Samstag, 25. Juli 2026

# 512 - Unter Gästen: kluge Beobachtungen einer Gastwirtstochter

Auf dem Cover steht "Roman", aber Unter Gästen
von Caroline Roger ist nicht das, was man sich unter einem Roman vorstellt: Die schweizerische Autorin blickt in Fragmenten zurück auf ihre Kindheit und Jugend zwischen dem zehnten und fünfzehnten Lebensjahr. 

Ihre Eltern sind selbstständige Gastronomen in einer französisch- und deutschsprachigen Universitätsstadt in der Schweiz, vermutlich in Fribourg. Im Erdgeschoss betreibt die Mutter mit viel Elan ein Bistro, in der ersten Etage der Vater mit deutlich weniger Begeisterung ein französisches Restaurant. Für ein geregeltes Familienleben, in dem die Tochter aufwachsen kann, ist da keine Zeit.

Aber da gibt es eine Art Ersatzfamilie: die Gäste. Caroline Roger vermeidet zwar den direkten Kontakt zu ihnen, fängt aber deren Stimmungen und die Atmosphäre in den beiden Lokalen sehr aufmerksam ein. Sie springt in ihren Beobachtungen von Tisch zu Tisch, achtet auf die Gewohnheiten der Menschen und schreibt über ihr ungewöhnliches Verhalten, ohne es zu bewerten. Sie weiß erstaunlich gut über die Lebensumstände der Gäste Bescheid: Warum trägt die ehemalige Hausmeisterin, die nicht wohlhabend ist, so gern Pelzmäntel? Was hat es mit den Studenten oder den Bürodamen auf sich, die immer in Gruppen das Bistro besuchten? Kann der Fliegenflüsterer tatsächlich mit Fliegen kommunizieren? Haben die Liebespaare ein gemeinsames Leben außerhalb des Bistros?

Caroline Roger wurde 1969 geboren, ihre Erinnerungen entstammen also der Zeit Anfang der 1980-er Jahre. Umso erstaunlicher ist die Toleranz gegenüber Lebensentwürfen, die von dem abweichen, was man damals als normal ansah: Da ist zum Beispiel der Versicherungsvertreter, ein alter Bekannter der Mutter. Er hat geheiratet, eine Familie gegründet und abgewartet, bis seine Kinder erwachsen sind. Dann erst hat er sich zu seiner Homosexualität bekannt und sein Leben umgekrempelt: neuer Partner, neuer Lebensstil, neue Kleidung. Was blieb, war sein Beruf. Was wir nicht erfahren ist, in welchem zeitlichen Zusammenhang das Outing des Mannes zu den ersten in der Schweiz bekannten AIDS-Fällen 1983 stand. Nicht nur in der Schweiz wurden in dieser Zeit Homosexuelle als Schuldige dieser Epidemie angesehen, es wurde unter anderem von einer "Schwulenseuche" gesprochen.

Der Jugendlichen Caroline Roger entgeht auch nicht, was sich in ihrer Familie abspielt. Der aus Hamburg stammende Vater hat sich nie völlig in der Schweiz eingelebt, die in der Familie gesprochenen Sprachen sind eher ein Zeichen für die gegenseitige Entfremdung und erzeugen keine emotionale Nähe. Der Vater kümmert sich nicht um Freundschaften, sondern um Liebschaften. Das Schweigen in der Ehe der Eltern wächst; es ist offensichtlich, in welche Richtung sich ihre Beziehung entwickelt. Die Tochter ist für die beiden nur ein Nebenschauplatz und von der Mutter ohnehin nicht akzeptiert. In einer Episode schreibt Caroline Roger über das Forellen-Aquarium, das ihr Vater in seinem Restaurant aufgestellt hatte, um seinen Gästen frische Forellen anbieten zu können. Doch sein Enthusiasmus hielt nicht lange an: "Das Aquarium ähnelte immer mehr unserem Familienleben. Sein Zustand war verwahrlost und den Blicken aller ausgeliefert, Kunden und Personal. Wie die wenigen Forellen, die in ihrem verlassenen Biotop hin und her schwammen, trieben meine Mutter, mein Vater und ich im Restaurant und im Bistro herum, wobei wir uns so weit wie möglich aus dem Weg gingen, manchmal aneinandergerieten und hofften, dass ein Netz uns aus dieser Kälte, Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit herausholen würde."

Als Caroline Roger in ihren Zwanzigern ist, stirbt die Mutter an den Folgen eines Unfalls. Die Gelegenheit, sich anzunähern und Fragen zu stellen ist dahin. Zu ihrer Beerdigung kommen viele Stammgäste - allesamt Menschen, für die die Mutter immer ein offenes Ohr hatte. Das unterschied die Gäste von der Tochter.

Lesen?

