Die ehemalige ARD-Auslandskorrespondentin Annette Dittert übernahm im September 2008 die Leitung des NDR-Studios in London und beschäftigt sich seitdem damit, das Land und seine Menschen zu ergründen. Mit ihrem Buch Dear Britain will sie beantworten, was das Lebensgefühl der Briten prägt, was es mit ihrem bekanntlich sehr besonderen Humor auf sich hat und wie die Bevölkerung den Austritt aus der EU sechs Jahre nach dessen Vollzug bewertet.
In den fast zwanzig Jahren, die Dittert in London gelebt und gearbeitet hat, hat sie sich einerseits zu Hause gefühlt, andererseits aber auch Besonderheiten registriert, die Briten von Deutschen unterscheiden. Und dann ist da noch das spezielle Verhältnis von Engländern, Schotten und Walisern zueinander, das sich von außen nur schwer erschließt.
Miteinander in Kontakt zu kommen, persönliche Gespräche zu führen: Das ist etwas, das Annette Dittert in Jahrzehnten als Journalistin praktiziert hat. Auf diese Weise hat sie sich auch für ihr Buch Menschen genähert, die ihr Auskunft über Dinge gegeben haben, die wir als "very british" empfinden: über die Clubs, die immer noch fast vollständig Männern vorbehalten sind und sich erst seit kurzer Zeit zurückhaltend für weibliche Mitglieder öffnen, das Verhältnis der Briten zum Königshaus, die unterschiedlich stark verfolgten Abspaltungsziele von Schottland und Wales oder das Hinnehmen und Ignorieren von unangenehmen Tatsachen als kulturelle Eigenheit.
Dear Britain ist von der großen Zuneigung Ditterts zu diesem Land durchzogen, die der Grund war, sich um die britische Staatsbürgerschaft zu bemühen. Seit 2025 ist die Journalistin sowohl deutsche als auch britische Staatsbürgerin. Das hält sie jedoch nicht davon ab, die Schwierigkeiten des Landes klar zu benennen und für ihre Leserinnen und Leser anschaulich zu schildern: Sie geht hart mit dem ehemaligen Premierminister Boris Johnson ins Gericht, den sie wegen seiner Rolle rund um den Brexit als "menschliche Abrissbirne" bezeichnet und ihn für die Verschiebung des politischen Diskurses sowie den Zerfall der Tory-Partei verantwortlich macht.
Annette Dittert berichtet von sozialen Verwerfungen, von denen in Deutschland kaum jemand etwas weiß: dem althergebrachten Klassensystem, den desaströsen Folgen der Privatisierung der Wasserversorgung unter Margaret Thatcher, der deutlichen Zunahme der Armut seit dem Brexit (ein Drittel der Kinder ist armutsgefährdet), dem zunehmenden Rassismus oder der Konzentration von Landbesitz auf wenige Eigentümer (über 50 Prozent der Ländereien gehören einem Prozent der englischen Bevölkerung, und nur acht Prozent des Landes können von allen betreten werden). Gleich zu Beginn ihres Buches resümiert sie: "Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum steht es schlecht um die alte Selbstsicherheit und die gelassene Liberalität der Briten. Ihr legendärer Ruf als pragmatisch-rationale Nation ist dahin."
Wir wissen aus den Nachrichten, dass ausgerechnet Nigel Farage, der den Briten bei einem Brexit das Blaue vom Himmel versprochen hat, derzeit in der Wählergunst die Nase vorn hat. Wie kann das sein, dass die Menschen jemanden wählen würden, der sie glatt belogen hat? Annette Dittert spricht über die tiefe Enttäuschung und Wut der Bürger und Bürgerinnen in den Labour-Hochburgen und deren Überzeugung, verraten worden zu sein. Viele Male ist ihr nicht nur dort dieser Satz begegnet: "Wir wissen doch genau, dass Nigel Farage und die Rechten es auch nicht besser können, aber wenigstens jagen sie dann den ganzen Laden in die Luft!" Das ist die Sorte Fatalismus, die uns aus Deutschland bekannt vorkommt.
Lesen?
Annette Dittert erzählt mit viel Empathie und Sachkenntnis über ihre zweite Heimat England. Trotz aller Kritik an der Entwicklung, die das Land seit dem EU-Austritt genommen hat, schreibt sie mit Zuneigung von seinen Menschen (mit Ausnahme von Boris Johnson) und ihren Eigenschaften. Sie macht jedoch deutlich, dass viele Traditionen, die auf den ersten Blick skurril wirken, vor allem dem Erhalt von Macht und Status dienen.
Nichts hält Dittert jedoch davon ab, London "meine einzige große Liebe" zu nennen, auch wenn es dort Entwicklungen wie zum Beispiel die krasse Gentrifizierung gibt, über die sie sich ärgert. Aber: "Wie in jeder alten Ehe haben wir gute und schlechte Tage miteinander, aber die guten Tage überwiegen bei Weitem." So unterhaltsam, wie sie Dear Britain geschrieben hat, nimmt man das Annette Dittert auf jeden Fall ab.
Dear Britain ist 2026 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.









