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Samstag, 26. September 2026

# 517 - Wissen durch Wachs

Eine 14-Jährige sucht 1733 ihre erste Leiche, weil sie wissen will, wie ein menschlicher Körper wirklich aussieht – von innen. Schon mit dieser Ausgangssituation macht Christine Wunnicke deutlich, dass Wachs kein gewöhnlicher historischer Roman sein soll.

Das Besondere daran: Diese junge Frau ist keine Erfindung der Autorin. Sie hieß Marie Marguerite Bihéron und wurde 1719 als Tochter eines Apothekers in Paris geboren. Marie erlangte im 18. Jahrhundert Bekanntheit mit anatomischen Modellen aus Wachs. Christine Wunnicke nimmt das außergewöhnliche Leben dieser weitgehend in Vergessenheit geratenen Frau zum Ausgangspunkt ihres Romans. 

Auch die zweite Hauptfigur, die Zeichnerin und Pflanzenmalerin Madeleine Basseporte, ist historisch belegt. Wunnicke bewegt sich damit auf besonders reizvollem Terrain zwischen Biografie und Fiktion: Sie hält sich an historische Personen und Eckdaten, erlaubt sich aber dort erzählerische Freiheit, wo die Quellen schweigen.

Gerade bei Marie Bihéron ist das interessant. Was heute fast schon wie die Erfindung einer Romanautorin klingt, hat einen realen historischen Hintergrund. Das tatsächliche Leben Bihérons liefert einen Stoff, der außergewöhnlicher ist als manche erfundene Handlung.

Marie interessiert sich schon als junges Mädchen für Anatomie. Sie will nicht einfach glauben, was andere über den menschlichen Körper behaupten, sondern selbst sehen und verstehen. Dafür seziert sie Leichen und bildet deren Organe möglichst naturgetreu nach. Madeleine Basseporte verfolgt auf den ersten Blick einen ganz anderen Weg: Sie zeichnet Pflanzen. Doch eigentlich tun beide etwas sehr Ähnliches: Sie betrachten sehr genau. Beide versuchen, die innere Ordnung ihres Gegenstands zu erkennen, und bilden anschließend das nach, was sie gesehen haben – Marie in Wachs, Madeleine auf Papier.

Aus der Verbindung der beiden historischen Frauen spinnt Wunnicke eine Liebesgeschichte. Wie weit ihre tatsächliche Beziehung ging, lässt sich jedoch nicht mit derselben Sicherheit rekonstruieren wie ihre beruflichen Lebenswege. Gerade hier zeigt sich Wunnickes Verfahren: Sie schreibt keine Biografie, die behauptet, jede Einzelheit belegen zu können. Sie nutzt die Leerstellen der Überlieferung als Raum für Literatur. Aus dem, was bekannt ist, und dem, was möglich gewesen sein könnte, entsteht eine Geschichte, die überzeugend zwischen historischer Wirklichkeit und Fiktion schwebt.

Damit erzählt Wachs weit mehr als das Leben zweier ungewöhnlichen Frauen. Der Roman handelt vom Entstehen von Wissen. Was gilt als wahr? Wer darf forschen? Wer entscheidet darüber, welche Erkenntnisse ernst genommen werden? Und welche Möglichkeiten hat eine Frau in einer Zeit, in der Wissenschaft und ihre Institutionen weitgehend Männern vorbehalten sind und von Frauen erwartet wird, sich um Heim, Herd und Kinder zu kümmern?

Gerade darin liegt eine der großen Stärken des Romans: Wunnicke macht aus ihren Heldinnen keine modernen Frauen, die versehentlich im 18. Jahrhundert gelandet sind. Marie und Madeleine bewegen sich innerhalb ihrer Epoche und überschreiten deren Grenzen trotzdem mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Die Männerwelt bildet dabei keinen plakativ gezeichneten Gegner. Die Benachteiligung der Frauen zeigt sich vielmehr in Abhängigkeiten, institutionellen Hindernissen und in der Selbstverständlichkeit, mit der Männer über Möglichkeiten verfügen, die Frauen erst erkämpfen müssen.

Auch die Liebesgeschichte kommt ohne Pathos aus. Die Beziehung zwischen Marie und Madeleine ist wichtig, wird aber nicht zum bestimmendsten Teil ihres Lebens erklärt. Beide bleiben eigenständige Persönlichkeiten mit Arbeit, Ehrgeiz, Eigensinn und beträchtlicher Besessenheit. Gerade dadurch wirkt ihre Nähe überzeugend.

Bemerkenswert ist vor allem Wunnickes Sprache. Sie versucht nicht, auf jeder Seite mit historischem Dekor zu beweisen, wie gründlich sie recherchiert hat. Stattdessen entsteht das 18. Jahrhundert aus Dialogen, Begriffen, Arbeitsabläufen und kleinen, oft erstaunlich körperlichen Einzelheiten. Anatomie ist hier tatsächlich Grundlagenarbeit: Körper riechen, verwesen, werden aufgeschnitten und untersucht. Das kann drastisch werden, wirkt aber nicht effektheischend. Der menschliche Körper erscheint gleichzeitig als biologisches Material, Forschungsobjekt und etwas ungeheuer Faszinierendes.

Dazu kommt ein trockener, gelegentlich schwarzer Humor. Wunnicke hat Freude am Sonderbaren und Abseitigen. Berühmte Gestalten der Aufklärung dürfen auftreten, ohne dass der Roman zur historischen Prominentenparade wird. Selbst Diderot bleibt letztlich eine Nebenfigur. Das Zentrum gehört den beiden Frauen.

Die Konstruktion des Romans ist nicht streng chronologisch, sondern springt zwischen verschiedenen Lebensphasen. Dadurch setzt sich das Bild der Figuren erst allmählich zusammen. Gleichzeitig schafft diese Technik eine gewisse Distanz. Wer einen historischen Roman mit kontinuierlich wachsender Handlung und großem Spannungsbogen erwartet, könnte Wachs deshalb als sprunghaft empfinden. Auch die anatomischen Details, Fachbegriffe und der eigentümliche Sprachduktus verlangen stellenweise mehr Aufmerksamkeit als ein konventioneller Unterhaltungsroman.

Doch diese Sperrigkeit gehört zum Konzept. Wachs will die Vergangenheit nicht möglichst bequem konsumierbar machen. Der Roman nähert sich seinen Figuren auf eine Weise, die zu seinem Gegenstand passt: durch genaues Hinschauen.

Und schließlich erweist sich auch der Titel als treffend. Wachs bewahrt die Form von etwas, dessen ursprüngliche Gestalt vergänglich ist. In gewisser Weise tut Christine Wunnicke mit Marie Bihéron dasselbe. Aus verstreuten historischen Spuren formt sie wieder eine Person. Dabei behauptet sie nicht, die wirkliche Marie vollständig rekonstruieren zu können. Sie schafft vielmehr eine literarische Gestalt, in der historische Tatsachen und dichterische Vorstellung ineinander übergehen.

So ist Wachs zugleich historischer Roman, Liebesgeschichte, Künstlerinnenroman und eine kleine Geschichte der Aufklärung. Vor allem aber erinnert das Buch an eine Frau, deren tatsächliches Leben erstaunlich genug ist, um mehr als zweihundert Jahre später zum Stoff eines Romans zu werden.

Lesen?

Ein schmaler, ungewöhnlicher und kluger Roman – und zugleich ein schönes Beispiel dafür, wie Literatur Menschen wieder sichtbar machen kann, die in der Geschichtsschreibung beinahe verschwunden sind. 
Der Roman stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025.
Christine Wunnicke wurde 2026 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Wer ihre Bücher nicht nur antiquarisch lesen möchte, muss sich beeilen: Ihre Werke sind im Berenberg Verlag erschienen, der seine Arbeit im März 2026 nach 22 Jahren eingestellt hat.

Wachs ist 2025 erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Mittwoch, 2. Juli 2025

# 479 - Beklaute Frauen

Die Journalistin, Historikerin und Literaturwissenschaftlerin Leonie Schöler greift in ihrem Buch Beklaute Frauen auf, was lange Zeit nicht im öffentlichen Bewusstsein war: Zahlreiche Frauen, die auf ihrem Gebiet Großes geleistet haben, erlebten, dass nicht sie, sondern die Männer, mit denen sie zusammengearbeitet hatten, geehrt wurden. Diejenigen, die ihnen die Anerkennung verwehrten, waren Männer: Kollegen in der Forschung, Künstler (Picasso kommt hier ganz schlecht weg), einflussreiche Männer des Literaturbetriebs, Ehemänner...

Die Annahme, dass Männer seit Anbeginn der Menschheit dasjenige Geschlecht sind, das führende Positionen inne hatte, während Frauen Früchte sammelten, kochten und sich um die Kinder kümmerten, wurde durch mehrere archäologische Funde widerlegt. Der wohl spektakulärste Fund wurde 2008 gemacht: Bei Valencia wurde das 5.000 Jahre alte Grab eines einflussreichen Herrschers aus der Kupferzeit entdeckt. Darin befanden sich wertvolle Grabbeigaben und aus Elfenbein gefertigte Waffen. Die Wissenschaftler gingen selbstverständlich davon aus, dass es sich bei den Gebeinen um einen Mann gehandelt hat und nannten ihn "Ivory Man". Erst 2023 ergaben DNA-Untersuchungen, dass sich die Forscher geirrt hatten: Es handelte sich bei dieser hochgestellten Persönlichkeit um eine Frau. Man war lange Zeit davon ausgegangen, dass man anhand der Grabbeigaben automatisch auf das Geschlecht einer Person schließen kann. Der geschlechtsbezogene Verzerrungseffekt (Gender Bias) hatte voll zugschlagen. Auch Charles Darwin war von ihm beeinflusst, wie man in seinem 1871 erschienen Werk Die Abstammung des Menschen nachlesen kann:
"Der hauptsächlichste Unterschied in den intellektuellen Kräften der beiden Geschlechter zeigt sich darin, dass der Mann zu einer größeren Höhe in Allem, was er nur immer anfängt, gelangt, als zu welcher sich die Frau erheben kann, mag es nun tiefes Nachdenken, Vernunft oder Einbildungskraft, oder bloß den Gebrauch der Sinne und der Hände erfordern." Darwins unvoreingenommene Einschätzung darüber, wozu Frauen in der Lage sind, darf bezweifelt werden. Damit war er in der durch Männer geprägten Wissenschaftswelt des 19. Jahrhunderts nicht allein.

