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Freitag, 13. Januar 2023

# 377 - In 80 Büchern um die Welt?

Vermutlich soll der Buchtitel In 80 Büchern um die Welt auf Jule Vernes Werk In 80 Tagen um die Welt anspielen. Doch während Phileas Fogg sein Ziel, einmal um die Welt zu reisen, tatsächlich haarscharf nach 80 Tagen erreichte, verfehlt dieses Buch das gesetzte Ziel knapp: In 78 kurzen zwei- bis sechsseitigen Texten stellen 55 literarische Fachfrauen und -männer Bücher der Weltliteratur vor, die sich mit dem Reisen über kurze oder sehr lange Distanzen beschäftigen.

Es geht allerdings nicht nur um Reisen, die zum Spaß gemacht werden. Das vom britischen Literaturprofessor John Sutherland herausgegebene Buch greift auch Werke auf, in denen es um Migration, Flucht und höchste Not geht. In 80 Büchern um die Welt ist in vier Abschnitte aufgeteilt, die die Beiträge chronologisch sortieren. Es beginnt mit der Vorstellung von Homers Odyssee (725-675 v. Chr.), setzt sich fort mit Laura in der Prärie von Laura Ingalls Wilder (1935) oder John Steinbecks Früchte des Zorns (1939), beschreibt Lolita von Vladimir Nabokov (1955) und endet im letzten Kapitel mit Lincoln Highway von Amor Towles (2021).

Warum gerade diese 55 Titel ausgewählt wurden, bleibt etwas im Dunklen. Zwar erläutert der Lektor John McMurtrie in der Einleitung, welche "drei Kriterien maßgeblich" gewesen seien - "Erstens muss es sich um ein literarisches Werk handeln [...]; zweitens sollte jedes Buch eine Reise enthalten, die zu realen und nicht imaginären Orten führt [...]" -, das dritte Kriterium bleibt er jedoch schuldig. 
Trotzdem ist die Auswahl eine gute Mischung aus Bekanntem und (fast) Unbekanntem, sodass die kurzen Texte zum Lesen der vollständigen Romane einladen.

Ein Highlight sind die zahlreichen Illustrationen: Fotos, historische Karten oder Zeichnungen geben einen guten Eindruck davon, in welchem zeitlichen Kontext die jeweiligen Bücher erschienen sind.

Lesen?

In 80 Büchern um die Welt ist ein sehr gutes Buch zum Schmökern: Es erinnert an Romane, die man vor vielen Jahren gelesen und nur noch undeutlich in Erinnerung hat und gibt Hinweise auf Titel, die man sich noch vornehmen kann. Die Illustrationen runden den positiven Bucheindruck ab.
Sehr schade ist allerdings, dass Autorinnen deutlich unterrepräsentiert sind. Unter den sechs "Tipps zum Weiterlesen" finden sich dann leider nur noch Autoren.

Hinweis: Diese Ausgabe hat keine Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Buch, das 2011 im Thiele & Brandstätter Verlag veröffentlicht wurde und nur noch antiquarisch erhältlich ist.

In 80 Büchern um die Welt ist 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 29 Euro.

Freitag, 22. April 2022

# 344 - Liebe geht durch den Magen

Maryse Condé wurde 1937 auf der zu Guadeloupe gehörenden Insel Grande-Terre geboren und gehört zu den wichtigsten französischsprachigen Schriftstellerinnen. Sie wuchs mit sieben älteren Geschwistern auf. Ihre Eltern waren gut situierte Bildungsbürger, die es sich leisten konnten, Hauspersonal zu beschäftigen. Schon früh war Condés liebster Ort die Küche, in der eine der Angestellten das Essen für die Familie zubereitete. Doch ihre kaltherzige Mutter kommentierte die Bemühungen ihrer Tochter mit den verächtlichen Worten: "Nur Dummköpfe begeistern sich fürs Kochen." Diese Haltung begegnet der Autorin und Professorin im Laufe ihres Lebens immer wieder: Freunde und Bekannte haben häufig Schwierigkeiten damit, die Intellektuelle mit der leidenschaftlichen Köchin in Einklang zu bringen.

Die Kränkung der Mutter saß tief, konnte Maryse Condé aber nicht vom Kochen abhalten. Sie studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne, veröffentlichte mehrere Bücher und übernahm Professuren an einigen Hochschulen, blieb ihrer Leidenschaft am Herd jedoch immer treu. Anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches Mets et Merveilles sagte sie 2015: "Avec la littérature, la cuisine est la passion qui domine ma vie." - "Kochen ist neben der Literatur die Leidenschaft, die mein Leben bestimmt."

Jetzt ist das Buch unter dem Titel Köstliches und Kostbares - kulinarische Reisen auf Deutsch erschienen. Maryse Condé beschreibt in 20 Kapiteln ihre Reisen in die unterschiedlichsten Länder. Viele von ihnen erfolgten auf Einladung von Hochschulen oder kulturellen Einrichtungen und immer spielte das Essen, das ihr und ihrem meistens mitreisenden Ehemann serviert wurde, eine große Rolle. Man kann durchaus sagen, dass Condés Bewertung einer Reise zu einem großen Teil von der Qualität der jeweiligen dort servierten Mahlzeiten abhing.

Der Buchtitel und das Coverfoto sind irreführend: Sie suggerieren, dass es sich hier um ein Kochbuch oder zumindest ein Buch handelt, das sich schwerpunktmäßig mit dem Kochen beschäftigt. Das ist jedoch nur zum Teil richtig. Condé benennt zahlreiche typische Landesgerichte, die sie während ihrer Reisen kennengelernt hat, und beurteilt deren Zubereitung. Sie schreibt auch über ihre Versuche, das eine oder andere Gericht nachzukochen, sodass ihre Vorliebe nicht zu übersehen ist. Sehr oft geht es jedoch um ihre Schwierigkeiten, von anderen Menschen akzeptiert zu werden: In New York begreift sie, dass sie trotz ihrer Hautfarbe nicht Teil der afro-amerikanischen Community sein kann; in Indien wird sie wegen ihres ungewohnten Äußeren von Einheimischen auf der Straße ausgelacht und traut sich kaum noch aus dem Hotel.

