Sonntag, 23. August 2026

# 515 - Last Exit Heidelberg

Man kennt das: Man sitzt in einem Restaurant und der Blick fällt auf ein Paar im Seniorenalter, das vermutlich sein halbes Leben miteinander verheiratet ist. Doch anstatt die Atmosphäre und das Essen zu genießen, schweigen sich die beiden an und sehen aneinander vorbei. Unwillkürlich denkt man: "Du lieber Himmel, ist das trostlos. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann."

Genau so ein Paar sind Isolde und Bertram aus Oldenburg in Heinz Strunks Roman Memories of Heidelberg. Beide sind eher unauffällig, Bertram wird in einem Jahr pensioniert, Kinder scheinen sie nicht zu haben. Als Isoldes Mutter die Familie zu ihrem 80. Geburtstag einlädt, machen sie sich auf den Weg nach Heidelberg, um mit der Seniorin zu feiern. Doch die alte Dame erkrankt schwer und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Aus dem geplanten einwöchigen Urlaub werden regelmäßige Besuche am Krankenbett.

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit buchen sie eine Suite in einem sündhaft teuren Hotel mit Blick auf den Neckar. Doch Bertrams Hoffnungen, dass sich der Nobelschuppen positiv auf ihre Beziehung auswirken könnte, werden enttäuscht. Isolde, die schon vor einiger Zeit klargemacht hatte, dass sie mit dem Sex abgeschlossen hat, ist von ihrem Gatten abwechselnd genervt und enttäuscht. Nur selten flackert in ihrem Verhalten eine Andeutung ihrer Zuneigung zu Bertram auf. Doch das sind nur kurze Episoden. Sie genügen allerdings, um Bertrams Hoffnung zu nähren, dass zwischen ihnen alles irgendwann wieder gut wird.

Die frustrierende Ehe hat bei Bertram Spuren hinterlassen: Das Essen ist zu seiner großen Leidenschaft geworden. Je mehr Fleisch auf dem Teller ist, umso besser. Er isst, wann immer sich eine Gelegenheit ergibt. Bertram macht sich nichts vor: Die Fresserei hat sich unübersehbar auf seinen Körperumfang ausgewirkt. Es fällt ihm immer schwerer, seine 120 Kilo zu bewegen.

Man ahnt es: Das Hotel hält nicht ansatzweise, was sich Isolde und Bertram erhofft hatten. Doch sie halten den nicht vorhandenen Service trotz des hohen Preises aus. Sie halten auch den abendlichen Gang auf ein nahe gelegenes Schiffsrestaurant aus, das von einer italienischen Familie betrieben wird. Bewirtung und Atmosphäre werden Abend für Abend schlechter, aber Bertram lässt sich von seiner Frau immer wieder breitschlagen, ein weiteres Mal dort zu essen. Aus einem Lautsprecher plärrt die immer gleiche Schleife aus Italo-Pop, die - wie ein Ausreißer - vom Schlager "Memories of Heidelberg" gekrönt wird; einem Lied, das 1968 von Peggy March gesungen wurde. Die Situation, die von Anfang an belastend war, eskaliert zu einer Katastrophe, als Bertram alles zu viel wird und er beschließt, zum Gegenschlag auszuholen.

Lesen?

Mit Memories of Heidelberg hat es Heinz Strunk ein weiteres Mal geschafft, eine im Grunde ereignisarme Handlung in einen Pageturner zu verwandeln. Der Roman ist mit rd. 110 Seiten (E-Book) zwar kurz, aber schon bald möchte man die Protagonisten am liebsten schütteln und ihnen zurufen: "Himmel nochmal, macht etwas aus eurem Leben!" Statt dessen blättert man um und denkt: "Du lieber Himmel, ist das eine trostlose Ehe. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann." Genau wie beim Anblick solcher Isolde-und-Bertram-Paare im realen Leben.
Strunk lässt jedoch trotz allem keine Resignation aufkommen, sondern beschreibt die Situation mit Empathie und Humor.

Memories of Heidelberg ist zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert.
Der Roman ist 2026 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Nachtrag
Wem der exzessive Fleischkonsum und die Affinität zu Schlagern bekannt vorkommt: Beides nimmt in Heinz Strunks erstem Roman Fleisch ist mein Gemüse (2004) seinen Anfang.

Sonntag, 16. August 2026

# 514 - Die Geschichte eines antrieblosen Schiffs

Der US-Historiker Ian Kumekawa hat mit Beliebige
Fracht
 ein Buch geschrieben, das sich mit der Globalisierung, der Wirtschaft sowie der unübersichtlichen Welt der Offshore-Transaktionen beschäftigt. Das klingt trocken, ist es aber nicht: Kumekawa stellt ein Schiff in den Mittelpunkt seines Sachbuches, das niemals manövrierfähig war. 

Dieses 1979 in Schweden gebaute Schiff war ebenso wie sein zwei Jahre später fertiggestelltes Schwesterschiff nicht dazu gedacht, als Frachtschiff über die Weltmeere zu fahren. Es entstand in einer Zeit, als es den schwedischen Werften schlecht ging und die Regierung mit massiven Zuschüssen versuchte, die Branche vor dem Absturz zu retten. Ein norwegischer Reeder gab ihren Bau in Auftrag. Das Ziel der Schiffe sollten Ölplattformen in der Nordsee sein. Doch dann kam die Ölkrise und änderte alles. Es begann eine maritime Odyssee an die Küsten der Kontinente.

Das von Kumekawa verfolgte Schiff ist eher ein Lastkahn, der wie ein Ponton funktionierte. Wurde das Schiff an einem Ort benötigt, musste es durch einen Hochseeschlepper oder ein Halbtaucherschiff dorthin gebracht werden. Das Bemerkenswerte ist hier jedoch, dass zwar Container befördert wurden, diese aber nie Ladung enthielten: Sie wurden nur als Unterkunft benutzt. So erklärt sich auch der Titel der englischsprachigen Originalausgabe dieses Buches: Empty Vessels.

Die Geschichte der beiden Schiffe bildet rd. 45 Jahre Weltwirtschaft und die Folgen von Globalisierung und Sozialpolitik ab. Sie waren von Anfang an Spekulationsmasse und dienten in verschiedenen Ländern Soldaten, Strafgefangenen oder VW-Mitarbeitern als Zuhause. Kumekawa erklärt, welche juristischen Winkelzüge bei der Beflaggung von Schiffen eine Rolle spielen und was sie mit der Umgehung von Arbeitsschutzvorschriften, der Höhe der Heuer oder der Entstehung von Briefkastenfirmen zu tun haben.

In neun Kapiteln - eines für jeden Ort, an den das Schiff geschleppt wurde - beleuchtet Kumekawa nicht nur die historischen und wirtschaftlichen Hintergründe seines Liegeplatzes und -zwecks, sondern beschreibt auch, welche Bedeutung es für die Menschen auf ihm und um es herum hatte. Zitat: "Das Schiff hatte sich immer weiter offshore bewegt, weil die Welt insgesamt es auch tat. Man hatte es für die buchstäblichen Wellen des Ozeans gebaut, aber im übertragenen Sinn auch für die Welle des boomenden Offshore-Ölmarkts - und möglicherweise unbeabsichtigt war es so konstruiert, dass es auch auf der noch viel größeren Welle des Offshorings an sich reiten konnte. [...] Und genau das war unser Schiff: ein Werkzeug des multinationalen Strebens, die Grenzen nationaler Souveränität zu überschreiten und an einer neuen, postimperialen Grenzlinie Profite zu machen."

Lesen?

Beliebige Fracht ist eines der anschaulichsten und verständlichsten Bücher, die ich zu den Themen Globalisierung und Neoliberalismus bislang gelesen habe. Die beiden Schiffe wurden abgewrackt, ihre Geschichte ist zu Ende. Die der Globalisierung und des Neoliberalismus' nicht.

Beliebige Fracht ist 2026 bei Harper Collins erschienen und kostet 26 Euro.


Das Schiff diente unter dem Namen HMP Wear vor dem britischen Portland 
von 1997 bis 2005 als Gefängnisschiff.
Quelle: Andrew Bone unter  HMP Weare | Floating prison ship in Portland Port from 1997-… | Flickr




Montag, 3. August 2026

# 513 - Ein Roman mit einem Protagonisten zwischen Wahn und Wirklichkeit

Der Roman Der Graf Luna von Alexander Lernet-
Holenia wurde bereits 1955 veröffentlicht und ist damit über siebzig Jahre alt. Wer ist eigentlich dieser Autor? Hat man schon mal von Alexander Lernet-Holenia gehört?

Das hat man tatsächlich, es ist aber bereits Jahrzehnte her. Der Schriftsteller wurde 1897 in Wien geboren und verstarb 1976. Die Zeit seiner größten Popularität lag zwischen dem Ende der 1920-er und dem Beginn der 1960-er Jahre. Bis zu seinem Tod gehörte er zu Österreichs bekannten Autoren, danach geriet er als gelesener Autor immer mehr in Vergessenheit. Heute ist er vor allem Kennern der österreichischen Literatur ein Begriff.

