Posts mit dem Label Klimawandel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Klimawandel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 28. März 2026

# 500 - Mit Pflanzen die Welt retten: heillos naiv oder eine Chance für das Klima?

Bernhard Kegel ist Diplom-Biologe, hat mit einer
agrarökologischen Arbeit promoviert und zahlreiche Bücher geschrieben, die sich mit Pflanzen, Tieren oder Mikroben beschäftigen.

In seinem neuesten Sachbuch Mit Pflanzen die Welt retten beschäftigt sich Kegel mit der Frage, ob es möglich ist, mithilfe von Pflanzen die Klimakrise zu bewältigen. Dieser Gedanke wabert immer wieder durch politische Diskussionen: Man pflanzt hier und dort beispielsweise viele Bäume an, und wenn diese groß genug sind, speichern sie massenweise Kohlendioxid und entlasten so das Weltklima. Wäre das nicht schön? 

Man ahnt es: So einfach ist die Sache nicht. Bernhard Kegel beleuchtet wissenschaftlich, wie viel Pflanzen und pflanzenbasierte Technologien tatsächlich zur Lösung der Klimakrise beitragen können. Er erläutert, welche Wirkung die Aufforstung von Wäldern, die Wiedervernässung von Moorgebieten, die Erweiterung oder Schaffung von Meeresökosystemen mit Seegras, Mangroven oder Algen sowie Eingriffe in biogeochemische Kreisläufe haben. 

Hinter allem steht die Frage: Reicht der Aufwand aus, der sich nicht nur auf den Aufbau dieser Systeme beschränkt, sondern auch deren Pflege nach sich zieht? Kegel ist realistisch: Damit wird es nicht getan sein. Es ist zu wenig, sich nur auf die Reduzierung der CO2-Emissionen zu beschränken, das klimaschädliche Gas muss darüber hinaus aus der Atmosphäre entfernt werden.

Die Fakten liegen auf dem Tisch. Es ist offensichtlich, was getan werden müsste, um CO2-Emissionen spürbar zu reduzieren. Doch Kegel beklagt, dass die nötigen Maßnahmen von der Politik und der Bürokratie ausgebremst werden und immer wieder der Anspruch formuliert wird, es müsse jede Maßnahme vor ihrer Umsetzung bis ins Kleinste erforscht sein. 

Lesen?

Mit Pflanzen die Welt retten ist ein anspruchsvolles Sachbuch, für dessen vollständiges Verständnis ein paar Grundkenntnisse nicht schaden. Aber um die Botschaft des Autors nachzuvollziehen genügt es, den roten Faden im Auge zu behalten, den Kegel am Ende so formuliert: "Es ist vollkommen absurd, enorme finanzielle Mittel und unendlich viel Arbeit in die Aufforstung von Wäldern, die Wiedervernässung von Mooren und die Wiederherstellung von Seegraswiesen, Tangwäldern und Mangroven zu investieren und gleichzeitig die noch existierenden intakten Reste dieser Ökosysteme an anderer Stelle großflächig zu zerstören. Doch genau das geschieht. Noch sägen wir also den Klimaast, auf dem wir sitzen, an gleich zwei Stellen an: indem wir fossile Energieträger verbrennen und damit die globale Temperatur in die Höhe treiben und indem wir die Ökosysteme, auf deren Dienstleistungen wir angewiesen sind und die CO2 aus der Atmosphäre holen könnten, schwächen und zerstören und zum Teil sogar in Kohlendioxidemittenten verwandeln."
Klingt nicht so, als würde die Menschheit derzeit einen cleveren Plan verfolgen.

Mit Pflanzen die Welt retten ist 2024 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet 25 Euro.

Montag, 21. Juli 2025

# 482 - Männer, die die Welt verbrennen

Dieses Buch gehört zu denen, die mich beim Lesen wirklich auf die Palme gebracht haben. Nicht, weil ich den Autor Christian Stöcker kritisieren würde oder nichts vom Inhalt seines Buches Männer, die die Welt verbrennen halte. Das Gegenteil ist der Fall. Die Erkenntnisse aus Stöckers Recherchen rund um die Fossil-Branche sind so haarsträubend, dass man sie ins Reich der Verschwörungserzählungen verweisen möchte - wohin sie nicht gehören. Ein paar Kostproben gefällig?

