Sonntag, 21. Juni 2026

# 509 - 20.150 Kilometer: Mit dem Fahrrad von Freiburg nach Kapstadt

Auf das Buch Immer Richtung Süden von Wiebke
Lühmann wurde ich erst aufmerksam, nachdem ich im Kino den Film Same Sun gesehen hatte. Das, was dort in achtzig Minuten gezeigt wurde, wollte ich auf jeden Fall noch genauer nachlesen: Lühmann erzählt von ihrer Fahrradreise, die im Oktober 2023 im heimischen Freiburg im Breisgau beginnt und erst 20.150 Kilometer und 14 Monate später kurz vor Weihnachten 2024 am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika endet.

Wiebke Lühmann hatte zuvor schon einige lange Radreisen gemacht, aber diese hier sollte sich von ihnen abheben. Die Fahrt war zunächst im Team mit ihrem Lebenspartner geplant, doch kurz vor dem Start zerbrach die Beziehung. Sollte sie nun aufgeben, bevor sie auch nur einen Kilometer gefahren war? Und hatten diejenigen, die sie vor den Gefahren, die auf eine allein reisende Frau warteten, recht? Nach Wochen des Haderns setzt Lühmann der Unsicherheit die Planung entgegen und sie sagt: "Ich benenne die Angst am liebsten um: Respekt. Ich habe viel Respekt vor der Reise."

Lühmann verlässt am 29. Dezember 2023 auf einer Fähre europäischen Boden und setzt nach Tanger über. Jetzt beginnt der Teil der Reise, der die größten Unsicherheiten birgt. Wie werden ihr die Menschen unterwegs begegnen: freundlich oder mit Vorbehalten? Wie gut sind die Straßen und Unterkünfte? Wie lassen sich der Wunsch nach Freiheit und das Alleinsein miteinander vereinbaren? Vor welchen Schwierigkeiten wird sie stehen, von denen sie am Beginn der Reise keine Vorstellung hatte?
"Ich merke, dass ich Afrika als Kontinent einfach voll unterschätzt habe", sagt Wiebke Lühmann im Film.

Wenn wir ehrlich sind, müssen die meisten von uns zugeben, dass es ihnen ähnlich gehen würde: Die Fahrt führt mit einigen Abstechern ins Landesinnere an der Westküste Afrikas entlang - durch Marokko, die Westsahara, Mauretanien, Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Guinea, Sierra Leone, Liberia, Côte d'Ivoire, Ghana, Togo, Benin, Nigeria, Kamerun, Republik Kongo, Angola, Namibia und schließlich Südafrika. Während uns völlig klar ist, dass in jedem europäischen Land eigene Regeln gelten, haben wir von Afrika ein diffuses Bild und neigen dazu, den Kontinent als homogenes Staatengebilde zu sehen. 

Wiebke Lühmann begegnet unterwegs anderen Radreisenden und schließt sich mit ihnen für kürzere oder lange Etappen zusammen. Die längste Strecke fährt sie mit einem gleichaltrigen Franzosen. Doch die beiden sind sehr unterschiedliche Menschen, sodass die gemeinsame Zeit aus vielen Hochs, aber auch Konflikten besteht. 

Lühmann stellt fest, dass die größte Gefahr in Afrika nicht etwa von Menschen, Schlangen oder Raubtieren ausgeht, sondern von einem Tier, das nur sechs Millimeter groß und zweieinhalb Milligramm leicht ist: der Anopheles-Mücke, die durch ihren Stich Malaria überträgt und damit für jährlich mehr als 600.000 Tote auf dem afrikanischen Kontinent verantwortlich ist. Während sie selbst schon in Deutschland Prophylaxe-Tabletten gekauft hat, sind Menschen in stark betroffenen Gebieten von Hilfsorganisationen abhängig, die Medikamente verteilen. Kommt es zu einer Erkrankung, ist der Krankenhausaufenthalt für die meisten unerschwinglich.

