Freitag, 15. Dezember 2017

# 128 - Wenn das Leben kopflos endet

Heile Welt in Berlin-Charlottenburg

 

Valentina und Georg leben mit ihren kleinen Kindern Mia und Lennard harmonisch in einer Villa und müssen sich weder um ihre eigene Zukunft noch die ihrer Kinder Sorgen machen. Auch der Morgen, an dem die Handlung des Thrillers Brandstifter von Martin Krist beginnt, ist einer von der Sorte, über die man sagen könnte "besser geht's nicht". Georg ist ein erfolgreicher Unternehmer und steht auch diesmal im Gegensatz zu seiner Frau früh auf, um am heimischen Schreibtisch Unterlagen zu bearbeiten. Als Valentina nach einer halben Stunde nach ihm sieht, findet sie ihren Mann tot im Arbeitszimmer vor: enthaupet, den Kopf auf der Schreibtischplatte abgelegt, die Zunge daneben auf einem Papierstapel.

Kein Stein bleibt auf dem anderen

 

Es ist schnell klar, dass Valentina und ihre Kinder ebenfalls in Gefahr sind, doch ihr und allen, die Georg gekannt haben, ist schleierhaft, welchen Grund es gegeben haben könnte, ein angesehenes Mitglied der Berliner Gesellschaft, das augenscheinlich keine Feinde hatte, auf so grausame Weise hinzurichten. Auch Valentina gerät in den Fokus der polizeilichen Ermittlungen und wird noch dazu mit dem Verrat eines ihr nahestehenden Menschen belastet.

Das Buch erzählt parallel auch die Geschichte von Luka, der mit seiner Uni-Liebe Nati verheiratet ist und mit ihr zwei Kinder hat. Luka ist der Typ Mensch, dem man ständig raten möchte, seinen Verstand einzuschalten und sich nicht ständig von Impulsen leiten zu lassen. Er schlittert auf der Suche nach einem Job in kriminelle Machenschaften, aus denen er nur herauskommt, wenn er im Auftrag größerer Krimineller weitere Straftaten begeht. Zumindest glaubt er das. Er sieht in der zufälligen Begegnung mit einem früheren Kommilitonen einen Silberstreif am Horizont, der es ihm und seiner Familie ermöglichen soll, ein sorgenfreies Leben zu führen. Aber es kommt alles ganz anders, als er es sich vorgestellt hat: für ihn, Nati und die Kinder und auch für den ehemaligen Studienfreund. Nach und nach wird immer klarer, dass es eine Verbindung zwischen seinem Schicksal und dem von Valentina und Georg gibt.
Mittendrin ist der Privatermittler David Gross, der mit der Suche nach einem Augsburger Wissenschaftler beauftragt wird, der in Berlin am Rande einer Tagung spurlos verschwunden ist. Auch dieser Fall wird immer mysteriöser und am Ende steht die Erkenntnis, dass irgendwie alles mit allem zusammenhängt. Die Figur des David Gross wird als sehr zerrissen dargestellt. Der Ermittler hat mit Ereignissen aus der Vergangenheit zu kämpfen, aufgrund derer seine Frau entführt und bislang nicht gefunden wurde. Was es damit genau auf sich hat und warum Gross' Sohn im Rollstuhl sitzt, erschließt sich wohl erst, wenn man den Thriller Drecksspiel gelesen hat, der 2013 erschienen ist.

Lesen?

 

Ja! Brandstifter ist ein spannend gemachter und gut geschriebener Krimi, der seine Leser durchgehend bei der Stange hält. Hinter dem Pseudonym Martin Krist steckt der erfolgreiche Buchautor und frühere Journalist Marcel Feige, dessen Schreiberfahrung aus verschiedenen Genres sich in diesem Buch niederschlägt.

Brandstifter ist als Taschenbuch bei epubli erschienen und kostet 11,99 Euro. Es wurde mir von Indie Publishing zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. 

Freitag, 8. Dezember 2017

# 127 - Fake News und Lügenpresse - Was ist dran?

Was sind unsere Medien noch wert?

 

Der Professor für Journalistik und Medienmanagement Stefan Russ-Mohl macht sich in seinem Buch Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde über die Entwicklung Gedanken, die Zeitungen, Fernsehsender und das Internet in den letzten Jahren durchgemacht haben. 

Wie wichtig ist die Wahrheit?

 

Die öffentlich-rechtlichen als auch die privaten Medien fühlen sich der Wahrheit verpflichtet. Alle weisen weit von sich, absichtlich Falschmeldungen in die Welt zu setzen. Die Absicht, die Leser, Zuschauer und Internetnutzer immer möglichst gut zu informieren, spricht Russ-Mohl ihnen auch nicht ab. Aber er wirft ihnen vor, auf der Jagd nach der neuesten Nachricht und mit dem Wunsch, immer ein kleines bisschen schneller zu sein als die Konkurrenz, ein Stück des Wahrheitsanspruchs über Bord geworfen zu haben. Etwas, was schnell gemeldet werden soll, kann nicht mehr gründlich überprüft werden. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Nachrichten - wahre und falsche - durch die zunehmende Digitalisierung deutlich schneller verbreiten als noch vor ein paar Jahren.
Aber der Autor zeigt auch, dass sich die Mediennutzer gern auch mal an die eigene Nase fassen dürfen, ehe sie stetig "Lügenpresse" skandieren. Die sozialen Medien im Internet laden dazu ein, Meldungen ungeprüft mit einem "Like" zu bewerten und binnen Sekunden weiter zu verbreiten. Sehr oft gilt: Es wird für wahr gehalten, was bereits viele andere Nutzer für wahr halten, auch wenn es das nicht ist. Russ-Mohl zitiert hier die für die Neue Zürcher Zeitung schreibende Journalistin Sieglinde Geisel, die für dieses Verhalten den Begriff der "Schwarmdummheit" verwendet. 
Aber der Journalismus krankt noch an etwas anderem: Die "Geiz-ist-geil"-Mentalität hat auch dazu geführt, dass die Nutzer erwarten, aktuelle und selbstverständlich wahre Nachrichten zum Nulltarif zu erhalten. Dass hinter jeder belastbaren Meldung eine Recherche steckt, die mitunter sehr aufwendig sein kann, und Menschen dafür bezahlt werden und davon leben wollen, scheint die Konsumenten nicht zu interessieren. Tatsächlich glauben viele daran, dass gute Nachrichten umsonst zu haben sind. Russ-Mohl zeigt auf, dass dies ein Irrtum ist: De facto ist keine Meldung gratis. Aber der primäre Einfluss auf die Nachrichten geht immer weniger von den Verlagen oder Sendern selbst aus, sondern verlagert sich in eine Richtung, die uns nicht gefallen kann, wenn uns Wahrheit und der Erhalt der Demokratie auch in Zukunft wichtig sind.