Zwischen 1970 und 2020 hat die Öl- und Gasbranche inflationsbereinigt pro Jahr einen Gewinn (!) von einer Billion Dollar gemacht. Das sind drei Milliarden Dollar pro Tag! Das entspricht etwa dem jeweiligen Umfang der öffentlichen Haushalte von z. B. Kanada, Italien oder Brasilien. 
Subventionen (= Steuergelder) tragen dazu bei, dass es der Branche weiterhin gut geht. Der Internationale Währungsfond (IWF) stellte fest: "Weltweit beliefen sich die Subventionen für fossile Brennstoffe im Jahr 2022 auf 7 Billionen US-Dollar oder 7,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was einem Anstieg von 2 Billionen US-Dollar seit 2020 entspricht [...]" Wohlgemerkt nur in diesem einen Jahr.

Noch nicht mal während der Covid19-Pandemie mussten sich die Ölkonzerne um ihr Geschäftsmodell Sorgen machen: Der Gewinn (!) der fünf größten Öl-Aktiengesellschaften ExxonMobil, Shell, Chevron, Total und BP betrug 2022 insgesamt 200 Milliarden Dollar.

Christian Stöcker hat sein Buch in neun Kapitel aufgeteilt. Sehr anschaulich beschreibt er, wie das Netzwerk der Klimawandelleugner erfolgreich agiert, wer am meisten von Geschäften mit fossilen Energien profitiert und wer für die möglichst lange Beibehaltung von Öl und Gas verantwortlich ist. Die maßgeblichen Akteure sind Männer. Es fallen Namen von einflussreichen Profiteuren wie zum Beispiel Charles Koch, Donald Trump oder Wladimir Putin. Sie benutzen ihre Macht und ihr Geld, um Entscheidungsträger in ihrem Sinne zu beeinflussen. Doch es gibt auch eine Reihe von Staaten, deren Haupteinnahmequelle die Erdöl- oder Erdgasförderung ist. Manchmal ist sie sogar die einzige nennenswerte Einnahmequelle. Auch sie sind Teil einer weltweiten Manipulationsmaschinerie.

Desinformation ist ebenfalls sehr gut geeignet, das "bewährte" Geschäft am Laufen zu halten. Erinnert sich noch jemand an die gigantischen Desinformationskampagnen, die die US-amerikanische Tabakindustrie ab 1960 gestartet hatte? Kurz zuvor hatten wissenschaftliche Studien einen Zusammenhang zwischen Zigarettenkonsum und schweren Erkrankungen wie zum Beispiel Lungenkrebs oder chronischer Bronchitis festgestellt. Das Geschäftsmodell der Tabakindustrie drohte, ins Wanken zu geraten. Die Branche streute gezielt Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Studien: Wissenschaftler wurden für dem Rauchen unkritisch gegenüber stehende Studien bezahlt, es wurde Werbung mit irreführenden Botschaften geschaltet und man erzeugte den Eindruck, dass es in der Wissenschaftsszene zwei Lager gebe - was falsch war.

Was das mit der Fossilbranche zu tun hat? Von ihr wird mit denselben Mitteln erfolgreich die öffentliche Meinung beeinflusst, obwohl man dort längst weiß, dass die durch das Verbrennen von Erdöl und -gas freigesetzten Treibhausgase die Erde immer weiter aufheizen. Zitat aus einem internen Briefing mit dem Betreff "CO2 Greenhouse-Effect" des Exxon-Konzerns aus dem Jahr 1982:

"Die Verbrennung fossiler Brennstoffe und die Abholzung von Wäldern gelten als die wichtigsten anthropogenen Faktoren [...]. Wir gehen davon aus, dass sich der Klimawandel um das Jahr 2090 verdoppeln könnte, basierend auf dem im langfristigen Energieausblick von Exxon prognostizierten Brennstoffbedarf. [...] Unsere beste Schätzung geht davon aus, dass eine Verdoppelung der aktuellen Konzentration die durchschnittliche globale Temperatur um etwa 1,3 bis 3,1 Grad Celsius erhöhen könnte." Der Text belegt, dass dem Exxon-Konzern der Zusammenhang zwischen dem Verbrennen von fossilen Brennstoffen und dem Treibhauseffekt schon vor mehr als vierzig Jahren bekannt war.

Doch der Blick richtet sich auch nach Deutschland. Ein Klimawandelleugner-Netzwerk ist hier ebenfalls erfolgreich aktiv. Ein seit 2007 eingetragener Verein mit Verbindungen zu einem FDP-Bundestagsabgeordneten, der AfD sowie Koch Industries streut Halb- oder Unwahrheiten, die durch dessen gute Vernetzung ihre gewünschte Wirkung nicht verfehlen. Derselbe Abgeordnete gründete vor mehr als zehn Jahren eine sogenannte Denkfabrik, die sich als 'Freiheitsinstitut' bezeichnet und libertäre Positionen vertritt, wozu auch die Leugnung des Klimawandels gehört. Diese Denkfabrik ist Teil des Atlas-Netzwerks, das aktiv eine 'klimaskeptische' Grundhaltung vertritt und beispielsweise - wenig überraschend - von den Stiftungen der Koch-Brüder und ExxonMobil finanzielle Zuwendungen erhält.

