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Samstag, 4. Juli 2026

# 510 - Dear Britain - Was macht England aus?

Die ehemalige ARD-Auslandskorrespondentin Annette Dittert übernahm im September 2008 die Leitung des NDR-Studios in London und beschäftigt sich seitdem damit, das Land und seine Menschen zu ergründen. Mit ihrem Buch Dear Britain will sie beantworten, was das Lebensgefühl der Briten prägt, was es mit ihrem bekanntlich sehr besonderen Humor auf sich hat und wie die Bevölkerung den Austritt aus der EU sechs Jahre nach dessen Vollzug bewertet. 

In den fast zwanzig Jahren, die Dittert in London gelebt und gearbeitet hat, hat sie sich einerseits zu Hause gefühlt, andererseits aber auch Besonderheiten registriert, die Briten von Deutschen unterscheiden. Und dann ist da noch das spezielle Verhältnis von Engländern, Schotten und Walisern zueinander, das sich von außen nur schwer erschließt.

Miteinander in Kontakt zu kommen, persönliche Gespräche zu führen: Das ist etwas, das Annette Dittert in Jahrzehnten als Journalistin praktiziert hat. Auf diese Weise hat sie sich auch für ihr Buch Menschen genähert, die ihr Auskunft über Dinge gegeben haben, die wir als "very british" empfinden: über die Clubs, die immer noch fast vollständig Männern vorbehalten sind und sich erst seit kurzer Zeit zurückhaltend für weibliche Mitglieder öffnen, das Verhältnis der Briten zum Königshaus, die unterschiedlich stark verfolgten Abspaltungsziele von Schottland und Wales oder das Hinnehmen und Ignorieren von unangenehmen Tatsachen als kulturelle Eigenheit.

Dear Britain ist von der großen Zuneigung Ditterts zu diesem Land durchzogen, die der Grund war, sich um die britische Staatsbürgerschaft zu bemühen. Seit 2025 ist die Journalistin sowohl deutsche als auch britische Staatsbürgerin. Das hält sie jedoch nicht davon ab, die Schwierigkeiten des Landes klar zu benennen und für ihre Leserinnen und Leser anschaulich zu schildern: Sie geht hart mit dem ehemaligen Premierminister Boris Johnson ins Gericht, den sie wegen seiner Rolle rund um den Brexit als "menschliche Abrissbirne" bezeichnet und ihn für die Verschiebung des politischen Diskurses sowie den Zerfall der Tory-Partei verantwortlich macht.

Annette Dittert berichtet von sozialen Verwerfungen, von denen in Deutschland kaum jemand etwas weiß: dem althergebrachten Klassensystem, den desaströsen Folgen der Privatisierung der Wasserversorgung unter Margaret Thatcher, der deutlichen Zunahme der Armut seit dem Brexit (ein Drittel der Kinder ist armutsgefährdet), dem zunehmenden Rassismus oder der Konzentration von Landbesitz auf wenige Eigentümer (über 50 Prozent der Ländereien gehören einem Prozent der englischen Bevölkerung, und nur acht Prozent des Landes können von allen betreten werden). Gleich zu Beginn ihres Buches resümiert sie: "Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum steht es schlecht um die alte Selbstsicherheit und die gelassene Liberalität der Briten. Ihr legendärer Ruf als pragmatisch-rationale Nation ist dahin."

Wir wissen aus den Nachrichten, dass ausgerechnet Nigel Farage, der den Briten bei einem Brexit das Blaue vom Himmel versprochen hat, derzeit in der Wählergunst die Nase vorn hat. Wie kann das sein, dass die Menschen jemanden wählen würden, der sie glatt belogen hat? Annette Dittert spricht über die tiefe Enttäuschung und Wut der Bürger und Bürgerinnen in den Labour-Hochburgen und deren Überzeugung, verraten worden zu sein. Viele Male ist ihr nicht nur dort dieser Satz begegnet: "Wir wissen doch genau, dass Nigel Farage und die Rechten es auch nicht besser können, aber wenigstens jagen sie dann den ganzen Laden in die Luft!" Das ist die Sorte Fatalismus, die uns aus Deutschland bekannt vorkommt.

Lesen?