Wir haben es in der Hand

 

Russ-Mohl vertieft sich auf sehr anschauliche Weise darin, seinen Lesern die Mechanismen der aktuellen Medienlandschaft und den Einfluss ihrer Nutzer auf sie nahezubringen. Er beruft sich auf etliche Studien, die kürzlich oder vor einigen Jahren zu diesem Thema erstellt wurden, sodass jede seiner Aussagen einen Beleg hat. Kaum ein Sachbuch, das ich in der letzten Zeit gelesen habe, wartet mit so vielen Fakten auf, sodass es den Rahmen dieses Textes sprengen würde, näher auf sie einzugehen. Aber mir ist unter all dem, was Russ-Mohl erläutert, ein Abschnitt besonders aufgefallen. Darin geht es um die massive Datensammlung, die nicht nur Internetkonzerne, sondern auch Geheimdienste ebenso wie einfache Behörden betreiben. Gepaart mit der großen Bereitschaft der Internetnutzer, ihre persönlichen Daten frei nach dem Motto "Ich habe ja nichts zu verbergen" einfach herzugeben und kombiniert mit der wachsenden Terrorangst warnt Russ-Mohl vor der Gefahr eines Überwachungsstaats, in dem nichts Persönliches mehr persönlich bleibt.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die wissen wollen, wie es um unsere Presse- und Meinungsfreiheit bestellt ist und welche Auswirkungen die Veränderung der Medienlandschaft auf unsere Gesellschaft hat.

Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde ist im Herbert von Halem Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23,-- Euro.  
Das Buch wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Zu der Frage, inwieweit es Bestrebungen gibt, zugunsten des Kampfes gegen den Extremismus die Rechte der Bürger auszuhöhlen, habe ich mich in einem weiteren Blogtext beschäftigt. 

Montag, 4. Dezember 2017

# 126 - Jesus - Ein Baby wird juristisch durchleuchtet

Geht beim Christkind alles mit "rechten Dingen" zu?



Auch an der Bücherkiste geht das sich nähernde Weihnachtsfest nicht spurlos vorüber. Da liegt es nahe, sich die Weihnachtsgeschichte einmal aus rechtlicher Sicht näher anzusehen. Das haben die beiden Juristen Jens-Peter Gieschen und Klaus Meier in ihrem Buch Der Fall »Christkind« getan - und zwar schon 1993.



Rechtswissenschaft trifft auf Theologie




Die Autoren beklagen zu Recht, dass sich zwar schon etliche Juristen an der Verurteilung und Kreuzigung von Gottes Sohn abgearbeitet haben, sich aber bislang niemand um die rechtliche Würdigung der Umstände seiner Zeugung und Geburt gekümmert hat. Diesem Missstand helfen sie in ihrem Buch endlich ab und halten sich selbstverständlich immer streng an rechtswissenschaftliche Grundsätze. Gieschen und Meier widmen sich beispielsweise der Frage, inwieweit Jesus' Vorfahren inzestuöse Beziehungen im Sinne des § 173 Strafgesetzbuch (StGB) eingegangen sein könnten. Ein Gedanke, den man nicht so einfach vom Tisch wischen sollte: In Matthäus Kapitel 1, Vers 1 bis 17 ist von nur fünf Frauen, aber immerhin vierzig Männern die Rede, wobei Letztere immer in Vater-Sohn-Verhältnissen genannt werden. Die Geschichte ist zwar schon wirklich, wirklich alt, aber mal ganz ehrlich: Das macht schon nachdenklich.

Auch die Frage, wie es zu Marias Schwangerschaft kommen konnte, obwohl sie doch ausdrücklich als Jungfrau bezeichnet wird, beschäftigt die beiden Autoren. Diese immer wieder von der Kirche diskutierte Frage ruft auch Gieschen und Meier auf den Plan: Mit einem kurzen Exkurs in die Biogenetik denken sie über die Möglichkeit der Luftbestäubung nach (man denke an Parallelen zur Bestäubung von Windblütlern) und verfolgen die "Zwei-Zentimeter-Theorie". Um niemandem zu nahe zu treten, will ich hier lieber nicht ausführen, worum es sich dabei genau handelt. Klar, dass hier die strafrechtliche Würdigung nicht fehlen darf. Die Autoren lassen nichts aus, bis sie bei der Beschneidung und Namensgebung angekommen sind. Damit sich die Leser zufrieden zurücklehnen und das Fest von Jesu Geburt feiern können, schließt die juristische Betrachtung mit dem nun rechtlich einwandfreien Beginn der Evangelien nach Lukas und Matthäus.

Ein brandaktuelles Thema - auch nach über 2000 Jahren

 

Der Fall »Christkind« ist im Eichborn Verlag erschienen, was klar macht, mit wie viel "Ernsthaftigkeit" Gieschen & Meier sich dieses wichtigen juristisch-theologischen Themas angenommen haben. Das Buch bedient nicht die sonst häufige feierliche Getragenheit anderer Titel, in denen es um die Weihnachtsgeschichte geht. Das mehrseitige Literaturverzeichnis belegt, dass die Autoren trotz des literarischen Augenzwinkerns immer seriöse Quellen herangezogen haben.
Der Fall »Christkind« kann nur noch antiquarisch erworben werden.

Montag, 27. November 2017

Es geht weiter mit dem Polar Verlag

Ende September habe ich in diesem Blog geschrieben "Polar Verlag meldet Insolvenz an". Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass dem unabhängigen Verlag mit seinem ambitionierten Programm das nahe Ende drohen würde. Umso mehr freue ich mich, dass das Ruder herumgerissen werden konnte:

Wie das Börsenblatt berichtet, hat sich im letzten Moment ein Geldgeber aus dem süddeutschen Raum gemeldet, der den Verlag vollständig übernehmen wird. Sein Name soll noch nicht öffentlich gemacht werden, aber es ist geklärt, dass der bisherige Eigentümer Wolfgang Franßen als Herausgeber und Programmleiter dem Verlag erhalten bleiben wird. Der Finanzier will die bekannte Linie, die er sehr schätzt, beibehalten. In Zukunft sollen pro Jahr vier Titel von internationalen und ebenso viele von deutschsprachigen Autoren erscheinen.
Zur Leipziger Buchmesse 2018 will der Polar Verlag mit zwei neuen Titeln vertreten sein. Außerdem wird über einen "Deutschen Polar Preis" nachgedacht. 

Ich wünsche dem Polar Verlag viel Erfolg und seinen Lesern zahlreiche weitere spannende Krimis.

Dienstag, 21. November 2017

# 125 - Hannovers historisches Gruseln

"Warte, warte nur ein Weilchen,..."

