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Sonntag, 16. August 2026

# 514 - Die Geschichte eines antrieblosen Schiffs

Der US-Historiker Ian Kumekawa hat mit Beliebige
Fracht
 ein Buch geschrieben, das sich mit der Globalisierung, der Wirtschaft sowie der unübersichtlichen Welt der Offshore-Transaktionen beschäftigt. Das klingt trocken, ist es aber nicht: Kumekawa stellt ein Schiff in den Mittelpunkt seines Sachbuches, das niemals manövrierfähig war. 

Dieses 1979 in Schweden gebaute Schiff war ebenso wie sein zwei Jahre später fertiggestelltes Schwesterschiff nicht dazu gedacht, als Frachtschiff über die Weltmeere zu fahren. Es entstand in einer Zeit, als es den schwedischen Werften schlecht ging und die Regierung mit massiven Zuschüssen versuchte, die Branche vor dem Absturz zu retten. Ein norwegischer Reeder gab ihren Bau in Auftrag. Das Ziel der Schiffe sollten Ölplattformen in der Nordsee sein. Doch dann kam die Ölkrise und änderte alles. Es begann eine maritime Odyssee an die Küsten der Kontinente.

Das von Kumekawa verfolgte Schiff ist eher ein Lastkahn, der wie ein Ponton funktionierte. Wurde das Schiff an einem Ort benötigt, musste es durch einen Hochseeschlepper oder ein Halbtaucherschiff dorthin gebracht werden. Das Bemerkenswerte ist hier jedoch, dass zwar Container befördert wurden, diese aber nie Ladung enthielten: Sie wurden nur als Unterkunft benutzt. So erklärt sich auch der Titel der englischsprachigen Originalausgabe dieses Buches: Empty Vessels.

Die Geschichte der beiden Schiffe bildet rd. 45 Jahre Weltwirtschaft und die Folgen von Globalisierung und Sozialpolitik ab. Sie waren von Anfang an Spekulationsmasse und dienten in verschiedenen Ländern Soldaten, Strafgefangenen oder VW-Mitarbeitern als Zuhause. Kumekawa erklärt, welche juristischen Winkelzüge bei der Beflaggung von Schiffen eine Rolle spielen und was sie mit der Umgehung von Arbeitsschutzvorschriften, der Höhe der Heuer oder der Entstehung von Briefkastenfirmen zu tun haben.

In neun Kapiteln - eines für jeden Ort, an den das Schiff geschleppt wurde - beleuchtet Kumekawa nicht nur die historischen und wirtschaftlichen Hintergründe seines Liegeplatzes und -zwecks, sondern beschreibt auch, welche Bedeutung es für die Menschen auf ihm und um es herum hatte. Zitat: "Das Schiff hatte sich immer weiter offshore bewegt, weil die Welt insgesamt es auch tat. Man hatte es für die buchstäblichen Wellen des Ozeans gebaut, aber im übertragenen Sinn auch für die Welle des boomenden Offshore-Ölmarkts - und möglicherweise unbeabsichtigt war es so konstruiert, dass es auch auf der noch viel größeren Welle des Offshorings an sich reiten konnte. [...] Und genau das war unser Schiff: ein Werkzeug des multinationalen Strebens, die Grenzen nationaler Souveränität zu überschreiten und an einer neuen, postimperialen Grenzlinie Profite zu machen."

Lesen?

Beliebige Fracht ist eines der anschaulichsten und verständlichsten Bücher, die ich zu den Themen Globalisierung und Neoliberalismus bislang gelesen habe. Die beiden Schiffe wurden abgewrackt, ihre Geschichte ist zu Ende. Die der Globalisierung und des Neoliberalismus' nicht.

Beliebige Fracht ist 2026 bei Harper Collins erschienen und kostet 26 Euro.


Das Schiff diente unter dem Namen HMP Wear vor dem britischen Portland 
von 1997 bis 2005 als Gefängnisschiff.
Quelle: Andrew Bone unter  HMP Weare | Floating prison ship in Portland Port from 1997-… | Flickr




Mittwoch, 15. Juli 2026

# 511 - Glaube, Liebe und Hoffnung in Brooklyn

Es ist die Nacht vom 16. auf den 17. August 1986.
Risas Mann Sav kommt volltrunken nach Hause und bedroht seine Frau vor dem gemeinsamen Baby mit einer Pistole. Sav ist als Ehemann und Vater ein Totalausfall: Seine Sprache ist die Gewalt, und er wird immer wieder kriminell. In dieser Nacht hat er einen Laden überfallen und will sich mit seinem Anteil der Beute und seiner Geliebten aus dem Staub machen.

Im Suff verliert er wie so oft die Kontrolle über sich. Risas Schwester Giulia hat die Pistole vor ihrem Schwager versteckt, um eine weitere Eskalation zu verhindern, und Sav würgt sie, um buchstäblich aus ihr herauszupressen, wohin sie die Waffe gelegt hat. Im Affekt schlägt ihm Risa eine gusseiserne Pfanne auf den Kopf, und Sav prallt mit dem Kopf auf der Tischkante auf. Ist er sofort tot oder hätte er gerettet werden können? Diese Frage bleibt unbeantwortet, weil die Schwestern nicht wagen, einen Krankenwagen zu rufen. Der Schlag sowie Risas und Giulias Untätigkeit danach lösen eine Kette von Ereignissen aus, die bis in den Sommer 2004 Wellen schlagen und sich nicht nur auf sie beschränken. Sowohl die Schwestern als auch ein guter Freund, der ihnen hilft, Savs Leiche zu beseitigen, unterschätzen den Wunsch von fast allen Menschen, die eigenen familiären Wurzeln zu kennen und zu erfahren, was sie mit ihren Eltern gemeinsam haben - oder auch nicht. Die Drei schwören einander, für immer über die Umstände von Savs Verschwinden zu schweigen, werden aber in den folgenden fast zwanzig Jahren auf mehrere Proben gestellt.

William Boyle siedelt seinen Krimi Heilige der Narrows Street in Gravesend, einem italienisch-kleinbürgerlichen Arbeiterviertel von Brooklyn, an. Die Menschen sind katholisch und leben eine Art der Frömmigkeit, die eher be- als entlastend wirkt. Das spiegelt sich sogar in dem Namen der örtlichen Kirche wider: Our Lady of Perpetual Surrender (Unsere Liebe Frau der immerwährenden Hingabe) birgt keine große Hoffnung. Unter den Nachbarn gibt es eine ausgeprägte Sozialkontrolle und einen großen, gemeinsamen Traum: So gut wie jede(r) möchte das Viertel verlassen, um ein besseres Leben zu führen. Die Frustration darüber, dass das kaum jemandem gelingt, ist groß und treibt viele in die Kriminalität. Gewalt ist nicht die Ausnahme, sondern Teil des Alltags.

Boyle kennt all das sehr gut, denn er ist selbst in der Nachbarschaft von Gravesend aufgewachsen. Er zeichnet jede Figur authentisch und glaubwürdig, hat aber für Saint of the Narrows Street, wie sein Buch im Original heißt, auf ein klassisches Krimiformat verzichtet. Es gibt kein eindeutiges Gut und Böse, wie man es von den meisten Krimis gewohnt ist: Der verkommene Unsympath Sev kommt durch die Affekttat seiner Frau ums Leben, die immer nur versucht, alles richtig zu machen. Das Mitleid mit dem Toten fällt gering aus.

Lesen?

William Boyle hat ein Buch geschrieben, das durch die Verkettung vieler spannender Einzelszenen von generationsübergreifenden Traumata und Konflikten sowie einer Religiosität, die an der Wirklichkeit zerschellt ist, erzählt. Es gibt keinen Spannungsbogen, sondern ein ständiges Auf und Ab, das dieses Werk zu einem Pageturner macht. 

Heilige der Narrows Street wurde 2026 im Polar Verlag veröffentlicht und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.

Samstag, 23. Mai 2026

# 505 - Können wir ändern, wer wir sind?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Rachel Khong einen Teil
ihrer Familiengeschichte und ihres Lebensgefühls in ihren Roman Real Americans eingeflochten hat: Als Kind chinesisch-malaysischer Eltern kam sie als Zweijährige von Malaysia in die USA. 2024 sagte sie in einem Interview: "Wann immer meine Familie nach Malaysia zurückkehrte, um Verwandte zu besuchen, fühlte ich mich fremd, da ich weder Malaiisch noch die Dialekte meiner Familie sprechen konnte; ich hatte nie das Gefühl, dazuzugehören."

In ihrem Roman geht es ebenfalls um Migration und die Probleme, die damit verbunden sind. Allerdings ist diese Geschichte eines in die USA eingewanderten chinesischen Paares und seiner dort geborenen Tochter Lily eine besondere.

Rachel Khong beginnt ihre Erzählung im Jahr 1999. Lily ist 22, praktisch mittellos und macht ein unbezahltes Praktikum in der Medienbranche. Sie lernt den reichen und gutaussehenden Matthew kennen und nimmt wahr, dass er das verkörpert, was man im Allgemeinen als "typisch amerikanisch" ansieht, obwohl sie selbst ebenfalls dort geboren wurde - jedoch aufgrund ihres Aussehens als Chinesin wahrgenommen wird, obwohl sie die Sprache nicht spricht.

Matthew und Lily heiraten und werden Eltern eines Sohnes: Nick, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Vater und sogar dessen Vater hat. 

