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Freitag, 1. April 2022

# 342 - Wut - Nicht unbedingt die Wurzel der Zerstörung

Der Hirzel Verlag widmet sich in einer neuen Buchreihe
den sogenannten Todsünden. Zeitgleich mit dem Titel Gier erschien Wut - Mut zum Zorn. Die Ärztin und Journalistin Johanna Kuroczik hat sich einem emotionalen Zustand gewidmet, der uns sehr befremdet, wenn wir ihn bei anderen Menschen wahrnehmen.

Kuroczik sieht sich die Wut von allen Seiten an. Sie wirft einen langen Blick zurück in die Geschichte der Menschheit und stellt Ausbrüche von Zorn (der eigentlichen Todsünde) schon bei Gott fest: Der tobende und Angst machende Gott nimmt die Position eines strafenden Vaters ein, während Jesus' Zorn nicht länger als unbedingt nötig aufflackert, um sich dann in eine positive Energie zu verwandeln, die Gutes tut.
Wer übrigens glaubt, dass die sieben Todsünden aus der Bibel stammen, erfährt, dass hierbei (wieder mal) ein Papst seine Finger im Spiel hatte.

Selbstverständlich ist auch den modernen Menschen unserer Zeit die Wut nicht fremd. Johanna Kuroczik berichtet von Studien, die sich mit dem Bruder des Zorns, dem Jähzorn, beschäftigen, und stellt einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden fest: Im Gegensatz zur Wut lässt sich der Jähzorn nicht kontrollieren. Wer aber dessen Wurzeln kennt, kennt auch Strategien, damit umzugehen.

Wut (oder Zorn) hat ihren Ursprung in unserem Gehirn. Um das verständlich zu machen, stellt die Autorin die aktuellen Erkenntnisse aus der Hirnforschung vor und macht deutlich, dass es für einen Wutausbruch nicht den einen Grund, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren gibt. Ein leicht reizbarer Mensch macht es sich zu einfach, sich mit dem Verweis auf seine Gene aus der Verantwortung zu ziehen.

Kann Wut auch eine positive Wirkung haben? Und richtet sie sich nur gegen diejenigen, die man ohnehin nicht leiden kann? Auf diese Fragen gibt Johanna Kuroczik einfache und verständliche Antworten, die man vor dem Lesen ihres Buches möglicherweise nicht so deutlich gesehen hätte.

Wut wird gesellschaftlich sogar unterschiedlich wahrgenommen, wenn sie bei Männern oder Frauen beobachtet wird: Ein wütender Mann wird eher als durchsetzungsstark empfunden als eine aus der Haut fahrende Frau. Aber woher kommen diese rational nicht nachvollziehbaren Bewertungen?

Das nachfolgende Zitat Johanna Kurocziks befindet sich zwar nicht am Ende ihres Buches, kann aber gut als Fazit dienen:
"Gefühle erfüllen einen Zweck - sonst hätte die Evolution sie längst abgeschafft. Wut im gesunden Maße ist ein integraler Bestandteil des Menschsein. Es gibt kein Leben ohne Zorn." (Seite 120)

Lesen?

Wut - Mut zum Zorn ist trotz des Buchtitels keine Aufforderung, sein Leben als wandelnder Hochofen zu verbringen, sondern wirft einen klaren und sachlichen Blick auf eine Emotion, die tatsächlich Gutes bewirken, aber ungebremst für viel Zerstörung sorgen kann. Eine sehr interessante Lektüre, die ein neues Licht auf diese Todsünde wirft.

Wut - Mut zum Zorn ist im März 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 15 Euro (Klappenbroschur).

Freitag, 26. November 2021

# 317 - Der Aufstand der katholischen Frauen

Lisa Kötter ist eine der Gründerinnen der katholischen Reformbewegung Maria 2.0. Sie und einige andere Frauen trafen sich jeden Monat in Münster, als Kötter der Runde im Januar 2019 von einer Reportage erzählte, die vom ZDF gezeigt worden war: Das Schweigen der Hirten. Dort geht es um das systematische Vertuschen von Kindesmissbrauch, begangen von Priestern. Die katholische Kirche hat nicht etwa die Opfer beschützt, sondern die Täter: Sie wurden, sobald Missbrauchsfälle offenkundig wurden, weltweit auf andere Gemeinden verteilt. Dass hohe Kleriker von dieser Praxis nichts mitbekommen haben könnten, ist ausgeschlossen.

