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Montag, 21. November 2022

# 371 - Mehr als nur Schlange und Walfisch: Die Biester der Bibel

Um die 130 Tiere gibt es in der Bibel, und es sind
nicht nur die, die in der Erzählung von der Arche Noah vorkommen. Die Philosophin Claudia Paganini und der Theologe Simone Paganini setzen mit Die Biester der Bibel die Reihe ihrer Bücher fort, in denen sie ihren Leserinnen und Lesern die Besonderheiten der Bibel mit viel Freude und Humor näherbringen.

Das gelingt ihnen auch diesmal. Sie erläutern, warum die Schlange aus dem Paradies nur einmal spricht, was es mit Einhörnern und Drachen im Alten Testament auf sich hat und wie nach biblischer Rechtsprechung mit Tieren umgegangen wurde, die einen Menschen verletzt oder gar getötet hatten.

An etlichen Stellen fragt man sich beim Lesen, warum einem bei einem Blick ins Alte Testament solch abenteuerliche Tiere, auf die man doch sofort aufmerksam würde, nicht aufgefallen sind. Beim Einhorn beispielsweise, das wir heute als mystisches Wesen kennen, lässt sich das mittlerweile gut nachvollziehen. Beim Übersetzen des Alten Testaments ins Griechische galt die Redewendung: Viele Köche verderben den Brei. Immerhin 72 Übersetzer waren mit der Übertragung des Textes beschäftigt. Sie stießen im Original auf das hebräische Wort "Re'em", das ein starkes und wildes Tier beschreiben sollte, und entschieden sich für den griechischen Begriff "Monókeros": Das Einhorn war geboren, zumindest sprachlich. 
Sogar die Heilige Hildegard von Bingen glaubte an die Existenz des Tieres und schilderte in einer ihrer Schriften, wie man es am besten fangen könne: Mithilfe blonder Jungfrauen sollte die Jagd auf Einhörner zum Erfolg werden.
Martin Luther ließ das edle Tier in seiner Bibelübersetzung am Leben und nannte es immerhin neun Mal. Erst als sich Sprachkundige 1984 an die Modernisierung der Luther-Bibel machten, starb das Einhorn einen unspektakulären Tod.

Mit dem Untertitel Warum es in der Heiligen Schrift keine Katzen, aber eine Killer-Kuh gibt locken Claudia und Simone Paganini ihre Leserschaft etwas in die Irre. Hier geht es nicht um durchdrehende Rinder, die mit Schaum vorm Maul alles um sich herum niederwalzen, sondern um einen  Vergleich zwischen dem biblischen und unserem heutigen Tier-Recht. Der wesentliche Unterschied: Tiere wurden strafrechtlich fast wie Menschen behandelt. Wurde eine Kuh damals gewalttätig und verletzte einen Menschen tödlich, wurde sie genauso wie ein Mensch bestraft: Die übliche Sanktion war Tod durch Steinigung.

Interessant ist der Abschnitt, der sich mit dem Vegetarismus zu Jesus' Lebzeiten beschäftigt. Jesus aß hin und wieder Fisch und Fleisch, sein älterer Bruder Jakobus allerdings nicht. Was waren die Gründe dafür? Und wie wichtig waren Tiere für die Ernährung der Menschen?

Lesen?

Die Biester der Bibel ist kein trockenes theologisches Sachbuch, sondern will auf unterhaltsame Weise ein bisschen Wissen weitergeben. Das ist dem Ehepaar Paganini sehr gut gelungen. Doch es handelt sich nicht (nur) um eine Sammlung tierischer Anekdoten, sondern gibt einen sehr guten Überblick über geschichtliche Hintergründe, die hinter dem Auftauchen und Verschwinden von Tieren aus dem Alten Testament stehen.

In ihrem Schlusswort macht das Autorenpaar einen Exkurs zum Thema "Tier-Ethik im Neuen Testament" und plädiert dafür, "die selbstverständliche Machtausübung des Menschen über die Tiere fundamental in Frage zu stellen. Je früher auch die Kirche damit beginnt, desto besser".