Doch Der Graf Luna wurde nun von Verleger Albert Eibl gewissermaßen dem Vergessenwerden entrissen. 2014 gründete Eibl in Wien den DVB Verlag, dessen Name sich vom Zweck des Unternehmens ableitet: Das vergessene Buch. Hier veröffentlicht der gebürtige Münchener bislang vergessene Bücher und sagt auf der Verlags-Homepage: "Fernab großartig durchdachter pekuniärer Gewinnerwartungsstrategien sollen im DVB Verlag in den nächsten Jahren weiterhin herausragende Werke der deutschsprachigen Literatur erscheinen, die zu Unrecht vergessen wurden [...]"

Das klingt ambitioniert und interessant, womit ich endlich zu Lernet-Holenias Roman komme.
Im Mittelpunkt steht der wohlhabende Wiener Transportunternehmer Alexander Jessiersky, dessen Reichtum auf dem Vermögen der Mutter und den kompetenten Mitarbeitern seines ererbten Unternehmens beruht. Jessiersky interessiert sich für die Firma nur, weil sie ihm seinen bequemen Lebensstil sichert, und taucht in deren Büros nicht öfter als nötig auf.
Er erlebt die Machtübernahme der Nationalsozialisten und den "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich. Er sieht die Entwicklung kritisch, hält sich aber mit entsprechenden Äußerungen zurück, weil sein Unternehmen von ihr profitiert. 

Es kommt der Tag, an dem ihm seine Direktoren empfehlen, zu Expansionszwecken Ländereien eines Grafen Luna zu kaufen. Jessiersky ist der Vorgang gleichgültig, er lässt ihnen wie immer freie Hand. Doch der Graf will nicht verkaufen, sodass die Direktoren einen anderen Weg gehen: Sie denunzieren den Mann, sodass er verhaftet und ins KZ Mauthausen gebracht wird. Der Weg für die Firmenerweiterung ist frei. Luna wird später in das KZ Ebensee gebracht, einem Außenlager des KZ Mauthausen. Um sein Gewissen zu beruhigen, schickt Jessiersky dem Gefangenen regelmäßig Lebensmittelpakete. Dann verliert sich dessen Spur. Es ist am wahrscheinlichsten, dass er im KZ ums Leben gekommen ist. 
Jessiersky bereut seine Passivität, als er vom Schicksal des Grafen erfährt, aber es gibt kein Zurück. Um sein Gesicht zu wahren, klärt er den Sachverhalt nicht auf. 

Nach dem Krieg, zu Beginn der 1950-er Jahre, meint eines von Jessierskys Kindern, auf einem gerade angeschafften Ölbild, das einen Unbekannten im Harnisch zeigt, den Mann zu erkennen, der ihm im Park mehrmals Süßigkeiten geschenkt hat. Jessierksy ist alarmiert: Der abgebildete Mann hat große Ähnlichkeit mit dem Grafen Luna, den Jessiersky bislang nur auf einem Foto gesehen hat. Er ist sicher: Der totgeglaubte Graf lebt und will sich an ihm rächen.

Lernet-Holenias Geschichte gleitet im Lauf der Handlung immer stärker in Jessierskys wahnhaftes Verhalten ab. Er fühlt sich von dem Grafen verfolgt, will aber für sein Verhalten gegenüber Luna keine Verantwortung übernehmen. Jessierskys Handeln bekommt paranoide Züge und er schreckt auch nicht davor zurück, Menschen zu töten. Als ihm die Polizei auf den Fersen ist, ersinnt er einen Plan, um sich wieder einmal der Verantwortung für seine Taten zu entziehen.

Alexander Lernet-Holenia beschreibt seinen Protagonisten Jessiersky als jemanden, der vom Nationalsozialismus nicht überzeugt, aber ein egozentrischer Mitläufer ist. Mit jeder Handlung, mit der sich der Unternehmer vor Lunas Rache schützen und den Grafen ausschalten will, vollzieht sich ein weiterer Schritt in einen Abwärtsstrudel - auch räumlich. An die Folgen, die sein verblendeter Privatfeldzug für seine Familie hat, denkt er nicht.

Lesen?

Der Roman hat durch Passagen, die Jessierskys fiebrige Suche nach Abstammungen und Adelsgeschlechtern schildern, zwar einige Längen. Letztlich vertiefen diese aber beim Lesen den Eindruck des Wahnhaften in Jessierskys Wesen. Der Graf Luna hält dem klassischen Typus des Mitläufers den Spiegel vor: nicht auffallen, aber sich bietende Vorteile nutzen. Menschen wie Jessiersky begegnet man auch heute immer wieder: Sie sehen Verantwortung nicht bei sich, sondern bei Vorgesetzten, Behörden oder den politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Alexander Lernet-Holenia zeigt, dass Schuld nicht nur durch aktives Handeln, sondern auch durch Unterlassen und Verdrängung entstehen kann.

Der Graf Luna wurde am 3. Juli 2026, dem 50. Todestag von Alexander Lernet-Holenia, bei Das vergessene Buch - DVB Verlag GmbH in einer leicht überarbeiteten Fassung herausgegeben. Es enthält ein ausführliches Nachwort von Prof. Dr. Wynfrid Kriegleder (Universität Wien) über das Leben und Werk von Alexander Lernet-Holenia.
Das Buch kostet als gebundene Ausgabe mit Lesebändchen 26 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.


Samstag, 25. Juli 2026

# 512 - Unter Gästen: kluge Beobachtungen einer Gastwirtstochter

Auf dem Cover steht "Roman", aber Unter Gästen
von Caroline Roger ist nicht das, was man sich unter einem Roman vorstellt: Die schweizerische Autorin blickt in Fragmenten zurück auf ihre Kindheit und Jugend zwischen dem zehnten und fünfzehnten Lebensjahr. 

Ihre Eltern sind selbstständige Gastronomen in einer französisch- und deutschsprachigen Universitätsstadt in der Schweiz, vermutlich in Fribourg. Im Erdgeschoss betreibt die Mutter mit viel Elan ein Bistro, in der ersten Etage der Vater mit deutlich weniger Begeisterung ein französisches Restaurant. Für ein geregeltes Familienleben, in dem die Tochter aufwachsen kann, ist da keine Zeit.

Aber da gibt es eine Art Ersatzfamilie: die Gäste. Caroline Roger vermeidet zwar den direkten Kontakt zu ihnen, fängt aber deren Stimmungen und die Atmosphäre in den beiden Lokalen sehr aufmerksam ein. Sie springt in ihren Beobachtungen von Tisch zu Tisch, achtet auf die Gewohnheiten der Menschen und schreibt über ihr ungewöhnliches Verhalten, ohne es zu bewerten. Sie weiß erstaunlich gut über die Lebensumstände der Gäste Bescheid: Warum trägt die ehemalige Hausmeisterin, die nicht wohlhabend ist, so gern Pelzmäntel? Was hat es mit den Studenten oder den Bürodamen auf sich, die immer in Gruppen das Bistro besuchten? Kann der Fliegenflüsterer tatsächlich mit Fliegen kommunizieren? Haben die Liebespaare ein gemeinsames Leben außerhalb des Bistros?

Caroline Roger wurde 1969 geboren, ihre Erinnerungen entstammen also der Zeit Anfang der 1980-er Jahre. Umso erstaunlicher ist die Toleranz gegenüber Lebensentwürfen, die von dem abweichen, was man damals als normal ansah: Da ist zum Beispiel der Versicherungsvertreter, ein alter Bekannter der Mutter. Er hat geheiratet, eine Familie gegründet und abgewartet, bis seine Kinder erwachsen sind. Dann erst hat er sich zu seiner Homosexualität bekannt und sein Leben umgekrempelt: neuer Partner, neuer Lebensstil, neue Kleidung. Was blieb, war sein Beruf. Was wir nicht erfahren ist, in welchem zeitlichen Zusammenhang das Outing des Mannes zu den ersten in der Schweiz bekannten AIDS-Fällen 1983 stand. Nicht nur in der Schweiz wurden in dieser Zeit Homosexuelle als Schuldige dieser Epidemie angesehen, es wurde unter anderem von einer "Schwulenseuche" gesprochen.

Der Jugendlichen Caroline Roger entgeht auch nicht, was sich in ihrer Familie abspielt. Der aus Hamburg stammende Vater hat sich nie völlig in der Schweiz eingelebt, die in der Familie gesprochenen Sprachen sind eher ein Zeichen für die gegenseitige Entfremdung und erzeugen keine emotionale Nähe. Der Vater kümmert sich nicht um Freundschaften, sondern um Liebschaften. Das Schweigen in der Ehe der Eltern wächst; es ist offensichtlich, in welche Richtung sich ihre Beziehung entwickelt. Die Tochter ist für die beiden nur ein Nebenschauplatz und von der Mutter ohnehin nicht akzeptiert. In einer Episode schreibt Caroline Roger über das Forellen-Aquarium, das ihr Vater in seinem Restaurant aufgestellt hatte, um seinen Gästen frische Forellen anbieten zu können. Doch sein Enthusiasmus hielt nicht lange an: "Das Aquarium ähnelte immer mehr unserem Familienleben. Sein Zustand war verwahrlost und den Blicken aller ausgeliefert, Kunden und Personal. Wie die wenigen Forellen, die in ihrem verlassenen Biotop hin und her schwammen, trieben meine Mutter, mein Vater und ich im Restaurant und im Bistro herum, wobei wir uns so weit wie möglich aus dem Weg gingen, manchmal aneinandergerieten und hofften, dass ein Netz uns aus dieser Kälte, Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit herausholen würde."