Annette Dittert erzählt mit viel Empathie und Sachkenntnis über ihre zweite Heimat England. Trotz aller Kritik an der Entwicklung, die das Land seit dem EU-Austritt genommen hat, schreibt sie mit Zuneigung von seinen Menschen (mit Ausnahme von Boris Johnson) und ihren Eigenschaften. Sie macht jedoch deutlich, dass viele Traditionen, die auf den ersten Blick skurril wirken, vor allem dem Erhalt von Macht und Status dienen. 

Nichts hält Dittert jedoch davon ab, London "meine einzige große Liebe" zu nennen, auch wenn es dort Entwicklungen wie zum Beispiel die krasse Gentrifizierung gibt, über die sie sich ärgert. Aber: "Wie in jeder alten Ehe haben wir gute und schlechte Tage miteinander, aber die guten Tage überwiegen bei Weitem." So unterhaltsam, wie sie Dear Britain geschrieben hat, nimmt man das Annette Dittert auf jeden Fall ab.

Dear Britain ist 2026 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Sonntag, 4. August 2024

# 446 - Ein guter Rat gefällig?

Eliza Peabody ist 51 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann
Henry in einem Haus in der Rathbone Road am Rand von London. Das Paar ist seit 30 Jahren verheiratet, hat keine Kinder und gehört zur gehobenen Mittelschicht. Henry ist Diplomat im Außenministerium; Eliza ist nicht berufstätig, weil das in ihrem sozialen Umfeld so üblich ist. Elizas Leben hat sich an Henrys Karriere ausgerichtet: Die beiden haben in Bangkok, Damaskus, Kairo und Washington gelebt, bevor sie nach London zurückkehrten.

Eliza betätigt sich ehrenamtlich in einem christlichen Hospiz. Dort steht sie jedoch nicht den Sterbenden bei, sondern spült das Geschirr. Eliza ist der Meinung, dass sie ihre Meinung jederzeit ungefragt äußern sollte. So hält sie es auch in ihrer Nachbarschaft: In den Briefkästen des Viertels finden sich immer wieder Zettel, auf denen Eliza "hilfreiche" Hinweise geschrieben hat. Doch in Jane Gardams Roman Gute Ratschläge wird deutlich, wo das Problem ist: Sie geht ihren Mitmenschen mit ihren Tipps auf die Nerven.

In ihrer Straße wohnt eine Familie mit zwei Kindern und einem Hund. Vater Charles ist wie Henry im Außenministerium beschäftigt. Elizas Fokus liegt auf der Mutter Joan: Deren hinkender Gang erregt ihre Aufmerksamkeit, und sie schreibt der Nachbarin einen Brief. Darin gibt sie ihr Ratschläge, was es mit Joans Bein auf sich haben könnte: "Ich glaube, es ist etwas Psychologisches, Psychosomatisches, und Charles nimmt es furchtbar schwer. Es macht sowohl ihn als auch dich zum Gespött und ihr ruiniert euch euer Leben."

Viele Leute würden nach so viel Übergriffigkeit an Joans Tür Sturm klingeln und ihr den Marsch blasen. Joan tut nichts dergleichen. Sie schweigt. Kurze Zeit später verschwindet sie und lässt Familie und Hund zurück. Eliza erfährt erst einen Monat später davon. In der Zwischenzeit hat sie der Nachbarin drei weitere Briefe geschrieben, in denen sich eine Instinktlosigkeit an die andere reiht. Als Eliza Joans Verschwinden registriert, stachelt sie das zu weiteren Briefen an, in denen sie der Frau, als deren Freundin sie sich jedes Mal bezeichnet, schwere Vorwürfe macht. Die Briefe sendet sie an Adressen auf einer Liste, die Joan für ihren Mann geschrieben hat.

Mit jedem Brief steigert sich Eliza mehr in ihren belehrenden Wahn hinein, und jeder wird länger und ausufernder. Joan antwortet ihr jedoch nicht. Allerdings kommt der verlassene Charles der Einladung nach, Zeit mit den Peabodys zu verbringen. Das führt nach einigen Monaten zu einem unerwarteten Ereignis: Henry informiert seine Frau darüber, dass er ab sofort mit Charles zusammenleben werde. Die beiden Männer verlassen das Viertel. Eliza bleibt allein im Haus zurück und kreist um sich selbst.

