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Dienstag, 7. April 2026

# 501 - Was bleibt von unserem Leben?

Die Genealogie, also das Erforschen unserer
Ahnenreihe, ist seit etlichen Jahren beliebt. Mithilfe von speziellen Plattformen lassen sich technisch einfach Stammbäume herstellen; für zahlende Besucher werden außerdem Services angeboten wie zum Beispiel das Verknüpfen mit Stammbäumen anderer angemeldeter Nutzer.

Doch diese Art, seinen Vorfahren nachzuspüren, hat einen Nachteil: Man erfährt deren Namen sowie Geburts- und Sterbedaten, mit etwas Glück gibt es noch ein Porträtfoto, aber was unsere Großeltern, Großtanten etc. gedacht, erlebt und erlitten haben geht aus solchen Darstellungen nicht hervor. Die Leben bleiben eindimensional.

Der Journalist Henning Sußebach ist bei der Erforschung des Lebens seiner Urgroßmutter Anna anders vorgegangen. Er hat für sein Buch Anna oder: Was von einem Leben bleibt überlieferte Erzählungen aus dem Familienkreis gesammelt, nach Dokumenten gesucht und die relevanten Ereignisse in ihren Wohnorten, Deutschland und der Welt wie eine Schablone auf das gelegt, was er über Anna Raesfeld, geborene Kalthoff, verwitwete Vogelheim in Erfahrung gebracht hatte.

Doch wie war sie denn nun, die für Sußebach unbekannte Urgroßmutter? Sie wurde 1866 geboren, hatte ab 1887 eine Stelle als Dorfschullehrerin im sauerländischen Cobbenrode, heiratete dort zwei Mal, stieg zu einer wichtigen Person des Orts auf und wurde erst spät Mutter. Für fast jeden dieser Meilensteine hat sie Konventionen gebrochen und sich über die damals noch wirkmächtigen konservativen Vorstellungen ihrer Mitmenschen hinweggesetzt. Ihr Leben endete 1932, sie starb an einer damals nicht behandelbaren Krebserkrankung. Von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod war sie Bürgerin des Königreichs Preußen, des Norddeutschen Bundes, dem Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik. Vier Staaten, mehrere Währungsreformen, ein Weltkrieg, die Folgen der Industrialisierung: Manche Veränderungen kamen abgeschwächt im kleinen Cobbenrode an, andere veränderten das Leben von Grund auf. Es galt immer wieder, sich zu orientieren und das Leben neu zu ordnen.

Henning Sußebach schreibt am Anfang seines Buches über das, was von einem (nicht prominenten) Menschen nach seinem Tod bleibt: "Jeder Mensch stirbt zweimal. Sein erster Tod ist biologisch und der, den wir meinen, wenn wir vom Sterben sprechen. [...] Der zweite Tod, nennen wir ihn den sozialen, vollzieht sich anfangs ganz unmerklich. Beim Begräbnis reden noch alle über die verstorbene Person, auch in den Wochen danach ist sie in den Gedanken der Hinterbliebenen fast so präsent wie zu Lebzeiten, [...].Das Bild des verstorbenen Menschen besteht nur noch aus Bruchstücken, die von Tag zu Tag mehr mit den Gefühlen der Nachfahren zu tun haben und immer weniger mit dessen eigenem Wesen."

Das Leben von Anna Raesfeld ist kurz davor, in Vergessenheit zu geraten und nur noch eine Fußnote der Familiengeschichte zu sein, als sich der Urenkel ihr zuwendet. Irgendwann hätte niemand mehr gewusst, dass sie sieben Geschwister hatte und ihren Vater verlor, als sie zwölf Jahre alt war. Die Armut bestimmte das Leben der großen Familie, die sich nach und nach durch Heirat der Schwestern, Wegzug der Brüder und sogar Auswanderung eines Bruders in alle Winde zerstreute.

Was hat sie bewogen, Dorfschullehrerin zu werden? Hatte sie sich über die Folgen des "Lehrerinnen-Zölibats" Gedanken gemacht? Wie wurde sie als Zugezogene von der Dorfgemeinschaft aufgenommen? War sie eine gute Lehrerin? 
Diese und viele weitere Fragen, die die Lebensdaten eines Menschen erst mit Inhalt füllen, kann niemand mehr beantworten. Henning Sußebach leitet Annas Lebensgefühl anhand der wenigen Fakten, die ihm zur Verfügung stehen, her. Er räumt ein, dass seine Zuschreibungen falsch sein könnten und weist darauf hin, dass Lebensläufe immer im Kontext der damaligen Zeit bewertet werden sollten - und nicht aus dem Blickwinkel derjenigen, die hundert Jahre später leben.

Lesen?

Henning Sußebach hat die Schauplätze besucht, die in Annas Leben wichtig waren. Ihr Geburtshaus in Horn am Teutoburger Wald: abgerissen. Die Kirche, in der Anna zweimal geheiratet hat: abgerissen und durch eine neue ersetzt. Die Schule in Coppenrade, an der sie viele Jahre unterrichtet hatte: abgerissen und durch einen Parkplatz ersetzt. Das sind nur einige Beispiele für eine Vergangenheit, die nach und nach ausgelöscht wurde. Sußebach resümiert: "Das muss das Endstadium des sozialen Sterbens sein. Nach der Person selbst und nach den Erinnerungen an ihre Eigenschaften verschwinden auch die Kulissen, in denen sie lebte."

Sußebach hat es mit viel Einsatz und Empathie geschafft, seine Urgroßmutter aus den zahllosen vergessenen Biografien ihrer Zeit herauszuheben und ihr ein würdiges Andenken zu schaffen.