 

Ich habe mal wieder in den Tiefen meiner Bücherregale gekramt und dabei ist mir dieses Buch in die Hände gefallen: Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs aus dem Jahr 1989, recherchiert und beobachtet von Theodor Lessing.
Fast jeder, der in oder um Hannover zu Hause ist, kennt den Refrain eines Liedes, dessen Anfang in der Überschrift steht, und viele wissen auch, wie es weitergeht: "...bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Hackefleisch aus dir." Fast jede Gegend hat "so Einen": einen Serienmörder, der auch noch lange nach seinem Tod bei den Menschen, die von seinen Taten wissen, ein Schaudern hervorruft. In Brandenburg war es Willi Kimmritz, in München Johann Eichhorn, in Frankfurt Arthur Gatter und in Hannover Friedrich „Fritz“ Heinrich Karl Haarmann. In einem Schauprozess vor dem Schwurgericht Hannover wurden seine Taten 1924 verhandelt. Der jüdische Philosoph, Psychologe und damalige Hochschulprofessor Theodor Lessing hat so lange dem Prozess beigewohnt und ihn protokolliert, bis man ihn wegen seiner öffentlich geäußerten Kritik an dem Verfahren ausschloss.

Ein einziges staatliches Versagen

 

Lessing beobachtete das Geschehen im Gericht damals sehr genau und hatte etliche Dinge an den Ermittlungen und dem Strafverfahren gegen den Serienmörder Haarmann auszusetzen. Zwischen 1918 und 1924 hatte Haarmann mindestens 24 Jungen und junge Männer auf grausame Weise umgebracht, die Toten zerteilt und ihr Fleisch an Marktbeschicker verkauft. Sehr wahrscheinlich hat es noch mehr Opfer gegeben, aber nur diese konnten ihm zweifelsfrei zugeordnet werden. Haarmann konnte fast unbehelligt agieren, weil die Polizei nicht auf ihn aufmerksam wurde: Als ihr Spitzel betrachtete sie ihn fast als einen der ihren. Erschwerend kam hinzu, dass die Kriminalpolizei in Hannover damals deutlich unterbesetzt und personell gar nicht in der Lage war, bei jeder Vermisstenmeldung aktiv zu werden. Der Großteil der gefundenen Spuren stammte deshalb auch von den Angehörigen der Vermissten, die sich selbst auf die Suche gemacht hatten, oder von Privatdetektiven.
Haarmanns "Jagdrevier" war der Hauptbahnhof, zu dem er quasi als Mitarbeiter der Polizei Tag und Nacht ungehindert Zugang hatte und nicht wie die Reisenden eine Fahrkarte benötigte. Er hat sich seine Kenntnisse der Polizeistrukturen zunutze gemacht und hatte Zugang zu verschiedenen Informationskanälen. 

Ach, wer braucht schon unabhängige Gutachter...

 

Lessing machte sich bei Gericht als Prozessbeobachter nachhaltig unbeliebt, als er den Finger in die Wunden legte und erläuterte, welche Gutachter maßgeblich zum Verfahrensverlauf beigetragen haben. Darunter fand sich ein Gerichtsmedizinalrat, der Haarmann Jahre zuvor für geistig gesund erklärt hatte; ein weiterer Gerichtsmedizinalrat, der das bei Haarmann gefundene Menschenfleisch nach kurzer Untersuchung als Schweinefleisch klassifizierte; nicht zuletzt ein Geheimer Medizinalrat, der sich zunächst alle früheren Gutachten ansah, bevor er sich ein eigenes Urteil bildete.  
Lessing kritisierte auch den Umstand, dass Haarmanns Geständnisse erst durch den Druck der Polizei während der Vernehmungen zustande gekommen waren. Er legte im Gegensatz zum Gericht auch Wert darauf, sich Haarmanns Lebensweg näher anzusehen.
Letzlich lag dem Gericht nur daran, den Prozess schnell voranzutreiben und die Nachlässigkeiten bei den Ermittlungen zu vertuschen. Doch Lessings stärkster Vorwurf an das Gericht betrifft dessen Urteil gegen Haarmanns früheren Freund Hans Grans, das er als Justizmord bezeichnet.

Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs ist in der Sammlung Luchterhand herausgegeben worden und enthält neben Lessings Prozessbeobachtungen auch kurze Schilderungen anderer Mordfälle, die von Serientätern verübt wurden, sowie einige historische Fotos. Es ist ein sehr interessanter Blick in eine Zeit, von der man beim Lesen meinen könnte, dass sie nicht rd. 90 Jahre, sondern schon viel länger zurückliegt. Lessings Aufzeichnungen sind derzeit z. B. beim Verlag Projekt Gutenberg-De erhältlich. Die mir vorliegende Ausgabe gibt es nur noch antiquarisch.

Über Theodor Lessing

Theodor Lessing hat aus seinen Ansichten keinen Hehl gemacht und zog nach dem Haarmann-Prozess auch mit seinen kritischen Gedanken über eine mögliche Präsidentschaft Hindenburgs den Unmut der konservativen Kreise auf sich. Dieser Unmut steigerte sich auf Betreiben der Nationalsozialisten zu Hass, sodass Lessing im März 1933 nach Prag floh. Er ließ sich mit seiner Frau in Marienbad nieder, wo er im August 1933 erschossen wurde, nachdem in tschechoslowakischen Zeitungen ein von Reichspropagandaminister Goebbels ausgesetztes Kopfgeld von 80.000 Reichsmark ausgeschrieben worden war. 

Freitag, 10. November 2017

# 124 - Glückwunsch zum 150.!

Bekannt wie ein bunter Hund

 

Heute wird der Reclam-Verlag 150 Jahre alt. Ich kenne niemanden, der nicht schon einmal eines der kleinen Büchlein in der Hand gehalten hat. Spätestens während der Schulzeit wird irgendwann ein Reclam-Klassiker gelesen. Anlässlich dieses Jubiläums habe ich in meinen Bücherschränken nachgesehen, welche Reclam-Hefte sich dort noch finden. Ein paar waren schon vor Jahren so zerlesen, dass ich mich von ihnen getrennt habe. Aber diese hier möchte ich euch gern zeigen:




Der Barbier von Sevilla von Rossini (oben links) stammt von einem Flohmarkt, wurde vom Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig herausgebracht und ist in Sütterlin gedruckt. Das Heft muss zwischen 1912 und 1917 erschienen sein: In der Verlagshistorie stammen die ersten Hefte in diesem Design aus dem Jahr 1912, die erste Preiserhöhung von 20 auf 25 Pfennig wurde 1917 eingeführt. Auf diesem Exemplar war noch der alte Preis aufgedruckt. Gute Qualität schien damals keine allzu hohe Priorität gehabt zu haben, denn der Schnitt rundherum sieht aus, als hätte man einen Praktikanten mit der Nagelschere drangesetzt. 