Die Handlung springt ins Jahr 2021. Lily und Matthew haben sich vor langer Zeit getrennt und keinen Kontakt mehr. Nick ist auf Vashon Island in der Nähe von Seattle bei seiner Mutter aufgewachsen und hat keine Ahnung, wer sein Vater ist. Zwischen Matthews Zuhause in New York und ihnen liegen mehr als zweieinhalbtausend Kilometer. Die beiden schlagen sich finanziell durchs Leben, es reicht immer irgendwie. Auch zu Lilys Eltern gibt es keine Verbindung. Immer, wenn die Rede auf die Kontaktabbrüche kommt, hüllt sich Lily in Schweigen. Da kommt Nicks bester Freund auf eine Idee: Ein Gentest könnte ihn zu seinem Vater führen. Ohne seine Mutter einzuweihen, schickt Nick eine Probe in ein Speziallabor. Das Ergebnis ist der Beginn einer Annäherung zwischen Vater und Sohn, die alles andere als linear verlaufen wird.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Geschichte von Lilys Eltern. Charles und May sind Wissenschaftler, die vor dem Mao-Regime in die USA geflohen sind und dort zufällig auf einen reichen Mann stoßen, der auf dem Gebiet der Genetik Großes erreichen will. Diese Bekanntschaft ist Ausgangspunkt und Schlüssel für eine ungewöhnliche Familiengeschichte, in der Geschäftspartner durch einen Zufall Teil derselben Familie werden, obwohl zwischen ihnen tiefe kulturelle und soziale Gräben liegen. Rachel Khong schickt Nick und May ins Jahr 2030 und begleitet sie, die sich bislang völlig fremd waren, bei ihrer Annäherung.

Lesen?

Rachel Khong hat mit Real Americans viele Aspekte angerissen, die nachdenklich machen: Was macht einen "echten Amerikaner" aus? Wo sollten die Grenzen der künstlichen Befruchtung sein? Wie wirkt sich die kulturell geprägte Erziehung auf das Leben der nachfolgenden Generationen aus? Was sind Menschen bereit zu tun, um in einem unmenschlichen System zu überleben?

Der Roman ist ein Pageturner, weil er so völlig unvorhersehbar ist, dass die Leserinnen und Leser von den Wechselfällen, die Khongs dramatische Erzählung durchziehen, gefesselt werden.

Real Americans ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.


Freitag, 8. Mai 2026

# 504 - Geld als Waffe

Der Krieg - das ist ein Thema, das viele Menschen gern
ausblenden würden. Der Krieg ist: Tod, Zerstörung, unendliches Leid. Zum Krieg gehören: Militär, Politik, Demokratie und - Geld.

Damit sind jedoch nicht die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen gemeint. Gemeint ist, dass sich am Geld entscheidet, wie Kriege beendet werden. Die ökonomische Sicht auf Kriege bringt die Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch Geld als Waffe näher.

Ulrike Herrmann beschränkt sich auf zwei Bedrohungsszenarien: Chinas Wunsch, Taiwan zu annektieren, und Putins Plan, Europa zu bedrohen. Sie erläutert in zwei ausführlichen Kapiteln die Hintergründe für die Kriegsbereitschaft der beiden Länder und deren wirtschaftliche Möglichkeiten, Kriege zu führen und in ihrem Sinne zu einem Erfolg zu führen.

Die Betrachtung Russlands beginnt bereits in der Zeit der Mongolenherrschaft, erläutert dann das "Erfolgsmodell" der faktischen massenhaften Volksversklavung während des Zarenreichs und führt über den Bolschewismus und den Stalinismus bis zur Herrschaft von Putin. Herrmann schildert Putins Aufstieg, die politischen Strukturen Russlands und die Fallstricke, die der vom russischen Präsidenten angezettelte Krieg gegen die Ukraine birgt. Sehr einleuchtend erläutert sie, warum Putin diesen Krieg so schnell nicht beenden wird und zieht eine Parallele zum Beginn der Napoleonischen Kriege 1803: Obwohl mehr als 200 Jahre zwischen diesen Kriegen liegen, sind wirtschaftliche Überlegungen sehr wichtige, wenn nicht sogar ausschlaggebende Gründe, die Kriegshandlungen am Leben zu erhalten. Sowohl Napoleon als auch Putin befanden bzw. befindet sich in einem Dilemma. "Erst im Frieden zeigt sich, wie teuer ein Krieg war" bringt es auf den Punkt.

Auch der chinesische Staatschef Xi Jinping steht vor größeren ökonomischen Problemen, als man auf den ersten flüchtigen Blick auf die Wirtschaftsdaten seines Landes glauben würde. Auch hier geht Ulrike Herrmann weit in die Geschichte des Landes zurück, bis zur Gründung des chinesischen Kaiserreichs im Jahr 221 v. Chr. Wie schon bei der Darstellung der Geschichte Russlands sind Grundkenntnisse der chinesischen Geschichte wichtig, um Kultur und Denkweise wenigstens näherungsweise zu verstehen. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in China macht es Xi schwer, den unausgesprochenen Pakt zwischen der Regierung und der Bevölkerung einzuhalten: Die Regierung versprach die fortschreitende Verbesserung des Lebensstandards, wirtschaftliche Stabilität sowie Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Im Gegenzug akzeptierte die Bevölkerung die uneingeschränkte Führungsrolle der Kommunistischen Partei, eine strenge Internetüberwachung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und kaum politische Teilhabe. Doch die Versprechen können nicht mehr eingehalten werden, die Anzeichen für die Unzufriedenheit der Menschen nehmen zu. Ein Krieg gegen Taiwan, unterfüttert mit der passenden Propaganda, könnte geeignet sein, von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Diese Logik ist nicht neu und war in der Vergangenheit immer wieder ein Auslöser für einen Krieg. Sollte China tatsächlich Taiwan angreifen und das Land einnehmen, "hätten die Amerikaner ihren Status als Supermacht verloren und Peking könnte mühelos noch weitere Gebiete in Südostasien erobern oder unter seine Kontrolle bringen". Die Welt, wie wir sie kennen, wäre eine andere.

Herrmann macht sich Gedanken über das Drohpotenzial von Atomwaffen und die Risiken, die ein atomarer Angriff für die Angegriffenen und Angreifer hätte und erläutert, was es mit "schmutzigen Bomben" auf sich hat. Doch trotz dieser gefühlt großen Bedrohung sagt sie: "Die Wirkungsmacht dieser ökonomischen Waffen [Anm.: Sanktionen, Blockaden, Finanzmarkt-Manipulationen, Zurückhalten wichtiger Rohstoffe] entscheidet, wie viel Militär in einem Krieg noch gebraucht wird." 

Nach Ansicht von Ulrike Herrmann führt kein Weg an der Aufrüstung Europas vorbei. Diese Entwicklung wird ihrer Meinung nach zu einem geänderten Selbstverständnis der EU führen: "[...], diese Militärausgaben werden die EU für immer verändern: Europa ist auf dem Weg, zu einem echten Staat zu werden. Heute ist die EU eine Union selbstständiger Länder, künftig wird sie sich zu einer Art Föderalstaat entwickeln, in dem die einzelnen Nationen zwar noch formal eigenständig sind - aber sehr eng kooperieren."

Lesen?

Geld als Waffe gibt einen sehr guten Überblick, was unter einer sog. Kriegswirtschaft zu verstehen ist. Herrmann verbindet die aktuellen Schlagzeilen mit historischen Betrachtungen und macht immer wieder Exkurse zu praktischen Fragen, die sich in einem Krieg stellen: Wie können Fabriken weiterarbeiten? Woher kommen die Vorprodukte? Und was passiert, wenn diese Systeme zusammenbrechen?

Zum Verständnis von Herrmanns Erläuterungen sind spezielle wirtschaftswissenschaftliche Vorkenntnisse nicht nötig. Das Buch fügt sich in die aktuelle Debatte über Resilienz, Verteidigungsausgaben und die damit zusammenhängenden Zielkonflikte ein, die entstehen, wenn Sicherheit sowohl als militärisches als auch wirtschaftliches Projekt erkannt wird.

Ulrike Herrmanns Ausblick hat trotz der Düsternis des Themas einen positiven Grundtenor: "Putin wollte Europa spalten, doch dürfte er das Gegenteil erreichen und den Kontinent einen. Europa wird stärker, nicht schwächer."

Geld als Waffe ist 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro. 

Mittwoch, 8. Oktober 2025

# 489 - Eine Frau kämpft im Bürgerkrieg um ihr (Über-)Leben

Isabel Allende ist mit ihrem neuesten Roman Mein
Name ist Emilia del Valle
 einem roten Faden treu geblieben, der sich durch die meisten ihrer Bücher zieht: Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die unter schwierigen Umständen aufwächst und sich eines Tages vornimmt, ihren biologischen Vater, der ihre Mutter nach einer kurzen Affäre verlassen hat, zu suchen. Es ist nicht einfach, dieses Ziel zu erreichen: Emilia wird 1866 als Tochter einer irischstämmigen Nonne geboren und wächst im armen Teil von San Francisco auf. Ihr Vater ist ein chilenischer Adeliger, von dem sie nichts außer seinem Nachnamen weiß: del Valle.

Emilia findet schon als junge Frau Gefallen am Schreiben. Sie beginnt als 17-Jährige mit Groschenromanen und wird mit 23 bei der örtlichen Tageszeitung angestellt - obwohl sie eine Frau ist. Aber sowohl die Heftchen als auch die Zeitungsreportagen werden unter ihrem männlichen Pseudonym veröffentlicht. 

