Sonntag, 26. Januar 2020

# 226 - Schreib jetzt!

Schreibratgeber gibt es wie Sand am Meer. Sie beschäftigen sich meistens mit den "richtigen" Techniken oder geben Ratschläge, welche Orte sich möglicherweise fern des eigenen Schreibtischs zum Schreiben eignen. Viele dieser Titel tun genau das Gegenteil dessen, was sie erreichen wollen: Sie zerstören die Lust am Schreiben und zertreten den Willen derjenigen Menschen, die einen letzten Schubs benötigen, wie man eine zarte Flamme zum Erlöschen bringen würde.


Doris Dörries Ansatz ist ein anderer. In Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben stößt sie die Tür zu ihrem eigenen Leben auf. In 50 kurzen Kapiteln lässt sie ihre Leser intensiv an Ereignissen teilhaben, die sie geprägt und zu dem Menschen gemacht haben, der sie ist. Es geht um die Höhen ebenso wie um die Tiefen: Dörrie beschönigt nichts und man hat den Eindruck, dass sie bei der Schilderung der sehr unterschiedlichen Situationen auch nichts auslässt. Sie geht dabei nicht chronologisch vor, sondern greift Erinnerungen auf, die nur einem Zweck zu dienen scheinen: den Leser aufzufordern, sich ebenfalls zu erinnern.

Alles ist es wert, aufgeschrieben zu werden: Schönes und Trauriges, Gewonnenes und Verlorenes, Erinnerungen innerhalb eines Lebensabschnitts, Erinnerungen an bestimmte Menschen, Orte oder Dinge. Indem Dörrie in ihren Kapiteln verschiedene Zeitformen anwendet, demonstriert sie deren Wirkung auf den Text und regt dazu an, das selbst auszuprobieren. 

Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben ist das Buch, wenn es darum geht, Schreibhemmungen wirkungsvoll abzubauen. Es fordert außerdem dazu auf, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und sich nicht vom Schreiben abzuhalten oder abhalten zu lassen. 

Doris Dörrie hat im letzten Absatz ihres Buches noch einmal deutlich darauf hingewiesen, worum es ihr geht:

"Schreiben ist Unterwassertätigkeit, ein Abtauchen in Regionen, die einem unbekannt sind oder die man vergessen hat. Man entfernt sich von der Welt über Wasser und darf nicht in Panik geraten. Man taucht ab in das eigene Leben. In das Leben, das man wirklich hat, nicht das, das man sich vielleicht wünscht. Man ist mit einem Mal dort, wo einem niemand zuschaut. Ganz bei sich. Ruhig weiteratmen! Weiterschreiben. Weitermachen. Jeder Tag ist ein guter Tag."

Lesen, schreiben, atmen - eine Einladung zum Schreiben ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

 

Samstag, 18. Januar 2020

# 225 - Ein Blick in den Maghreb

Während der Frankfurter Buchmesse habe ich mich mit der Mainzer Verlegerin Donata Kinzelbach unterhalten, die mit ihren Büchern eine Nische besetzt, zumindest für deutsche Verhältnisse. Seit mehr als 30 gibt sie Literatur aus dem Maghreb heraus. Ihr Schwerpunkt liegt auf Titeln aus Marokko, Algerien und Tunesien.

Der Maghreb: Das sind etwa 100 Millionen Menschen, die in den Mitgliedsstaaten der Arab Maghreb Union (AMU) leben - also Algerien, Libyen, Mauretanien, Marokko und Tunesien - sowie Gebieten in der West-Sahara und die Städte Ceuta und Melilla. Einige der Maghrebstaaten sind vielen Deutschen als Urlaubsziele bekannt, viel Aufmerksamkeit bekamen die Länder im Zuge des Arabischen Frühlings.

Ich stelle hier zum Einstieg zwei Bücher aus dem Kinzelbach Verlag vor, die einen ersten Eindruck von der Bandbreite bieten, die die Maghreb-Literatur zu bieten hat. Beide stammen von der algerischstämmigen Autorin Fatima Belhadj, sind jedoch sehr unterschiedlich.

In Leben in der Banlieu geht es vordergründig um zwölf Menschen, die es aus maghrebinischen Staaten in die Banlieu verschlagen hat. Aber hinter jedem Schicksal steht auch die Vorstadt mit ihrer Kriminalität, den Drogen und den verschiedenen Nationalitäten, die hier aufeinander treffen. Nicht nur aus dem Maghreb, sondern auch aus afrikanischen Ländern oder Osteuropa. Da ist zwar auch ein Zusammenhalt nach außen, aber eben auch die Abwesenheit von Lebensfreude.