Im letzten Kapitel "Das Zeitalter des Lichts hat begonnen, das des Feuers muss enden" gibt Stöcker einen Ausblick auf eine Entwicklung, die bereits begonnen hat. In immer mehr Ländern wächst die Erkenntnis, dass die bisherigen Arten, Energie zu erzeugen (einschließlich Atomstrom), im Vergleich zu erneuerbaren Ressourcen zu kostspielig sind. Zitat aus einer 2021 von BloombergNEF veröffentlichten Studie: "In Staaten einschließlich China, Indien und Deutschland ist es jetzt billiger, ein neues, großes Solarkraftwerk zu errichten, als ein bereits existierendes Kohle- oder Gaskraftwerk weiterzubetreiben."

Die Abkehr vom Verbrennen von fossilen Ressourcen wird, wenn nicht aus Klimaschutzgründen, aus ökonomischen Gründen erfolgen.

Lesen?

Der Journalist und Fachhochschul-Professor Christian Stöcker beschäftigt sich schon lange mit Technik-, Energie- und Klimathemen. Mit Männer, die die Welt verbrennen zeichnet er die Mechanismen nach, die der Fossilwirtschaft immer noch ihre großen Gewinne sichern und nur ein Ziel haben: einem kleinen Kreis von Männern (und ihren Unternehmen) ihren Profit zu sichern, auch mit Steuergeldern.

Männer, die die Welt verbrennen ist 2024 bei Ullstein Buchverlage erschienen. Mir lag die im selben Jahr herausgegebene Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung vor, die als Paperback für 5,-- Euro erhältlich ist.

Freitag, 5. Juli 2024

# 442 - Verkaufte Zukunft

Wenn es um die Klimakrise geht, liest man eine Menge
Meinungsäußerungen. Nicht alle sind von Kenntnis geprägt, sondern eher von so etwas wie Bauchgefühl oder Partikularinteressen - das passende Stichwort ist hier 'Lobbyismus'.

Das Buch Verkaufte Zukunft des Soziologen und Direktors des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsordnung Jens Beckert ist eine Ausnahme. Der Wissenschaftler zieht hier alle argumentatorischen Register, wenn er der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Mit dem Untertitel Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht wird klar, in welche Richtung die Reise in die Zukunft geht. Beckert verfällt jedoch nicht in ein Wehklagen, sondern präsentiert Fakten. In neun Kapiteln sucht er Antworten auf seine zentrale Frage: Warum sind Gesellschaften nicht in der Lage, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten?

Das Buch vermittelt ein Verständnis von Mechanismen, die in unserem Gesellschaftssystem dafür verantwortlich sind, dass sinnvolle Maßnahmen zur Erreichung der Klimaziele nur schleppend oder gar nicht umgesetzt werden. Dabei sollte man doch meinen, dass die Sachlage für die meisten Menschen klar ist: Die Ursachen für die Klimakrise sind bekannt, die Möglichkeiten, sie aufzuhalten, auch. Aber trotz ambitionierter Klimakonferenzen und selbst gesteckter Ziele, die Emissionen von klimaschädlichen Treibhausgasen drastisch abzumildern, werden diese Ziele nicht erreicht und für andere Dinge geopfert: für die nächsten Wahlen oder die anstehenden Unternehmensbilanzen. So verstreicht wertvolle Zeit, die Zukunft wird regelrecht verkauft - unsere, die unserer Kinder und Enkelkinder sowie aller weiteren Generationen.

Das Problem ist die Struktur unserer Gesellschaftsordnung: Die Politik braucht rasche Erfolge, anderenfalls werden ihre Repräsentanten nicht wiedergewählt; der Erfolg von Unternehmen wird an ökonomischen Kennzahlen gemessen, allen voran am Gewinn. Maßnahmen, die gut für den Klimaschutz wären, haben jedoch einen großen Nachteil: Sie wirken langfristig. Erfolge sind erst Jahre oder Jahrzehnte später zu erkennen. Bis dahin sind die Politiker und Unternehmenschefs von heute nicht mehr aktiv, vielleicht leben sie sogar nicht mehr. Die Folgen dieser Missachtung von sinnvollen Maßnahmen werden sowohl von ihnen als auch den Bürgern "übersehen" oder klein geredet. Schon auf den ersten Seiten schreibt Beckert: "Meine diesbezügliche These lautet schlicht: Die Macht- und Anreizstrukturen der kapitalistischen Moderne und ihre Steuerungsmechanismen blockieren eine Lösung des globalen Problems namens Klimawandel." Und: "Der kurzfristige Gewinn aus der Vermeidung von Klimakosten übersteigt den gegenwärtigen Nutzen zukünftiger Klimasicherheit."

