Montag, 18. März 2019

# 188 - Über eine Jüdin, die andere Juden in den Tod schickte

Ich hatte im Januar auf diesem Blog über die Lesung eines
Buches geschrieben, über das seit seiner Veröffentlichung viel diskutiert wurde. Die Kulturseiten der allermeisten Printmedien haben es praktisch in der Luft zerrissen, etliche Buchhändler weigerten sich, es zu verkaufen, während einige ihrer Kollegen Werk und Autor in Schutz nahmen und das Gegenteil zusagten. Es geht um den Roman Stella von Takis Würger. Ich war von der Lesung, die de facto keine war, ziemlich enttäuscht und hatte danach nicht mehr vor, das Buch zur Hand zu nehmen. Aber dann lief es mir über den Weg und ich beschloss, mir nun doch selbst ein Bild zu machen, was an den Anwürfen gegen Würger und sein Werk dran ist.

Die titelgebende Stella Goldschlag hat es tatsächlich gegeben, und es ist ihr Gesicht, das uns auf dem Buchcover entgegenlächelt. Sie war eine junge Jüdin, die in Berlin lebte und sich ihren Lebensunterhalt auf mehreren Wegen verdiente. Einen davon wird man im Verlauf der Handlung näher kennenlernen. Stellas Reaktion auf die Erpressung der Nazis und den Wunsch, ihre Eltern zu schützen, hat Takis Würger recherchiert. Fiktion sind hingegen die Figur des jungen Friedrich, der gutsituiert in der Schweiz in der Nähe des Genfer Sees aufwächst, sowie seine Liebesgeschichte mit Stella. 

Friedrichs Mutter ist gebürtige Deutsche und macht ihrem Sohn von klein auf klar, dass sie Juden für Untermenschen hält. Die ohnehin zerrüttete Ehe der Eltern erlebt ihren Tiefpunkt, als die von ihrem Leben enttäuschte Frau auf dem Dach der Familienvilla eine Hakenkreuzfahne hisst, die der Vater aufgebracht entfernt. Friedrichs Vater wiederum ist geschäftlich ständig unterwegs, zu einem Gutteil wohl aber auch, um seine ständig betrunkene Gattin nicht täglich aushalten zu müssen. 
Mit 19 entschließt sich Friedrich, das, was man über das Geschehen in Deutschland und insbesondere in Berlin hört und liest, selbst anzusehen. Er reist im Januar 1942 als Tourist in die deutsche Hauptstadt, mietet sich in ein Grand Hotel ein, dessen Kosten von seinem Vater übernommen werden, lernt die gutaussehende Kristin kennen und verliebt sich in sie. Erst spät begreift er, welches Geheimnis die junge Frau verbirgt: Um die Eltern vor dem KZ zu bewahren, arbeitet sie für die Nazis als sogenannte Greiferin, verrät also untergetauchte Juden an die Gestapo.

Ich hatte mit Stella einige Schwierigkeiten. Mich hatte bereits irritiert, dass Takis Würger im Verlauf der Lesung geäußert hatte, sich mit Stella Goldschlag beschäftigt, sich für das Buch jedoch von ihr gelöst zu haben. Aber unabhängig davon, wie viel Verständnis man der tatsächlichen Stella entgegenbringt, kann ich nicht nachvollziehen, warum solch eine Persönlichkeit, die ihren Verrat auch fortsetzte, nachdem ihre Eltern getötet worden waren, eine der Hauptfiguren in einer problematischen Liebesbeziehung wird. Ihr Tun wird im Romantext nur angedeutet, das Leid ihrer Opfer wird nur angerissen, indem Würger aus den Ermittlungsakten zitiert, die im Zusammenhang mit dem späteren Gerichtsverfahren gegen Stella Goldschlag angelegt wurden. Jeder Verrat wird hier bürokratisch wie ein behördlicher Vorgang abgewickelt. Warum Würger diesen Weg wählt, obwohl er zu Beginn seines Buches selbst darauf hinweist, dass sein Urgroßvater 1941 im Rahmen der Aktion T4 den Nazis zum Opfer gefallen ist, erschließt sich mir nicht. Hinter diesem Kürzel steckt immerhin die systematische Ermordung von etwa 70.000 behinderten Menschen zwischen 1940 und 1945. Warum also diese Distanziertheit, obwohl es doch eine persönliche Betroffenheit gibt? Oder soll diese Information den Autor dazu legitimieren, sich als Nachkomme eines Opfers des nationalsozialistischen Regimes zum Thema äußern zu dürfen? Wenn es so wäre, hätte ich ebenfalls diese Art von Legitimation; ich halte mich aber nicht für ausreichend kompetent, etwas über den Holocaust zu schreiben, nur weil ein körperlich eingeschränkter Verwandter in gleicher Weise "entsorgt" wurde wie Würgers Urgroßvater. Auch nicht nach einer Recherche wie der, die der Autor durchgeführt hat. Der gemeinsame Nenner der damaligen massenhaften systematischen Ermordung von Juden und der Beseitigung des unwerten, weil behinderten Lebens ist die gewaltsame Auslöschung. Vom einen auf das andere zu verweisen, empfinde ich als schwierig.