Fatima Belhadj erzählt zum Beispiel von einem zwanzigjährigen Mann, der schon zwei Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht hat, und von der fünfzigjährigen Tunesierin, die mit ihrem Mann bis zu dessen Tod in einer arrangierten Ehe lebte. Manche leben freiwillig in der Banlieu, anderen wurde dort von der Sozialbehörde eine Wohnung zugewiesen. Die beschriebenen Personen sind fiktiv, hinter ihnen stehen jedoch tatsächlich existierende Menschen. Mit ihrer klaren und unmittelbaren Sprache ermöglicht es die Autorin ihren Lesern, direkt in die Atmosphäre und besonderen Umstände, unter denen die beschriebenen Menschen leben, einzutauchen. Leben in der Banlieu stößt eine Tür auf, die in eine uns fremde Welt führt.

Das zweite Buch von Fatima Belhadj, das ich
vorstelle, hat den Titel Das Geheimnis des Mondes. Es handelt von einer auf einer berberischen Erzählung basierenden Geschichte: Die 16-jährige Massilya ist zusammen mit ihrer Mutter von Frankreich in den Osten Algeriens gereist, um dort bei den Chaouis, einem Berbervolk, die Ferien zu verbringen. Die Eltern stammen aus der Gegend, dem Mädchen ist sie fremd.

Es fehlt dort nicht nur an Strom und fließendem Wasser, sondern Massilya ist auch von den Anschauungen der Menschen befremdet: Das ganze Leben geschieht nach dem Willen Gottes und ist für jeden vorherbestimmt. Da die Ereignisse ohnehin Schicksal sind, hat es keinen Sinn, dagegen anzukämpfen.

Was Massilya nicht ahnt: Ihre Eltern haben sie dem wohlhabenden und deutlich älteren Aghilas versprochen. Als sie davon erfährt, wird ihr schlagartig klar, dass ihr Körper nicht ihr, sondern ihren Eltern gehört und nach der Hochzeit in das Eigentum von Aghilas übergehen würde.
Doch dann lernt sie auf dem Markt den jungen Wighlan kennen und beide verlieben sich sofort ineinander. Als Massilya schwanger wird, nimmt die Handlung einen dramatischen Verlauf und mündet in ein ungewöhnliches Ende.
Mit ihrem Buch tritt Fatima Belhadj deutlich für das Recht ein, dass sich Frauen ihren Ehepartner selbst auswählen und eigenständig über ihr Leben entscheiden können.

Sowohl Leben in der Banlieu als auch Das Geheimnis des Mondes sind als Taschenbuch für je 18 Euro erhältlich.

In Kürze wird es eine weitere Vorstellung eines Titels aus dem Kinzelbach Verlag geben. Das dann vorgestellte Buch wird einen sehr aktuellen Bezug haben.

Freitag, 10. Januar 2020

# 224 - Das Mittelalter ruft: Die Waringhams sind zurück

Leser von Rebecca Gablé, die die bislang fünf Bände
der Waringham-Saga kennen, dürfen sich den sechsten Band Teufelskrone nicht entgehen lassen. Wer die Saga noch nicht kennt, kann problemlos mit diesem Buch einsteigen: Der neueste Titel aus der Reihe spielt nicht etwa nach dem fünften Teil Der Palast der Meere, sondern ist zeitlich vor dem ersten angesiedelt: Gablé lässt die Handlung Ende Dezember 1192 mit der Festsetzung von König Richard "Löwenherz" von England durch den österreichischen Herzog Leopold V. beginnen.

Die Familie in zwei Lagern

 

Die fiktive Familie Waringham wird dieses Mal vom Vater Earl Jocelyn of Waringham und seinen Söhnen Guillaume und Yvain dominiert. Jocelyn behält nicht nur die Geschicke seiner Baronie im Blick, sondern beobachtet auch aufmerksam die politische Entwicklung in England. König Richard kann sich seiner Position nicht sicher sein, denn sein Bruder Prinz John "Ohneland" beansprucht die Krone ebenfalls für sich. Guillaume ist bereits ein Ritter des Königs, und als Yvain alt genug ist, schickt ihn sein Vater als Knappe an den Hof des Prinzen. Es ist schließlich immer gut, zwei Eisen im Feuer zu haben.

Dieser Schachzug ist zwar taktisch gut überlegt, treibt aber in den darauffolgenden Jahrzehnten einen Keil zwischen die Brüder. Beide stehen loyal hinter ihren Dienstherren und verteidigen diese gegen Angriffe aller Art - auch untereinander. Die Situation verkompliziert sich, als sich Guillaume und Yvain in dieselbe Frau verlieben und der Ältere sie heiratet.