Derzeit wird aber eher aufgeschoben als aktiv gehandelt: Die Rettung der Erde wird an die nächsten Regierungen oder Firmenlenker delegiert. Doch auch die Bürgerinnen und Bürger sind kaum besser: Die Mehrheit bejaht zwar, dass die Klimakrise unsere Welt bedroht, sobald jedoch Klimaschutzmaßnahmen zu Preissteigerungen führen oder die eigene Bequemlichkeit leidet, regen sich Widerstand und Ablehnung. Schon Appelle, sich im Alltag klimabewusster zu verhalten, werden als Einschränkung der persönlichen Freiheit wahrgenommen. Das ähnelt dem sog. Sankt-Florian-Prinzip: "Heiliger Sankt Florian / verschon mein Haus, zünd and're an."

Lesen?

Jens Beckert zeigt nicht nur mit dem Finger auf die Probleme, sondern skizziert auch, wie Lösungen aussehen können. Eins steht fest: Es ist kompliziert. Es sollte in den Industrienationen darum gehen, einen grünen Kapitalismus zu schaffen - schon deshalb, weil sich der Kapitalismus als Gesellschaftssystem nicht abschaffen lässt. Das Vermeiden von Emissionen muss für Unternehmen zu einem wirtschaftlichen Erfolg führen - wie wir bereits gelernt haben, ist der derzeit praktizierte Handel mit Emissionszertifikaten dafür nicht geeignet.

Der Autor verschweigt nicht das Dilemma, in dem sich der globale Klimaschutz befindet: Arme Länder, die bislang nur einen geringen Anteil an der Klimakrise haben, müssen, wenn sie z. B. auf fossile Rohstoffvorkommen stoßen und diese ausbeuten wollen, fair behandelt werden. Beckert führt beispielhaft die Demokratische Republik Kongo an, die für die Ölförderung Regenwald abholzen und so einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben will. Ausgerechnet das Land mit den weltweit zweithöchsten Treibhausgas-Emissionen, die USA, verlangt, keine Förderlizenzen zu vergeben. Beckert resümiert: "Die Ungleichheiten der globalen Arbeitsteilung führen zu einer unfassbaren Verlogenheit in der Klimadebatte, bei der die Länder des globalen Südens für den Raubbau  an ihrer Natur verantwortlich gemacht werden, obwohl der Nutzen davon zu großen Teilen dem globalen Norden zugutekommt, der zudem den Raubbau mit seiner Technologie und seinem Finanzkapital erst ermöglicht."

Verkaufte Zukunft enthält viele Fakten und Argumente, die immer wieder in öffentlichen Diskussionen genannt werden. Doch Beckerts "Rundumschlag" ermöglicht ein umfassendes Bild über den aktuellen Stand des schwach ausgeprägten Eifers, die Klimakrise abzumildern. Davon, dass sie gestoppt werden könnte, geht er nicht aus. Eine Erwärmung der Erde um 2° C hält er für das wahrscheinlichste Szenario.

Das Buch ist auch für Laien sehr gut verständlich, die Argumente sind gut nachvollziehbar. Wahrscheinlich auch deshalb wurde der Titel für den Deutschen Sachbuchpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Verkaufte Zukunft ist 2024 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro sowie als E-Book 23,99 Euro,





Samstag, 9. September 2023

# 408 - Ein Freund der Erde - wahrgenommen als Feind der Menschen

Im Jahr 2000 wurde der achte Roman des US-Autors
T. C. Boyle veröffentlicht, A Friend of the Earth. Ein Jahr später erschien die deutsche Fassung mit dem Titel Ein Freund der Erde. Jetzt sind wir im Jahr 2023, und man wird beim Lesen des Buches das Gefühl nicht los, dass auf Boyles Schreibtisch eine Kristallkugel steht, in die der Autor dann und wann einen Blick hineinwirft, um sich Anregungen für seine Bücher zu holen. Aber von vorn.