Unbegreiflich ist mir auch die Figur des Friedrich geblieben. Sein Handeln zeugt von einer kaum nachvollziehbaren Naivität, die schon mit der Abreise aus der neutralen Schweiz nach Berlin beginnt und von der ihn niemand zu Hause ernsthaft abzuhalten versucht. Um einen Vergleich zu bemühen: Muss man sich in die Nähe eines hungrigen Löwen begeben, weil man gehört hat, dass die Tiere mit leerem Magen besonders angriffslustig sind, man das jetzt aber doch mal selbst live und in Farbe erleben will? Auch der Weg zur Erkenntnis ist bei dem jungen Mann lang: Bis er realisiert, was die Frau, in die er so verschossen ist, wirklich tut und dass sie nicht Kristin, sondern Stella heißt, ist das Buch zur Hälfte gelesen. Friedrich ist ein naiver Vollidiot, um es deutlich zu sagen. Sein kritikloses Verhalten gegenüber Stella ist nur schwer zu ertragen. Es gibt keinen Moment, in dem er gegen ihr lange Zeit rätselhaft wirkendes Benehmen aufbegehren oder wenigstens konkrete Fragen stellen und auf einer klaren Antwort bestehen würde. Statt dessen registriert er beispielsweise, dass Stella ständig mit Pervitin gefüllte Pralinés nascht und kauft ihr für viel Geld mehrere Packungen, um ihr eine Freude zu machen. Pervitin war der Handelsname eines seit 1938 vertriebenen Präparats, das heute unter dem Namen Methamphetamin oder den kürzeren Bezeichnungen "Meth" und "Crystal Meth" bekannt ist.
Auch Friedrichs Versuch, Stellas Eltern zu befreien, scheitert an seinem Glauben daran, dass eine getroffene Abmachung gilt - auch wenn es sich dabei um den Bestechungsversuch eines Nazis handelt.

Stella konnte mich nicht überzeugen. Mir fehte es an vielen Stellen an der Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit. Ich habe auch Schwierigkeiten damit, ein historisch monströses Ereignis wie die Massentötung der Juden während des Dritten Reichs in eine (seltsame) Liebesgeschichte hineingezwängt zu sehen. Durch den sachlichen Schreibstil scheint Würger eine Distanz zwischen sich und der Handlung seines Buches aufbauen zu wollen, so dass es wirkt, als sei er hier nur der Chronist, den das alles nicht wirklich etwas anginge. Doch wie passt das mit dem Hinweis auf seinen Urgroßvater zusammen? Ich habe darauf keine Antwort.

Stella ist bei Hanser erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als epub- oder Kindle-Ausgabe 16,99 Euro sowie als Audio-CD 13,27 Euro.

Freitag, 8. März 2019

# 187 - Ein Buch, das mich aggressiv gemacht hat


Das passiert mir selten, dass ich ein Buch lese, bei dem ich
gegenüber einer der Hauptfiguren einen solchen Groll entwickle, dass ich ihr am liebsten eine runterhauen würde, wenn das denn möglich wäre, aber trotzdem durchhalte bis zum Schluss. Warum ich das Werk nicht in die nächste Ecke geschleudert habe? Ich bin mir nicht sicher, aber vermutlich, weil ich darauf gewartet habe, dass es im Laufe der Handlung jemanden geben würde, der dem, der im Buchtitel der "Ich" ist, mit Schwung...

Das Buch, um das es heute geht, ist bereits 2003 erschienen und bedeutete für den damals noch unbekannten Schriftsteller Daniel Kehlmann den Durchbruch: Ich und Kaminski heißt es, und beim Lesen des Buchtitels dachte ich fast schon reflexartig an einen Ausspruch meiner Mutter, wenn ich als Kind einen Satz mit: "Ich und..." begonnen hatte. Sie sagte dann: "Der Esel nennt sich immer zuerst." Aber die Reihenfolge passt hier genau: Bei 'Ich' handelt es sich um Sebastian Zöllner, einen mäßig erfolgreichen, dafür aber sehr von sich überzeugten Kunstkritiker. Er heftet sich an die Fersen des greisen Malers Manuel Kaminski, der den Höhepunkt seiner künstlerischen Schaffensphase schon lange hinter sich hat, aber dessen Name in Kunstkreisen immer noch mit einer gewissen Ehrfurcht ausgesprochen wird. Seine Spezialität: Kaminski ist blind und hat die Komposition seiner Werke erspürt. Zöllner plant, ein Standardwerk über den einst berühmten Maler zu schreiben und so seinen Ruf als Kunstexperte aufzupolieren.

Zöllner schafft es mit einem Versprechen, den von seiner Tochter abgeschirmten Maler aus seinem abgelegenen Haus in den Bergen zu locken. Vor der Fahrt sieht er sich genau im Haus um und öffnet Zimmer- und Schranktüren, um so viel wie möglich über den Maler zu erfahren. Seine Interviews mit Kaminskis Zeitgenossen ergaben ein uneinheitliches Bild, das sich schwer verwerten lässt. Zöllner bringt den alten Mann dazu, sich ihm für eine längere Fahrt anzuschließen, indem er ihm etwas über einen geliebten und von Kaminski totgeglaubten Menschen erzählt. Damit werden in dem Künstler uralte Wunden wieder aufgerissen und Hoffnungen genährt, für die es keine Grundlage gibt. Doch so einfach, wie es sich Zöllner vorgestellt hat, macht es ihm Kaminski nicht. Die Geschichte um den Gernegroß Zöllner und den Maler Kaminski nimmt für beide ein Ende, mit dem am Beginn ihrer Roadtour nicht zu rechnen war.

Ich und Kamninski hat mir als Buch sehr gut gefallen, aber die Figur des Sebastian Zöllner ist ein wahrer Kotzbrocken: Er ist selbstverliebt, distanzlos, rücksichtslos und gnadenlos aufdringlich. Die Spur seines Lebens ist eine Abfolge von zahllosen Fettnäpfchen. Er ist jemand, den man bedenkenlos zum Mond schießen möchte. Aber die Handlung ist interessant erzählt und man wartet im Grunde immer darauf, was sich Zöllner wohl als nächstes einfallen lässt, um seinem Ziel näher zu kommen. Und darauf, wer ihm denn endlich die überfällige... na, Ihr wisst schon.