Unter Gästen ist ein berührendes Buch. Caroline Roger hat es geschafft, ihre Situation ohne Selbstmitleid und Groll zu schildern. Die oft nur kurzen Kapitel skizzieren das Warten der Tochter auf die Eltern, viele skurrile Szenen und Persönlichkeiten - und all das mit einer guten Prise Humor. Zwischen den Zeilen nimmt man Melancholie und Bedauern wahr, aber auch Hoffnung. Und es ist von der ersten bis zur letzten Seite sehr gute Unterhaltung, was bei diesem Stoff nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre.

Unter Gästen ist 2026 im Limmat Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Mittwoch, 15. Juli 2026

# 511 - Glaube, Liebe und Hoffnung in Brooklyn

Es ist die Nacht vom 16. auf den 17. August 1986.
Risas Mann Sav kommt volltrunken nach Hause und bedroht seine Frau vor dem gemeinsamen Baby mit einer Pistole. Sav ist als Ehemann und Vater ein Totalausfall: Seine Sprache ist die Gewalt, und er wird immer wieder kriminell. In dieser Nacht hat er einen Laden überfallen und will sich mit seinem Anteil der Beute und seiner Geliebten aus dem Staub machen.

Im Suff verliert er wie so oft die Kontrolle über sich. Risas Schwester Giulia hat die Pistole vor ihrem Schwager versteckt, um eine weitere Eskalation zu verhindern, und Sav würgt sie, um buchstäblich aus ihr herauszupressen, wohin sie die Waffe gelegt hat. Im Affekt schlägt ihm Risa eine gusseiserne Pfanne auf den Kopf, und Sav prallt mit dem Kopf auf der Tischkante auf. Ist er sofort tot oder hätte er gerettet werden können? Diese Frage bleibt unbeantwortet, weil die Schwestern nicht wagen, einen Krankenwagen zu rufen. Der Schlag sowie Risas und Giulias Untätigkeit danach lösen eine Kette von Ereignissen aus, die bis in den Sommer 2004 Wellen schlagen und sich nicht nur auf sie beschränken. Sowohl die Schwestern als auch ein guter Freund, der ihnen hilft, Savs Leiche zu beseitigen, unterschätzen den Wunsch von fast allen Menschen, die eigenen familiären Wurzeln zu kennen und zu erfahren, was sie mit ihren Eltern gemeinsam haben - oder auch nicht. Die Drei schwören einander, für immer über die Umstände von Savs Verschwinden zu schweigen, werden aber in den folgenden fast zwanzig Jahren auf mehrere Proben gestellt.

William Boyle siedelt seinen Krimi Heilige der Narrows Street in Gravesend, einem italienisch-kleinbürgerlichen Arbeiterviertel von Brooklyn, an. Die Menschen sind katholisch und leben eine Art der Frömmigkeit, die eher be- als entlastend wirkt. Das spiegelt sich sogar in dem Namen der örtlichen Kirche wider: Our Lady of Perpetual Surrender (Unsere Liebe Frau der immerwährenden Hingabe) birgt keine große Hoffnung. Unter den Nachbarn gibt es eine ausgeprägte Sozialkontrolle und einen großen, gemeinsamen Traum: So gut wie jede(r) möchte das Viertel verlassen, um ein besseres Leben zu führen. Die Frustration darüber, dass das kaum jemandem gelingt, ist groß und treibt viele in die Kriminalität. Gewalt ist nicht die Ausnahme, sondern Teil des Alltags.

Boyle kennt all das sehr gut, denn er ist selbst in der Nachbarschaft von Gravesend aufgewachsen. Er zeichnet jede Figur authentisch und glaubwürdig, hat aber für Saint of the Narrows Street, wie sein Buch im Original heißt, auf ein klassisches Krimiformat verzichtet. Es gibt kein eindeutiges Gut und Böse, wie man es von den meisten Krimis gewohnt ist: Der verkommene Unsympath Sev kommt durch die Affekttat seiner Frau ums Leben, die immer nur versucht, alles richtig zu machen. Das Mitleid mit dem Toten fällt gering aus.

Lesen?

William Boyle hat ein Buch geschrieben, das durch die Verkettung vieler spannender Einzelszenen von generationsübergreifenden Traumata und Konflikten sowie einer Religiosität, die an der Wirklichkeit zerschellt ist, erzählt. Es gibt keinen Spannungsbogen, sondern ein ständiges Auf und Ab, das dieses Werk zu einem Pageturner macht. 

Heilige der Narrows Street wurde 2026 im Polar Verlag veröffentlicht und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.

Samstag, 4. Juli 2026

# 510 - Dear Britain - Was macht England aus?

Die ehemalige ARD-Auslandskorrespondentin Annette Dittert übernahm im September 2008 die Leitung des NDR-Studios in London und beschäftigt sich seitdem damit, das Land und seine Menschen zu ergründen. Mit ihrem Buch Dear Britain will sie beantworten, was das Lebensgefühl der Briten prägt, was es mit ihrem bekanntlich sehr besonderen Humor auf sich hat und wie die Bevölkerung den Austritt aus der EU sechs Jahre nach dessen Vollzug bewertet. 