Oben rechts ist Der Heilige von Conrad Ferdinand Meyer, verlegt 1985 vom Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart. Ernst Reclam hatte 1950 Stuttgart zum neuen Stammsitz seines Verlags gemacht, nachdem die Arbeit in der sowjetischen Besatzungszone immer schwieriger geworden war. Dieses hier war ein "Muss-Buch": Ich musste es in der Schule lesen. Die Handlung stark gerafft: Hans der Armbruster ist ehemaliger Soldat unter Heinrich II. und erzählt einem Chorherrn von der eigenartigen Beziehung zwischen Thomas Becket und dem König. Sie wird sehr problematisch, als Becket von Heinrich II. zum Erzbischof von Canterbury ernannt wird und sich zum ausschließlichen Wohl der Kirche gegen diesen wendet. Wie so oft im Mittelalter geht die Sache nicht ohne Blutvergießen aus. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich Meyers Sprache, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts üblich war, anstrengend fand und dieses Büchlein außer bei jedem Umzug oder beim sporadischen Abstauben nicht mehr angesehen habe. Bis heute.

Es geht weiter mit Deutsche Volkslieder aus dem Jahr 1990. Es enthält 168 Liedtexte einschließlich der Noten und ist in mehrere Kapitel aufgeteilt wie z. B. "Viva la Musica" oder "Heimat und wandern". Was mich dazu bewogen hat, dieses kleine Liederbuch zu kaufen, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen. Aber es hat seinen festen Platz im Regal. Vielleicht habe ich noch eine Zukunft als Heimatlied-Sängerin vor mir. Man weiß es nicht.

Unten rechts ist Deutsche Unsinnspoesie in der überarbeiteten Ausgabe von 1995. Hier weiß ich sehr genau, warum ich es habe: Ich mag abstruse Texte, und dieser Band enthält reichlich davon. Schüttelreime ("Ins Teppichhaus die Käufer laufen, sie wollen alle Läufer kaufen"), Palindrome ("Eine Hure bei Liebe ruhe nie") oder Texte z. B. von Ernst Jandl, Henning Venske, Heinz Erhardt, Eugen Roth, Kurt Schwitters oder Friederike Mayröcker. Quatsch auf fast 380 Reclam-Seiten. Daumen hoch!

Die Inflation macht auch vor der literarischen Bildung nicht halt

 

Eine kleine Randnotiz: Bis 1991 konnte man den Preis für einen Reclam-Band an den Heftrücken erkennen. Die Zahl der kleinen schwarzen Quadrate oder Punkte sagte aus, mit welchem Multiplikator gerechnet werden musste. Früher war das durchaus üblich, ich habe dieses System auch auf meinen alten dtv-Taschenbüchern gesehen.
1985 betrug der Basiswert für einen Preis-Punkt noch 2,40 DM, demnach habe ich damals für Der Heilige 4,80 DM bezahlt. Als Deutsche Volkslieder herauskam, stand jeder Punkt bereits für 2,90 DM, das Buch kostete bei vier Punkten also 11,60 DM. 18 DM (ab 2002 9,10 Euro) wurden für Deutsche Unsinnspoesie fällig, das war es mir aber wert.

Alles Gute und auf die nächsten 150 Jahre des Reclam-Verlags!


 

Freitag, 3. November 2017

# 123 - Tolle Fotos von (fast) vergessenen Orten

Eine Spurensuche

 

"Urban Exploration" - der Trend, den immer mehr Menschen für sich entdecken, schlägt sich in dem Fotoband Lost Places - Deutschlands verlassene Orte von Mark Vogler und Thor Larsson Lundberg nieder. Die Szene, die aus den sog. "Urbexern" besteht, ist ständig auf der Suche nach Objekten, die irgendwann einmal normal genutzt, aber dann aus den verschiedensten Gründen aufgegeben wurden und um die sich niemand mehr kümmert. An ihnen nagt nicht nur der normale Zahn der Zeit, sondern diese Immobilien werden zum Ziel von Vandalen: Es wird beschmiert und zerschlagen, was nicht niet- und nagelfest ist, und in manchen Fällen auch Feuer gelegt. Gebäude, die lange nicht bewohnt werden, scheinen auf manche Menschen eine besondere Anziehungskraft auszuüben, die in ihnen einen Impuls auslöst, sie zu beschädigen oder sogar zu zerstören. So lösen sich nicht nur materielle, sondern auch ideelle Werte für immer und unwiederbringlich in Trümmer auf, es gehen Geschichts- und Kulturgüter verloren.
Um beides wenigstens als Fotografien zu bewahren, machen sich die Urbexer auf die Suche nach Lost Places. In vielen Fällen gibt es die Gebäude gar nicht mehr, wenn die Bilder veröffentlicht werden: Investoren, die andere Pläne haben, als sich um den Erhalt von Altbauten zu kümmern, rücken ihnen mit der Abrissbirne zu Leibe. 
Der Titel Lost Places - Deutschlands verlassene Orte ist allerdings irreführend: Die Fotos stammen von Immobilien, die sich entweder in Sachsen oder Thüringen befinden. Die hohe Bildqualität, die gelungenen Perspektiven und die ausführlichen Erläuterungen zu jedem dieser "verlorenen Orte" machen das aber auf jeden Fall wett.

Ein Beispiel: die Villa Kolbe

 

Die Fabrikantenvilla wurde 1890/1891 in Radebeul im Stil der Neorenaissance gebaut und gehörte damals zu den architektonisch wertvollsten Gebäuden in Europa. Dem Bauherrn war nichts zu teuer: Neben den Bleiglasfenstern und den aufwendig verzierten Holzvertäfelungen verfügte das Haus über eine Warmwasserheizung, eine vollständige Elektrifizierung sowie einen Lastenfahrstuhl, der von der Waschküche bis zum Trockenboden reichte. Nach dem Tod des ersten Eigentümers ging die Villa nacheinander in den Besitz mehrerer Privatleute über und wurde nach der deutschen Wiedervereinigung bis 1994 von einer Behindertenwerkstatt des Vereins Lebenshilfe genutzt. Seit Februar 1995 ist das Gebäude verwaist und es wird bis heute um seine künftige Nutzung gerangelt.

Villa Kolbe, Radebeul




Treppenhaus mit Holzvertäfelungen


 

Die Autoren stellen in diesem Buch noch elf weitere "Lost Places" vor, wobei die Bandbreite vom ehemaligen NVA-Erholungsheim bis zum Spezialheim für schwer erziehbare Kinder reicht. Alle Fotos regen die Phantasie an und verfügen über einen morbiden Charme. Doch beim Betrachten wünscht man sich, dass diejenigen, die sich in den leeren Häusern "ausgetobt" haben, sich an das Motto der Urbexer halten würden:

Nimm nichts mit - außer deinen Bildern.
Lass nichts da - außer deinen Fußspuren.