Maryse Condé benennt auch ihre Schwächen, die sie zum Teil nur schwer überwinden kann: Es fällt ihr beispielsweise schwer, die Homosexualität ihres Sohnes zu akzeptieren und sie ist irritiert, als sie eine in New Orleans lebende Hochschuldozentin kennenlernt, die ihr von ihrer Beziehung mit einer Frau erzählt.

Je weiter man sich dem Ende des Buches nähert, desto mehr verfestigt sich der Eindruck, dass sich Maryse Condé mit ihm von ihrem Publikum verabschieden will. In Kapitel 15 ist erstmals von einer fortschreitenden Erkrankung die Rede, die ihr immer mehr von ihrer Kraft und Mobilität raubt. Als ihr das Gehen zu schwer fällt, entschließt sich Condé sogar, ihr Ferienhaus in ihrer Heimat zu verkaufen, um sich wegen der besseren medizinischen Versorgung nur noch in Paris und New York aufzuhalten.

Lesen?

Köstliches und Kostbares - kulinarische Reisen lädt dazu ein, sich Maryse Condé nicht nur kulinarisch zu nähern, sondern sie auch als Persönlichkeit mit einem bewegten und oft schweren Leben kennenzulernen. Die Besonderheit ihres Gesamtwerks und ihrer Erzählkunst wurden 2018 mit dem alternativen Literaturnobelpreis, der in diesem Jahr einmalig vergeben wurde, honoriert. Der Hintergrund dieser Auszeichnung war ein Skandal in der Schwedischen Akademie, der dazu führte, dass damals die Verleihung des regulären Nobelpreises für Literatur ausgesetzt wurde (mehr dazu: hier). Leseempfehlung!

Köstliches und Kostbares - kulinarische Reisen ist im März 2022 im Litradukt Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 24 Euro. Der Litradukt Verlag ist nach eigenen Angaben der einzige deutschsprachige Verlag mit einem Schwerpunkt auf karibischer Literatur.


Sonntag, 31. März 2019

# 190 - Einmal Bosnien und zurück

Der Bosnienkrieg hat die Welt von 1992 bis 1995 in
Atem gehalten. Unvergessen sind die grausamen Gemetzel wie in Srebrenica, die nicht nur gegen Soldaten, sondern auch gegen Zivilisten gerichtet waren und von den anwesenden Blauhelm-Soldaten der Vereinten Nationen nicht gestoppt wurden. Erst das Ende 1995 geschlossene Friedensabkommen von Dayton beendete den Kriegszustand.

2001 macht sich Juli Zeh auf den Weg nach Bosnien-Herzegowina. Ihr einziger Begleiter: ihr Hund Othello, der wie sie unterwegs eine Menge auszuhalten hat.
In ihrem 2002 erschienenen Buch Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien beschreibt Juli Zeh, wie sie versucht, die selbst gestellten Fragen zu beantworten. Eine davon heißt: Wer hasst wen und wie sehr? Es ist eine Frage, die ihr dabei helfen soll, den wahren Hintergründen, die den Krieg ausgelöst haben, auf den Grund zu gehen. Die Antworten, die sie von den Menschen, denen sie auf ihrer Reise zufällig begegnet, haben eine Gemeinsamkeit: Die Erklärung der Weltpresse, dahinter habe ein ethnischer Konflikt gestanden, wird ganz überwiegend für Unsinn gehalten. Die genannten Gründe könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein.

Das Land ist zerstört, manches wurde wieder aufgebaut, anderes blieb in Trümmern. Mittendrin ist die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh, die ihre Reise so beginnt wie jemand, der im Freibad auf dem Zehn-Meter-Brett steht und sich kurz vor dem Sprung einen Ruck gibt: ziemlich kurzentschlossen und - so scheint es - ohne größere Vorbereitungen. Wie wenig Bosnien-Herzegowina als touristisches Ziel gilt, merkt sie bereits im Reisebüro an der Reaktion der Angestellten: "Was wollen Sie da? Da ist doch Krieg!" Der Versuch, bei einem der größten deutschen Autovermieter für einen Monat ab Sarajevo einen Pkw zu mieten, scheitert an den horrenden Kosten: 3.500 $ werden verlangt. Vermutlich geht man in dem Unternehmen davon aus, dass man das Fahrzeug angesichts des Reiseziels auf die Verlustliste setzen muss.

Der Roadtrip beginnt zunächst mit einer Zugfahrt, die von Wien über das slowenische Maribor nach Zagreb führt. Dort bekommt sie von einem Freund eines Freundes eine Kurzinfo in bosnischer Staats- und Gesellschaftskunde und Verhaltenstipps. Später, auf dem Weg nach Sarajevo, erfindet sie eine neue Sprache, um mit den Kommunikationsschwierigkeiten fertig zu werden: Endepol ist eine Mischung aus Englisch, Deutsch und Polnisch, erweist sich im Laufe der Reise aber nicht immer als zuverlässige Verständigungshilfe. Sie macht Halt in Jajce, einer Kleinstadt, deren Bevölkerung sich infolge des Bosnienkrieges neu zusammenstzte. Weitere Stationen sind Mostar, Sarajevo, Pale, Fojnica, Čapljina, Tuzla, Srebrenica, Travnik, Banja Luka, Zagreb und einige kleinere Orte, die hier praktisch unbekannt sind. Innerhalb Bosnien-Herzegowinas legt sie die Strecken mit einem Auto zurück. Die Namen der meisten Städte, die sie besucht, sind hier durch die damalige Berichterstattung in den Nachrichten bekannt.

Juli Zeh verbringt körperlich anstrengende Wochen in Bosnien-Herzegowina. Eine für Touristen geeignete Infrastruktur gibt es nicht, Unterkünfte findet sie unterwegs eher zufällig, ihre Ernährung ist - gelinde gesagt - ungesund. Sie lässt sich treiben und entschließt sich oft spontan, die eine oder andere Richtung einzuschlagen. In den größeren Städten erlebt sie eine andere Stimmung als in den kleinen Ortschaften: Während die Städter sich offen geben und abends gepflegt durch das Zentrum flanieren, ist in den Kleinstädten und Dörfern der Wiederaufbau noch nicht weit gekommen und der Krieg in den Köpfen der Menschen noch deutlich präsenter.