Anna oder: Was von einem Leben bleibt ist 2025 im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet 23 Euro. Es enthält mehrere Fotos. 




Montag, 19. Januar 2026

# 496 - Eine Mischung aus Familiengeschichte und Fantastik

Der Titel von Anna Maschiks Debütroman Wenn du es
heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
 ist zugleich auch der erste Satz ihres Buches. Die Einstiegsszene spielt auf einem Bauernhof in einem Dorf an der deutschen Nordseeküste, wo Henrike während des Zweiten Weltkriegs ein Schaf "schwarz" schlachtet. Im Gegensatz zu Schweinen sterben Schafe still und verraten nicht ihre Schlächter.

Henrike, die am Neujahrstag des Jahres 1900 als ältestes von fünf Geschwistern am selben Ort geboren wird, ist die Urgroßmutter der Erzählerin Alma und der Ausgangspunkt dieser speziellen Familiengeschichte. Anna Maschik legt dabei den Schwerpunkt auf die Frauen und schildert, unter welchen Umständen sie ihre Leben gemeistert haben. Auffällig ist, dass sich manche Verhaltensweisen wiederholen: Die Mütter haben ein Lieblingskind und eines, mit dem sie sich kaum verbunden fühlen. Außerdem stehen sie dem Wunsch ihrer Töchter nach Bildung im Gegensatz zu den Vätern skeptisch gegenüber.

Henrikes Tochter Hilde wird während des Zweiten Weltkriegs von einem österreichischen Soldaten schwanger. Als der Soldat nach Kriegsende zurückkehrt, geht sie mit ihm und dem kleinen gemeinsamen Sohn nach Österreich. Ihre Schwiegereltern haben dort ein Möbelgeschäft, in das das junge Paar einsteigen kann. Fern der Heimat fühlt sie sich so fremd, wie man sich nur fühlen kann: Ihre Schwiegereltern betrachten sie kritisch, die Stadt ist so viel größer als das Heimatdorf, in der  Stadtwohnung lebt es sich ganz anders als auf dem Bauernhof und die Leute mögen keine Deutschen. Hildes ständiger Begleiter ist das Heimweh.

Das Gefühl der Fremdheit und emotionalen Distanziertheit durchzieht die ganze Handlung. Die Geschwister der jeweiligen Generation gehen sich im besten Fall aus dem Weg, die Eheleute gehen mit ihrer Beziehung pragmatisch um. Zu den Konstanten des norddeutschen Dorflebens gehören die Hebamme Anna und die Leichenfrau Nora, die auch dann vor der Haustür stehen, wenn sie nicht gerufen - aber trotzdem gebraucht werden. Beide umgibt eine besondere Aura, aber keine von ihnen beurteilt oder bewertet die Dinge, die sie sieht.

Eine andere Konstante ist, dass die Personen nur so viel wie nötig miteinander kommunizieren. So wird der Weg für Missverständnisse und gegenseitiges Unverständnis geebnet. Auch Kindern wird das, was sie wegen ihres Alters noch nicht verstehen können, nicht erklärt.

Anna Maschik greift auf zwei weitere Stilmittel zurück: Am Ende vieler Abschnitte fügt sie Listen an, die Sachverhalte kurz und knapp erzählen. Das gilt auch dann, wenn eine dieser Listen leer bleibt. Außerdem schildert Maschik einige Szenen mehrmals aus den unterschiedlichen Perspektiven der Personen. So gelingt es ihr mit wenigen Worten, Stimmungen zu erzeugen und Sachverhalte verständlich zu machen.

Lesen?

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten schlägt zwar einen zeitlich großen Bogen von 1900 bis heute, auf einzelne Zeitabschnitte wird aber nur schlaglichtartig eingegangen. Anna Maschik erzählt die Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern springt zwischen den Zeitebenen vor und zurück.

Die fiktionalen Elemente sind gewöhnungsbedürftig: Da ist Henrikes Sohn Benedikt, der bei seiner Geburt nicht die Augen öffnet, seine gesamte Kindheit und Jugend verschläft und erst als junger Mann aufsteht. Benedikt kann, obwohl er bis zu diesem Tag nur gelegen und mit niemandem geredet hat, sofort gehen und sprechen. Maschik erklärt diesen wundersamen Vorgang nicht, sondern schreibt lediglich: "Es ist nicht natürlich, dass jemand plötzlich als junger Mann erwacht und sprechen und denken kann, als hätte er es irgendwo gelernt." Benedikts erstaunliche kognitive Fähigkeiten führen dazu, dass er gute Ideen hat wie das Gründen einer Dreschgenossenschaft, aber leider auch schlechte: Er will, dass seine Eltern in die NSDAP eintreten, weil er deren Versprechen glaubt, die Höfe zu entschulden. Benedikt stirbt viele Jahre später einsam und verwahrlost auf seinem Hof, Bart und Fingernägel sind meterlang. Hat er zuvor wieder jahrelang geschlafen?

Der Tod wird als etwas beschrieben, das die Verstorbenen so lange im Jenseits hält, bis jemand aus der Familie verstirbt: Benedikts Leiche wird sowohl von der lebenden Nora als auch seinen längst nicht mehr lebenden Eltern aus dem Haus getragen, während Miriam, die Mutter der Erzählerin, in ihrem Gewächshaus als Zitronenbaum in einen Blumentopf eingewachsen ist und von ihrer Tochter gegossen wird. Die Abholung von Miriam wird zu einem Aufmarsch der Toten, die so aussehen, wie die Erzählerin sie in Erinnerung hat.