Schöler nennt zahlreiche Beispiele von Frauen, die um die Anerkennung ihrer Leistung gebracht wurden. Sie beschränkt sich dabei auf die letzten 200 Jahre in Europa, um eine Einordnung in den historischen Kontext zu ermöglichen. Es geht dabei um bekannte und unbekannte sowie um Frauen, die eine bedeutsame Entwicklung angestoßen haben, die Geschichtsschreibung es aber nicht wichtig fand, ihre Namen festzuhalten. Ob es dabei um Rosalind Franklin (sie wurde um den Nobelpreis gebracht), Elisabeth Hauptmann (sie war zu 80 Prozent am Entstehen von Brechts Dreigroschenoper beteiligt) oder die etwa 6.000 Frauen geht, die am 5. Oktober 1789 am Marsch auf Versailles teilnahmen und von König Ludwig XVI. die Unterzeichnung der Menschenrechtserklärung und die Abschaffung der Privilegien des Adels erzwangen: Ihre Namen wurden ignoriert, ihr Engagement brachte ihnen keine Vorteile.

Männer, die Frauen durch Ausbeutung oder Diebstahl um die ihnen zustehende Anerkennung gebracht haben, fanden oft nichts dabei, mit ihrem Handeln zu prahlen. Ihr Verhalten hatte für sie in der Regel keine negativen Folgen. 
Diesem Buch ist deutlich anzumerken, dass Leonie Schöler Historikerin ist. Sie hat sehr genau recherchiert und ihrem Text sehr viele Quellennachweise, Literaturempfehlungen und ein umfangreiches Personenregister beigefügt.

Lesen?

Das Besondere an Beklaute Frauen ist nicht nur, dass Leonie Schöler über das Schicksal von Frauen schreibt, deren Leistungen durch männliche Einflussnahme unter den Tisch fielen. Sie erklärt darüber hinaus, in welchem historischen Zusammenhang die Unterschlagungen, Betrügereien, Diebstähle und Zurückweisungen stattgefunden haben. Sie nennt die Namen von Männern, die nur vorgaben, mit Frauen auf Augenhöhe leben und/oder arbeiten zu wollen, deren Fähigkeiten jedoch nur für ihren eigenen Erfolg missbrauchten: Darunter sind nicht nur die schon genannten Bert Brecht und Pablo Picasso, sondern auch Karl Marx, Walter Gropius oder Albert Einstein.  Schöler zieht in ihrem Schlusswort ein für Frauen bedrückendes Fazit: "Jede beklaute Frau ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Systems, das uns alle betrifft und bis heute wirkt."

Wer nach dem Lesen dieses Buches immer noch glaubt, dass der Feminismus überflüssig geworden ist, dem ist nicht mehr zu helfen.

Beklaute Frauen mit dem Untertitel Denkerinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Die unsichtbaren Heldinnen der Geschichte ist 2024 im Penguin Verlag erschienen und kostet 22 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.



Dienstag, 1. April 2025

# 471 - Die Rolle der Frauen in der Mafia, erzählt von einem Mafia-Experten

Der italienische Journalist und Autor Roberto Saviano
wurde 2006 schlagartig auch außerhalb seines Heimatlandes bekannt, als sein erstes Buch erschien: Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra. Er deckte darin die mafiösen Strukturen in seiner Heimatstadt Neapel auf und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Seitdem ist Savianos vorheriges Leben beendet: Er braucht ständig Personenschutz und verlässt nur selten das Haus. Die Mafia vergisst nicht.

In diesem Monat ist Savianos neuestes Buch erschienen: Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia. Der Hanser Verlag, der das Buch herausgebracht hat, schreibt auf seiner Homepage, es sei "erstmals ein Buch über die Rolle der Frau in der Mafia". Dass das nicht den Tatsachen entspricht, zeigen Titel wie zum Beispiel die der österreichischen Journalistin Mathilde Schwabenender-Hain Die Stunde der Patinnen: Frauen an der Spitze der Mafia-Clans (erschienen 2014) oder Sie packen aus - Frauen im Kampf gegen die Mafia (erschienen 2020) sowie Ich war eine Mafia-Chefin: Mein Leben für die Cosa Nostra von Guiseppina Vitale (erschienen 2010). 
Der Klappentext ist da eindeutig: Es ist Savianos erstes Buch über die Frauen der Mafia. Er erzählt in zwölf Kapiteln von ebenso vielen Frauen, die in eine Mafia-Familie hineingeboren wurden oder einen Mafiosi geheiratet haben. Auf viele von ihnen trifft beides zu: Sie wurden als Töchter wie eine Handelsware von einer Mafia-Familie in die andere weitergereicht, um einen der Söhne zu heiraten. Viele waren mit dreizehn oder vierzehn Jahren noch sehr jung, als sie schwanger wurden und geheiratet haben. Ihre Hauptaufgabe: Kinder bekommen (selbstverständlich vom eigenen Mann) und sie großziehen - in der Regel die eigenen, aber in seltenen Fällen auch die, die der untreue Gatte mit seiner Geliebten gezeugt hat, die auf Anweisung der betrogenen Ehefrau jedoch ihr Leben lassen musste.

Jungen sind in diesem Umfeld wertvoller als Mädchen, weil sie später die Führungsrolle des Vaters übernehmen und/oder ihm die Konkurrenz vom Hals halten sollen. Das Muster erinnert stark an die Gebräuche des europäischen Adels im Mittelalter. Oberstes Gebot für die Ehefrauen: immer den Mund halten und tun, was von ihnen erwartet wird. Liebe ist in diesem Umfeld völlig unwichtig, ganz oben steht die Treue zum eigenen Clan und natürlich die Ehre. 

Doch es gibt auch für die Frauen Grenzen des Erträglichen. Da ist beispielsweise die Ehefrau eines spielsüchtigen rangniederen Mafioso. Als er beim Pokern knapp bei Kasse ist, wirft er anstelle von Geld ein Foto seiner Gattin auf den Tisch. Er verliert und seine Frau muss seinen Einsatz in seinem Beisein "bezahlen". Sie wendet sich an ihren Bruder, einen Polizisten. Der frischt seinen alten Kontakt zu einem Mafioso aus einer anderen Stadt auf, der die Dinge final "regelt" - im Sinne der missbrauchten Frau und ihrem Bruder, aber auch hinsichtlich der Ehrvorstellungen der Mafiosi. In deren Kodex steht nicht etwa die Misshandlung der Frau im Vordergrund, sondern die Unzuverlässigkeit ihres Mannes:
"Weil er zur Gefahr geworden ist. Weil er zum Verräter werden könnte. [...] Wie hätte er sich einem Polizisten gegenüber verhalten, der erdrückende Beweise gegen ihn gehabt hätte? Oder gegenüber dem Capo einer rivalisierenden Familie, der mit einem Handkoffer voller Geld, [...], vor ihm gestanden hätte?"

Saviano schildert nicht nur das Leben von Mafia-Frauen, die aus Angst um ihr Leben oder davor, dass sie bei einem Fehlverhalten ihre Kinder nie mehr wiedersehen würden, ihr Leben lang den Mund halten und sich geräuschlos in die Clanhierarchie einfügen. Er greift auch die Fälle heraus, in denen Frauen aktiv nach der Macht gegriffen haben, wenn sich ihnen die Gelegenheit bot. Sie waren dabei nicht weniger zimperlich als ihre männlichen Pendants.
Die einzelnen Mafia-Gruppierungen gehen mit Frauen allerdings nicht einheitlich um: Die Camorra schätzt es, wenn ihre Anführer promiskuitive Frauenhelden sind. Die Ehefrauen haben jedoch ihren Männern immer treu zu sein. Die Mitglieder der Cosa Nostra leben hingegen monogam, lassen sich nicht scheiden und sind homophob. Schon ein entfernter homosexueller Verwandter kann für sie ein Problem sein. Von einer Frau zurückgewiesen zu werden, wird von Mafiosi grundsätzlich als Ehrverletzung angesehen, die gerächt werden muss. 

Roberto Saviano schreibt über Ereignisse, die zwischen den 1980-er Jahren und zu Beginn dieses Jahrhunderts passiert sind. Anders, als es der Titel vermuten lassen könnte, kommt aber keine der von ihm genannten Frauen selbst zu Wort. Die Informationen hat der Autor aus zweiter Hand erhalten, was an seiner sehr zurückgezogenen Lebensweise liegen dürfte.

Lesen?

Roberto Saviano versteht es, seinen Lesern die Denk- und Handlungsweise der Mafiosi näherzubringen. Es geht um ein archaisches System, das keine Gnade kennt, sondern nur den Machterhalt in den Mittelpunkt stellt. Er verwendet einen romanhaften Stil, der durch hervorgehobene und sachlich formulierte Abschnitte unterbrochen wird. Die eingestreuten Metaphern stören allerdings den Lesefluss und wären inhaltlich nicht nötig gewesen.

