Donnerstag, 16. April 2026

# 502 - Eine Familie voller Enthusiasten

Markus Orths erschafft für seinen neuen Roman Die
Enthusiasten
die fünfköpfige Familie Bär: die Geschwister Vincent, Elfie und Marcellus sowie die Eltern, die ihrer Funktion entsprechend nicht mit ihren Namen benannt, sondern als Mutter und Vater angesprochen werden.

Jede freie Stelle des Elternhauses ist mit Bücherstapeln bedeckt, die Eltern horten im großen Stil antiquarische Bücher, für die der Vater immer neue Abstellflächen erschafft. Das Familienheim hat eine so verwunschene Atmosphäre, dass es von den Bärs als Hexenhäuschen bezeichnet wird. Sprechen die Bücher miteinander? Der Vater, der sein Leben lang als Schriftsetzer gearbeitet hat, und die Mutter, die eine Quelle fantasievoller Geschichten ist, würden diese Vermutung bestätigen.

Doch eines Tages verschwindet die Mutter von einem Tag auf den anderen. Ist sie aus freien Stücken gegangen? Wurde sie Opfer eines Verbrechens? Auf diese Fragen wird es bis zur letzten Seite keine Antwort geben. Klar ist jedoch: Die Abwesenheit der Mutter ist eine traumatische Zäsur für die Kinder und ihren Vater. Die individuellen Interessen, die in ihnen allen angelegt waren, nehmen schnell fanatische Züge an: Der Vater führt literarische Statistiken, Marcellus steigert sich in seine Filmliebe hinein, Elfie jagt der Dunklen Materie hinterher und Vincent, die zentrale Figur in diesem Roman, entdeckt seine Liebe zu Laurence Sterne, einem weltberühmten Autor des 18. Jahrhunderts.

Vincents Obsession beschränkt sich nicht auf Sternes bekannte neun Bücher; mit zwei weiteren Sterne-Fans pflegt er die Idee, dass es noch ein zehntes Buch geben müsse, das irgendwann verloren gegangen ist. 
Die Situation eskaliert, als sich die drei Sterne-Anhänger anlässlich des 250. Geburtstags ihres Idols an seinem Grab im britischen Coxwold zusammenfinden. Sie besuchen das Dorf jedes Jahr, doch diesmal ist etwas anders: Ein Unbekannter bietet ihnen Sternes ersehntes zehntes Buch zum Kauf an und verlangt 150.000 Pfund. Mit Abschriften zweier Kapitel zerstreut der Fremde die letzten Zweifel an der Echtheit des Werkes. Doch die Drei können den Betrag nicht aufbringen. Aber wo kein Geld ist, hilft vielleicht Gewalt weiter: Vincent steigert sich derart in den Wunsch hinein, das zehnte Buch zu besitzen, dass er zu allem bereit ist.

Lesen?

Die Enthusiasten ist ein Fest für Fans von Wortspielereien und -verfremdungen. Immer wieder reihen sich über längere Passagen Absurditäten aneinander, die nur den Sinn haben, mit Sprache zu jonglieren. Der Kern der Handlung erschließt sich jedoch erst im letzten Zehntel des Romans: Orths blickt in eine Zukunft, in der Literatur auf anderen Wegen erstellt wird als heute, und lässt das Für und Wider eines solchen Szenarios von Vincent und dem Fremden ausdiskutieren. Wer die Entwicklung des schriftstellerischen Schreibens in den letzten Jahren verfolgt hat, ahnt, was gemeint ist.

Orths Buch hat leider Längen, die vermeidbar gewesen wären. Manche Sprachspiele wirken sehr gewollt und ausufernd, an etlichen Stellen wird der Zufall überstrapaziert und die Logik ignoriert. Wenn man damit leben kann, diese Abschnitte nur quer zu lesen, hält man gute Unterhaltung in den Händen.

Der Verlust der Mutter, der immer wieder betrauert wird, führt nicht dazu, dass sich die Familie ernsthaft um die Aufklärung ihres Verschwindens bemüht. Es ist irritierend, dass das Fehlen derjenigen Person, um die zuvor das Familienleben kreiste, jahrzehntelang nur melancholische Apathie und keine Aktivität auslöst.

