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Mittwoch, 8. Oktober 2025

# 489 - Eine Frau kämpft im Bürgerkrieg um ihr (Über-)Leben

Isabel Allende ist mit ihrem neuesten Roman Mein
Name ist Emilia del Valle
 einem roten Faden treu geblieben, der sich durch die meisten ihrer Bücher zieht: Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die unter schwierigen Umständen aufwächst und sich eines Tages vornimmt, ihren biologischen Vater, der ihre Mutter nach einer kurzen Affäre verlassen hat, zu suchen. Es ist nicht einfach, dieses Ziel zu erreichen: Emilia wird 1866 als Tochter einer irischstämmigen Nonne geboren und wächst im armen Teil von San Francisco auf. Ihr Vater ist ein chilenischer Adeliger, von dem sie nichts außer seinem Nachnamen weiß: del Valle.

Emilia findet schon als junge Frau Gefallen am Schreiben. Sie beginnt als 17-Jährige mit Groschenromanen und wird mit 23 bei der örtlichen Tageszeitung angestellt - obwohl sie eine Frau ist. Aber sowohl die Heftchen als auch die Zeitungsreportagen werden unter ihrem männlichen Pseudonym veröffentlicht. 

Doch dann verdichten sich in Chile 1891 die Anzeichen für einen Bürgerkrieg. Emilia ergreift die Gelegenheit und bittet ihren Vorgesetzten, für die Zeitung vor Ort recherchieren zu dürfen. Gemeinsam mit einem befreundeten Kollegen macht sie sich auf den Weg nach Südamerika.

Bis zu diesem Zeitpunkt zeichnet Allende ihre Hauptfigur als freiheitsliebende junge Frau, die entgegen der damaligen Moralvorstellungen auch nicht davor zurückschreckt, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, ohne verheiratet zu sein. Sie ist strukturiert und geht zielstrebig vor, um ihre Vorstellungen durchzusetzen.

In Chile angekommen, lernt Emilia die Grausamkeit des Bürgerkriegs kennen, aber auch den Zusammenhalt und Schutz durch eine Frauengruppe, die die Kämpfer auf dem Schlachtfeld versorgt. Ihr Beruf als Journalistin öffnet ihr Türen, die ihr als Ausländerin normalerweise verschlossen geblieben wären.

Leider beginnt diese Zielstrebigkeit zu bröckeln, als Emilia ihren Vater findet. Er ist dem Tod nah, erkennt sie aber als seine Tochter an. So erbt sie ein entlegenes Grundstück im Regenwald, mitten in den Jagdgründen der Mapuche. Die Entscheidung, die sie nun trifft, ist fern von jeder rationalen Überlegung und lässt sich auch emotional nur schwer herleiten. Doch ihr Kollege, der in Chile von einem Begleiter zu ihrem Partner geworden ist, hält an der Beziehung fest. 

Lesen?

Isabel Allendes in ihren Werken immer wiederkehrendes Thema Feminismus und ihre Auseinandersetzung mit ihrer Heimat Chile prägen auch Mein Name ist Emilia del Valle. Und wie gewohnt fließen auch eigene Erfahrungen der Autorin in die Handlung ein. Ein Hauch Erotik darf auch diesmal nicht fehlen, aber die entsprechenden Szenen wirken mehr kitschig als leidenschaftlich.

Insgesamt ist Mein Name ist Emilia del Valle ein gutes Buch, es reicht aber nicht an andere Romane von Isabel Allende heran.

Mein Name ist Emilia del Valle ist 2025 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro sowie als E-Book 23,99 Euro.

Dienstag, 1. April 2025

# 471 - Die Rolle der Frauen in der Mafia, erzählt von einem Mafia-Experten

Der italienische Journalist und Autor Roberto Saviano
wurde 2006 schlagartig auch außerhalb seines Heimatlandes bekannt, als sein erstes Buch erschien: Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra. Er deckte darin die mafiösen Strukturen in seiner Heimatstadt Neapel auf und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Seitdem ist Savianos vorheriges Leben beendet: Er braucht ständig Personenschutz und verlässt nur selten das Haus. Die Mafia vergisst nicht.