Im Grunde handelt Savianos Buch doch wieder von Männern. Männer sind es, die über das Schicksal von Frauen den Daumen heben oder senken, und Männer sind es auch, die die Mafia-Frauen dazu bringen, sich selbst aktiv um die "Geschäfte" zu kümmern, weil der eigene Mann wegen des soundsovielten Mordes Jahre oder Jahrzehnte im Gefängnis sitzt.

Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist vor einem Jahr in der italienischen Originalausgabe erschienen. Dort heißt das Buch Noi due ci appartaniamo. Sesso, amore, violenza, tradimento nella vita dei boss. Auf Deutsch: Wir zwei gehören zusammen. Sex, Liebe, Gewalt, Verrat im Leben von Chefs. 
Der Originaltitel beschreibt besser, was Leserinnen und Leser erwartet.

Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist wie oben erwähnt 2025 im Hanser Verlag erschienen. Das Buch kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Nachtrag: Im letzten Jahr war Italien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Kurz zuvor hatte Roberto Saviano die Regierung von Giorgia Meloni kritisiert. Er gehörte danach nicht zur italienischen Delegation, die nach Frankfurt reiste. Saviano war jedoch trotzdem vor Ort, eine Einladung des Hanser Verlags hatte es möglich gemacht. In einem Interview mit dem SWR warnt er vor einem verharmlosenden Umgang mit der italienischen Regierungschefin: "Europa unterschätzt die Regierung Meloni. Sie halten sie für eine einfache konservative Regierung. Dabei ist es eine rechtsextreme Regierung, die die Institutionen manipuliert. Europa muss also aufpassen, dass das nicht zu anderen herüber schwappt." Saviano hatte zuvor in einem Prozess wegen Beleidigung gegen Meloni verloren und seine Sendung war aus dem staatlichen Fernsehsender RAI hinaus gedrängt worden. Man darf gespannt sein, wie sein weiteres Leben verlaufen wird.

Sonntag, 8. September 2024

# 451 - Szenen einer verzweifelten Ehe

Wie kann man Furchtbares mit poetischen Worten beschreiben? Nassira Belloula gelingt dies in ihrem Roman Marias Zitronenbaum auf eine so empathische Weise, dass man beim Lesen das trostlose Leben der Protagonistin Maria als Ehefrau und Mutter und ihren Weg in Depression und Wahn buchstäblich nachfühlen kann. 

Maria ist gläubige Muslima und lebt mit ihrer Familie in Algerien. Bis sie sechzehn Jahre alt war ist sie behütet und von ihren Eltern geliebt am Mittelmeer aufgewachsen. Doch dann wird sie an einen fremden Mann verheiratet. Sie weiß nichts vom Leben und nichts von Sexualität. Das junge Mädchen, das die Natur und die Weite des Himmels liebt, muss mit ihrem Mann in die Stadt ziehen, wo es niemanden kennt. Am Tag nach der Hochzeit eröffnet er der frisch Verheirateten, was sie ab jetzt nicht mehr darf: Jede Art von Kontakt mit der Außenwelt ist ihr verboten, sogar der Blick aus dem Fenster. Das Haus darf sie nur in Begleitung ihres Mannes verlassen. Alles, was ihre Persönlichkeit ausmacht, will er auslöschen. 

Maria leidet, aber sie widerspricht nicht. Sie hält sich strikt an die Vorgaben des Korans: Wenn sie ihre Rolle als Ehefrau und Mutter erfüllt, wird sie nach ihrem Tod ins Paradies eintreten. Dort wird sie Ali wiedersehen, ihre große und längst verstorbene Liebe. Maria erträgt die Schmähungen ihres Mannes und dass sie von ihren Kindern für ihre angebliche Prüderie und Rückständigkeit ausgelacht wird.

Aber dann sieht Maria dreißig Jahre nach ihrer Heirat zufällig die Fernsehpredigt eines jungen Imams. Was sie da hört, lässt sie zusammenbrechen:
"[...]E
s hieß, dass die fromme, hingebungsvolle und gläubige Ehefrau von Allah belohnt werden wird, dass sie ins Paradies eintreten und dort ihren Mann wiederfinden wird für alle Ewigkeit. Er sagte auch, dass sie ihn ohne Eifersucht oder Zank mit Ehefrauen und Houris teilen werde, eine nach der anderen. Ein Paar wird sich nicht mehr voneinander abwenden können, und eine Stunde dauert dort so lange wie siebzig Jahre auf der Erde. So ist das Paradies konzipiert."

Der Albtraum soll also für alle Ewigkeit weitergehen? Maria beschließt zum Entsetzen ihrer Töchter ihren Mann zu verlassen. Ihre Kinder glaubten bis zu diesem Zeitpunkt daran, dass ihre Eltern eine einvernehmliche und harmonische Beziehung führen würden. Doch nun erkennen sie, wie falsch sie die Situation beurteilt und wie sehr sie ihrer Mutter Unrecht getan haben.

Lesen?

Marias Zitronenbaum schont seine Leserinnen und Leser nicht. Stellen wie "Dieser Ehemann, der unter Schmerzen geehrt wird, um die Schriften nicht zu missachten. In der Religion heißt es, dass der Körper der Frau für den Mann ein Acker zum Pflügen ist", deuten bildlich an, was da jede Nacht im Ehebett geschieht. 

Nassira Belloula stellt außerdem fest: "Seit Anbeginn der Zeit hat das patriarchalische System ein Echo in der Religion gefunden und Gott zu einem Verbündeten in dieser unerbittlichen Entfremdung gegen alles Weibliche gemacht. So lebt dieses System fort, indem es seine Kraft aus dem Penis und nicht aus dem Gehirn bezieht, und jede weibliche Stimme, die aus dem Chaos herauskommen will, unterdrückt und zerstört."

Diese deutlichen Worte der algerischen Feministin, Journalistin und Schriftstellerin Belloula bringen es auf den Punkt, wie das System der Unterdrückung der Frauen funktioniert. Die Religion (nicht nur der Islam) und ihre Schriften sind hierfür der Türöffner. Marias Zitronenbaum beschreibt ein Beispiel von vielen.

Marias Zitronenbaum ist 2021 im Verlag Donata Kinzelbach erschienen (Übersetzung: Tina Aschenbach) und kostet 20 Euro.

Nachtrag: Wenn ihr mehr über Donata Kinzelbach und ihren Verlag in Mainz erfahren möchtet, empfehle ich euch dieses 🠞 Interview, das ich vor einiger Zeit mit ihr geführt habe. Dort werden auch weitere Bücher genannt, die ich in meiner Bücherkiste bereits vorgestellt habe.

 

Montag, 2. September 2024

# 450 - Frauen im ersten Deutschen Bundestag - keine Selbstverständlichkeit

Am 7. September 1949 kamen die 410 Abgeordneten des ersten Deutschen Bundestages zum ersten Mal zusammen. Darunter waren 28 Frauen; bis zum Ende der Legislaturperiode sollten es 38 sein.

Die Herren fremdelten mit der Situation. Sie waren nicht gewohnt, dass eine Frau das Wort ergreift und die eigenen Positionen verteidigt. Zu dieser Unsicherheit gehörte auch die Frage, wie die Kolleginnen angesprochen werden sollen. Zwar saßen zwischen 1919 und 1933 bereits in der Nationalversammlung und im Reichstag insgesamt mehr als 100 Frauen, aber trotzdem mussten die weiblichen Bundestagsabgeordneten um den Respekt und die Anerkennung ihrer männlichen Kollegen kämpfen.

"Der nächste Redner ist eine Dame" war die Aufforderung des ersten Bundestagspräsidenten Erich Köhler an die CDU-Abgeordnete Anne Marie Heiler, das Wort zu ergreifen. Der treffende Titel dieses Sachbuchs deutet an, wie schwer es den weiblichen Abgeordneten gemacht wurde, überhaupt zu Wort zu kommen. Anne Marie Heiler musste 64 Sitzungen auf die Gelegenheit warten, sprechen zu dürfen. Da die Kollegen, die vorher am Rednerpult gestanden haben, ihre zulässige Redezeit überzogen hatten, wurde diese für Heiler kurzerhand reduziert.

Natalie Weis ist Historikerin und arbeitet für den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags. Sie stellt alle weiblichen Abgeordneten des ersten Deutschen Bundestages in mehrseitigen Kurzbiografien vor. Fünf Abgeordnete werden darüber hinaus von Schriftstellerinnen wie zum Beispiel Juli Zeh oder Terézia Mora in längeren Texten porträtiert, wobei jede einen anderen Stil wählt.


Lesen?


Der nächste Redner ist eine Dame bietet den bislang einzigen Überblick über die ersten weiblichen Bundestagsabgeordneten. Die meisten von ihnen sind längst vergessen. Das ist umso bedauerlicher, wenn man erfährt, unter welchem persönlichen Einsatz sie ihre Mandate wahrgenommen haben und wie man immer wieder versuchte, sie in die Ecke der klassischen "Frauenthemen" wie Soziales und Familie zu drängen. Auch, wenn jede Abgeordnete eigene Schwerpunkte hatte: Alle 38 Frauen haben sich nach den üblen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus für den Aufbau und die Stabilisierung der jungen Demokratie stark gemacht, obwohl ihnen viele Steine in den Weg gelegt wurden. Jede Einzelne von ihnen kann mit ihrer Durchsetzungs- und Willensstärke als Vorbild dienen. Diese Entwicklungen nachzuvollziehen, macht das Buch zu einer sehr interessanten Lektüre.

