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Montag, 21. November 2022

# 371 - Mehr als nur Schlange und Walfisch: Die Biester der Bibel

Um die 130 Tiere gibt es in der Bibel, und es sind
nicht nur die, die in der Erzählung von der Arche Noah vorkommen. Die Philosophin Claudia Paganini und der Theologe Simone Paganini setzen mit Die Biester der Bibel die Reihe ihrer Bücher fort, in denen sie ihren Leserinnen und Lesern die Besonderheiten der Bibel mit viel Freude und Humor näherbringen.

Das gelingt ihnen auch diesmal. Sie erläutern, warum die Schlange aus dem Paradies nur einmal spricht, was es mit Einhörnern und Drachen im Alten Testament auf sich hat und wie nach biblischer Rechtsprechung mit Tieren umgegangen wurde, die einen Menschen verletzt oder gar getötet hatten.

An etlichen Stellen fragt man sich beim Lesen, warum einem bei einem Blick ins Alte Testament solch abenteuerliche Tiere, auf die man doch sofort aufmerksam würde, nicht aufgefallen sind. Beim Einhorn beispielsweise, das wir heute als mystisches Wesen kennen, lässt sich das mittlerweile gut nachvollziehen. Beim Übersetzen des Alten Testaments ins Griechische galt die Redewendung: Viele Köche verderben den Brei. Immerhin 72 Übersetzer waren mit der Übertragung des Textes beschäftigt. Sie stießen im Original auf das hebräische Wort "Re'em", das ein starkes und wildes Tier beschreiben sollte, und entschieden sich für den griechischen Begriff "Monókeros": Das Einhorn war geboren, zumindest sprachlich. 
Sogar die Heilige Hildegard von Bingen glaubte an die Existenz des Tieres und schilderte in einer ihrer Schriften, wie man es am besten fangen könne: Mithilfe blonder Jungfrauen sollte die Jagd auf Einhörner zum Erfolg werden.
Martin Luther ließ das edle Tier in seiner Bibelübersetzung am Leben und nannte es immerhin neun Mal. Erst als sich Sprachkundige 1984 an die Modernisierung der Luther-Bibel machten, starb das Einhorn einen unspektakulären Tod.

Mit dem Untertitel Warum es in der Heiligen Schrift keine Katzen, aber eine Killer-Kuh gibt locken Claudia und Simone Paganini ihre Leserschaft etwas in die Irre. Hier geht es nicht um durchdrehende Rinder, die mit Schaum vorm Maul alles um sich herum niederwalzen, sondern um einen  Vergleich zwischen dem biblischen und unserem heutigen Tier-Recht. Der wesentliche Unterschied: Tiere wurden strafrechtlich fast wie Menschen behandelt. Wurde eine Kuh damals gewalttätig und verletzte einen Menschen tödlich, wurde sie genauso wie ein Mensch bestraft: Die übliche Sanktion war Tod durch Steinigung.

Interessant ist der Abschnitt, der sich mit dem Vegetarismus zu Jesus' Lebzeiten beschäftigt. Jesus aß hin und wieder Fisch und Fleisch, sein älterer Bruder Jakobus allerdings nicht. Was waren die Gründe dafür? Und wie wichtig waren Tiere für die Ernährung der Menschen?

Lesen?

Die Biester der Bibel ist kein trockenes theologisches Sachbuch, sondern will auf unterhaltsame Weise ein bisschen Wissen weitergeben. Das ist dem Ehepaar Paganini sehr gut gelungen. Doch es handelt sich nicht (nur) um eine Sammlung tierischer Anekdoten, sondern gibt einen sehr guten Überblick über geschichtliche Hintergründe, die hinter dem Auftauchen und Verschwinden von Tieren aus dem Alten Testament stehen.

In ihrem Schlusswort macht das Autorenpaar einen Exkurs zum Thema "Tier-Ethik im Neuen Testament" und plädiert dafür, "die selbstverständliche Machtausübung des Menschen über die Tiere fundamental in Frage zu stellen. Je früher auch die Kirche damit beginnt, desto besser".