Doch dann verdichten sich in Chile 1891 die Anzeichen für einen Bürgerkrieg. Emilia ergreift die Gelegenheit und bittet ihren Vorgesetzten, für die Zeitung vor Ort recherchieren zu dürfen. Gemeinsam mit einem befreundeten Kollegen macht sie sich auf den Weg nach Südamerika.

Bis zu diesem Zeitpunkt zeichnet Allende ihre Hauptfigur als freiheitsliebende junge Frau, die entgegen der damaligen Moralvorstellungen auch nicht davor zurückschreckt, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, ohne verheiratet zu sein. Sie ist strukturiert und geht zielstrebig vor, um ihre Vorstellungen durchzusetzen.

In Chile angekommen, lernt Emilia die Grausamkeit des Bürgerkriegs kennen, aber auch den Zusammenhalt und Schutz durch eine Frauengruppe, die die Kämpfer auf dem Schlachtfeld versorgt. Ihr Beruf als Journalistin öffnet ihr Türen, die ihr als Ausländerin normalerweise verschlossen geblieben wären.

Leider beginnt diese Zielstrebigkeit zu bröckeln, als Emilia ihren Vater findet. Er ist dem Tod nah, erkennt sie aber als seine Tochter an. So erbt sie ein entlegenes Grundstück im Regenwald, mitten in den Jagdgründen der Mapuche. Die Entscheidung, die sie nun trifft, ist fern von jeder rationalen Überlegung und lässt sich auch emotional nur schwer herleiten. Doch ihr Kollege, der in Chile von einem Begleiter zu ihrem Partner geworden ist, hält an der Beziehung fest. 

Lesen?

Isabel Allendes in ihren Werken immer wiederkehrendes Thema Feminismus und ihre Auseinandersetzung mit ihrer Heimat Chile prägen auch Mein Name ist Emilia del Valle. Und wie gewohnt fließen auch eigene Erfahrungen der Autorin in die Handlung ein. Ein Hauch Erotik darf auch diesmal nicht fehlen, aber die entsprechenden Szenen wirken mehr kitschig als leidenschaftlich.

Insgesamt ist Mein Name ist Emilia del Valle ein gutes Buch, es reicht aber nicht an andere Romane von Isabel Allende heran.

Mein Name ist Emilia del Valle ist 2025 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro sowie als E-Book 23,99 Euro.

Dienstag, 23. September 2025

# 488 - Liebe und Kulturschock - eine anstrengende Mischung

T. C. Boyle verfolgt in seinem neuen Roman No Way
Home
die Spuren einer Liebe, die nicht nur für die beiden hauptsächlich Beteiligten, sondern auch für eine dritte Person anstrengend ist.

Terry ist 31 Jahre alt, Arzt in einem Krankenhaus in L. A. und arbeitet auf die Zulassung als Internist hin. Jeden Tag wird er in der Klinik mit den Folgen von Gewalt und Verwahrlosung konfrontiert. Eines Tages erfährt er, dass seine Mutter verstorben ist. Sie hinterlässt ihm ein Haus in der Wüstenstadt Boulder City und die Hündin Daisy. Terrys Mutter lebte seit einigen Jahren in der Kleinstadt in der Nähe von Las Vegas, Terry kennt den Ort nur von seinen seltenen Besuchen. Nun muss er sich jedoch dort um die Formalitäten kümmern und entscheiden, was aus Haus und Hund werden soll.

Terry lernt dort zufällig die gutaussehende Bethany kennen, die sich von ihrem Freund Jesse getrennt hat und aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist. Zwischen Terry und Bethany gibt es sofort eine Anziehung, die nach einer gemeinsamen Nacht darin mündet, dass die junge Frau hinter Terrys Rücken in das leerstehende Haus seiner Mutter einzieht. Terry schafft es nicht, Bethany vor die Tür zu setzen, denn das Arrangement hat auch für ihn Vorteile. Ab sofort pendelt er an den Wochenenden zwischen Los Angeles und Boulder City, eine Strecke von immerhin mehr als 450 Kilometern.

Was genau Bethany für den jungen Arzt empfindet, bleibt unklar. Für sie ist er auf jeden Fall "eine gute Partie" mit einer hoffnungsvollen Zukunft - in Boulder City, wenn es nach ihr geht. Aber Terry empfindet in der Wüstenstadt einen Kulturschock und erlebt ein Amerika, das ihm bislang fremd war: die Leute haben konservative Ansichten, reichlich Machos und Lebensentwürfe, in denen er sich nicht wiederfindet. Er erlebt, was mit dem Wort "Sozialkontrolle" gemeint ist.

Und dann ist da noch Jesse, Bethanys Ex-Freund. Der Lehrer entwickelt sich zum Stalker und verletzt Terry so schwer, dass dieser seine Facharztausbildung unterbrechen muss. Bethany kümmert sich um Terry, aber die Pflege, die Verantwortung für den Hund und die Erwartungen, die Terry an sie stellt, überfordern sie schnell. Zuverlässigkeit und Disziplin sind nicht unbedingt ihr Ding. Jesse ist charakterlich einfach gestrickt, für ihn zählen männlich-dominante Typen. Er hat seine Eifersucht immer weniger im Griff und verstößt sogar gegen richterliche Auflagen.

Letztlich bleibt wegen ihres ambivalenten Verhaltens unklar, zu wem sich Bethany tatsächlich hingezogen fühlt und ob das, was die beiden jungen Männer für Liebe halten nicht eher der Wunsch nach einer Inbesitznahme ist.

Lesen?

T. C. Boyle hat sich in vielen seiner Bücher mit Klima- und Umweltthemen beschäftigt. In No Way Home werden sie zwar nicht völlig vernachlässigt, aber nur am Rande benannt. Da ist beispielsweise vom stetig sinkenden Wasserspiegel des durch den Hoover-Damm aufgestauten Lake Mead die Rede sowie der Hoffnung, dass es in den Bergen einen schneereichen Winter gibt, damit das Schmelzwasser im Frühling den See speist. Doch der Lake Mead, an dessen Ufer sich Boulder City befindet, hat nicht nur mit dem Wasserverlust, sondern auch mit einer zu starken Wassererwärmung und dadurch übermäßigen Algenausbreitung zu kämpfen.
Etwas rätselhaft bleibt, warum Boyle an dieser Stelle den Tod eines Jungen erwähnt, der sich nach dem Baden in einem nicht benannten amerikanischen Gewässer mit der sog. hirnfressenden Amöbe Naegleria fowleri infiziert hatte. Dieser von Bethany erwähnte Fall bleibt ein loses Ende - ebenso wie der Schluss des Romans. Und es bleibt die Frage: Ist es besser, sich in einer problematischen Beziehung zu arrangieren oder allein zu sein? Um eine befriedigende Antwort zu geben, wurden die Hauptfiguren allerdings nicht klar genug herausgearbeitet.

No Way Home ist im September 2025 im Hanser Verlag erschienen. Die englische Originalausgabe wird im April 2026 veröffentlicht, ebenfalls im Hanser Verlag. Die deutsche Fassung kostet als gebundenes Buch 28 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.



Freitag, 20. Juni 2025

# 478 - Wo der Rio Grande eine Schleife zieht: ein Drogenkrieg an der mexikanisch-texanischen Grenze

Es gibt in J. Todd Scotts Krimi Diese Seite der
Nacht
 Szenen, die von so viel Rücksichtslosigkeit, Brutalität und Gewalt erzählen, dass man hofft, dass sie in der realen Welt nicht passieren. Doch beim Blick auf die Lebensdaten des Autors kommt man in der Wirklichkeit an: Scott war mehr als zwanzig Jahre DEA-Agent. Die DEA ist die US-amerikanische Behörde, die für die Bekämpfung des Drogenhandels zuständig ist. 

2014 wird im mexikanischen Igualpa ein Bus mit Lehramtsstudenten, die sich auf dem Weg zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt befinden, von Polizisten gestoppt. Die Studenten werden von ihnen an Kriminelle der 'Guerreros Unidos', einem bewaffneten Arm eines Drogenkartells, übergeben. Einige werden noch an Ort und Stelle ermordet, die Mehrzahl von über vierzig jungen Frauen und Männern wird verschleppt. Viele werden kurze Zeit später in einem Massengrab gefunden, einige sind bis heute vermisst.

Scott hat dieses Ereignis als Einstieg in die Handlung gewählt, es aber in die Nähe der mexikanischen Kleinstadt Ojinaga verlegt. Der Ort liegt direkt am Rio Grande, dem Grenzfluss zwischen Mexiko und den USA, und gegenüber des Big Bend Nationalparks in Texas. Für die Ermordung und Entführung der Studenten ist das Nemesio-Kartell verantwortlich, an dessen Spitze Fox Uno steht.

In der Kleinstadt Murfee mitten im Big Bend County hat Sheriff Chris Cherry das Sagen. Cherry wird auf das kriminelle Treiben in der Grenzregion aufmerksam, als sein Deputy Danny Ford fünf im Rio Grande treibende männliche Leichen findet. Er vermutet den äußerst brutalen und grausamen Bandenchef hinter den Morden und findet sich unversehens inmitten eines Konflikts zwischen zwei Drogenkartellen wieder, die einen durch den Überfall auf die Studenten ausgelösten Bandenkrieg auch in seinem County ausfechten. 