Als Caroline Roger in ihren Zwanzigern ist, stirbt die Mutter an den Folgen eines Unfalls. Die Gelegenheit, sich anzunähern und Fragen zu stellen ist dahin. Zu ihrer Beerdigung kommen viele Stammgäste - allesamt Menschen, für die die Mutter immer ein offenes Ohr hatte. Das unterschied die Gäste von der Tochter.

Lesen?

Unter Gästen ist ein berührendes Buch. Caroline Roger hat es geschafft, ihre Situation ohne Selbstmitleid und Groll zu schildern. Die oft nur kurzen Kapitel skizzieren das Warten der Tochter auf die Eltern, viele skurrile Szenen und Persönlichkeiten - und all das mit einer guten Prise Humor. Zwischen den Zeilen nimmt man Melancholie und Bedauern wahr, aber auch Hoffnung. Und es ist von der ersten bis zur letzten Seite sehr gute Unterhaltung, was bei diesem Stoff nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre.

Unter Gästen ist 2026 im Limmat Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Mittwoch, 15. Juli 2026

# 511 - Glaube, Liebe und Hoffnung in Brooklyn

Es ist die Nacht vom 16. auf den 17. August 1986.
Risas Mann Sav kommt volltrunken nach Hause und bedroht seine Frau vor dem gemeinsamen Baby mit einer Pistole. Sav ist als Ehemann und Vater ein Totalausfall: Seine Sprache ist die Gewalt, und er wird immer wieder kriminell. In dieser Nacht hat er einen Laden überfallen und will sich mit seinem Anteil der Beute und seiner Geliebten aus dem Staub machen.

Im Suff verliert er wie so oft die Kontrolle über sich. Risas Schwester Giulia hat die Pistole vor ihrem Schwager versteckt, um eine weitere Eskalation zu verhindern, und Sav würgt sie, um buchstäblich aus ihr herauszupressen, wohin sie die Waffe gelegt hat. Im Affekt schlägt ihm Risa eine gusseiserne Pfanne auf den Kopf, und Sav prallt mit dem Kopf auf der Tischkante auf. Ist er sofort tot oder hätte er gerettet werden können? Diese Frage bleibt unbeantwortet, weil die Schwestern nicht wagen, einen Krankenwagen zu rufen. Der Schlag sowie Risas und Giulias Untätigkeit danach lösen eine Kette von Ereignissen aus, die bis in den Sommer 2004 Wellen schlagen und sich nicht nur auf sie beschränken. Sowohl die Schwestern als auch ein guter Freund, der ihnen hilft, Savs Leiche zu beseitigen, unterschätzen den Wunsch von fast allen Menschen, die eigenen familiären Wurzeln zu kennen und zu erfahren, was sie mit ihren Eltern gemeinsam haben - oder auch nicht. Die Drei schwören einander, für immer über die Umstände von Savs Verschwinden zu schweigen, werden aber in den folgenden fast zwanzig Jahren auf mehrere Proben gestellt.

William Boyle siedelt seinen Krimi Heilige der Narrows Street in Gravesend, einem italienisch-kleinbürgerlichen Arbeiterviertel von Brooklyn, an. Die Menschen sind katholisch und leben eine Art der Frömmigkeit, die eher be- als entlastend wirkt. Das spiegelt sich sogar in dem Namen der örtlichen Kirche wider: Our Lady of Perpetual Surrender (Unsere Liebe Frau der immerwährenden Hingabe) birgt keine große Hoffnung. Unter den Nachbarn gibt es eine ausgeprägte Sozialkontrolle und einen großen, gemeinsamen Traum: So gut wie jede(r) möchte das Viertel verlassen, um ein besseres Leben zu führen. Die Frustration darüber, dass das kaum jemandem gelingt, ist groß und treibt viele in die Kriminalität. Gewalt ist nicht die Ausnahme, sondern Teil des Alltags.

Boyle kennt all das sehr gut, denn er ist selbst in der Nachbarschaft von Gravesend aufgewachsen. Er zeichnet jede Figur authentisch und glaubwürdig, hat aber für Saint of the Narrows Street, wie sein Buch im Original heißt, auf ein klassisches Krimiformat verzichtet. Es gibt kein eindeutiges Gut und Böse, wie man es von den meisten Krimis gewohnt ist: Der verkommene Unsympath Sev kommt durch die Affekttat seiner Frau ums Leben, die immer nur versucht, alles richtig zu machen. Das Mitleid mit dem Toten fällt gering aus.

Lesen?

William Boyle hat ein Buch geschrieben, das durch die Verkettung vieler spannender Einzelszenen von generationsübergreifenden Traumata und Konflikten sowie einer Religiosität, die an der Wirklichkeit zerschellt ist, erzählt. Es gibt keinen Spannungsbogen, sondern ein ständiges Auf und Ab, das dieses Werk zu einem Pageturner macht. 

Heilige der Narrows Street wurde 2026 im Polar Verlag veröffentlicht und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.

Samstag, 4. Juli 2026

# 510 - Dear Britain - Was macht England aus?

Die ehemalige ARD-Auslandskorrespondentin Annette Dittert übernahm im September 2008 die Leitung des NDR-Studios in London und beschäftigt sich seitdem damit, das Land und seine Menschen zu ergründen. Mit ihrem Buch Dear Britain will sie beantworten, was das Lebensgefühl der Briten prägt, was es mit ihrem bekanntlich sehr besonderen Humor auf sich hat und wie die Bevölkerung den Austritt aus der EU sechs Jahre nach dessen Vollzug bewertet. 

In den fast zwanzig Jahren, die Dittert in London gelebt und gearbeitet hat, hat sie sich einerseits zu Hause gefühlt, andererseits aber auch Besonderheiten registriert, die Briten von Deutschen unterscheiden. Und dann ist da noch das spezielle Verhältnis von Engländern, Schotten und Walisern zueinander, das sich von außen nur schwer erschließt.

Miteinander in Kontakt zu kommen, persönliche Gespräche zu führen: Das ist etwas, das Annette Dittert in Jahrzehnten als Journalistin praktiziert hat. Auf diese Weise hat sie sich auch für ihr Buch Menschen genähert, die ihr Auskunft über Dinge gegeben haben, die wir als "very british" empfinden: über die Clubs, die immer noch fast vollständig Männern vorbehalten sind und sich erst seit kurzer Zeit zurückhaltend für weibliche Mitglieder öffnen, das Verhältnis der Briten zum Königshaus, die unterschiedlich stark verfolgten Abspaltungsziele von Schottland und Wales oder das Hinnehmen und Ignorieren von unangenehmen Tatsachen als kulturelle Eigenheit.

Dear Britain ist von der großen Zuneigung Ditterts zu diesem Land durchzogen, die der Grund war, sich um die britische Staatsbürgerschaft zu bemühen. Seit 2025 ist die Journalistin sowohl deutsche als auch britische Staatsbürgerin. Das hält sie jedoch nicht davon ab, die Schwierigkeiten des Landes klar zu benennen und für ihre Leserinnen und Leser anschaulich zu schildern: Sie geht hart mit dem ehemaligen Premierminister Boris Johnson ins Gericht, den sie wegen seiner Rolle rund um den Brexit als "menschliche Abrissbirne" bezeichnet und ihn für die Verschiebung des politischen Diskurses sowie den Zerfall der Tory-Partei verantwortlich macht.

Annette Dittert berichtet von sozialen Verwerfungen, von denen in Deutschland kaum jemand etwas weiß: dem althergebrachten Klassensystem, den desaströsen Folgen der Privatisierung der Wasserversorgung unter Margaret Thatcher, der deutlichen Zunahme der Armut seit dem Brexit (ein Drittel der Kinder ist armutsgefährdet), dem zunehmenden Rassismus oder der Konzentration von Landbesitz auf wenige Eigentümer (über 50 Prozent der Ländereien gehören einem Prozent der englischen Bevölkerung, und nur acht Prozent des Landes können von allen betreten werden). Gleich zu Beginn ihres Buches resümiert sie: "Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum steht es schlecht um die alte Selbstsicherheit und die gelassene Liberalität der Briten. Ihr legendärer Ruf als pragmatisch-rationale Nation ist dahin."

Wir wissen aus den Nachrichten, dass ausgerechnet Nigel Farage, der den Briten bei einem Brexit das Blaue vom Himmel versprochen hat, derzeit in der Wählergunst die Nase vorn hat. Wie kann das sein, dass die Menschen jemanden wählen würden, der sie glatt belogen hat? Annette Dittert spricht über die tiefe Enttäuschung und Wut der Bürger und Bürgerinnen in den Labour-Hochburgen und deren Überzeugung, verraten worden zu sein. Viele Male ist ihr nicht nur dort dieser Satz begegnet: "Wir wissen doch genau, dass Nigel Farage und die Rechten es auch nicht besser können, aber wenigstens jagen sie dann den ganzen Laden in die Luft!" Das ist die Sorte Fatalismus, die uns aus Deutschland bekannt vorkommt.

Lesen?