Der nächste Redner ist eine Dame wurde 2024 vom Deutschen Bundestag herausgegeben und ist im Ch. Links Verlag veröffentlicht worden. Das Sachbuch kostet gebunden 25 Euro und als E-Book 18,99 Euro.

Montag, 26. August 2024

# 449 - Eine Revolution: Frauen fahren Fahrrad

Die britische Autorin Hannah Ross lebt für das 
Radfahren. Ihr Großvater nahm an Radrennen teil, sie selbst lässt es aus gesundheitlichen Gründen langsamer angehen. Ross bringt geflüchteten Frauen ehrenamtlich das Fahrradfahren bei und ist Mitglied in einem Fahrradclub. Ihre Urlaube verbringt sie immer auf dem Rad.

Kein Wunder, dass sich die Fahrrad-Enthusiastin Ross Gedanken über die Bedeutung des Radfahrens für Frauen gemacht hat. Der Titel ihres Sachbuchs Revolutions lässt erahnen, was seine Leserinnen und Leser erwartet.

Dass Frauen Fahrrad fahren, war tatsächlich lange Zeit revolutionär. Doch als sich die ersten von ihnen im 19. Jahrhundert auf Fahrräder wagten, wurde nicht nur über diese Ungeheuerlichkeit an sich diskutiert, sondern auch über die hierfür richtige Bekleidung. Praktische Überlegungen spielten da überhaupt keine Rolle, es wurde Wert darauf gelegt, dass Frauen "anständig" gekleidet waren.

Ist es überraschend, dass es vor allem Männer waren, die dem wachsenden Wunsch der Frauen nach Freiheit und Mobilität im Weg standen? Hannah Ross berichtet vom Widerstand der University of Cambridge, den bei ihr eingeschriebenen Frauen einen vollwertigen Abschluss zu ermöglichen. Ein entsprechender Antrag wurde 1897 abgelehnt. Die auf die Entscheidung der Universitätsleitung wartenden Studenten ließen ihre Wut darüber, dass die Gleichbehandlung von männlichen und weiblichen Studierenden überhaupt in Betracht gezogen wurde, an einem gegenüber der Universität aufgehängten Symbol aus: einer Puppe, die eine Frau auf einem Fahrrad darstellte und nur eine Bluse und eine Unterhose trug. Die Studenten zerstörten die Puppe und warfen die Einzelteile vor den Eingang eines nur von Frauen besuchten Colleges.

Dieser Vorgang macht deutlich, wogegen die Studenten rebellierten: Es ging ihnen darum, die eigenen Pfründe zu verteidigen. Die Frauen sollten dort bleiben, wo sie bislang gewesen waren: zu Hause.
Doch die waren dazu nicht mehr bereit. Gegen alle Widerstände stiegen immer mehr Frauen aufs Fahrrad. Zunächst nur die aus wohlhabenden Kreisen, später auch Frauen, die über geringe finanzielle Mittel verfügten. Sie kauften die abgelegten gebrauchten Fahrräder der gutsituierten Damen oder traten Frauen-Fahrradclubs bei, die für kleines Geld Fahrräder verkauften oder verliehen.

Aber aus Sicht der Herren und der Konservativen wurde es noch schlimmer: Immer mehr Frauen entschieden sich für praktische Fahrradbekleidung. Sie legten die bauschigen Röcke und Korsetts ab und trugen Blusen und sogenannte Bloomer, die Pumphosen ähnelten. Diese "Reformkleidung" weckte im viktorianischen England den Verdacht, die Frauen könnten sich durch diesen  maskulinen Bekleidungsstil in Männer verwandeln. Es wurde auch die Vermutung geäußert, dass das Sitzen auf Fahrradsätteln zu Unfruchtbarkeit führen könnte. Der Fantasie, welche üblen Folgen das Fahrradfahren für Frauen haben könnte, waren fast keine Grenzen gesetzt.

Wie groß der Freiheitsdrang mancher Frauen war, zeigte sich am Beispiel von Annie Kopchovsky, die unter dem Namen Annie Londonderry bekannt wurde. Sie startete 1894 von Boston aus zu einer Weltreise - selbstverständlich auf dem Fahrrad. Sie finanzierte ihre Tour, indem sie ihr Fahrrad gegen Entgelt mit Werbetafeln belud. Auch, wenn sie für einzelne Etappen auf andere Verkehrsmittel auswich, gilt sie als die erste Frau, der eine Weltumfahrung mit dem Fahrrad gelungen ist.

Es geht Hannah Ross jedoch nicht nur darum, sich einigen Pionierinnen zu widmen, die Herausragendes bei Radtouren oder -rennen geleistet haben. Sie zeigt auch, dass diese "New Women", die als die Wegbereiterinnen des Frauen-Radfahrens angesehen werden können, nicht so frei waren, wie sie es sich gewünscht haben. Die Konventionen, unter deren Einfluss sie aufgewachsen waren, wirkten nach. So lobte zwar die Zeitschrift The Lady Cyclist den praktischen Nutzen der Reformkleidung, kritisierte aber die "Angeberei einzelner Trägerinnen und ihre Tendenz zu jungenhaften Gesten und Reden, die sie für schockierend unanständig hielt". Dieselbe - von einem Mann herausgegebene - Zeitschrift empfahl die richtige Kleidung, die aber so geschnitten sein musste, dass vorbeifahrende Männer nicht abgeschreckt werden.

Lesen?

Hannah Ross' Buch besticht durch seinen Detailreichtum und die Begeisterung der Autorin für das Radfahren, die in jedem Kapitel deutlich wird. Man ahnt natürlich vor dem Aufschlagen der ersten Seite, dass es um die Benachteiligung der Frauen beim Radfahren gehen muss; welche Dimensionen diese Diskriminierung hat, die bis in unsere Zeit hineinreicht, ist jedoch erschreckend. Vor allem Frauen, die professionell Radrennen fahren, werden bis heute stark benachteiligt. Die Rennen, an denen sie teilnehmen (dürfen), finden nur wenig Publikum, weil sie meistens im Schatten großer Rennveranstaltungen für Männer stattfinden. 

Während erfolgreiche Rennfahrer ein Millionengehalt bekommen, reicht es auch bei den erfolgreichsten Fahrerinnen kaum zum Überleben. Sponsorenverträge für Männer, die zum Beispiel eine Zahlung der Prämien auch im Krankheitsfall vorsehen, findet man bei den Frauen sehr selten. Oft bedeuten Schwangerschaften das Aus ihrer Rennkarriere. An lukrativen Rennen wie der Tour de France dürfen sie nicht teilnehmen. Eine häufige Begründung der Verbände für diese Ungleichbehandlung: Frauen sind solchen Strapazen körperlich nicht gewachsen. Dass etliche Frauen das Gegenteil bewiesen haben, wird systematisch nicht zur Kenntnis genommen.

Wenn man an Revolutions etwas kritisieren möchte, dann das fehlende Quellenverzeichnis. Es ist darum nicht möglich, sich besondere Themenbereiche selbst zu erschließen.

Revolutions mit dem treffenden Untertitel Wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt verändern ist 2021 unter dem Originaltitel Revolutions - How Women Changed the World on Two Wheels erschienen. Die deutsche Übersetzung wurde 2022 im mairisch Verlag veröffentlicht und kostet als Hardcover 24 Euro, als Taschenbuch 16 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Sonntag, 4. August 2024

# 446 - Ein guter Rat gefällig?

Eliza Peabody ist 51 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann
Henry in einem Haus in der Rathbone Road am Rand von London. Das Paar ist seit 30 Jahren verheiratet, hat keine Kinder und gehört zur gehobenen Mittelschicht. Henry ist Diplomat im Außenministerium; Eliza ist nicht berufstätig, weil das in ihrem sozialen Umfeld so üblich ist. Elizas Leben hat sich an Henrys Karriere ausgerichtet: Die beiden haben in Bangkok, Damaskus, Kairo und Washington gelebt, bevor sie nach London zurückkehrten.

Eliza betätigt sich ehrenamtlich in einem christlichen Hospiz. Dort steht sie jedoch nicht den Sterbenden bei, sondern spült das Geschirr. Eliza ist der Meinung, dass sie ihre Meinung jederzeit ungefragt äußern sollte. So hält sie es auch in ihrer Nachbarschaft: In den Briefkästen des Viertels finden sich immer wieder Zettel, auf denen Eliza "hilfreiche" Hinweise geschrieben hat. Doch in Jane Gardams Roman Gute Ratschläge wird deutlich, wo das Problem ist: Sie geht ihren Mitmenschen mit ihren Tipps auf die Nerven.

In ihrer Straße wohnt eine Familie mit zwei Kindern und einem Hund. Vater Charles ist wie Henry im Außenministerium beschäftigt. Elizas Fokus liegt auf der Mutter Joan: Deren hinkender Gang erregt ihre Aufmerksamkeit, und sie schreibt der Nachbarin einen Brief. Darin gibt sie ihr Ratschläge, was es mit Joans Bein auf sich haben könnte: "Ich glaube, es ist etwas Psychologisches, Psychosomatisches, und Charles nimmt es furchtbar schwer. Es macht sowohl ihn als auch dich zum Gespött und ihr ruiniert euch euer Leben."

Viele Leute würden nach so viel Übergriffigkeit an Joans Tür Sturm klingeln und ihr den Marsch blasen. Joan tut nichts dergleichen. Sie schweigt. Kurze Zeit später verschwindet sie und lässt Familie und Hund zurück. Eliza erfährt erst einen Monat später davon. In der Zwischenzeit hat sie der Nachbarin drei weitere Briefe geschrieben, in denen sich eine Instinktlosigkeit an die andere reiht. Als Eliza Joans Verschwinden registriert, stachelt sie das zu weiteren Briefen an, in denen sie der Frau, als deren Freundin sie sich jedes Mal bezeichnet, schwere Vorwürfe macht. Die Briefe sendet sie an Adressen auf einer Liste, die Joan für ihren Mann geschrieben hat.

Mit jedem Brief steigert sich Eliza mehr in ihren belehrenden Wahn hinein, und jeder wird länger und ausufernder. Joan antwortet ihr jedoch nicht. Allerdings kommt der verlassene Charles der Einladung nach, Zeit mit den Peabodys zu verbringen. Das führt nach einigen Monaten zu einem unerwarteten Ereignis: Henry informiert seine Frau darüber, dass er ab sofort mit Charles zusammenleben werde. Die beiden Männer verlassen das Viertel. Eliza bleibt allein im Haus zurück und kreist um sich selbst.

Elizas Briefe werden immer persönlicher. Der ehemaligen Nachbarin, die sie in Wahrheit kaum kennt, erzählt sie intime Details aus ihrem Leben bis hin zum Grund für ihre Kinderlosigkeit. Sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund, als sie das Leben der Frauen in der Nachbarschaft beurteilt: "Vermutlich habe ich bei dir nur beobachtet, was in weniger dramatischer Form bei vielen Frauen unseres Alters in der Rathbone Road zu sehen war: Langeweils, Überdruss, Erkenntnis."

Aber dann kommt der Zeitpunkt, ab dem Eliza von surrealen Erlebnissen erzählt. Da ist ein Professor, dessen Körper schmilzt und in der Kanalisation verschwindet, ein absurdes Gespräch mit ihrer ehemaligen Tutorin in Oxford und unangemeldete Besucher, die angeblich von Joan geschickt wurden. Am unheimlichsten ist ihr Erlebnis mit dem Hospizbewohner Barry, der Eliza besonders am Herzen lag. Sie wird von einer der Schwestern über seinen Tod informiert, eilt an sein Bett und führt dort mit ihm ein langes Gespräch über ihr Leben.

Lesen?

Erst allmählich schält sich heraus, wie Eliza zu der Person geworden ist, die ihrem Mann und ihren Nachbarn heute den letzten Nerv raubt. Doch genau wie Elizas Leben zerfasert, tut es auch die Handlung. Zum Schluss ist nicht klar, was real ist und was nur in Elizas Kopf existiert.

Gute Ratschläge ist ein Entwicklungsroman über eine erwachsene Frau, die reflektiert, dass sie in einer Gesellschaft voll Doppelmoral lebt, in der Frauen vor allem Ehegattinnen zu sein haben, die ihren Männern den Rücken frei halten und mit denen sich diese schmücken können. Gardam zeigt auch, wie es einem Menschen gehen kann, der ein traumatisches Erlebnis mit niemandem teilen und nicht verarbeiten kann. Der Roman hat heitere, aber auch nachdenklich machende Facetten.

Gute Ratschläge ist unter dem Originaltitel The Queen of the Tambourine 1992 erschienen und wurde 2024 erstmals in der deutschen Übersetzung (Übersetzerin: Monika Baark) im Hanser Verlag veröffentlicht. Der Roman kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro und als E-Book 18,99 Euro.

Sonntag, 12. November 2023

# 417 - Männer töten

Absicht oder Zufall? Je nachdem, ob man im Titel von Eva Reisingers Debütroman Männer töten das erste oder zweite Wort betont, ergibt sich ein völlig entgegengesetzter Sinn. Grund genug, sich dieses Buch genauer anzusehen.

Anna Maria ist 30 Jahre alt, Österreicherin und lebt in Berlin. Sie arbeitet seit drei Jahren für ein Praktikantinnen-Salär in einer Agentur für Online-Marketing und hat in der Hoffnung, dort beruflich aufsteigen zu können, ihr Studium geschmissen. Sie hat in Berlin zwei enge Freundinnen, fühlt sich dort aber immer unwohler. Die On-Off-Beziehung mit dem selbstbezogenen Friedrich ist eine Belastung. Anna Marias Leben fühlt sich an, als sei es in einer Sackgasse. 

In dieser Situation lernt sie in einem Club Hannes kennen. Er ist ebenfalls Österreicher und hat in dem abgelegenen oberösterreichischen Dorf Engelhartskirchen den Hof der Eltern übernommen. Kurz, nachdem die beiden einen One-Night-Stand haben, hat Anna Maria einen Fahrradunfall. Der einzige, der ihr auf die Frage des Krankenhausarztes: "Wer kann sie abholen?" einfällt, ist Hannes.

Anna Marias neues Leben beginnt in Engelhartskirchen an Hannes' Seite. Insbesondere die Frauen des Dorfes nehmen sie in ihrer Mitte auf. Gleich zu Beginn wird sie zum Junggesellinnenabschied von Sabine und Josepha eingeladen, dessen wichtigstes Merkmal der maßlose Alkoholkonsum ist. Anna Maria registriert zunächst alles, was ein österreichisches Dorf klischeehaft ausmacht: die idyllische Landschaft, die Kühe auf den Weiden, die Kirche. Doch dann wundert sie sich über die ihr fremden Gepflogenheiten wie die Arbeit der selbsternannte Pastorin, aber nach und nach begreift sie, was diesen Ort von allen anderen im Land unterscheidet: Hier wird das Matriarchat gelebt, und zwar bis zur letzten Konsequenz. Im Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen hält die weibliche Dorfgemeinschaft eisern zusammen: die mit Verächtlichmachung gepaarte Homophobie des Hausarztes, Friedrichs in einer Vergewaltigung mündendes Stalking, ein der Frauengemeinschaft gefährlich werdender Journalist... Sie alle geben Anlässe, sich gegen Männer zu wehren. 

Lesen?

Es ist nicht schwer zu erkennen, welchen roten Faden Eva Reisinger in ihrem Roman verfolgt. In Engelhartskirchen wird die Umkehrung des andernorts vorherrschenden Patriarchats gelebt. Eines Patriarchats, das in Österreich zu durchschnittlich einem Femizid alle zwei Wochen und jährlich 50 Mordversuchen an Frauen führt. In Deutschland verliert im Durchschnitt alle drei Tage eine Frau durch einen Femizid ihr Leben.

Im Unterschied zu den Männern, die einen (versuchten) Femizid begehen, weil sie Frauen nicht als gleichwertig ansehen, verachten die Frauen von Engelhartskirchen die Männer jedoch nicht grundsätzlich. Sie haben allerdings kollektiv beschlossen, sich nicht mehr kleinmachen zu lassen. Und wenn das doch passiert...

Männer töten ist ein gedankliches Experiment, das nicht zur Selbstjustiz aufrufen will. Der Roman dient eher dazu, der Gesellschaft - insbesondere dem männlichen Teil - den Spiegel vorzuhalten. Das hat das Buch sehr gut geschafft. Das schien auch die Jury des Österreichischen Buchpreises so zu sehen, das den Titel auf die Shortlist des Debütpreises 2023 setzte.

Männer töten ist 2023 im Leykam Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Sonntag, 23. Juli 2023

# 402 - Frauen, die schreiben, leben gefährlich

Der Autor und Lektor Stefan Bollmann hat schon
einige Bücher veröffentlicht, in denen es ums Schreiben oder Lesen geht, in der Mehrzahl spielen Frauen darin die Hauptrolle.

Das ist mit dem Buch Frauen, die schreiben, leben gefährlich nicht anders. Bollmann hat sich beispielhaft die Biographien von 36 schreibenden Frauen angesehen, die zwischen dem 12. (Hildegard v. Bingen) und 21. Jahrhundert (Arundhati Roy) leben oder gelebt haben. 

Der Buchtitel legt nahe, dass die schreibenden Frauen um ihr Leben fürchten mussten, wenn sie ihrer Passion nachgingen. Doch ganz so ist es nicht. Allen ist gemeinsam, dass sie durch ihr Schreiben oder das, was sie geschrieben haben, in Schwierigkeiten geraten sind: sei es, weil sie es neben den Pflichten, die ihnen die gesellschaftlichen Konventionen oder der Ehemann auferlegten, das, was sie am liebsten Taten, irgendwie zeitlich unterbringen mussten; sei es, weil ihnen kein geeigneter Platz zum Schreiben zur Verfügung stand; sei es, weil man das, was ihnen am Herzen lag, nicht ernst nahm. Einigen dieser Frauen setzte ihre unbefriedigende Situation so zu, dass sie sich das Leben nahmen.

Bollmann hat die Kurzporträts der schreibenden Frauen in chronologischer Reihenfolge angeordnet, jedoch thematisch auch in sieben Kapitel unterteilt, denen er jeweils eine Erläuterung vorangestellt hat. Da geht es um "Ahnherrinnen schreibender Frauen" oder auch "Weibliche Stimmen der Weltliteratur". 