Da Juli Zeh als Deutsche zur sog. "intrenational crowd" gehört, ist das Orgaisieren eines SFOR-Ausweises kein Problem. Dieser Ausweis erweist sich etliche Male als Türöffner. Das schützt sie aber nicht vor der fast allgegenwärtigen Gefahr, Opfer einer Mine zu werden. Besonders bewusst wird ihr das, als auf einer Bergkuppe bei Mostar einen großes aus Steinen gelegtes "H" irrtümlich als Zeichen für "Helikopter" interpretiert. Erst bei näherem Hinsehen wird Zeh klar, dass es sich um ein großes "M" handelt und sie sich mitten in einem abgesperrten Minengebiet befindet.

Lesen?

Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien ist in mehrerer Hinsicht ein lesenswertes Buch. Juli Zeh hat keinen der üblichen Reisebrichte geschrieben, sondern ihre Beobachtungen notiert: über die Menschen, das, was der Krieg mit ihnen gemacht hat und nicht zuletzt über sich selbst. Sie haucht auch dem, was auf den ersten Blick tot wirkt, noch Leben ein und verzichtet bei aller Empathie darauf, von ihrem vom Krieg geschundenen Reiseland ein Bild des Entsetzens zu zeichnen. Lesen!

Die Stille ist ein Geräusch: Eine Fahrt durch Bosnien ist in der mir vorliegenden Ausgabe bei Schöffling & Co. erschienen. Die Taschenbuchausgabe kostet 10 Euro, die epub- oder Kindle-Edition 9,99 Euro. Das gebundene Buch ist nur noch antiquarisch zu bekommen.

Freitag, 27. Juli 2018

# 160 - Die Uni: Ein Ort der Intrigen und Eifersüchteleien

Wo ist Professor Halm?

 

Im Institut für Eiweiß-, Woll- und Pelzforschung einer nicht benannten Universität bezieht Professor Raabsilber auf Anweisung des Dekans Professor Baiersgrund das Büro von Professor Halm. Halm ist seit einem Jahr spurlos im Himalaya verschwunden, wohin er mit einem Kollegen aus Neuseeland für eine dreiwöchige Wanderung aufgebrochen war. Die dortigen Behörden haben die Vermisstensache mittlerweile zu den Akten gelegt, mit Halms Auftauchen rechnet niemand mehr. Raabsilber möchte für das verwohnte Büro jedoch einen neuen Teppichboden haben; als der alte weinrote Bodenbelag herausgerissen wird, entdeckt er auf dessen Unterseite einen großen roten Fleck. Ist das Blut? Oder doch nur Rotwein? 

Aufbruch nach Nepal

 

Raabsilber kann einen guten beruflichen Erfolg verbuchen: Die Deutsche Forschungsförderung hat seinen Antrag auf Unterstützung eines Forschungsprojekts in einem Umfang bewilligt, der es dem Professor ermöglicht, einen Assistenten für das Projekt einzustellen. Raabsilber wählt unter den Bewerbern Max Anton Kabina aus, der nicht nur durch seine fachlichen Kompetenzen überzeugt, sondern zu dem sich Raabsilber sofort hingezogen fühlt. Doch Raabsilber verliebt sich nicht nur in den jungen Mann, sondern mit der gleichen Intensität in eine Kollegin. Um es noch etwas komplizierter zu machen, hat diese ein Kind von Professor Baiersgrunds Sohn, der sie aber schon während der Schwangerschaft verlassen hat.
Als Halms Tochter beschließt, ihren Vater in Nepal zu suchen und sein Schicksal aufzuklären, erklären sich Raabsilber und Kabina bereit, sie zu begleiten. Sie erfahren eine Menge über sich selbst, die Mitreisenden und über Land und Leute, jedoch nichts über den Verbleib von Professor Halm. Der tragische Höhepunkt dieser Reise ist der Tod von Kabina. Raabsilber gelingt es erst nach seiner Rückkehr ans Institut, Halms Verschwinden zu klären. Er wird erfahren, dass es im Institut jemanden gibt, der von Anfang an wusste, was mit Halm passiert ist.

Wie war's?

 

Wie deine grüngoldenen Augen leuchten gehört zu den Büchern, bei denen ich mir unschlüssig bin, wie ich sie beurteilen soll. Feurle beschreibt die Forschungsarbeit im Institut und lässt seine Leser die Reise nach Nepal einschließlich der philosophischen Diskussionen fast hautnah miterleben. Ein Quellenverzeichnis klärt die Herkunft der zahlreichen Zitate. Ich habe jedoch Schwierigkeiten, der Einschätzung des Verlags zu folgen, dass es sich bei diesem Buch um eine Kriminalgeschichte handelt. Die Bestandteile der Handlung, die man als kriminell einstufen könnte, sind nur in einem sehr geringen Umfang vertreten. 
Die philosophischen Diskurse, in denen die westlich-sachliche auf die fernöstlich-spirituelle Sichtweise trifft, sind interessant, es wirkt auf mich an manchen Stellen allerdings unrealistisch, dass sie innerhalb der geschilderten Situationen stattfinden könnten.
Man merkt dem Roman an, dass Gerhard E. Feurle sowohl über fundierte Kenntnisse von Hochschulinterna als auch Landeskenntnisse über Nepal verfügt: Er ist emeritierter Professor und hat Nepal und den Himalaja im Rahmen von privaten Reisen kennengelernt. Wenn man sich von den Erwartungen, die im Allgemeinen an eine Kriminalgeschichte gestellt werden, löst, bietet Wie deine grüngoldenen Augen leuchten interessante Lesestunden.

Wie deine grüngoldenen Augen leuchten ist bei Königshausen & Neumann erschienen und kostet als Taschenbuch 19,80 Euro. Ich bedanke mich bei der Literaturagentur SCHWINDKOMMUNIKATION, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

Freitag, 6. Juli 2018

# 157 - Zwei ganz unterschiedliche Reisebücher

Sommer, Sonne ... Reisen!

 

Diesmal geht es um zwei Bücher, die gemeinsam haben, dass sie von Männern geschrieben wurden, die auf einer mehrmonatigen Reise zusammen mit ihren Partnerinnen viel von der Welt gesehen haben. Da hören die Übereinstimmungen allerdings auf. Aber lest selbst. 