Die Biester der Bibel ist 2022 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 16 Euro,





Freitag, 27. November 2020

# 267 - Was geschah wirklich in der Heiligen Nacht?

Das Ehepaar Claudia und Simone Paganini hat sich in seinem Buch Von wegen Heilige Nacht! der Weihnachtsgeschichte angenommen und untersucht Schritt für Schritt in 17 Kapiteln, wie viel Wahrheit  eigentlich in ihr steckt. Das tut es unter Heranziehung zahlreicher religiöser Quellen und historischer Zusammenhänge sowie mit einer profunden Sachkenntnis. Kein Wunder: Beide sind promovierte Theologen; Simone Paganini ist Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen, Claudia Paganini ist am Institut für christliche Philosophie an der Universität Innsbruck tätig. 

Die zentrale Erkenntnis: Fast alles, was uns die Bibel in der Weihnachtsgeschichte, ist falsch oder zumindest sehr wahrscheinlich falsch. Dahinter steckt nicht unbedingt die Absicht, der Nachwelt ein für die Christen identitätsstiftendes Märchen aufzutischen, sondern oft ein Effekt, der sich bis in unsere Zeit erhalten hat: Versteht man einen Sachverhalt nicht zu 100 Prozent, wird er mit inhaltlicher Füllmasse ein bisschen aufgehübscht. Aber auch eine politische Absicht dürfte hin und wieder der Grund dafür gewesen sein, dass man sich die biblischen Geschehnisse etwas zurechtgebogen hat. Oft dürften auch Übersetzungsfehler eine Rolle gespielt haben. Und ein bisschen zusätzliches Drama kann ohnehin nicht schaden.

Ist der 24. Dezember tatsächlich der Tag, an dem Jesus geboren wurde? War es tatsächlich bitter kalt? Ist es plausibel, dass die heilige Familie auf der Suche nach einer Unterkunft überall abgewiesen wurde und deshalb das Jesuskind in eine Krippe gelegt werden musste, kritisch beäugt von Ochs und Esel? Waren Maria und Josef arm? Wurde Jesus wirklich in Bethlehem geboren? Es reiht sich Frage an Frage, und jede wird ausführlich und gut nachvollziehbar beantwortet.

Claudia und Simone Paganini haben mit ihrem Buch nicht vor, jemandem mit ihren Erläuterungen in religiöser Hinsicht zu nahe zu treten. Sie degradieren die Weihnachtsgeschichte auch nicht zu einem Märchen, in dem die gesamte Handlung der Phantasie entspringt: Das Lukasevangelium bedient sich bei Jesus' Biographie schriftlicher Quellen sowie Berichten von Augenzeugen, außerdem wird auf einen chronologischen Aufbau Wert gelegt. Die Geschichte von Jesus' Geburt wurde allerdings bis zum Beginn des 2. Jahrhunderts mündlich weitergegeben und erst dann schriftlich niedergelegt. Wenn man die Weihnachtsgeschichte und ihren eigentlichen Zweck verstehen will, geht das nicht ohne den Blick auf die Zeit vor etwa 2.000 Jahren: Die Menschen erwarteten eine religiöse Unterstützung und die Bestätigung, dass sich ihr Gott für sie interessiert und es sich bei Jesus' Geburt um ein wichtiges Ereignis gehandelt hat. Es ging damals um Hoffnung und Zuversicht, nicht aber unbedingt um Rationalität. Denn: Die Adressaten der Weihnachtsgeschichte waren nicht wir Menschen des 21. Jahrhunderts.

Lesen?

Von wegen Heilige Nacht! ist ein unverkrampfter Blick auf die Weihnachtsgeschichte und ihren wissenschaftlich begründeten Wahrheitsgehalt. Das Buch ist eine gute Lektüre für alle, die sich für religiöse Zusammenhänge interessieren. Geschichtskenntnisse sind nicht nötig, um den Erläuterungen von Claudia und Simone Paganini folgen zu können. 
 
Von wegen Heilige Nacht! ist 2020 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 14 Euro. 
 
Nachtrag: Simone Paganini ist in mehreren Videos zu sehen, die von der RWTH Aachen produziert wurden. In diesem geht es um die Frage: Waren tatsächlich ein Ochse und ein Esel an Jesus' Krippe?
 
Auch Claudia Paganini ist in zahlreichen Videos zu sehen. Hier ist eines, in dem sie sich beim Science Slam Innsbruck 2018 über "Warum christliche Philosophie?" Gedanken macht: