Freitag, 24. April 2026

# 503 - Mallorca in der "schönsten" Zeit des Jahres

Till Raether ist als Sachbuchautor und Verfasser der bislang siebenteiligen Krimi-Reihe um Kommissar Adam Danowski bekannt. Mit Meeresdunkel 
veröffentlicht er seinen ersten Thriller.

Raether siedelt die Handlung auf Mallorca an. Die Cala Santanyi im Südosten der Insel ist klein, aber malerisch und bei Touristen beliebt. An ihrem Ufer reihen sich Apartmentanlagen, Hotels und auch Privathäuser aneinander. Auch das Haus, in dem sich der Großteil der Handlung abspielt.

In den Herbstferien, wenn es in Deutschland schon kühl ist, lässt sich der Sommer auf Mallorca gut verlängern. Das denken sich auch zwei Hamburger Familien. Jede von ihnen bucht unabhängig voneinander für eine Woche ein etwas abgerocktes Ferienhaus, das es dafür zu einem Spottpreis gibt. Der Haken: Vor Ort stellt sich heraus, dass die Unterkunft doppelt vergeben wurde. An einen Umzug ist nicht zu denken: Mallorca ist ausgebucht.

Die fünf Erwachsenen und drei Kinder arrangieren sich mit der ungewohnten Situation. Alles, was während des Urlaubs passiert, wird aus der Sicht des 8-jährigen Juri, seines Vaters Samuel sowie der Mutter der zweiten Familie, Henrike, erzählt. Man erfährt, dass es in den Ehen kriselt und erlebt mit, dass durch die Selbstüberschätzung des einen Vaters beinahe eine Katastrophe passiert, bei der es Tote hätte geben können. 

Bis zu diesem Zeitpunkt - etwa der Hälfte des Buches - ist die Atmosphäre vergleichsweise entspannt. Doch der Vorfall reißt die ersten Gräben auf. Der Urlaub ist jetzt bereits verpfuscht, aber es kommt noch dicker: Im Haus liegt Henrikes Bruder ermordet auf dem Tisch. Wer ist dafür verantwortlich und aus welchem Grund? Die Polizei zu holen, ist keine Option: Über Mallorca bricht ein schweres Unwetter herein, das es Polizei und Rettungskräften unmöglich macht, jedem Notruf nachzugehen - sofern überhaupt Notrufe abgesetzt werden können, denn auch Telefon- und Internetverbindungen sind unterbrochen. Die Gruppe muss einen Weg finden, mit der Situation zurechtzukommen und ahnt noch nicht, dass sich ein alter Mann auf dem Dachboden versteckt hat. Was hat er in diesem Haus zu suchen?

Lesen?

Meeresdunkel ist interessant geschrieben, für einen Thriller fehlt aber eine Portion Thrill. Raether rollt eine Familiengeschichte auf, von der die meisten Hausbewohnerinnen und -bewohner bis zu diesem Urlaub nichts geahnt haben. Nach und nach wird klar, dass ihr Zusammentreffen kein Zufall gewesen ist.

Aber nicht alles an der Handlung ist überzeugend. Dazu gehören die charakterlichen Beschreibungen einiger Personen sowie ihre manchmal nicht nachvollziehbaren Reaktionen. Das Ende ist überraschend, von einem großen Zufall bestimmt und macht den Eindruck, als wollte Raether eine Fortsetzung vorbereiten.

Meeresdunkel ist 2026 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 18 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Donnerstag, 16. April 2026

# 502 - Eine Familie voller Enthusiasten

Markus Orths erschafft für seinen neuen Roman Die
Enthusiasten
die fünfköpfige Familie Bär: die Geschwister Vincent, Elfie und Marcellus sowie die Eltern, die ihrer Funktion entsprechend nicht mit ihren Namen benannt, sondern als Mutter und Vater angesprochen werden.

Jede freie Stelle des Elternhauses ist mit Bücherstapeln bedeckt, die Eltern horten im großen Stil antiquarische Bücher, für die der Vater immer neue Abstellflächen erschafft. Das Familienheim hat eine so verwunschene Atmosphäre, dass es von den Bärs als Hexenhäuschen bezeichnet wird. Sprechen die Bücher miteinander? Der Vater, der sein Leben lang als Schriftsetzer gearbeitet hat, und die Mutter, die eine Quelle fantasievoller Geschichten ist, würden diese Vermutung bestätigen.

Doch eines Tages verschwindet die Mutter von einem Tag auf den anderen. Ist sie aus freien Stücken gegangen? Wurde sie Opfer eines Verbrechens? Auf diese Fragen wird es bis zur letzten Seite keine Antwort geben. Klar ist jedoch: Die Abwesenheit der Mutter ist eine traumatische Zäsur für die Kinder und ihren Vater. Die individuellen Interessen, die in ihnen allen angelegt waren, nehmen schnell fanatische Züge an: Der Vater führt literarische Statistiken, Marcellus steigert sich in seine Filmliebe hinein, Elfie jagt der Dunklen Materie hinterher und Vincent, die zentrale Figur in diesem Roman, entdeckt seine Liebe zu Laurence Sterne, einem weltberühmten Autor des 18. Jahrhunderts.

Vincents Obsession beschränkt sich nicht auf Sternes bekannte neun Bücher; mit zwei weiteren Sterne-Fans pflegt er die Idee, dass es noch ein zehntes Buch geben müsse, das irgendwann verloren gegangen ist. 
Die Situation eskaliert, als sich die drei Sterne-Anhänger anlässlich des 250. Geburtstags ihres Idols an seinem Grab im britischen Coxwold zusammenfinden. Sie besuchen das Dorf jedes Jahr, doch diesmal ist etwas anders: Ein Unbekannter bietet ihnen Sternes ersehntes zehntes Buch zum Kauf an und verlangt 150.000 Pfund. Mit Abschriften zweier Kapitel zerstreut der Fremde die letzten Zweifel an der Echtheit des Werkes. Doch die Drei können den Betrag nicht aufbringen. Aber wo kein Geld ist, hilft vielleicht Gewalt weiter: Vincent steigert sich derart in den Wunsch hinein, das zehnte Buch zu besitzen, dass er zu allem bereit ist.

Lesen?

Die Enthusiasten ist ein Fest für Fans von Wortspielereien und -verfremdungen. Immer wieder reihen sich über längere Passagen Absurditäten aneinander, die nur den Sinn haben, mit Sprache zu jonglieren. Der Kern der Handlung erschließt sich jedoch erst im letzten Zehntel des Romans: Orths blickt in eine Zukunft, in der Literatur auf anderen Wegen erstellt wird als heute, und lässt das Für und Wider eines solchen Szenarios von Vincent und dem Fremden ausdiskutieren. Wer die Entwicklung des schriftstellerischen Schreibens in den letzten Jahren verfolgt hat, ahnt, was gemeint ist.

Orths Buch hat leider Längen, die vermeidbar gewesen wären. Manche Sprachspiele wirken sehr gewollt und ausufernd, an etlichen Stellen wird der Zufall überstrapaziert und die Logik ignoriert. Wenn man damit leben kann, diese Abschnitte nur quer zu lesen, hält man gute Unterhaltung in den Händen.

Der Verlust der Mutter, der immer wieder betrauert wird, führt nicht dazu, dass sich die Familie ernsthaft um die Aufklärung ihres Verschwindens bemüht. Es ist irritierend, dass das Fehlen derjenigen Person, um die zuvor das Familienleben kreiste, jahrzehntelang nur melancholische Apathie und keine Aktivität auslöst.

Die Enthusiasten ist 2026 im Galiani Verlag, einem Imprint des Verlags Kiepenheuer & Witsch, erschienen. Die gebundene Ausgabe kostet 24 Euro, das E-Book 19,99 Euro.


Dienstag, 7. April 2026

# 501 - Was bleibt von unserem Leben?

Die Genealogie, also das Erforschen unserer
Ahnenreihe, ist seit etlichen Jahren beliebt. Mithilfe von speziellen Plattformen lassen sich technisch einfach Stammbäume herstellen; für zahlende Besucher werden außerdem Services angeboten wie zum Beispiel das Verknüpfen mit Stammbäumen anderer angemeldeter Nutzer.

Doch diese Art, seinen Vorfahren nachzuspüren, hat einen Nachteil: Man erfährt deren Namen sowie Geburts- und Sterbedaten, mit etwas Glück gibt es noch ein Porträtfoto, aber was unsere Großeltern, Großtanten etc. gedacht, erlebt und erlitten haben geht aus solchen Darstellungen nicht hervor. Die Leben bleiben eindimensional.

Der Journalist Henning Sußebach ist bei der Erforschung des Lebens seiner Urgroßmutter Anna anders vorgegangen. Er hat für sein Buch Anna oder: Was von einem Leben bleibt überlieferte Erzählungen aus dem Familienkreis gesammelt, nach Dokumenten gesucht und die relevanten Ereignisse in ihren Wohnorten, Deutschland und der Welt wie eine Schablone auf das gelegt, was er über Anna Raesfeld, geborene Kalthoff, verwitwete Vogelheim in Erfahrung gebracht hatte.