Ein Freund der Erde spielt sowohl in den 80-er und 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts als auch 2025 und 2026. Der Protagonist ist der ehemalige militante Umweltaktivist Tyrone "Ty" O'Shaughnessy Tierwater, der 2025 75 Jahre alt ist und im Auftrag eines gealterten früheren Popstars in Kalifornien die letzten Wildtiere hütet, die außerhalb des privaten Geheges längst ausgestorben sind: Löwen, Hyänen, Ameisenbären. Ratten haben selbstverständlich auch überlebt, für sie ist kein Schutz nötig. Krabben, Thunfische und Forellen sind ebenso Geschichte wie Frösche, Kondore oder Giraffen. Welse gibt es noch als Zuchttiere mit der Konsequenz, dass ein großer Teil der Ernährung durch sie sichergestellt wird - von Wels-Sushi bis Wels-Pizza ist da einiges möglich.
In der Nähe von Oslo werden kalifornische Weinreben angebaut, die nassen Loire- und Rheintäler eignen sich gut für den Ananas-Anbau. Auf der Erde leben 11,5 Milliarden Menschen, allein in Kalifornien 60 Millionen. Zu der Bevölkerungsexplosion haben auch medizinische Fortschritte beigetragen, die durch lebensverlängernde Maßnahmen zu einer Lebenserwartung von 100 Jahren führen.

Die Menschen in Kalifornien kämpfen 2025 ums Überleben in einer unwirtlichen Umgebung. Extreme Hitzeperioden, die die Erde aufbrechen und alles verdorren lassen, wechseln sich mit mächtigen Unwettern ab: Tage- oder wochenlang kommen ununterbrochen große Regenmengen vom Himmel, die alles überfluten und für Schimmel in den Gebäuden sorgen. Die Stürme sind so stark, dass ihnen nur speziell abgesicherte Dächer standhalten. Die klimatischen Veränderungen und die extensive Abholzung der Wälder haben dazu geführt, dass es so gut wie keine Bäume mehr gibt. 

Wenn man sagt, dass Ty sein Leben für den Umweltschutz gegeben hat, ist das nicht übertrieben. Er hat gemeinsam mit seiner damaligen Frau Andrea an legalen Aktionen der Umweltorganisation "Earth Forever!- EF!" teilgenommen und sich radikalisiert, als er den Eindruck hatte, dass diese Aktionen nichts an der verfehlten Klima- und Umweltpolitik der US-Regierung und der Bundesstaaten ändern. Er machte Bau- und Holzfällermaschinen von großen Unternehmen nachts unbrauchbar und steckte eine Holzplantage in Brand, für die ein natürlicher Wald mit alten Baumriesen abgeholzt worden war. Dafür saß er jahrelang im Gefängnis. An seiner Einstellung hat die Haft nichts geändert. Ty war nie ein Redner, sondern wollte mit seinen Taten etwas erreichen: "Ich halte keine Predigten. Es ist zu spät dafür, und abgesehen davon hat das Predigen noch nie irgendwas geholfen. Aber eins will ich sagen, der Ordnung halber - die meiste Zeit meines Lebens war ich Verbrecher. Genau wie ihr", lässt Boyle Ty Tierwater 2025 sagen.

Was ihn sein Leben lang verfolgt, ist der lange zurückliegende Tod seiner Tochter Sierra, die damals wegen einer spektakulären Umweltaktion zu einer Ikone der Umweltbewegung wurde. Alles lange her, kaum jemand kennt heute noch ihren und Tys Namen. Das soll sich plötzlich, vierundzwanzig Jahre nach Sierras Tod, ändern: Andrea taucht unvermittelt bei Ty auf, zwanzig Jahre, nachdem sich die beiden getrennt haben. Sie hat eine Frau mitgebacht, die Ty flüchtig von früher kennt und ihn nun interviewen will, um eine Biographie über seine Tochter zu schreiben. Die Anwesenheit der beiden Frauen führt zu problematischen Situationen, die sich zuspitzen, als das Wetter noch schlechter wird. Die normalerweise in ihren Gehegen lebenden Tiere sind vom ansteigenden Wasser bedroht, sodass Ty nur eine Chance sieht, sie zu retten: Sie müssen vorübergehend im weitläufigen Wohnhaus des Popstars untergebracht werden, das  auf einer künstlichen Anhöhe steht. Diese Umsiedlung bringt eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen in Gang, die manche der Hausbewohner nicht überleben.

Lesen?

Boyles dystopischer Roman greift Themen auf, die ein Großteil der Menschen jahrzehntelang verdrängt hat. Der Klimawandel und seine Folgen sind für sich genommen keine Neuigkeit, wurden und werden jedoch "erfolgreich" ignoriert. 