Lost Places - Deutschlands vergessene Orte ist bei PLAZA, einem Imprint des Heel-Verlags, erschienen und kostet 24,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Heel-Verlag, der mir das Buch zur Verfügung gestellt und mir die Erlaubnis zur Veröffentlichung der gezeigten Fotos gegeben hat.
  

Freitag, 27. Oktober 2017

# 122 - Selbst erlebt: Sieben Monate in chinesischer Haft

Wie aus einer Dummheit ein Drama wird

 

2014: Hamza Özyol ist gelernter Schlosser und bekommt von einer Facebook-Bekanntschaft das Angebot, in China beim Bau eines U-Bahn-Tunnels mitzuhelfen. Er ist gerade arbeitslos, daher kommt die lukrative Offerte wie gerufen. Seine Familie einschließlich seiner Freundin ist gegen diesen Schritt, aber Özyol lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Er fliegt im August von Deutschland nach Hongkong und will zunächst ausprobieren, ob er mit den harten Arbeitsbedingungen umgehen kann. In seinem Buch China - 210 Tage hinter Gittern schreibt er über seine Erfahrungen als ausländischer Häftling in einem chinesischen Gefängnis.

Ein kurzer Moment, der alles verändert

 

Özyol wohnt wie einige andere ausländische Kollegen in einem Hotel in der Nähe der Baustelle. Die Tage bestehen in den ersten beiden Wochen im Wesentlichen aus arbeiten und schlafen, und er vermisst freie Zeit und Abwechslung. Doch dann ergibt sich eines Abends eine Gelegenheit, die Bars der Stadt zu erkunden. Özyol ist allein unterwegs und besucht mehrere von ihnen. Sein stetiger Alkoholkonsum sorgt bei ihm für gute Stimmung, und er genießt seine Freiheit. Der Umstand, dass ihn sein Arbeitgeber jederzeit anrufen und zur Baustelle beordern könnte, bremst ihn nicht in seinem Trinkverhalten. In einer Bar fallen ihm drei Handys auf, die unbeachtet auf einem Bistrotisch liegen. Özyol kann keinen Eigentümer ausmachen und versteckt die Geräte in seiner Hosentasche. Doch nach einer Weile bringen ihn seine Gewissensbisse dazu, noch in derselben Nacht in das Lokal zurückzukehren und die Handys wieder dort abzulegen, wo er sie an sich genommen hat. Aber vor Ort warten bereits die Sicherheitsleute auf ihn, die schon die Polizei gerufen haben: Er ist auf den Kamerabildern, die in der Bar aufgenommen wurden, eindeutig als Dieb zu erkennen. Von diesem Moment an ändert sich sein Leben von Grund auf. Özyol wird ins Gefängnis gebracht, wo er monatelang auf seinen Prozess wartet. Sein Arbeitgeber kümmert sich nicht um ihn, die deutsche Botschaft setzt sich nur wenig für ihn ein. 
Das Leben in den Zellen ist so, wie es bereits in Presseberichten immer wieder beschrieben wurde: Mehrere Dutzend Häftlinge sind in einem zu engen Raum untergebracht, Ernährung und Hygiene sind auf einem schlechten Niveau, und die Knasthierarchie ist enorm gewöhnungsbedürftig. Özyol beschreibt, wie er unter Ausgrenzungen gelitten und seine Familie vermisst hat, erzählt aber auch von Zusammenhalt und so etwas wie Freundschaft zwischen ihm und einigen wenigen anderen Gefangenen. Er lernt während der sieben Monate dauernden Haft mehrere Zellen im selben Gefängnis kennen und erlebt, dass es in jeder eigene "Gesetze" gibt. Für kleine Verfehlungen werden den Insassen von den Gefängniswärtern teils drakonische Strafen auferlegt. Davon, dass Folterungen stattgefunden haben, schreibt Özyol allerdings nichts.

Wie war's?

 

Hamza Özyols authentische Schilderung seiner Gefangenschaft gibt einen Einblick, wie schnell man in China im Gefängnis landen kann. Lange Wartezeiten, bis es zum ersten Gerichtstermin kommt, sind nicht nur für Ausländer wie ihn, sondern für alle Angeklagten üblich. Auch über die schlimmen Haftbedingungen wurde in den Medien immer wieder berichtet. Özyols Verhalten ist heute auch für ihn selbst kaum nachvollziehbar. 
So interessant die Erlebnisse des Autors sind, so sinnvoll wäre es gewesen, einen Lektor mit der Überarbeitung des Buches zu beauftragen. Der Text hätte dann nicht nur stilistisch deutlich gewinnen können, sondern es wären auch einige Ungereimtheiten aufgefallen.

China - 210 Tage hinter Gittern ist bei Books on Demand (BoD) erschienen und kostet 9,99 Euro. Das Buch wurde mir von Indie Publishing, einem Angebot der Fachzeitschrift buchreport, zur Verfügung gestellt.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Die Frankfurter Buchmesse 2017 - eine Nachlese

Meine persönliche Premiere

 

In diesem Jahr habe ich zusammen mit einer Freundin zum ersten Mal die Frankfurter Buchmesse besucht. Unsere Vorbereitung war überschaubar: Die Buchmesse-App war aufs Smartphone heruntergeladen, und unser Vertrauen auf die Fähigkeiten von Google Maps war vorerst durch nichts zu erschüttern. Wir sind in puncto Messen keine unbeschriebenen Blätter: Wir wohnen in bzw. bei Hannover, und dort finden einige Messen statt, die als die jeweils weltgrößten ihrer Branche gelten - das beginnt mit der CeBIT, geht mit der Industriemesse weiter und hört bei der Exposition Mondiale de la Machine Outil (EMO; weltgrößte Werkzeugmaschinen-Messe) und der Agritechnika (weltgrößte Landtechnik-Messe) noch nicht auf. Doch im Gegensatz zum Messegelände in Hannover befindet sich das Frankfurter Areal mitten in der Stadt - Google Maps stieß hier und da an seine Grenzen, um es diplomatisch auszudrücken. Doch irgendwann waren auch wir "drin" in den unendlichen Weiten der internationalen Bücherwelt. Die Vielfalt der Themen, die Kreativität bei der Ausstattung und das oft ungewöhnliche Design der Bücher - im Schneckentempo sind wir von Stand zu Stand gegangen. Zahllose Titel hätten es verdient, mit nach Hause genommen zu werden. Aber ich habe zunächst erst einmal eine "Hitliste" aller Bücher zusammengestellt, die mir nach dem ersten (meistens längerem) Reinlesen am besten gefallen haben. Wie in meiner Bücherkiste üblich geht die Auswahl quer durch mehrere Genres. Die Fotos haben eine grandiose Qualität, weil ich die Cover an Ort und Stelle mit meinem Smartphone aufgenommen habe. Zum Glück ist dies hier ein Bücher- und kein Design- oder Modeblog. ;-)


Meine Favoriten auf der Buchmesse

 















Und was war noch?