Es bleibt unklar, ob die fiktionalen Elemente als Metaphern eingesetzt werden. Da sie allerdings stark überzogen sind, wirken sie irritierend.

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ist 2025 im Luchterhand Verlag erschienen und kostet 23 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.
Der Roman stand auf der Shortlist des Österreichischen Debütpreises 2025. 

Freitag, 5. Dezember 2025

# 492 - Was tun, wenn der Ernstfall eintritt?

Ferdinand Gehringer und Johannes Steger sind
Sicherheitsexperten mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Gehringer ist sicherheitspolitischer Berater bei der Konrad-Adenauer-Stiftung, Steger leitet beim "Tagesspiegel" die Redaktion des Background Cybersecurity. Der Titel ihres gemeinsamen Buches Deutschland im Ernstfall scheint sich in die lange Reihe der Sachbücher einzureihen, die seit der sich verschärfenden geopolitischen Lage auf den Markt gekommen sind. Bei vielen von ihnen möchte man sich instinktiv die Decke über den Kopf ziehen und denken: Macht euren Sch... doch allein. Aber diese Haltung bringt selbstverständlich niemanden weiter.

Solch eine fatalistische Stimmung vermittelt dieses Sachbuch nicht. Wie viele andere Politik- und Sicherheitsexperten gehen auch Gehringer und Steger nicht davon aus, dass sich der Ernstfall in Deutschland in erster Linie dadurch bemerkbar macht, dass uns Bomben auf die Häuser fallen. Sie legen ihren Fokus auf die sog. hybride Kriegsführung, die durch gezielte Sabotageakte darauf abzielt, unseren Alltag zu untergraben und die öffentliche Ordnung auszuhöhlen.

Die Autoren erläutern, welche Bedrohungen vor allem im Fokus der Bundeswehr und Sicherheitsbehörden sind und ständig beobachtet werden. Dazu gehören sowohl Desinformation als auch Cyberangriffe, das Ausspähen von kritischer Infrastruktur und Schlüsselindustrien sowie Sabotageakte. Der Fantasie sind hier fast keine Grenzen gesetzt. Die aktuellen Nachrichten legen nahe, dass das meiste davon längst stattfindet.

Aber sind Deutschland und Europa auf diese Bedrohungen eingerichtet? Dieser Frage gehen Ferdinand Gehringer und Johannes Steger nach, und was sie herausfinden, ist ambivalent. Der Gesetzgeber hat es in einigen Fällen bislang versäumt, bestehende Regelungen aus der Zeit des Kalten Krieges an die heutige Zeit anzupassen: Die Privatisierung der früheren Sondervermögen Bundespost und Bundesbahn, die Digitalisierung oder die hybriden Bedrohungen sind juristisch nicht oder nicht ausreichend umgesetzt worden. Viele der alten Gesetze gingen außerdem von der Annahme aus, dass Deutschland wegen der deutsch-deutschen Teilung ein Frontstaat ist und entsprechend verteidigt werden muss. 

Anhand von Szenarien erläutern Steger und Gehringer, was hinter den Begriffen "Spannungsfall",  "Verteidigungsfall", "Zustimmungsfall" und "Bündnisfall" steckt und welche Maßnahmen ergriffen werden, wenn einer von ihnen ausgerufen wird. Als Bürgerin und Bürger hat man eine eher nebulöse Vorstellung davon, was in so einer Situation passiert. Der Staat hat besondere Handlungsbefugnisse und greift auf Gesetze zurück, die bislang keine Rolle gespielt haben - und dann? 

Man erfährt, welche konkreten Gesetze zum Tragen kommen und welche Möglichkeiten das Parlament hat, das Land auf eine kritische Situation vorzubereiten.

Der Begriff, der sich durch das ganze Buch zieht, ist: Resilienz. Dabei geht es um den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt, der sich zum Beispiel in einem starken ehrenamtlichen Engagement ausdrückt. Zitat: "Denn eine widerstandsfähige Demokratie lebt von einer informierten und handlungsfähigen Gesellschaft. Im Ernstfall entscheidet sich die Resilienz eines Landes nicht nur in den politischen und militärischen Lagezentren, sondern im Alltag seiner Bürgerinnen und Bürger: in der Funktionsfähigkeit von Zivilschutz und Notfallversorgung, im Zugang zu verlässlichen Informationen, im Vertrauen in staatliches Handeln - und in der psychologischen Widerstandskraft der Menschen."

Lesen?

Deutschland im Ernstfall stellt die Fragen, denen die Politik zu oft ausweicht: Wie würde sich der Ernstfall auf staatliches Handeln auswirken? Wie auf die Demokratie? Wie auf unseren Alltag? Die Antworten darauf sind zum Teil unpopulär, geeignete vorbeugende Maßnahmen kosten viel Geld. Beides lädt politische Entscheider nicht unbedingt zur Offenheit ein - obwohl das nötig wäre.

Deutschland im Ernstfall ist keine Panikmache und keine Anleitung für Prepper. Mit dem Buch möchten die Autoren darüber aufklären, was im Ernstfall passiert und wie wir selbst etwas beitragen können, um die Situation so gut wie möglich zu bewältigen. Das ist ihnen gelungen. 