In diesem Monat ist Savianos neuestes Buch erschienen: Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia. Der Hanser Verlag, der das Buch herausgebracht hat, schreibt auf seiner Homepage, es sei "erstmals ein Buch über die Rolle der Frau in der Mafia". Dass das nicht den Tatsachen entspricht, zeigen Titel wie zum Beispiel die der österreichischen Journalistin Mathilde Schwabenender-Hain Die Stunde der Patinnen: Frauen an der Spitze der Mafia-Clans (erschienen 2014) oder Sie packen aus - Frauen im Kampf gegen die Mafia (erschienen 2020) sowie Ich war eine Mafia-Chefin: Mein Leben für die Cosa Nostra von Guiseppina Vitale (erschienen 2010). 
Der Klappentext ist da eindeutig: Es ist Savianos erstes Buch über die Frauen der Mafia. Er erzählt in zwölf Kapiteln von ebenso vielen Frauen, die in eine Mafia-Familie hineingeboren wurden oder einen Mafiosi geheiratet haben. Auf viele von ihnen trifft beides zu: Sie wurden als Töchter wie eine Handelsware von einer Mafia-Familie in die andere weitergereicht, um einen der Söhne zu heiraten. Viele waren mit dreizehn oder vierzehn Jahren noch sehr jung, als sie schwanger wurden und geheiratet haben. Ihre Hauptaufgabe: Kinder bekommen (selbstverständlich vom eigenen Mann) und sie großziehen - in der Regel die eigenen, aber in seltenen Fällen auch die, die der untreue Gatte mit seiner Geliebten gezeugt hat, die auf Anweisung der betrogenen Ehefrau jedoch ihr Leben lassen musste.

Jungen sind in diesem Umfeld wertvoller als Mädchen, weil sie später die Führungsrolle des Vaters übernehmen und/oder ihm die Konkurrenz vom Hals halten sollen. Das Muster erinnert stark an die Gebräuche des europäischen Adels im Mittelalter. Oberstes Gebot für die Ehefrauen: immer den Mund halten und tun, was von ihnen erwartet wird. Liebe ist in diesem Umfeld völlig unwichtig, ganz oben steht die Treue zum eigenen Clan und natürlich die Ehre. 

Doch es gibt auch für die Frauen Grenzen des Erträglichen. Da ist beispielsweise die Ehefrau eines spielsüchtigen rangniederen Mafioso. Als er beim Pokern knapp bei Kasse ist, wirft er anstelle von Geld ein Foto seiner Gattin auf den Tisch. Er verliert und seine Frau muss seinen Einsatz in seinem Beisein "bezahlen". Sie wendet sich an ihren Bruder, einen Polizisten. Der frischt seinen alten Kontakt zu einem Mafioso aus einer anderen Stadt auf, der die Dinge final "regelt" - im Sinne der missbrauchten Frau und ihrem Bruder, aber auch hinsichtlich der Ehrvorstellungen der Mafiosi. In deren Kodex steht nicht etwa die Misshandlung der Frau im Vordergrund, sondern die Unzuverlässigkeit ihres Mannes:
"Weil er zur Gefahr geworden ist. Weil er zum Verräter werden könnte. [...] Wie hätte er sich einem Polizisten gegenüber verhalten, der erdrückende Beweise gegen ihn gehabt hätte? Oder gegenüber dem Capo einer rivalisierenden Familie, der mit einem Handkoffer voller Geld, [...], vor ihm gestanden hätte?"

Saviano schildert nicht nur das Leben von Mafia-Frauen, die aus Angst um ihr Leben oder davor, dass sie bei einem Fehlverhalten ihre Kinder nie mehr wiedersehen würden, ihr Leben lang den Mund halten und sich geräuschlos in die Clanhierarchie einfügen. Er greift auch die Fälle heraus, in denen Frauen aktiv nach der Macht gegriffen haben, wenn sich ihnen die Gelegenheit bot. Sie waren dabei nicht weniger zimperlich als ihre männlichen Pendants.
Die einzelnen Mafia-Gruppierungen gehen mit Frauen allerdings nicht einheitlich um: Die Camorra schätzt es, wenn ihre Anführer promiskuitive Frauenhelden sind. Die Ehefrauen haben jedoch ihren Männern immer treu zu sein. Die Mitglieder der Cosa Nostra leben hingegen monogam, lassen sich nicht scheiden und sind homophob. Schon ein entfernter homosexueller Verwandter kann für sie ein Problem sein. Von einer Frau zurückgewiesen zu werden, wird von Mafiosi grundsätzlich als Ehrverletzung angesehen, die gerächt werden muss. 