Das, was über Jahrzehnte nur geraunt und gemunkelt wurde, wurde durch die Reportage greifbar und war bewiesen worden. Jeder einzelnen Frau in diesem Kreis war klar, dass weiteres Schweigen dazu führen würde, das bestehende System zu erhalten. Die katholische Kirche schützte nicht die Menschen, sondern nur sich selbst. Sie hatte Erbarmen mit den Tätern aus ihren Reihen, aber keines mit den Opfern. Es handelte sich um einen einzigen großen Männerbund mit überkommenen Vorstellungen.

Von da an gab es die Initiative Maria 2.0., von der Kötter in ihrem Buch Schweigen war gestern erzählt. Die Frauen, die sich ihr anschlossen, zeigten symbolisch, dass ihre Kirche sie ausgeschlossen hatte, indem sie ihre Gottesdienste vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Münster abhielten. Dazu waren kein Altar und kein Pfarrer nötig, in der Gemeinschaft der Getauften haben sich die Frauen gegenseitig gesegnet. Die Gemeinschaft wuchs, auch Männer kamen dazu.

Kötter beschreibt, wie aufgewühlt vor allem ältere Frauen waren. Sie hatten sich häufig über Jahrzehnte ehrenamtlich für die Kirche eingesetzt und dabei nicht wahrgenommen, dass sie und ihre Arbeit von dieser nicht wertgeschätzt wurden. Und oft nicht nur das: Durch die von der Kirche auferlegten Moralvorstellungen sind  zahlreiche Frauen sog. "Muss-Ehen" eingegangen, unehelich geborene Kinder galten als unrein und wurden nicht getauft. Die Kirche hatte alles Weibliche als minderwertig eingestuft.

Die Bewegung Maria 2.0 formulierte 2019 einen offenen Brief an Papst Franziskus, der von mehr als 42.000 Menschen unterzeichnet, aber bis heute nicht beantwortet wurde. Darin prangerte sie die Vergehen und Versäumnisse der katholischen Kirche im  Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen durch Kleriker an und stellte einen Katalog von Forderungen auf. Im Zentrum: Die Kirche muss sich endlich an Jesus ausrichten. Er kam aus einfachen Verhältnissen und arbeitete als Handwerker, bevor er sich von Johannes taufen ließ. Er war nur zwei bis drei Jahre in der Öffentlichkeit aktiv, aber hat in dieser kurzen Zeit bewirkt, dass eine neue Zeit anbrach. 

Jesus vermittelte den Menschen, von Gott geliebt und nicht kontrolliert und bedroht zu werden. Er wandte sich gerade denen zu, die am Rand der Gesellschaft standen und von ihr gemieden wurden. Und er sprach in der Öffentlichkeit mit Frauen, was in seiner Zeit sehr ungewöhnlich war. Frauen wurden nur als Hausfrauen und Mütter wahrgenommen, Entscheidungen durften sie nicht treffen. Doch Jesus gab ihnen eine Stimme und agierte mit ihnen auf Augenhöhe. Durch sein Verhalten, was sich so deutlich von dem, was als normal angesehen wurde, unterschied, stellte er die damaligen auf Angst aufgebauten Machtstrukturen infrage.

Lisa Kötters Buch ist nicht nur eine Anklage in Richtung der katholischen Kirche, sondern auch ein Appell, sich zu öffnen. Sie wünscht sich, dass auch außerhalb der gewohnten Umgebungen und Strukturen Menschen zusammenkommen, um Gottesdienste zu feiern, an denen auch diejenigen teilnehmen können, die der Kirche bisher nicht nahestanden. Von der Autorin stammen auch die Frauenporträts auf dem Cover, deren verklebte Münder das erzwungene Schweigen symbolisieren.

Lesen?