Deutschland im Ernstfall ist 2025 bei Hoffmann & Campe erschienen. Das Buch kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Donnerstag, 4. September 2025

# 487 - Elefanten in Berlin lösen eine Regierungskrise aus

Gaea Schoeters greift in ihrem neuesten Roman Das
Geschenk
 eine politische Begebenheit aus den Jahren 2023 und 2024 auf: Mehrere europäische Staaten, darunter auch Deutschland, sprachen sich dafür aus, das EU-Recht hinsichtlich des Imports von Jagdtrophäen zu verschärfen. Die Einfuhr von beispielsweise Elfenbein sollte nach Ansicht des Bundesumweltministeriums „insgesamt reduziert und im Einzelfall ganz verboten“ werden. 
Botswanas Präsident 
Mokgweetsi Masisi war darüber verärgert, er und andere afrikanische Staatschefs werteten diesen Vorschlag als neokoloniale Einmischung. Im Scherz drohte Masisi, 20.000 Elefanten nach Deutschland zu schicken.

Schoeters hat den Faden weitergesponnen und in ihrem Buch tatsächlich den botswanischen Präsidenten Elefanten nach Berlin schicken lassen. Eines Tages werden einige von ihnen im Morgennebel am Spreeufer gesehen, nach und nach tauchen im ganzen Stadtgebiet immer mehr auf. Zum Schluss werden 20.000 Tiere gezählt. Sie trampeln nieder, was ihnen vor ihre Füße kommt, brauchen riesige Mengen Futter und hinterlassen wahre Kotberge. Außer, dass die riesigen Kotfladen stinken, haben sie noch eine andere Wirkung: In ihnen sind unverdaute Samen aus der afrikanischen Heimat der Elefanten, die die Pflanzenwelt der Hauptstadt verändern. Das bezieht auch hohe Gebäude ein, die schon nach bis dahin elf vergangenen Wochen in einen grünen Mantel eingewoben sind. Geht das wirklich so schnell? Die Antwort: nein.

Die Elefanten-Armada hat aber nicht nur eine ökologische Dimension, sondern wirft auch finanziell, sicherheitstechnisch und politisch reichlich Probleme auf. Bundeskanzler Hans Christian Winkler wird von der Gesamtsituation kalt erwischt. Er muss diese Krise unbedingt bewältigen, denn die nächsten Wahlen stehen an und er will sein Amt gegen den Rechtsaußen-Politiker Holger Fuchs verteidigen. Während ein Krisenstab eingerichtet wird und man Zuständigkeiten hin und her schiebt, verschärft sich die Situation.

Die Elefanten werden von der Bevölkerung zu Beginn ihres Auftauchens als Ereignis angesehen, aber hundert Tage später lehnen sich ganze Berufsgruppen von den Landwirten bis zu den Müllwerkern gegen ihre Anwesenheit auf. Der Kanzler steht als Versager da, sein Kontrahent Fuchs gewinnt in Wählerumfragen an Boden. Der Satz "Wir schaffen das!", fällt auch hier, damit auch die und der Letzte die Parallelen sieht. Wer kann da helfen? Winkler wendet sich an Ex-Kanzlerin Erika Fuchs, die einen Rat parat hat.

Doch kaum, dass sich eine Lösung anbahnt, ergeben sich neue Probleme: Wie kann verhindert werden, dass sich die Elefantenpopulation vergrößert?

Das Ende des Romans erinnert stark an Vorschläge, was mit illegal eingereisten Menschen, die nicht in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden können, passieren sollte. 

Lesen?

Vor etwa einem Jahr habe ich hier Trophäe vorgestellt, das erste Buch von Gaea Schoeters, das auf Deutsch übersetzt wurde. Nicht nur ich war von diesem Roman begeistert, der inhaltlich und sprachlich überzeugte. Inhaltlich knüpft Das Geschenk daran an, wenn auch weniger überzeugend.

Die amüsante Grundidee, dass sich ein afrikanischer Regierungschef mit dem Verschicken von Wildtieren für eine politische Entscheidung rächen könnte, wird schon ab dem Zeitpunkt unglaubwürdig, in dem völlig unklar ist, wie die Tiere nach Berlin gekommen sind. Doch offensichtlich geht es Schoeters nicht um Elefanten und Artenschutz. Im Verlauf der Handlung wird immer klarer, dass die Elefanten metaphorisch für illegal eingereiste Flüchtlinge stehen, die nun insbesondere von Holger Fuchs für politische Propaganda herhalten müssen: "Und so muss der durchschnittliche, hart arbeitende Deutsche für den Schaden geradestehen, für den invasive afrikanische Arten als Folge irgendeines woken Gesetzes verantwortlich sind." Die Situation ist "der perfekte Nährboden für eine Partei, die nur Phrasen drischt und von der Unzufriedenheit der Bürger lebt. Dass ihre Lösung [...] nicht umsetzbar ist, ist egal; sie können das einfach rausposaunen, ohne es je umsetzen zu müssen."

Die Handlung des Romans erstreckt sich über 435 Tage, wobei Schoeters in großen Zeitsprüngen erzählt. Auf weniger als 150 Seiten reißt sie Themen wie Natur- und Artenschutz, Landwirtschaft, Integration, Klimakrise, Postkolonialismus, die Fallstricke des Politikbetriebs, Wirtschaft, ... - habe ich etwas vergessen? - an, vertieft jedoch nichts davon. Am Ende des Buches bleibt die Frage: Wollte Gaea Schoeters ihre Leserinnen und Leser amüsant unterhalten oder sie zum Nachdenken bringen? 
Von den Geschlechterklischees habe ich da noch gar nicht angefangen. 

Das Geschenk ist 2025 im Zsolnay Verlag erschienen (Übersetzung: Lisa Mensing) und kostet als gebundenes Buch 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.