Doch auch Fox Uno hat ein Problem: Er registriert, dass die Zahl seiner Männer, auf die er sich verlassen kann, geschrumpft ist. Es wird offensichtlich, dass am Ast seiner Macht gesägt und er von Auftragsmördern verfolgt wird. Um die Vorherrschaft des Kartells kämpfen sein eigener Sohn und ein anderes Kartell. Fox Uno muss fliehen und taucht plötzlich in Murfee auf - ausgerechnet bei seiner Nichte Deputy América Reynosa, die bereits früher im Verdacht stand, Kontakt zu mexikanischen Kriminellen zu haben. Fox Uno erhofft sich von ihr Sicherheit, wenn nicht sogar Freiheit. Insbesondere der DEA-Agent Joe Garrison traut der jungen Frau aus Cherrys Team wegen ihrer Herkunft nicht über den Weg. Er ist sogar gegenüber Sheriff Cherry misstrauisch und vermutet ihn auf einer Gehaltsliste der mexikanischen Drogenmafia.

Joe Garrison und Chris Cherry sind sich darin einig, dass die Auftragskiller von amerikanischen Polizeibeamten unterstützt werden. Sie ahnen noch nicht, wie nah ihnen die Verräter sind. 

Lesen?

Schon in den ersten beiden Bänden um Sheriff Chris Cherry hat J. Todd Scott sein Talent zum spannungsreichen Schreiben bewiesen. Diese Seite der Nacht erfüllt die Erwartungen voll und ganz. 

Die Handlung des Krimis läuft auf einen extrem bleihaltigen Showdown zu, in den die Leserinnen und Leser förmlich hineingezogen werden. Hier macht sich Scotts Expertise als ehemaliger Bundesagent bezahlt.

Neben diesem roten Faden erzählt Scott von Chris Sherrys privaten und dienstlichen Problemen, die den Verlauf des Buches ebenso beeinflussen wie das mexikanische Paar, das den Anschlag auf den Bus überlebt hat und sich unter haarsträubenden Umständen zur Grenze durchschlägt.

Diese Seite der Nacht ist 2005 im Polar Verlag erschienen und kostet 26 Euro. Das Original wurde 2019 unter dem Titel This Side Of Night veröffentlicht.

Nachtrag: In der Bücherkiste wurde mit Weisse Sonne vor zwei Jahren der zweite Band der Reihe vorgestellt.


Samstag, 31. Mai 2025

# 476 - Project 2025: Nur ein Plan oder längst Realität?

Project 2025: Diesen Begriff haben die meisten schon
einmal gehört. Als er erstmals medial in den Fokus rückte, wurde er von vielen noch als eine neue Verschwörungserzählung abgetan, weil das, was in die Öffentlichkeit gelangte, nach rechter Radikalität und Kahlschlag auf mehreren Ebenen klang. Mittlerweile sind zwei Dinge klar: Project 2025 ist ein knallharter Regierungsfahrplan, der ein Demokratie-, Budget- und Behördenkahlschlag ist und auf der ultrarechten Vorstellung, wie das Land (und gern die Welt) zu sein hat, basiert.

David A. Graham ist ein Politikexperte, insbesondere für die Politik in den USA. Der seit vielen Jahren für die Zeitschrift The Atlantic schreibende Journalist wurde bereits für seine Berichterstattung über den Präsidentschaftswahlkampf 2020 ausgezeichnet. In Der Masterplan der Trump-Regierung erläutert er, was tatsächlich hinter Project 2025 steckt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Mandate for Leadership von Project 2025 - Conservative Promise. Mandate for Leadership ist eine Buchreihe, die seit 1981 von der konservativen Heritage Foundation herausgegeben wird und der künftigen Bundesregierung Hinweise gibt, wo und wie sich diese ihrer Meinung nach engagieren sollte.

Trumps erste Amtszeit begann im Chaos. Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass er die Wahl gewinnen würde. Er selbst auch nicht. Damals war nichts vorbereitet: Es gab weder einen Plan noch Personal.
Das ist diesmal anders. Die Heritage Foundation hat den Ablauf der aktuellen Regierungszeit beinahe minutiös vorbereitet. Das Ziel ist, die USA zu einem christlich-konservativen und autoritär agierenden Land zu machen. Der Journalist Klaus Brinkbäumer bringt es in seinem Vorwort auf den Punkt: 
"David Graham hat kein Werk über Ideen und Ideologien geschrieben, sondern einen Bericht über konkrete, kondensierte Macht - und darüber, wie sie organisiert, kanalisiert, konzentriert, entfesselt und missbraucht wird." Es ist "ein staatsfeindliches Manifest in staatsrechtlichem Gewand. Es richtet sich gegen so ziemlich alles, was die amerikanische Demokratie über Jahrzehnte stabilisiert hat: die Gewaltenteilung, den professionellen Verwaltungsapparat, internationale Kooperation, einen Grundkonsens über gesellschaftlichen Pluralismus und demokratische Normen".

Wer Grahams Buch liest, findet vieles von dem wieder, was die Medien seit dem Amtsantritt von Donald Trump berichtet haben: das Handeln eines von Rache getriebenen Autokraten, das impulsiv und instinktgesteuert ist; das Regieren mit Dekreten ohne die Beteiligung des Kongresses; den massiven Um- oder Abbau von Bundesbehörden einschließlich massenhafter Entlassungen; das Ignorieren von Gerichtsurteilen; das Ignorieren von Freundschaften mit anderen Staaten, die bislang als unverbrüchlich angesehen wurden. Trumps erratisches Agieren soll durch Project 2025 eingehegt und im Sinne der Zielerreichung kanalisiert werden.  

Die Nachrichten, die uns aus den USA erreichen, decken sich im Wesentlichen mit den vier Zielen von Project 2025, die vom Präsidenten der Heritage Foundation, Kevin Roberts, formuliert wurden:

  • "Die Widerherstellung der Familie als Mittelpunkt des amerikanischen Lebens und den Schutz unserer Kinder;
  • den Abbau des Verwaltungsstaats und die Rückgabe der Selbstverwaltung an das amerikanische Volk;
  • die Verteidigung der Souveränität, der Grenzen und des Reichtums unserer Nation gegen globale Bedrohungen und
  • die Sicherung unserer von Gott gegebenen individuellen Rechte auf ein freies Leben - also das, was unsere Verfassung als die 'Segnungen der Freiheit' bezeichnet."

Lesen?

Der Masterplan der Trump-Regierung trägt den Untertitel Wie ein radikales Netzwerk in Amerika die Macht übernimmt. Das trifft es genau, denn Donald Trump hat im Wahlkampf gegen Kamala Harris bestritten, das Machwerk gelesen zu haben. Das dürfte zu den wenigen Dingen gehören, die man dem US-Präsidenten glauben darf, denn viele Menschen, die ihn näher kennengelernt haben, sagen übereinstimmend, dass er eine schlechte Konzentrationsfähigkeit hat und praktisch nie etwas liest. Harris hingegen hat mehrmals vor Project 2025 und seinen Folgen für das Leben der US-Amerikanerinnen und -Amerikaner gewarnt und war damit nicht allein.

Wer mehr zu diesem Thema wissen möchte, sich aber nicht die 920 Seiten des Mandate für Leadership 2025 antun will, sollte Grahams Buch lesen. Manches davon ist bereits eingetreten, auf viele andere Veränderungen darf man sich noch "freuen".

Der Masterplan der Trump-Regierung ist 2025 unter dem Originaltitel The Project. How Project 2025 is Reshaping America erschienen und wurde vor wenigen Tagen im S. Fischer Verlag in der deutschen Fassung veröffentlicht. Es kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.


Montag, 21. April 2025

# 472 - Ein "Lucky Loser" im Oval Office

Susanne Craig und Russ Buettner schreiben für die
New York Times und haben sich seit 2016 in ihrer Berichterstattung auf die persönliche finanzielle Situation von Donald J. Trump fokussiert. Für ihre Recherchen, für die sie sich mit Trumps Erbschaft, seinen geheim gehaltenen Steuererklärungen und seinen Fehlschlägen beschäftigten, erhielten sie u. a. den Pulitzer-Preis.
Im September 2024 veröffentlichten sie ihr Buch Lucky Loser, dessen Untertitel How Donald Trump squandered his father's fortune and created the illusion of success (dt.: Wie Donald Trump das Vermögen seines Vaters verprasste und die Illusion des Erfolgs schuf) in die Richtung wies, die die Leserinnen und Leser erwarten konnten und deutlich treffender war als die deutsche Version: Die Wahrheit über Donald Trump und sein Vermögen.

Craig und Buettner beließen es nicht bei der Dokumenten-Recherche, sondern befragten auch ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Geschäftspartner. Sie spürten der von Trump selbst seit Jahrzehnten erzählten Erfolgsgeschichte nach, wonach er ein begnadeter Unternehmer sei, der aus dem bescheidenen Vermögen seines Vaters ein Milliarden-Imperium geformt habe.

Man ahnt die Wahrheit, bevor man nur eine Seite dieses Buches kennt, das sich wie ein Wirtschaftskrimi liest. Man ahnt, dass hinter der Großmäuligkeit des amtierenden US-Präsidenten jede Menge heiße Luft ist. Man ahnt jedoch nicht, wie weit die eigene Vorstellung von der Realität entfernt ist.

Donald J. ist der Sohn von Fred Trump. Fred war der Sohn eines armen Pfälzer Winzers, der aus wirtschaftlichen Gründen 1885 zum ersten und 1905 zum zweiten Mal in die USA auswanderte. Donald war das vierte von fünf Kindern. 
Das Buch reist kurz zurück ins Jahr 1925: Trumps mittlerweile verwitwete Großmutter Elizabeth gründete das Unternehmen 'Elizabeth Trump & Son', mit 'Son' war Fred gemeint. Die Basis für die Firmengründung waren mehrere Baugrundstücke, die Elizabeth von ihrem Mann geerbt hatte. Mit deren Bebauung, dem Verkauf der Neubauten sowie der Vergabe von Darlehen an die Käufer legte sie das Fundament für den geschäftlichen Erfolg ihres Sohnes.

