann es nicht sein, dass der Begriff "Neuland", der der Kanzlerin im Zusammenhang mit dem Internet zugeschrieben wird, eigentlich aus dem Mund ihres Mannes stammt?

Joachim Sauer kommt in diesem Buch ziemlich gut weg. Ein paar liebenswerte Schrullen hat doch jeder, oder? Er liebt seine Frau, hat keine Ahnung, was sie den ganzen Tag über macht und hadert mit seiner eigenen Bedeutungslosigkeit. Was ist schon ein langweiliger Professor gegen eine Bundeskanzlerin, die die Wichtigen dieser Welt trifft und ständig um den Globus jettet? Wenn er über die Kanzlerin spricht, ist mal von "Mutti" und mal von "Angela" die Rede.

Sauer ist stolz auf seine Angela, ärgert sich allerdings über einige "Störgeräusche": Regierungssprecher Seibert ist ihm zu arrogant und zeigt ihm durch sein Schweigen, auf welcher Stufe der Hühnerleiter sich der Kanzlerinnengatte einzuordnen hat.

Und dann ist da noch Beate Baumann, Angela Merkels Büroleiterin und engste Vertraute. Sauer hat oft den Verdacht, dass "die Baumann", wie er sie verächtlich nennt, ihn von seiner Frau abschirmt und ihr mehr Essen zusteckt, als es Angela guttut. Der Beweis: Die Kleiderprobe vor wichtigen Anlässen endet für Merkel regelmäßig damit, dass sie neue Blazer oder ein weiteres Kleid braucht.

Manchmal kocht und backt Angela Merkel auch. Über die Qualität dessen, was ihre Küche verlässt, sind sich alle insgeheim einig. Die zum Eintopfessen eingeladene Ministerriege trifft sich vorher beim angesagten Lieblingsitaliener, und der Apfelkuchen, den Merkel an ihre Sicherheitsbeamten verschenkt, wird von denen gleich an das BKA weitergegeben: "Damit bringt der Mossad iranische Wissenschaftler um", heißt es zur Begründung.

Sehr witzig ist z. B. die Charakterisierung von Ursula von der Leyen: Sauer trifft die Ministerin, als diese gerade auf einem Laufband trainiert. Gleichzeitig telefoniert sie mit ihrer Tochter und tippt mit der freien Hand eine Presseerklärung. An anderer Stelle baut sie ein IKEA-Möbelstück nicht mit Werkzeug, sondern allein mit Willenskraft auf. Fähigkeiten, die man sich selbst auch dann und wann wünscht.

Das Sauer-Tagebuch deckt den Zeitraum vom 31. Dezember 2011 bis zum 22. Januar 2013 ab. Da passiert einiges: Christian Wulff tritt von seinem Amt als Bundespräsident zurück, Joachim Gauck wird sein Nachfolger und die Fußball-WM in Polen und der Ukraine findet statt, um nur ein paar Eckdaten zu nennen. Und Angela ist immer irgendwie mittendrin.

In den knapp dreieinhalb Stunden Hörzeit kommen gefühlt alle Persönlichkeiten vor, die damals in der Politik mitmischten oder anders mit der Kanzlerin in Verbindung standen: die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, Merkels Frisör Udo Walz und der französische Präsident Nicolas Sarcozy. Sie und noch etliche andere Personen bekommen von Joachim Sauer ihr Fett weg - die einen mehr, die anderen weniger. Ein paar Personen sind wieder oder immer noch aktuell, über andere spricht heute kein Mensch mehr. 

Hören?

Ich hatte nach einem Buch Ausschau gehalten, das mich zum Lachen bringt. Christoph Maria Herbst hat es so gut vorgetragen, dass das geklappt hat. Man darf jedoch nicht zu zartbesaitet sein und sollte hin und wieder Abstriche machen, wenn es um die Political Correctness geht: Da bleibt immer wieder Wolfgang Schäuble mit seinem Rollstuhl in zu engen Toilettentüren stecken, und die Lebenspartnerschaft von Guido Westerwelle und Michael Mronz scheint bei Herrn Sauer ein gewisses Befremden auszulösen. Wer damit umgehen kann, ist mit diesem Hörbuch sehr gut bedient.