Annette Dittert erzählt mit viel Empathie und Sachkenntnis über ihre zweite Heimat England. Trotz aller Kritik an der Entwicklung, die das Land seit dem EU-Austritt genommen hat, schreibt sie mit Zuneigung von seinen Menschen (mit Ausnahme von Boris Johnson) und ihren Eigenschaften. Sie macht jedoch deutlich, dass viele Traditionen, die auf den ersten Blick skurril wirken, vor allem dem Erhalt von Macht und Status dienen. 

Nichts hält Dittert jedoch davon ab, London "meine einzige große Liebe" zu nennen, auch wenn es dort Entwicklungen wie zum Beispiel die krasse Gentrifizierung gibt, über die sie sich ärgert. Aber: "Wie in jeder alten Ehe haben wir gute und schlechte Tage miteinander, aber die guten Tage überwiegen bei Weitem." So unterhaltsam, wie sie Dear Britain geschrieben hat, nimmt man das Annette Dittert auf jeden Fall ab.

Dear Britain ist 2026 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Sonntag, 21. Juni 2026

# 509 - 20.150 Kilometer: Mit dem Fahrrad von Freiburg nach Kapstadt

Auf das Buch Immer Richtung Süden von Wiebke
Lühmann wurde ich erst aufmerksam, nachdem ich im Kino den Film Same Sun gesehen hatte. Das, was dort in achtzig Minuten gezeigt wurde, wollte ich auf jeden Fall noch genauer nachlesen: Lühmann erzählt von ihrer Fahrradreise, die im Oktober 2023 im heimischen Freiburg im Breisgau beginnt und erst 20.150 Kilometer und 14 Monate später kurz vor Weihnachten 2024 am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika endet.

Wiebke Lühmann hatte zuvor schon einige lange Radreisen gemacht, aber diese hier sollte sich von ihnen abheben. Die Fahrt war zunächst im Team mit ihrem Lebenspartner geplant, doch kurz vor dem Start zerbrach die Beziehung. Sollte sie nun aufgeben, bevor sie auch nur einen Kilometer gefahren war? Und hatten diejenigen, die sie vor den Gefahren, die auf eine allein reisende Frau warteten, recht? Nach Wochen des Haderns setzt Lühmann der Unsicherheit die Planung entgegen und sie sagt: "Ich benenne die Angst am liebsten um: Respekt. Ich habe viel Respekt vor der Reise."

Lühmann verlässt am 29. Dezember 2023 auf einer Fähre europäischen Boden und setzt nach Tanger über. Jetzt beginnt der Teil der Reise, der die größten Unsicherheiten birgt. Wie werden ihr die Menschen unterwegs begegnen: freundlich oder mit Vorbehalten? Wie gut sind die Straßen und Unterkünfte? Wie lassen sich der Wunsch nach Freiheit und das Alleinsein miteinander vereinbaren? Vor welchen Schwierigkeiten wird sie stehen, von denen sie am Beginn der Reise keine Vorstellung hatte?
"Ich merke, dass ich Afrika als Kontinent einfach voll unterschätzt habe", sagt Wiebke Lühmann im Film.

Wenn wir ehrlich sind, müssen die meisten von uns zugeben, dass es ihnen ähnlich gehen würde: Die Fahrt führt mit einigen Abstechern ins Landesinnere an der Westküste Afrikas entlang - durch Marokko, die Westsahara, Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone, Liberia, Côte d'Ivoire, Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Kamerun, Republik Kongo, Angola, Namibia und schließlich Südafrika. Während uns völlig klar ist, dass in jedem europäischen Land eigene Regeln gelten, haben wir von Afrika ein diffuses Bild und neigen dazu, den Kontinent als homogenes Staatengebilde zu sehen. 

Wiebke Lühmann begegnet unterwegs anderen Radreisenden und schließt sich mit ihnen für kürzere oder lange Etappen zusammen. Die längste Strecke fährt sie mit einem gleichaltrigen Franzosen. Doch die beiden sind sehr unterschiedliche Menschen, sodass die gemeinsame Zeit aus vielen Hochs, aber auch Konflikten besteht. 

Lühmann stellt fest, dass die größte Gefahr in Afrika nicht etwa von Menschen, Schlangen oder Raubtieren ausgeht, sondern von einem Tier, das nur sechs Millimeter groß und zweieinhalb Milligramm leicht ist: der Anopheles-Mücke, die durch ihren Stich Malaria überträgt und damit für jährlich mehr als 600.000 Tote auf dem afrikanischen Kontinent verantwortlich ist. Während sie selbst schon in Deutschland Prophylaxe-Tabletten gekauft hat, sind Menschen in stark betroffenen Gebieten von Hilfsorganisationen abhängig, die Medikamente verteilen. Kommt es zu einer Erkrankung, ist der Krankenhausaufenthalt für die meisten unerschwinglich.

Auf ihrem Weg trifft Lühmann mehrmals auf Spuren des Kolonialismus'. Eindrucksvoll beschreibt sie eine Führung in einem Museum zum transatlantischen Sklavenhandel in Ghana, das sich in einer von Europäern erbauten Uferfestung mit Sklavenverliesen befindet. Der Guide betont am Ende der Führung: "Das hier ist kein Ort des Hasses mehr." Dann fügt er eindringlich hinzu: „Die Verantwortung endet nicht in der Vergangenheit. Sie liegt auch im Heute, in dem, wie wir handeln, wie wir miteinander umgehen, wie wir die Welt gestalten."

Wiebke Lühmann erfährt, welches Privileg es ist, in einem Land zu leben, mit dessen Reisepass 185 Länder und Regionen bereist werden können, ohne dass ein Visum beantragt werden muss. Dort, wo es dennoch nötig wird, ist sie oft vom Wohlwollen der örtlichen Beamten abhängig.

Lühmann erlebt, dass man in Nigeria am Geldautomaten nur so wenig abheben kann, dass es mit der Karte einer deutschen Bank nicht möglich ist: Der Höchstbetrag liegt bei umgerechnet 2,65 Euro. Kein Wunder, denn das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt nur 130 bis 140 Euro pro Kopf.

Die Überquerung des Äquators verläuft unspektakulär, aber danach ändert sich die Landschaft gravierend: Der Regenwald steht dort nicht unter Naturschutz. An die Stelle von üppiger Vegetation treten "gerodete Flächen mit verbrannter Erde und [wir] sehen kahle, graue Baumstümpfe, die wie abgebrochene Zähne aus dem Boden ragen. Lange, voll beladene Lkw mit riesengroßen Baumstämmen donnern an uns vorbei. Holz, das hier nachhaltig fehlt.” Und sie sagt: „Die Trockenheit ist überall sichtbar und spürbar. Eine der dramatischen Folgen der Abholzung. Die Lebensgrundlage schwindet und man kann dabei zuschauen. Das Kongobecken, der zweitgrößte Regenwald der Welt, das Tonnen von Kohlenstoff bindet, wird immer kleiner."

Lesen?

Immer Richtung Süden ist ein spannender Bericht, in dem Wiebke Lühmann neben den schönen Erlebnissen und Eindrücken schonungslos auch über ihre Ängste, ihre phasenweise Verzweiflung und den spontanen Entschluss schreibt, die Reise abzubrechen und nach Hause zu fliegen. Die Tour hat sie nicht nur körperlich, sondern auch emotional an ihre Grenzen gebracht. Rückblickend schreibt sie: "Ich habe nach Freiheit gesucht, wollte Unabhängigkeit finden. Doch jetzt spüre ich ein Gefühl besonders stark: Verbundenheit. Zu Menschen, zu Ländern, zu Dörfern, zur Natur. Was mich durch die Reise getragen hat, ist das Wissen, dass ich connected bin. Dass ich nicht alles allein schaffen muss. Dass ich gern helfe, gern da bin, gern verstehe. Aber dass ich genauso auch Hilfe und andere Menschen in meinem Leben brauche, die mich verstehen. Dass wir als Gesellschaft einander brauchen. Und dass wir alle gewinnen, wenn wir einander zuhören, verstehen lernen und da sind.”

Eine Erkenntnis, die wir uns zu eigen machen sollten.

Immer Richtung Süden ist 2026 im Delius Klasing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,90 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.



Freitag, 12. Juni 2026

# 508 - Das skurrile Tagebuch einer Bibliothekarin

Neunzehn Jahre nach der Veröffentlichung des Romans
The Incident Report von Martha Baillie und zwei Jahre nach dessen Verfilmung ("Darkest Miriam") erschien das Buch nun auch auf Deutsch: In Besondere Vorkommnisse arbeitet die 35-jährige Miriam Gordon in einer öffentlichen Bibliothek in Toronto. Von ihrer Vorgesetzten wird sie gebeten, alle besonderen Vorkommnisse auf einem Formblatt zu protokollieren. Das tut Miriam, und zwar 144 Mal. 

Eine Bibliothek ist ein vielversprechender Schauplatz für einen Roman. Tag für Tag treffen dort Menschen aufeinander, die sich sonst kaum begegnen würden. Es gibt Stammgäste und zufällige Besucher, eigenartige Anliegen, kleine Konflikte und gelegentlich Situationen, die aus dem Rahmen fallen. Miriam hält sich nicht an die Vorgaben des Vordrucks, sondern erstellt Fließtexte über die Vorkommnisse, die sie in ihrer Schreibtischschublade aufbewahrt. 