Ich und Kaminski ist bei Suhrkamp erschienen und als Taschenbuch (8 Euro), epub- oder Kindle-Ausgabe (7,99 Euro) und Audio-CD (4,99 Euro) erhältlich.
Das Buch wurde 2015 verfilmt, die Rolle des Sebastian Zöllner spielte Daniel Brühl, Jesper Christensen übernahm den Part des Manuel Kaminski. Hier geht es zum Trailer:

Sonntag, 3. März 2019

# 186 - Jetzt hör doch mal zu! Lesenswertes zum Welttag des Hörens

Heute ist der Welttag des Hörens - wie an jedem 3.
März. In Deutschland gelten etwa 16 Prozent der Erwachsenen als schwerhörig, bei den über 70-Jährigen ist es sogar die Hälfte. Merkwürdig ist allerdings, dass Menschen geringe Probleme damit haben, eine Fehlsichtigkeit einzugestehen und eine Brille oder Kontaktlinsen zu tragen. Geht es aber um ein vermindertes Hörvermögen, wird heftig abgewehrt: "Ich und schwerhörig? Ich bin doch noch nicht alt!" Schwerhörigkeit ist aber nicht unbedingt eine Frage des Alters: Sie kommt bereits bei Säuglingen vor und kann die verschiedensten Ursachen haben. 

Auch Thomas Sünder hat sein Hörproblem jahrelang verharmlost: Er war früher ein erfolgreicher und gefragter DJ, der nach einem Hörsturz eine so deutliche Reduzierung seines Hörvermögens erlitt, dass eines seiner Ohren mit einem Hörgerät versorgt werden musste. Den ärztlichen Rat, in Zukunft Hör-Risiken zu vermeiden und sich beruflich neu zu orientieren, ignorierte er. Das rächte sich: Einige Jahre nach dem Hörsturz brach er während einer Party, bei der er aufgelegt hatte, mit starkem Schwindel und Übelkeit hinter dem Mischpult zusammen und verbrachte mehrere Tage im Krankenhaus. Die Diagnose Morbus Menière, eine Erkrankung des Innenohrs, die mit Hörverlust und Tinnitus einhergeht, bedeutete das endgültige Aus für seine Selbstständigkeit als DJ.

Aber Sünder ist mit seinen Fragen und Problemen nicht allein. Über Jahre hinweg steht ihm sein Freund, der Mediziner und Psychologe Dr. Andreas Borta, mit Ratschlägen und Erläuterungen immer dann zur Seite, wenn sich Sünder bei den Ärzten, auf die er trifft, weniger gut aufgehoben fühlt.
Diese sehr persönliche Geschichte der beiden Männer wird in ihrem gemeinsamen Buch Ganz Ohr - Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält von allem, was es zum Thema Hören Wissenswertes gibt, eingerahmt. Der Leser erfährt nicht nur, warum zum Zeitpunkt des Urknalls nichts zu hören war, sondern auch, was es mit dem Satz "Dass Sie diese Zeilen lesen können, verdanken Sie Ihren Ohren" auf sich hat. Es geht außerdem um den Zusammenhang zwischen einer verminderten Hörfähigkeit und dem Risiko einer Demenz (ohne Hörgeräte um 400 Prozent erhöht), der motorischen Probleme von Schwerhörigen und der Frage, wie sinnvoll das Tragen von Hörgeräten bei einer Schwerhörigkeit ist und worauf man bei der Wahl des passenden Geräts achten sollte.

Für diejenigen, die zu eitel sind, um Hörgeräte zu benutzen, sei ganz plakativ gesagt: Eine ignorierte Schwerhörigkeit fördert signifikant eine Demenz und führt zu sozialer Isolation. Die Fähigkeit, zu hören und damit auch, zu verstehen, ist der Schlüssel für eine funktionierende soziale Interaktion. 

Das Buch ist nicht nur für diejenigen zu empfehlen, die sich bislang um ihre Schwerhörigkeit herumgedrückt oder sich ihre Situation schön geredet haben, sondern wendet sich auch an Leser, die sich umfassend über das Hören informieren wollen. Die beiden Autoren sorgen mit ihrem flüssigen und lockeren Schreibstil dafür, dass es nicht langweilig wird und auch komplexere Zusammenhänge gut verständlich sind.

Zum Buchtrailer geht es hier:


Und die Aktionsseite zum Welttag des Hörens ist hier.

Ganz Ohr - Alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält ist bei Goldmann erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 11,99 Euro.

Samstag, 23. Februar 2019

# 185 - Ein Dorf mit Leichen im Keller

Potztausend heißt das 2018 erschienene Buch der Autorin
A.C. Scharp, und dieser Ausruf passt angesichts der Ereignisse, die den kleinen Ort Demarchau erschüttern, genau. Dort leben die unterschiedlichsten Charaktere, und was von außen betrachtet nach einer dörflichen Idylle aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als als moralischer Sumpf, der unter günstigeren Umständen unentdeckt geblieben wäre.