Das total gefälschte Geheim-Tagebuch vom Mann von Frau Merkel wurde 2013 als Argon-Hörbuch herausgebracht und kostet 34,15 Euro. Das Taschenbuch ist im Fischer Verlag erschienen und kostet 9,99 Euro.

Montag, 11. Januar 2021

# 272 - Selfmade-Millionär zeigt, wie's geht

Philipp J. Müller hat sein Berufsleben als
Investmentberater begonnen, sehr gut verdient, war aber trotzdem nicht zufrieden. Ihn störte immer mehr, dass Banken mit dem Geld ihrer Kunden sehr viel Geld verdienen, für die Kunden jedoch nur vergleichsweise kleine Beträge übrig blieben.

Mit 33 Jahren hatte er ausgesorgt und sich und seiner Familie eine Auszeit gegönnt. Doch dann war da der Wunsch, mit dem Vermögen sinnvoll umzugehen: Die Idee, in der Nähe von Hamburg eine Finanzakademie zu gründen, war geboren.

Im Oktober 2020 hat Müller nun mit GeldRICHTIG sein erstes Buch vorgelegt. In fünf Kapiteln erläutert er den Weg zu einem Vermögensaufbau, bei dem auch ethische Komponenten nicht zu kurz kommen sollen. Er stellt gleich zu Beginn klar, dass es ihm nicht um das schnelle Geld geht und Heilsversprechen anderer "Experten", die ihren Kunden oder Lesern Reichtum durch passives Einkommen oder stets geschickte Börsentransaktionen suggerieren, nicht sein Ding sind.

Um vernünftig mit Geld umzugehen, sind grundlegende Kenntnisse darüber, wie unser Finanzsystem funktioniert, nötig. Müller kritisiert das allgemeine Fehlen dieses elementaren Wissens und regt an, das Thema in den Schulen zu unterrichten. Ihm geht es auch darum, dass die Begriffe Geld und Reichtum von ihrem Schmuddelimage wegkommen und Geld als etwas Neutrales angesehen wird.

Müller beschreibt ganz praktisch, wie wir unsere Haltung zum Geld verändern und uns ein gutes Geld-Verhalten aneignen können. Erst im vierten Kapitel widmet er sich dem Aktienhandel und versucht, die Vorbehalte dagegen, die in Deutschland groß sind, zu nehmen. Er geht kurz auf die bekanntesten Möglichkeiten der Geldanlage ein (Festgeld, Immobilien, Rohstoffe), um sich dann wieder den Aktien zuzuwenden. Kein Wunder, denn mit dem Aktienhandel hat Müller sein Vermögen aufgebaut. Er spricht sich dafür aus, Investitionen langfristig zu planen und will die Angst vor einem Börsencrash nehmen. Außerdem fordert er seine Leser dazu auf, sich selbst mit ihrer Finanzplanung zu beschäftigen und keinen Berater damit zu beauftragen, der für seine Leistungen Provisionen berechnet und in erster Linie Anlagen empfiehlt, die sich nicht unbedingt an den Bedürfnissen des Kunden orientieren.

Etwa im letzten Viertel seines Buches beschäftigt sich Müller mit den wichtigsten Grundsätzen der Börse. Eine zentrale Rolle spielen dabei seine zwölf zentralen Regeln für den Börsenerfolg. Auch wichtig: Der Börsenhandel erfordert Zeit und Geduld. Das erinnert mich an einen Ausspruch des vor mehr als 20 Jahren verstorbenen Börsen-Gurus André Kostolany: "Verwenden Sie auf den Aktienkauf ebenso viel Zeit wie auf den Kauf eines Gebrauchtwagens." Neu ist Müllers Rat also nicht, aber immer noch aktuell.

Lesen?

GeldRICHTIG liest sich über weite Strecken wie ein Coaching Müllers mit seinen Seminarteilnehmern. Die Sprache ist direkt, er arbeitet viel mit Beispielen aus dem Alltag. Das Buch eignet sich für Leser, die noch mit sich ringen, ihr Geld in Aktien anzulegen oder auf der Suche nach dem richtigen Einstieg sind. Wer sich mit der Thematik allerdings schon beschäftigt hat, sollte sich nach anderer Literatur umsehen, denn konkrete Anlagetipps hält Müller nicht bereit.