Montag, 25. August 2025

# 486 - VW, China und eine Familiengeschichte

Wer kennt Wenpo Lee? Vermutlich nur wenige Menschen; und das, obwohl Herr Lee für den Volkswagen-Konzern buchstäblich der Türöffner für den Einstieg ins China-Geschäft war und eine beeindruckende Lebensgeschichte hat. Der Journalist Felix Lee hat sich mit seinem Buch China, mein Vater und ich der Lebensgeschichte seines Vaters gewidmet, die eng mit Deutschland und dem Volkswagen-Konzern verknüpft ist.

Wenpo Lee wurde 1936 in Nanjing, der damaligen Hauptstadt Chinas, geboren. Seit dem Sturz der Qing-Dynastie - und damit der Beendigung der 2.000-jährigen Herrschaft chinesischer Kaiser über China -  im Oktober 1911 und der Ausrufung der Republik drei Monate später befand sich das Land im Aufruhr. Die unruhige und instabile Situation mündete 1927 in den bis 1949 dauernden Chinesischen Bürgerkrieg, der mit dem Sieg der Kommunisten über die nationalistische Partei Kuomintang und der Gründung der Volksrepublik China endete. Am 1. Oktober 1949 proklamierte Mao Zedong die Chinesische Volksrepublik.

Das ist ein stark verkürzter geschichtlicher Abriss, der die Not, in der sich die Bevölkerung während dieser jahrzehntelangen Machtkämpfe befand, nicht annähernd beschreiben kann. Die Armut der Menschen war so groß, dass jeder um sein eigenes Überleben kämpfte. 

Die Familie Lee lebte vom Getreidehandel. Als die Soldaten der Kommunistischen Partei 1948 auf Nanjing zumarschierten, war Wenpo Lees Vater klar, dass sein Geschäft unter deren Herrschaft am Ende war. Wenpo floh als 12-Jähriger mit zwei Schwestern und einem Schwager nach Taiwan. Doch seine Hoffnung, seine Familie bald wiederzusehen, erfüllte sich fast dreißig Jahre lang nicht: Mao Zedong schirmte Festland-China völlig von der Außenwelt ab. Die geflüchteten Chinesen und Chinesinnen galten als Klassenfeinde, der Kontakt zu ihnen war verboten.

Wenpo arbeitete in Taiwan in einem Fahrradgeschäft und lernte dort die Grundlagen der Mechanik. Einer Fachhochschuldozentin fiel dort die besondere Begabung des Jungen auf. Sie nahm ihn bei sich auf und bezahlte seinen Schulbesuch. Danach besuchte Wenpo erfolgreich eine Fachhochschule und eine Militärhochschule, an der er Fahrzeugtechnik studierte. Sein nächster Schritt war wieder einem glücklichen Umstand zu verdanken: Einer der dortigen Professoren hatte in Deutschland Motorentechnik studiert und riet Wenpo, das ebenfalls zu tun. Der junge Mann folgte dem Rat 1962, studierte in Aachen Maschinenbau und promovierte. Er bewarb sich erfolgreich auf eine Stelle als Ingenieur bei Volkswagen in Wolfsburg, heiratete eine Chinesin und wurde nicht viel später zum ersten Mal Vater. 

1972, nachdem Mao Zedong zu einer Rückkehr zur Normalität aufgerufen hatte, wagte es Wenpo, seinem Vater einen Brief zu schreiben. Das war die erste Kontaktaufnahme mit der Familie auf Festland-China seit 24 Jahren. Es sollte noch weitere fünf Jahre dauern, bis Wenpo Lee seine Heimatstadt Nanjing wiedersah. Zwei Jahre zuvor war sein zweiter Sohn Felix geboren worden.

Lesen?

Felix Lee hat mit China, mein Vater und ich ein spannendes Buch geschrieben, in dem er anschaulich die Entwicklung Chinas von einem bitterarmen und unbedeutenden Land zu einem machtbewussten und wirtschaftlich stark prosperierenden Staat beschreibt, der einen großen Einfluss auf die Weltpolitik ausübt.

Und inwiefern war Wenpo Lee für VW ein Türöffner ins China-Geschäft? Das ist eine Anekdote, die Felix Lee gleich im ersten Kapitel beschreibt. 1978, als sein Vater dort eine Forschungsabteilung zur Entwicklung sparsamer Motoren leitete, standen einige Chinesen unangemeldet am Werkstor. Niemand wusste, was sie wollten. Einer von ihnen bezeichnete sich selbst als den chinesischen Maschinenbaumeister. Man bat ihn, den einzigen Chinesen im Werk, zu dolmetschen. Die Familie Lee war völlig in Deutschland integriert. Ihr Leben unterschied sich in nichts von dem deutscher Familien. Wenpo Lee hatte sich lange Zeit nicht mehr für die chinesische Politik interessiert und starke Zweifel, dass es sich bei der Gruppe am Werkstor tatsächlich um Chinesen handeln könnte. Für Deutsche sahen Asiaten schließlich alle gleich aus. Doch er sollte sich irren: Die Delegation wurde vom chinesischen Minister für Land- und Industriemaschinen angeführt und interessierte sich für Nutzfahrzeuge. Dieser Tag markiert den Grundstein für das Engagement von Volkswagen in China, das ohne Wenpo Lees Vermittlung so nicht oder erst später zustande gekommen wäre.

Wenpo Lee starb vor wenigen Wochen im Alter von 89 Jahren in Wiesbanden.