Drei Kontinente in sieben Monaten

Der Journalist Torsten Johannknecht hat mit Die Welt von oben sein erstes Buch veröffentlicht. Mit Ausnahme der ersten sechs Wochen reist er zusammen mit seiner Freundin Bärbel um den Globus. Dabei sind ständig besonders zwei Hindernisse zu bewältigen: Bärbel gehört zu den Optimierern und Man-muss-alles-super-planen-Menschen, was dem gern vor sich hin dümpelnden Johannknecht immer wieder ziemlich auf die Nerven geht. Und: seine Körpergröße. 205 Zentimeter bei Schuhgröße 52 haben durchaus ihre Nachteile. Das beginnt bei der Bettenlänge und hört bei der vor Ort üblichen Raumhöhe noch lange nicht auf. 

So manches Mal muss er im Geiste mehrmals über seinen Schatten springen, um die Herausforderungen dieser Reise zu bewältigen. So isst er zum Beispiel im peruanischen Urwald nahe Iquitos widerstrebend einen lebenden Wurm, den einer der Guides aus einer Art Nuss gezogen hat. In Ushuaia (Argentinien), der südlichsten Stadt der Welt, haben Johannknecht und seine Freundin bereits vorab eine Off-Road-Tour gebucht, ohne so ganz genau zu wissen, was sie erwarten wird. Und diese Tour hat es in sich: Die Warnung des Fahrers vor dem launischen Wetter soll sich schon nach wenigen Minuten bewahrheiten, als es anfängt, zu schneien. Doch der größte Aufreger dieser Fahrt soll noch kommen, als sie erkennen, dass man nicht nur neben dem Grenzsee Lago Fagnano fahren kann...

Im bolivianischen La Paz geht das Paar zum Frauen-Wrestling ("Cholitas Wrestling"), um etwas Ausgefallenes zu erleben. Das ist es dann auch: Johannknecht sticht aus der Menge dermaßen heraus, dass er aufgefordert wird, mit einer der 1,50 Meter kleinen Wrestlerinnen zu "kämpfen". Als er genügend Kämpfe "verloren" hat, muss er vor der Frau niederknien - und überragt sie immer noch, was alle in der Halle brüllend komisch finden.
Außer Südamerika bereisen die beiden noch Neuseeland, Australien, Fidschi und Asien (China und Hongkong) und sind, weil sie fast immer in Hostels wohnen, mitten im Geschehen - was spannend ist, weil man mehr erlebt, aber auch anstrengend sein kann, wenn Städte völlig überfüllt sind und sich die Menschenmengen nur noch vorwärts schieben (Hongkong und Jakarta). 

Ganz klar: Auch die typischen Touristen-Hot-Spots dürfen nicht fehlen, wenn man denn schon mal in der Nähe ist: Hobbiton bei Matamata (Neuseeland), die Kulisse von ... ja, genau: der Hobbit-Trilogie.



Natürlich musste der Autor auch sich und der Nachwelt beweisen, dass er zu Großem auf dem Gebiet des Fischfangs berufen ist. Mit diesem Beweisfoto sind auch die letzten Zweifel ausgeräumt: Johannknecht präsentiert einen von ihm auf dem Amazonas in Peru mit der Hand gefangenen Piranha. Die anderen Piranhas sind danach vermutlich verängstigt geflohen, denn es blieb bei diesem einen: 



Wie war's?

 

Johannknecht hat mit Die Welt von oben ein sehr unterhaltsames Buch geschrieben, das aber nicht als Reiseführer betrachtet werden sollte. Es liest sich so, als würde man mit ihm in einer Bar sitzen und jemand würde sagen: "Mensch, Torsten, erzähl doch mal von eurer Reise!" Schön ist, dass er nichts auslässt, sondern offen auch über die Schwächen seiner Reise schreibt, angefangen von der schlechten Unterkunft, nervtötenden anderen Touristen bis hin zur kurzzeitigen Beziehungskrise mit Bärbel. Während die eine oder andere Station etwas zu kurz kommt (Titicacasee), schildert er emotional einen der für ihn schönsten Momente auf einem Hügel in Patagonien mit Ausblick auf einen Gletscher. Das, was allerdings irgendwann ein bisschen ermüdend wirkt, ist der sich etliche Male wiederholende Hinweis auf seine außergewöhnliche Körpergröße. Das lässt sich aber angesichts des guten Gesamteindrucks vernachlässigen.

Die Welt von oben ist im Juni 2018 beim Goldmann Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 12,-- Euro. Das Buch sowie die Fotos wurden mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. 

Das zweite Buch: eine Reise zu den Alten der Welt

 

Das Buch des Lebens - Eine Reise zu den Ältesten der Welt von Andrew Jackson ist so etwas wie das Kontrastprogramm zum vorherigen Titel. Dieses Buch ist bereits 2000 in der deutschen Erstausgabe erschienen, und Jackson hat für die zweijährige Reise, die ihn und seine Frau Vanella auf alle Kontinente geführt hat, einen Top-Job in der Werbebranche aufgegeben. Das Paar hatte sich vorgenommen, sehr alte Menschen in der ganzen Welt zu finden und mit ihnen über ihr Leben und das Alter zu sprechen. Dabei geht es nicht um die ältesten Menschen im Sinne eines Superlativs; die beiden sind an ihren Zielorten direkt auf die Suche nach sehr betagten Senioren gegangen und durchweg auf offene Persönlichkeiten gestoßen, die bereit waren, mit den Fremden auch sehr private Dinge zu teilen. Und tatsächlich unterscheiden sich die Sichtweisen der einzelnen Senioren auf das, was im Leben wichtig ist und war. Das ist sicherlich nicht nur auf das Heimatland, sondern auch auf die persönlichen Erfahrungen und die Werte, die innerhalb einer Gesellschaft eine Rolle spielen, zurückzuführen. Das Paar trifft zum Beispiel auf einen balinesischen Brahmanen, der sich vor ihnen die Schneidezähne feilt, oder auf einen 102-jährigen Inder, der immer noch zu den Top-Kricketspielern der Welt gehört. Manche dieser Alten sind eher still und leise, andere nutzen ihre letzte Lebensphase, um das auszuleben, was sie sich bislang verkniffen haben. Zu den bemerkenswertesten Gesprächen gehörte für Jackson das mit Sir Mark Oliphant, einem 2000 im Alter von fast 99 Jahren verstorbenen Physiker und Politiker. Es geht darin um die Frage, warum die australische Regierung trotz der günstigen Bedingungen nicht auf Solarenergie umgestellt hat. Seine Antwort: "Weil eine Regierung wie die Industrie funktioniert. Wenn etwas nicht schon morgen Profit abwirft, ist es uninteressant. Jede Art von langfristigem Ansatz ist heute praktisch allen Regierungen ein Greuel." Daran hat sich bis heute, fast 20 Jahre nach diesem Interview, nichts geändert.