Auf ihrem Weg trifft Lühmann mehrmals auf Spuren des Kolonialismus'. Eindrucksvoll beschreibt sie eine Führung in einem Museum zum transatlantischen Sklavenhandel in Ghana, das sich in einer von Europäern erbauten Uferfestung mit Sklavenverliesen befindet. Der Guide betont am Ende der Führung: "Das hier ist kein Ort des Hasses mehr." Dann fügt er eindringlich hinzu: „Die Verantwortung endet nicht in der Vergangenheit. Sie liegt auch im Heute, in dem, wie wir handeln, wie wir miteinander umgehen, wie wir die Welt gestalten."

Wiebke Lühmann erfährt, welches Privileg es ist, in einem Land zu leben, mit dessen Reisepass 185 Länder und Regionen bereist werden können, ohne dass ein Visum beantragt werden muss. Dort, wo es dennoch nötig wird, ist sie oft vom Wohlwollen der örtlichen Beamten abhängig.

Lühmann erlebt, dass man in Nigeria am Geldautomaten nur so wenig abheben kann, dass es mit der Karte einer deutschen Bank nicht möglich ist: Der Höchstbetrag liegt bei umgerechnet 2,65 Euro. Kein Wunder, denn das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt nur 130 bis 140 Euro pro Kopf.

Die Überquerung des Äquators verläuft unspektakulär, aber danach ändert sich die Landschaft gravierend: Der Regenwald steht dort nicht unter Naturschutz. An die Stelle von üppiger Vegetation treten "gerodete Flächen mit verbrannter Erde und [wir] sehen kahle, graue Baumstümpfe, die wie abgebrochene Zähne aus dem Boden ragen. Lange, voll beladene Lkw mit riesengroßen Baumstämmen donnern an uns vorbei. Holz, das hier nachhaltig fehlt.” Und sie sagt: „Die Trockenheit ist überall sichtbar und spürbar. Eine der dramatischen Folgen der Abholzung. Die Lebensgrundlage schwindet und man kann dabei zuschauen. Das Kongobecken, der zweitgrößte Regenwald der Welt, das Tonnen von Kohlenstoff bindet, wird immer kleiner."

Lesen?

Immer Richtung Süden ist ein spannender Bericht, in dem Wiebke Lühmann neben den schönen Erlebnissen und Eindrücken schonungslos auch über ihre Ängste, ihre phasenweise Verzweiflung und den spontanen Entschluss schreibt, die Reise abzubrechen und nach Hause zu fliegen. Die Tour hat sie nicht nur körperlich, sondern auch emotional an ihre Grenzen gebracht. Rückblickend schreibt sie: "Ich habe nach Freiheit gesucht, wollte Unabhängigkeit finden. Doch jetzt spüre ich ein Gefühl besonders stark: Verbundenheit. Zu Menschen, zu Ländern, zu Dörfern, zur Natur. Was mich durch die Reise getragen hat, ist das Wissen, dass ich connected bin. Dass ich nicht alles allein schaffen muss. Dass ich gern helfe, gern da bin, gern verstehe. Aber dass ich genauso auch Hilfe und andere Menschen in meinem Leben brauche, die mich verstehen. Dass wir als Gesellschaft einander brauchen. Und dass wir alle gewinnen, wenn wir einander zuhören, verstehen lernen und da sind.”

Eine Erkenntnis, die wir uns zu eigen machen sollten.

Immer Richtung Süden ist 2026 im Delius Klasing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,90 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.



Freitag, 12. Juni 2026

# 508 - Das skurrile Tagebuch einer Bibliothekarin

Neunzehn Jahre nach der Veröffentlichung des Romans
The Incident Report von Martha Baillie und zwei Jahre nach dessen Verfilmung ("Darkest Miriam") erschien das Buch nun auch auf Deutsch: In Besondere Vorkommnisse arbeitet die 35-jährige Miriam Gordon in einer öffentlichen Bibliothek in Toronto. Von ihrer Vorgesetzten wird sie gebeten, alle besonderen Vorkommnisse auf einem Formblatt zu protokollieren. Das tut Miriam, und zwar 144 Mal. 