Die Biester der Bibel ist 2022 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 16 Euro,





Freitag, 10. September 2021

# 307 - Lust auf Skurriles aus der Tierwelt?

Der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke ist vielen durch seine Fernsehauftritte (z. B. 'TV total', 'Inas Nacht'), seinen YouTube-Kanal und seine Bücher bekannt. Einer seiner Spitznamen ist "Herr der Fliegen", denn sein Geschäft ist der Tod - oder besser das, was mit einem Menschen nach seinem letzten Atemzug passiert.

Sein neuestes Buch hat er 2020 gemeinsam mit der Illustratorin Kat Menschik herausgebracht. Es trägt den knappen und einprägsamen Titel Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben. 

Wer sich bei diesem Titel an 'Brehms Tierleben' erinnert fühlt, liegt gar nicht so falsch: Der Verfasser dieses Werks wird genauso zitiert wie andere Wissenschaftler, die sich in den letzten paar Jahrhunderten mit Tieren beschäftigt haben. 

Doch was ist dieses Buch nun? Benecke hat nicht den Anspruch, eine Art Übersicht über die Tierwelt zu geben. Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben ist eher ein Leseband, in dem auf jeder Seite die Liebe des Biologen und der Illustratorin zu den Tieren deutlich wird. Benecke erzählt in siebzehn Kapiteln Erstaunliches, Skurriles und Interessantes aus dem Tierreich - dem real existierenden und dem aus dem Reich der Phantasie. Letzterem widmet Benecke das erste Kapitel Barks' Tierleben, das sich mit den Tieren aus dem Comicuniversum des bekannten Autors und Cartoonisten beschäftigt. Er würdigt nicht nur dessen Kreativität, sondern auch seine Genauigkeit, wenn es um die Einsortierung der Bewohner in und um Entenhausen geht: Wie es sich wissenschaftlich gehört wurden sie korrekt in Über- und Untergruppen klassifiziert. Beneckes Favorit ist übrigens der Indische Plaudervogel, der Menschen und Tiere manipuliert, um an sein Lieblingsfutter Dörrpflaumen zu kommen.

Beneckes Reise durch die Welt der Tiere führt anschließend (fast) nur zu tatsächlich lebenden Tieren wie Hunden, Vögeln, Kopffüßlern, betrunkenen Elchen, dem Rotbeinigen Schinkenkäfer, nekrophilen Enten, Pfeilstörchen, Menschen fressenden Haustieren (leider ja!), Glühwürmern, Silberfischchen sowie Staren. Und der Meerjungfrau, obwohl es sein kann, dass da die Phantasie früherer Naturbeobachter...  Immer wieder wird versucht, eine Parallele zum menschlichen Verhalten zu ziehen, was tatsächlich oft genug gelingt. Fazit: Mensch und Tier sind sich in vielem sehr ähnlich.

Lesen?

Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben hat mich sehr gut unterhalten und ich habe obendrein eine Menge gelernt. Was will man mehr? Die Illustrationen von Kat Menschik werten das Buch auf. Leseempfehlung!

Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben ist 2020 im Galiani Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Nachtrag: Das Video zum Buch gibt es hier.

Sonntag, 5. September 2021

# 306 - Der Freund auf vier Pfoten

2020 ist dieses Buch auf Deutsch erschienen, nachdem die Autorin Sigrid Nunez 2018 für Der Freund mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde.

Ausgangspunkt ist der Tod des besten Freundes der Ich-Erzählerin. Er war vor Jahrzehnten an der Hochschule ihr Lehrer, und abgesehen von einem winzigen Anflug von Begehren vor langer Zeit war ihre Freundschaft platonisch. Dieser Freund hat sich kürzlich umgebracht. Warum, wird nicht näher erläutert. Die erzählende Freundin fühlt sich zurückgelassen und empfindet einen tiefen Schmerz über diesen Verlust. Doch dann erfährt sie von der dritten Frau ihres Freundes, dass dieser ihr seinen Hund vermacht hat.