Fred verdiente hervorragend an einem Geschäftsmodell, das den Staat ins Boot holte: Als Präsident Roosevelt die Federal Housing Administration (FHA) ins Leben rief, war das für den Bauunternehmer ein Karriereschub. Ab 1934 förderte die Behörde den Bau von Eigenheimen, indem sie Hypothekendarlehen versicherte. Auf dieser Grundlage vergaben Banken zinsgünstige Eigenheimkredite mit Laufzeiten von bis zu dreißig Jahren. Für die Bauunternehmer begannen rosige Zeiten. Mit Steuertricks gelang es Fred Trump, seine wahren Einkünfte zu verschleiern und damit Steuern zu sparen. Während seine Bauprojekte architektonisch nichtssagend waren, wurde Fred Trump auf andere Weise kreativ: Er blähte die Baukosten auf dem Papier auf, um zinsgünstige Kredite zu bekommen, und vermietete dann die fertigen Häuser teuer auf der Grundlage der offiziellen überhöhten Kostenprognosen. Diese Vorgehensweise wurde ihm zwar Mitte der 1950-er Jahre von öffentlichen Stellen vorgeworfen, hatte aber keine ernsthaften Konsequenzen.

Fred plante seine Firmennachfolge Anfang der 1970-er Jahre. Seine Töchter kamen hierfür nicht infrage, weil sie nun mal Frauen waren. Donalds Bruder Fred schied wegen seines Alkoholismus' aus. Donald avancierte zum Lieblingssohn, der mit den Millionen seines Vaters wie mit Spielgeld umging. Donald Trump versuchte sich als Bauherr von Hochhäusern, Hotels und Casinos und entschied sich aus dem Bauch heraus für neue Projekte. Die Presse war dabei behilflich, das von ihm geschaffene Image eines erfolgreichen Immobilienentwicklers zu unterfüttern: Durch deren schlampige Recherchen und Leichtgläubigkeit wurde das Vermögen, das Vater Fred gehörte, aber von Donald mit vollen Händen eingesetzt wurde, um sich stapelnde Hypotheken zu bedienen, seinem Sohn zugeschrieben - der diesen Eindruck durch maßlose Übertreibungen und Lügen verstärkte: "Mein Vater hat mir 1975 einen sehr kleinen Kredit gegeben, und ich habe damit ein Unternehmen aufgebaut, das viele, viele Milliarden Dollard wert ist und einige der größten Vermögenswerte der Welt besitzt." Tatsache ist, dass Fred Trump seinem Sohn Donald über die Jahre mit einer halben Milliarde Dollar ausgeholfen hat. 

Nur wenige durchschauten das Finanzgeflecht, das Trump aufgebaut hatte und sich bestens dazu eignete, Geldströme zu verschleiern. In den 1990-er Jahren wuchsen Trumps Schulden durch schlecht durchgeführte Casino-Bauprojekte und -Betriebe dermaßen, dass ein Bankmanager gegenüber einem Journalisten des Wall Street Journal äußerte: "Donald Trump fährt mit 100 Meilen pro Stunde auf eine Mauer zu, und er hat keine Bremsen." Zu diesem Zeitpunkt hatte Trump 3,4 Milliarden Dollar Schulden angehäuft und sah sich fälligen Anleihezinsen in Höhe von einer Milliarde Dollar gegenüber. Die kreditgebenden Banken schreckten davor zurück, Trumps Kredite zu kündigen und so seinen Bankrott einzuleiten: Viele seiner Immobilien waren nicht wertvoll genug, um damit die Kredite zu decken. Außerdem stellten sie fest, dass Trump seine Kredite quer abgesichert hatte: Bei einer Pleite würden sich die Geldhäuser um dieselben Immobilien streiten. Erschwerend kam hinzu, dass Trump für 832,5 Millionen Dollar persönlich gebürgt hatte, sodass sich die Immobilien im Fall einer Insolvenz nur zu geringen Preisen verkaufen ließen.

Trump blieb jedoch der wirtschaftliche Super-GAU erspart, die Banken trafen mit ihm verschiedene bindende Absprachen für einen Zeitraum von fünf Jahren. Den schönen Schein konnte Trump aufrecht erhalten, weil ihm ein monatliches 'Haushaltsgeld' von 450.000 Dollar zugestanden wurde. 
Obwohl ihre geschäftliche Herangehensweise sehr unterschiedlich war, hatten Vater und Sohn aber eines gemeinsam: Beide waren immer auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Steuerlast zu senken. Bei der Auswahl der Winkelzüge waren sie nicht zimperlich und nahmen auch illegale Aktionen in Kauf, die den Staat schädigten.

Die Rettung kam mit der TV-Show "The Apprentice". Die Sendung wurde ein Erfolg, Trump war obenauf. Doch nicht die Gage war es, die ihm einen reichen Geldsegen bescherte, sondern die zahlreichen Werbe- und Lizenzverträge im Umfang von Hunderten Millionen Dollar, die ohne seine Fernsehbekanntheit nicht möglich gewesen wären. Dort sorgte seine Unberechenbarkeit für hohe Einschaltquoten: Wen er feuerte, war jenseits jeder Logik und nur einem momentanen Impuls geschuldet. Der damalige Redakteur sagte: "Er feuerte immer wieder die absolut falsche Person. [...] Das passierte, wenn er absolut keine Ahnung hatte, was lief, und er einfach etwas erfand. Er musste nur irgendeinen Namen nennen." Sobald die Gefahr bestand, dass Trumps Verhalten sein Image beschädigen könnte, wurden die Aufzeichnungen nachträglich manipuliert, um "ihn nicht wie einen kompletten Idioten dastehen zu lassen".

Über dem Erfolg von "The Apprentice" waren seine gescheiterten Ehen und die beruflichen Misserfolge in den Hintergrund getreten. Die Regisseure inszenierten einen erfolgreichen Geschäftsmann, und Trump füllte diese Rolle auf den Fernsehbildschirmen perfekt aus.

Lesen?

Lucky Loser liest sich durchgängig interessant. Craig und Buettner haben fast jedes Statement durch eine Quelle belegt, sodass ihnen niemand Unglaubwürdigkeit oder Ungenauigkeit vorwerfen kann. 

Es ist erschreckend, wie sehr es dem Blender Trump gelang, zahllosen Menschen einen Erfolg als Immobilienunternehmer vorzugaukeln, den es nicht gegeben hat. Seine Erzählungen, die man heute von ihm kennt, reichen fünfzig Jahre zurück und wurden seitdem von ihm gebetsmühlenartig wiederholt: Mit Superlativen beschreibt er damals wie heute seine Genialität, die allerdings getrost angezweifelt werden darf. Gelingt ihm etwas offenkundig nicht, sind entweder die Umstände oder andere Personen schuld. 

Als Trump Mitte der 1980-er Jahre ein Buchvertrag für 'The Art of the Deal' angeboten wurde, beauftragte der Unternehmer den Journalisten Tony Schwartz als seinen Ghostwriter. Dieser war schnell desillusioniert: Trump konnte sich höchstens eine Stunde konzentrieren und "bei ihm zählt nur der ständige Trommelwirbel - Anerkennung von außen, immer mehr, immer größer, aber ohne Ziel". Aus seinen privaten Notizen geht ein noch desaströseres Urteil hervor: Wenn er Trump so beschreiben würde, wie er sei, dann erschiene er als "hassenswert oder, schlimmer noch, als eindimensionaler Angeber".

Trumps schlechte Eigenschaften können wir in diesen Tagen in seiner Politik wiederfinden. Der Mann, der als Unternehmer seinem Land geschadet hat, wurde von einer Mehrheit zu dessen Präsident gewählt. Manche Dinge sind so absurd, dass man sie sich nicht ausdenken kann. 

Die New York Times schrieb im September 2024 sehr treffend: "Selbst als die Maske des kompetenten Geschäftsmanns fiel, erwiesen sich die gleichen Schuldzuweisungen und Wahrheitsverweigerungen, die ihn und den Rest seiner Familie vor den Konsequenzen geschützt hatten, weiterhin als nützlich. Washington war nach seiner Präsidentschaft ein Chaos, aber die Schuld trugen die Demokraten, oder vielleicht die Chinesen. Antifa. Einwanderer. Die Ukraine."

Fazit: auf jeden Fall lesen.

Lucky Loser ist 2024 im Gutkind Verlag erschienen und kostet als Hardcover 35 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro.

Nachtrag: Der Begriff "Lucky Loser" stammt aus dem Sport. Mit ihm sind Athleten gemeint, die in der ersten Runde eines Wettbewerbs oder einer Qualifikation scheitern, aber trotzdem weiterkommen, weil sie zu den besten Verlierern gehören.




Samstag, 22. März 2025

# 470 - Ein Szenario: Wenn Russland gewinnt

Was passiert, Wenn Russland gewinnt? Diese Frage
steht seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 im Raum. Der renommierte Politikwissenschaftler und Militärexperte Carlo Masala hat in seinem neuesten Buch ein Szenario entworfen, wie sich die globale und europäische Sicherheitsarchitektur in diesem Fall in den nächsten Jahren entwickeln könnte. Als Sieg gilt für ihn auch, dass Russland das derzeit von ihm besetzte Gebiet nicht zurückgeben muss.