Die Ausgangsidee hat ihren Reiz. Aus den nüchternen Aufzeichnungen könnte sich allmählich ein vielschichtiges Bild der Bibliothek und der Menschen ergeben, die sie nutzen. Auch Miriam selbst, die zunächst eher beobachtet als handelt, könnte nach und nach Konturen gewinnen. Doch das gelingt nur begrenzt. Die einzelnen Episoden bleiben häufig emotionslos. Statt einer lebendigen Atmosphäre entsteht der Eindruck eines weitgehend leblosen Ortes, an dem zwar einiges geschieht, aber nur wenig davon wirklich berührt.

Das liegt auch an der fragmentarischen Form des Romans. Die kurzen Berichte, die manchmal nur wenige Worte beinhalten, reihen sich aneinander, ohne einen wirklichen Sog zu entwickeln. Ein Spannungsbogen ist kaum erkennbar. Zwar gibt es rätselhafte Briefe, die mit „Rigoletto“ unterzeichnet sind, und Miriam begegnet dem slowenischen Taxifahrer und Künstler Janko, mit dem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Doch auch diese Elemente tragen die Handlung nicht. Sie wirken weniger wie selbstverständlich aus der Geschichte hervorgegangene Entwicklungen als wie Versuche, dem Roman mehr Tiefe und Spannung zu verleihen.

Manches erscheint konstruiert. Einige Figuren und Begegnungen wirken nicht wie Beobachtungen aus einem tatsächlichen Bibliotheksalltag, sondern wie gezielt platzierte Bestandteile eines literarischen Konzepts. Der Roman möchte offenbar von Einsamkeit, Verletzlichkeit und der vorsichtigen Annäherung zweier Menschen erzählen. Doch weil die Figuren auf Distanz bleiben, gelingt das nur begrenzt.

Auch die lakonische Erzählweise trägt dazu bei, dass kaum Nähe entsteht. Sogar als eine Katastrophe passiert, die Miriams Leben erschüttert und ihre Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Partner vernichtet, behält sie ihre nüchterne Erzählweise bei. Nur an der Entscheidung, was sie in ihrem Leben ändern will, ist abzulesen, wie sehr Miriams Leben aus den Fugen geraten ist. Nüchternheit kann einen besonderen Reiz haben, wenn hinter ihr eine spürbare Spannung oder eine untergründige Intensität liegt. In Besondere Vorkommnisse führt sie jedoch über weite Strecken dazu, dass die Handlung trotz aller Skurrilitäten gleichförmig wirkt. 

Lesen?

Besondere Vorkommnisse beruht auf einer interessanten Idee, konnte mich aber nicht überzeugen. Die Atmosphäre bleibt leblos, ein tragfähiger Spannungsbogen fehlt, und mehrere Handlungselemente wirken zu deutlich konstruiert. Wer experimentelle, stark fragmentierte Romane schätzt, kann dem Buch wahrscheinlich mehr abgewinnen. Für mich blieb es trotz seines ungewöhnlichen Schauplatzes distanziert.

The Incident Report stand 2009 auf der Longlist des renommierten und hochdotierten kanadischen Giller Prize.

Besondere Vorkommnisse erscheint am 20. August 2026 im Klaus Wagenbach Verlag und kostet 24 Euro.

Freitag, 5. Juni 2026

# 507 - Wer hat was gesagt und warum?

Wer etwas auf seine Bildung hält und das auch seinen
Mitmenschen zeigen will, neigt oft dazu, bekannte Persönlichkeiten zu zitieren. "Der Weg ist das Ziel" ist ein beliebter Motivationsslogan bei Coachings und geht auf den chinesischen Gelehrten Konfuzius zurück, der diesen Ausspruch vor 2.500 Jahren getan haben soll. Zumindest sagen das seine Schüler, die viele seiner klugen Sätze in den Analekten niedergeschrieben haben. Konfuzius hat selbst jedoch gar nichts selbst verfasst. Stammt dieses Zitat also tatsächlich von ihm? 

Das weiß man genauso wenig wie bei den Zitaten, die dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben werden, der es mit dem Schreiben genauso wenig hatte wie sein chinesischer Kollege: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" gehört zu den bekanntesten Aussprüchen, die Sokrates' Schüler Platon eifrig mitgeschrieben hat, allerdings in der Originalversion. Sokrates war wegen des Vorwurfs, ein gottloser Wortverdreher zu sein und die Jugend zu verderben, 399 v. Chr. vom Athener Volksgericht angeklagt worden. In seiner Rede grenzte er sich von sogenannten Experten ab, die seiner Ansicht nach nur über Meinungen, aber nicht über Fachwissen verfügten: "Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen." Das kam beim Gericht gar nicht gut an, das Todesurteil gegen Sokrates war schnell gesprochen.
Dieser lange Satz taugte allerdings nicht dazu, als griffiges Zitat unsterblich zu werden. Für ein handhabbares Format sorgte 350 Jahre später der römische Politiker und Philosoph Cicero in seinem Werk "Academica", in dem er über Sokrates schreibt, dass dieser "selbst nur das eine wisse, dass er nichts weiß". Voilà, der leicht zu merkende Satz ist seitdem in der Welt. 

Der Historiker Christoph Marx hat in seinem Buch 100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten Zitate von Philosophen, Theologen, Universalgelehrten, Königen und Kaisern, Dichtern, Musikern, Politikern und vielen anderen gesammelt, von denen wir die meisten kennen, aber oft nicht wissen, was mit ihnen ursprünglich gemeint war. Marx schlägt dabei in fünf Kapiteln chronologisch den Bogen von der Antike ab etwa 600 v. Chr. bis ins Jahr 2015 mit dem Zitat des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." 
"Die Bevölkerung" war nach diesen Worten erst recht verunsichert: Es ging um die kurzfristige Absage des Fußball-Länderspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover wegen einer Terrorwarnung - nur dreieinhalb Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt. Der Minister wollte die Bevölkerung beruhigen, hatte mit seiner kryptischen Wortwahl aber genau das Gegenteil erreicht. Alle fragten sich, was denn nun eigentlich los ist.

Konfuser, als ich das für möglich gehalten hatte, ist die Quellenlage für den Ausspruch "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Wahrscheinlich würden die meisten auf die Frage nach dem Urheber "Helmut Schmidt!" sagen, aber interessanterweise ist das nicht belegt. Marx schreibt, dass sich dieses Zitat in keinem Dokument als von Schmidt stammender O-Ton findet. Auch Schmidt konnte sich nicht erinnern, wann er diesen Satz gesagt haben sollte. Forscht man nach, kommt man zu dem Ergebnis, dass er erstmals 1988 in einem österreichischen Magazin abgedruckt wurde. Die beiden Autoren des Artikels berichteten über eine Anekdote, die während eines SPÖ-Parteitags unter Delegierten kursiert habe:

  • Fischer (damaliger SPÖ-Fraktionsvorsitzender und späterer österreichischer Bundespräsident): „Die SPÖ braucht Visionen.“
  • Vranitzky: „Wer Visionen hat, braucht an Arzt.“

Entscheidend war die Einleitung: Es habe sich um einen „angeblichen Dialog“ zwischen Heinz Fischer und dem damaligen SPÖ-Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Franz Vranitzky gehandelt. Vranitzky stritt allerdings immer ab, diesen Ausspruch je gesagt zu haben.

Lesen?

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten liest sich sehr interessant. Christoph Marx versteht es, seinen Leserinnen und Lesern unterhaltsam die Herkunft und (ursprüngliche) Bedeutung von Zitaten zu vermitteln. Am Ende des Buches kann man von sich sagen: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten ist 2026 im Dudenverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 24 Euro.

Freitag, 29. Mai 2026

# 506 - Radreisen mit dem E-Bike

E-Bikes werden immer beliebter: Seit 2023 liegen ihre Verkaufszahlen höher als die von Fahrrädern ohne Motorunterstützung, und schon seit 2020 werden von ihnen jährlich um zwei Millionen Stück verkauft.

Grund genug für die Stiftung Warentest, einen Ratgeber zu veröffentlichen: Radreisen mit dem E-Bike. Der Journalist und begeisterte Radfahrer Jan Wittenbrink schreibt nicht zum ersten Mal über sein Lieblingsthema, doch hier geht es ausschließlich um Fahrräder mit Unterstützung durch einen Elektromotor. Er weist zu Beginn ausdrücklich auf die Unterschiede zwischen E-Bikes, Pedelecs und S-Pedelecs hin. Da sich jedoch die Verwendung des Begriffs E-Bike im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat, wird er von Wittenbrink hier ebenfalls verwendet.

Das Buch wendet sich in den ersten Kapiteln an alle, die sich für den Kauf eines E-Bikes interessieren und noch nicht wissen, wo sie ihren Schwerpunkt setzen und worauf sie bei der Auswahl achten sollten. 

In den darauf folgenden Abschnitten wird genau erläutert, wie man sich auf eine Radreise gut vorbereitet: Welche Kleidung wird benötigt? Welche Fahrradtaschen sind sinnvoll? Worauf muss ich achten, wenn ich mein Fahrrad diebstahlsicher abstellen will? Was gehört zur Ausrüstung, wenn unterwegs nicht im Hotel übernachtet, sondern gezeltet werden soll? 