Das von Elke Heidenreich stammende Vorwort nimmt den Buchtitel wörtlich und stellt Frauen, die das Schreiben in den Tod getrieben hat, in den Mittelpunkt. Dabei stellt sie die Frage, warum "gerade die klügsten, die schöpferischsten, die begabtesten Frauen so sehr am Leben [verzweifeln], dass sie es nicht mehr aushalten können?" Die Antwort, die sie postwendend gibt, zeigt das Dilemma, in dem sich Frauen sowohl in früheren Jahrhunderten als auch heute befinden, wenn sie sich selbst verwirklichen wollen - egal, ob sie schreiben oder etwas ganz anderes tun wollen, das ihnen wichtig ist. Und, ja: Der Schlüssel für diese Zerrissenheit lag und liegt überwiegend bei den Männern. Da ist es kein Wunder, dass Bollmann in seiner Betrachtung von Christine de Pizan (1365-1430), einer der ersten Schriftstellerinnen, die vom Schreiben leben konnte, diesen Ausspruch zitiert:

Liebe Frauen, denkt stets daran, wie sehr die Männer euch der Leichtfertigkeit und Schwäche bezichtigen, wie gewaltige Anstrengungen sie aber andererseits unternehmen, euch in Netzen einzufangen. Flieht, flieht, liebe Frauen."

In seinem Nachwort gibt Stefan Bollmann einen Überblick über die Entwicklung, die das Schreiben für Frauen genommen hat. Spoiler: Freiherr v. Knigge war im 18. Jahrhundert nicht begeistert, dass "Frauenzimmer" professionell mit Literatur umgehen wollten.

Lesen?

Frauen, die schreiben, leben gefährlich gibt einen sehr guten Eindruck über die Probleme, mit denen Frauen fertig werden mussten, die nicht nur daheim das eine oder andere Buch lesen, sondern sich selbst aktiv in die Literaturszene einbringen wollten. Da stellt sich natürlich die Frage, ob sich daran heute etwas entscheidend geändert hat. Bei manchen der Porträts kann man durchaus einen Bogen in die heutige Zeit schlagen und erkennt, dass zahlreiche Schriftstellerinnen bei der Ausübung ihres Berufs anderen Bedingungen unterworfen sind als ihre männlichen Kollegen: Eine Pilotstudie des Projekts #frauenzählen ergab 2018, dass zwei Drittel der in Feuilletons rezensierten Bücher von Männern geschrieben und in der Mehrzahl von Männern besprochen wurden. Kurzum, aus der Sicht der Frauen: Da geht noch was.

Frauen, die schreiben, leben gefährlich ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2014 als Insel-Taschenbuch 4295 im Insel Verlag Berlin erschienen und kostet 9,95 Euro.

Freitag, 10. März 2023

# 384 - Ein "Nachschlag" zum Weltfrauentag

Nach dem Weltfrauentag ist vor dem Weltfrauentag. Ich will nicht falsch verstanden werden: Um die Gleichberechtigung von Frauen zu erreichen, ist noch reichlich Luft nach oben. Der Gender Pay Gap oder die viel zu hohe Zahl der Femizide sind nur zwei Beispiele dafür, dass immer noch, nach mehr als 100 Jahren Frauenbewegung, jede Menge zu tun ist, um eine tatsächliche Gleichstellung zu erreichen. Spätestens, wenn ich dann alle Jahre wieder am 8. März sogar von konservativen Politikern "Alles Gute zum Internationalen Frauentag" lese, weiß ich, dass das nichts für mich ist. Wer Frauen 364 Tage im Jahr geringschätzig behandelt, kann sich das Gesülze am Frauentag sparen.

Deshalb habe ich beschlossen, mich weder in meiner Bücherkiste noch auf meinem zweiten Blog an diesem Tag zu äußern. In den letzten Jahren habe ich das getan und gemerkt, dass das meinem Blutdruck nicht gutgetan hat. Also Schluss damit.

Ich bleibe aber selbstverständlich am Thema dran, was sich auch immer wieder bei der Buchauswahl für die Bücherkiste niederschlägt. Vor Kurzem bin ich auf zwei sehr interessante Titel gestoßen, die ich Euch nun gern vorstellen möchte.

Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer / Ein Zimmer für sich allein

Virginia Woolf hat das Essay bereits 1929 unter dem
Titel A Room Of One's Own veröffentlicht. Es geht auf zwei Vorträge zurück, die Woolf ein Jahr zuvor vor Studentinnen der Cambridge University gehalten hat. Die jungen Frauen studierten an zwei Colleges, die eigens als männerfreie Lernorte gegründet worden waren. Das Thema der Vorträge: "Frauen und Literatur". Die Schriftstellerin rang mit sich, was darunter zu verstehen sei: Literatur über Frauen? Literatur von Frauen? Oder etwas ganz anderes? Sie entschied sich, über die zwei grundlegenden Voraussetzungen zu sprechen, die Menschen zum Schreiben brauchen: genug Geld und einen eigenen Platz zum Arbeiten.

Virginia Woolf bedient sich in ihrem Essay eines literarischen Tricks: Anstelle von sich selbst und ihrer eigenen Wahrnehmung zu sprechen, wenn es um die alltägliche Ungleichbehandlung von Frauen gegenüber Männern geht, lässt sie die fiktive Figur "Mary" für sich sprechen. Mary erlebt, was Woolf anprangert: Frauen dürfen nur in Begleitung eines Mannes die Universitätsbibliothek betreten, und ein örtliches Frauencollege muss um seine Existenz bangen, wenn nicht bald genügend Spenden eingesammelt werden können. Marys Fazit: Während männliche Bildung mit viel Aufwand gefördert wird, müssen Frauen um ihre soziale Stellung und ihr finanzielles Überleben kämpfen.

Die junge Frau will herausfinden, was der Grund für die ungleiche Behandlung von Frauen und Männern ist. Die Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs, die British Library in London, erscheint Mary als die richtige Anlaufstelle für ihr Anliegen. Doch sie wird enttäuscht: Alle Schriften, die sich mit Frauen beschäftigen, wurden von Männern geschrieben. Frauen waren Objekte, die man beobachtete und analysierte, sie nahmen jedoch nicht selbst die Rolle der Forschenden ein.

53 Jahre nach Virginia Woolfs Tod erschien in einer großen deutschen Wochenzeitung ein Essay über die Schriftstellerin. Es beginnt mit diesen Worten: "Sie war eine frigide Frau - und hatte ein Verhältnis mit ihrem Schwager, mit ihrem homosexuellen Kollegen Lytton Strachey und ihrer lesbischen Kollegin Sackville-West, als sie schon glücklich verheiratet war." Mehr muss man nicht wissen, um einen Eindruck davon zu haben, wie der damals bekannte Literaturkritiker Raddatz auf das Leben einer sehr viel bekannteren Schriftstellerin schaute und dass eine solche Einleitung unwidersprochen abgedruckt wurde.

Das Essay wird unter beiden oben genannten Titeln von unterschiedlichen Verlagen vertrieben. Da das gesamte Werk von Virginia Woolf seit dem 1. Januar 2012 gemeinfrei ist, reißt die Serie der deutschen "Neuübersetzungen" nicht ab.

Mary Beard: Frauen & Macht

Knapp 90 Jahre nach Virginia Woolfs Essay ist dieses
Buch der britischen Altphilologin und Cambridge-Professorin Mary Beard erschienen: Frauen & Macht. Beard beschäftigt sich darin mit der Frage, warum Frauen immer noch um Gleichberechtigung und Respekt ringen müssen und wie sie (von Männern) zum Schweigen gebracht werden.

Mary Beard geht weit in der Zeit zurück. Sie erläutert, dass die Rollenzuschreibungen ("Frauen können nicht...", "Frauen sind nur geschaffen für..." etc.) ihre Wurzeln in den großen Schriften der römischen und griechischen Antike haben. Insbesondere im antiken griechischen Theater kommen Frauen nicht gut weg, sobald sie in irgendeiner Form mit Macht in Berührung kommen: Entweder sie handeln, wie es ein Mann tun würde, oder sie missbrauchen ihren Einfluss. Die Verbindung von Macht und Frauen gilt als unnatürlich und nicht angebracht. Und immer geht es um das Recht zu sprechen, das Frauen schon damals oft verwehrt wurde.

Es sind die antiken Werke, die viele schon aus der Schule kennen, die Frauen per se einen niedrigeren Status als Männern zuweisen. Beard führt beispielhaft die Odyssee von Homer oder die Metamorphosen von Ovid an. Auch der Satz "Orator est vir bonus dicendi peritus" - "Ein Redner ist ein tüchtiger, im Reden erfahrener Mann" - lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wie sinnvoll man es in der damaligen Gesellschaft fand, wenn Frauen ihre Stimme erhoben. 

Aber jetzt sind wir im 21. Jahrhundert und alles ist viel besser - oder? Nein, wie Beard anhand von Beispielen nachweist. Ob es sich um den Versuch, eine US-Senatorin 2017 während einer Sitzung mundtot zu machen oder die bis heute geltenden Protokolle und Regeln des britischen Unterhauses aus dem 19. Jahrhundert handelt: Frauen wird immer noch zu oft das Recht verwehrt, sich zu äußern. Mary Beard belässt es nicht bei der Beschreibung dieses Missstands, sondern sie schlägt vor, wie diesem heute begegnet werden kann.

Frauen & Macht ist 2018 im S. Fischer Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 13 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Lesen?

Keine Frage, beide Bücher sind absolut lesenswert, und zwar nicht nur für Frauen. Es ist völlig inakzeptabel, dass sich immer noch Männer in der Öffentlichkeit herabsetzend über Frauen äußern, ihnen de facto den Mund verbieten und das praktisch nicht kommentiert wird.
Heute fast vergessen sind die Ansichten des "Literaturpapstes" Reich-Ranicki. Als 1977 der erste Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt stattfand, kommentierte er den Vortrag der Schriftstellerin Karin Struck so: "
„Wen interessiert, was eine Frau denkt, was sie fühlt, während sie menstruiert? Das ist keine Literatur – das ist ein Verbrechen.“ Noch im Jahr 2000 behauptete er zum wiederholten Mal, Frauen könnten keine Romane schreiben. Ihre Domäne sei die Lyrik und sie müssten mit dem Schreiben aufhören, sobald sie Kinder bekämen. Warum? "Fragen Sie einen Gynäkologen!" Sein 2002 erschienener 20-bändiger Literaturkanon enthält folgerichtig kein einziges Werk einer Frau.