Fiktion auf der Grundlage von Wissenschaft und fortgeschriebenen Entwicklungen

Masalas Szenario setzt im März 2025 ein. Die Unterstützung, um die der ukrainische Präsident Selenskyj dringend gebeten hat, bleibt aus. Der US-Präsident lässt nicht nur die Ukraine, sondern auch Europa sicherheitstechnisch fallen. Die europäischen Staaten sind nicht in der Lage, diesen Ausfall aufzufangen. Der Ukraine bleibt nur die Kapitulation und damit die Aufgabe von zwanzig Prozent ihres Staatsgebiets. Eine durch die Vereinten Nationen bereitgestellte Friedenstruppe soll den Waffenstillstand überwachen, jedoch nicht eventuelle Angriffe Russlands gegen die Ukraine abwehren.

Ende März 2028 dringen russische Brigaden in die estnische Stadt Narwa ein. Die dortige Bevölkerung ist zu 95 Prozent russischsprachig und hat seit Wochen gegen ihre sprachliche und kulturelle Benachteiligung durch die estnischen Behörden protestiert und den durch Desinformation gestreuten Gerüchten geglaubt, für die Regierung künftig nur noch Bürger zweiter Klasse zu sein. Die russischen Soldaten stoßen nicht auf Gegenwehr, die Stadt ist binnen weniger Stunden eingenommen. Dieser Erfolg war auch deshalb möglich, weil sich sowohl die estnische Regierung als auch die NATO von Truppenbewegungen fast 150 Kilometer entfernt haben ablenken lassen.

In derselben Nacht besetzen russische Soldaten, die zuvor per Fähre als Touristen getarnt angereist waren, die estnische Insel Hiiumaa. Die Gegenwehr der 12.000 dort lebenden Menschen ist gering.

Die Frage ist nun: Ist die russische Annexion einer Stadt mit etwa 56.000 Einwohnern sowie einer Insel in einem kleinen NATO-Mitgliedsland ein Anlass, um den Bündnisfall auszurufen? Von der Antwort hängt insbesondere die Zukunft Europas ab, und sie fällt innerhalb der EU sehr unterschiedlich aus.
In Masalas Szenario entscheidet sich binnen weniger Tage, welche Staaten die globale Vorherrschaft erringen werden.

Lesen?

Carlo Masala warnt eindringlich davor, Russland zu unterschätzen. Er hält militärische Aktionen, die die Reaktions- und Verteidigungsfähigkeit der NATO testen sollen, für realistisch und benennt deutlich die - nicht fiktionalen, sondern tatsächlichen - Fähigkeitslücken des Verteidigungsbündnisses. Seiner Einschätzung nach verfolgt Putin das Ziel, die europäische Sicherheitsarchitektur zu zerstören.

Donald Trump ist erst seit wenigen Wochen im Amt, als Masala noch an seinem Buch arbeitet. Er schreibt: "Mein Szenario beruht darauf, dass die USA der Ukraine die Unterstützung entziehen und sich in der Folge aus Europa weitgehend zurückziehen, um sich auf Asien zu konzentrieren." Es ist beklemmend, dass sich diese Einschätzung bereits bewahrheitet hat.

Hinter einem Szenario steht nicht nur die Frage "Was wäre, wenn?" Es dient auch dazu, Vorbereitungen zu treffen, um den Worst Case zu verhindern - denn genau das ist es, worum es in Wenn Russland gewinnt geht. Masala beschreibt Russlands militärische und zivile Zersetzungsstrategie und kritisiert den Umgang der Politik mit dem Kriegsgeschehen in der Ukraine. Dass, als ob das nicht schon reichen würde, den Politikern eine klare Strategie bislang fehlte und sich daran auch nach drei Jahren Kriegsdauer nichts geändert hat, verleitet nicht zu Optimismus. 

Masala empfiehlt die Priorisierung von Staatsaufgaben zugunsten von Verteidigungsausgaben sowie die klare Kommunikation der Regierungen mit ihren Wählerinnen und Wählern. Sein letzter Satz ist eine Mahnung: "Demokratische Gesellschaften sind durch hybride Kriegsführung bedroht und letzten Endes geht es um nicht weniger als um die Verteidigung der demokratischen Staatsform, oder pathetischer gesprochen, um die Art und Weise, wie wir leben und leben wollen."

Wenn Russland gewinnt ist im März 2025 im Verlag C. H. Beck erschienen und kostet als Broschurausgabe 15 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.



Sonntag, 9. März 2025

# 468 - Vermissen auf Japanisch

Die Japanerin Kyoko ist mit dem US-Amerikaner Levi verheiratet und lebt mit ihm und dem gemeinsamen zweijährigen Sohn Alex in San Francisco. Die Aufgaben sind klassisch verteilt: Levi kümmert sich um die Firma und die Finanzen, Kyoko um den Sohn und den Alltag. Doch dann verunglückt Levi tödlich und Kyoto muss ihr Leben und das ihres Sohnes neu ordnen. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich die Handlung des Romans Vermissen auf Japanisch von Yukiko Tominaga (übersetzt von Juliane Zaubitzer).

Trotz seiner Beteuerungen, sich um eine Lebensversicherung zu kümmern, hatte Levi es versäumt, tatsächlich eine abzuschließen. Statt wohlgeordneten Finanzen hinterlässt er seiner Familie Schulden.

Levis Familie sind ihre jüdischen Wertvorstellungen wichtig. Deshalb bietet dessen Bruder Ben Kyoko an, zu ihm und seiner Familie nach Boston zu ziehen. Dort lebt auch ihre Schwiegermutter, die ihrer Schwiegertochter trotz der eigenen Trauer Halt geben will.

Yukiko Tominaga schildert in Episoden nicht nur, wie es Kyoko und Alex über mehrere Jahre gelingt, ihre Leben in gute Bahnen zu lenken, sondern sie macht auch deutlich, welche Bedeutung es in den beiden unterschiedlichen Kulturen hat, einen Menschen zu vermissen: Während man im Englischen auf verschiedene Weise zum Ausdruck bringen kann, dass einem eine Person fehlt, gibt es dafür im Japanischen keinen speziellen Ausdruck, mit dem das deutlich gemacht werden könnte. Kyoko äußert, dass ihr Levi fehlt, bezweifelt aber, ob sie ihn tatsächlich geliebt hat. Der starke kulturelle Unterschied, wenn es darum geht, einander Liebe zu zeigen, offenbart sich in einem Dialog zwischen Kyoko und ihrer Schwiegermutter:

"Weißt du was", sagte ich, "in unserer Sprache gibt es auch keine >Umarmung<."
"Kein >Ich vermisse dich< und keine Umarmungen. Wie erkennt ihr die Liebe?"
"Wir lesen die Luft", sagte ich.

Lesen?

Vermissen auf Japanisch hat mir atmosphärisch gut gefallen. Yukiko Tominaga hat die Sorgen und Nöte ihrer Protagonistin sowie die kulturelle Kluft zwischen ihr und ihrer angeheirateten amerikanischen Familie gut vermittelt. Die Autorin hat allerdings mit Zeitsprüngen gearbeitet, was mir das Lesen erschwert hat. Um zu zeigen, wie sich das Leben von Kyoko und Alex nach Levis Tod entwickelt, wäre eine chronologische Entwicklung aus meiner Sicht besser gewesen.

Vermissen auf Japanisch ist 2025 im mare Verlag erschienen und kostet 24 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.



Donnerstag, 24. Oktober 2024

# 457 - Allein durch die Wüste - eine wahre Geschichte über die Flucht eines Kindes

Vor 25 Jahren wird ein neunjähriger Junge auf eine
lange und gefährliche Reise von El Salvador nach Tucson, Arizona, geschickt. Der Versuch, ein reguläres Visum zu bekommen, ist da bereits gescheitert. Er wird einem Schlepper anvertraut, sein Großvater begleitet seinen Enkel auf der Busfahrt durch Guatemala bis nach Ocós an der mexikanischen Grenze. Ab dort ist das Kind auf sich allein gestellt. Dieses Kind ist der Autor Javier Zamora, der diese unglaubliche und rd. 6.000 Kilometer lange Reise in seinem Buch Solito beschreibt. Der Titel trifft die Sache genau, denn 'solito' bedeutet 'allein'.

Javiers Eltern sind schon einige Jahre zuvor als "Illegale" in die USA geflüchtet. Der zwölfjährige Bürgerkrieg in ihrer Heimat hatte zu einer Gewaltspirale geführt und El Salvador auch wirtschaftlich zerrüttet. Doch 1999 beschließt die Familie, dass Javier seinen Eltern nach 'La USA' folgen soll. Für den Jungen wird ein Traum wahr.

Javier kennt seinen Vater, der zuerst das Land verlassen hat, nur noch durch regelmäßige Telefonate und weiß durch Fotos, wie er aussieht. An seine Mutter kann er sich jedoch gut erinnern. Die Fotos zeigen seine Eltern vor schönen Häusern, die gepflegte Gärten und Swimmingpools haben. Javier schließt daraus irrtümlich, dass auch sie in solch einer Umgebung leben. Das steigert - neben seiner Sehnsucht nach ihnen - seine Vorfreude auf das neue Leben in den USA.

Javier fährt auf dem Pazifik in einem überladenen Boot von Ocós (Guatemala) nach Oaxaca (Maxiko); er schläft mit seiner Flüchtlingsgruppe in billigen Motels oder überfüllten Wohnungen und läuft nachts durch die eiskalte Wüste, die sich am Tag wie ein brütend heißer Ofen anfühlt; er erlebt Gewalt und Korruption und verbringt eine Nacht und einen Tag in der überfüllten und stinkenden Sammelzelle eines amerikanischen Grenzgefängnisses. Menschen, die mit der Gruppe nicht mehr Schritt halten können, werden in der Wüste zurückgelassen.