Rebecca Gablé verwebt das Schicksal der Familie Waringham - wieder einmal - gekonnt mit der englischen Geschichte, bis hin zur Mitwisserschaft an einem Mord, der Yvain of Waringham mit König John verbindet. Der Roman zeugt von den profunden historischen Kenntnissen der Autorin und ist gewohnt flüssig und spannend geschrieben. Die mehr als 900 Seiten sind schnell gelesen. Er endet im Jahr 1216 nach einer schicksalhaften Krise, die die Familie in mehrfacher Hinsicht heimgesucht hat.

Wenn es an diesem Buch überhaupt etwas zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass es so etwas wie der Teil 0 der gesamten Saga ist. Dadurch büßt eine der eigentlich spannendsten Begebenheiten etwas von ihrer Dramatik ein.

Lesen?


Auf jeden Fall. Teufelskrone hat keiner Stelle Längen; da die Zahl der Akteure geringer ist als bei den anderen Teilen der Saga, lässt sich der Verlauf etwas einfacher nachvollziehen. Ein Verzeichnis der wichtigsten Personen sowie ein Stammbaum des Hauses Plantagenet helfen dabei, den Überblick zu behalten.

Teufelskrone ist bei Lübbe erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro, als E-Book 19,99 Euro sowie als Audio-CD 24,98 Euro.


Samstag, 28. Dezember 2019

# 223 - Dem Tod ins Gesicht sehen

Fans von Fantasy-Büchern ist sein Name auf jeden Fall ein Begriff: Der 2015 verstorbene britische Schriftsteller Terry Pratchett ist vor allem für seine 41 Romane aus der Scheibenwelt-Reihe bekannt.

Im Herbst 2009 erfuhr Pratchett im Alter von nur 59 Jahren, dass er an
einer seltenen Variante von Alzheimer erkrankt war. Er gehörte nicht zu den Menschen, die Angst vor dem Sterben an sich hatten. Seine Ängste richteten sich gegen die Art des Sterbens: Pratchett hatte mit der Diagnose realisiert, dass ihm nun die Möglichkeit verwehrt sein würde, das Ende des Leidenswegs selbst zu bestimmen. Seine Wut über diesen Zustand kanalisierte er auf eine Weise, die er am besten beherrschte: schreibend.

Der kleine Band Dem Tod die Hand reichen ist 2016 erschienen und enthält eine Rede Pratchetts, die am 1. Februar 2010 von der BBC aus der Royal Society of Medicine ausgestrahlt wurde. Die Rede hielt Pratchett anlässlich der jährlich stattfindenden Richard Dimbleby Lecture, die sich gesellschaftlichen Themen widmet. Die Reihe wird zu Ehren des ersten Kriegsberichterstatters der BBC fast jedes Jahr gesendet. Der Journalist Dimbleby war 1965 an Krebs gestorben. Seine Familie hatte damals ein gesellschaftliches Tabu gebrochen, indem sie offen über die Todesursache gesprochen hatte. Das setzte in Großbritannien erstmals eine öffentliche Diskussion über diese Krankheit in Gang.

Möglicherweise hatte die BBC Pratchett genau deshalb gebeten, für die Ausgabe des Jahres 2010 einen Vortrag zu halten, weil sie sich eben diesen Effekt von 1965 erhoffte. Pratchett schonte in seiner Rede inhaltlich weder sich noch sein Publikum. Er berichtete davon, dass kein Arzt berechtigt war, ihm das einzige palliative Alzheimer-Medikament zu verschreiben, das erhältlich war. Er kritisierte, dass der Begriff der 'Sterbehilfe' ("assisted death") in Großbritannien immer noch unter dem Schlagwort 'Beihilfe zur Selbsttötung' ("assisted suicide") läuft.

Der Autor spricht sich deutlich für eine medizinische Sterbehilfe aus, wenn Patienten unter einer todbringenden Krankheit leiden und ihr Leben ausdrücklich beenden wollen. Pratchett greift auch die oft wiederholte Kritik der Sterbehilfe-Gegner auf, die auf den möglichen Missbrauch hinweisen. Er führt eine Studie aus dem US-Bundesstaat Oregon an, über die 2007 im 'Journal of Medical Ethics' berichtet wurde. Dort wurde die Sterbehilfe legalisiert, aber es gab keine Hinweise darauf, dass sie bei wehrlosen Patienten missbräuchlich angewendet wurde.
Pratchett machte in seiner Rede einen Vorschlag, wie mit dem Thema Sterbehilfe künftig umgegangen werden sollte und löste in seiner Heimat tatsächlich eine gesellschaftliche und politische Diskussion aus.

Dem Tod die Hand reichen ist im Manhattan Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 10 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.