Eine Bibliothek ist ein vielversprechender Schauplatz für einen Roman. Tag für Tag treffen dort Menschen aufeinander, die sich sonst kaum begegnen würden. Es gibt Stammgäste und zufällige Besucher, eigenartige Anliegen, kleine Konflikte und gelegentlich Situationen, die aus dem Rahmen fallen. Miriam hält sich nicht an die Vorgaben des Vordrucks, sondern erstellt Fließtexte über die Vorkommnisse, die sie in ihrer Schreibtischschublade aufbewahrt. 

Die Ausgangsidee hat ihren Reiz. Aus den nüchternen Aufzeichnungen könnte sich allmählich ein vielschichtiges Bild der Bibliothek und der Menschen ergeben, die sie nutzen. Auch Miriam selbst, die zunächst eher beobachtet als handelt, könnte nach und nach Konturen gewinnen. Doch das gelingt nur begrenzt. Die einzelnen Episoden bleiben häufig emotionslos. Statt einer lebendigen Atmosphäre entsteht der Eindruck eines weitgehend leblosen Ortes, an dem zwar einiges geschieht, aber nur wenig davon wirklich berührt.

Das liegt auch an der fragmentarischen Form des Romans. Die kurzen Berichte, die manchmal nur wenige Worte beinhalten, reihen sich aneinander, ohne einen wirklichen Sog zu entwickeln. Ein Spannungsbogen ist kaum erkennbar. Zwar gibt es rätselhafte Briefe, die mit „Rigoletto“ unterzeichnet sind, und Miriam begegnet dem slowenischen Taxifahrer und Künstler Janko, mit dem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Doch auch diese Elemente tragen die Handlung nicht. Sie wirken weniger wie selbstverständlich aus der Geschichte hervorgegangene Entwicklungen als wie Versuche, dem Roman mehr Tiefe und Spannung zu verleihen.

Manches erscheint konstruiert. Einige Figuren und Begegnungen wirken nicht wie Beobachtungen aus einem tatsächlichen Bibliotheksalltag, sondern wie gezielt platzierte Bestandteile eines literarischen Konzepts. Der Roman möchte offenbar von Einsamkeit, Verletzlichkeit und der vorsichtigen Annäherung zweier Menschen erzählen. Doch weil die Figuren auf Distanz bleiben, gelingt das nur begrenzt.

Auch die lakonische Erzählweise trägt dazu bei, dass kaum Nähe entsteht. Sogar als eine Katastrophe passiert, die Miriams Leben erschüttert und ihre Hoffnungen auf eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Partner vernichtet, behält sie ihre nüchterne Erzählweise bei. Nur an der Entscheidung, was sie in ihrem Leben ändern will, ist abzulesen, wie sehr Miriams Leben aus den Fugen geraten ist. Nüchternheit kann einen besonderen Reiz haben, wenn hinter ihr eine spürbare Spannung oder eine untergründige Intensität liegt. In Besondere Vorkommnisse führt sie jedoch über weite Strecken dazu, dass die Handlung trotz aller Skurrilitäten gleichförmig wirkt. 

Lesen?

Besondere Vorkommnisse beruht auf einer interessanten Idee, konnte mich aber nicht überzeugen. Die Atmosphäre bleibt leblos, ein tragfähiger Spannungsbogen fehlt, und mehrere Handlungselemente wirken zu deutlich konstruiert. Wer experimentelle, stark fragmentierte Romane schätzt, kann dem Buch wahrscheinlich mehr abgewinnen. Für mich blieb es trotz seines ungewöhnlichen Schauplatzes distanziert.

The Incident Report stand 2009 auf der Longlist des renommierten und hochdotierten kanadischen Giller Prize.

Besondere Vorkommnisse erscheint am 20. August 2026 im Klaus Wagenbach Verlag und kostet 24 Euro.

Freitag, 5. Juni 2026

# 507 - Wer hat was gesagt und warum?

Wer etwas auf seine Bildung hält und das auch seinen
Mitmenschen zeigen will, neigt oft dazu, bekannte Persönlichkeiten zu zitieren. "Der Weg ist das Ziel" ist ein beliebter Motivationsslogan bei Coachings und geht auf den chinesischen Gelehrten Konfuzius zurück, der diesen Ausspruch vor 2.500 Jahren getan haben soll. Zumindest sagen das seine Schüler, die viele seiner klugen Sätze in den Analekten niedergeschrieben haben. Konfuzius hat selbst jedoch gar nichts selbst verfasst. Stammt dieses Zitat also tatsächlich von ihm? 