Ja, denn Lisa Kötter beschreibt das Tun und die Haltung der katholischen Kleriker aus weiblicher Sicht. Dieses Buch richtet sich nicht nur an Menschen, die dem christlichen Glauben nahestehen, sondern an alle, die an einer gesellschaftlichen Veränderung teilhaben wollen: dem Überwinden von männlichen Machtstrukturen, die es nicht nur in der katholischen Kirche gibt.

Schweigen war gestern ist 2021 im bene! Verlag erschienen und kostet 14 Euro.


Freitag, 27. November 2020

# 267 - Was geschah wirklich in der Heiligen Nacht?

Das Ehepaar Claudia und Simone Paganini hat sich in seinem Buch Von wegen Heilige Nacht! der Weihnachtsgeschichte angenommen und untersucht Schritt für Schritt in 17 Kapiteln, wie viel Wahrheit  eigentlich in ihr steckt. Das tut es unter Heranziehung zahlreicher religiöser Quellen und historischer Zusammenhänge sowie mit einer profunden Sachkenntnis. Kein Wunder: Beide sind promovierte Theologen; Simone Paganini ist Professor für Biblische Theologie an der RWTH Aachen, Claudia Paganini ist am Institut für christliche Philosophie an der Universität Innsbruck tätig. 

Die zentrale Erkenntnis: Fast alles, was uns die Bibel in der Weihnachtsgeschichte, ist falsch oder zumindest sehr wahrscheinlich falsch. Dahinter steckt nicht unbedingt die Absicht, der Nachwelt ein für die Christen identitätsstiftendes Märchen aufzutischen, sondern oft ein Effekt, der sich bis in unsere Zeit erhalten hat: Versteht man einen Sachverhalt nicht zu 100 Prozent, wird er mit inhaltlicher Füllmasse ein bisschen aufgehübscht. Aber auch eine politische Absicht dürfte hin und wieder der Grund dafür gewesen sein, dass man sich die biblischen Geschehnisse etwas zurechtgebogen hat. Oft dürften auch Übersetzungsfehler eine Rolle gespielt haben. Und ein bisschen zusätzliches Drama kann ohnehin nicht schaden.

Ist der 24. Dezember tatsächlich der Tag, an dem Jesus geboren wurde? War es tatsächlich bitter kalt? Ist es plausibel, dass die heilige Familie auf der Suche nach einer Unterkunft überall abgewiesen wurde und deshalb das Jesuskind in eine Krippe gelegt werden musste, kritisch beäugt von Ochs und Esel? Waren Maria und Josef arm? Wurde Jesus wirklich in Bethlehem geboren? Es reiht sich Frage an Frage, und jede wird ausführlich und gut nachvollziehbar beantwortet.

Claudia und Simone Paganini haben mit ihrem Buch nicht vor, jemandem mit ihren Erläuterungen in religiöser Hinsicht zu nahe zu treten. Sie degradieren die Weihnachtsgeschichte auch nicht zu einem Märchen, in dem die gesamte Handlung der Phantasie entspringt: Das Lukasevangelium bedient sich bei Jesus' Biographie schriftlicher Quellen sowie Berichten von Augenzeugen, außerdem wird auf einen chronologischen Aufbau Wert gelegt. Die Geschichte von Jesus' Geburt wurde allerdings bis zum Beginn des 2. Jahrhunderts mündlich weitergegeben und erst dann schriftlich niedergelegt. Wenn man die Weihnachtsgeschichte und ihren eigentlichen Zweck verstehen will, geht das nicht ohne den Blick auf die Zeit vor etwa 2.000 Jahren: Die Menschen erwarteten eine religiöse Unterstützung und die Bestätigung, dass sich ihr Gott für sie interessiert und es sich bei Jesus' Geburt um ein wichtiges Ereignis gehandelt hat. Es ging damals um Hoffnung und Zuversicht, nicht aber unbedingt um Rationalität. Denn: Die Adressaten der Weihnachtsgeschichte waren nicht wir Menschen des 21. Jahrhunderts.

Lesen?

Von wegen Heilige Nacht! ist ein unverkrampfter Blick auf die Weihnachtsgeschichte und ihren wissenschaftlich begründeten Wahrheitsgehalt. Das Buch ist eine gute Lektüre für alle, die sich für religiöse Zusammenhänge interessieren. Geschichtskenntnisse sind nicht nötig, um den Erläuterungen von Claudia und Simone Paganini folgen zu können. 
 