 

Da dies unsere Premiere war, hatten wir vorab nicht geplant, gezielt einzelne Veranstaltungen zu besuchen. Im Vorbeigehen haben wir einen Teil einer Veranstaltung in der Self Publishing-Area gesehen, etwas von einem Vortrag auf dem Stand der Wochenzeitschrift DER SPIEGEL gehört und die Ausstellung zum Deutschen Cartoonpreis 2017 auf der Agora angeschaut. Die Sieger kann man sich auf der offiziellen Website des Cartoonpreises ansehen.
Eines steht fest: Diese Buchmesse war ganz sicher nicht meine letzte!  




Freitag, 13. Oktober 2017

Die HOTLIST-Preisverleihung hat stattgefunden

Der beste unabhängige Verlag ausgezeichnet

 

Heute fand die Verleihung des mit 5.000 Euro dotierten Preises der Hotlist 2017 statt. Er wurde an den Verlag Matthes & Seitz Berlin für das Buch Strategien der Wirtsfindung der Autorin Brigitta Falkner vergeben. 



Auch die Buchhändlerinnen und -händler haben ihre Entscheidung gefällt und wählten für den Melusine-Huss-Preis den Verlag Assoziation A mit dem Buch Über Grenzen  von Lutz Tauber aus. Damit ist ein Gutschein der österreichischen Druckerei Theiss im Wert von 4.000 Euro verbunden.

Einen ausführlichen Artikel über die beiden Bücher, die Preise und das Auswahlverfahren gibt es hier



(C) Verein der HOTLIST

# 121 - Vietnam als geteiltes Land erleben

Eine Zeitreise ins Vietnam der 1960er und 1970er Jahre

 

Anna Mudry wurde 1969 und 1973 von der in Ost-Berlin ansässigen Berliner Zeitung nach Nord-Vietnam geschickt. Ihre Reisen fielen in Phasen, in denen der Krieg in Vietnam gerade eine Pause machte: während der Pariser Gespräche, die (erfolglose) Waffenstillstandsverhandlungen zwischen den USA und Nord-Vietnam zum Inhalt hatten, und nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens, das zum 28. Januar 1973 wirksam wurde. 1975 veröffentlichte sie ihr Buch Bis zum befreiten Süden, das Buch Vietnam - Gesichter und Schicksale ist dessen überarbeitete Neuauflage, die 2017 herausgegeben wurde.

Wiederaufbau unter widrigsten Bedingungen

 

Anna Mudry startete ihre Vietnam-Reisen beide Male in Hanoi. Sie wurden von Mitarbeitern einer dortigen Zeitung organisiert, was nicht nur die Route, sondern auch die Begegnung mit Einheimischen umfasste. Mudry sah Städte, die im Laufe des Vietnam-Krieges von US-Truppen dem Erdboden gleich gemacht wurden, und traf auf Menschen, die unermüdlich daran arbeiten, dass die Ernährung sichergestellt wird, alle ein Dach über dem Kopf haben sowie die Verkehrswege und die Schulen neu gebaut werden. Sie berichtet von Menschen, die während des Krieges ein unterirdisches Wohn-, Versorgungs- und Tunnelsystem gegraben hatten und von Kindern, die viele Monate kein Sonnenlicht gesehen hatten, weil der Aufenthalt im Freien wegen der ständigen Bombardements zu gefährlich war. In dieser krisengeschüttelten Gesellschaft hat der Einzelne seine eigenen Bedürfnisse zurückgestellt, um seine Arbeitskraft der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen. So sahen sich Ehepartner oft monatelang nicht, und Kinder wurden von ihren Großeltern aufgezogen, weil ihre Eltern im Krieg kämpften oder für den Straßenbau eingeplant waren. Immer ging die Gemeinschaft dem Einzelnen und seinen Angehörigen vor.
Anna Mudry betont in ihrem Vorwort, dass sie sich nicht als Kriegsberichterstatterin gesehen hat. Es war ihr Ziel, mit den Menschen in Kontakt zu kommen und von ihnen zu erfahren, wie sie die Auswirkungen der massiven Angriffe der US-Streitkräfte, die auch den Einsatz von chemischen Kampfstoffen wie Napalm oder Entlaubungsmitteln umfassten, erlebt und überstanden hatten. Die Autorin weist ausrücklich darauf hin, dass sie eine subjektive Berichterstattung hier für die beste Methode hält, um sich der Wahrheit so weit wie möglich zu nähern. Das Ergebnis sind Schilderungen über erschütternde Lebensbedingungen der vietnamensischen Bevölkerung, die alles daran setzt, ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen.

Wie war's? 

 

Vietnam - Gesichter und Schicksale gibt einen tiefen Einblick, wie es der Bevölkerung insbesondere Nord-Vietnams, das offiziell den Namen Demokratische Republik Vietnam (DRV) trug, im Verlauf des 20 Jahre dauernden Vietnamkriegs ergangen ist. In dieser Zeit haben zwischen zwei und fünf Millionen Menschen ihr Leben verloren, die genaue Zahl kennt niemand. Anna Mudry beschäftigt sich sowohl mit Einzelschicksalen als auch mit den Lebensumständen, denen die Bevölkerung unterworfen war und die wegen ihrer Tragik und Verzweiflung oft sprachlos machen. Sie versucht jedoch auch, ihren Lesern einen Teil der vietnamesichen Geschichte näherzubringen. Es ist eine Geschichte, die von Kolonialismus, Verrat und Gewalt geprägt ist und sich ohne eine nähere Beschäftigung mit ihr nur schwer erschließt. Wer sich mit ihr bislang noch nicht auseinandergesetzt hat, sollte vor dem Lesen des Buches einen Blick auf die Zeittafel werfen, die Anna Mudry nach dem letzten Kapitel angefügt hat.
Sowohl an der Wortwahl als auch dem Schwerpunkt ist zu erkennen, dass die Autorin als DDR-Journalistin nach Vietnam aufgebrochen ist; die DDR hatte sich damals vorbehaltlos an die Seite der DRV gestellt, was sich auch in manchen Formulierungen Mudrys widerspiegelt. Doch trotz dieser ideologisch besetzten Position ist Vietnam - Gesichter und Schicksale ein Buch, das vor allem für die Generation, die nach dem Ende des Vietnamkriegs aufgewachsen ist, interessant ist. Anna Mudry hat ihrem Buch mehr als 40 Fotos beigefügt, die das Gelesene anschaulich machen.

Vietnam - Gesichter und Schicksale ist im Pirmoni-Verlag in der Reihe menschen unterwegs als Taschenbuch erschienen und kostet 14,90 Euro. Das Buch wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Dienstag, 10. Oktober 2017

Deutscher Buchpreis 2017 - The winner is...?