Was Ehrgeiz bewirkt, wenn er aus dem Ruder läuft


Obwohl: "Ehrgeiz" trifft es hier nicht ganz. Eher ist es der Wunsch, dass alles so bleiben möge, wie es gerade ist: ruhig. Das ist die Vorstellung von Demarchaus derzeitigem Bürgermeister Clemens Bohnenschäfer, der sich in seiner patriarchalischen Rolle gefällt und den Plan hat, von seinen Bürgern noch einmal gewählt zu werden. Nur eine Amstperiode noch in diesem verschlafenen Ort, und er könnte nahtlos in den Ruhestand hinübergleiten. Dazu ist normalerweise nur nötig, dass die Dinge so laufen, wie sie es schon in den letzten Jahren getan haben: geräuschlos und konfliktfrei. Doch er hat die Rechnung ohne den ortsansässigen Geschäftsmann Klaus Landgräber gemacht: Angesichts des Zustroms von Flüchtlingen nach Deutschland wittert er eine neue Einnahmequelle und beschließt, die Hälfte seines maroden Altenheims für sie zu räumen. 

Flüchtlinge in Demarchau sind ungefähr das Gegenteil dessen, was der Bürgermeister unter einem wohlgeordneten und friedlichen Dorfleben versteht. Seine Befürchtungen vergrößern sich, als er überraschend von einem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes angerufen wird, der ihn vor Schläfern in seinem Ort warnt. Für Bohnenschäfer ist sonnenklar, dass die sich abzeichnende Terrorismusgefahr für seine Wiederwahl ein Problem werden kann, und er leitet umgehend Gegenmaßnahmen ein. Doch die weitere Entwicklung hat Ähnlichkeit mit einer langen Schlange von Dominosteinen: Einmal angestoßen, kann ihr Fall nicht mehr gestoppt werden. Der immer hilfloser agierende Bürgermeister kann nicht verhindern, dass es zu einem Brand kommt, dass Menschen sterben und die buchstäbliche Leiche im Keller ans Tageslicht kommt. Hat er noch genug Autorität, um eine weitere Eskalation zu verhindern und außerdem im Amt zu bleiben?


Wie war's?


A.C. Scharp zeichnet in Potztausend ein satirisch überspitztes Bild vom Leben in einem Dorf und zeigt, dass sich hinter den gutbürgerlichen Fassaden Neid, Gier, Hass oder Schlimmeres verbergen können. Auch, dass die Vorstellung von Fremden in dieser Gemeinschaft Ängste auslöst, ist gut nachvollziehbar. Da wird dann schnell mit einem Flüchtling ein potenzieller Attentäter assoziiert.
Der Roman ist wie die vorigen Bücher der Autorin sehr unterhaltsam geschrieben und wird nicht langweilig.
Worüber ich dann gestolpert bin, ist, dass zugunsten der oft turbulenten Handlung Sachverhalte beschrieben wurden, die nicht stimmig waren: Kein Bürgermeister hat einem Mitarbeiter eines Jobcenters Anweisungen zu geben. Er hat auch keine Möglichkeit, die Ausweisung eines Ausländers anzuordnen. Allerdings nehmen es auch etliche bekanntere Autorinnen und Autoren damit nicht so genau.

Potztausend ist ein Selfpublishing-Titel und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 3,99 Euro.

Von A.C. Sharp sind auf diesem Blog außerdem Rezensionen zu ihren Büchern Gas und Galle sowie Das forensische Gemetzel erschienen.

Freitag, 15. Februar 2019

# 184 - Humor aus Schweden

Vom schwedischen Erfolgsautor Jonas Jonasson habe ich vor längerer Zeit "Der
Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" gelesen und mir nach dieser positiven Erfahrung Die Analphabetin, die rechnen konnte vorgenommen. Danach hatte ich einen festen Vorsatz: Das war es jetzt mit Jonas Jonasson. Das "Strickmuster", nach dem sein zweiter Roman aufgebaut war, ähnelte einfach zu sehr dem des ersten Buches: Wenn du glaubst, da geht nichts mehr, kommt eine noch irrere Wendung daher. Mein Plan hat "bestens" funktioniert, denn nun wird es hier um Jonassons 2016 auf Deutsch erschienenes Buch Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind gehen.

Worum geht's?

 

DIE Hauptperson ist Johann Andersson, besser bekannt unter seinem tatkräftig erworbenen Spitznamen Mörder-Anders. Weil er das Wort "Faustregel" in der Vergangenheit allzu wörtlich genommen hat, hat sich Mörder-Anders mehrere Jahre die schwedischen Gardinen von innen nach außen angesehen. Sein bester Kumpel ist übrigens der Alkohol.

Per Persson, der Rezeptionist der Pension Sjöudden, ist der zweite Protagonist, der eine wichtige Rolle spielt. Er hat in seinem Leben bislang nie die Sonnenseiten gesehen und trifft zufällig auf die atheistische Pastorin Johanna Kjellander. Sie hat in einer Predigt ihren despotischen Vater verflucht, der vor ihr in der Gemeinde das Pfarramt inne hatte. Diese Predigt war dann auch ihre letzte und sie seitdem arbeitslos.

Mörder-Anders, Per Persson und Johanna Kjellander sind, als sie aufeinandertreffen, mindestens in finanzieller Hinsicht ziemlich arme Würstchen. Auf der Suche nach einer lukrativen Einnahmequelle verfallen sie auf die Idee einer "Körperverletzungsagentur". Das Prinzip: Sie nehmen Aufträge an, jemanden gegen ein angemessenes Honorar durch Mörder-Anders genau nach den Wünschen der Auftraggeber verprügeln zu lassen. Das rechte Knie soll zertrümmert werden? Bitteschön! Zusätzlich darf es noch ein gebrochener linker Arm sein? Das wird teurer, ist aber kein Problem. Das Geschäft floriert so gut, dass der tatkräftige Mörder-Anders nur an zwei Tagen pro Woche tätig sein muss und sich an den anderen fünf volllaufen lassen kann. Was er nicht ahnt: Seine beiden Geschäftspartner streichen für Akquise und Verwaltung den Löwenanteil des Geldes ein, während er mit einem Trinkgeld abgespeist wird. Aber Andersson ist so einfach gestrickt, dass er nicht misstrauisch wird.
Doch die Erfolgssträhne droht abzureißen, als sich der Mörder für die Bibel zu interessieren beginnt und beschließt, ein besserer Mensch zu werden: keine Auftragskörperverletzungen und kein Alkohol mehr. Die Einnahme aus dem letzten Auftrag soll an das Rote Kreuz gespendet werden. Per und Johanna sehen ihre beste Geldquelle austrocknen und entwickeln einen Plan, in dem Mörder-Anders auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen soll.