GeldRICHTIG ist 2020 im GABAL Verlag erschienen und kostet als Broschurausgabe 25 Euro. Mehr Informationen sowie das kostenlose E-Book GeldRICHTIG - Der Krisenhelfer gibt es auf der Website zum Buch.


Montag, 28. Dezember 2020

# 271 - Ist das die öffentlich-rechtliche Medienwelt?

Vor acht Jahren hat der Journalist Jens Jessen mit seinem Roman Im falschen Bett seine schriftstellerischen Scheinwerfer gleich auf mehrere Szenerien geworfen: auf das Selbstverständnis derer, die sich zur gehobenen bürgerlichen Schicht Münchens zählen, den Umgang des (öffentlich-rechtlichen) Fernsehens mit Menschen und Geld, das Aufeinanderprallen von unterschiedlichen Gesellschaftsschichten im selben Umfeld sowie das sogenannte "zweite München", in dem die Reichen und Mächtigen sich junger Frauen bedienen, als seien sie ihr Spielzeug.

Im Mittelpunkt stehen der TV-Produzent Dr. Torsten Welske, der von allen nur als "der Bonze" bezeichnet wird, und die deutlich jüngere Christina Laroche. Die beiden lernen sich während eines Castings einer Fernsehshow kennen, und der Bonze verliebt sich in sie, weil sie sich in ihrer Unauffälligkeit und Zurückhaltung deutlich von den anderen Kandidatinnen unterscheidet, auf die normalerweise sein Blick fällt.

Was in diesem Roman passiert, wird aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschildert, der als Praktikant die folgenden Ereignisse erlebt oder aber von anderen ins Bild gesetzt wird. Er ist Student an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und lebt in einer Studenten-WG, in der das seltsame Verhältnis zwischen Christina und dem Bonzen interessiert verfolgt und gern kommentiert wird.

Die Beziehung zu Christina ist kurz, entwickelt sich aber für den Bonzen zu einem Desaster. Zu spät erfährt er, dass Christina die Patentochter von Oberkirchenrat Neander ist, der als Mitglied des Rundfunkrates immer wieder beim Bonzen auftaucht und ihm auf den Zahn fühlt: Wie ist das eigentlich mit dem Sponsoring von lokalen Unternehmern, deren Produkte in den Fernsehsendungen des Produzenten gezeigt werden? Fließt da nicht auch Geld, das möglicherweise dem Sender vorenthalten wird? 

Doch der Oberkirchenrat ahnt nicht, wessen Groll er sich da zuzieht: Der kleine Rachefeldzug des Bonzen wird ihn und seine drei mit ihm zusammenlebenden alten Tanten die Wohnung kosten. Es wird intrigiert, es wird gestorben und irgendwie kennt jeder um ein paar Ecken jeden - was nicht immer gut ist. Immer wieder fragt man sich beim Lesen, wie groß das Körnchen Wahrheit wohl sein mag, das Jessen in seine Geschichte eingestreut hat. Das kann der Autor am besten selbst beantworten, der zum Zeitpunkt der Romanveröffentlichung Ressortleiter des Feuilletons der Wochenzeitschrift "Die Zeit" gewesen ist.

Einen Hinweis gibt Jessen mit dem Zitat eines mittlerweile verstorbenen einflussreichen Medienunternehmers: "Im Seichten kann man nicht ertrinken", war ein Ausspruch von Leo Kirch, der damit auf die Kritik hinsichtlich des niedrigen Niveaus der Sendungen seiner privaten Fernsehsender reagierte.

Doch im Abspann stellt Jessen klar, dass es Produzenten wie den in seinem Roman beschriebenen in öffentlich-rechtlichen Sendern nicht gibt und er sich alle Personen, Gremien, Gewohnheiten und die ganze Geschichte "aus den Fingern gesaugt" hat.

Lesen?

Im falschen Bett ist ein unterhaltsamer und humorvoller Roman, der einige Untiefen der (Münchener) Gesellschaft und der Fernsehlandschaft aufs Korn nimmt. Ob das Buch als Satire verstanden werden soll, bleibt aber unklar. 

Im falschen Bett ist 2012 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 17,90 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.