Boyle zeichnet die Folgen von drastischen Hitze- und Regenperioden nach und hält bereits vor dreiundzwanzig Jahren eine aktive Klimabewegung für möglich, die sich zum Teil radikalisiert, weil sie kein anderes Mittel mehr findet, um die Politik und die Bevölkerung aufzurütteln. Dass es heute, zwei Jahre vor dem im Roman maßgeblichen Jahr, noch nicht so schlimm gekommen ist, wie vom Autor vorhergesagt, kann vernachlässigt werden. Nur Geduld, das wird schon.

Gegen Ende schleicht sich bei Ty Tierwater Resignation ein, als er gefragt wird: "Und was hast du erreicht? Sieh dich doch um - sieh dich doch nur um und beantworte mir das." - "Nichts, überhaupt nichts", ist seine Antwort. Mehr Frustration geht nicht.
T. C. Boyle entlässt seine Leserinnen und Leser allerdings nicht in dieses düstere Gefühl, sondern öffnet eine Tür, damit Ty und Andrea so etwas wie eine Zukunft haben.

T. C. Boyle hat ein sehr feines Gespür für Themen, die Menschen jetzt bewegen oder es später tun werden. Man mag einwenden, dass das Narrativ des menschengemachten Klimawandels und dessen Folgen so oft gebetsmühlenartig wiederholt wird, dass man davon nichts mehr hören oder lesen mag. Aber solange es ein Aufreger ist, wenn im Wolfsburger VW-Werk mit seinen mehr als 30 Kantinen und Kiosken in nur einer (!) Kantine ausschließlich vegetarisch gekocht und die heißgeliebte VW-Currywurst nur fleischlos angeboten wird, ist es offenbar angebracht, immer wieder zu wiederholen, dass wir uns aus unserer Komfortzone verabschieden und die Realität wahrnehmen und entsprechend handeln sollten. Zwei Jahre lang wurde in dieser einen Betriebskantine fleischlos gekocht, dann knickte die Konzernleitung im August 2023 ein und passte das Angebot an das der anderen "normal" kochenden Kantinen an. Was würde T. C. Boyle dazu sagen? Man kann es nur erahnen.

Ein Freund der Erde ist in der deutschen Version 2001 im Hanser Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Samstag, 14. Mai 2022

# 347 - Wie geht's weiter? 50 Jahre nach dem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome

Der Journalist Franz Alt und der Wissenschaftler Ernst
Ulrich von Weizsäcker engagieren sich seit vielen Jahren für den Umwelt- und Klimaschutz. Mit Der Planet ist geplündert melden sie sich erneut zu Wort.

Es ist allerdings keineswegs so, dass die beiden Experten das Buch gemeinsam geschrieben hätten. Ernst Ulrich von Weizsäcker hat zu den 200 Seiten lediglich 14 beigesteuert, in denen er erklärt, worum es sich beim Club of Rome, dessen Co-Präsident er einige Jahre war, handelt und inwieweit die Prognosen dieses Expertengremiums eingetroffen sind. Sie wurden in einer Studie zusammengefasst, die 1972 unter dem Titel "Die Grenzen des Wachstums, Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit" veröffentlicht wurden. Es handelte sich dabei um einen Ausblick, wie sich die Weltwirtschaft unter Berücksichtigung verschiedener Szenarien entwickeln wird. "Die Grenzen des Wachstums" erregte weltweite Aufmerksamkeit und wurde ein Jahr nach der Veröffentlichung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Franz Alts Schwerpunkt liegt ganz klar auf der Nutzung der Sonnenenergie als unerschöpfliche Ressource. Genau wie den Wind gibt es das Sonnenlicht im Überfluss. Alt erteilt sowohl der Kernkraft als auch der Kernfusion eine Absage und ist ein großer Fan von nachhaltigen Energieprojekten, an denen die Bürgerinnen und Bürger beteiligt sind.
Er beklagt die sich verschärfende weltweite Knappheit von Wasser und dessen Kommerzialisierung, kritisiert das Wachsen der Müllberge, begründet die Notwendigkeit einer Verkehrswende und dringt auf einen wirksameren Tierschutz. Die benannten Probleme und Missstände sind nicht neu und werden seit Langem diskutiert, sie aber so komprimiert präsentiert zu bekommen, sorgt für eine besondere Eindringlichkeit. 

Allerdings geht es Alt nicht nur darum, anklagend den Finger zu heben: Er zeigt Wege auf, die wir beschreiten müssen, um unseren Planeten zu retten. Ein Beispiel ist die Kreislaufwirtschaft (Cradle-to-Cradle-Prinzip), die das Ziel hat, dass keine Materialien verloren gehen und nach dem Nutzungsende eines Produkts weiter- oder wiederverwendet werden können.