Wie war's?

 

Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind soll humorvoll daherkommen, ist aber nichts als eine Aneinanderreihung von Absurditäten. Wenn man denkt, dass es nicht mehr irrer geht, wird man von Jonasson eines Besseren belehrt. Dieses Mal werde ich mich an das halten, was ich mir schon nach dem Lesen von Die Analphabetin, die rechnen konnte vorgenommen hatte und kein weiteres Buch dieses Autors anrühren. 

Der Titel kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro, als Taschenbuch 10 Euro, als MP3-CD 8,95 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 9,99 Euro. 

Samstag, 9. Februar 2019

# 183 - Vom Fliehen und Ankommen

1945 verschlägt es die Gräfin Hildegard von Kamcke und
ihre fünfjährige Tochter Vera auf ihrer Flucht aus Ostpreußen ins Alte Land, das Obstanbaugebiet vor den Toren Hamburgs. Sie kommen bei Ida Eckhoff unter, die zusammen mit ihrem im Krieg als Soldat verwundeten Sohn Karl auf einem Altländer Hof wohnt. Die Botschaft der plattdeutschen Inschrift am Giebel des Wohnhauses wird sich durch das ganze Buch ziehen:

Dit Huus is mien un doch nich mien,
de no mi kummt, nennt't ook noch sien.

Ida Eckhoff hat für das "Polackenpack" nichts übrig und lässt das die Neuankömmlinge deutlich spüren: "Von mi gift dat nix!", ist ihre Antwort auf Hildegards Bitte um etwas Essen für ihre Tochter. Doch sie kann nicht verhindern, dass sich die stolze Hildegard und der durch den Krieg körperlich und seelisch schwer angeschlagene Karl einander annähern und schließlich heiraten. Dieser Schritt lässt Ida in ihrer neuen Rolle als Schwiegermutter schwere Geschütze auffahren. Doch die beiden Frauen sind einander ebenbürtig und schenken sich nichts.

Aber der Tag kommt, an dem Hildegard ihre Sachen packt und das Haus für immer verlässt. Allein. Vera bleibt bei Karl zurück, gefragt wurde sie nicht. Ida ist da schon nicht mehr am Leben, Hildegard von einem Architekten schwanger. Hildegard lässt sich von Karl scheiden und heiratet ein zweites Mal. Sie bekommt eine Tochter, die später selbst zwei Kinder - eine Tochter und einen Sohn - haben wird. Der Kontakt zwischen Vera und ihrer Halbschwester Marlene ist eher sporadisch, die Jüngere weiß nur wenig von der Flüchtlingsvergangenheit der Mutter.
Vera wird Zahnärztin und bleibt ihr Leben lang in dem Haus, das einmal Ida Eckhoff gehört hat. Es ist nicht so, dass sie eine bewusste Entscheidung getroffen hätte, weil sie Land und Leute ins Herz geschlossen hat; sie ist auf irgendeine Weise hier hängengeblieben, wie ein Blatt, dass sich in einem murmelnden Bach an einem kantigen Stein verfangen hat. Sie lebt ihr ziemlich einsames Leben, passt sich nicht an das an, was andere für "normal" halten und lässt Haus und Hof langsam verrotten.

Sechzig Jahre nach Veras Ankunft treffen wieder "Flüchtlinge" auf dem Altländer Hof ein: Veras Nichte Anne und ihr kleiner Sohn Leon. Anne hat bis jetzt mit ihrem Sohn und ihrem Freund in Hamburg-Ottensen gewohnt, einem Stadtteil, der vor hippen Menschen und modernen Eltern überquillt und wo sich Anne nie wirklich wohl gefühlt hat. Nachdem herausgekommen ist, dass ihr Freund sie betrogen hat, hat Anne kurzentschlossen ihre Sachen gepackt, Leon ins Auto gesetzt und ist zu ihrer Tante gefahren. Die beiden unterschiedlichen Frauen müssen sich nun aneinander gewöhnen und die Eigenheiten der jeweils anderen akzeptieren lernen.


Lesen?

 

Altes Land erzählt sehr empathisch davon wie es sich anfühlt, sein Zuhause zu verlieren und woanders, wo man nicht willkommen ist, neu anzufangen. Der Roman stellt das Leben der Altländer jedoch auch dem der Zugezogenen gegenüber: Erstere wollen sich entweder nicht daran gewöhnen, dass sich die Zeiten ändern und man sich Neuem öffnen muss oder sie werden von ihren Nachbarn belächelt, wenn sie ihre Obsthöfe um touristische Attraktionen erweitern; die neuen Bewohner, vorwiegend gutsituierte Hamburger auf Sinnsuche, haben eine romantische Vorstellung vom Leben auf dem Land, wie sie Leute pflegen, die regelmäßig in diesen Lifestyle-Magazinen blättern, in denen Bauernhöfe aufgeräumt und keimfrei und Landwirte mindestens so glücklich wie ihre Kühe sind. Für manche dieser Menschen sind die Alteingesessenen tumbe Bauern, denen es gehörig an Bildung fehlt. Man kann vermuten, dass Dörte Hansen, die selbst auf dem Land lebt, das so oder so ähnlich schon oft erlebt hat. 
Klare Leseempfehlung.