Elizas Briefe werden immer persönlicher. Der ehemaligen Nachbarin, die sie in Wahrheit kaum kennt, erzählt sie intime Details aus ihrem Leben bis hin zum Grund für ihre Kinderlosigkeit. Sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund, als sie das Leben der Frauen in der Nachbarschaft beurteilt: "Vermutlich habe ich bei dir nur beobachtet, was in weniger dramatischer Form bei vielen Frauen unseres Alters in der Rathbone Road zu sehen war: Langeweils, Überdruss, Erkenntnis."

Aber dann kommt der Zeitpunkt, ab dem Eliza von surrealen Erlebnissen erzählt. Da ist ein Professor, dessen Körper schmilzt und in der Kanalisation verschwindet, ein absurdes Gespräch mit ihrer ehemaligen Tutorin in Oxford und unangemeldete Besucher, die angeblich von Joan geschickt wurden. Am unheimlichsten ist ihr Erlebnis mit dem Hospizbewohner Barry, der Eliza besonders am Herzen lag. Sie wird von einer der Schwestern über seinen Tod informiert, eilt an sein Bett und führt dort mit ihm ein langes Gespräch über ihr Leben.

Lesen?

Erst allmählich schält sich heraus, wie Eliza zu der Person geworden ist, die ihrem Mann und ihren Nachbarn heute den letzten Nerv raubt. Doch genau wie Elizas Leben zerfasert, tut es auch die Handlung. Zum Schluss ist nicht klar, was real ist und was nur in Elizas Kopf existiert.

Gute Ratschläge ist ein Entwicklungsroman über eine erwachsene Frau, die reflektiert, dass sie in einer Gesellschaft voll Doppelmoral lebt, in der Frauen vor allem Ehegattinnen zu sein haben, die ihren Männern den Rücken frei halten und mit denen sich diese schmücken können. Gardam zeigt auch, wie es einem Menschen gehen kann, der ein traumatisches Erlebnis mit niemandem teilen und nicht verarbeiten kann. Der Roman hat heitere, aber auch nachdenklich machende Facetten.

Gute Ratschläge ist unter dem Originaltitel The Queen of the Tambourine 1992 erschienen und wurde 2024 erstmals in der deutschen Übersetzung (Übersetzerin: Monika Baark) im Hanser Verlag veröffentlicht. Der Roman kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro und als E-Book 18,99 Euro.

Samstag, 8. Juni 2024

# 439 - Ich bin Anna Freud

Mit Ich bin Anna hat der Autor und Psychiater Tom Saller einen Roman geschrieben, der sich intensiv mit dem Leben von Anna Freud, der jüngsten Tochter des Psychoanalytikers Sigmund Freud, beschäftigt.

Anna ist das sechste Kind von Sigmund und Martha
Freud. Ihr Vater ist bei ihrer Geburt 1895 bereits 39 Jahre alt und hat wie seine Frau nicht mehr mit einem weiteren Kind gerechnet. Martha Freud lässt ihre Tochter spüren, dass sie das überzählige Kind ist. Anna ist kränklich und wird dafür von einer ihrer Schwestern gehänselt, die der Liebling der Eltern ist. Doch sie ist stärker, als ihre Familie glaubt: Sie arbeitet gegen das Klischee der Jüngsten an und macht mit 17 Jahren ihr Abitur. Danach wird sie Lehrerin. Anna ist das einzige der Freud-Kinder, das sich für die Arbeit des Vaters interessiert. Da sich Sigmund Freud wünscht, dass sein Werk fortgesetzt wird, schlägt er Anna vor, von ihm in die Psychoanalyse eingeführt zu werden.

Ein schwieriger Patient, Ludwig Stadlober, wird 1917 das Anschauungsobjekt, an dessen Behandlung Sigmund Freud seine Tochter teilhaben lassen will. Der junge Deutsche war als Soldat bei einem Senfgasangriff schwer an den Augen verletzt worden, was seine Kriegsbegeisterung allerdings nicht geschmälert hat. Stadlober hat eine temporäre Blindheit, die bislang von keinem Arzt geheilt werden konnte. Der junge Mann glaubt zwar nicht an die Psychoanalyse, aber Sigmund Freud ist seine letzte Hoffnung. Durch die Arbeit mit dem Deutschen gelangt Sigmund Freud zu der Erkenntnis, dass seine eigene Theorie der Libido als zentrale Triebkraft unvollständig ist, und er stellt dem Liebes- den Todestrieb an die Seite.