Aber es geht in Jacksons Buch auch um Privates. Er schildert, wie Vanella wegen einer Darmerkrankung, die sie schon seit ihrer Kindheit begleitet, in Caracas fast daran verstirbt. Die Not, in der sich die beiden dort befinden, ist praktisch mit Händen zu greifen. Am Ende der Reise weiß er, was für sein eigenes Leben wichtig ist. Mir hat dieses Buch so gut gefallen, dass ich es zweimal gelesen habe.

Das Buch des Lebens - Eine Reise zu den Ältesten der Welt ist in der National Geographic-Reihe bei Frederking & Thaler erschienen und kostete in der mir vorliegenden 2. Auflage von 2003 12,-- Euro. Es ist heute nur noch antiquarisch zu bekommen, was aber auf den hierfür bekannten Internetseiten kein Problem ist.

Freitag, 22. Dezember 2017

# 129 - Der Alptraum von Pauschaltouristen lauert in Kirgisistan

Wellblech, Pferde und ganz viel Landschaft

 

In dem Buch Ohne Plan durch Kirgisistan des Journalisten Markus Huth vereint sich so einiges: sowohl der größte anzunehmende Unfall für Fans von durchorganisierten Pauschalreisen als auch die Erfüllung aller Träume für abenteuerlustige Backpacker. Huth gehört ganz klar zur zweiten Kategorie, als er in einer Lebenskrise auf das Angebot seines österreichischen Freundes Franz eingeht, einen Monat lang auf eigene Faust zusammen Kirgisistan zu erkunden. Er erhofft sich auch, nach der Reise zu wissen, wie es mit seinem Leben, das in einer Sackgasse angekommen zu sein scheint, weitergehen soll. 
Kirgisistan ist von drei weiteren -stan-Staaten (Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan) und China eingekreist, von denen man immer mal wieder Meldungen in den Nachrichten hört. Meistens solche, die etwas mit Waffen oder Aufständen zu tun haben. 
Die Reisevorbereitung beschränkt sich auf die Buchung der Flugtickets nach Bischkek und das Packen des Nötigsten. Das war's. Kein Smartphone, kein Tablet. Das Auswärtige Amt warnt nicht nur davor, in Kirgisistan im Dunkeln zu Fuß unterwegs zu sein, sondern weist auch auf die Aktivitäten von terroristischen islamischen Gruppen hin. Aber die beiden kann das nicht beirren, und sie treten ihre Reise an.

Touristische Sehenswürdigkeiten? Reichlich, aber anders

 

Die Hauptstadt Bischkek wird im Reiseführer als frei von Sehenswürdigkeiten beschrieben, aber der Ala-Too-Platz mit seinen sozialistischen Monumentalbauten und Statuen des Volkshelden Manas sowie des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow zieht die Menschen an. Die beiden Reisenden sind auf der Suche nach dem wahren Kirgisistan, aber hier finden sie nicht das, was sie erhofft haben. 
Mit den unterschiedlichsten Fortbewegungsmitteln setzen sie in den folgenden Wochen ihre Reise fort: In einem engen Minivan kommen sie den Mitfahrern sehr nah und erfahren, dass der traditionelle Brautraub immer noch üblich ist. Junge, hübsche Frauen im heiratsfähigen Alter werden entführt, zu einer vorbereiteten Hochzeitsfeier gebracht und sind schneller unter der Haube, als sie ihren Namen sagen können. Huth steigt zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Pferd, das er wegen dessen unaussprechlichen kirgisischen Namens Alf nennt, und wandert mehr, als er es gewohnt ist, um auch die letzten landschaftlichen Highlights kennenzulernen. 

Was ist das Beste an Kirgisistan?

 

Für Markus Huth ist die Sache klar: Die raue Landschaft mit ihren klaren Seen und den schneebedeckten Bergen des Tian-Shan-Gebirges hat es ihm angetan. Er ist vom riesigen Bergsee Yssyköl ebenso beeindruckt wie von der Umgebung des Kurorts Altyn-Araschan. Die Städte, die er mit seinem Freund kennenlernt, versprühen eher postkommunistischen Charme: Löchrige Straßen und Zäune und Dächer aus Wellblech machen einen ziemlich desolaten Eindruck. Doch sie machen fast immer gute Erfahrungen mit den Menschen: Sie finden in jedem Ort eine Unterkunft - auch mal in einer plüschigen Porno-Villa - und Einheimische, die ihnen weiterhelfen. Huth und seinem Freund kommt zugute, dass sie beide sehr gut Russisch sprechen; mit Englisch kommt man in Kirgisistan keine zehn Meter weit. Am Schluss ihrer Reise machen Huth und sein Begleiter einen Abstecher in das Dorf Rot-Front, das von Deutschen gegründet wurde. Dieses merkwürdige Erlebnis werden sie sicher nicht vergessen.

Wie war's?