Der österreichische Blick auf Brüssel hat die Nase vorn

 

Seit gestern steht es fest: Der diesjährige Preisträger des Deutschen Buchpreises heißt Robert Menasse, der mit seinem Roman Die Hauptstadt die aus Literaturkritikern und Buchhändlern bestehende Jury überzeugt hat. Die Handlung ist nicht in Wien, der Hauptstadt von Menasses Heimatland Österreich, sondern in Brüssel angesiedelt. Es geht um die EU: Sie steht kurz vor ihrem 60. Jubiläum, das natürlich angemessen begangen werden soll. Die Veranstaltung soll dazu dienen, die Europäische Union in ein günstiges Licht zu rücken, und Fenia Xenopoulou, eine ranghohe zypriotische EU-Beamtin der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, ist auf der Suche nach guten Ideen. Das ist ein Anlass, die Ellenbogen auszufahren und sich zu profilieren. Eine sehr ungewöhnliche und gewöhnungsbedürftige Idee wird letztlich ausgewählt: David de Vriend, der die letzte Lebensphase in einem Brüsseler Seniorenheim verbringt, soll dem Kampagnenmotto, dass die europäische Einheit eine Lehre aus der Geschichte ist, ein Gesicht geben. Er ist als Junge von einem Zug gesprungen, der ihn und seine Eltern in ein Konzentrationslager bringen sollte. Fenia Xenopoulou will nun den Festakt in Auschwitz abhalten - mit de Vriend, der sein ganzes Leben damit beschäftigt war, das Erlebte von damals zu vergessen. Ein Mordfall, in dem aus politischen Gründen nicht ermittelt werden soll, spielt in Die Hauptstadt ebenso eine Rolle wie ein Wirtschaftswissenschaftler, dem seine Utopie, in Auschwitz eine neue europäische Hauptstadt zu errichten, schon bald gefährlich wird. 

Geteilte Meinung über Preisvergabe 

 

Die Entscheidung der Jury hat nicht nur Zustimmung hervorgerufen. Es wurden einige Stimmen von Literaturexperten laut, die Die Hauptstadt nicht für das beste Buch des Jahres halten. Sie merken an, dass sich seit der ersten Vergabe des Preises 2005 Tendenzen beobachten lassen, die zumindest nachdenklich machen. Es wird da beispielsweise kritisiert, dass unter den Büchern der Shortlist der Suhrkamp-Verlag mit drei Titeln sehr oft vertreten war. 
Auch eine andere Auffälligkeit wird thematisiert: Alle Buchpreise sind seit der ersten Vergabe 2005 an Autoren gegangen, deren Bücher im Herbst, also kurz vor der Frankfurter Buchmesse, erschienen sind. Kann es wirklich sein, dass im Frühling nie Titel herausgebracht werden, die preiswürdig sein könnten? Die Jury hat denn auch hervorgehoben, dass es allein um die Literatur gehe und sonst nichts.
Dass es in Die Hauptstadt um die Darstellung einer korrupten und intriganten EU-Bürokratie geht, vewundert umso mehr, wenn man Menasses vor fünf Jahren erschienenen Essay Der Europäische Landbote zur Hand nimmt, in dem der Autor von seinen Eindrücken und Erfahrungen anlässlich seiner Reise nach Brüssel erzählt, die durchweg positiv ausfallen. Sein Fazit: Es ist nicht die EU selbst, deren Regularien und Vorgaben Probleme machen, sondern es sind die Mitgliedsstaaten, die mit ihrem eigennützigen Leuchtturmdenken die Idee des gemeinsamen Europas hintertreiben. Die Botschaft des jetzt ausgezeichneten Romans ist eine andere. Warum?

Freitag, 6. Oktober 2017

# 120 - Und wieder wird am Bodensee getötet

Ines Fox auf Abwegen

 

Im August 2016 habe ich hier das Buch Seezeichen 13 von Christiane Kördel vorgestellt, heute wird es um die Fortsetzung Seeblick kostet extra gehen. Die selbstständige Webdesignerin Ines Fox bleibt ihrem Verhalten, ihre Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken und sich damit selbst in Bedrängnis zu bringen, auch dieses Mal treu. Der Psychopath Roger Merian aus dem ersten Band wird vom Gericht wider Erwarten frei gesprochen, womit für Ines Fox erneut unruhige Zeiten anbrechen. Schon wenige Stunden nach dem Richterspruch wird die Leiche von Kriminalhauptkommissar Schroff gefunden, der im Verdacht stand, korrupt zu sein und deshalb suspendiert worden war. Die Ermittlungen ergeben, dass jemand sein plötzliches Ableben mit einem Gift beschleunigt hat. Schroffs Kollege Arthur von Leisfall erfährt von dessen Witwe, dass Roger Merian kurz vor dem Tod Schroffs noch bei ihm gewesen ist. Doch der streitet ab, etwas mit dem Mord zu tun zu haben.

Eine alternative Methode, Kriminalfälle zu lösen

 

Ines leidet immer stärker unter plötzlich einsetzenden Echtträumen. Wenn sie passieren, löst sie sich mental aus ihrem Körper und findet sich in luftiger Höhe und für die meisten Menschen unsichtbar über ihr bekannten Personen wieder. Doch was auf den ersten Blick ganz praktisch erscheint, hat für sie ernste körperliche Folgen: Immer, wenn sie in ihren Körper zurückkehrt, spürte sie eine tiefe Kälte in sich, die bis in die letzte Zelle eingedrungen zu sein scheint und zu einer massiven Unterkühlung führt. Diesem Phänomen, das sich für Ines immer bedrohlicher anfühlt, ist ihr Freund, der Pathologe Dr. Frieder, auf der Spur. Doch nicht nur die unvorhersehbaren Echtträume machen ihr das Leben schwer: Sie wird verfolgt, und jemand hat das Wahrzeichen von Konstanz, die Imperia, verschandelt und mit einem Fluch versehen, der sich gegen die Stadt und Ines Fox richtet. Als unmittelbar danach Falschmeldungen in Umlauf gebracht werden, die zur Folge haben, dass Konstanz in einem nie dagewesenen Verkehrschaos versinkt und das öffentliche Leben zum Stillstand kommt, werden Forderungen laut, dass Ines Fox die Stadt verlassen soll. Wie, um das zu unterstreichen, wird ihre Wohnung von Unbekannten zu Kleinholz verarbeitet. Freund und Ex-Freund stehen ihr jedoch immer wieder hilfreich zur Seite und tragen dazu bei, dass die junge Frau wegen ihrer Neigung zu spontanen und unüberlegten Handlungen nicht noch mehr in Gefahr gerät.


Wie war's?