Jan Wittenbrink hat seine ganze Erfahrung in dieses Buch gelegt und gibt seinen Leserinnen und Lesern viele hilfreiche Tipps und Hinweise. Was er schreibt, kann bei der eigenen Reiseplanung Stück für Stück abgearbeitet werden - von A wie Abfahrt, Checks vor der bis Z wie Zwischenwegweiser bleibt nichts unbeantwortet. 

Im letzten Kapitel schlägt Wittenbrink Gegenden oder ausgewählte Radrouten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen im europäischen Ausland vor, die sich gut für eine Radwanderung eignen. 

Lesen?

Radreisen mit dem E-Bike ist ein übersichtlich strukturierter Ratgeber, der hilft, falsche Kaufentscheidungen und Planungspannen zu vermeiden. Zahlreiche Fotos und Grafiken tragen zum Verständnis bei.

Radreisen mit dem E-Bike ist 2026 bei der Stiftung Warentest erschienen und kostet als Klappenbroschur 29,90 Euro.

Samstag, 23. Mai 2026

# 505 - Können wir ändern, wer wir sind?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Rachel Khong einen Teil
ihrer Familiengeschichte und ihres Lebensgefühls in ihren Roman Real Americans eingeflochten hat: Als Kind chinesisch-malaysischer Eltern kam sie als Zweijährige von Malaysia in die USA. 2024 sagte sie in einem Interview: "Wann immer meine Familie nach Malaysia zurückkehrte, um Verwandte zu besuchen, fühlte ich mich fremd, da ich weder Malaiisch noch die Dialekte meiner Familie sprechen konnte; ich hatte nie das Gefühl, dazuzugehören."

In ihrem Roman geht es ebenfalls um Migration und die Probleme, die damit verbunden sind. Allerdings ist diese Geschichte eines in die USA eingewanderten chinesischen Paares und seiner dort geborenen Tochter Lily eine besondere.

Rachel Khong beginnt ihre Erzählung im Jahr 1999. Lily ist 22, praktisch mittellos und macht ein unbezahltes Praktikum in der Medienbranche. Sie lernt den reichen und gutaussehenden Matthew kennen und nimmt wahr, dass er das verkörpert, was man im Allgemeinen als "typisch amerikanisch" ansieht, obwohl sie selbst ebenfalls dort geboren wurde - jedoch aufgrund ihres Aussehens als Chinesin wahrgenommen wird, obwohl sie die Sprache nicht spricht.

Matthew und Lily heiraten und werden Eltern eines Sohnes: Nick, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Vater und sogar dessen Vater hat. 

Die Handlung springt ins Jahr 2021. Lily und Matthew haben sich vor langer Zeit getrennt und keinen Kontakt mehr. Nick ist auf Vashon Island in der Nähe von Seattle bei seiner Mutter aufgewachsen und hat keine Ahnung, wer sein Vater ist. Zwischen Matthews Zuhause in New York und ihnen liegen mehr als zweieinhalbtausend Kilometer. Die beiden schlagen sich finanziell durchs Leben, es reicht immer irgendwie. Auch zu Lilys Eltern gibt es keine Verbindung. Immer, wenn die Rede auf die Kontaktabbrüche kommt, hüllt sich Lily in Schweigen. Da kommt Nicks bester Freund auf eine Idee: Ein Gentest könnte ihn zu seinem Vater führen. Ohne seine Mutter einzuweihen, schickt Nick eine Probe in ein Speziallabor. Das Ergebnis ist der Beginn einer Annäherung zwischen Vater und Sohn, die alles andere als linear verlaufen wird.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Geschichte von Lilys Eltern. Charles und May sind Wissenschaftler, die vor dem Mao-Regime in die USA geflohen sind und dort zufällig auf einen reichen Mann stoßen, der auf dem Gebiet der Genetik Großes erreichen will. Diese Bekanntschaft ist Ausgangspunkt und Schlüssel für eine ungewöhnliche Familiengeschichte, in der Geschäftspartner durch einen Zufall Teil derselben Familie werden, obwohl zwischen ihnen tiefe kulturelle und soziale Gräben liegen. Rachel Khong schickt Nick und May ins Jahr 2030 und begleitet sie, die sich bislang völlig fremd waren, bei ihrer Annäherung.

Lesen?

Rachel Khong hat mit Real Americans viele Aspekte angerissen, die nachdenklich machen: Was macht einen "echten Amerikaner" aus? Wo sollten die Grenzen der künstlichen Befruchtung sein? Wie wirkt sich die kulturell geprägte Erziehung auf das Leben der nachfolgenden Generationen aus? Was sind Menschen bereit zu tun, um in einem unmenschlichen System zu überleben?

Der Roman ist ein Pageturner, weil er so völlig unvorhersehbar ist, dass die Leserinnen und Leser von den Wechselfällen, die Khongs dramatische Erzählung durchziehen, gefesselt werden.

Real Americans ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.


Freitag, 8. Mai 2026

# 504 - Geld als Waffe

Der Krieg - das ist ein Thema, das viele Menschen gern
ausblenden würden. Der Krieg ist: Tod, Zerstörung, unendliches Leid. Zum Krieg gehören: Militär, Politik, Demokratie und - Geld.

Damit sind jedoch nicht die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen gemeint. Gemeint ist, dass sich am Geld entscheidet, wie Kriege beendet werden. Die ökonomische Sicht auf Kriege bringt die Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch Geld als Waffe näher.

Ulrike Herrmann beschränkt sich auf zwei Bedrohungsszenarien: Chinas Wunsch, Taiwan zu annektieren, und Putins Plan, Europa zu bedrohen. Sie erläutert in zwei ausführlichen Kapiteln die Hintergründe für die Kriegsbereitschaft der beiden Länder und deren wirtschaftliche Möglichkeiten, Kriege zu führen und in ihrem Sinne zu einem Erfolg zu führen.

Die Betrachtung Russlands beginnt bereits in der Zeit der Mongolenherrschaft, erläutert dann das "Erfolgsmodell" der faktischen massenhaften Volksversklavung während des Zarenreichs und führt über den Bolschewismus und den Stalinismus bis zur Herrschaft von Putin. Herrmann schildert Putins Aufstieg, die politischen Strukturen Russlands und die Fallstricke, die der vom russischen Präsidenten angezettelte Krieg gegen die Ukraine birgt. Sehr einleuchtend erläutert sie, warum Putin diesen Krieg so schnell nicht beenden wird und zieht eine Parallele zum Beginn der Napoleonischen Kriege 1803: Obwohl mehr als 200 Jahre zwischen diesen Kriegen liegen, sind wirtschaftliche Überlegungen sehr wichtige, wenn nicht sogar ausschlaggebende Gründe, die Kriegshandlungen am Leben zu erhalten. Sowohl Napoleon als auch Putin befanden bzw. befindet sich in einem Dilemma. "Erst im Frieden zeigt sich, wie teuer ein Krieg war" bringt es auf den Punkt.

Auch der chinesische Staatschef Xi Jinping steht vor größeren ökonomischen Problemen, als man auf den ersten flüchtigen Blick auf die Wirtschaftsdaten seines Landes glauben würde. Auch hier geht Ulrike Herrmann weit in die Geschichte des Landes zurück, bis zur Gründung des chinesischen Kaiserreichs im Jahr 221 v. Chr. Wie schon bei der Darstellung der Geschichte Russlands sind Grundkenntnisse der chinesischen Geschichte wichtig, um Kultur und Denkweise wenigstens näherungsweise zu verstehen. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in China macht es Xi schwer, den unausgesprochenen Pakt zwischen der Regierung und der Bevölkerung einzuhalten: Die Regierung versprach die fortschreitende Verbesserung des Lebensstandards, wirtschaftliche Stabilität sowie Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Im Gegenzug akzeptierte die Bevölkerung die uneingeschränkte Führungsrolle der Kommunistischen Partei, eine strenge Internetüberwachung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und kaum politische Teilhabe. Doch die Versprechen können nicht mehr eingehalten werden, die Anzeichen für die Unzufriedenheit der Menschen nehmen zu. Ein Krieg gegen Taiwan, unterfüttert mit der passenden Propaganda, könnte geeignet sein, von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Diese Logik ist nicht neu und war in der Vergangenheit immer wieder ein Auslöser für einen Krieg. Sollte China tatsächlich Taiwan angreifen und das Land einnehmen, "hätten die Amerikaner ihren Status als Supermacht verloren und Peking könnte mühelos noch weitere Gebiete in Südostasien erobern oder unter seine Kontrolle bringen". Die Welt, wie wir sie kennen, wäre eine andere.

Herrmann macht sich Gedanken über das Drohpotenzial von Atomwaffen und die Risiken, die ein atomarer Angriff für die Angegriffenen und Angreifer hätte und erläutert, was es mit "schmutzigen Bomben" auf sich hat. Doch trotz dieser gefühlt großen Bedrohung sagt sie: "Die Wirkungsmacht dieser ökonomischen Waffen [Anm.: Sanktionen, Blockaden, Finanzmarkt-Manipulationen, Zurückhalten wichtiger Rohstoffe] entscheidet, wie viel Militär in einem Krieg noch gebraucht wird." 

Nach Ansicht von Ulrike Herrmann führt kein Weg an der Aufrüstung Europas vorbei. Diese Entwicklung wird ihrer Meinung nach zu einem geänderten Selbstverständnis der EU führen: "[...], diese Militärausgaben werden die EU für immer verändern: Europa ist auf dem Weg, zu einem echten Staat zu werden. Heute ist die EU eine Union selbstständiger Länder, künftig wird sie sich zu einer Art Föderalstaat entwickeln, in dem die einzelnen Nationen zwar noch formal eigenständig sind - aber sehr eng kooperieren."

Lesen?

Geld als Waffe gibt einen sehr guten Überblick, was unter einer sog. Kriegswirtschaft zu verstehen ist. Herrmann verbindet die aktuellen Schlagzeilen mit historischen Betrachtungen und macht immer wieder Exkurse zu praktischen Fragen, die sich in einem Krieg stellen: Wie können Fabriken weiterarbeiten? Woher kommen die Vorprodukte? Und was passiert, wenn diese Systeme zusammenbrechen?

Zum Verständnis von Herrmanns Erläuterungen sind spezielle wirtschaftswissenschaftliche Vorkenntnisse nicht nötig. Das Buch fügt sich in die aktuelle Debatte über Resilienz, Verteidigungsausgaben und die damit zusammenhängenden Zielkonflikte ein, die entstehen, wenn Sicherheit sowohl als militärisches als auch wirtschaftliches Projekt erkannt wird.

Ulrike Herrmanns Ausblick hat trotz der Düsternis des Themas einen positiven Grundtenor: "Putin wollte Europa spalten, doch dürfte er das Gegenteil erreichen und den Kontinent einen. Europa wird stärker, nicht schwächer."

Geld als Waffe ist 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro. 

Freitag, 24. April 2026

# 503 - Mallorca in der "schönsten" Zeit des Jahres

Till Raether ist als Sachbuchautor und Verfasser der bislang siebenteiligen Krimi-Reihe um Kommissar Adam Danowski bekannt. Mit Meeresdunkel 
veröffentlicht er seinen ersten Thriller.

Raether siedelt die Handlung auf Mallorca an. Die Cala Santanyi im Südosten der Insel ist klein, aber malerisch und bei Touristen beliebt. An ihrem Ufer reihen sich Apartmentanlagen, Hotels und auch Privathäuser aneinander. Auch das Haus, in dem sich der Großteil der Handlung abspielt.

In den Herbstferien, wenn es in Deutschland schon kühl ist, lässt sich der Sommer auf Mallorca gut verlängern. Das denken sich auch zwei Hamburger Familien. Jede von ihnen bucht unabhängig voneinander für eine Woche ein etwas abgerocktes Ferienhaus, das es dafür zu einem Spottpreis gibt. Der Haken: Vor Ort stellt sich heraus, dass die Unterkunft doppelt vergeben wurde. An einen Umzug ist nicht zu denken: Mallorca ist ausgebucht.

Die fünf Erwachsenen und drei Kinder arrangieren sich mit der ungewohnten Situation. Alles, was während des Urlaubs passiert, wird aus der Sicht des 8-jährigen Juri, seines Vaters Samuel sowie der Mutter der zweiten Familie, Henrike, erzählt. Man erfährt, dass es in den Ehen kriselt und erlebt mit, dass durch die Selbstüberschätzung des einen Vaters beinahe eine Katastrophe passiert, bei der es Tote hätte geben können. 

Bis zu diesem Zeitpunkt - etwa der Hälfte des Buches - ist die Atmosphäre vergleichsweise entspannt. Doch der Vorfall reißt die ersten Gräben auf. Der Urlaub ist jetzt bereits verpfuscht, aber es kommt noch dicker: Im Haus liegt Henrikes Bruder ermordet auf dem Tisch. Wer ist dafür verantwortlich und aus welchem Grund? Die Polizei zu holen, ist keine Option: Über Mallorca bricht ein schweres Unwetter herein, das es Polizei und Rettungskräften unmöglich macht, jedem Notruf nachzugehen - sofern überhaupt Notrufe abgesetzt werden können, denn auch Telefon- und Internetverbindungen sind unterbrochen. Die Gruppe muss einen Weg finden, mit der Situation zurechtzukommen und ahnt noch nicht, dass sich ein alter Mann auf dem Dachboden versteckt hat. Was hat er in diesem Haus zu suchen?

Lesen?

Meeresdunkel ist interessant geschrieben, für einen Thriller fehlt aber eine Portion Thrill. Raether rollt eine Familiengeschichte auf, von der die meisten Hausbewohnerinnen und -bewohner bis zu diesem Urlaub nichts geahnt haben. Nach und nach wird klar, dass ihr Zusammentreffen kein Zufall gewesen ist.

Aber nicht alles an der Handlung ist überzeugend. Dazu gehören die charakterlichen Beschreibungen einiger Personen sowie ihre manchmal nicht nachvollziehbaren Reaktionen. Das Ende ist überraschend, von einem großen Zufall bestimmt und macht den Eindruck, als wollte Raether eine Fortsetzung vorbereiten.

Meeresdunkel ist 2026 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 18 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Donnerstag, 16. April 2026

# 502 - Eine Familie voller Enthusiasten

Markus Orths erschafft für seinen neuen Roman Die
Enthusiasten
die fünfköpfige Familie Bär: die Geschwister Vincent, Elfie und Marcellus sowie die Eltern, die ihrer Funktion entsprechend nicht mit ihren Namen benannt, sondern als Mutter und Vater angesprochen werden.

Jede freie Stelle des Elternhauses ist mit Bücherstapeln bedeckt, die Eltern horten im großen Stil antiquarische Bücher, für die der Vater immer neue Abstellflächen erschafft. Das Familienheim hat eine so verwunschene Atmosphäre, dass es von den Bärs als Hexenhäuschen bezeichnet wird. Sprechen die Bücher miteinander? Der Vater, der sein Leben lang als Schriftsetzer gearbeitet hat, und die Mutter, die eine Quelle fantasievoller Geschichten ist, würden diese Vermutung bestätigen.

Doch eines Tages verschwindet die Mutter von einem Tag auf den anderen. Ist sie aus freien Stücken gegangen? Wurde sie Opfer eines Verbrechens? Auf diese Fragen wird es bis zur letzten Seite keine Antwort geben. Klar ist jedoch: Die Abwesenheit der Mutter ist eine traumatische Zäsur für die Kinder und ihren Vater. Die individuellen Interessen, die in ihnen allen angelegt waren, nehmen schnell fanatische Züge an: Der Vater führt literarische Statistiken, Marcellus steigert sich in seine Filmliebe hinein, Elfie jagt der Dunklen Materie hinterher und Vincent, die zentrale Figur in diesem Roman, entdeckt seine Liebe zu Laurence Sterne, einem weltberühmten Autor des 18. Jahrhunderts.

Vincents Obsession beschränkt sich nicht auf Sternes bekannte neun Bücher; mit zwei weiteren Sterne-Fans pflegt er die Idee, dass es noch ein zehntes Buch geben müsse, das irgendwann verloren gegangen ist. 
Die Situation eskaliert, als sich die drei Sterne-Anhänger anlässlich des 250. Geburtstags ihres Idols an seinem Grab im britischen Coxwold zusammenfinden. Sie besuchen das Dorf jedes Jahr, doch diesmal ist etwas anders: Ein Unbekannter bietet ihnen Sternes ersehntes zehntes Buch zum Kauf an und verlangt 150.000 Pfund. Mit Abschriften zweier Kapitel zerstreut der Fremde die letzten Zweifel an der Echtheit des Werkes. Doch die Drei können den Betrag nicht aufbringen. Aber wo kein Geld ist, hilft vielleicht Gewalt weiter: Vincent steigert sich derart in den Wunsch hinein, das zehnte Buch zu besitzen, dass er zu allem bereit ist.

Lesen?

Die Enthusiasten ist ein Fest für Fans von Wortspielereien und -verfremdungen. Immer wieder reihen sich über längere Passagen Absurditäten aneinander, die nur den Sinn haben, mit Sprache zu jonglieren. Der Kern der Handlung erschließt sich jedoch erst im letzten Zehntel des Romans: Orths blickt in eine Zukunft, in der Literatur auf anderen Wegen erstellt wird als heute, und lässt das Für und Wider eines solchen Szenarios von Vincent und dem Fremden ausdiskutieren. Wer die Entwicklung des schriftstellerischen Schreibens in den letzten Jahren verfolgt hat, ahnt, was gemeint ist.

Orths Buch hat leider Längen, die vermeidbar gewesen wären. Manche Sprachspiele wirken sehr gewollt und ausufernd, an etlichen Stellen wird der Zufall überstrapaziert und die Logik ignoriert. Wenn man damit leben kann, diese Abschnitte nur quer zu lesen, hält man gute Unterhaltung in den Händen.

Der Verlust der Mutter, der immer wieder betrauert wird, führt nicht dazu, dass sich die Familie ernsthaft um die Aufklärung ihres Verschwindens bemüht. Es ist irritierend, dass das Fehlen derjenigen Person, um die zuvor das Familienleben kreiste, jahrzehntelang nur melancholische Apathie und keine Aktivität auslöst.

Die Enthusiasten ist 2026 im Galiani Verlag, einem Imprint des Verlags Kiepenheuer & Witsch, erschienen. Die gebundene Ausgabe kostet 24 Euro, das E-Book 19,99 Euro.