Zum Schluss noch ein bisschen Statistik, die belegt, dass es Frauen in der Welt der Literatur nach wie vor schwer haben: Zwei Drittel der veröffentlichten Bücher stammen von Männern; Buchrezensionen in der Presse oder im Radio werden überwiegend von Männern und ebenfalls überwiegend über Titel von Autoren erstellt. Das habe ich übrigens im Buch Frauen Literatur - abgewertet, vergessen, wiederentdeckt von Nicole Seifert gelesen.



Donnerstag, 13. Oktober 2022

# 367 - Nimm den Raum ein: So lernen Frauen das freie Sprechen

Die Britin Viv Groskop ist Journalistin, Stand-Up-Comedian und mit ihrem Buch How to own the room Bestsellerautorin. Im September 2022 ist der Erfolgstitel nun auch auf Deutsch erschienen und es stellt sich die Frage: Was ist der Grund für die Begeisterung der Leserinnen - und vielleicht auch Leser?

Von Frauen und der Magie brillanter Reden lautet der Untertitel, und tatsächlich haben es Frauen schwerer, vor Publikum gehört zu werden. Das hat verschiedene Gründe, denen Groskop hier auf den Grund geht und Hilfestellungen gibt. Ohnehin sind die meisten Bücher, die sich mit Rhetorik beschäftigen, auf Männer ausgerichtet. Kein Wunder, denn fast alle wurden von Männern geschrieben.

Doch was meint Groskop, wenn sie von "to own the room", also davon, "den Raum zu besitzen", schreibt? Wer vor Publikum spricht, weiß, dass es oft nicht so einfach ist, es für sich zu gewinnen und zum wirklichen Zuhören zu bringen. Auch traditionelles Verhalten führt dazu, dass zum Beispiel sprechende Frauen häufiger von Männern unterbrochen werden oder ihnen ein wenig wertschätzender Ton entgegengebracht wird. Gar nicht so einfach, das nicht nur auszuhalten, sondern trotzdem eine gute Präsentation zu liefern, die bei den Zuhörenden Respekt und Aufmerksamkeit erzeugt.

Viv Goskop empfiehlt jedoch kein festes Muster, an das sich Frauen halten sollen, um erfolgreiche Redenrinnen zu sein. Das wird auch daran deutlich, dass sie unterschiedliche Frauen beschreibt, die ihr Publikum auf ihre individuelle Art und Weise "mitnehmen": Angela Merkel, Michelle Obama und Oprah Winfrey sind nur einige Beispiele. Aber was zeichnet sie aus? Waren sie gewissermaßen "von Natur aus" begnadete Rednerinnen? Sind ihre Reden immer perfekt? Und was hat es mit dem "Happy High Status" auf sich, von dem immer häufiger die Rede ist?

Lesen?

In zwölf Kapiteln schreibt Viv Groskop nicht nur über Rednerinnen, die ihren eigenen Stil entwickelt haben und ihre Zuhörerinnen und Zuhörer fesseln können, sondern gibt auch praktische Tipps, die die eigenen Nerven beruhigen und den Fokus auf das Wesentliche richten sollen. Wo hat man sonst schon mal gelesen, dass es hilft, durch die Füße zu "atmen"? 

Die Pandemie hat den Trend zu Videokonferenzen vorangetrieben. Ihnen widmet die Autorin ein eigenes Kapitel, in dem es nicht nur um das richtige Sprechen, sondern auch um praktische Hinweise geht: Wohin schaut man? Wann spricht man? Wie professionell muss ein Video-Meeting sein?

Frauen, die ihre Angst vor dem freien Sprechen verlieren wollen, sind mit diesem Buch gut beraten.

How to own the room ist 2022 im Haufe Verlag erschienen und kostet als broschierte Ausgabe 19,95 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.



Montag, 6. Juni 2022

# 350 - Butter, Tote und gesellschaftliche Normen - alles in einem Roman

Manako Kajii ist dick, selbstsüchtig und wird
beschuldigt, drei Männer getötet zu haben. Die Tötungsart ist höchst merkwürdig: Die Frau, die mithilfe von Internet-Partnerportalen ihre späteren Partner kennenlernte, kocht leidenschaftlich gern. Dabei spart sie nicht an Kalorien: Butter gehört zu ihren liebsten Zutaten, und das reichhaltige fettige Essen soll den Männern den Garaus gemacht haben. Zumindest indirekt. Ganz direkt hat sie vom Vermögen der Verblichenen profitiert.

Rika Machida ist auf den ersten Blick das genaue Gegenteil: Die Journalistin achtet penibel darauf, sehr schlank zu bleiben, hat einen Freund, der wie sie mit seiner Arbeit sehr eingespannt ist, und will beruflich weiterkommen. Die beiden Frauen treffen im Roman Butter der japanischen Schriftstellerin Asako Yuzuki aufeinander, und was als Recherche für eine mehrteilige Interview-Serie über die mutmaßliche Mörderin Manako angelegt ist, entwickelt sich nach und nach in eine andere unerwartete Richtung.

Rikas Versuche, die Angeklagte im Untersuchungsgefängnis zu befragen, scheitern zunächst. Erst als die Journalistin auf Manakos Bedingung eingeht, deren Gerichte nachzukochen, kommt es zu mehreren Begegnungen im Besucherraum. Rikas anfängliche Abneigung gegen die Frau, der es egal zu sein scheint, was andere über ihre Figur und ihren Lebensstil denken, weicht einer gewissen Faszination. Sie wird von Manako nicht nur dazu gebracht, ungewohntes Essen zuzubereiten und zu verzehren, sondern sie lässt sich von der Gefangenen auch an Orte schicken, die deren Lebensweg geprägt haben. Rika erkennt erst spät, dass sie manipuliert wird. Während ihrer Recherche wird sie jedoch auch mit einem traumatischen Ereignis aus ihrer Kindheit konfrontiert, dem sie sich erst jetzt stellt.

Butter erzählt nicht nur die Geschichte einer Mörderin, sondern Asako Yuzuki nutzt die Figur der Rika sowie ihrer besten Freundin Reiko dazu, deutliche Kritik am japanischen Gesellschaftsmodell zu üben: Von Frauen wird nicht nur erwartet, dass sie schlank und gepflegt sind, sondern sich dem immensen beruflichen Leistungsdruck ebenso beugen wie Männer - sogar, wenn sie eine Familie haben. Sobald sie verheiratet sind, sollten sie sich allerdings beruflich im Hintergrund halten; wenn das erste Kind geboren ist, wird das Leben der Frauen im Idealfall allein von der Familie bestimmt. Das scheint tatsächlich nötig zu sein, denn Männer werden in diesem Roman als derart unselbständig beschrieben, dass sie sich nicht selbst eine Mahlzeit zubereiten können und ohne eine Frau an ihrer Seite verwahrlosen. Dass es sich dabei auch um moralische Verwahrlosung handeln kann, schildert Yuzuki mit einer Episode aus Manakos Kindheit, in der ein Kinderschänder im Mittelpunkt steht.

Wie nebenbei lernt man nicht nur, wie bestimmte Gerichte zubereitet werden, sondern auch, wie sich die Menschen in Japan im Winter in ihren Wohnungen vor der Kälte schützen. Tipp: Eine Heizung, wie wir sie kennen, ist dort nicht üblich.

"Enjokōsai" ist ein Phänomen, das uns auch hier nicht fremd ist. Das Wort bedeutet "Aushilfsbegleitung" und meint, dass sich Oberstufenschülerinnen von älteren wohlhabenden Männern aushalten lassen - sehr oft spielt dabei der Sex eine große Rolle. Enjokōsai ist zwar mittlerweile verboten, wird aber gesellschaftlich toleriert. Es spielt in der Handlung des Romans zwar nur eine untergeordnete Rolle, wirft aber ein weiteres Schlaglicht auf die japanischen Moralvorstellungen.

Lesen?

Wer japanische Literatur kennenlernen möchte oder sich bereits dafür begeistert, sollte Butter unbedingt lesen. Es hilft, die wiederkehrenden japanischen Ausdrücke nachzuschlagen, um sich besser in die Handlung hineinzuversetzen. Ich weiß jetzt beispielsweise, worum es sich bei einem Kotatsu handelt.

Butter ist 2022 im Blumenbar Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 23 Euro.

Freitag, 1. April 2022

# 342 - Wut - Nicht unbedingt die Wurzel der Zerstörung

Der Hirzel Verlag widmet sich in einer neuen Buchreihe
den sogenannten Todsünden. Zeitgleich mit dem Titel Gier erschien Wut - Mut zum Zorn. Die Ärztin und Journalistin Johanna Kuroczik hat sich einem emotionalen Zustand gewidmet, der uns sehr befremdet, wenn wir ihn bei anderen Menschen wahrnehmen.

Kuroczik sieht sich die Wut von allen Seiten an. Sie wirft einen langen Blick zurück in die Geschichte der Menschheit und stellt Ausbrüche von Zorn (der eigentlichen Todsünde) schon bei Gott fest: Der tobende und Angst machende Gott nimmt die Position eines strafenden Vaters ein, während Jesus' Zorn nicht länger als unbedingt nötig aufflackert, um sich dann in eine positive Energie zu verwandeln, die Gutes tut.
Wer übrigens glaubt, dass die sieben Todsünden aus der Bibel stammen, erfährt, dass hierbei (wieder mal) ein Papst seine Finger im Spiel hatte.