In den fast zwanzig Jahren, die Dittert in London gelebt und gearbeitet hat, hat sie sich einerseits zu Hause gefühlt, andererseits aber auch Besonderheiten registriert, die Briten von Deutschen unterscheiden. Und dann ist da noch das spezielle Verhältnis von Engländern, Schotten und Walisern zueinander, das sich von außen nur schwer erschließt.

Miteinander in Kontakt zu kommen, persönliche Gespräche zu führen: Das ist etwas, das Annette Dittert in Jahrzehnten als Journalistin praktiziert hat. Auf diese Weise hat sie sich auch für ihr Buch Menschen genähert, die ihr Auskunft über Dinge gegeben haben, die wir als "very british" empfinden: über die Clubs, die immer noch fast vollständig Männern vorbehalten sind und sich erst seit kurzer Zeit zurückhaltend für weibliche Mitglieder öffnen, das Verhältnis der Briten zum Königshaus, die unterschiedlich stark verfolgten Abspaltungsziele von Schottland und Wales oder das Hinnehmen und Ignorieren von unangenehmen Tatsachen als kulturelle Eigenheit.

Dear Britain ist von der großen Zuneigung Ditterts zu diesem Land durchzogen, die der Grund war, sich um die britische Staatsbürgerschaft zu bemühen. Seit 2025 ist die Journalistin sowohl deutsche als auch britische Staatsbürgerin. Das hält sie jedoch nicht davon ab, die Schwierigkeiten des Landes klar zu benennen und für ihre Leserinnen und Leser anschaulich zu schildern: Sie geht hart mit dem ehemaligen Premierminister Boris Johnson ins Gericht, den sie wegen seiner Rolle rund um den Brexit als "menschliche Abrissbirne" bezeichnet und ihn für die Verschiebung des politischen Diskurses sowie den Zerfall der Tory-Partei verantwortlich macht.

Annette Dittert berichtet von sozialen Verwerfungen, von denen in Deutschland kaum jemand etwas weiß: dem althergebrachten Klassensystem, den desaströsen Folgen der Privatisierung der Wasserversorgung unter Margaret Thatcher, der deutlichen Zunahme der Armut seit dem Brexit (ein Drittel der Kinder ist armutsgefährdet), dem zunehmenden Rassismus oder der Konzentration von Landbesitz auf wenige Eigentümer (über 50 Prozent der Ländereien gehören einem Prozent der englischen Bevölkerung, und nur acht Prozent des Landes können von allen betreten werden). Gleich zu Beginn ihres Buches resümiert sie: "Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum steht es schlecht um die alte Selbstsicherheit und die gelassene Liberalität der Briten. Ihr legendärer Ruf als pragmatisch-rationale Nation ist dahin."

Wir wissen aus den Nachrichten, dass ausgerechnet Nigel Farage, der den Briten bei einem Brexit das Blaue vom Himmel versprochen hat, derzeit in der Wählergunst die Nase vorn hat. Wie kann das sein, dass die Menschen jemanden wählen würden, der sie glatt belogen hat? Annette Dittert spricht über die tiefe Enttäuschung und Wut der Bürger und Bürgerinnen in den Labour-Hochburgen und deren Überzeugung, verraten worden zu sein. Viele Male ist ihr nicht nur dort dieser Satz begegnet: "Wir wissen doch genau, dass Nigel Farage und die Rechten es auch nicht besser können, aber wenigstens jagen sie dann den ganzen Laden in die Luft!" Das ist die Sorte Fatalismus, die uns aus Deutschland bekannt vorkommt.

Lesen?

Annette Dittert erzählt mit viel Empathie und Sachkenntnis über ihre zweite Heimat England. Trotz aller Kritik an der Entwicklung, die das Land seit dem EU-Austritt genommen hat, schreibt sie mit Zuneigung von seinen Menschen (mit Ausnahme von Boris Johnson) und ihren Eigenschaften. Sie macht jedoch deutlich, dass viele Traditionen, die auf den ersten Blick skurril wirken, vor allem dem Erhalt von Macht und Status dienen. 

Nichts hält Dittert jedoch davon ab, London "meine einzige große Liebe" zu nennen, auch wenn es dort Entwicklungen wie zum Beispiel die krasse Gentrifizierung gibt, über die sie sich ärgert. Aber: "Wie in jeder alten Ehe haben wir gute und schlechte Tage miteinander, aber die guten Tage überwiegen bei Weitem." So unterhaltsam, wie sie Dear Britain geschrieben hat, nimmt man das Annette Dittert auf jeden Fall ab.

Dear Britain ist 2026 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.