Doch wie war sie denn nun, die für Sußebach unbekannte Urgroßmutter? Sie wurde 1866 geboren, hatte ab 1887 eine Stelle als Dorfschullehrerin im sauerländischen Cobbenrode, heiratete dort zwei Mal, stieg zu einer wichtigen Person des Orts auf und wurde erst spät Mutter. Für fast jeden dieser Meilensteine hat sie Konventionen gebrochen und sich über die damals noch wirkmächtigen konservativen Vorstellungen ihrer Mitmenschen hinweggesetzt. Ihr Leben endete 1932, sie starb an einer damals nicht behandelbaren Krebserkrankung. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod war sie Bürgerin des Königreichs Preußen, des Norddeutschen Bundes, dem Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik. Vier Staaten, mehrere Währungsreformen, ein Weltkrieg, die Folgen der Industrialisierung: Manche Veränderungen kamen abgeschwächt im kleinen Cobbenrode an, andere veränderten das Leben von Grund auf. Es galt immer wieder, sich zu orientieren und das Leben neu zu ordnen.

Henning Sußebach schreibt am Anfang seines Buches über das, was von einem (nicht prominenten) Menschen nach seinem Tod bleibt: "Jeder Mensch stirbt zweimal. Sein erster Tod ist biologisch und der, den wir meinen, wenn wir vom Sterben sprechen. [...] Der zweite Tod, nennen wir ihn den sozialen, vollzieht sich anfangs ganz unmerklich. Beim Begräbnis reden noch alle über die verstorbene Person, auch in den Wochen danach ist sie in den Gedanken der Hinterbliebenen fast so präsent wie zu Lebzeiten, [...].Das Bild des verstorbenen Menschen besteht nur noch aus Bruchstücken, die von Tag zu Tag mehr mit den Gefühlen der Nachfahren zu tun haben und immer weniger mit dessen eigenem Wesen."

Das Leben von Anna Raesfeld ist kurz davor, in Vergessenheit zu geraten und nur noch eine Fußnote der Familiengeschichte zu sein, als sich der Urenkel ihr zuwendet. Irgendwann hätte niemand mehr gewusst, dass sie sieben Geschwister hatte und ihren Vater verlor, als sie zwölf Jahre alt war. Die Armut bestimmte das Leben der großen Familie, die sich nach und nach durch Heirat der Schwestern, Wegzug der Brüder und sogar Auswanderung eines Bruders in alle Winde zerstreute.

Was hat sie bewogen, Dorfschullehrerin zu werden? Hatte sie sich über die Folgen des "Lehrerinnen-Zölibats" Gedanken gemacht? Wie wurde sie als Zugezogene von der Dorfgemeinschaft aufgenommen? War sie eine gute Lehrerin? 
Diese und viele weitere Fragen, die die Lebensdaten eines Menschen erst mit Inhalt füllen, kann niemand mehr beantworten. Henning Sußebach leitet Annas Lebensgefühl anhand der wenigen Fakten, die ihm zur Verfügung stehen, her. Er räumt ein, dass seine Zuschreibungen falsch sein könnten und weist darauf hin, dass Lebensläufe immer im Kontext der damaligen Zeit bewertet werden sollten - und nicht aus dem Blickwinkel derjenigen, die hundert Jahre später leben.

Lesen?

Henning Sußebach hat die Schauplätze besucht, die in Annas Leben wichtig waren. Ihr Geburtshaus in Horn am Teutoburger Wald: abgerissen. Die Kirche, in der Anna zweimal geheiratet hat: abgerissen und durch eine neue ersetzt. Die Schule in Coppenrade, an der sie viele Jahre unterrichtet hatte: abgerissen und durch einen Parkplatz ersetzt. Das sind nur einige Beispiele für eine Vergangenheit, die nach und nach ausgelöscht wurde. Sußebach resümiert: "Das muss das Endstadium des sozialen Sterbens sein. Nach der Person selbst und nach den Erinnerungen an ihre Eigenschaften verschwinden auch die Kulissen, in denen sie lebte."

Sußebach hat es mit viel Einsatz und Empathie geschafft, seine Urgroßmutter aus den zahllosen vergessenen Biografien ihrer Zeit herauszuheben und ihr ein würdiges Andenken zu schaffen.

Anna oder: Was von einem Leben bleibt ist 2025 im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 23 Euro. Es enthält mehrere Fotos.