Franz Alt streift auch das Thema Aufrüstung und Krieg. Er spricht sich klar gegen ein Wettrüsten aus und baut auf eine Verständigung unter den Staaten, die auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Allerdings wurden die letzten Arbeiten an Der Planet ist geplündert bereits im Januar 2022, also vor dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, fertiggestellt. In einem Interview, das Alt am 1. März 2022 mit dem WDR geführt hat, räumt er jedoch ein, dass sich seine Haltung hierzu angesichts dieser Ereignisse verändert hat.

Das Buch ist geprägt von Alts Nähe zum christlichen Glauben und seiner Affinität zur Spiritualität. Vielleicht ist dies seine Kraftquelle, die ihn dazu befähigt hat, über Jahrzehnte hinweg sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und immer wieder an verantwortliche Personen in Politik und Wirtschaft zu appellieren, sich für die Rettung der Erde und damit der Menschheit einzusetzen. Die Botschaft des Club of Rome ist 50 Jahre alt. Weitere 50 Jahre haben wir nicht mehr, um die Zukunft unserer Kinder und Enkel zu retten.

Lesen?

Der Planet ist geplündert ist ein Parcours durch die drängendsten Themen unserer Zeit. Wie groß die Dringlichkeit ist zu handeln, wird überdeutlich. Schon deshalb ist das Buch zu empfehlen. Ich hätte mir jedoch ein Quellenverzeichnis gewünscht, um einzelne Angaben besser nachvollziehen oder mehr darüber erfahren zu können. Das angefügte Literaturverzeichnis ist interessant, aber kein Ersatz.

Der Planet ist geplündert ist im März 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als Hörbuch 19,99 Euro.

Nachtrag: Das Buch hat einen aufmerksameren Lektor verdient, dem die Doppelung eines Absatzes aufgefallen wäre.

Freitag, 4. Februar 2022

# 335 - So wird sich Deutschland bis 2050 verändert haben, wenn wir nichts dagegen unternehmen

Letzte Woche wurde hier ein Buch vorgestellt, in dem es um einen Ausblick auf die Welt im Jahr 2030 ging, heute reicht der Blick noch weiter: Toralf Staud und Nick Reimer schauen in ihrem Buch Deutschland 2050 - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird noch weiter in die Zukunft.

Womit müssen wir in knapp 30 Jahren rechnen? Wie wird sich das Klima in Deutschland bis dahin verändert haben und welche Folgen hat das genau für unser Leben? Staud ist Journalist und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Klimawandel; Reimer hat Energieverfahrenstechnik studiert, lehrt an der Universität Lüneburg und erhielt vor einigen Jahren den Otto-Brenner-Preis für seinen Blog Klimaluegen-detektor.de.

Wer heute in den sonnigen Süden fährt, um sich dort die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen, kann sich das in Zukunft sparen: Das Durchschnittswetter in Hamburg wird sein wie das heute in Pamplona, in Berlin wird man sich 2050 fühlen wie heute in Toulouse. Ist das nicht prima? Man kann sich die weiten Wege in den Sommerurlaub sparen und bekommt auch in Norddeutschland bequem einen Sonnenbrand.

Nein, diese Aussichten sind nicht das, was wir uns wünschen. Während es im Südwesten Deutschlands bis zum Jahr 2000 an etwa 30 Tagen im Jahr Temperaturen von mehr als 25° C gab, werden es in 30 Jahren 80 Tage sein. Dort wird es Höchsttemperaturen von 45° C geben. Für obdachlose Menschen wird man im Sommer Kühlräume benötigen, Altenheime werden nicht mehr ohne Klimaanlagen auskommen.

Diese und alle weiteren Prognosen haben sich die Autoren nicht aus den Fingern gesogen. Ihre Darstellung basiert auf zahlreichen Studien und Gesprächen mit Wissenschaftlern. Reimer und Staud haben sich u. a. mit Fachleuten für Wasserwirtschaft, beim Deutschen Wetterdienst, Botanikern, Agrar- und Forstwissenschaftlern, Verkehrs- und Energieexperten, Feuerwehrleuten, Soziologen, Klimaforschern und Ökonomen unterhalten und sie nach ihren Einschätzungen befragt.

Auch hinsichtlich der zu erwartenden Niederschläge zeichnen die beiden Autoren ein Zukunftsszenario, von dem wir bereits beispielsweise mit der Überflutung des Ahrtals im Sommer 2021 einen Vorgeschmack bekommen haben. Im Winter wird es viel regnen, im Sommer wenig, dann jedoch vermehrt als Starkregen: Das Wasser reißt Menschen in den Tod und richtet hohe Sachschäden an, aber unsere Grundwasserreservoirs werden kaum aufgefüllt, weil die Wassermengen nicht von den Böden aufgenommen werden können. Die daraus entstehende Wasserknappheit zieht Konflikte nach sich, die sich z. B. zwischen der Industrie, der Landwirtschaft und den privaten Verbrauchern abspielen werden. Ebenso werden starke Stürme immer alltäglicher.