 

Wer Seezeichen 13 mochte, dem wird auch Seeblick kostet extra gefallen. Das Buch ist locker und humorvoll geschrieben und eine sehr gute Unterhaltungslektüre. Es ist kein Muss, den ersten Teil der Serie gelesen zu haben, trägt aber bei mancher Szene zum Verständnis bei. Wie Christiane Kördel in ihrem zweiten Epilog andeutet, wird es eine weitere Fortsetzung geben. Wir dürfen also gespannt sein, wie es mit Ines Fox und ihren unfreiwilligen Ermittlungen weitergeht.
Seeblick kostet extra ist bei Books on Demand erschienen und kostet als Taschenbuch 11,99 Euro sowie als Kindle-Edition 2,99 Euro. 

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Der Rückblick: Was war im August und September los?

Die Frankfurter Buchmesse nähert sich

 

Die beiden großen deutschen Buchmessen in Leipzig und Frankfurt führen jedes Jahr zu einer erhöhten Betriebsamkeit in der Buchbranche, je näher das jeweilige Datum heranrückt. Das hat sich auch in der Bücherkiste insbesondere im September bemerkbar gemacht.

Der August

 

In Es brennt das ganze Kind sogar des Autors Edelhard Callies setzt sich der vom Leben benachteiligte Karl Reitz zur Wehr. Gewalt erzeugt Gegengewalt - das bekommen seine Peiniger zu spüren. Ein Roman, in dem es nicht nur um Ungerechtigkeit, sondern auch um das Leben einer deutschen Familie geht, deren Schicksal maßgeblich von vom erstarkenden Nationalsozialismus und der massenhaften Ermordung von behinderten Menschen geprägt ist. 


Mit Brant von Ken Bruen habe ich den ersten Crime Noir auf diesem Blog vorgestellt. Der Londoner Sergeant Brant ist korrupt, draufgängerisch und gnadenlos. Er muss einen offenbar durchgeknallten Killer zur Strecke bringen, der es auf Polizisten abgesehen hat und nach öffentlicher Aufmerksamkeit giert. Was Brant noch nicht weiß: Sein eigener Tod soll das grausame Finale der Mordserie werden, denn er und der Täter sind Jahre zuvor aneinander geraten. Skrupellos, spannend und ganz dicht dran. Mehr Krimi geht nicht. 


"Geld regiert die Welt." Wie sehr das zutrifft, erklärt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl in seinem Buch Verstehen Sie Geld? auch für den Laien gut verständlich. Auch wer bislang der Meinung war, ihm könne beim Thema Geld keiner mehr etwas vormachen, wird das nach dem Lesen dieses Buches wahrscheinlich anders sehen. Çöl spannt den Bogen von der Entstehung der ersten Formen des Geldes bis zu den heutigen Finanzmarktmechanismen, die bei der "Rettung" der südeuropäischen EU-Mitgliedsstaaten noch lange nicht enden. 


Ende August hat die Frankfurter Buchmesse mit dem ersten Artikel hier Einzug gehalten: Bei einem Besuch "meines" Buchhändlers sah ich den Reader mit Leseproben aller Bücher auf dem Tresen liegen, die für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurden. Welche Titel ich nur anhand der Textauszüge zu meinen Favoriten gemacht habe, lest ihr in diesem Beitrag


Mit Chlorophyll ist M. J. Herberth ein Roman gelungen, der ein mögliches Weltuntergangsszenario realistisch beschreibt. Die Schilderung macht auch vor teilweise sehr üblen Überlebensstrategien der immer weniger werdenden Menschen nicht halt, wobei man sich manchmal am liebsten schaudernd abwenden möchte. 




Der September

 

Terri Blackstock hat in Nur wenn ich fliehe einen Plot geschaffen, der sich dem Leser erst nach und nach erschließt. Die Versicherungsangestellte Casey findet ihren besten Freund Brant ermordet in dessen Haus und ergreift sofort die Flucht. Damit macht sie sich zu einer Verdächtigen, aber es gibt Menschen, die an ihre Unschuld glauben. Der Grund, dass sie sich nicht der Polizei stellen will, liegt jedoch weit vor dem Zeitpunkt des Mordes. Brant soll nicht das einzige Opfer bleiben. 


Drei Wochen vor dem Tod des Kulturwissenschaftlers und Kulturmanagers Martin Roth wurde sein Buch Widerrede! veröffentlicht. Es enthält ein mehrteiliges Diskussionsprotokoll von Gesprächen mit seinen drei erwachsenen Kindern, in denen es um Fragen der eigenen ethischen und moralischen Werte, des zunehmenden Populismus' und des nötigen politischen Engagements geht. Ein wichtiges Buch in einer Zeit, in der häufig Phrasendrescherei der sachlichen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Auffassungen vorgezogen wird. 


© HOTLIST 2017
Die unabhängigen Verlage müssen einige Energie aufbieten, um sich gegen die Großen der Buchbranche zu behaupten und von den Lesern wahrgenommen zu werden. Um sie zu unterstützen, wird im Zuge der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr zum neunten Mal der Preis der Hotlist vergeben. In der Endrunde befinden sich jetzt noch zehn Titel. Welche das sind und wann die Preisverleihung stattfindet, erläutere ich in meinem Beitrag. 



Mit Mord am Waterberg haben die Autorinnen, die Joirnalistinnen Almut Hielscher und Uta König, einen Kriminalfall in Namibia stattfinden lassen: Eine Deutsche wird ermordet aufgefunden, ihre aus Stuttgart angereiste Schwester tut alles, um den Fall auch ohne die Hilfe der passiven Polizei aufzuklären. Das deutsch-namibische Verhältnis, das durch die deutsche Kolonialzeit beeinflusst ist, spielt hierbei eine große Rolle.  



©: Petra Gass / Börsenverein
Die Jury des Deutschen Buchpreises hat die Shortlist, die Liste der sechs in der Endrunde stehenden Titel, bekanntgegeben. Welches Buch ich für den heißesten Anwärter auf den "Thron" halte, lest ihr hier.



Die Ermordung des Glücks ist der zweite Krimi von Friedrich Ani, in dem der Ex-Kommissar Jakob Franck im Mittelpunkt steht. Kann Ani mit diesem Buch erneut den Deutschen Krimipreis gewinnen? 





©: MVB
Im Laufe der Frankfurter Buchmesse wird erstmalig ein weiterer Preis verliehen: Mit dem Selfpublishing-Preis wird endlich auch dieser Autorengruppe die nötige öffentliche Aufmerksamkeit gegeben, die nötig ist, um die Bücher einem breiteren Lesepublikum bekannt zu machen. 


Das Klischee ist bekannt: Alle Finnen lieben ihre Sauna. Das greift auch der Autor Roope Lipasti in seinem Roman Nachbar mit Sauna auf: Ein chaotischer Familienvater will ein Saunahaus bauen und muss mit den "guten" Ratschlägen seines Nachbars, einem Lehrer, leben. Der klugscheißende Pädagoge verguckt sich obendrein auch noch in die attraktive Frau des Nachbarn. 

Viel Spaß beim Stöbern!

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