 

Ohne Plan durch Kirgisistan hat mir sehr gut gefallen. Markus Huth erzählt seine Erlebnisse in einem sehr unterhaltenden Tonfall und vermittelt seinen Lesern nebenbei allerhand Wissenswertes über dieses Land, das viele von uns nicht auf Anhieb auf der Landkarte finden würden. Man reist im Geiste mit und ist gespannt, was den beiden Freunden auf der nächsten Seite passiert. In der Mitte befinden sich 27 Farbfotos, die das Gelesene anschaulich machen.
Wenn es etwas an diesem Buch zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass Huth einzelne geschichtliche Hinweise mehrfach gibt. Aber das fällt angesichts des ansonsten sehr positiven Leseeindrucks nicht ins Gewicht.
Ohne Plan durch Kigisistan ist im Penguin Verlag erschienen und kostet broschiert 13,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro.  
Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Samstag, 17. September 2016

# 67 - Allende und die Jugend

Eine Premiere für diesen Blog: das erste Jugendbuch

 

Das heutige Buch ist mir zufällig in die Hände gefallen. Obwohl ich schon einige Titel von Isabel Allende gelesen habe (siehe auch die Rezension zu Paula), ist mir völlig entgangen, dass sie auch Jugendbücher geschrieben hat. Im Bann der Masken ist der letzte Teil einer Trilogie*), die sich um die Reisejournalistin Kate Cold, ihren Enkel Alexander und die Brasilianerin Nadia, die derzeit bei Kate lebt, dreht.

Eine Fotosafari wird zum Kampf auf Leben und Tod

 

Kate wird zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt darum gebeten, eine Reportage über Kenia zu schreiben: Sie ist gerade mit Alex und Nadia in Asien unterwegs, als sie den Auftrag des International Geographic erhält, sich sofort auf den Weg nach Kenia zu machen. Da Kate darauf besteht, die beiden jungen Leute mitzunehmen, willigt die Zeitschrift schließlich ein. Die Drei reisen gemeinsam mit zwei Fotografen nach Nairobi und werden von dort aus zu einem Safari-Camp gebracht. Sie verleben zunächst eine spannende Zeit sowohl mit Tierbeobachtungen als auch auf einem afrikanischen Markt und erleben seltsame Begebenheiten. Die bis dahin noch friedliche Stimmung ändert sich allerdings, als ihnen Bruder Fernando über den Weg läuft. Er ist auf der Suche nach zwei vermissten Ordensbrüdern, die in dem Dorf Ngoubé im äquatorialafrikanischen Dschungel eine Mission aufbauen wollten und schon seit einiger Zeit kein Lebenszeichen mehr abgegeben haben. Aus ihren Berichten weiß er, dass sie sich mit dem selbsternannten König Kosongo und dessen Kommandanten Mbembelé herumschlagen müssen, die nicht nur die beiden Geistlichen, sondern insbesondere das Bantu-Dorf und einen Pygmäen-Stamm unterdrücken und ausbeuten. Die beiden Despoten erhalten Unterstützung durch den machtvollen Zauberer Sombe, der in unregelmäßigen Abständen im Dorf auftaucht und die Menschen zur Räson bringt. 
Zusammen mit der beherzten Pilotin Angie Ninderera startet die Gruppe zu einer riskanten Mission.

Etwas Anderes als das Gewohnte

 

Isabel Allende schickt ihr abenteuerlustiges Trio nicht ohne hilfreiche Fähigkeiten auf diese gefährliche Mission. Alex und Nadia verfügen nicht nur über schützende Amulette, sondern können sich bei Bedarf auch in ihre Totems verwandeln oder Freunde aus dem Totenreich herbeirufen. Nadia besitzt außerdem die Gabe, sich mit den meisten Tieren verständigen zu können, was bei dieser Mission sehr hilfreich werden soll.
Im Bann der Masken ist ein gut geschriebenes Buch, das jedoch an manchen Stellen ein bisschen schwächelt: Nicht alle Charaktere sind gut ausgearbeitet, und an manchen Stellen werden Handlung und Personen zu sehr nach dem Schwarz-Weiß-Schema aufgeteilt. Es ist dennoch lesenswert, nicht nur für Jugendliche.
Die mir vorliegende Ausgabe ist bereits 2004 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostete 22,90 €. 

*): Band 1: Die Stadt der wilden Götter; Band 2: Im Reich des goldenen Drachen. Alle drei Bücher sind derzeit ebenfalls im Suhrkamp Verlag als Sammelband für 12 € erhältlich.

Freitag, 2. September 2016

# 66 - Ein Muss für alle Mallorca-Fans

Ein Buch voller Erinnerungen

 

Der Fotograf Josep Planas I Montanya ist vor 70 Jahren im Rahmen seines Wehrdienstes nach Mallorca gekommen und war so beeindruckt, dass er der Insel seitdem treu blieb. Er verließ die Provinz Barcelona und lebte auf Mallorca bis zu seinem Tod im Alter von 91 Jahren im Januar 2016. In diesem Jahr ist der Bildband Mallorca clásica erschienen, der nicht nur einen Querschnitt durch die Arbeit des spanischen Fotografen zeigt, sondern einen Blick zurück auf die Anfänge des mallorquinischen Tourismus wirft. Jedem, der sich für Mallorca interessiert, wird dieses Buch gefallen. Es ist in die Regionen der Insel unterteilt und gibt auch touristische Tipps für Reisende, die sich zum ersten Mal dort aufhalten. Jedes Foto wird dreisprachig (Deutsch, Englisch, Spanisch) erläutert.

Wer war Josep Planas I Montanya?


Sein Leben war von der Leidenschaft der Fotografie geprägt, und so eröffnete er 1947 in Palma de Mallorca sein Fotogeschäft. Er war der erste Straßenfotograf auf der größten Insel der Balearen und hat mit seinen zahlreichen Bildern anschaulich dokumentiert, wie sich seine Wahlheimat von einer ruhigen und beschaulichen Insel zu einem der beliebtesten Ferienziele entwickelte. Josep Planas I Montanya hatte schon bald seine Fotos als Postkarten verkauft. Das entwickelte sich so gut, dass er sein Geschäft nach und nach ausbauen konnte. Während er zunächst dadurch auffiel, dass er auf den Straßen Mallorcas mit einem umgebauten VW-Bully herumfuhr, auf dessen Dach sich eine Kamera befand, genügte ihm das irgendwann nicht mehr: Er kaufte sich einen Hubschrauber und machte beeindruckende Luftaufnahmen, die sowohl Einheimische als auch Urlauber begeisterten. Damit hielt er für rund 50 Jahre eine Monopolstellung: Erst das deutsche ZDF machte mithilfe eines unbemannten Zeppelins 2013 eigene Aufnahmen. 