Stadlober nimmt ohne es zu ahnen eine Position zwischen Anna Freud und ihrem Vater ein. Anna beginnt, sich von ihrem übermächtig scheinenden Vater abzunabeln, und verabredet sich hinter dessen Rücken mit seinem Patienten. Sie ist 22 Jahre alt und hat noch nie Kontakt zu jungen Männern gehabt, die nicht ihre Brüder waren. Stadlober interpretiert die heimlichen Treffen als Annäherungsversuche und ist gekränkt, als sich Anna nach einer Tuberkulose-Erkrankung zurückzieht und die Bekanntschaft nur noch als Brieffreundschaft fortsetzen will. Sie ist sich nicht darüber im Klaren, ob eine Beziehung zu einem Mann in ihrem Leben Platz hat. Stadlober wird durch Annas Entschluss in eine tiefe Krise gestürzt; sein Selbstmordversuch bleibt glücklicherweise erfolglos. Doch Anna kann mit ihren Empfindungen, die sie während der Treffen mit Stadlober hatte, nicht umgehen, und bittet ihren Vater, sie zu therapieren.

Lesen?

Ich bin Anna beleuchtet das Leben von Anna Freud, soweit es die zur Verfügung stehenden Quellen zugelassen haben. Tom Saller hat die Figur des Ludwig Stadlober erfunden und weiß von der Therapie, der sich Anna bei ihrem Vater unterzogen hat, nur aus Andeutungen. Später sollte allerdings klar werden, warum es ihr nicht gelang, zu einem Mann eine romantische Beziehung aufzubauen.

Saller verfolgt Anna Freuds Leben bis zu Flucht der jüdischen Familie vor den Nationalsozialisten nach London im Jahr 1938. Sie ist ihrem Vater bis zu seinem Tod eine Stütze, obwohl ihr schon lange klar war, dass ihre zwischenzeitlich verstorbene Schwester dessen Lieblingskind gewesen ist.

Tom Sallers Roman ist ungewöhnlich aufgebaut: Anna und Sigmund Freud kommen in identisch nummerierten Kapiteln abwechselnd zu Wort und beschreiben die jeweiligen Situationen aus ihrer eigenen Sicht. So ist es möglich, in die Gedanken der beiden einzutauchen und sich ein umfassendes Bild zu machen.

Ich bin Anna ist ein interessanter Roman, der erklärt, wie aus der unterschätzten jüngsten Freud-Tochter eine angesehene Psychoanalytikerin und die Begründerin der Kinderanalyse wurde.

Ich bin Anna ist 2024 im Kanon Verlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 21,99 Euro.


Samstag, 7. Mai 2022

# 346 - Psychothriller, der mit den Ängsten vor der Digitalisierung spielt

Jo Ferguson ist 33, freie Journalistin, geschieden und
pleite. Zum Glück hilft ihr ihre wohlhabende beste Freundin Tabitha aus der Patsche und lässt sie umsonst in ihrer Wohnung im angesagten Londoner Viertel Camden wohnen. Tabitha ist sehr viel beruflich unterwegs, sodass sich die beiden Frauen nicht stören. Wegen ihrer häufigen Abwesenheit hat Tabitha ihr Zuhause mit reichlich digitaler Technik ausgestattet, um ungebetenen Besuchern keine Chance zu geben. Das Smart-Home-System entspricht dem aktuellen Stand der Technik, lässt sich selbstverständlich aus der Ferne steuern und ist so lernfähig, dass der Assistent "Electra" sich schnell auf die Menschen, die regelmäßig mit ihm kommunizieren, einstellen kann. Ein Traum?

In seinem Psychothriller Die Stimme zeigt der britische Bestsellerautor S. K. Tremayne, wie sich die Bestandteile eines digitalen Haushalts praktisch verselbständigen. Jo, die so gut wie immer allein in der Wohnung ist, wird von Electra unvermittelt auf ein Ereignis angesprochen, das etliche Jahre zurückliegt: "Ich weiß, was du getan hast. Ich kenne dein Geheimnis. Ich weiß, was du mit dem Jungen gemacht hast. Wie seine Augen weggerutscht sind. Ich weiß alles." Jos Erinnerung an diesen Tag, den sie mit Tabitha auf einem Festival verbracht hat, sind furchtbar. So furchtbar, dass die beiden Freundinnen sich damals versprachen, niemandem von den Ereignissen zu erzählen. Woher also weiß Electra davon?