Sonntag, 22. Dezember 2019

# 222- Eine Geschichte vom Abschiednehmen

Vatersohn hat Monika Boldt ihr erstes Buch betitelt und damit in diesem einen Wort viel von dessen Inhalt gesagt.

Im Mittelpunkt steht die Familie Kampmann. Die
© Karl Rauch Verlag
Handlung spielt in der Nähe von Düsseldorf in den 1970-er Jahren. Vater Kampmann ist Lokführer, die Mutter kümmert sich um die beiden Kinder und den Haushalt. Der Sohn Marten ist zehn Jahre alt, seine Schwester Liz einige Jahre älter. Auch die Oma, Vater Kampmanns Mutter, spielt eine Rolle.


Der Alltag ist berechenbar und läuft nach einem festen Muster ab. Jeder hat seine Pflichten zu erfüllen. Der Vater ist für seinen Sohn ein Vorbild, das Kind bewundert seine Fähigkeiten und Kenntnisse beim Umgang mit Zügen.

Doch dann kommt der Tag, der alles durcheinanderwirft. Ein Selbstmörder steht plötzlich auf den Gleisen, als Kampmann die Strecke fährt, die er längst auswendig kennt. Es dauert 48 Sekunden, bis der Zug nach der Vollbremsung zum Stehen kommt. Die längsten 48 Sekunden in Kampmanns Leben. Zu lang, um den unbekannten Mann zu retten.

Der Lokführer ist seelisch tief erschüttert und versucht, den Vorfall zu verarbeiten. Dabei ist er praktisch auf sich allein gestellt. Diese Belastung ist zu viel für ihn, er stirbt wenige Wochen nach dem Unfall.

Sein Tod bringt seine Familie an den Abgrund der Verzweiflung. Die Mutter schafft es in ihrem Schmerz nicht, für ihre haltlosen Kinder da zu sein. Marten versucht sich zu schützen, indem er sich einredet, dass sein Vater nur für eine Weile weg sei und irgendwann zurückkomme. Da bekommt er eine Nachricht, die seine Welt erneut ins Wanken bringt. Er fasst einen wahnwitzigen Plan. 

 

Lesen?


Vatersohn erzählt von sich nach einem Schicksalsschlag lösenden familiären Bindungen, der Vorstellung der damaligen Gesellschaft, dass man mit Belastungen selbst fertig werden muss und die Zeit alle Wunden heilt und von der Erkenntnis, dass sich in der eigenen Familie keineswegs die besseren Menschen befinden. Die Leichen befinden sich allerdings nicht im Keller.

Monika Boldts Roman ist ein sehr gelungenes Debut, das nach dem Lesen der letzten Sätze noch nachhallt. Die Autorin liest hier einige Abschnitte aus ihrem Buch:



Vatersohn ist im Karl Rauch Verlag erschienen und kostet 20 Euro. Der Titel ist sehr schön mit einem strukturierten Bezugspapier und einem Lesebändchen ausgestattet.

Freitag, 13. Dezember 2019

# 221 - Lanzarote, Politik, Selbstbestimmung & mehr: Essays 2005 - 2014

Bei diesem Buch habe ich schon beim Lesen des ersten Textes unwillkürlich zustimmend genickt. Es handelt sich um das Vorwort zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in einer 2005 von der Büchergilde Gutenberg herausgegebenen Edition. In 'Auf der anderen Straßenseite' beschäftigt sich Juli Zeh mit dem schleichenden Verlust der Menschenrechte. Nicht nur in Staaten, die hier schon länger unter Generalverdacht stehen wie z. B. China oder die Türkei, sondern auch in Deutschland und anderen westlichen Ländern.

Der Text ist ein guter Auftakt zu der Essay-Sammlung Nachts sind das Tiere der Schriftstellerin und Juristin, in der einige ihrer Reden und Essays aus den Jahren 2005 bis 2014 vorgestellt werden. Es geht dort um die Gefahren, die die Rasterfahndung, die Registrierung bislang strafrechtlich nicht in Erscheinung getretener Bürger per Fingerabdruck oder die sich ausweitenden Abhörbefugnisse von Behörden für die Gesellschaft und den einzelnen Bürger mit sich bringen.

Dieser Faden wird in weiteren Texten aufgegriffen und das Thema um einige Facetten erweitert. Zeh markiert den zeitlichen "Startschuss" für die Maßnahmen, die die Politik für nötig hält, um die Bürger vor dem Terrorismus zu schützen. Sie zeigt auf, welchen Risiken wir tatsächlich ausgesetzt sind und was von Ankündigungen islamistischer Terroristen, zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Anschlag zu verüben, zu halten ist.