Roberto Saviano schreibt über Ereignisse, die zwischen den 1980-er Jahren und zu Beginn dieses Jahrhunderts passiert sind. Anders, als es der Titel vermuten lassen könnte, kommt aber keine der von ihm genannten Frauen selbst zu Wort. Die Informationen hat der Autor aus zweiter Hand erhalten, was an seiner sehr zurückgezogenen Lebensweise liegen dürfte.

Lesen?

Roberto Saviano versteht es, seinen Lesern die Denk- und Handlungsweise der Mafiosi näherzubringen. Es geht um ein archaisches System, das keine Gnade kennt, sondern nur den Machterhalt in den Mittelpunkt stellt. Er verwendet einen romanhaften Stil, der durch hervorgehobene und sachlich formulierte Abschnitte unterbrochen wird. Die eingestreuten Metaphern stören allerdings den Lesefluss und wären inhaltlich nicht nötig gewesen.

Im Grunde handelt Savianos Buch doch wieder von Männern. Männer sind es, die über das Schicksal von Frauen den Daumen heben oder senken, und Männer sind es auch, die die Mafia-Frauen dazu bringen, sich selbst aktiv um die "Geschäfte" zu kümmern, weil der eigene Mann wegen des soundsovielten Mordes Jahre oder Jahrzehnte im Gefängnis sitzt.

Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist vor einem Jahr in der italienischen Originalausgabe erschienen. Dort heißt das Buch Noi due ci appartaniamo. Sesso, amore, violenza, tradimento nella vita dei boss. Auf Deutsch: Wir zwei gehören zusammen. Sex, Liebe, Gewalt, Verrat im Leben von Chefs. 
Der Originaltitel beschreibt besser, was Leserinnen und Leser erwartet.

Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia ist wie oben erwähnt 2025 im Hanser Verlag erschienen. Das Buch kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Nachtrag: Im letzten Jahr war Italien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Kurz zuvor hatte Roberto Saviano die Regierung von Giorgia Meloni kritisiert. Er gehörte danach nicht zur italienischen Delegation, die nach Frankfurt reiste. Saviano war jedoch trotzdem vor Ort, eine Einladung des Hanser Verlags hatte es möglich gemacht. In einem Interview mit dem SWR warnt er vor einem verharmlosenden Umgang mit der italienischen Regierungschefin: "Europa unterschätzt die Regierung Meloni. Sie halten sie für eine einfache konservative Regierung. Dabei ist es eine rechtsextreme Regierung, die die Institutionen manipuliert. Europa muss also aufpassen, dass das nicht zu anderen herüber schwappt." Saviano hatte zuvor in einem Prozess wegen Beleidigung gegen Meloni verloren und seine Sendung war aus dem staatlichen Fernsehsender RAI hinaus gedrängt worden. Man darf gespannt sein, wie sein weiteres Leben verlaufen wird.

Sonntag, 1. Oktober 2017

#Buchpassion - Lieblingsautor

#Buchpassion - Was steckt dahinter?

 

Die Buchbloggerin Janine Rumrich aus Chemnitz schreibt auf ihrem Blog Kapri-zioes schon seit vier Jahren über ihre Leidenschaft, das Bücherlesen. Sie hat in diesem Jahr zum zweiten Mal die Online-Aktion "Buchpassion" gestartet, die sich an Autoren, Leser, Blogger und Unternehmen aus der Buchbranche richtet. Die Aktion aus dem letzten Jahr hatte ich nicht mitbekommen, doch diesmal habe ich mich angeschlossen. Die Aufgabe: Stell deinen Lieblingsautor oder deine Lieblingsautorin vor. Erster Reflex: Was? Nur eine/n? Aus dem Stand fallen mir mehrere ein, die an dieser Stelle genannt werden sollten. Also nachgedacht. Wessen Bücher mochte ich (fast) ausnahmslos? Wessen Bücher würde ich ein weiteres Mal lesen oder habe es schon getan? Wer gibt mir etwas mit, an das ich mich noch erinnere, wenn das Buch schon längst wieder im Regal steht?

Das ist er: mein Lieblingsautor

 

Mein Lieblingsautor wurde 1927 geboren und ist 2014 verstorben - wie ich irgendwo gelesen habe, war er in den letzten ein oder zwei Jahren vor seinem Tod dement. Er stammt aus Kolumbien, hat ein bewegtes Leben hinter sich und 1967 den Roman Cien años de soledad  veröffentlicht, für den er 15 Jahre später den Literaturnobelpreis bekam: Gabriel García Márquez. Dieses Buch, das das erste von ihm war, das ich gelesen habe, ist drei Jahre nach der Originalausgabe unter dem deutschen Titel Hundert Jahre Einsamkeit erschienen. In dieser abgebildeten Ausgabe von 1982 steht es noch heute in meinem Bücherschrank. Gelesen habe ich es vermutlich um 1985 herum. Nach diesem Buch war ich von Márquez "infiziert", und ich habe nach und nach alle seine Titel gelesen, die auf Deutsch erschienen sind.