Altes Land  kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro, als Taschenbuch 10 Euro, als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro sowie als Audio-CD 7,99 Euro. 

Samstag, 2. Februar 2019

# 182 - Es gibt nichts, was es nicht gibt

Mit Ferdinand von Schirach habe ich mich in der Bücherkiste schon einmal beschäftigt, als ich Euch sein Buch Carl Thorberg vorgestellt habe. Heute wird es um von Schirachs bislang letzte Veröffentlichung Strafe gehen.

Die Struktur ist bereits grundsätzlich bekannt: Der Jurist bietet seinen Lesern zwölf Kurzgeschichten an, die er mit einem für dieses Buch sehr treffenden Zitat des dänischen Philosophen und Schriftstellers Søren Kierkegaard einleitet: "Wenn alles still ist, geschieht am meisten."

Der Begriff der Strafe kommt in manchen der Fälle eher durch die Hintertür daher: Da ist zum Beispiel die Ehefrau, die verdächtigt wird, ihren Mann durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet zu haben. Alle Indizien sprechen gegen sie, ein Motiv hatte sie ebenfalls. Doch ihr Strafverteidiger bekommt von einem Mann, der für seine Kunden die Drecksarbeit macht, einen entscheidenden Hinweis, der den Prozessverlauf um 180° dreht. Woher der Informant in kürzester Zeit erkennen konnte, was die Polizei übersehen hatte? "Das wollen Sie nicht wissen, Herr Anwalt", lautet dessen süffisante Antwort.

Ferdinand von Schirach zeigt jedoch auch auf die Klippen, die das deutsche Strafrecht bereithält und schreibt über eine Sachlage, bei der sich dem juristisch Unkundigen die Fußnägel hochrollen, die aber in völligem Einklang mit der Rechtssituation steht: Ein unbescholtener Leiter einer Supermarktfiliale findet heraus, dass der Keller seines Hauses von Drogenkurieren als Versteck genutzt wird. Er findet dort in einer Tasche knapp fünf Kilo Kokain. Auf der Flucht vor den Kurieren verursacht er mit seinem Auto einen schweren Verkehrsunfall, wobei auch die mit Koks gefüllte Tasche gefunden wird. Wegen des Drogendelikts wird gegen ihn ein Haftbefehl erlassen. Doch wenige Wochen vor Prozessbeginn wird dem frisch gebackenen Kriminellen wegen der Unfallfahrt ein Strafbefehl zugestellt, den er akzeptiert. Doch da gibt es das Verbot, jemanden wegen derselben Sache zweimal zu verurteilen. Da das Drogendelikt allerdings in einem Tatzusammenhang mit dem Verkehrsunfall steht, es für den Unfall jedoch schon einen rechtskräftigen Strafbefehl gibt, endet der Prozess anders, als man es mit dem sogenannten "gesunden Menschenverstand" erwarten würde.

Lesen?

Wie man es von von Schirach gewohnt ist, erzeugt er in allen zwölf Texten mit seiner Klarheit und Strukturiertheit eine besondere Atmosphäre, von der nicht durch sprachliche Schnörkel abgelenkt wird. Der Ausgang aller Fälle ist überraschend und bildet die Vielfalt der menschlichen Verwerfungen ab. Und auch hier gilt: Das Böse kann gleich hinter der nächsten Tür lauern und kommt oft ganz harmlos daher.

Strafe ist bei Luchterhand erschienen und der letzte Teil einer Trilogie, die mit den Titeln Verbrechen und Schuld begonnen hat. Das gebundene Buch kostet 18 Euro, die epub- oder Kindle-Version 14,99 Euro und die MP3-CD 8,95 Euro.

Samstag, 26. Januar 2019

Eine Lesung mit Takis Würger

Ja, der Mann heißt tatsächlich so. Wer immer mal wieder einen Blick in die Bestsellerlisten wirft, der hat sicher auch im Frühling 2017 gesehen, dass sein Debütroman Der Club nahezu kritiklos die Feuilletons passiert hat und sich Autor und Verlag über sehr gute Verkaufszahlen freuen konnten.

Etwas wie "Auf einem Bein steht man schlecht" scheint sich Würger vielleicht gedacht zu haben, denn am 11. Januar 2019 ist bereits sein zweites Buch erschienen: Stella, ein Roman, der sich auf fiktive Weise um die Jüdin Stella Goldschlag rankt, die es tatsächlich gegeben hat. Stella hat den Versprechungen der Nazis geglaubt, dass diese ihre Eltern von der Deportation ins KZ verschonen würden, wenn sie dafür untergetauchte Juden verriete. Würger siedelt die Handlung im Jahr 1942 an. Eine weitere wichtige Person ist der 19-jährige Friedrich, den es zu dieser Zeit aus dem schweizerischen Dorf Choulex am Genfer See nach Berlin zieht. Friedrich verliebt sich in Stella, die sich Kristin nennt und ihm ihre wahre Identität erst später verrät. Seine Mutter, die aus Deutschland stammte, hatte ihm schon als Kind vermittelt, dass sie von Juden nichts hält. Der Autor erzählt auch, dass Friedrich im Alter von sieben Jahren für ein geringes Vergehen von einem Kutscher mit einem Ambosshorn so schwer verletzt wurde, dass seine rechte Gesichtshälfte für den Rest seines Lebens entstellt war. Der Kutscher sprach schwer verständliches Urnerdeutsch, was in der Gegend um den Genfer See nicht sehr geläufig war.