Von wegen Heilige Nacht! ist 2020 im Gütersloher Verlagshaus erschienen und kostet als Klappenbroschur 14 Euro. 
 
Nachtrag: Simone Paganini ist in mehreren Videos zu sehen, die von der RWTH Aachen produziert wurden. In diesem geht es um die Frage: Waren tatsächlich ein Ochse und ein Esel an Jesus' Krippe?
 
Auch Claudia Paganini ist in zahlreichen Videos zu sehen. Hier ist eines, in dem sie sich beim Science Slam Innsbruck 2018 über "Warum christliche Philosophie?" Gedanken macht:
 


Montag, 4. Dezember 2017

# 126 - Jesus - Ein Baby wird juristisch durchleuchtet

Geht beim Christkind alles mit "rechten Dingen" zu?



Auch an der Bücherkiste geht das sich nähernde Weihnachtsfest nicht spurlos vorüber. Da liegt es nahe, sich die Weihnachtsgeschichte einmal aus rechtlicher Sicht näher anzusehen. Das haben die beiden Juristen Jens-Peter Gieschen und Klaus Meier in ihrem Buch Der Fall »Christkind« getan - und zwar schon 1993.



Rechtswissenschaft trifft auf Theologie




Die Autoren beklagen zu Recht, dass sich zwar schon etliche Juristen an der Verurteilung und Kreuzigung von Gottes Sohn abgearbeitet haben, sich aber bislang niemand um die rechtliche Würdigung der Umstände seiner Zeugung und Geburt gekümmert hat. Diesem Missstand helfen sie in ihrem Buch endlich ab und halten sich selbstverständlich immer streng an rechtswissenschaftliche Grundsätze. Gieschen und Meier widmen sich beispielsweise der Frage, inwieweit Jesus' Vorfahren inzestuöse Beziehungen im Sinne des § 173 Strafgesetzbuch (StGB) eingegangen sein könnten. Ein Gedanke, den man nicht so einfach vom Tisch wischen sollte: In Matthäus Kapitel 1, Vers 1 bis 17 ist von nur fünf Frauen, aber immerhin vierzig Männern die Rede, wobei Letztere immer in Vater-Sohn-Verhältnissen genannt werden. Die Geschichte ist zwar schon wirklich, wirklich alt, aber mal ganz ehrlich: Das macht schon nachdenklich.

Auch die Frage, wie es zu Marias Schwangerschaft kommen konnte, obwohl sie doch ausdrücklich als Jungfrau bezeichnet wird, beschäftigt die beiden Autoren. Diese immer wieder von der Kirche diskutierte Frage ruft auch Gieschen und Meier auf den Plan: Mit einem kurzen Exkurs in die Biogenetik denken sie über die Möglichkeit der Luftbestäubung nach (man denke an Parallelen zur Bestäubung von Windblütlern) und verfolgen die "Zwei-Zentimeter-Theorie". Um niemandem zu nahe zu treten, will ich hier lieber nicht ausführen, worum es sich dabei genau handelt. Klar, dass hier die strafrechtliche Würdigung nicht fehlen darf. Die Autoren lassen nichts aus, bis sie bei der Beschneidung und Namensgebung angekommen sind. Damit sich die Leser zufrieden zurücklehnen und das Fest von Jesu Geburt feiern können, schließt die juristische Betrachtung mit dem nun rechtlich einwandfreien Beginn der Evangelien nach Lukas und Matthäus.

Ein brandaktuelles Thema - auch nach über 2000 Jahren

 

Der Fall »Christkind« ist im Eichborn Verlag erschienen, was klar macht, mit wie viel "Ernsthaftigkeit" Gieschen & Meier sich dieses wichtigen juristisch-theologischen Themas angenommen haben. Das Buch bedient nicht die sonst häufige feierliche Getragenheit anderer Titel, in denen es um die Weihnachtsgeschichte geht. Das mehrseitige Literaturverzeichnis belegt, dass die Autoren trotz des literarischen Augenzwinkerns immer seriöse Quellen herangezogen haben.
Der Fall »Christkind« kann nur noch antiquarisch erworben werden.

Sonntag, 29. November 2015

# 27 - Morden im Namen Gottes?

Ein Thriller mit "Page-Turner"-Effekt

 

Nachdem ich vor zwei Wochen über ein Sachbuch, das die Hintergründe des "Islamischen Staats" beleuchtete (Die schwarze Macht) und vor einer Woche über ein Autoren-Zwiegespräch mit Jesus (Jesus - Das Interview) geschrieben habe, soll es nun etwas zum "Durchatmen" sein. Deshalb habe ich heute Zu richten die Lebenden von meinem Bücherstapel genommen. Dies ist der neueste Thriller der US-amerikanischen Schriftstellerin Erica Spindler, der im Oktober 2015 in deutscher Übersetzung erschienen ist.


Eine Glasmalerin steht vor den Trümmern ihres Lebens

 

 

Mira Gallier ist eine junge Witwe und betreibt in New Orleans einen kleinen Betrieb für Glasmalerei. Ihren Mann Jeff verlor sie während des verheerenden Hurrikans Katrina, der 2005 weite Teile New Orleans' dem Erdboden gleich gemacht hat. Seinen Tod, an dem sie sich eine Mitschuld gibt, hat sie nie verwunden. Doch dann passieren im August 2011 Schlag auf Schlag dramatische Ereignisse: Ein beliebter Priester wird im Altarraum seiner Kirche brutal ermordet. Doch der Mörder hat sich nicht einfach so nach der Tat davongemacht, sondern auf den kunstvollen zwölf Glasfenstern im Kirchenschiff, die Szenen aus dem Leben Christi erzählen, eine Botschaft hinterlassen: "Er wird kommen, um zu richten die Lebenden und die Toten." Spencer Malone vom New Orleans Police Department und seine ihm neu zugeteilte Partnerin Karin Bayle nehmen die Ermittlungen auf.

Doch was zunächst wie eine Einzeltat eines verwirrten Menschen aussieht, der der Priester zufällig zum Opfer fiel, weitet sich aus. Kurz darauf wird ein Obdachloser, der wegen seines religiösen Fanatismus' den Spitzmamen "Preacher" hatte, getötet auf einer öffentlichen Toilette aufgefunden. Das Tatwerkzeug: Eine Scherbe aus dem Glasmüll von Mira Gallier. Auch zwischen dem Mord an dem Priester und der Glasmalerin gibt es eine Verbindung: Alle Fenster in der Kirche waren von ihr restauriert worden. 


Ein Monat voller Leichen

 

 

Aber die Serie ist damit noch lange nicht vorbei. Innerhalb weniger Tage kommen Miras Schwiegervater, mit dem sie in tiefer gegenseitiger Abneigung verbunden war, ihre neugierige Nachbarin und ihre Psychologin, bei der sie nach dem Verschwinden ihres Mannes jahrelang in Behandlung war, ebenfalls auf teilweise brutale Art und Weise ums Leben. Daran, dass hier ein Serienmörder am Werk ist, besteht kein Zweifel mehr. 

Mira gerät immer mehr in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Vor allem Karin Bayle macht keinen Hehl aus ihrem Misstrauen gegen die Witwe. Doch Mira weiß bald selbst nicht mehr, wo ihr der Kopf steht: Ihre geliebte Halskette, die ihr ihr Mann geschenkt hatte,  wird ihr bei einem Überfall in ihrer Werkstatt gestohlen und kurz darauf nachts zurückgebracht - Mira findet sie an ihrer Nachttischlampe. Jemand ist dazu in ihr Haus eingedrungen und hat offensichtlich dicht neben ihr an ihrem Bett gestanden, während sie schlief. Sagt Mira. Doch an den Außentüren und Fenstern gibt es keine Einbruchspuren, und die Glasmalerin ist sich sicher, überall abgeschlossen zu haben. Da sich die Merkwürdigkeiten um Mira häufen und sie der einzige Mensch ist, der zu allen Toten eine Verbindung hat, wird ihr klar, dass ihre Lage immer aussichtsloser wird. Doch sie erhält Unterstützung: Wie aus dem Nichts taucht plötzlich der beste Freund ihres Mannes, Connor, bei ihr auf. Er war noch vor Jeffs Tod von einem Tag auf den anderen verschwunden und steht nun vor ihrer Tür. Sein Verhalten ist freundschaftlich, aber Mira spürt, dass er etwas vor ihr verbirgt. Auch ihre Assistentin Dani, die für Mira eine gute Freundin ist, steht ihr zur Seite, verhält sich dann aber so merkwürdig, dass Mira an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln beginnt.