Die Enthusiasten ist 2026 im Galiani Verlag, einem Imprint des Verlags Kiepenheuer & Witsch, erschienen. Die gebundene Ausgabe kostet 24 Euro, das E-Book 19,99 Euro.


Dienstag, 7. April 2026

# 501 - Was bleibt von unserem Leben?

Die Genealogie, also das Erforschen unserer
Ahnenreihe, ist seit etlichen Jahren beliebt. Mithilfe von speziellen Plattformen lassen sich technisch einfach Stammbäume herstellen; für zahlende Besucher werden außerdem Services angeboten wie zum Beispiel das Verknüpfen mit Stammbäumen anderer angemeldeter Nutzer.

Doch diese Art, seinen Vorfahren nachzuspüren, hat einen Nachteil: Man erfährt deren Namen sowie Geburts- und Sterbedaten, mit etwas Glück gibt es noch ein Porträtfoto, aber was unsere Großeltern, Großtanten etc. gedacht, erlebt und erlitten haben geht aus solchen Darstellungen nicht hervor. Die Leben bleiben eindimensional.

Der Journalist Henning Sußebach ist bei der Erforschung des Lebens seiner Urgroßmutter Anna anders vorgegangen. Er hat für sein Buch Anna oder: Was von einem Leben bleibt überlieferte Erzählungen aus dem Familienkreis gesammelt, nach Dokumenten gesucht und die relevanten Ereignisse in ihren Wohnorten, Deutschland und der Welt wie eine Schablone auf das gelegt, was er über Anna Raesfeld, geborene Kalthoff, verwitwete Vogelheim in Erfahrung gebracht hatte.

Doch wie war sie denn nun, die für Sußebach unbekannte Urgroßmutter? Sie wurde 1866 geboren, hatte ab 1887 eine Stelle als Dorfschullehrerin im sauerländischen Cobbenrode, heiratete dort zwei Mal, stieg zu einer wichtigen Person des Orts auf und wurde erst spät Mutter. Für fast jeden dieser Meilensteine hat sie Konventionen gebrochen und sich über die damals noch wirkmächtigen konservativen Vorstellungen ihrer Mitmenschen hinweggesetzt. Ihr Leben endete 1932, sie starb an einer damals nicht behandelbaren Krebserkrankung. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod war sie Bürgerin des Königreichs Preußen, des Norddeutschen Bundes, dem Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik. Vier Staaten, mehrere Währungsreformen, ein Weltkrieg, die Folgen der Industrialisierung: Manche Veränderungen kamen abgeschwächt im kleinen Cobbenrode an, andere veränderten das Leben von Grund auf. Es galt immer wieder, sich zu orientieren und das Leben neu zu ordnen.

Henning Sußebach schreibt am Anfang seines Buches über das, was von einem (nicht prominenten) Menschen nach seinem Tod bleibt: "Jeder Mensch stirbt zweimal. Sein erster Tod ist biologisch und der, den wir meinen, wenn wir vom Sterben sprechen. [...] Der zweite Tod, nennen wir ihn den sozialen, vollzieht sich anfangs ganz unmerklich. Beim Begräbnis reden noch alle über die verstorbene Person, auch in den Wochen danach ist sie in den Gedanken der Hinterbliebenen fast so präsent wie zu Lebzeiten, [...].Das Bild des verstorbenen Menschen besteht nur noch aus Bruchstücken, die von Tag zu Tag mehr mit den Gefühlen der Nachfahren zu tun haben und immer weniger mit dessen eigenem Wesen."

Das Leben von Anna Raesfeld ist kurz davor, in Vergessenheit zu geraten und nur noch eine Fußnote der Familiengeschichte zu sein, als sich der Urenkel ihr zuwendet. Irgendwann hätte niemand mehr gewusst, dass sie sieben Geschwister hatte und ihren Vater verlor, als sie zwölf Jahre alt war. Die Armut bestimmte das Leben der großen Familie, die sich nach und nach durch Heirat der Schwestern, Wegzug der Brüder und sogar Auswanderung eines Bruders in alle Winde zerstreute.

Was hat sie bewogen, Dorfschullehrerin zu werden? Hatte sie sich über die Folgen des "Lehrerinnen-Zölibats" Gedanken gemacht? Wie wurde sie als Zugezogene von der Dorfgemeinschaft aufgenommen? War sie eine gute Lehrerin? 
Diese und viele weitere Fragen, die die Lebensdaten eines Menschen erst mit Inhalt füllen, kann niemand mehr beantworten. Henning Sußebach leitet Annas Lebensgefühl anhand der wenigen Fakten, die ihm zur Verfügung stehen, her. Er räumt ein, dass seine Zuschreibungen falsch sein könnten und weist darauf hin, dass Lebensläufe immer im Kontext der damaligen Zeit bewertet werden sollten - und nicht aus dem Blickwinkel derjenigen, die hundert Jahre später leben.

Lesen?

Henning Sußebach hat die Schauplätze besucht, die in Annas Leben wichtig waren. Ihr Geburtshaus in Horn am Teutoburger Wald: abgerissen. Die Kirche, in der Anna zweimal geheiratet hat: abgerissen und durch eine neue ersetzt. Die Schule in Coppenrade, an der sie viele Jahre unterrichtet hatte: abgerissen und durch einen Parkplatz ersetzt. Das sind nur einige Beispiele für eine Vergangenheit, die nach und nach ausgelöscht wurde. Sußebach resümiert: "Das muss das Endstadium des sozialen Sterbens sein. Nach der Person selbst und nach den Erinnerungen an ihre Eigenschaften verschwinden auch die Kulissen, in denen sie lebte."

Sußebach hat es mit viel Einsatz und Empathie geschafft, seine Urgroßmutter aus den zahllosen vergessenen Biografien ihrer Zeit herauszuheben und ihr ein würdiges Andenken zu schaffen.

Anna oder: Was von einem Leben bleibt ist 2025 im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 23 Euro. Es enthält mehrere Fotos. 




Samstag, 28. März 2026

# 500 - Mit Pflanzen die Welt retten: heillos naiv oder eine Chance für das Klima?

Bernhard Kegel ist Diplom-Biologe, hat mit einer
agrarökologischen Arbeit promoviert und zahlreiche Bücher geschrieben, die sich mit Pflanzen, Tieren oder Mikroben beschäftigen.

In seinem neuesten Sachbuch Mit Pflanzen die Welt retten beschäftigt sich Kegel mit der Frage, ob es möglich ist, mithilfe von Pflanzen die Klimakrise zu bewältigen. Dieser Gedanke wabert immer wieder durch politische Diskussionen: Man pflanzt hier und dort beispielsweise viele Bäume an, und wenn diese groß genug sind, speichern sie massenweise Kohlendioxid und entlasten so das Weltklima. Wäre das nicht schön? 

Man ahnt es: So einfach ist die Sache nicht. Bernhard Kegel beleuchtet wissenschaftlich, wie viel Pflanzen und pflanzenbasierte Technologien tatsächlich zur Lösung der Klimakrise beitragen können. Er erläutert, welche Wirkung die Aufforstung von Wäldern, die Wiedervernässung von Moorgebieten, die Erweiterung oder Schaffung von Meeresökosystemen mit Seegras, Mangroven oder Algen sowie Eingriffe in biogeochemische Kreisläufe haben. 

Hinter allem steht die Frage: Reicht der Aufwand aus, der sich nicht nur auf den Aufbau dieser Systeme beschränkt, sondern auch deren Pflege nach sich zieht? Kegel ist realistisch: Damit wird es nicht getan sein. Es ist zu wenig, sich nur auf die Reduzierung der CO2-Emissionen zu beschränken, das klimaschädliche Gas muss darüber hinaus aus der Atmosphäre entfernt werden.

Die Fakten liegen auf dem Tisch. Es ist offensichtlich, was getan werden müsste, um CO2-Emissionen spürbar zu reduzieren. Doch Kegel beklagt, dass die nötigen Maßnahmen von der Politik und der Bürokratie ausgebremst werden und immer wieder der Anspruch formuliert wird, es müsse jede Maßnahme vor ihrer Umsetzung bis ins Kleinste erforscht sein. 

Lesen?

Mit Pflanzen die Welt retten ist ein anspruchsvolles Sachbuch, für dessen vollständiges Verständnis ein paar Grundkenntnisse nicht schaden. Aber um die Botschaft des Autors nachzuvollziehen genügt es, den roten Faden im Auge zu behalten, den Kegel am Ende so formuliert: "Es ist vollkommen absurd, enorme finanzielle Mittel und unendlich viel Arbeit in die Aufforstung von Wäldern, die Wiedervernässung von Mooren und die Wiederherstellung von Seegraswiesen, Tangwäldern und Mangroven zu investieren und gleichzeitig die noch existierenden intakten Reste dieser Ökosysteme an anderer Stelle großflächig zu zerstören. Doch genau das geschieht. Noch sägen wir also den Klimaast, auf dem wir sitzen, an gleich zwei Stellen an: indem wir fossile Energieträger verbrennen und damit die globale Temperatur in die Höhe treiben und indem wir die Ökosysteme, auf deren Dienstleistungen wir angewiesen sind und die CO2 aus der Atmosphäre holen könnten, schwächen und zerstören und zum Teil sogar in Kohlendioxidemittenten verwandeln."
Klingt nicht so, als würde die Menschheit derzeit einen cleveren Plan verfolgen.

Mit Pflanzen die Welt retten ist 2024 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet 25 Euro.

Freitag, 20. März 2026

# 499 - Sörensen stellt sich seinen Ängsten

2015 hat Sven Stricker seinen 
Kriminalhauptkommissar Sörensen in Sörensen hat Angst von Hamburg in das entlegene nordfriesische Katenbüll geschickt - auf dessen ausdrücklichen Wunsch, weil der Polizist hoffte, dort seine Angststörung in den Griff zu bekommen.

Elf Jahre und fünf Bände später ist Sörensen in Sörensen geht aufs Haus immer noch an Ort und Stelle. Gegen seine Angststörung kämpft er weiterhin an, aber er gehört nun gewissermaßen zum Inventar des kleinen Ortes, der an jeder Ecke norddeutsches Flair atmet. Inklusive des beständigen Regenwetters.

Sörensens gleichförmiges und nur von kuriosen Mordermittlungen unterbrochenes Leben nimmt in Strickers neuestem Roman einige unerwartete Wendungen, auf die die Hauptfigur sicher gern verzichtet hätte. Es geht um die Liebe und Sörensens verkorksten Umgang damit, um den Wert und die Beständigkeit von Freundschaft und die Erkenntnis, dass man auch denen, die man in- und auswendig zu kennen glaubt, nur bis vor die Stirn gucken kann.

Sven Stricker öffnet hin und wieder eine Tür, durch die man in Sörensens Vergangenheit blickt. Das, was man da über seine Kindheit und Jugend erfährt, taugt dazu, seine psychischen Probleme zu verstehen. Umso bemerkenswerter ist es, dass er seinen an Krebs erkrankten Vater, von dem er sich völlig entfremdet hatte, nun in sein Häuschen am Deich aufnimmt und so gut es geht versucht, die Pflege des alten Mannes und die Polizeiarbeit unter einen Hut zu bekommen.

Ach ja, ermittelt wird natürlich auch. Vor zwei Jahren ist die Schülerin Mia nach einer Party nicht nach Hause gekommen. Zeugenaufrufe und Suchaktionen verliefen erfolglos. Die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Tochter hat die Ehe von Mias Eltern scheitern lassen. Doch dann wird ein Fund menschlicher Knochen in Katenbüll gemeldet - ausgerechnet im Garten von Sörensens Schulfreund, der mit seinem Bruder an einer App arbeitet, die die Welt retten soll. Stammen die Knochen von Mia oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Seitdem sich Sörensen in Katenbüll aufhält, reißen die mysteriösen Todesfälle dort nicht ab. Schon kurz nach dem Knochenfund wird eben jener Bruder seines früheren Freundes von einem Zug überrollt. War es ein Unfall oder hat jemand nachgeholfen? Gibt es vielleicht sogar einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen? Sörensen wird es mit seinen besonderen Methoden, die entfernt an die des legendären Kommissars Columbo aus der gleichnamigen TV-Serie erinnern, herausfinden.

Lesen?

Das Hörbuch wird wie seine Vorgänger vom Autor gelesen. Dazu kann man nur sagen: Besser wird's nicht. Sven Stricker gibt jeder Figur eine eigene Stimme und intoniert die wörtliche Rede so, dass man insbesondere Bjarne Mädel, der in den bisherigen beiden Sörensen-Filmen den Polizisten verkörpert, direkt vor sich sieht. Wie schon in den ersten fünf Büchern geistert auch durch Sörensen geht aufs Haus die Frage: Wie heißt der Ermittler eigentlich mit Vornamen? 

Das Hörbuch Sörensen geht aufs Haus ist 2026 bei Audio-To-Go erschienen und kostet als Download 18,29 €. Wer den Krimi lieber lesen möchte: Das Taschenbuch und das E-Book wurden im Rowohlt Verlag veröffentlicht.

Sonntag, 15. Februar 2026

# 498 - Über Tyrannei und was man ihr entgegensetzen kann

2017 erschien Über Tyrannei im C. H. Beck Verlag erstmals auf Deutsch, acht Jahre später kam das Buch des bekannten US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder, der an der Yale University lehrt, in einer Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung ohne die Illustrationen der Erstausgabe heraus. Wir erinnern uns: Im Januar 2017 begann Donald Trumps erste Amtszeit als US-Präsident; es ist sicher kein Zufall, dass On Tyranny in dieser Zeit herausgegeben wurde.

Snyder macht sich Sorgen um den Zustand der Demokratie in den USA, seine Ausführungen lassen sich aber auf jeden Staat übertragen, dessen demokratisches Gerüst Risse bekommen hat. Wer nun angesichts des Untertitels Zwanzig Lektionen für den Widerstand glaubt, dass es hier um eine Anleitung oder Anstiftung zu einem gewaltsamen Widerstand geht, liegt falsch. 

Die Warnungen, die Snyder 2017 ausgesprochen hat, haben mehr denn je ihre Berechtigung: In Trumps aktueller zweiten Amtszeit spielen sich Dinge ab, auf die der Wissenschaftler hingewiesen hatte. In seinem Vorwort schreibt er: "Wir könnten versucht sein zu glauben, unser demokratisches Erbe schütze uns Amerikaner automatisch vor solchen Gefahren. Doch dieser Reflex ist fehl am Platze."

Snyders Lektionen sind einleuchtend, erfordern aber von uns allen ein demokratisches Rückgrat und die Bereitschaft, auf Privilegien zu verzichten, wenn es der Sache dient. Ein gutes Beispiel ist gleich die erste Lektion: Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam. 
Beim Lesen des ersten Satzes möchte man spontan widersprechen: "Einen Großteil seiner Macht erhält der Autoritarismus aus freien Stücken." Doch dann erklärt Snyder, dass Menschen überlegen, was eine repressive Regierung möglicherweise will und "dienen sich ihr schließlich an, ohne gefragt worden zu sein." Dadurch wird denen, die die Macht inne haben, "gezeigt, wie weit sie gehen können."

Timothy Snyder zeigt, was jede(r) Einzelne tun kann, um die Aushöhlung und Abschaffung unserer demokratischen Gesellschaftsordnung zu verhindern: Entfernung von Hakenkreuzen oder anderen Zeichen, die zu Hass aufrufen, Sorgfalt bei der Wortwahl, aktive Beteiligung am Mehrparteiensystem durch die Teilnahme an Wahlen oder sogar eine eigene Kandidatur sind nur einige seiner Vorschläge.

Wer die Nachrichten verfolgt, die uns derzeit aus den USA erreichen, kann die sechste Lektion nur mit Beklemmungen lesen. Sie hat die Überschrift: Nimm dich in Acht vor Paramilitärs. Dabei wirft Snyder zuerst einen Blick auf Hitlers paramilitärische Einheiten SA und SS, auf die Privatisierung von Gefängnissen und Internierungslagern durch die US-Bundesregierung und schlägt den Bogen zum US-Präsidentschaftswahlkampf 2016: Trump hatte private Sicherheitsleute angeheuert, deren Aufgabe es war, Menschen hinauszuwerfen, die eine andere Meinung hatten als der Kandidat. "Diese Form von Mob-Gewalt sollte das politische Klima verändern, und genau das geschah."

In weiteren Kapiteln ruft der Wissenschaftler dazu auf, Informationen nicht nur aus dem Internet zu beziehen, sondern sie zu hinterfragen und mehr Bücher zu lesen. Gerichte, freie Wahlen, die Unabhängigkeit der Medien: Sie alle müssen geschützt werden, um die Demokratie zu erhalten. Jeder und Jede kann etwas dazu beitragen.

Lesen?

Timothy Snyder appelliert an uns alle, die Errungenschaften der Demokratie nicht leichtfertig aus der Hand zu geben, sondern wachsam zu sein. Nicht wegsehen, kein Mitläufer und kein Profiteur sein. Das ist nicht immer einfach, aber in einer Gemeinschaft kommt es auf jeden einzelnen Menschen an.

Die mir vorliegende Ausgabe von Über Tyrannei wurde in einer reinen Textform ohne die Illustrationen der früheren Ausgabe 2025 von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und kostet 5,-- Euro.

Dienstag, 27. Januar 2026

# 497 - Das kann KI

Künstliche Intelligenz (KI) durchzieht immer stärker
unseren Alltag und ist aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Nicht alles ist KI, was sich so nennt, aber klar ist: KI ist ein Teil unserer Zukunft.

Andreas Erle hat bereits zahlreiche Bücher und Artikel rund um die Themen mobiles Internet oder Windows veröffentlicht. In seinem neuesten Buch Das kann KI beschreibt er, wo die Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz liegen. Erle erklärt, wofür sich KI besonders eignet und wo Menschen entlastet werden können. Man erfährt, welches Programm als eines der ersten KI-Anwendungen gilt und wann dieses konzipiert wurde: Eliza, eine Gespräche mit einem Psychotherapeuten simulierende Anwendung, entstand 1966. Die Gedankenspiele um Künstliche Intelligenz sind also nicht neu, sondern beschäftigen Wissenschaftler schon seit sechzig Jahren. Eliza war allerdings so unausgereift, dass es den sog. Turing-Test nicht bestand. Dieser Test gilt als bestanden, wenn Anwender nicht erkennen können, ob sie mit einem Menschen oder einer Maschine kommunizieren. 
Da hat sich in der Zwischenzeit einiges getan: 2024 bestand ChatGPT 4 den Turing-Test.

Muss uns diese Entwicklung Angst machen? Das kommt darauf an. Die Diskussionen nehmen eine große Bandbreite ein: KI kann Arbeitsplätze vernichten, aber auch von sich wiederholenden Tätigkeiten entlasten und Zeit für höherwertigere Arbeiten geben. Der Einsatz von KI bedeutet insbesondere dann, wenn es um die Verarbeitung von sehr großen Datenmengen geht, jedoch einen Kontrollverlust: Nutzer müssen die Ergebnisse erst einmal hinnehmen, weil sie nur schwer nachvollziehbar sind. 
Kreativität gehört allerdings nicht zu den Stärken der Chatbots, was man zunächst im Hinblick auf die zahllosen Memes kaum glauben mag. Aber diese sind nichts weiter als eine Veränderung von bereits existierenden Inhalten. Die fehlende Kreativität ist allerdings nicht der einzige Mangel, wie Erle anschaulich erläutert.

Andreas Erle hat einen "Fahrplan" für die sinnvolle und erfolgreiche Nutzung von ChatGPT und seine "Brüder" erstellt und erklärt, welche Chatbots sich für bestimmte Zwecke besonders eignen. Wie bei Menschen erhält man auch bei ihnen auf Fragen keine einheitlichen Antworten: Chatbots werden auf unterschiedliche Weise trainiert und verfügen über verschiedene Wissensstände. Andreas Erle rät davon ab, die Auskünfte ungeprüft zu übernehmen: "Müssen Sie sich auf die Ergebnisse verlassen, sollten Sie sie in jedem Fall kontrollieren. Nichts ist peinlicher, als im blinden Vertrauen auf einen Chatbot etwas zu behaupten und dann von einem echten Menschen eines Besseren belehrt zu werden."

Im letzten Abschnitt wendet sich Andreas Erle grundsätzlichen Fragen zu: Wie wirkt sich die (häufige) Verwendung von Chatbots auf unsere intellektuellen und schöpferischen Fähigkeiten aus? Welche Rolle spielen der Datenschutz und das Urheberrecht? Inwieweit haften KI-Anbieter für falsche Auskünfte ihrer Chatbots? Welche Auswirkungen haben KI-Anwendungen auf die Umwelt? 

Lesen?

Andreas Erle richtet sich mit seinem Buch sowohl an KI-Laien als auch Leserinnen und Leser, die einige Grundkenntnisse haben und diese vertiefen möchten. Er hat seine Ausführungen um zahlreiche Illustrationen ergänzt, die gut zum Verständnis beitragen. Seine Empfehlung am Schluss des Buches: "Nehmen Sie die KI als Chance. Probieren Sie aus, wo diese Sie unterstützen kann. Unterstützen heißt, dass Ihnen die KI im Regelfall Teilergebnisse liefert, statt komplette Aufgaben zu übernehmen, und dass Sie die KI-Erzeugnisse immer kontrollieren. Die KI kann Ihnen zwar viel Arbeit abnehmen, aber nicht die Verantwortung."

Das kann KI ist 2026 bei der Stiftung Warentest erschienen und kostet als Softcover-Ausgabe 19,90 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.

 


Montag, 19. Januar 2026

# 496 - Eine Mischung aus Familiengeschichte und Fantastik

Der Titel von Anna Maschiks Debütroman Wenn du es
heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
 ist zugleich auch der erste Satz ihres Buches. Die Einstiegsszene spielt auf einem Bauernhof in einem Dorf an der deutschen Nordseeküste, wo Henrike während des Zweiten Weltkriegs ein Schaf "schwarz" schlachtet. Im Gegensatz zu Schweinen sterben Schafe still und verraten nicht ihre Schlächter.

Henrike, die am Neujahrstag des Jahres 1900 als ältestes von fünf Geschwistern am selben Ort geboren wird, ist die Urgroßmutter der Erzählerin Alma und der Ausgangspunkt dieser speziellen Familiengeschichte. Anna Maschik legt dabei den Schwerpunkt auf die Frauen und schildert, unter welchen Umständen sie ihre Leben gemeistert haben. Auffällig ist, dass sich manche Verhaltensweisen wiederholen: Die Mütter haben ein Lieblingskind und eines, mit dem sie sich kaum verbunden fühlen. Außerdem stehen sie dem Wunsch ihrer Töchter nach Bildung im Gegensatz zu den Vätern skeptisch gegenüber.

Henrikes Tochter Hilde wird während des Zweiten Weltkriegs von einem österreichischen Soldaten schwanger. Als der Soldat nach Kriegsende zurückkehrt, geht sie mit ihm und dem kleinen gemeinsamen Sohn nach Österreich. Ihre Schwiegereltern haben dort ein Möbelgeschäft, in das das junge Paar einsteigen kann. Fern der Heimat fühlt sie sich so fremd, wie man sich nur fühlen kann: Ihre Schwiegereltern betrachten sie kritisch, die Stadt ist so viel größer als das Heimatdorf, in der  Stadtwohnung lebt es sich ganz anders als auf dem Bauernhof und die Leute mögen keine Deutschen. Hildes ständiger Begleiter ist das Heimweh.

Das Gefühl der Fremdheit und emotionalen Distanziertheit durchzieht die ganze Handlung. Die Geschwister der jeweiligen Generation gehen sich im besten Fall aus dem Weg, die Eheleute gehen mit ihrer Beziehung pragmatisch um. Zu den Konstanten des norddeutschen Dorflebens gehören die Hebamme Anna und die Leichenfrau Nora, die auch dann vor der Haustür stehen, wenn sie nicht gerufen - aber trotzdem gebraucht werden. Beide umgibt eine besondere Aura, aber keine von ihnen beurteilt oder bewertet die Dinge, die sie sieht.

Eine andere Konstante ist, dass die Personen nur so viel wie nötig miteinander kommunizieren. So wird der Weg für Missverständnisse und gegenseitiges Unverständnis geebnet. Auch Kindern wird das, was sie wegen ihres Alters noch nicht verstehen können, nicht erklärt.

Anna Maschik greift auf zwei weitere Stilmittel zurück: Am Ende vieler Abschnitte fügt sie Listen an, die Sachverhalte kurz und knapp erzählen. Das gilt auch dann, wenn eine dieser Listen leer bleibt. Außerdem schildert Maschik einige Szenen mehrmals aus den unterschiedlichen Perspektiven der Personen. So gelingt es ihr mit wenigen Worten, Stimmungen zu erzeugen und Sachverhalte verständlich zu machen.

Lesen?

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten schlägt zwar einen zeitlich großen Bogen von 1900 bis heute, auf einzelne Zeitabschnitte wird aber nur schlaglichtartig eingegangen. Anna Maschik erzählt die Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern springt zwischen den Zeitebenen vor und zurück.

Die fiktionalen Elemente sind gewöhnungsbedürftig: Da ist Henrikes Sohn Benedikt, der bei seiner Geburt nicht die Augen öffnet, seine gesamte Kindheit und Jugend verschläft und erst als junger Mann aufsteht. Benedikt kann, obwohl er bis zu diesem Tag nur gelegen und mit niemandem geredet hat, sofort gehen und sprechen. Maschik erklärt diesen wundersamen Vorgang nicht, sondern schreibt lediglich: "Es ist nicht natürlich, dass jemand plötzlich als junger Mann erwacht und sprechen und denken kann, als hätte er es irgendwo gelernt." Benedikts erstaunliche kognitive Fähigkeiten führen dazu, dass er gute Ideen hat wie das Gründen einer Dreschgenossenschaft, aber leider auch schlechte: Er will, dass seine Eltern in die NSDAP eintreten, weil er deren Versprechen glaubt, die Höfe zu entschulden. Benedikt stirbt viele Jahre später einsam und verwahrlost auf seinem Hof, Bart und Fingernägel sind meterlang. Hat er zuvor wieder jahrelang geschlafen?

Der Tod wird als etwas beschrieben, das die Verstorbenen so lange im Jenseits hält, bis jemand aus der Familie verstirbt: Benedikts Leiche wird sowohl von der lebenden Nora als auch seinen längst nicht mehr lebenden Eltern aus dem Haus getragen, während Miriam, die Mutter der Erzählerin, in ihrem Gewächshaus als Zitronenbaum in einen Blumentopf eingewachsen ist und von ihrer Tochter gegossen wird. Die Abholung von Miriam wird zu einem Aufmarsch der Toten, die so aussehen, wie die Erzählerin sie in Erinnerung hat.

Es bleibt unklar, ob die fiktionalen Elemente als Metaphern eingesetzt werden. Da sie allerdings stark überzogen sind, wirken sie irritierend.

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ist 2025 im Luchterhand Verlag erschienen und kostet 23 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.
Der Roman stand auf der Shortlist des Österreichischen Debütpreises 2025.