Eine Freundin fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, sie
©: Christian A. Schröder/Lizenz: siehe unten
zu einer Lesung, bei der es um Stella gehen sollte, zu begleiten. Der zunächst dafür vorgesehene Veranstaltungsort - eine Kirche in Hannover - erwies sich aufgrund der großen Kartennachfrage schnell als zu klein. Der Veranstalter, ein bekannter hannöverscher Buchhändler, gab dem Autor in einem Theater eine größere Bühne: Alle 630 Plätze waren ausverkauft. Eine sehr gute Gelegenheit, ein Buch noch bekannter zu machen. Doch was das Publikum bekam, war ein Interview, das die Autorin und Moderatorin Margarete von Schwarzkopf mit Takis Würger führte, und nur ein kleines bisschen Lesung. Drei Mal hat Würger sein Buch aufgeschlagen und jeweils für zwei oder drei Minuten Passagen daraus vorgetragen.


Vermutlich hatten die meisten Menschen im Saal mitbekommen, dass die Buchkritiker eimerweise Jauche über dem Roman ausgeschüttet hatten. Die um eine positive Atmosphäre bemühte von Schwarzkopf betonte dann auch zu Beginn, dass ja die Kritik nicht immer erfreulich ausgefallen sei, aber man sich doch lieber selbst ein Urteil bilden solle, nachdem man das Buch gelesen habe. Na ja, mein guter Wille, das zu tun, war zu diesem Zeitpunkt noch da. Doch dann ging es schon früh etwas seltsam weiter: Frau von Schwarzkopf fragte Würger, wie er denn auf den Ort Choulex als Friedrichs Heimatdorf gekommen sei. Seine Antwort: Er habe ein bisschen bei Google Maps geguckt, welcher Ortsname sich gut anhört, und dieser habe ihm gut gefallen. Aha.
Wenige Minuten später wurde dem Autor die nächste Frage gestellt, auf die er offenbar nicht vorbereitet war: Wie hört sich eigentlich Urnerdeutsch an und was macht es für andere Schweizer so schwer verständlich? Würger räumte nun ein, selbst keine Ahnung zu haben, worum es sich bei diesem Dialekt genau handele und auch nicht, wie er klingt. Ein Herr eine Reihe vor mir schüttelte missbilligend den Kopf, meine optimistische Grundhaltung verdüsterte sich.

Im weiteren Verlauf des Abends habe ich gelernt, dass Würger reichlich Aktenstudium betrieben und Museen besucht hat, um möglichst viel über Stella Goldschlag herauszufinden, sich beim Schreiben von ihrer Person jedoch wieder gelöst hat, da er ja einen fiktionalen Roman verfassen wollte. Soso. Wie es dazu passt, dass sich auf dem Buchcover ein Porträtfoto der tatsächlichen Stella findet, erschließt sich mir nicht.

Immer wieder hatte ich den Eindruck, dass Margarete von Schwarzkopf und Takis Würger sich nicht ausreichend auf diesen Abend vorbereitet hatten. Auf manche Fragen folgten sekundenlange Pausen, in denen Würger sich eine passende Antwort überlegte oder sich ständig mit "Ähs" behalf. Meine Freundin raunte mir einmal zu: "Wenn da noch mehr Ähs kommen, verliere ich den Faden." Sie hatte recht, diese Unsicherheiten gab es deutlich zu oft. Aber warum? Takis Würger kennt die Situation schon von der Lesereise für Der Club, der Temin in Hannover für Stella war bereits der fünfte, danach sind noch 42 weitere geplant. Waren die vielen Zuschauer ungewohnt? Das ist möglich, aber ich hatte gerade von einem gelernten Journalisten (Würger ist Redakteur beim SPIEGEL) mehr Professionalität erwartet.

Die Chancen, dass ich Stella kaufen werde, stehen jetzt eher schlecht. Das Konzept, das in Würgers Buch mündete, machte auf mich einen unausgegorenen Eindruck. 



Foto Schauspielhaus Hannover: Lizenz unter https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de. Es wurden keine Veränderungen vorgenommen.

Donnerstag, 17. Januar 2019

Das Revival der 1920-er Jahre


[WERBUNG]

Die Serie „Babylon Berlin“ ist in (fast) in aller Munde,
aber wie viele ihrer Fans wissen, dass sie auf eine Bestsellerreihe des Krimi-Autors Volker Kutscher zurückgeht? Die Entwicklungen während der Weimarer Republik werden dort wie durch ein Brennglas auf Berlin fokussiert. Der erste Teil der Serie, Der nasse Fisch, erschien bereits 2007. Das Besondere daran: Es bleibt in diesem wie in den nachfolgenden Bänden der Reihe nicht dabei, die Hauptfigur Gereon Rath ein Delikt nach dem anderen aufklären zu lassen, sondern die Leser bekommen gewissermaßen im „Vorbeilesen“ zahlreiche Informationen über historische Fakten serviert. 

Ich gehöre zu denen, die zunächst ein Buch lesen, bevor sie sich den zugehörigen Film oder die dazu gedrehte Serie ansehen. Wer der Meinung ist, zum Lesen keine Zeit zu haben, sich aber die literarischen Highlights nicht entgehen lassen möchte, für den ist ein Hörbuch das Medium der Wahl. Eine tolle Auswahl an Hörbüchern aus den 1920-er Jahren bietet das Audible Magazin. Dort sieht man, dass nicht nur Kutschers Romane in diesem Segment erfolgreich vertreten sind, sondern auch andere Titel, die im Laufe des letzten Jahres zum Thema „Die 20-er“ zahlreich besprochen und diskutiert wurden. Wenn Martha tanzt von Tom Saller gehört ebenso dazu wie Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald. Der bereits 1925 veröffentlichte Roman, der in dieser Zeit angesiedelt ist, erlebte eine wahre Renaissance, als er auf der Grundlage des Drehbuchs des Regisseurs Francis Ford Coppola 1974 mit Mia Farrow und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt wurde. Die zweite Filmversion, die 2013 die Kinocharts stürmte, war nicht weniger erfolgreich, was auch am Hauptdarsteller Leonardo Di Caprio gelegen haben dürfte. Auch dieses Buch kann angehört werden. Der bekannte Schauspieler Burghart Klaußner sorgt mit seiner markanten Stimme dafür, die 1920-er Jahre vor dem geistigen Auge der Zuhörer wieder aufleben zu lassen. 

Wer sich fast 100 Jahre zurückversetzen möchte, kann nicht nur zum Buch öder Hörbuch greifen, sondern sich auch mit der passenden Musik die entsprechende Atmosphäre nach Hause holen. Wenn man mit der damaligen Form des Charlestons und Swings nichts anfangen kann, dann gefällt wahrscheinlich eher deren moderne Variante: Beim Elektroswing werden die bekannten Swingrhythmen durch elektronische Beats auf ein anderes Niveau gehoben und so auch für heutige Hörgewohnheiten interessant und vor allem: tanzbar. 

Menschen schauen gern zurück, und man kann oft den Eindruck haben, dass sie es umso verklärter tun, je weiter ein Ereignis oder eine Epoche zurückliegt. Das gilt auch für die 1920-er Jahre, die – wieder einmal – auferstehen, zumindest in mancher Hinsicht. Dass dieses Jahrzehnt ein sehr schwieriges in der deutschen Geschichte war und eine Krise die andere jagte, dass sich das Volk durch die in den Versailler Verträgen vereinbarten Reparationszahlungen ausgequetscht fühlte wie eine Zitrone und große Teile der Bevölkerung in Armut versanken: Das alles verblasst im heutigen Bewusstsein immer mehr, wenn von den „Goldenen 20-ern“ die Rede ist. Aber sich hörend, sehend oder lesend in eine vergangene Zeit entführen zu lassen, gibt auf jeden Fall der Phantasie Flügel. In diesem Sinne: Let’s swing again!

Freitag, 11. Januar 2019

# 181 - Was schon Mark Twain wusste

"Deutsche Sprache, schwere Sprache" - diesem Ausspruch wird die Amerikanerin Dana Newman wahrscheinlich sofort zustimmen. Das legt zumindest ihr Buch You go me on the cookie nahe, in dem sie schildert, über welche Sprachfallen sie anfangs gestolpert ist oder immer noch stolpert. 

Dana Newman hat zunächst mithilfe eines Lehrbuches und der dazugehörigen CD versucht, Deutsch zu lernen. Auch Unterricht hat sie genommen, sich im Alltag mit der Sprache umgeben, indem sie zum Beispiel Nachrichten hörte, und dergleichen mehr. Jahre sind über dem Deutschlernen vergangen, und wenn man ihre Wechselbäder aus der Freude darüber, endlich den richtigen Begriff oder eine Regel gelernt und angewandt zu haben, und der folgenden Enttäuschung, dass es dann doch wieder -zig Ausnahmen gibt, verfolgt, kann sie einem oft leid tun. Peinliche Situationen gibt es selbstredend dazu wie die Amarenakirsche auf dem Sahnehäubchen eines Eisbechers. Ihr deutscher Ehemann Stefan ist ihr in vielen Fällen keine große Hilfe: Er weiß, warum man ein Wort so oder so schreibt oder verwendet, aber leider oft nicht, warum. Ich glaube, damit befindet er sich in bester (deutscher) Gesellschaft.

Newman machen auch regionale Unterschiede zu schaffen. Das reicht von der Verwendung verschiedener Begriffe für ein und dieselbe Sache bis zu lapidaren Dingen wie der Uhrzeit: Weiß jeder, was mit "viertel 8" gemeint ist? Das ist eine eher süd- oder ostdeutsche Zeitangabe, im Norden ist sie ungebräuchlich. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen, die die Autorin immer wieder dazu bringen, sich verzweifelt die Haare zu raufen.

Wie war's?

 

You go me on the cookie ist ein sehr witzig geschriebenes Buch, und ich finde es toll, dass Dana Newman nie aufgegeben hat, korrektes Deutsch zu lernen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ebenso viel Energie und Ausdauer aufgebracht hätte wie sie.

Dana, solltest Du das hier lesen, empfehle ich Dir das Buch eines Landsmanns, der allerdings schon lange verstorben ist: Mark Twain und Du wäret sicher ein Herz und eine Seele, wenn es um die Einschätzung geht, wie "leicht" sich Deutsch lernen lässt. Am 21. November 1897 hielt Twain eine Rede vor dem Wiener Presse-Club, in der er seinen Problemen mit unserer Sprache auf humorvolle Weise Luft gemacht hat. 
Sein Buch "Die schreckliche deutsche Sprache" kann man sich hier anhören: 


You go me on the cookie ist bei Goldmann erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro und als epub- oder Kindle-Ausgabe 9,99 Euro. 

Wer sich Dana Newman quasi live und in Farbe ansehen möchte, kann das übrigens auf ihrem Youtube-Kanal Wanted Adventure - an american in germany tun. Dort gibt es viele Videos darüber, wie es ist, als Amerikanerin Deutsch zu sprechen.