Noch zwei Tote...

 

 

Malone und Bayle finden heraus, dass es tatsächlich einen Zusammenhang gibt zwischen den Morden und Mira, aber auf eine andere Weise, wie sie es zuvor vermutet hatten. Diese Erkenntnis lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Der oder die große Unbekannte will noch zwei weitere Menschen töten. Aber das noch junge Team arbeitet nicht reibungslos zusammen, und nach einem Streit zwischen den beiden Ermittlern verschwindet Karin Bayle plötzlich spurlos. Hat auch sie bei diesen mysteriösen Vorgängen irgendwie ihre Finger im Spiel?

Erica Spindler hat die Handlung um Mira Gallier sehr spannend aufgezogen. Bis wenige Seiten vor dem Finale kommen tatsächlich mehrere Personen als Mörder oder Mörderin infrage, und auch Miras Verhalten macht sie immer wieder verdächtig.
Zu richten die Lebenden ist ein Buch, das man bis zum Ende nicht mehr aus der Hand legen möchte. Die Autorin schafft es nicht nur, einen guten Spannungsbogen aufzubauen, sondern gibt nebenbei Einblicke in das vom verheerenden Hurrikan Katrina zerstörte New Orleans, dessen Bewohner auch Jahre nach der Katastrophe noch um Normalität kämpfen und die Toten betrauern.

Mir war Erica Spindler vor diesem Buch völlig unbekannt, obwohl sie bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht hat. Aber jetzt werde ich sicher mehr von ihr lesen.

Zu richten die Lebenden ist erschienen bei books2read und kann über HarperCollins Germany GmbH bestellt werden.
Das Buch wurde mir von Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.
 
 

Freitag, 27. November 2015

# 26 - Der Schleier wird gelüftet: Das denkt Jesus wirklich!

Mit Gottes Sohn über "Gott und die Welt" diskutieren

 

Um die Bibel ranken sich einige strittige Fragen, die immer wieder aufs Neue von Theologen und Laien (verbal) ausgefochten wurden und werden. Jeder scheint für sich eine Deutungshoheit zu beanspruchen, was die Christen in dieser Hinsicht nicht von der einen oder anderen Religion unterscheidet. Detlev F. Neufert hat sich in seinem im Februar 2015 erschienenen Buch Jesus - Das Interview mit Gottes Sohn über alle Themen unterhalten, die sich immer wieder aufdrängen: Wie eng soll man die Zehn Gebote auslegen? Ist das Zölibat nicht dafür verantwortlich, dass es immer wieder verheimlichte uneheliche Kinder gegeben hat und sich Priester aus Verzweiflung umbrachten? Ist Gott immer gut und gerecht?


Auf einen Plausch mit Jesus

 

Auf 256 Seiten erfährt man, wie Jesus wirklich "tickt". Neufert führt mit ihm ein ziemlich launiges, aber immer wieder auch kritisches Interview, wobei sich die beiden Herren nichts schenken. Anhand des Covers und des Titels hatte ich zunächst ein eher lustiges Buch erwartet, die Absicht des Autors ist aber eine ganz andere. Das Interview ist in einzelne Kapitel aufgeteilt, wobei ein Kapitel fließend in das nächste über geht. Kein Zweifel, dass da immer wieder Neuferts persönliche Ansichten durchschimmern, zumal er selbst u. a. Theologie studiert hat. So äußert er sich zu der Frage, wie sinnvoll eine Babytaufe ist, obwohl der Täufling noch keine Ahnung haben kann, woran er glauben sollte (sinnvoll!). 