Die Autorin schafft es, mit ihrer klaren und eindringlichen Sprache auch diejenigen Leser zu sensibilisieren, die sich bislang über die Datensicherheit, die Sinnhaftigkeit der derzeitigen Terrorismusprävention und den Umgang mit ihren persönlichen Daten keine Gedanken gemacht haben.

Juli Zeh ist eine leidenschaftliche Verfechterin des Erhalts der freiheitlichen Grundsätze und der Demokratie. Sie stemmt sich gegen den schon seit Jahren währenden Trend, Menschenrechte als etwas anzusehen, dass man sich nur in guten Zeiten leisten kann, nicht aber "in Zeiten wie diesen", wie es Politiker und Lobbyisten immer wieder gern betonen. Und sie gibt ihrer Sorge Ausdruck, dass die Menschenrechte, die über mehrere hundert Jahre hinweg gewachsen sind, für als besonders schwerwiegend proklamierte Probleme geopfert werden.

Zeh zitiert Benjamin Franklin, einen der Gründerväter der USA, mit einer etwa 200 Jahre alten Äußerung: "They who can give up essential liberty to obtain a little temporary safety deserve neither liberty nor safety."* Also: "Wer die grundlegende Freiheit aufgeben kann, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erlangen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit."

Auch mit ihrer Kritik an Kanzlerin Angela Merkel hält Zeh nicht hinterm Berg. Merkel ist für sie die Vertreterin eines Schlingerkurses, die nichts tut, um dem deutschen Bildungsnotstand ernsthaft etwas entgegenzusetzen und das Thema Datenschutz konsequent ignoriert.

Man muss sich klar machen, dass die vorgestellten Reden und Essays zwischen fünf und 14 Jahren alt sind. Bei den meisten von ihnen wäre es problemlos möglich, klammheimlich das Datum ihres Entstehens zu löschen und das heutige einzusetzen. Dass sich so wenig in so langer Zeit bewegt hat, sollte uns wirklich Sorgen machen. Empfehlung: auf jeden Fall lesen!

Nachts sind das Tiere ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2016 bei btb erschienen. Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.
Der Titel kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.


* Zitat aus: Benjamin Franklin, William-Temple Franklin (1818). “Memoirs of the Life and Writings of (the Same), Continued to the Time of His Death by William Temple Franklin. - London, H. Colburn 1818”, p.270

Freitag, 29. November 2019

# 220 - Grenzerfahrungen

Brian Carey, ein Polizist der Garda Síochána na
hÉireann, der 'Hüter des Friedens von Irland', also der  Nationalpolizei der Republik Irland, wird an einem nebligen Tag leblos im Lough Neagh gefunden. Der nordirische Inspector Celsius Daly wird zu der Leiche gerufen. Dem ersten Anschein nach scheint es sich hier um einen Selbstmord zu handeln. Doch Daly, der nach einer Scheidung, der Ermordung seiner Mutter und dem Tod seines Vaters einsam ist und hinter jedem Strauch einen Verbrecher vermutet, hat daran Zweifel und stürzt sich in den Fall. Es muss einen Grund dafür geben, dass der irische Polizist in einem nordirischen See gefunden wurde. 

Der irische Schriftsteller Anthony J. Quinn greift in seinem Krimi Gestrandet den sich seit Jahrzehnten hinziehenden und heute unter dem Deckel köchelnden Nordirlandkonflikt auf.

Die IRA lebt weiter

Dalys Vermutung, dass Carey nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist, verdichtet sich. Er findet heraus, dass sein irischer Kollege an Ermittlungen gegen Tom Morgan, einem früheren IRA-Mitglied, gearbeitet hat. Morgan hat einen äußerst erfolgreichen Schmugglerring aufgebaut, in den zahlreiche Personen wie in ein Spinnennetz verwoben sind. Korruption, brüchige Loyalitäten und rücksichtslose Gewalt sind an der Tagesordnung. An diesem kaum zu entwirrenden System sind nicht nur Morgan und seine Helfer, sondern auch Polizisten, Politiker und einfache Bürger beteiligt. Doch je mehr sich Daly bei seinen Nachforschungen der Wahrheit zu nähern scheint, umso verworrener und undurchdringlicher erscheinen ihm seine Erkenntnisse zu sein - gerade wie in einem dichten Nebel, dem Eingangsmotiv von Quinns Buch.

Inspector Daly verkörpert die Figur des einsamen Wolfes, der nicht nur privat, sondern auch beruflich isoliert ist, seitdem er gegen einen Vorgesetzten ermittelt hatte. Dieser hatte sich umgebracht, und im Laufe der Handlung holt Daly die längst vergessen geglaubte Geschichte wieder ein.