Warum gerade er?

 

Márquez war bekennender Sozialist und auch mit Fidel Castro befreundet, aber kein demagogischer Typ. Seine politische Überzeugung spiegelt sich mehr oder weniger stark in allen seinen Büchern wider, ist aber nicht der Grund, warum er seit Jahrzehnten bei mir ganz oben steht. Ich habe vielmehr bewundert, wie es Márquez immer wieder geschafft hat, Elemente seines Lebens mit einer fiktionalen Geschichte sowie politischen Ereignissen in Südamerika zu verbinden. Dieses Heranziehen von tatsächlichen Begebenheiten hat ihn auch in Bedrängnis gebracht: In Bericht eines Schiffbrüchigen geht es zwar vordergründig "nur" um die Erlebnisse eines schiffbrüchigen Matrosen eines kolumbianischen Kriegsschiffs, tatsächlich aber wird beim Lesen deutlich, dass das Kriegsschiff in erster Linie deshalb gesunken ist, weil es mit geschmuggelten Haushaltsgeräten hoffnungslos überladen war. Ein Umstand, dessen Bekanntwerden dem damaligen kolumbianischen Diktator Pinilla so wenig gefiel, dass sich Márquez genötigt sah, mehrere Jahre aus dem Ausland für eine kolumbianische Tageszeitung zu arbeiten.
Márquez' Nachlass ist vielfältig und umfasst nicht nur Romane wie Hundert Jahre Einsamkeit, Die böse Stunde oder Von der Liebe und anderen Dämonen. Da die Arbeit als Zeitungsjournalist nach seinem abgebrochenen Jura-Studium lange Zeit Márquez' Brotberuf gewesen ist, finden sich in seinem literarischen Gesamtwerk auch hiervon Spuren. Der Titel Die Abenteuer des Miguel Littín ist hierfür ein Beispiel: Der chilenische Regisseur, dem es während der Diktatur von General Pinochet streng verboten war, in sein Heimatland zurückzukehren, führte in Chile 1985 in einer generalstabsmäßig geplanten Aktion mit mehreren Teams heimlich Dreharbeiten an einem Dokumentarfilm über die bis dahin schon zwölf Jahre dauernde Militärdiktatur durch. Márquez lässt Littín in seinem Buch erzählen; durch die Ich-Form erreicht die Reportage eine große Authentizität und so etwas wie einen greifbaren Realismus. Im Band Zwischen Karibik und Moskau - Journalistische Arbeiten 1955-1959 berichtet Márquez von seinen Eindrücken, die er damals von Europa westlich und östlich des Eisernen Vorhangs und Venezuela hatte. Interessant: 1959 hatte er von Berlin das Bild einer "irren Stadt" ("Berlin es un disparate") und sprach im selben Jahr davon, dass "der russische Mensch allmählich der Gegensätze überdrüssig" werde; gemeint waren die Gegensätze zwischen der westlichen Konsumwelt und der der UdSSR sowie der Diskrepanz dessen, was der Staat wollte (Erfolge in der Raumfahrt etc.) und dem, was seine Bürger brauchten (ein regendichtes Dach über dem Kopf, haltbare Schuhe an den Füßen usw.). Diese Schilderungen sind immer klar und deutlich, dabei aber unaufgeregt und sachlich.
Ich habe, bevor ich mit dem Schreiben dieses Textes begonnen habe, alle Bücher, die sich von Gabriel García Márquez in meinen Regalen befinden, um mich herum aufgebaut und hatte die Vorstellung, zu jedem eine Kleinigkeit zu schreiben. Angesichts der Länge, die dieser Text bereits erreicht hat, verkneife ich mir das nun. Wer bisher noch nichts von Márquez gelesen hat, sollte zum Einstieg mit Zwölf Geschichten aus der Fremde beginnen. Anhand der hier versammelten Erzählungen kann man den Erzählstil des Autors gut kennenlernen und entscheiden, ob man mehr von ihm lesen möchte.

An der Aktion Buchpassion sind natürlich noch etliche andere Blogs beteiligt. Welche das sind, könnt ihr hier erfahren.