China, mein Vater und ich ist 2023 im Aufbau Verlag erschienen. Mir lag die Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2024 vor, die 5,-- Euro kostet.

Felix Lee gewann 2023 mit seinem Buch den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

Montag, 12. Mai 2025

# 474 - Geschichte einer manipulativen Beziehung

Die serbische Schriftstellerin Milica Vučković hat bereits
einige literarische Auszeichnungen erhalten. Nun ist erstmals eines ihrer Bücher auf Deutsch erschienen: In ihrem Roman 
Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen geht es zwar nicht um Sport, aber um andere physische und psychische Verletzungen.

Eva ist knapp über dreißig und lebt nach einer gescheiterten Ehe mit ihrem zweijährigen Sohn bei ihren Eltern in einem Belgrader Vorort. Ihre Eltern sind ihr eine große Hilfe, weil sie sich um ihren Enkel kümmern, damit ihre Tochter arbeiten gehen kann. Doch Eva geht nur wegen des Geldes ins Büro, ansonsten ist sie sowohl von ihrer Tätigkeit als auch von den Kolleginnen und Kollegen angeödet. Ihr Leben läuft aus ihrer Sicht in einer Endlosschleife ab.

Bei einer Firmenfeier lernt Eva den gutaussehenden Viktor kennen. Er stellt sich ihr als Journalist und Schriftsteller vor, die beiden werden ein Paar. Dann folgt etwas, von dem man schon viele Male unter dem Stichwort "toxische Beziehung" gehört hat: Viktor umgarnt Eva mit Komplimenten und Liebesbeteuerungen, um kurz darauf wegen einer Nichtigkeit die Nerven zu verlieren, seine Freundin zu beschimpfen und irgendwann auch zu schlagen. Es folgen Entschuldigungen, Besserungsgelübde und neue Liebesschwüre, bis alles wieder von vorn beginnt. Es gelingt Viktor, Eva mit der Aussicht auf eine rosige gemeinsame Zukunft von Belgrad nach Stuttgart zu locken. Eva ist nun auf Viktor angewiesen, der mit Gemeinheiten, Lügen und Intrigen erreicht, dass seine Freundin in ihrer neuen Heimat keine stabilen sozialen Kontakte aufbauen kann.

Die Geschichte wird als Ich-Erzählung von Eva geschildert, was sie sehr eindringlich und nahbar macht. Was paradox erscheint, in Beziehungen nach diesem Muster jedoch typisch ist: Eva registriert, dass Viktor ein Soziopath und Choleriker ist, der dabei ist, sie zu brechen. Doch wenn es zwischen den beiden zum Streit kommt, ist sie zu oft bereit, die Schuld dafür bei sich zu suchen, um die Wogen zu glätten. Sie beginnt bald, körperlich zu spüren, wenn sich ein neuer Konflikt anbahnt: "[...], im Kopf hörte ich wieder dieses Geräusch, immer nur dieses eine Geräusch, ich stellte mir vor, dass man so ein Geräusch unter solchen Hochspannungstransformatoren, Signalverstärkern hörte, obwohl ich nie unter einem Signalverstärker gestanden hatte, aber das war bestimmt dieses Geräusch."  Auch Evas kleiner Sohn leidet unter der katastrophalen Situation: Er wird immer stiller und beginnt, sich wieder einzunässen. Das Kind wird je nach Situation zu Evas Eltern, zur Nachbarin oder zu serbischen Freunden von Evas Vater, die in Stuttgart in ihrer Nähe leben, gebracht, bis sich das Verhältnis zwischen seiner Mutter und Viktor wieder eingerenkt hat.

Eva wird erst spät klar, dass viele Menschen um sie herum längst wahrgenommen haben, was da zwischen ihr und Viktor passiert; eher, als sie es sich selbst eingestanden hatte. Dann kommt der Moment, an dem sie sich einredet, dass ein gemeinsames Kind die Beziehung zum Guten wenden könnte. Als ihre Periode aussetzt, hofft sie auf weitere Anzeichen für eine Schwangerschaft. Das ist einer von vielen Momenten, an denen man Eva am liebsten schütteln und ihr sagen will: "Lauf weg von diesem Mann, so weit und so schnell du kannst." Der Roman endet so, wie es in Beziehungen, die nach diesem Muster verlaufen, häufig vorkommt.

Lesen?

Trotz des bedrückenden Themas schlägt das Buch beim Lesen nicht auf die eigene Stimmung. Das liegt vor allem am schwarzen Humor, den Milica Vučković wohldosiert einstreut. Eva nutzt beispielsweise ihr Handy als ein Ventil. Wenn wieder mal eine Situation eskaliert ist, gibt sie manchmal in die Suchleiste des Browsers dazu passende Anfragen ein: Viktor packt wieder seine Sachen in eine Reisetasche, um Eva auf seine übliche theatralische Art zu verlassen. Eva hingegen ist genervt vom Geräusch der Reißverschlüsse und gibt in das Suchfeld "Tod wegen Reißverschluss" ein. Das Ergebnis ist allerdings nicht das, was sie erwartet hatte.

Milica Vučković bedankt sich zum Schluss bei einer Freundin, die ihr ihre eigene Geschichte über eine toxische Beziehung mit einem Mann erzählt hat. Da kommt es dann wieder zurück, das Gefühl der Bedrückung.

Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen ist 2025 im Paul Zsolnay Verlag erschienen und kostet gebunden 23 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.


Montag, 20. Januar 2025

# 463 - Tödlicher Wackelkontakt

Mit Wackelkontakt ist dem österreichischen Schriftsteller Wolf Haas ein ungewöhnlicher Roman gelungen. Das Ungewöhnliche: Ohne das Lesen eines bestimmten Buches käme die Handlung nicht voran.