Schon bald merkt Jo, dass dies erst der Anfang einer Entwicklung ist, in deren Verlauf sich ihre Existenz in ihre Einzelteile auflöst. Wenn sie bislang dachte, am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen zu sein, wird sie nun eines Besseren belehrt. Nicht nur das Smart-Home-System scheint sich gegen sie verschworen zu haben, sondern sogar Jos Social-Media-Account führt ein Eigenleben und beleidigt und erniedrigt ausgerechnet die Menschen, die ihr am wichtigsten sind. Auch von ihrem Mail-Konto werden Nachrichten verschickt, die darauf abzielen, ihren Angehörigen und Freunden zu schaden und Jo als ein Mensch mit einer Persönlichkeitsstörung aussehen zu lassen. Doch sie kann sich nicht erinnern, all diese Posts und Mails geschrieben und abgesendet zu haben.
Um sie herum wird es immer einsamer.

Jo fühlt, dass sie immer öfter nicht weiß, was ihrer Fantasie entspringt und was real ist. Wird sie verrückt wie ihr Vater, der sich am Ende das Leben genommen hat? Wäre der Tod nicht auch für sie der Weg, diesem Wahnsinn zu entkommen? Oder gibt es einen Menschen, der sie so sehr hasst, dass er sie auf diese perfide Weise vernichten will?

Lesen?

Die Stimme ist ein spannend inszenierter Thriller, der Fans der häuslichen Digitalisierung nachdenklich machen kann. Die Möglichkeiten, sein Leben auf diese Weise unterstützen zu lassen, bergen Gefahren, die viele Nutzer gern ausblenden - weil die Vorteile den Alltag so bequem machen. 

Das Buch ist spannend bis zum Schluss, und Jo erfährt Dinge über einen geliebten Menschen, die sie vielleicht lieber nicht gewusst hätte.

Die Stimme ist 2020 bei Droemer Knaur erschienen und kostet als Paperback 16,99 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Der Rückblick: Was war im August und September los?

Die Frankfurter Buchmesse nähert sich

 

Die beiden großen deutschen Buchmessen in Leipzig und Frankfurt führen jedes Jahr zu einer erhöhten Betriebsamkeit in der Buchbranche, je näher das jeweilige Datum heranrückt. Das hat sich auch in der Bücherkiste insbesondere im September bemerkbar gemacht.

Der August

 

In Es brennt das ganze Kind sogar des Autors Edelhard Callies setzt sich der vom Leben benachteiligte Karl Reitz zur Wehr. Gewalt erzeugt Gegengewalt - das bekommen seine Peiniger zu spüren. Ein Roman, in dem es nicht nur um Ungerechtigkeit, sondern auch um das Leben einer deutschen Familie geht, deren Schicksal maßgeblich von vom erstarkenden Nationalsozialismus und der massenhaften Ermordung von behinderten Menschen geprägt ist. 


Mit Brant von Ken Bruen habe ich den ersten Crime Noir auf diesem Blog vorgestellt. Der Londoner Sergeant Brant ist korrupt, draufgängerisch und gnadenlos. Er muss einen offenbar durchgeknallten Killer zur Strecke bringen, der es auf Polizisten abgesehen hat und nach öffentlicher Aufmerksamkeit giert. Was Brant noch nicht weiß: Sein eigener Tod soll das grausame Finale der Mordserie werden, denn er und der Täter sind Jahre zuvor aneinander geraten. Skrupellos, spannend und ganz dicht dran. Mehr Krimi geht nicht. 


"Geld regiert die Welt." Wie sehr das zutrifft, erklärt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl in seinem Buch Verstehen Sie Geld? auch für den Laien gut verständlich. Auch wer bislang der Meinung war, ihm könne beim Thema Geld keiner mehr etwas vormachen, wird das nach dem Lesen dieses Buches wahrscheinlich anders sehen. Çöl spannt den Bogen von der Entstehung der ersten Formen des Geldes bis zu den heutigen Finanzmarktmechanismen, die bei der "Rettung" der südeuropäischen EU-Mitgliedsstaaten noch lange nicht enden. 


Ende August hat die Frankfurter Buchmesse mit dem ersten Artikel hier Einzug gehalten: Bei einem Besuch "meines" Buchhändlers sah ich den Reader mit Leseproben aller Bücher auf dem Tresen liegen, die für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurden. Welche Titel ich nur anhand der Textauszüge zu meinen Favoriten gemacht habe, lest ihr in diesem Beitrag. 


Mit Chlorophyll ist M. J. Herberth ein Roman gelungen, der ein mögliches Weltuntergangsszenario realistisch beschreibt. Die Schilderung macht auch vor teilweise sehr üblen Überlebensstrategien der immer weniger werdenden Menschen nicht halt, wobei man sich manchmal am liebsten schaudernd abwenden möchte. 




Der September

 

Terri Blackstock hat in Nur wenn ich fliehe einen Plot geschaffen, der sich dem Leser erst nach und nach erschließt. Die Versicherungsangestellte Casey findet ihren besten Freund Brant ermordet in dessen Haus und ergreift sofort die Flucht. Damit macht sie sich zu einer Verdächtigen, aber es gibt Menschen, die an ihre Unschuld glauben. Der Grund, dass sie sich nicht der Polizei stellen will, liegt jedoch weit vor dem Zeitpunkt des Mordes. Brant soll nicht das einzige Opfer bleiben. 


Drei Wochen vor dem Tod des Kulturwissenschaftlers und Kulturmanagers Martin Roth wurde sein Buch Widerrede! veröffentlicht. Es enthält ein mehrteiliges Diskussionsprotokoll von Gesprächen mit seinen drei erwachsenen Kindern, in denen es um Fragen der eigenen ethischen und moralischen Werte, des zunehmenden Populismus' und des nötigen politischen Engagements geht. Ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der häufig Phrasendrescherei der sachlichen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Auffassungen vorgezogen wird. 


© HOTLIST 2017
Die unabhängigen Verlage müssen einige Energie aufbieten, um sich gegen die Großen der Buchbranche zu behaupten und von den Lesern wahrgenommen zu werden. Um sie zu unterstützen, wird im Zuge der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr zum neunten Mal der Preis der Hotlist vergeben. In der Endrunde befinden sich jetzt noch zehn Titel. Welche das sind und wann die Preisverleihung stattfindet, erläutere ich in meinem Beitrag. 



Mit Mord am Waterberg haben die Autorinnen, die Joirnalistinnen Almut Hielscher und Uta König, einen Kriminalfall in Namibia stattfinden lassen: Eine Deutsche wird ermordet aufgefunden, ihre aus Stuttgart angereiste Schwester tut alles, um den Fall auch ohne die Hilfe der passiven Polizei aufzuklären. Das deutsch-namibische Verhältnis, das durch die deutsche Kolonialzeit beeinflusst ist, spielt hierbei eine große Rolle.  



©: Petra Gass / Börsenverein
Die Jury des Deutschen Buchpreises hat die Shortlist, die Liste der sechs in der Endrunde stehenden Titel, bekanntgegeben. Welches Buch ich für den heißesten Anwärter auf den "Thron" halte, lest ihr hier.



Die Ermordung des Glücks ist der zweite Krimi von Friedrich Ani, in dem der Ex-Kommissar Jakob Franck im Mittelpunkt steht. Kann Ani mit diesem Buch erneut den Deutschen Krimipreis gewinnen? 





©: MVB
Im Laufe der Frankfurter Buchmesse wird erstmalig ein weiterer Preis verliehen: Mit dem Selfpublishing-Preis wird endlich auch dieser Autorengruppe die nötige öffentliche Aufmerksamkeit gegeben, die nötig ist, um die Bücher einem breiteren Lesepublikum bekannt zu machen. 


Das Klischee ist bekannt: Alle Finnen lieben ihre Sauna. Das greift auch der Autor Roope Lipasti in seinem Roman Nachbar mit Sauna auf: Ein chaotischer Familienvater will ein Saunahaus bauen und muss mit den "guten" Ratschlägen seines Nachbars, einem Lehrer, leben. Der klugscheißende Pädagoge verguckt sich obendrein auch noch in die attraktive Frau des Nachbarn. 

Viel Spaß beim Stöbern!

Freitag, 11. August 2017

# 112 - Ein irrer Killer terrorisiert London

Detectiv Sergeant Brant ist das genaue Gegenteil dessen, was sich der Bürger unter einem Polizisten vorstellt: Er säuft bis zum Umfallen, ist kinderleicht korrumpierbar und ganz sicher nicht der Typ Mensch, den man sich als Schwiegersohn wünscht. Der Krimi Brant des irischen Schriftstellers Ken Bruen ist nach den Titeln Füchsin und Kaliber der dritte Band der in London spielenden Romanreihe um den Polizeibeamten Tom Brant.

Polizeiarbeit eines unsympathischen Ermittlers

Brant muss sich wieder einem ungewöhnlichen Fall widmen: Ein Unbekannter ruft Chefreporter Dunphy des Käseblattes  Tabloid an, um ihm mitzuteilen, dass er vorhat, Polizisten zu ermorden. Er bräuchte jetzt nur noch einen Tipp, wie viele es insgesamt werden sollten. Dunphy wittert seine berufliche Chance und denkt nicht im Traum daran, die Polizei zu informieren. Was noch niemand weiß: Bei diesem Typen handelt es sich um einen kokainsüchtigen Verrückten, der auch zu Wodka oder Red Bull greift, wenn gerade kein Koks zur Hand ist. So geistig unterbelichtet Barry Weiss auch ist, er meint seine Drohung todernst. Er giert nach Aufmerksamkeit und will unbedingt in die Zeitung oder noch besser: ins Fernsehen. Und dann summiert sich Barrys Bullenhass auf: Durch den Hinweis eines örtlichen Streifenpolizisten wird die Steuerfahndung auf seinen Marktstand an der Waterloo Station aufmerksam, was ihn sein Geschäft kostet. Dann verliert er nach der Anzeige eines Verkehrspolizisten wegen Trunkenheit am Steuer seinen Führerschein, und als ob das noch nicht reichen würde, taucht eine schwarze (!) Polizistin bei Barry auf, weil die Nachbarn sich über ihn wegen Lärmbelästigung beschwert haben, und liest ihm die Leviten. 

Zum Schluss dann quasi das Sahnehäubchen der polizeilichen Verfolgung: Als Barry gerade aus der Kneipe kommt, erleichtert er sich an der Mauer einer Kirche. Die Folge: Verhaftung wegen öffentlichen Ärgernisses. Das Maß ist voll. Barry will sieben Polizisten töten. Der achte soll erst ganz zum Schluss an die Reihe kommen: Brant. Der hatte Barry vor ein paar Jahren in einer Billardhalle mit einem Queue niedergeschlagen, als er ein paar Pakistani aufmischen wollte. Mit einem Fußtritt hatte Brant Barry vor die Tür befördert und vorher daran gedacht, dem Krawallmacher eine Billardkugel zwischen die Kiefer zu schieben. Für Brant muss es etwas ganz Besonderes, etwas Spektakuläres sein.

Wenn man erstmal dabei ist, geht es ganz leicht

Die erste Polizistin erschießt Barry buchstäblich im Vorbeigehen auf der Straße. Niemand hält ihn auf. Kurz darauf erschießt er einen Streifenpolizisten, noch ehe der sein Fahrzeug verlassen kann. Auch diese Aktion kommt so unvermittelt, dass Barry unbehelligt in den nächsten Bus steigen kann. Doch Brant, der die Polizistenmorde aufklären soll, arbeitet nicht mit klassischen Mitteln. Er nutzt sein Spitzelnetzwerk und bekommt schon bald einen ersten, aber noch vagen Hinweis auf Barry Weiss.

Barry macht derweil Inventur und merkt, dass ihm die Munition ausgegangen ist. Doch es geht doch nichts über einen guten, schweren Hammer. Der wird dann auch gleich für den nächsten Mord an einem pensionierten Streifenpolizisten eingesetzt: Barry erschlägt den Alten brutal in seiner Wohnung, die er dann in Brand setzt, um die Spuren zu verwischen. Bei diesem Überfall erbeutet er zufällig etwas Wertvolles: das Adressbuch des Toten, in dem sich eine ganze Reihe von Privatanschriften Londoner Polizisten befindet - auch die von Tom Brant. Er ahnt noch nicht, dass man ihm auf der Spur ist, auch wenn die Ermittlungen eher in Trippelschritten vorangehen. Barrys durch Drogen und Alkohol vernebeltes Hirn und sein übersteigertes Ego verhindern eine klare Sicht auf die Realität. Das Schicksal, das auf ihn wartet, ist mindestens so gnadenlos wie er selbst.

Wie war's?