Doch Javier hat Glück: Er bekommt unterwegs Hilfe vom 19-jährigen Chino und der 27-jährigen Patricia, die mit ihrer kleinen Tochter Carla ebenfalls auf dem Weg in die USA ist. Die Vier werden auf dem Boot bis zu ihrer Ankunft zu einem Team, das zusammenhält und aufeinander achtet. Sie erleben gemeinsam, an der Grenze ihres Traumlands zu scheitern und motivieren sich gegenseitig, nicht aufzugeben. Die Familie auf Zeit ist Javiers rettender Anker. 

Lesen?

Solito war 2022, als die Originalausgabe in den USA erschien, wochenlang auf der Bestseller-Liste der New York Times. Das Thema illegale Migration spaltet seit etlichen Jahren das Land und trieb die Wählerinnen und Wähler im Wahlkampf sowohl in diesem Jahr als auch vor vier Jahren um. Zamora hat mit seinem Buch dazu beigetragen, sich in die Situation der Migranten, gegen die Ex-Präsident Trump das Land mit einer Mauer schützen will, hineinzuversetzen. 

Javier Zamora arbeitet zwar mit konkreten Datumsangaben, es darf jedoch bezweifelt werden, dass sich ein neunjähriger Junge, der mit dem nackten Überleben beschäftigt ist, täglich Notizen macht. Seine in Romanform verarbeiteten Erlebnisse geben jedoch Einblicke, wie gefährlich eine Flucht durch Schlepper und wie groß die Hoffnung ist, die Angehörigen wiederzusehen und ein Leben in Frieden zu führen.

Zamora hat viele Jahre lang niemandem von seiner fast zehnwöchigen Flucht erzählt. Die Erlebnisse haben ihn so schwer traumatisiert, dass er sich in psychotherapeutische Behandlung begeben hat. Seine Erzählung enthält sehr viele Eindrücke aus der Perspektive eines Kindes, das sich immer wieder orientieren und eine Situation einschätzen muss: Zamora schildert Gerüche in Unterkünften oder von Menschen, das Mienenspiel von Mitflüchtlingen, Schleppern oder Polizeibeamten oder den Geschmack von Staub. Es ist der Blickwinkel eines Kindes, von dem das Verhalten eines Erwachsenen erwartet wird. Die Angst ist ein ständiger Begleiter - bis zum Schluss, als der kleine Javier hofft, dass seine Eltern ihn vom letzten Schlepper freikaufen und abholen.

Das Buch ist sehr interessant, die immer wieder eingestreuten spanischen Begriffe und Aussprüche, die im Glossar übersetzt werden, haben den Lesefluss allerdings leider gehemmt und waren für das Verständnis nicht nötig.

Zamora ist in den USA bis zur Veröffentlichung von Solito als Lyriker bekannt gewesen und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 

Solito ist 2024 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.


Tipp: Im Laufe der Handlung werden immer wieder Bands aus Mittelamerika und ihre bekanntesten Lieder genannt. Man muss kein Fan dieser Musik sein, aber sie sich zwischendurch anzuhören trägt dazu bei, die Atmosphäre des Buches zu erfassen.


Samstag, 14. September 2024

# 452 - Gelungener Mix aus Krimi und Rassismuskritik

Clay Robinette ist ein ehemaliger Journalist, der sich vor Jahren seinen Ruf als seriöser Reporter mit einigen handwerklichen "Unzulänglichkeiten" versaut hat. Doch er hat Glück: Durch günstige Umstände wird er 1989 Professor an der Arden University in Ohio, ausgerechnet im Fach Journalistik mit dem Schwerpunkt Creative Non-Fiction. Die Stelle ist zwar nicht sein Traum, aber er ist schwarz, verheiratet und hat zwei kleine Töchter. Der Uni-Job bietet ihm finanzielle Sicherheit. Das Leben der Robinettes könnte weiter vor sich hin plätschern, aber das ist in Jake Lamars Krimi Das schwarze Chamäleon selbstverständlich nicht vorgesehen.

Nur wenige Jahre später wird Reginald "Reggie" Brogus ebenfalls Professor in Arden. Reggie, die Ikone der Black Panther-Bewegung der 1960-er Jahre, dessen sogenanntes 'Manifest' Clay mit Hochachtung und Bewunderung gelesen hat. Reggie war damals fast so bedeutend wie Martin Luther King. Doch mit dem einst charismatischen Kämpfer ist etwas geschehen. Jahrelang war er von der Bildfläche verschwunden. Dann tauchte er wieder auf: ein feister Mann mit neoliberalen Ansichten, die denen von damals genau entgegengesetzt sind. Clay ist irritiert, blendet Brogus' Meinungsumschwung jedoch aus. Für ihn hat der Mann noch etwas vom damaligen Glanz eines Helden.

Februar 1992: Mitten in der Nacht klingelt Clays Telefon. Der völlig aufgelöste Brogus fleht ihn an, mit ihm in sein Büro in der Uni zu kommen. Was Clay dort sieht, schockiert ihn auf mehreren Ebenen: Auf Brogus' Bürosofa liegt eine nackte tote Frau. Um ihren Hals schlingen sich die auffällige Hosenträger des übergewichtigen Professors, mit denen sie augenscheinlich erwürgt wurde. Auf den zweiten Blick erfasst Clay, um wen es sich handelt: Jennifer Wolfshiem ist Studentin an der Uni von Arden und Clay hatte bis vor Kurzem mit ihr eine Affäre. 

Aber Brogus hat ganz eigene Sorgen: Da sich die Leiche in seinem Büro befindet, ist die Wahrscheinlichkeit, wegen Mordes verurteilt zu werden, hoch. Er faselt etwas vom FBI, das ihn verfolgt, und will nur noch eins: möglichst weit weg, und Clay soll ihm dabei helfen. Dem behagt seine Rolle als Fluchthelfer eines Mannes, der vielleicht ein Mörder ist, nicht. Doch Brogus beteuert seine Unschuld. Kann Clay ihm glauben?

Clay bringt seinen Kollegen in die Nähe des Flughafens und hofft, dabei nicht beobachtet zu werden. Ihm ist klar, dass er zu einem der Hauptverdächtigen wird, wenn die Beziehung zu Jennifer publik wird. Ein schwarzer Professor und eine weiße Studentin, die möglicherweise von ihm getötet wurde: Clay sieht bereits vor sich, wie sein bisheriges geordnetes Leben zu Staub zerfällt. Er ist wegen des gewaltsamen Todes der jungen Studentin schockiert, denkt jedoch darüber nach, wer als Täter oder Täterin infrage kommen könnte: der militante schwarze Student, der Jennifer gestalkt hat? Die exzentrische Professorin am Afrikamerika-Institut? Clays Ehefrau Penelope, die - wie auch immer - von der Affäre Wind bekommen hat? Oder doch Brogus?

Lesen?

Das schwarze Chamäleon ist eine Mischung aus einem Krimi mit dem klassischen Whodunit-Muster und einer satirischen Kritik der US-Rassenpolitik der letzten Jahrzehnte. Die Handlung nimmt ab der ersten Seite Fahrt auf, und man ist immer wieder fassungslos, wie meisterhaft Clay Robinette Fakten so lange verdrängt, bis sie ihm auf die Füße fallen. Er begibt sich in Situationen, von denen er ahnt, dass sie für ihn und sogar seine Familie problematisch werden könnten, zieht sich aber trotzdem nicht zurück. 

Clay gerät in einen Strudel von Ereignissen, bei denen er zeitweise nicht weiß, wer ihn da eigentlich bedroht. Jake Lamar entwirft mit Clay Robinette einen Protagonisten, dessen sich steigernde Verzweiflung greifbar und dessen Orientierungslosigkeit glaubwürdig ist. Mit seinem Buch ist Lamar ein Pageturner gelungen.

Das schwarze Chamäleon ist 2001 unter dem Originaltitel If 6 were 9 erschienen und wurde 2024 von der Edition Nautilus GmbH in der deutschen Übersetzung herausgegeben. Übersetzt von Krimiautor Robert Brack, der auch das Nachwort, das sich mit der Suche nach Jack Lamar beschäftigt, verfasst hat.

Das Buch kostet als Paperback 22 Euro und als E-Book 17,99 Euro. Es steht auf der Krimibestenliste September 2024 des Deutschlandfunks.

Montag, 29. April 2024

# 434 - Die Erinnerungen von Deutschlands dienstältestem Parlametarier

Wolfgang Schäuble gehörte 51 Jahre dem Deutschen
Bundestag an. Er war 19 Jahre Bundesminister in den Regierungen Kohl und Merkel in verschiedenen Ministerien, verhandelte die deutsche Wiedervereinigung, ist vier Jahre Bundestagspräsident gewesen und hatte in seiner Partei, der CDU, unterschiedliche Ämter inne. Als Schäuble 1972 im Alter von 30 Jahren zum ersten Mal als Abgeordneter im Bundestag Platz nahm, saß ganz in seiner Nähe der "Vater des Wirtschaftswunders" Ludwig Erhard.