Seine Firma Casa Planas war jedoch nicht nur wegen der Landschaftsaufnahmen bekannt, sondern auch wegen der Nähe des Fotografen zu den Prominenten, die auf Mallorca wohnten oder sich dort erholten: Er war mit dem Maler Joan Miró befreundet und lichtete nicht nur den Diktator General Franco, sondern auch Hollywoodschauspieler wie Errol Flynn oder Joan Fontaine ab.


Jedes der in Mallorca clásica gezeigten Fotos ist wie ein Blick in eine andere Welt: Da sind z. B. das erste Hotel an der Playa de Palma, das bis heute betriebene RIU Hotel San Francisco auf einem Foto von 1958 oder der neu erbaute Flughafen Son Sant Joan im Jahr 1966 zu sehen - sehr klein und zum Teil noch mit einer Wellblechbedachung.



Wer kann sich daran noch erinnern?

Puerto Soller 1960

Palma 1965

Es Trenc 1960-er Jahre

Mallorca clásica ist eine Zeitreise für Mallorca-Fans. Das Buch ist im Heel-Verlag erschienen und kostet 35,-- Euro. Ich bedanke mich beim Verlag für die Erlaubnis, diese Fotos hier zeigen zu dürfen.

 

Freitag, 11. September 2015

# 15 - Reisen durch die UdSSR - unter den widrigsten Bedingungen

Mit dem Transitvisum eigene Routen bereisen - Individualreisen von DDR-Bürgern in die UdSSR

 

Es ist ja jetzt schon wieder so lange her, dass sich jüngere Deutsche daran nicht erinnern können - egal, ob sie aus West- oder Ostdeutschland stammen: Bis zur Wende 1989 durften die Bürger der DDR die Sowjetunion nur in Pauschal-Reisegruppen besuchen. Individualreisen dorthin waren grundsätzlich nicht vorgesehen. Doch es gab eine lose Gruppierung von Menschen, denen das nicht genug war: UdF. Nach ihnen ist das Buch benannt, das ich euch heute vorstelle: Unerkannt durch Freundesland wurde 2011 von Cornelia Klauß und Frank Böttcher im Lukas Verlag herausgegeben.



Risiko und Strapazen für Freiheit und Abenteuer

 

 

In 24 Reiseberichten unterschiedlicher Autoren wird von der illegal erlangten Reisefreiheit erzählt, die durch einen formalen Trick möglich wurde: Die sowjetische Regierung hatte 1968 nach dem Einmarsch ihrer eigenen sowie Soldaten befreundeter Staaten in die ČSSR (Tschechoslowakei) und der Beendigung des "Prager Frühlings" das Transitvisum für diejenigen DDR-Bürger eingeführt, die nach Bulgarien oder Rumänien reisen wollten. Es galt in der UdSSR für eine Transitdauer von 48 Stunden. Diesen Zeitraum hielt die sowjetische Regierung für ausreichend, um diese Passage zu schaffen. Doch einzelne Bürger der DDR nutzten die Gelegenheit, um ihre eigenen Reisepläne zu verwirklichen: Waren sie erst einmal in der Sowjetunion, ignorierten sie diese Vorgabe und wanderten, fuhren oder flogen kreuz und quer durch das riesige Reich mit seinen elf Zeitzonen und enorm unterschiedlichen Kulturen, Lebensweisen und klimatischen Verhältnissen.



Von der mongolischen Gastfreundschaft kann man nur träumen




Der heutige Pfarrer Gernot Friedrich brach 1968 zu seiner ersten größeren Reise auf. Erst im zweiten Anlauf schaffte er es bis nach Brest (Weißrussland). Völlig überraschend bekam er versehentlich einen Einreisestempel, der ihn berechtigte, in die Sowjetunion einzureisen. Da er damit nicht gerechnet hatte, beschloss er spontan, den nächsten Zug nach Moskau zu nehmen. „Der Zug ist schon ausverkauft. Fahren Sie doch nach Leningrad, das kostet auch 17 Rubel“, empfahl ihm der Bahnbeamte. Ähnlich zufällig wie diese verliefen fast alle anderen im Buch geschilderten Reisen. Viele wurden die sich in einem Augenblick ergebenden Umstände von einem Ort zum anderen getrieben.

1970 lernte Friedrich bei einer Reise in die Mongolei auf seiner Wanderung einen Einheimischen kennen, der gerade seine Wäsche im Fluss wusch. Dieser lud ihn zu sich in seine Jurte ein und verpflegte ihn. Wie für alle Mongolen gehörte es auch für diesen selbstverständlich zur Gastfreundschaft, einem Reisenden seine eigene Frau für die Nacht anzubieten. Doch Friedrich geriet nicht in die Verlegenheit, dies ablehnen und den Mann vor den Kopf stoßen zu müssen: Die Frau seines Gastgebers befand sich zu seiner Erleichterung gerade zur Entbindung im Krankenhaus. Schon ein Jahr später besuchte er erneut seinen mongolischen Freund und hatte wieder Glück: Dessen Frau war auch diesmal im Krankenhaus, weil sie ein Kind bekommen hatte.

War es zunächst noch Abenteuerlust, die Friedrich immer wieder in die Sowjetunion trieb, kam nach einigen Reisen ein weiteres Motiv hinzu: Er bemerkte, dass es dort zwar etliche christliche Gemeinden gab, Bibeln aber eher Mangelware waren. Also schmuggelte er Bibeln in die entlegendsten Gegenden und hatte manchmal auch Helfer. Mit seinem Tun geriet er in den Fokus der Stasi und musste für ein Jahr seinen Personalausweis zurückgeben, womit man ihn damals an seiner empfindlichsten Stelle traf. Erst lange danach hat er aus den über ihn angelegten Stasi-Akten erfahren, in welchem Ausmaß seine Überwachung stattgefunden hat: In acht Bänden wurde auf mehr als 3.000 Seiten sein Leben dokumentiert.