Aktueller Bezug mit bedrückenden Zukunftsausichten

Anthony J. Quinn greift in Gestrandet nicht nur den (vermeintlich) abgeschlossenen Nordirlandkonflikt wieder auf, sondern weist auch auf Zustände hin, die einer breiten Öffentlichkeit bislang eher unbekannt sind: Die Figur des Tom Morgan steht stellvertretend für den intensiven und lukrativen Schmuggel mit Benzin und Heizöl im irischen Grenzgebiet. Kriminelle wie er, die sich und den Fortbestand ihrer illegalen Geschäfte mit allen Mitteln verteidigen, haben den sich nähernden Brexit längst fest im Blick. 

Quinn ist sich offenbar mit Fachleuten einig: Der Brexit wird die Situation an der irisch-nordirischen Grenze verschärfen. Der nordirische Polizeichef Hamilton spricht hinsichtlich des Schmuggels sogar davon, dass "die Lebensader der Kriminalität und des Terrorismus" sprunghaft ansteigen könne.

Lesen?

Ja. Vor allem, wenn man von einem Krimi mehr erwartet als eine Ansammlung von Leichen, literweise Blut, das durch Rinnsteine und Badewannenabflüsse entschwindet und einen verschrobenen Kriminalisten, der wieder Ordnung ins große Ganze bringt. In Gestrandet zeichnet Anthony J. Quinn einen spannenden Kriminalfall mit einem hochaktuellen Bezug.

Gestrandet ist im Polar Verlag erschienen und kostet 20 Euro. 

 

Samstag, 16. November 2019

# 219 - Springen?

In Simone Lapperts Roman Der Sprung wird der Leser sofort in eine intensive Situation hineingezogen: Eine Frau springt von einer Dachkante, und Lappert beschreibt nicht nur, wie diese sich während des Fallens fühlt, was sie empfindet und wahrnimmt, sondern sie seziert die Situation geradezu.

Es ist Anfang Mai, die Menschen in der Kleinstadt Thalbach genießen die ersten warmen Tage. Der Ort ist so wie viele andere Kleinstädte: Es ist alles da, was man fürs tägliche Leben braucht, aber der Alltag der meisten Einwohner plätschert ereignisarm dahin. 

Doch dann passiert endlich etwas: Eine junge Frau ist auf einem Dach. Die Vermutung, dass sie selbstmordgefährdet sein könnte, liegt nahe. Die Polizei rückt an, die Feuerwehr bläst das Sprungkissen auf und rasch versammelt sich eine neugierige und sensationslüsterne Menge vor dem Haus. Das Erwartbare tritt aber zunächst nicht ein: Die Frau, die man im Laufe des Tage als Manuela Kühne identifiziert, macht keine Anstalten, sich das Leben zu nehmen, sondern reagiert auf die Anfeindungen, die sie von unten erreichen, mit dem Werfen von Gegenständen. Auch vor den Dachziegeln macht sie nicht halt.

Simone Lappert drapiert in ihrem Roman eine Reihe von sehr unterschiedlichen Personen um Manu herum, die meisten scheinen auf den ersten Blick nichts mit der Frau auf dem Dach zu tun zu haben. Doch je mehr man über diese Menschen erfährt, umso deutlicher zeichnet sich ein Netz von Bekanntschaften ab. Da ist zum Beispiel die Halbschwester von Manuela, deren Traum, Bürgermeisterin zu werden, zum Greifen nah ist und die nun gegeneinander abwägt, ihrer vermeintlich durchgeknallten Schwester zu helfen oder höchstwahrscheinlich die Wahl zu verlieren, weil die Öffentlichkeit sie mit der "Irren" in Verbindung bringt. Auch die von der Tragödie profitierenden Einzelhändler spielen eine Rolle, ebenso wie zwei Obdachlose, ein Polizist, eine von allen gemobbte Schülerin oder ein italienischer Modezar. 

Der ruhige Pol ist das Lokal von Roswitha. Es ist, als liefen hier alle Fäden zusammen. Sie hat den Überblick, sie ist der bei Weitem empathischste Mensch in diesem Buch. Die Redewendung 'In der Ruhe liegt die Kraft' könnte ihr Lebensmotto sein.

Und dann ist da noch Finn. Er sieht sich als Manus Freund, erkennt aber im Laufe der Ausnahmesituation, wie wenig er über sie weiß. Er steht vor der Entscheidung, zu der jungen Frau zu halten oder seine eigenen Träume zu verwirklichen.

Sehr vielen der skizzierten Figuren ist gemeinsam, dass sie mit Erinnerungen leben, die ihre Seelen stark belasten und einen Schatten auf ihre Schicksale werfen.

Wird am Ende alles gut? Jein.

Lesen?