Apollo heißt das Tier, und es handelt sich um eine nicht mehr ganz junge Harlekindogge. In der kleinen New Yorker Wohnung der Erzählerin sind Hunde verboten, doch eine Dogge mit einem Stockmaß von 85 cm und einem Gewicht von 80 kg kann man nicht einfach unter das Sofa schieben, wenn mal der Hausmeister vorbeischaut. Aber dann, entgegen aller Vernunft und obwohl ihr Katzen viel lieber sind, folgt sie dem Wunsch ihres Freundes und nimmt Apollo bei sich auf.

Was nun folgt ist die Geschichte einer Annäherung zwischen der trauernden Frau und dem ebenfalls um sein Herrchen trauernden Hund. Beide lernen sich immer besser kennen und die Frau findet nach und nach immer mehr Gefallen an Apollo, der immer in sich ruht, aber außerhalb der Wohnung alle Blicke auf sich zieht.

Aber es geht nicht nur um diesen Prozess der gegenseitigen Gewöhnung, aus der dann doch noch eine Freundschaft wird. Die Trauernde erinnert sich an den Freund als einen Mann, der, obwohl er verheiratet war, ständig Liebschaften mit Studentinnen einging und sich in der jüngsten Vergangenheit darüber wunderte, dass das, was doch sein ganzes Berufsleben lang so gut funktioniert hatte, plötzlich am Protest der Studentinnen scheiterte. #MeToo lässt grüßen.

Die Erzählerin ist ebenso wie der Verstorbene Schriftstellerin und Literaturdozentin und denkt über die Veränderungen nach, die sich im Laufe der vergangenen Jahre in dieser Szene entwickelt haben: Im Zusammenhang mit der Nennung einiger Schriftsteller wie z. B. Rainer Maria Rilke beschäftigt sie sich mit der Frage, welche Literatur heute noch geschrieben werden kann. Doch es geht in ihren Überlegungen auch darum, dass sich Schriftsteller gegenseitig nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen oder die Hoffnung von Nachwuchsautoren, mit dem Schreiben von Büchern zu Ruhm zu kommen.

Im elften und vorletzten Teil des Romans stellt sich Nunez vor, wie die Geschichte enden könnte. Da ist der Freund noch am Leben, aber schwer von seinem Suizidversuch gezeichnet. Die Erzählerin hat sich während seines Aufenthalts in einer psychotherapeutischen Klinik um dessen Dackel Jip gekümmert. Sie erzählt ihrem Freund von ihren Recherchen, die sie über Gewalt gegen Frauen angestellt hat und ihre Unfähigkeit, darüber zu schreiben. Ihr steht die Person des Autors zu sehr im Vordergrund, was sie als problematisch empfindet.

Lesen?

Der Freund wurde in den Feuilletons der Print- und Online-Medien rauf und runter gefeiert. Ich habe mich allerdings mühsam durch das Buch gearbeitet, weil mir das, was bezahlte Literaturkritiker als "zwei Erzählstränge" bezeichnet haben, schlicht zu weitschweifig war. Nunez Roman mäandert hin und her zwischen dem Hund, dem Leben des toten Freundes und Überlegungen, die irgendwie mit der Literatur und dem Literaturbetrieb zu tun haben. Der ausschweifende Exkurs darüber, wie es sein könnte, wenn der Freund überlebt hätte, hat mich schließlich so irritiert, dass ich das Buch fast an dieser Stelle abgebrochen hätte: Warum ist da plötzlich anstelle der riesigen Dogge Apollo der als 'winzig' beschriebene Dackel Jip? Und ist es nicht ziemlich unglaubwürdig, dass man sich mit seinem besten Freund, der knapp dem Tod von der Schippe gesprungen ist, beim ersten Besuch sachlich und gemessen über die Rolle des Autors unterhält und es dabei unter anderem um "die Agenda des weißen imperialistischen Patriarchats" geht? Meine Begeisterung für das Buch hat sich leider in Grenzen gehalten.

Der Freund ist 2020 beim Aufbau Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 12 Euro, als E-Book 8,99 Euro sowie als Hörbuch 14,99 Euro.


Freitag, 21. Mai 2021

# 291 - Ein Lesebuch über Vögel, das Überraschendes übers Singen, Fliegen und Balzen bereithält

Alle Vögel sind schon da? Nicht ganz, aber immerhin 24
sieht sich Cord Riechelmann in seinem Buch Vögel näher an. Vom Albatros über die Amsel, den Fettschwalm, den Knutt, den Leierschwanz bis zum Zaunkönig: Die Vögel sind rund um den Globus verteilt und verfügen über beeindruckende und teils skurril wirkende Gewohnheiten.

Vögel ist kein Lehrbuch, das die Systematik dieser Tiere behandelt. Begriffe wie 'Ornithologie' oder 'Landwirbeltiere' kommen nicht vor. Es geht Riechelmann eher um die Faszination, die die Tiere durch ihren Gesang und/oder ihre beeindruckenden Flugleistungen auf den Menschen ausüben.

Da geht es zum Beispiel um die Anpassungsfähigkeit von Vogelarten an eine sich verändernde Umwelt, aber auch um das genaue Gegenteil: Albatrosse sind wegen des Plastikmülls in den Meeren, durch die für sie gefährliche Hochseefischerei und den Klimawandel in ihrem Bestand bedroht. Der Umstand, dass sie sich auch unter günstigen Bedingungen nur sehr langsam vermehren, hat dazu geführt, dass sich die Populationen von drei der zwölf Albatrosarten während der letzten vierzig Jahre um zwischen vierzig und sechzig Prozent verringert haben.

Riechelmann greift auch Ungewöhnliches aus der Vogelwelt auf. So beschreibt er gar nicht so seltene homosexuelle Flamingos, die sich um verlassene oder unterversorgte Küken kümmern, oder die ungewöhnliche Methode der männlichen Laubenvögel, die Weibchen von sich zu überzeugen: Die Hähne bauen für die Balz spezielle Lauben, die sie reich und oft farblich abgestimmt dekorieren. Am einen Ende der Laube führen sie ihren Balztanz auf, während die Auserwählte ihnen vom anderen Ende aus dabei zusieht. Wenn die Zeremonie vorbei ist, entscheidet sich das Weibchen aufgrund der Kombination aus der Laube, deren Dekoration und dem Tanz des Männchens für oder gegen ihren Bewerber.

Die Beschreibungen der einzelnen Vogelarten werden durch Texte angereichert, in denen es zum Beispiel um die Frage geht, ob eine ganzjährige Fütterung von Vögeln sinnvoll ist oder ob sich zur Vogelbestimmung Fotos oder Zeichnungen besser eignen.

Das Buch ist mit zahlreichen Zeichnungen verschiedener Vogelarten illustriert, viele stammen aus der Feder des amerikanischen Ornithologen John James Audobon. Audobon erschuf zwischen 1827 und 1838 435 lebensgroße Aquarelle von in Nordamerika lebenden Vögeln, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit und Detailgenauigkeit berühmt wurden. Die Aquarelle kann man sich hier und hier ansehen.

Auch der oben abgebildete Flamingo stammt aus dieser Sammlung. Seine Haltung ist jedoch unnatürlich: Weil die Größe des Tieres mit gerecktem Hals die üblichen Dimensionen der Drucktafeln übertraf, wurde er von Audobon in dieser Position gemalt, um den Druck zu ermöglichen.

Lesen?

Vögel bietet jede Menge Überraschungen und ist für alle, die sich für Vögel interessieren, zu empfehlen. Es ist ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann. 

Der Titel ist 2021 im Dudenverlag erschienen und kostet 16 Euro.


Freitag, 9. April 2021

# 285 - Wie menschlich kann ein Schimpanse sein?

T.C. Boyles neuester Roman Sprich mit mir spielt im Jahr 1978. Die junge Studentin Aimee Villard führt ein zurückgezogenes und unaufgeregtes Leben. Das ändert sich, als sie zufällig eine Fernseh-Gameshow einschaltet, in der der Wissenschaftler Guy Schermerhorn mit dem Schimpansen Sam auftritt.

Guy ist Professor an der UCSM in San Marcos, 100 Meilen südlich von L. A. Er behauptet, Schimpansen das Sprechen mittels Gebärden beibringen zu können und will das nun mit dem TV-Auftritt beweisen. Sam ist zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt und wurde für den Auftritt wie ein Mensch eingekleidet. 