Selbstverständlich ist auch den modernen Menschen unserer Zeit die Wut nicht fremd. Johanna Kuroczik berichtet von Studien, die sich mit dem Bruder des Zorns, dem Jähzorn, beschäftigen, und stellt einen fundamentalen Unterschied zwischen beiden fest: Im Gegensatz zur Wut lässt sich der Jähzorn nicht kontrollieren. Wer aber dessen Wurzeln kennt, kennt auch Strategien, damit umzugehen.

Wut (oder Zorn) hat ihren Ursprung in unserem Gehirn. Um das verständlich zu machen, stellt die Autorin die aktuellen Erkenntnisse aus der Hirnforschung vor und macht deutlich, dass es für einen Wutausbruch nicht den einen Grund, sondern ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren gibt. Ein leicht reizbarer Mensch macht es sich zu einfach, sich mit dem Verweis auf seine Gene aus der Verantwortung zu ziehen.

Kann Wut auch eine positive Wirkung haben? Und richtet sie sich nur gegen diejenigen, die man ohnehin nicht leiden kann? Auf diese Fragen gibt Johanna Kuroczik einfache und verständliche Antworten, die man vor dem Lesen ihres Buches möglicherweise nicht so deutlich gesehen hätte.

Wut wird gesellschaftlich sogar unterschiedlich wahrgenommen, wenn sie bei Männern oder Frauen beobachtet wird: Ein wütender Mann wird eher als durchsetzungsstark empfunden als eine aus der Haut fahrende Frau. Aber woher kommen diese rational nicht nachvollziehbaren Bewertungen?

Das nachfolgende Zitat Johanna Kurocziks befindet sich zwar nicht am Ende ihres Buches, kann aber gut als Fazit dienen:
"Gefühle erfüllen einen Zweck - sonst hätte die Evolution sie längst abgeschafft. Wut im gesunden Maße ist ein integraler Bestandteil des Menschsein. Es gibt kein Leben ohne Zorn." (Seite 120)

Lesen?

Wut - Mut zum Zorn ist trotz des Buchtitels keine Aufforderung, sein Leben als wandelnder Hochofen zu verbringen, sondern wirft einen klaren und sachlichen Blick auf eine Emotion, die tatsächlich Gutes bewirken, aber ungebremst für viel Zerstörung sorgen kann. Eine sehr interessante Lektüre, die ein neues Licht auf diese Todsünde wirft.

Wut - Mut zum Zorn ist im März 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 15 Euro (Klappenbroschur).

Samstag, 29. Januar 2022

# 334 - Willkommen im Jahr 2030

Der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Mauro F. Guillén ist Dekan der Cambridge Judge Business School und widmet sich als Experte für globale Markttrends schwerpunktmäßig den Themen Globalisierung sowie dem Aufstieg der multinationalen Unternehmen in Schwellenländern. Mit seinem aktuellen Buch 2030: Die Welt von morgen wirft er einen Blick in eine Zukunft, die nicht mehr weit entfernt ist.

Wovon hängt die globale Entwicklung im Wesentlichen ab? Guillén stützt seinen Blick nach vorn auf Daten zur Bevölkerungsentwicklung (Wo wird die Zahl der Geburten voraussichtlich zurückgehen und wo wird sie ansteigen?), macht sich über die Bevölkerungsgruppe mit der größten Kaufkraft Gedanken und beobachtet, wie sich die Mittelschicht - und damit die Verbraucherkaufkraft - global sehr unterschiedlich entwickelt.

Der Wissenschaftler geht außerdem davon aus, dass es 2030 eine bisher nie dagewesene Situation geben wird: Mehr als die Hälfte des weltweiten Vermögens wird sich in der Hand von Frauen befinden. Guillén rechnet deswegen damit, dass mehr Geld in die Gesundheitsvorsorge, die Bildung und in Versicherungen fließen wird, weil dies die Bereiche sind, die von Frauen traditionell am ehesten finanziell unterstützt werden. Auch auf die Finanzmärkte wird sich diese Verlagerung auswirken, weil die meisten Frauen nicht zu riskanten Investitionen neigen. Auf Frauen wartet eine weitere gute Nachricht: Durch den demographischen Wandel stehen immer weniger qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung, sodass die Wirtschaft immer stärker auf entsprechend ausgebildete Frauen angewiesen ist. In Japan lässt sich dieser Trend bereits beobachten.

Auch der Klimawandel treibt Mauro Guillén um. Auf Städte entfallen 75 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs und 80 Prozent der globalen Kohlendioxid-Emissionen. Außerdem heizen sie sich wegen ihrer starken Bodenversiegelung schnell auf und befeuern so die Erderwärmung. Der Wissenschaftler schlägt Wege vor, die das Leben in Städten umweltfreundlicher und nachhaltiger werden lassen. Ein Umdenken und Verhaltensänderungen sind dringend nötig: 80 Prozent der Menschen werden von steigenden Meeresspiegeln bedroht sein. Wohlgemerkt: 2030.

Mauro Guillén spinnt den Faden weiter und beschreibt den künftigen Umgang mit Konsum ("Sharing Economy"), den technischen Fortschritt (effiziente WC-Lösungen und die Ausweitung des 3D-Drucks) sowie den Umgang mit Kryptowährungen.

Lesen?

Mauro F. Guillén benennt in seinen Prognosen die zentralen Probleme, die die Weltgemeinschaft beschäftigen. Was ihn von zahlreichen anderen Wirtschaftswissenschaftlern unterscheidet, ist seine Betrachtung von Wechselwirkungen: Themenfelder werden nicht isoliert betrachtet, sondern miteinander in Verbindung gebracht. Leseempfehlung!

2030: Die Welt von morgen ist 2021 im Verlag Hoffmann & Campe erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Freitag, 14. Januar 2022

# 322 - Geht es "nur" um Geld?

Wir sind im Jahr 2022. 60 Prozent der Frauen
überlassen Geldangelegenheiten ihren Männern, drei Viertel von ihnen bereuen es später - wenn ihr Mann verstirbt oder sich scheiden lassen will. Das ist die Realität: Zu viele Frauen begeben sich ohne Not in eine finanzielle Abhängigkeit, obwohl die Zeiten, in denen sie nur mit der Erlaubnis ihres Gatten Geldgeschäfte tätigen durften, seit 1958 vorbei sind. 

Das neueste Buch der Volkswirtin und Finanzjournalistin Birgit Wetjen Just Money ist als Aufruf insbesondere an junge Frauen zu verstehen, sich selbst um ihre Finanzen zu kümmern und die Verantwortung für ihren Vermögensaufbau und ihre Altersvorsorge aktiv in die Hand zu nehmen.

Bigit Wetjen ist etwa so alt wie ich (Mitte 50), und beim Lesen ihres Buches habe ich oft bestätigend genickt, wenn sie schilderte, wie sie in ihrer Jugend den Umgang der damaligen Frauen mit Geld erlebt hat. Der Mann war der Verdiener, viele Frauen bekamen Haushaltsgeld zugeteilt und mussten um Geld bitten, wenn sie etwas nur für sich kaufen wollten. Frauen aus der Generation unserer Eltern hatten die in der NS-Zeit beschworene Rollenteilung in den Familien nahtlos in die Nachkriegszeit hinübergerettet und vertraten reflexhaft die Meinung, dass Männer der kompetentere Teil der Menschheit sind - ohne allerdings entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben.

Wetjens Buch kann dazu beitragen, solche Automatismen, die es trotz der Fortschritte bei der Gleichberechtigung immer noch gibt, zu durchbrechen. In fünf Kapiteln beschreibt die Autorin, in welche Fallen Frauen (immer noch) laufen; ganz vorn ist die "Romantikfalle", die häufig bei der Hochzeit, aber spätestens mit der Geburt des ersten Kindes zuschnappt. Die Finanzexpertin hält ihren Leserinnen den Spiegel vor und gibt sinnvolle Tipps, wie Frau ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Da geht es um das Erkennen und Auflösen von Glaubenssätzen, das Vertreten des eigenen Standpunkts, die Planung der eigenen beruflichen Laufbahn, ohne das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen und den Abschied von der "Rabenmutter" - einem Begriff, den es laut Wetjen nur in der deutschen Sprache gibt.

Zu vielen Inhalten bietet Just Money Checklisten oder Übersichten an. Das Buch eignet sich auch für Leserinnen, die sich bislang nicht um ihre eigenen Finanzen gekümmert haben und zeigt, dass der Aufbau eines soliden Vermögens keine Raketenwissenschaft ist, sondern schlicht und einfach nötig - damit man nicht zu den Frauen gehört, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, um irgendwie über die Runden zu kommen. Es wird sehr deutlich, dass finanzielle Sicherheit gleichbedeutend mit Unabhängigkeit ist. Darauf sollte keine Frau verzichten.

Die Zielgruppe des Buches sind wie schon erwähnt junge Frauen, die am Beginn ihrer Berufstätigkeit stehen und/oder eine Familie gründen wollen. Von vielem, worüber Wetjen schreibt, profitieren jedoch auch Frauen, die ihren Beruf schon eine Weile ausüben. Darum: Leseempfehlung für die meisten Frauen!

Just Money ist 2021 im Goldegg Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro.


Nachtrag: Hier könnt ihr Birgit Wetjen in einem Interview für das Börsenmagazin Der Aktionär aus dem Jahr 2019 sehen. Frauen und Finanzen beschäftigen sie schon länger.