Auch das Thema Zwangsheirat, das in Deutschland immer wieder im Zusammenhang mit muslimischen Frauen in den Medien auftaucht, wird angesprochen. Jesus - oder Neufert? - ist selbstverständlich dagegen, denn er ist nicht der Meinung, dass ein Leben nicht nur dazu da ist, um der Fortpflanzung zu dienen. Diese Haltung passt auch zum Thema Homosexualität:

Im Gegensatz zu manch kirchlichem Würdenträger ist Jesus kein Gegner von Eheschließungen unter homosexuellen Paaren. Er hängt die "Idee der Heirat" von gleichgeschlechtlichen Partnern, die vor allem in der katholischen Kirche auf großen Widerstand stößt, bei Weitem nicht so hoch auf wie die, die Gottes Stellvertreter auf Erden sind. "Der Wille  meines Vaters ist, dass die Liebe siegt." Das darf sich gern jeder auf die Fahnen schreiben.


Was macht eine gute Religion aus?

 

Diese Frage ist ja eigentlich immer aktuell: Jede Religion verkörpert für ihre Anhänger die besten Werte und Weltsichten. Schwierig wird es jedoch, wenn religiöse Vorstellungen einen dogmatischen Drall bekommen und als allein seligmachend angesehen werden. Jesus definiert hier einige Kriterien, die man anlegen kann, um den wahren Wert einer Religion zu erkennen: Wird die Freiheit der Erkenntnis unterdrückt? Werden Andersgläubige akzeptiert? Sind Männer und Frauen gleichberechtigt? Das sind nur einige der Maßstäbe, die zur Beurteilung einer Religion herangezogen werden.

Immer wieder ist auch von Luzifer und der Hölle die Rede. An diesen Stellen, in denen es darum geht, dass Sünder in die Hölle kommen, weht ein Hauch Mittelalter durch die Buchseiten. Aber auch das Prinzip und die Häufigkeit der Wiedergeburt werden besprochen und von Jesus erläutert.
Neufert lässt kaum ein Thema aus, das sich mit der Bibelauslegung, religiösen oder ethischen Fragen beschäftigt. Wie beurteilt Gott den Kindesmissbrauch durch Priester? Zitat Jesus: "Gott kotzt!" Das ist ja schon mal ganz beruhigend, dass Gott aufgefallen ist, dass da etwas völlig aus dem Ruder gelaufen ist, aber an solchen Stellen finde ich angesichts der lebenslang verletzten Seelen diese göttliche Reaktion zu dürftig. Aber das mag jeder anders sehen.


Kann ich das Buch empfehlen?

 

Das ist eine schwierige Frage. Das Frage-Antwort-Prinzip ist eine interessante und ungewöhnliche Möglichkeit, sich theologischen  und ethischen Themen zuzuwenden. Neufert hat Jesus eine ziemlich coole Aura gegeben, sodass er nicht vergeistigt und unnahbar wirkt. Jesus - Das Interview lässt sich dank Neuferts flottem Schreibstil flüssig lesen und verzichtet auf religiöses Fachvokabular. So kann man jedem Gedankengang problemlos folgen. Der Autor spricht jedoch so viele verschiedene Themen an, dass sich die Diskussion zwischen den beiden Herren zum Teil jeweils nur kurz mit ihnen auseinandersetzen kann. Die meisten Fragen hätten es jedoch verdient, ausführlicher behandelt zu werden als ein Abrissblatt auf einem Tageskalender.
Religiösere Menschen als ich könnten auch durchaus auf die Idee kommen, warum sich jemand dazu aufschwingen kann, uns mitteilen zu wollen, wie Jesus die Welt und die Menschen beurteilt. Aber das kann jeder für sich selbst entscheiden.
Hin und wieder hätte ich mir einen aufmerksameren Lektor gewünscht, wie zum Beispiel an der Stelle, an der es hieß, dass Kain Adam erschlagen haben sollte.
Meine Bilanz fällt insgesamt etwas gemischt aus. Im Gegensatz zu einigen anderen Büchern, die ich hier schon vorgestellt habe, würde ich dieses zumindest kein zweites Mal lesen. 

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Es ist über die Verlagsseite des Gütersloher Verlagshauses oder den Buchhandel zum Preis von 17,99 € erhältlich. Die Ausgabe im Kindle-Format kostet 13,99 €.