Brant gehört in die Kategorie der Crime Noir, die sich durch eine düstere Grundstimmung und ein unklares Ende auszeichnet. Die Personen - allesamt Menschen, die ein ganzes Stück von dem entfernt sind, was man als "normal" ansehen würde - sind charakterlich klar gezeichnet, im Laufe der Handlung wird nichts beschönigt. Den Ekel bei besonders blutigen Szenen gibt's obendrauf. Trotz der finsteren Grundstimmung sind da jedoch immer wieder hoffnungsvolle Momente, die wie ein dünner Lichtstrahl die Düsternis zerteilen: Ein sehr gegensätzliches Paar findet sich, einem frisch verwitweten Polizisten wird beigestanden, indem man mit ihm nicht nur zur armseligen Beisetzung seiner verstorbenen Frau geht, sondern mit ihm gleich danach zu einem Saufgelage aufbricht.

Dieser Krimi gehört in eine Kategorie, über die man sagen könnte "Muss man mögen". Dass Brant Geschmackssache ist, trifft in besonderem Maße zu. Das Buch ist es auf jeden Fall wert, sich diesem Genre einmal zu nähern.

Brant ist im Polar Verlag erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt. Der Titel kostet als Klappenbroschur 16 € und als epub- oder Kindle-Edition 10,99 €.

Freitag, 8. Juli 2016

# 58 - Gute Laune ist garantiert: Gruselwohnen leicht gemacht

Heute schon gegruselt?

 

Kürzlich ist mir ein Buch in die Hände gefallen, das an einem ungewöhnlichen Ort gelegen hat. Ein Restaurant in Hannover hatte im Eingangsbereich einen Büchertisch aufgebaut, auf dem auch dieses Buch lag, das mich sofort wegen seiner Coverfotos und des ungewöhnlichen Titels förmlich angesprungen hat: In Maklerfotos aus der Hölle von Andy Donaldson sind fotografische Todsünden versammelt, die die Kunden dieser Makler daran zweifeln lassen sollten, ob diese ihren Auftrag wirklich richtig verstanden haben.

Lachen ist garantiert!

 

Wie ich mittlerweile weiß, beruht die Idee zu diesem Buch auf den Erlebnissen, die der Autor bei dem Versuch, in London eine Wohnung zu finden, hatte. Er stieß in entsprechenden Internetportalen auf zahllose von Maklern erstellte Fotos, bei deren Anblick man sich unwillkürlich fragt, wovon diese professionellen Immobilienvermittler wohl leben mögen. Von der Immobilienvermittlung jedenfalls sicher nicht.
Die gefundenen Abstrusitäten hat Donaldson in einem Blog gesammelt, der den griffigen und einprägsamen Titel Terrible Real Estate Agent Photos trägt und jährlich acht Millionen Besucher zählt; ein paar hundert mehr als dieser.

Es sind nicht nur die Fotos, die den Betrachter am Sachverstand des Immobilienfachpersonals zweifeln lassen. Jedes Bild wurde von Donaldson so passend und treffsicher kommentiert, dass man sich lachend von Seite zu Seite blättert.


Los geht's: ein paar Fotos für den ersten Eindruck

 

An dieser Stelle habe ich genug über das Buch geschrieben und zeige euch einige der Fotos, die Andy Donaldson in Maklerfotos aus der Hölle versammelt hat:



Ideal for those of you with a particularly fast metabolism. -
Ideal für diejenigen von Ihnen mit einem besonders schnellen Stoffwechsel.



Meine persönlichen Favoriten:




Maklerfotos aus der Hölle ist im DuMont Buchverlag Köln erschienen und kostet 12,99 €. Ich bedanke mich beim Verlag für die Erlaubnis, die oben gezeigten Fotos auf diesem Blog veröffentlichen zu dürfen.

Nachsatz: Der Büchertisch im Restaurant wurde nicht nur aus purer Nettigkeit aufgestellt. Auf einem Schild, das zwischen den Büchern steht, die man sich kostenfrei mitnehmen kann, bittet der Wirt darum, die mitgenommenen Exemplare weiterzugeben. Das werde ich tun: In meiner Nähe steht ein öffentlicher Bücherschrank, in dem Maklerfotos aus der Hölle bald ein neues Zuhause finden wird. Wer den Büchertisch selbst in Augenschein nehmen möchte, dem kann ich das Restaurant Alte Hahnenburg empfehlen. Übrigens nicht nur wegen der Bücher.