Elio Russo ist ein Verräter. Der junge Mafioso aus Südkalabrien sitzt im Knast und wartet darauf, freigelassen zu werden. Er hat als Kronzeuge kurz zuvor siebenundzwanzig hochrangige Mitglieder der 'Ndrangheta verraten. Im Gegenzug wurde ihm eine neue Identität versprochen, um in Deutschland neu anfangen zu können.

Der leidlich erfolgreiche Trauerredner Franz Escher wartet in seiner Wohnung in Wien auf den Elektriker. Eine Steckdose in seiner Küche hat einen Wackelkontakt, der nun behoben werden soll. Der alleinstehende Escher hat zwei Leidenschaften: anspruchsvolle Puzzles - gern mit Motiven seines Namensvetters M. C. Escher - und das Lesen von Mafia-Romanen. Die Wartezeit auf den Handwerker zieht sich hin, deshalb beginnt Escher, ein neues Buch zu lesen. Es handelt von dem jungen Kriminellen Elio Russo aus Südkalabrien, der siebenundzwanzig hochrangige Mafiosi verraten hat und eine neue Identität bekommen wird. 

Elio Russo vertreibt sich im Gefängnis das Warten mit dem Lesen eines Buches, das er von seinem deutschen Zellennachbarn bekommen hat. Es geht um einen Mann namens Franz Escher, der zu Hause auf den Elektriker wartet. Als der Handwerker die defekte Steckdose repariert, kommt er ums Leben. Escher wird verzögert klar, dass dieser Tod seine Schuld ist. 

Wolf Haas verwebt zwei Handlungsstränge, die jedoch nicht unbedingt zeitlich parallel verlaufen. Die Leben zweier Männer, die einander nicht kennen und nichts gemeinsam haben, laufen trotzdem aufeinander zu. Das ist umso erstaunlicher, wenn man registriert, dass die Handlung im Leben des Franz Escher nur wenige Tage abdeckt, im Leben von Elio Russo, der nach einem vorgetäuschten Suizid zu Marko Steiner wird, jedoch viele Jahre vergehen.
Das von Escher gelesene Buch bleibt bei ihm, während Steiners Exemplar in andere Hände gerät und die Lesenden wie dieser den Fortgang der Ereignisse er-lesen. 
Letztlich wird die Handlung von Eschers Vorstellung vom Lauf der Zeit bestimmt. Wolf Haas lässt seinen Protagonisten diese Sätze sagen, die dessen Sichtweise auf den Punkt bringen: "Wir haben sowieso eine falsche Vorstellung von der Zeit. Unsere Vorstellung ist zu linear. Wir glauben, es geht in eine Richtung. Man muss es sich aber wie eine Schleife vorstellen."

Lesen?

Wackelkontakt ist ein sehr unterhaltsames Spiel mit der Zeit. Die Anspielungen auf den Künstler M. C. Escher und seine besonderen Werke sowie die Verschränkungen der Handlung machen das Buch zu etwas Besonderem. 

Der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann hat im Dezember 2024 gegenüber dem Deutschlandfunk diesen passenden Kommentar abgegeben: "Ich bin sehr neidisch auf diese Grundidee. Ich denke mir, man, die hätte ich gerne gehabt, aber ich hatte sie nicht, was soll man machen."

Wackelkontakt ist 2024 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet 25 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Dienstag, 17. Dezember 2024

# 459 - Vaterländer

Der erfolgreiche Schauspieler Sabin Tambrea hat mit
seinem zweiten Roman Vaterländer ein sehr persönliches Buch vorgelegt. Er erzählt darin die Geschichte von drei Generationen seiner aus Rumänien stammenden Familie. 

Wer sich mit der rumänischen Geschichte beschäftigt hat, weiß, wie viel Gewalt und Leid der Bevölkerung angetan wurde, seitdem aus dem Land 1948 eine stalinistisch geprägte Volksrepublik wurde. Im selben Jahr entstand die Geheimpolizei Securitate, deren willfährige Helfer vor keiner grausamen Gewalttat zurückschreckten, um die Bevölkerung mundtot zu machen. 

Die Securitate entwickelte sich unter der Diktatur von Nicolae Ceaușescu zu einer Folterorganisation, die half, die herrschenden Machtverhältnisse zu festigen. Das wahre Ausmaß ihrer Barbarei kam erst ans Licht, nachdem die Diktatur mit der Hinrichtung von Nicolae Ceaușescu und seiner Frau Elena ihr Ende gefunden hatte.

In diesem Zeitraum bewegt sich die Handlung von Vaterländer. Tambrea beginnt 1987 mit der Auswanderung seiner Familie nach Deutschland, die außer ihm aus dem Vater Béla, der Mutter Rodica und der Schwester Alina bestand. Sabin Tambrea ist zu diesem Zeitpunkt zweieinhalb Jahre alt und Béla bereits seit zwei Jahren in Marl. Er hatte bei einer Konzertreise die Gelegenheit zur Flucht genutzt. Wie seine Frau ist er Berufsmusiker.

Tambrea beschreibt das Heimweh der Mutter, die vor allem ihre Eltern vermisst, und wie es ist, alles aufzugeben, um in einem fremden Land neu anzufangen. Béla hat sich bereits eingelebt, aber Rodica fällt es schwerer, sich an die fremde Umgebung zu gewöhnen. Als sie nach dem Sturz Ceaușescus 1989 zum ersten Mal wieder in die Heimat fahren, erleben sie an der rumänischen Grenze, dass die im Regime übliche Korruption nicht mit diesem verschwunden ist.