In der Uni stößt Aimee zufällig auf einen Aushang, mit dem Guy nach studentischen Hilfskräften für sein Projekt sucht. Aimees Interesse ist geweckt. Bislang hatte sich Guys Frau mit engagiert, aber nachdem sie ihn verlassen hat, gibt es auf seiner Forschungsranch ein Personalproblem. 

Sam muss ununterbrochen betreut werden, um ihn daran zu hindern, um sich herum ein Chaos anzurichten. Die Sorge, dass die zierliche Aimee mit dieser Aufgabe überfordert sein könnte, erweist sich schon bei ihrem Vorstellungstermin als unbegründet: Der Schimpanse ist sofort von ihr begeistert und sucht sie selbst aus.

In der folgenden Zeit intensiviert sich ihr Verhältnis: Sam verliebt sich in Aimee und beansprucht sie Tag und Nacht, die Studentin hingegen hat mit dem neuen Job ihren persönlichen Lebenssinn gefunden. Sams Fähigkeit, sich mit Gebärden zu artikulieren, ist bemerkenswert: Er ist in der Lage, Bedürfnisse zu formulieren, hat aber auch begriffen, dass gutes Benehmen zu Belohnungen führt. Seine Erkenntnisse setzt er gern ein, wenn es nötig ist.

Sam hat an seine Artgenossen praktisch keine Erinnerung. Er wurde seiner in Freiheit lebenden Mutter noch als Baby entrissen, nachdem man sie mit einem Betäubungspfeil handlungsunfähig gemacht hatte. Deshalb sieht sich der Schimpanse in der Gesellschaft von Aimee, Guy und anderen studentischen Hilfskräften als einer von ihnen. Seine Andersartigkeit ist ihm nicht bewusst.

Als das Forschungsprojekt in Schwierigkeiten gerät, verlangt Guys Vorgesetzter, Professor Moncrief, dessen Beendigung und Sams Rückgabe an ihn als seinen Eigentümer. Das Schicksal des Schimpansen scheint besiegelt zu sein: Er ist für den Laborkäfig mitten unter anderen Schimpansen vorgesehen und wird später an ein anderes Labor weiterverkauft werden. Die Zeit in der verdreckten Schimpansenanlage erlebt Sam als traumatisch, zumal er sich mit seinen Artgenossen nicht verständigen kann. Für ihn sind sie alle nur schwarze Käfer.

In dieser für Sam kritischen Situation offenbart sich die unterschiedliche Sichtweise von Guy und Aimee: Für den Professor dient das Projekt mit Sam in erster Linie dazu, die eigene fachliche Reputation zu vermehren, dafür nimmt er die Einschränkungen seines Privatlebens in Kauf. Aimee hat zu dem Schimpansen jedoch eine emotionale Beziehung aufgebaut, sodass sie sich für sein Wohlergehen und seinen Schutz verantwortlich fühlt. Deshalb ist ihr auch bewusst, von wessen Seite Sam die größte Gefahr droht: Moncrief betrachtet Sam als eine Sache, mit der er umgehen kann, wie er es für richtig hält. Aimee beschließt, Sam mit einer waghalsigen Aktion vor einem Schicksal als Labortier zu bewahren.

Lesen?

Boyle beschäftigt sich in seinem Buch mit mehreren Fragen: Wie vermessen ist es, ein Wesen nach den eigenen Vorstellungen zu formen und ihm seinen Willen aufzuzwingen? Und ist es vorstellbar, dass Sam nicht nur Erlerntes anwenden, sondern auch abstrahieren kann? Die Beschreibung des Schimpansen legt nahe, dass er dem Menschen ähnlicher ist als seinen Artgenossen. Sogar eine religiöse Komponente kommt ins Spiel, als es darum geht, ob Sam eine Seele nach unseren Vorstellungen haben und deshalb getauft werden könnte.

Man staunt beim Lesen über Sams Fähigkeiten, ärgert sich über Guys Egoismus und Moncriefs Brutalität und verfolgt fasziniert, wie Aimee versucht, Sam vor einem traurigen Schicksal zu bewahren. Man wünscht den beiden eine glückliche Fügung und hat gleichzeitig Zweifel, ob und wie Aimees Plan gelingen kann. Klare Leseempfehlung.