Ja, denn Der Sprung ist sehr lebendig und feinfühlig geschrieben. "Hänger" gibt es keine.
Was mich allerdings störte, sind die vielen Zufälle, die sich in diesem Roman eng aneinander drängen. Dazu gehört auch der Grund, aus dem sich Manu auf dem Dach befindet. Es hätte für sie sicher andere Wege gegeben, die Situation zu einem guten Ende zu führen. Hier ließe sich eine andere Redewendung heranziehen: 'Weniger ist mehr.'

Der Sprung ist im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro. 


Freitag, 8. November 2019

# 218 - Gibt es eine stärkere Liebe als die zum ... Schach?


Man kann sich über diese Überschrift wundern, denn würden wir auf die Frage, wen oder was wir am meisten lieben, nicht fast alle den Namen unseres Partners oder unserer Partnerin, unserer Kinder oder vielleicht auch einer Gegend, die uns besonders am Herzen liegt, nennen?

Ja, das würden sicher sehr viele Menschen tun. Bei Sebastian Raedler dürfen nach dem Lesen seines Buches Schachfieber - Von der Liebe zu einem unmöglichen Spiel hier allerdings Zweifel angemeldet werden. Er ist nicht nur ein Fan, sondern süchtig.

Raedler hat nicht die typische "Karriere" der meisten begeisterten Schachspieler hinter sich, die schon im Kindes- oder Jugendalter ihre ersten Züge auf dem Brett gemacht haben. Der Anstoß, sich einem der ältesten Spiele der Welt zuzuwenden, war die Langeweile, die er auf seinen Geschäftsreisen während der Wartezeiten in Bahnhöfen oder Flughäfen empfand. Hier geschah der Einstieg ins Onlineschach, hier begann seine Sucht nach dem Schachspiel.

Raedler beobachtet sich selbst und entdeckt, dass das Schachspiel für ihn nicht nur eine immer neue Herausforderung, sondern auch eine Zuflucht in den Zeiten ist, in denen er beruflich stark beansprucht wird. Er erklärt auch, was den grundlegenden Unterschied zwischen diesem und allen anderen Spielen ausmacht. Während man bei einer Niederlage sonst zu einem gewissen Anteil das Glück des Gegners für das eigene Scheitern verantwortlich machen kann, verfängt dieses Argument hier nicht: Beim Schach werden dem Spieler nach jedem Misserfolg die eigenen intellektuellen Schwächen unbarmherzig vor Augen geführt. Das hält nicht jeder aus; Raedler verweist auf prominente Beispiele von Spielern, die extensives Schachspielen an den Rand des Wahnsinns geführt hat - oder auch darüber hinaus.

Der Autor ist Finanzanalyst und weiß den hohen analytischen Anspruch des Schachspiels sehr zu schätzen. Das trifft auch auf das Blitzschach zu, dem Raedler fast schon obzessiv verfallen ist und das ihn schon mehrmals in absurde Situationen gebracht hat.

Schachfieber - Von der Liebe zu einem unmöglichen Spiel kann von jedem gelesen werden; ob und wie gut man das Spiel beherrscht, spielt grundsätzlich keine Rolle. Raedler verweist für alle, die sich näher für Spielstrategien interessieren, auf spannende und anspruchsvolle Partien. Diese mangels Kenntnissen nicht nachvollziehen zu können, tut dem Lesespaß keinen Abbruch. Raedlers Enthusiasmus lädt auch Nicht-Schachspieler dazu ein, sich für dieses Spiel zu interessieren.

Einen Eindruck vom Buch und seinem Autor gibt ein Interview, das kurz nach dem Erscheinen des Titels im Radioprogramm des rbb ausgestrahlt wurde.

Schachfieber - Von der Liebe zu einem unmöglichen Spiel ist im Oktober 2019 im mairisch Verlag erschienen und kostet 12 Euro.




Freitag, 1. November 2019

# 217 - Texas: Legt Rassenhass die Saat für zwei Morde?

Die Schriftstellerin Attica Locke ist in Texas geboren und aufgewachsen und sie ist schwarz. Beides ist hilfreich zu wissen, wenn man ihren neuesten Roman Bluebird, Bluebird zur Hand nimmt.

Ein gespaltenes Land


Darren Matthews ist mit Haut und Haaren Texas Ranger. Eine ungewöhnliche Berufswahl, wenn man ihn sich ansieht: Er ist schwarz und kann sich oft nur deshalb Respekt gegenüber den Weißen verschaffen, weil er diesen Stern an seinem Hemd trägt.

