Es ist die Nacht vom 16. auf den 17. August 1986.
Risas Mann Sav kommt volltrunken nach Hause und bedroht seine Frau vor dem gemeinsamen Baby mit einer Pistole. Sav ist als Ehemann und Vater ein Totalausfall: Seine Sprache ist die Gewalt, und er wird immer wieder kriminell. In dieser Nacht hat er einen Laden überfallen und will sich mit seinem Anteil der Beute und seiner Geliebten aus dem Staub machen.
Im Suff verliert er wie so oft die Kontrolle über sich. Risas Schwester Giulia hat die Pistole vor ihrem Schwager versteckt, um eine weitere Eskalation zu verhindern, und Sav würgt sie, um buchstäblich aus ihr herauszupressen, wohin sie die Waffe gelegt hat. Im Affekt schlägt ihm Risa eine gusseiserne Pfanne auf den Kopf, und Sav prallt mit dem Kopf auf der Tischkante auf. Ist er sofort tot oder hätte er gerettet werden können? Diese Frage bleibt unbeantwortet, weil die Schwestern nicht wagen, einen Krankenwagen zu rufen. Der Schlag sowie Risas und Giulias Untätigkeit danach lösen eine Kette von Ereignissen aus, die bis in den Sommer 2004 Wellen schlagen und sich nicht nur auf sie beschränken. Sowohl die Schwestern als auch ein guter Freund, der ihnen hilft, Savs Leiche zu beseitigen, unterschätzen den Wunsch von fast allen Menschen, die eigenen familiären Wurzeln zu kennen und zu erfahren, was sie mit ihren Eltern gemeinsam haben - oder auch nicht. Die Drei schwören einander, für immer über die Umstände von Savs Verschwinden zu schweigen, werden aber in den folgenden fast zwanzig Jahren auf mehrere Proben gestellt.
William Boyle siedelt seinen Krimi Heilige der Narrows Street in Gravesend, einem italienisch-kleinbürgerlichen Arbeiterviertel von Brooklyn, an. Die Menschen sind katholisch und leben eine Art der Frömmigkeit, die eher be- als entlastend wirkt. Das spiegelt sich sogar in dem Namen der örtlichen Kirche wider: Our Lady of Perpetual Surrender (Unsere Liebe Frau der immerwährenden Hingabe) birgt keine große Hoffnung. Unter den Nachbarn gibt es eine ausgeprägte Sozialkontrolle und einen großen, gemeinsamen Traum: So gut wie jede(r) möchte das Viertel verlassen, um ein besseres Leben zu führen. Die Frustration darüber, dass das kaum jemandem gelingt, ist groß und treibt viele in die Kriminalität. Gewalt ist nicht die Ausnahme, sondern Teil des Alltags.
Boyle kennt all das sehr gut, denn er ist selbst in der Nachbarschaft von Gravesend aufgewachsen. Er zeichnet jede Figur authentisch und glaubwürdig, hat aber für Saint of the Narrows Street, wie sein Buch im Original heißt, auf ein klassisches Krimiformat verzichtet. Es gibt kein eindeutiges Gut und Böse, wie man es von den meisten Krimis gewohnt ist: Der verkommene Unsympath Sev kommt durch die Affekttat seiner Frau ums Leben, die immer nur versucht, alles richtig zu machen. Das Mitleid mit dem Toten fällt gering aus.
Lesen?
William Boyle hat ein Buch geschrieben, das durch die Verkettung vieler spannender Einzelszenen von generationsübergreifenden Traumata und Konflikten sowie einer Religiosität, die an der Wirklichkeit zerschellt ist, erzählt. Es gibt keinen Spannungsbogen, sondern ein ständiges Auf und Ab, das dieses Werk zu einem Pageturner macht.
Heilige der Narrows Street wurde 2026 im Polar Verlag veröffentlicht und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.