Auch hinsichtlich der öffentlichen Infrastruktur wird es Probleme geben: Da es viel mehr heiße Tage mit sehr hohen Temperaturen geben wird, muss deutlich häufiger mit Zugausfällen wegen verformter Schienen gerechnet werden. Dass an Hitzetagen auch Straßenbeläge schmelzen, haben wir bereits vereinzelt gesehen und werden es künftig immer häufiger erleben.

Reimer und Staud erläutern die Auswirkungen des Klimawandels auch auf weitere Bereiche: Es wird starke Veränderungen im Tourismus geben, wir müssen mit mehr Waldbränden rechnen, 30 % der in Deutschland heimischen Pflanzenarten sind bedroht. 

Eine Fülle von Fakten dient als Grundlage für dieses Buch. Das, was wir beim Lesen als schockierend empfinden, hat jedoch leider nichts mit Übertreibung oder Fiktion zu tun, sondern es ist genau das, was uns erwartet.

Was können wir tun, um diese Entwicklung zu verhindern? Können wir überhaupt noch etwas aufhalten, quasi das Ruder herumreißen? 
Für manches ist es tatsächlich bereits zu spät. Die Menschheit hat so viele Treibhausgase emittiert, dass es zu einer im Vergleich zum Jahr 1881 um etwa 2° C höheren Durchschnittstemperatur gekommen sein wird. Da könnte man natürlich fragen: Ist der Kampf gegen den Klimawandel dann nicht schon verloren? Hat es überhaupt noch Sinn, die bisherige Lebensweise zu verändern?

Das größte Hindernis, wenn es um Verhaltensveränderungen geht, sind wir selbst. Menschen halten gern am Gewohnten fest und können nur schlecht langfristig denken. Wenn es darum geht, das eigene Verhalten an veränderte Gegebenheiten anzupassen, neigen wir dazu, diesen Umstand zu ignorieren und allerlei Gründe herbei zu fabulieren, um an unserer bisherigen Lebensweise festzuhalten.
Ein weiteres Problem, wenn es um Klimaschutzmaßnahmen geht, ist das Verhalten von Politikern: Das, was da eigentlich angestoßen werden müsste, um einen Einfluss auf das Klima zu haben, ist für die Bürgerinnen und Bürger unbequem und darum unpopulär. Die Erfolge von Programmen oder Einschnitten zeigen sich erst dann, wenn diejenigen Verantwortlichen, die sie angestoßen haben, gar nicht mehr an der Macht sind. Das macht sie heute unattraktiv. Und das trotz der eindringlichen Warnung der WHO, dass es bis zum Ende dieses Jahrhunderts mehr Menschen geben wird, die wegen des Klimawandels als aufgrund von Infektionskrankheiten gestorben sind.
Nicht zuletzt ist es die schleichende Entwicklung des Klimawandels, die nicht so plötzlich daherkommt wie eine Pandemie mit in die Höhe schießenden Infektions- und Todeszahlen. Da kann man sich eine ganze Weile einreden, dass "alles nicht so schlimm" ist.

In 14 Kapiteln wird in Deutschland 2050 - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird jeder Bereich unseres Lebens unter die Lupe genommen. Spoiler: Wir werden unser Land in 30 Jahren nicht wiedererkennen, in wirklich jedem Bereich werden sich die Verhältnisse grundlegend verschlechtern. Die beiden Autoren nehmen in ihrer Einleitung bereits vorweg, was nach ihrer Einschätzung und der der o. g. Experten unbedingt nötig ist: "Strenger Klimaschutz rettet also zumindest noch etwas Stabilität. Man könnte sagen, er sichert unser Zuhause, unser Eigentum, unsere Städte. Oder noch kürzer: Klimaschutz bewahrt Heimat. Wer verhindern will, dass Deutschland sich noch stärker verändert, als in diesem Buch geschildert, muss sofort mit dem schärfsten Klimaschutz anfangen, den er sich überhaupt vorstellen kann."

Lesen?

Dieses Buch sollte wirklich jede/r lesen! Es ist sehr gut verständlich, die Schlussfolgerungen wurden sehr gut nachvollziehbar erläutert.

Deutschland 2050  - Wie der Klimawandel unser Leben verändern wird ist 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.