Sprich mit mir ist 2021 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro, als E-Book 18,99 Euro sowie als Hörbuch 19,99 Euro (MP3-CD) bzw. 17,95 Euro (Download).

Freitag, 22. Juni 2018

# 155 - Wandlungskünstler - Insekten unter dem Mikroskop

Großartige Fotos, tolle Texte

 

Wer sich für die Natur interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei: Wandlungskünstler - Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten mit Fotos von Nicole Ottawa und Oliver Meckes sowie Texten von Veronika Strauß und Claus-Peter Lieckfeld ist prall voll mit Informationen und grandiosen Fotos von Insekten, die mit dem Rasterelektronen-Mikroskop aufgenommen wurden. 

Ganz dicht dran an der Metamorphose 

 

An diesem Buch stechen zuerst die spektakulären Fotos ins Auge. Es geht los mit den Schmetterlingen: Aufnahmen von der Metamorphose des Seerosenzünslers und des Seidenspinners machen den Anfang, ihnen folgen Bilder vom Hauhechel-Bläuling, der auch auf dem Cover abgebildet ist. Danach folgen die Käfer, die Libellen, die Hautflügler, die Fliegen (und sogenannten Fliegen) sowie die Mücken. Erst nach dem Studieren dieser Fotos konnte ich mich den Texten zuwenden: Die Autoren erklären die Anatomie der Insekten, erläutern den Prozess der Metamorphose und schreiben, warum die fotografierten Tiere zunächst mit einer Goldschicht überzogen wurden. Ganz nebenbei lernt man, wie ein Rasterelektronen-Mikroskop funktioniert.
Das Buch schließt mit einem Nachwort, das einen eindringlichen Appell enthält, etwas gegen das Insektensterben zu unternehmen. 
Auf diesen Beispielfotos sind oben die Larve der Adonislibelle mit eingeklappter Fangmaske und darunter das erwachsene Insekt (vergrößert und ohne Vergrößerung) zu sehen:

© Nicole Ottawa und Oliver Meckes

© Nicole Ottawa und Oliver Meckes


© Nicole Ottawa und Oliver Meckes


Lesen?

 

Wer sich für Biologie und Fotografie interessiert, dem kann ich dieses Buch unbedingt empfehlen. Die vier Autoren sind Spezialisten ihres Fachs:
  • Nicole Ottawa ist Biologin und Expertin für Mikrofotografie.
  • Oliver Meckes ist Fotograf mit dem Schwerpunkt auf wissenschaftlicher Fotografie. Er gewann zusammen mit Nicole Ottawa mehrere Preise, darunter den World-Press-Photo Award. 1995 gründeten die beiden das Unternehmen eye of science.
  • Veronika Straaß ist Biologin und Autorin zahlreicher Sachbücher.
  • Claus-Peter Lieckfeld ist Journalist und Autor und hat u. a. für GEO und DIE ZEIT geschrieben.

Wandlungskünstler - Die geheime Erfolgsgeschichte der Insekten ist im Dölling und Galitz Verlag erschienen und kostet 24,90 Euro. 

Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat, und beim Dölling und Galitz Verlag für die Genehmigung, die gezeigten Fotos veröffentlichen zu dürfen..

Samstag, 17. September 2016

# 67 - Allende und die Jugend

Eine Premiere für diesen Blog: das erste Jugendbuch

 

Das heutige Buch ist mir zufällig in die Hände gefallen. Obwohl ich schon einige Titel von Isabel Allende gelesen habe (siehe auch die Rezension zu Paula), ist mir völlig entgangen, dass sie auch Jugendbücher geschrieben hat. Im Bann der Masken ist der letzte Teil einer Trilogie*), die sich um die Reisejournalistin Kate Cold, ihren Enkel Alexander und die Brasilianerin Nadia, die derzeit bei Kate lebt, dreht.