Das weiß man genauso wenig wie bei den Zitaten, die dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben werden, der es mit dem Schreiben genauso wenig hatte wie sein chinesischer Kollege: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" gehört zu den bekanntesten Aussprüchen, die Sokrates' Schüler Platon eifrig mitgeschrieben hat, allerdings in der Originalversion. Sokrates war wegen des Vorwurfs, ein gottloser Wortverdreher zu sein und die Jugend zu verderben, 399 v. Chr. vom Athener Volksgericht angeklagt worden. In seiner Rede grenzte er sich von sogenannten Experten ab, die seiner Ansicht nach nur über Meinungen, aber nicht über Fachwissen verfügten: "Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen." Das kam beim Gericht gar nicht gut an, das Todesurteil gegen Sokrates war schnell gesprochen.
Dieser lange Satz taugte allerdings nicht dazu, als griffiges Zitat unsterblich zu werden. Für ein handhabbares Format sorgte 350 Jahre später der römische Politiker und Philosoph Cicero in seinem Werk "Academica", in dem er über Sokrates schreibt, dass dieser "selbst nur das eine wisse, dass er nichts weiß". Voilà, der leicht zu merkende Satz ist seitdem in der Welt. 

Der Historiker Christoph Marx hat in seinem Buch 100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten Zitate von Philosophen, Theologen, Universalgelehrten, Königen und Kaisern, Dichtern, Musikern, Politikern und vielen anderen gesammelt, von denen wir die meisten kennen, aber oft nicht wissen, was mit ihnen ursprünglich gemeint war. Marx schlägt dabei in fünf Kapiteln chronologisch den Bogen von der Antike ab etwa 600 v. Chr. bis ins Jahr 2015 mit dem Zitat des damaligen Bundesinnenministers Thomas de Maizière: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." 
"Die Bevölkerung" war nach diesen Worten erst recht verunsichert: Es ging um die kurzfristige Absage des Fußball-Länderspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover wegen einer Terrorwarnung - nur dreieinhalb Kilometer Luftlinie von meinem Zuhause entfernt. Der Minister wollte die Bevölkerung beruhigen, hatte mit seiner kryptischen Wortwahl aber genau das Gegenteil erreicht. Alle fragten sich, was denn nun eigentlich los ist.

Konfuser, als ich das für möglich gehalten hatte, ist die Quellenlage für den Ausspruch "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen". Wahrscheinlich würden die meisten auf die Frage nach dem Urheber "Helmut Schmidt!" sagen, aber interessanterweise ist das nicht belegt. Marx schreibt, dass sich dieses Zitat in keinem Dokument als von Schmidt stammender O-Ton findet. Auch Schmidt konnte sich nicht erinnern, wann er diesen Satz gesagt haben sollte. Forscht man nach, kommt man zu dem Ergebnis, dass er erstmals 1988 in einem österreichischen Magazin abgedruckt wurde. Die beiden Autoren des Artikels berichteten über eine Anekdote, die während eines SPÖ-Parteitags unter Delegierten kursiert habe:

  • Fischer (damaliger SPÖ-Fraktionsvorsitzender und späterer österreichischer Bundespräsident): „Die SPÖ braucht Visionen.“
  • Vranitzky: „Wer Visionen hat, braucht an Arzt.“

Entscheidend war die Einleitung: Es habe sich um einen „angeblichen Dialog“ zwischen Heinz Fischer und dem damaligen SPÖ-Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Franz Vranitzky gehandelt. Vranitzky stritt allerdings immer ab, diesen Ausspruch je gesagt zu haben.

Lesen?

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten liest sich sehr interessant. Christoph Marx versteht es, seinen Leserinnen und Lesern unterhaltsam die Herkunft und (ursprüngliche) Bedeutung von Zitaten zu vermitteln. Am Ende des Buches kann man von sich sagen: Ich weiß, dass ich nichts weiß.

100 berühmte Zitate und ihre überraschenden Geschichten ist 2026 im Dudenverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 24 Euro.