Matthews hat zwei Semester eines Jurastudiums in Princeton hinter sich, hat sich aber wie sein Vorbild, sein Onkel William, für den Job als Texas Ranger entschieden. Das führt zu Problemen mit seiner Frau, der erfolgreichen Anwältin Lisa. Sie hat kein Verständnis für die Berufswahl ihres Mannes und ihn kurzerhand vor die Tür gesetzt.

Doch das ist nicht Matthews einziges Problem. Seit er versucht hat, einem guten Freund zu helfen, dem möglicherweise eine Mordanklage bevorsteht, läuft es für ihn auch beruflich nicht mehr rund.

In dieser verfahrenen Lage erhält er einen Anruf seines Kumpels Greg. Der arbeitet für das FBI und gibt Matthews den Hinweis, dass es in Lark, einem Dorf im osttexanischen Shelby County, kurz vor der Grenze zu Louisiana, zwei Tote gegeben hat: den schwarzen Anwalt Michael Wright und die weiße Kellnerin Missy Dale. Ihre Leichen wurden im Attoyac Bayou gefunden, der dicht an Lark vorbeifließt.

Lark ist ein fiktives 178-Seelen-Nest, in dem alles schon immer so war, wie man es bis heute kennt: Hinter der Geschichte der Schwarzen steht das Leben ihrer Vorfahren als Sklaven, hinter der Geschichte der Weißen das der "Herrenmenschen". Manche von den Weißen waren früher erfolgreicher als andere und hatten darum das Sagen; auch daran hat sich über Generationen hinweg nichts geändert.

Attica Locke zeichnet eine zunächst verworrene Verbindung zwischen den Bewohnern des Ortes nach, die ihren Anfang Jahrzehnte zuvor genommen hat. Sie belässt es nicht dabei, ihre Figur Darren Matthews der offensichtlichen Spur in die rassistische Szene der Aryan Brotherhood of Texas (ABT) zu folgen, sondern beschreibt, wie sich der Alltag anfühlt. Wird ein Schwarzer getötet, ist es so, als würde man einen Kieselstein ins Wasser werfen: Der Stein macht ein paar kleinere Wellen, die sich schnell verlieren und einer glatten Wasseroberfläche Platz machen. Morde an Weißen werden hingegen unerbittlich verfolgt. Für sie muss ein Schuldiger gefunden werden. 

'Selbstverständlich' können die schwarzen Einwohner von Lark auch nicht in das von einem Weißen betriebene "Eishaus" gehen, ohne von der Kellnerin gefragt zu werden, ob sie sich verlaufen haben. Umgekehrt sind Weiße in "Geneva Sweet's Sweets", wo Schwarze nicht nur Teigtaschen essen können, sondern auch einen Haarschnitt bekommen, keine gern gesehenen Gäste. Man hat sich im Ort miteinander eingerichtet.

Doch Matthews will den Morden auf den Grund gehen. Dass er sich damit in Lark keine Freunde macht, ist keine Überraschung. Dass aber auch der örtliche Sheriff nicht durch Übereifer und Unterstützung glänzt, ist eine weitere Fußnote.


Rassentrennung bis heute allgegenwärtig


Attica Locke zeigt in einer atmosphärischen Schilderung, wie man sich die Verhältnisse in ihrer osttexanischen Heimat bis heute vorstellen muss. Die faktische Trennung zwischen Weißen und Schwarzen existiert bis heute und führt unter anderem dazu, dass man rasch nach einem schwarzen Schuldigen sucht, wenn sich ein Gewaltdelikt ereignet hat. Die unterschwelligen Ressentiments durchziehen jeden einzelnen Tag.

Doch es wird deutlich, dass Locke ihre Liebe zu ihrer Heimat, die sie trotz der erlebten Ungerechtigkeiten in sich trägt, in ihre Figur des Texas Rangers Matthews einfließen lässt. Und sie schafft es auf ganz besondere Weise, eine Kriminalhandlung mit einer Gesellschaftskritik zu verbinden.

Attica Locke hat für ihr Buch 2018 den Edgar Allan Poe Award gewonnen, den weltweit bedeutendsten Preis für Kriminalliteratur. Damit reiht sie sich in eine Liste auch hier bekannter Preisträger wie Stephen King, Minette Walters oder Ian Rankin ein.
Im selben Jahr gewann sie den Ian Fleming Steel Dagger Award für den besten englischsprachigen Thriller.

Bluebird, Bluebird ist 2019 in der deutschen Ausgabe beim Polar Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

Der Polar Verlag hat auch dieses Mal sein "Händchen" für wirklich spannende Bücher bewiesen. Das zeigen auch die Titel, über die ich hier bereits geschrieben habe:

Libreville von Janis Otsiemi
Brant von Ken Bruen 
Ein einziger Schuss von Matthew F. Jones
So kam die Nacht von Estelle Surbranche