Eine Fotosafari wird zum Kampf auf Leben und Tod

 

Kate wird zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt darum gebeten, eine Reportage über Kenia zu schreiben: Sie ist gerade mit Alex und Nadia in Asien unterwegs, als sie den Auftrag des International Geographic erhält, sich sofort auf den Weg nach Kenia zu machen. Da Kate darauf besteht, die beiden jungen Leute mitzunehmen, willigt die Zeitschrift schließlich ein. Die Drei reisen gemeinsam mit zwei Fotografen nach Nairobi und werden von dort aus zu einem Safari-Camp gebracht. Sie verleben zunächst eine spannende Zeit sowohl mit Tierbeobachtungen als auch auf einem afrikanischen Markt und erleben seltsame Begebenheiten. Die bis dahin noch friedliche Stimmung ändert sich allerdings, als ihnen Bruder Fernando über den Weg läuft. Er ist auf der Suche nach zwei vermissten Ordensbrüdern, die in dem Dorf Ngoubé im äquatorialafrikanischen Dschungel eine Mission aufbauen wollten und schon seit einiger Zeit kein Lebenszeichen mehr abgegeben haben. Aus ihren Berichten weiß er, dass sie sich mit dem selbsternannten König Kosongo und dessen Kommandanten Mbembelé herumschlagen müssen, die nicht nur die beiden Geistlichen, sondern insbesondere das Bantu-Dorf und einen Pygmäen-Stamm unterdrücken und ausbeuten. Die beiden Despoten erhalten Unterstützung durch den machtvollen Zauberer Sombe, der in unregelmäßigen Abständen im Dorf auftaucht und die Menschen zur Räson bringt. 
Zusammen mit der beherzten Pilotin Angie Ninderera startet die Gruppe zu einer riskanten Mission.

Etwas Anderes als das Gewohnte

 

Isabel Allende schickt ihr abenteuerlustiges Trio nicht ohne hilfreiche Fähigkeiten auf diese gefährliche Mission. Alex und Nadia verfügen nicht nur über schützende Amulette, sondern können sich bei Bedarf auch in ihre Totems verwandeln oder Freunde aus dem Totenreich herbeirufen. Nadia besitzt außerdem die Gabe, sich mit den meisten Tieren verständigen zu können, was bei dieser Mission sehr hilfreich werden soll.
Im Bann der Masken ist ein gut geschriebenes Buch, das jedoch an manchen Stellen ein bisschen schwächelt: Nicht alle Charaktere sind gut ausgearbeitet, und an manchen Stellen werden Handlung und Personen zu sehr nach dem Schwarz-Weiß-Schema aufgeteilt. Es ist dennoch lesenswert, nicht nur für Jugendliche.
Die mir vorliegende Ausgabe ist bereits 2004 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostete 22,90 €. 

*): Band 1: Die Stadt der wilden Götter; Band 2: Im Reich des goldenen Drachen. Alle drei Bücher sind derzeit ebenfalls im Suhrkamp Verlag als Sammelband für 12 € erhältlich.

Freitag, 18. März 2016

# 42 - Schauspieler lässt Kuh reisen

 Auswandern leicht gemacht

 

Heute stelle ich euch zum ersten Mal ein Hörbuch vor. Ich bin eigentlich eher ein Fan von "richtigen" Büchern, aber als ich Heilige Kuh bekam, hat mich interessiert, was dahintersteckt. Es stammt von David Duchovny, der als Schauspieler durch seine Hauptrollen in "Akte X" und "Californication" bekannt geworden ist. Dass er vor seiner Karriere als Schauspieler einen Abschluss in Literaturwissenschaften an der renommierten Princeton University erworben hat, dürften nur wenige wissen.