Dienstag, 7. April 2026

# 501 - Was bleibt von unserem Leben?

Die Genealogie, also das Erforschen unserer
Ahnenreihe, ist seit etlichen Jahren beliebt. Mithilfe von speziellen Plattformen lassen sich technisch einfach Stammbäume herstellen; für zahlende Besucher werden außerdem Services angeboten wie zum Beispiel das Verknüpfen mit Stammbäumen anderer angemeldeter Nutzer.

Doch diese Art, seinen Vorfahren nachzuspüren, hat einen Nachteil: Man erfährt deren Namen sowie Geburts- und Sterbedaten, mit etwas Glück gibt es noch ein Porträtfoto, aber was unsere Großeltern, Großtanten etc. gedacht, erlebt und erlitten haben geht aus solchen Darstellungen nicht hervor. Die Leben bleiben eindimensional.

Der Journalist Henning Sußebach ist bei der Erforschung des Lebens seiner Urgroßmutter Anna anders vorgegangen. Er hat für sein Buch Anna oder: Was von einem Leben bleibt überlieferte Erzählungen aus dem Familienkreis gesammelt, nach Dokumenten gesucht und die relevanten Ereignisse in ihren Wohnorten, Deutschland und der Welt wie eine Schablone auf das gelegt, was er über Anna Raesfeld, geborene Kalthoff, verwitwete Vogelheim in Erfahrung gebracht hatte.

Doch wie war sie denn nun, die für Sußebach unbekannte Urgroßmutter? Sie wurde 1866 geboren, hatte ab 1887 eine Stelle als Dorfschullehrerin im sauerländischen Cobbenrode, heiratete dort zwei Mal, stieg zu einer wichtigen Person des Orts auf und wurde erst spät Mutter. Für fast jeden dieser Meilensteine hat sie Konventionen gebrochen und sich über die damals noch wirkmächtigen konservativen Vorstellungen ihrer Mitmenschen hinweggesetzt. Ihr Leben endete 1932, sie starb an einer damals nicht behandelbaren Krebserkrankung. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod war sie Bürgerin des Königreichs Preußen, des Norddeutschen Bundes, dem Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik. Vier Staaten, mehrere Währungsreformen, ein Weltkrieg, die Folgen der Industrialisierung: Manche Veränderungen kamen abgeschwächt im kleinen Cobbenrode an, andere veränderten das Leben von Grund auf. Es galt immer wieder, sich zu orientieren und das Leben neu zu ordnen.

Henning Sußebach schreibt am Anfang seines Buches über das, was von einem (nicht prominenten) Menschen nach seinem Tod bleibt: "Jeder Mensch stirbt zweimal. Sein erster Tod ist biologisch und der, den wir meinen, wenn wir vom Sterben sprechen. [...] Der zweite Tod, nennen wir ihn den sozialen, vollzieht sich anfangs ganz unmerklich. Beim Begräbnis reden noch alle über die verstorbene Person, auch in den Wochen danach ist sie in den Gedanken der Hinterbliebenen fast so präsent wie zu Lebzeiten, [...].Das Bild des verstorbenen Menschen besteht nur noch aus Bruchstücken, die von Tag zu Tag mehr mit den Gefühlen der Nachfahren zu tun haben und immer weniger mit dessen eigenem Wesen."

Das Leben von Anna Raesfeld ist kurz davor, in Vergessenheit zu geraten und nur noch eine Fußnote der Familiengeschichte zu sein, als sich der Urenkel ihr zuwendet. Irgendwann hätte niemand mehr gewusst, dass sie sieben Geschwister hatte und ihren Vater verlor, als sie zwölf Jahre alt war. Die Armut bestimmte das Leben der großen Familie, die sich nach und nach durch Heirat der Schwestern, Wegzug der Brüder und sogar Auswanderung eines Bruders in alle Winde zerstreute.

Was hat sie bewogen, Dorfschullehrerin zu werden? Hatte sie sich über die Folgen des "Lehrerinnen-Zölibats" Gedanken gemacht? Wie wurde sie als Zugezogene von der Dorfgemeinschaft aufgenommen? War sie eine gute Lehrerin? 
Diese und viele weitere Fragen, die die Lebensdaten eines Menschen erst mit Inhalt füllen, kann niemand mehr beantworten. Henning Sußebach leitet Annas Lebensgefühl anhand der wenigen Fakten, die ihm zur Verfügung stehen, her. Er räumt ein, dass seine Zuschreibungen falsch sein könnten und weist darauf hin, dass Lebensläufe immer im Kontext der damaligen Zeit bewertet werden sollten - und nicht aus dem Blickwinkel derjenigen, die hundert Jahre später leben.

Lesen?

Henning Sußebach hat die Schauplätze besucht, die in Annas Leben wichtig waren. Ihr Geburtshaus in Horn am Teutoburger Wald: abgerissen. Die Kirche, in der Anna zweimal geheiratet hat: abgerissen und durch eine neue ersetzt. Die Schule in Coppenrade, an der sie viele Jahre unterrichtet hatte: abgerissen und durch einen Parkplatz ersetzt. Das sind nur einige Beispiele für eine Vergangenheit, die nach und nach ausgelöscht wurde. Sußebach resümiert: "Das muss das Endstadium des sozialen Sterbens sein. Nach der Person selbst und nach den Erinnerungen an ihre Eigenschaften verschwinden auch die Kulissen, in denen sie lebte."

Sußebach hat es mit viel Einsatz und Empathie geschafft, seine Urgroßmutter aus den zahllosen vergessenen Biografien ihrer Zeit herauszuheben und ihr ein würdiges Andenken zu schaffen.

Anna oder: Was von einem Leben bleibt ist 2025 im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 23 Euro. Es enthält mehrere Fotos. 




Samstag, 28. März 2026

# 500 - Mit Pflanzen die Welt retten: heillos naiv oder eine Chance für das Klima?

Bernhard Kegel ist Diplom-Biologe, hat mit einer
agrarökologischen Arbeit promoviert und zahlreiche Bücher geschrieben, die sich mit Pflanzen, Tieren oder Mikroben beschäftigen.

In seinem neuesten Sachbuch Mit Pflanzen die Welt retten beschäftigt sich Kegel mit der Frage, ob es möglich ist, mithilfe von Pflanzen die Klimakrise zu bewältigen. Dieser Gedanke wabert immer wieder durch politische Diskussionen: Man pflanzt hier und dort beispielsweise viele Bäume an, und wenn diese groß genug sind, speichern sie massenweise Kohlendioxid und entlasten so das Weltklima. Wäre das nicht schön? 

Man ahnt es: So einfach ist die Sache nicht. Bernhard Kegel beleuchtet wissenschaftlich, wie viel Pflanzen und pflanzenbasierte Technologien tatsächlich zur Lösung der Klimakrise beitragen können. Er erläutert, welche Wirkung die Aufforstung von Wäldern, die Wiedervernässung von Moorgebieten, die Erweiterung oder Schaffung von Meeresökosystemen mit Seegras, Mangroven oder Algen sowie Eingriffe in biogeochemische Kreisläufe haben. 

Hinter allem steht die Frage: Reicht der Aufwand aus, der sich nicht nur auf den Aufbau dieser Systeme beschränkt, sondern auch deren Pflege nach sich zieht? Kegel ist realistisch: Damit wird es nicht getan sein. Es ist zu wenig, sich nur auf die Reduzierung der CO2-Emissionen zu beschränken, das klimaschädliche Gas muss darüber hinaus aus der Atmosphäre entfernt werden.

Die Fakten liegen auf dem Tisch. Es ist offensichtlich, was getan werden müsste, um CO2-Emissionen spürbar zu reduzieren. Doch Kegel beklagt, dass die nötigen Maßnahmen von der Politik und der Bürokratie ausgebremst werden und immer wieder der Anspruch formuliert wird, es müsse jede Maßnahme vor ihrer Umsetzung bis ins Kleinste erforscht sein. 

Lesen?

Mit Pflanzen die Welt retten ist ein anspruchsvolles Sachbuch, für dessen vollständiges Verständnis ein paar Grundkenntnisse nicht schaden. Aber um die Botschaft des Autors nachzuvollziehen genügt es, den roten Faden im Auge zu behalten, den Kegel am Ende so formuliert: "Es ist vollkommen absurd, enorme finanzielle Mittel und unendlich viel Arbeit in die Aufforstung von Wäldern, die Wiedervernässung von Mooren und die Wiederherstellung von Seegraswiesen, Tangwäldern und Mangroven zu investieren und gleichzeitig die noch existierenden intakten Reste dieser Ökosysteme an anderer Stelle großflächig zu zerstören. Doch genau das geschieht. Noch sägen wir also den Klimaast, auf dem wir sitzen, an gleich zwei Stellen an: indem wir fossile Energieträger verbrennen und damit die globale Temperatur in die Höhe treiben und indem wir die Ökosysteme, auf deren Dienstleistungen wir angewiesen sind und die CO2 aus der Atmosphäre holen könnten, schwächen und zerstören und zum Teil sogar in Kohlendioxidemittenten verwandeln."
Klingt nicht so, als würde die Menschheit derzeit einen cleveren Plan verfolgen.

Mit Pflanzen die Welt retten ist 2024 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet 25 Euro.