Wer so einen Werdegang hat, hat eine Menge zu erzählen. Und das tut Wolfgang Schäuble in seinem letzten Buch Erinnerungen - Mein Leben in der Politik. Auf rd. 620 Seiten (zuzügl. einer editorischen Notiz und eines mehrteiligen Anhangs) nimmt er kein Blatt vor den Mund und nutzt diese Gelegenheit, seine Sicht auf die deutsche Geschichte von den 1970-er Jahren bis heute deutlich zu machen. Seit 2006 litt er an einer Krebserkrankung, die ihn im Laufe der Zeit in die Knie zwang. Das Schreiben seiner Erinnerungen mithilfe der Historiker Hilmar Sack und Jens Hacke war ein Wettrennen mit der Zeit, das er knapp gewann: Die drei Männer trafen sich am 14. Dezember 2023 zum letzten Mal im Schäubles Abgeordnetenbüro, um einige Feinheiten des Buches zu besprechen. Nur zwölf Tage später ist Wolfgang Schäuble verstorben.

Freundschaften und Abneigungen im Politikbetrieb

Schäuble beschreibt sein Verhältnis zu Helmut Kohl und die Art ihres Umgangs miteinander. Dabei gab er sich keinen Illusionen hin: Er bewundert die humanistische Bildung des Kanzlers und dessen schnelle Auffassungsgabe. Kohls wiederholten öffentlichen Äußerungen, Wolfgang Schäuble werde sein Nachfolger als Bundeskanzler sein, maß er keine größere Bedeutung bei. Die Rolle des ewigen Kronprinzen, ähnlich der des heutigen britischen Königs Charles III., lag ihm nicht.
Die Parteispendenaffäre hat das Verhältnis der beiden Politiker im Jahr 2000 allerdings derart erschüttert, dass es nicht mehr zu kitten war. Kohl war nicht zu bewegen, die Namen der Spender zu nennen. Dass er damit seine Partei durch einen Rechtsbruch in eine problematische Situation brachte, spielte für den Parteipatriarchen keine Rolle. Schäuble wollte sich nicht an diesem Gebaren beteiligen und trat von seinen Ämtern als Partei- und Fraktionsvorsitzender der CDU zurück. Die beiden einstmals Vertrauten haben nie mehr miteinander gesprochen.

Natürlich geht es auch um das Verhältnis zwischen Wolfgang Schäuble und Angela Merkel. Er bezeichnet sie als "Glücksfall". Schäuble hat die unter seiner Zeit als CDU-Parteichef zur Generalsekretärin gewählte spätere Bundeskanzlerin immer menschlich gemocht, aber "Merkels Führungsstil hat meine Loyalität strapaziert, auch wenn ich jedes Ansinnen, ihr in den Rücken zu fallen, kategorisch abgelehnt habe."
Loyalität: Diese Eigenschaft prägte neben Ehrgeiz, Leistungsbereitschaft, Erfolgswillen und Bodenständigkeit das Handeln des Politikers Wolfgang Schäuble. Als Schäuble 2015, in der Hochzeit der Flüchtlingskrise, vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber aufgefordert wurde, sich an einem Putsch gegen Merkel zu beteiligen, lehnte er das Ansinnen ab. 
Sowohl Helmut Kohl als auch Angela Merkel waren 16 Jahre Bundeskanzler bzw. -kanzlerin. Schäuble deutet an, dass die langen Amtszeiten in ihren letzten Phasen bei beiden gewisse Abnutzungserscheinungen mit sich gebracht haben. Ob diese Einschätzung die Empfehlung einer Amtszeitbegrenzung beinhaltet, bleibt offen. Man wird jedoch den Eindruck nicht los, dass Schäuble einen großen Anteil an diesen langen Amtszeiten hatte.

Auffallend ist, dass Schäuble seine Kolleginnen und Kollegen in der Politik nicht nach ihrer Parteizugehörigkeit beurteilte. Über Abgeordnete der SPD oder den Grünen urteilte er oft positiv und wertschätzend. 

International

Wolfgang Schäuble bezeichnete sich selbst als Atlantiker. Die politische Nähe zu den USA war ihm immer wichtig.
Als mindestens ebenso wichtig hat er die Europäische Union sowohl für Deutschland als auch Europa eingeschätzt. In seine Amtszeit als Bundesfinanzminister fiel der Beginn der Eurokrise, in der mehrere EU-Staaten vor der Pleite gerettet werden mussten. Den sich damals abspielenden Finanz- und Wirtschaftskrimi erläutert Schäuble so ausführlich wie nötig und gut nachvollziehbar. Sein Urteil über die Banken fällt dabei wenig schmeichelhaft aus: In einer Passage heißt es "man dürfe nicht zu lange Bundesfinanzminister sein, wenn man nicht als grundsätzlicher Kapitalismuskritiker enden wolle". Wenn es um seine Beobachtung geht, wie sich das Verantwortungsbewusstsein führender Manager im Laufe der Zeit verändert hat, wird Schäuble deutlich: "Das früher ehrbare Wort 'Bankier' war längst durch 'Banker' ersetzt worden. Und das entspricht in etwa dem Weg zwischen Alfred Herrhausen und Josef Ackermann." Im selben Kontext erwähnt er, dass die Bankenrettung 30 Milliarden Euro gekostet hat, davon entfielen 18 Milliarden Euro auf die Commerzbank. Schäuble ärgert sich deutlich darüber, "wie hochbezahlte Manager [...] in einer mir zunehmend widerlich erscheinenden Weise am eigenen finanziellen Vorteil interessiert waren. Ich erinnere mich daran, wie der Vorstandsvorsitzende eines Instituts [...] sehr bald die politisch durchgesetzte Deckelung der Managergehälter zu ändern versuchte. Eine halbe Million war nicht genug - der Vorstand bewilligte sich selbst bereits 2012 wieder über 1,3 Millionen. [...] Anstand ist offenbar auch in diesen Kreisen zu einer knappen Ressource geworden." Wolfgang Schäuble hat den Namen des Managers, der ihn mit seiner Gier derart in Rage gebracht hatte, in seinem Buch nicht genannt. Wer sich jedoch an die Nachrichten aus dieser Zeit erinnert, weiß, dass es sich um den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank Martin Blessing gehandelt hat.

Das Attentat

Am 12. Oktober 1990, als in Deutschland wegen der Wiedervereinigung eine euphorische Stimmung herrschte, wurde Wolfgang Schäuble durch die Schüsse eines psychisch kranken Attentäters so schwer verletzt, dass er eine Querschnittslähmung erlitt. Überlebt zu haben verdankte er seinem Personenschützer, der mit seinem Körper die dritte Kugel abfing. Schäubles Leben teilte sich fortan in ein "Vorher" und "Nachher": Die Verletzungen führten zu einer Querschnittslähmung und einem Leben im Rollstuhl. Das ganze Land nahm an Schäubles Schicksal Anteil. 

Der Politiker schildert seine damaligen Selbstzweifel, die in die Frage mündeten, ob er gelähmt leben will. Die Behinderung brachte viele Probleme mit sich, doch Wolfgang Schäuble kommt zu dem Schluss, dass er nach dem Attentat "nicht weniger glücklich als vorher" ist. So optimistisch und positiv diese Aussage ist, so irritierend ist eine andere: "Meine Popularität über die vielen Jahre gründet auch in der sichtbaren Behinderung. Ich hätte gern darauf verzichtet, zumal ich bevorzuge, an meinen politischen Leistungen gemessen zu werden." 'Woran denn sonst?', würde man ihn hier gern fragen.

Lesen?

Erinnerungen - Mein Leben in der Politik ist so etwas wie ein subjektives Geschichtsbuch. Durch die Schnelllebigkeit unserer Zeit und die Fülle an Informationen, denen wir täglich ausgesetzt werden, geraten die Details vieler zurückliegender Ereignisse etwas in Vergessenheit. Beim Lesen des Buches gibt es einige Aha-Momente.

Mit Wolfgang Schäuble ist einer der erfahrensten Politiker Deutschlands gestorben - wenn nicht sogar der erfahrenste. Er hat viele Politikerinnen und Politiker kommen und gehen gesehen. Zum Schluss schloss sich sein persönlicher politischer Kreis dort, wo er begonnen hatte: auf den Hinterbänken des Bundestages. Er nahm den großen Altersunterschied zwischen sich und vielen heutigen Abgeordneten wahr ("Sie könnten nicht mehr nur meine Kinder, sondern längst meine Enkel sein."), monierte die immer noch zu wenigen weiblichen Abgeordneten, bedankte sich mehrfach bei seiner Frau für die Unterstützung seiner Karriere, die sie nie gewollt hatte, und riet den jungen Abgeordneten zu mehr Zuhören und weniger Selbstdarstellung.

Egal, ob man den Menschen Wolfgang Schäuble und/oder seine Politik und die der CDU gutheißt: Dieses Buch ist schon wegen seiner vielen Einblicke lesenswert. Schäubles Schreibstil ist klar und beinahe so, als würde er einem Besucher aus seinem Leben erzählen. Trotz seines großen Einflusses auf die deutsche Politik findet sich nirgends eine Stelle, an der sich der Politiker selbst überhöhen würde.

Ich wurde in den 1960-er Jahren geboren. Mir sind Personen und politische Ereignisse aus den 1970-er Jahren mindestens in groben Zusammenhängen geläufig. Für jüngere Leserinnen und Leser könnte es jedoch schwierig werden: Es fallen viele Namen und werden zahlreiche Begebenheiten genannt, die entweder nicht oder lediglich andeutungsweise erklärt werden. Einen erläuternden Anhang hält das Buch allerdings nicht bereit. Niemand sollte sich hiervon jedoch entmutigen lassen.

Erinnerungen - Mein Leben in der Politik ist im April 2024 im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet 38 Euro.