Kuh trifft auf Realität

 

Die 3-jährige Kuh Elsie lebt ein  ziemlich geruhsames Leben auf einer Farm in den USA, wo sie die Zeit mit ihrer besten Freundin Mallory schwatzend und wiederkäuend verbringt. Beiden ist gemeinsam, dass ihre Mütter ohne Ankündigung verschwanden und sie nicht wissen, wo sie sich jetzt aufhalten. Das wundert sie jedoch nicht besonders, weil sie es so auch bei allen anderen Kühen beobachtet haben und für den normalen Lauf der Dinge halten. Doch eines Tages trabt Elsie am Haus ihres Bauern gerade dann vorbei, als dort im Wohnzimmer im Fernsehen eine Dokumentation über die Massenschlachtungen in Schlachthöfen gezeigt wird. Sie ist entsetzt und kann das Gesehene kaum verkraften. Ihrer Freundin erzählt sie nichts davon. Bei einem weiteren TV-Besuch vor dem Wohnzimmerfenster erfährt Elsie, dass Kühe in Indien nicht geschlachtet, sondern als heilige Tiere verehrt und gepflegt werden. Indien wird zu ihrem Traumland, und Elsie beschließt zu fliehen und künftig dort zu leben. Doch unter den Tieren auf einem Bauernhof bleibt auch das größte Geheimnis nicht geheim. So kommt es, dass sich ihr auch Shalom, ein zum Judentum konvertiertes Schwein, und der Truthahn Tom anschließen wollen. Deren Ziele sind jedoch ganz andere. Shalom möchte den Rest seines Lebens in Israel verbringen, wo sein Fleisch verschmäht wird, während es Tom in die Türkei zieht: Ist die Namensgleichheit zwischen den englischen Bezeichnungen für Truthahn und Türkei - "Turkey"- nicht Beweis genug, dass es ihm dort gutgehen wird? Aber zunächst brauchen sie einander, um die Flucht in die Welt außerhalb der Farm zu wagen.

Transport von Botschaften 

 

Nach allem, was ich über David Duchovny gelesen habe, ist er kein konsequenter Vegetarier, würde jedoch selbst kein Essen, das aus Fisch oder Fleisch besteht, zubereiten. Das, was er seinen Lesern vermitteln will, spricht die Kuh Elsie für ihn aus: Es ist grundsätzlich in Ordnung, dass sowohl Tiere als auch Menschen einander (fr)essen, wenn es tatsächlich dazu dient, den Nahrungsbedarf zu decken. Dass für die Massenproduktion von Fleisch die Tiere jedoch unter unwürdigen Umständen leben und sterben müssen, wird scharf verurteilt. Elsie wird auch nicht müde, immer wieder für gegenseitige Toleranz zu werben und spricht den Hörer dabei auch direkt an. Diesen Botschaften werden die meisten Menschen zustimmen, sie sind jedoch nicht neu und taugen meiner Meinung nach innerhalb dieser Handlung nicht dazu, jemanden zum Nachdenken zu bewegen.

Die Sprecherin Cathlen Gawlich ist Schauspielerin und hat Heilige Kuh nicht einfach nur vorgelesen, sondern den beteiligten Tieren - darunter auch ein Bombenspürhund mit kölschem Dialekt und ein Kamel, das als Model in der Werbung für eine Zigarettenmarke berühmt geworden ist - Leben eingehaucht. Sie gibt jedem Tier eine andere Klangfarbe und lässt Shalom Jiddisch sprechen und Tom im östereichischen Dialekt psychologische Betrachtungen à la Sigmund Freud vortragen. Aber wie das nun mal so ist: Jedes Buch ist Geschmackssache, und was zu Beginn noch amüsant war, begann mir im Laufe des Zuhörens auf die Nerven zu gehen. Wie gut die Übersetzung von Timur Vernes war, kann man nur beurteilen, wenn man den Originaltext gelesen hat. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass eine Geschichte, die von einem Amerikaner geschrieben wird und in den USA ihren Anfang nimmt, an das deutsche Publikum angepasst wird, indem z. B. auf Theo Lingen verwiesen wird. Auch der Sprachstil, der vermutlich besonders jugendlich wirken soll, macht das Zuhören anstrengend. 
David Duchovny hat mir als Schauspieler gut gefallen, als Autor hat er mich leider nicht überzeugt.

Heilige Kuh ist als Hörbuch bei der hörverlag erschienen und kostet 14,99 € (3 CDs). Die gebundene Ausgabe ist zum Preis von 16,99 €, das Taschenbuch für 9,99 € und die Kindle- sowie die epub-Edition für 13,99 € erhältlich.
Das Hörbuch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.