Ein tiefer Einblick in das Leben der Menschen 

 

 

Allen UdF-Reisenden war gemeinsam, dass sie ein großes Interesse an der Lebensweise und Kultur der Menschen, die sie unterwegs kennenlernten, hatten. Die Motive, sich mit nur wenig Geld, einem oft unklaren Ziel und mit jeder Menge Optimismus, dass alles gutgehen möge, auf den Weg zu machen, waren jedoch sehr unterschiedlich. Neben der Abenteuerlust und dem Schmuggeln von Bibeln war es auch der Wunsch, die Natur in "eigentlich" für Ausländer nicht zugänglichen Gegenden kennenzulernen oder sich beim Bergsteigen nicht nur auf die Sächsische Schweiz beschränken zu müssen, sondern die Gipfel des Kaukasus und Pamir zu erklimmen. Auch die Begeisterung für oppositionelle Literatur ließ manche diesen Weg wählen.

So gut wie niemand von ihnen hatte vor, der DDR den Rücken zu kehren. Eine Ausnahme machte Jürgen van Raemdonck, der mit dem System haderte und zusammen mit einem Freund auf die Idee kam, den Transit durch die Sowjetunion als Fluchtweg zu nutzen, also ostwärts in den Westen zu flüchten. Der Plan: Da der amerikanische Militärstützpunkt Point Hope in Alaska nur 400 Kilometer von der Eismeerküste Nordostsibiriens entfernt liegt, sollte das Übersetzen über das Packeis kein Problem sein. Es musste nur der Zeitpunkt abgewartet werden, zu dem der Atomeisbrecher "Sibir" seine Fahrten einstellte und sich die Eisdecke schloss. Da war die Aktuelle Kamera [Anm.: Nachrichtensendung der DDR] eine wertvolle Hilfe: Hier erfuhren die Freunde, dass ihr Vorhaben ab Mitte Oktober klappen könnte. Beim ersten Anlauf 1986 starteten die beiden mit stolzen 220 Kilogramm Gepäck: Nichts sollte sie aufhalten, sie wollten völlig autark sein. Raemdonck und sein Freund kamen immerhin bis Ostsibirien, wo sie sich am Fluss Kolyma ein Kajütboot "liehen", das keinen Motor hatte. Doch sie hatten die Tücken des Flusses unterschätzt: Das Boot versank in einer Stromschnelle und riss so gut wie ihr gesamtes Hab und Gut mit sich in die Tiefe. Sie konnten sich auf ein Inselchen retten und wurden dort nach ein paar Stunden von Pelztierjägern aufgelesen. Über Umwege reisten sie nach Hause und machten unterwegs noch Bekanntschaft mit dem KGB.
Nach dieser Niederlage begannen sie sofort, einen neuen Plan auszuarbeiten, der sie nach Point Hope führen sollte. Doch ihre Reise endete ein Jahr später an derselben Stelle, und sie wurden erneut dem KGB vorgeführt - denselben Beamten, die sie bereits im Jahr zuvor verhört hatten. Kurz zuvor war Michael Rust auf dem Roten Platz gelandet, und der KGB-Mann fragte die beiden Männer sichtlich genervt, warum die Deutschen sie nicht in Ruhe lassen könnten. Darauf die Antwort von Raemdonck: "Wir haben uns doch im Vorjahr mit einem freundlichen 'Auf Wiedersehen' verabschiedet. Und unter Freunden hält man Wort."
Was nicht im Buch steht: Raemdonck wurde 1989 ausgebürgert, hat also auf einem anderen Weg seinen Willen bekommen. Seit 1991 lebt er in Vorpommern.

Viele Eindrücke und Anekdoten

 

Was lernt der Leser noch? Zum Beispiel, wie man sich auf einer muslimischen Hochzeit, zu der man spontan eingeladen wird, NICHT benimmt, um nicht eine hochnotpeinliche Situation heraufzubeschwören.
Oder dass es nicht unbedingt eine gute Idee ist, als illegal Reisender an einem Sportwettbewerb teilzunehmen und anschließend in der Presse, dem Fernsehen und im Rundfunk erwähnt zu werden.

Viel Raum nimmt die Beziehung zu anderen Menschen ein: Die Angst, die sich einstellt, wenn sich Uniformierte nähern, aber auch die großherzige Hilfsbereitschaft der Einheimischen, die immer sofort bereit sind, Wohnung und Tisch mit ihnen völlig Fremden zu teilen und keine Gegenleistung zu erwarten. Das gilt z. B. auch für die Menschen in Aserbaidshan, über die Robert Conrad schreibt: Sowohl am Rand der Hauptstadt Jerewan (Eriwan) als auch auf dem Land hatte er auf seiner Reise 1985 damals Slums, deren Bewohner in Erdhütten lebten, die ein Dach aus Laub und etwas Dachpappe hatten, gesehen.
Alle UdFler, die Ende der 1980er Jahre in den damaligen Sowjetrepubliken unterwegs waren, berichten vom Geist der Veränderung, der sich durch die Gesellschaft zog und bekanntermaßen letztendlich in den Zerfall der UdSSR mündete.

Das Buch ist nicht nur durch seine sehr unterschiedlichen Reiseberichte, sondern auch wegen seiner unzähligen Fotos, die unterwegs aufgenommen worden sind, ein Zeitdokument, wie es so nur selten zu finden ist. 


Das Buch zum Film

 

Das Buch Unerkannt durch Freundesland  war in dieser Form zunächst nicht geplant. Der Veröffentlichung ging der gleichnamige Film aus dem Jahr 2006 voraus, für den ebenfalls Cornelia Klauß verantwortlich war. Er ist nicht inhaltsgleich mit dem Buch, aber beide stehen für dasselbe Lebensgefühl. Der Film kann in vier Teilen bei youtube angesehen werden, den ersten Abschnitt gibt es hier: Teil 1 Unerkannt durch Freundesland.

Bereits seit 2005 gibt es die Webseite Unerkannt durch Freundesland. Dort finden sich weitere Informationen sowohl zur UdF-Bewegung als auch zum Film.
 

Alle, die sich für die jüngere deutsche Geschichte interessieren oder sich über Einblicke in eine für uns fremde und teilweise vergangene Welt freuen, sollten dieses Buch lesen. Es ist so interessant und abwechslungsreich, dass man es immer wieder zur Hand nimmt, und sei es nur, um sich die Fotos anzusehen.