Sabin Tambrea hat seinen Roman in drei Abschnitte aufgeteilt. Im ersten geht es um die Ankunft der Mutter mit ihren beiden Kindern in Marl, wo der Vater eine Wohnung gemietet hat, und ihre Schwierigkeiten, beruflich Fuß zu fassen und mit der ständigen Geldnot zurechtzukommen. Tambrea schreibt über seine Verlustängste in dieser Zeit, die er als Junge lange nicht überwinden konnte. 

Béla und Rodica legen großen Wert auf die musikalische Erziehung ihrer Kinder. Der Geigenunterricht ist selbstverständlich, und es wird erwartet, dass Alina und Sabin bei Wettbewerben zu den Besten gehören. Als Rodica endlich eine feste Stelle in einem Orchester bekommt, bessert sich die Situation der Familie. Doch weil der Familienzusammenhalt auch über die Grenzen hinweg besteht, wird viel Geld dafür aufgebracht, die Verwandten in Rumänien zu unterstützen.

Im zweiten Teil des Romans kommt Tambreas Großvater Horea zu Wort, den er immer als freundlich lächelnden Mann wahrgenommen hatte. Nach dessen Tod werden in seinem Kleiderschrank seine Memoiren gefunden, in denen er ausführlich die Umstände seiner Verhaftung im April 1949 durch die Securitate wegen einer Nichtigkeit beschreibt. Er wird unter grausamen Umständen ohne Gerichtsurteil in mehreren Gefängnissen unschuldig festgehalten und erst nach fast drei Jahren freigelassen. Nach dieser Zeit gilt er als ehemaliger politischer Gefangener, was ihn für den Rest seines Lebens immer wieder benachteiligt.

Im dritten Abschnitt erklärt Tambrea, wie sich seine Eltern kennengelernt haben und es zu der Entscheidung, das Land zu verlassen, gekommen ist. Die schlechten Bedingungen, unter denen die Bevölkerung zu leiden hatte, sowie eine vom Regime geförderte Kultur der Denunziation machten das Leben in der Ceaușescu-Diktatur unerträglich.

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Sabin Tambrea zeigt in Vaterländer den Bruch, den eine Flucht mit sich bringt. Er zeigt auch, dass starke Gründe dazu führen, dass man das, was einem lieb und teuer ist, verlässt: die Heimat, die Menschen, das gewohnte Umfeld. Die, die diesen Weg gehen, wissen nicht, ob sie ihre Familie jemals wiedersehen. Béla Tambrea hat damals viel Mut aufgebracht, diesen Schritt zu gehen. Und Großvater Horea hat die schwersten Jahre seines Lebens in den Fängen der Securitate nicht nur überlebt, sondern sich trotz allem sein freundliches und zugewandtes Wesen bewahrt.

Vaterländer ist 2024 im Gutkind Verlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.


Freitag, 11. Oktober 2024

# 456 - Wer war Magda Goebbels, die Frau des Reichspropagandaministers?

Ein junger Mann ist die Hauptperson des Romans Reichskanzlerplatz von Nora Bossong: Die fiktive Figur des Hans Kesselbach, 1907 geborener Sohn eines im Ersten Weltkrieg schwer verwundeten Generals, übernimmt die Rolle des Erzählers. Durch Kesselbachs Augen wird die Geschichte von Johanna Maria Magdalena Behrend erzählt, die unter dem Namen Magda Goebbels bis heute bekannt ist.

Magda Goebbels wurde 1901 als uneheliche Tochter eines Dienstmädchens und eines Bauunternehmers  geboren. Nach einer kurzen Ehe ihrer Eltern heiratete die Mutter später den wohlhabenden jüdischen Kaufmann Richard Friedländer. Friedländer adoptierte die achtjährige Magda, sodass diese von da an seinen Nachnamen trug.

1920 lernte Magda Friedländer zufällig den deutlich älteren verwitweten Industriellen Günther Quandt kennen. Da der Protestant keine Frau mit einem jüdisch klingenden Namen heiraten wollte, nahm sie übergangsweise den Namen ihres leiblichen Vaters, Ritschel, an, ehe sie 1921 durch ihre Heirat den Namen Quandt bekam. Ihr Ziel war der soziale Aufstieg, Quandts Antisemitismus war für sie kein Ehehindernis. Eine Äußerung, die Nora Bossong Magdas Stiefsohn Hellmut in den Mund legt, bringt es auf den Punkt:
Sie wechselt so oft ihren Namen und ihren Glauben, sagte Hellmut, was weiß ich, was sie in Wirklichkeit ist. Vermutlich kann sie das nicht mal selbst sagen. Weißt du, sagte er leise, Mama hätte gemerkt, dass Madame Quandt auch unseren Namen nur wie eine Maske trägt.

Hans Kesselbach lernt Magda in einer Zeit kennen, in der sie bereits mit Quandt verheiratet ist, sich an dessen Seite jedoch langweilt. Magda hatte sich mit ihrer Heirat nicht nur den sozialen Aufstieg, sondern auch ein aufregenderes Leben versprochen. Ihr Mann war jedoch vor allem an seinem Unternehmen interessiert.

Hans hat sich mit Quandts gleichaltrigem Sohn Hellmut angefreundet, mit dem er in derselben Schulklasse ist, und erhält durch seine Besuche in dessen Elternhaus Einblick in das Leben der Oberschicht. Hellmuts Mutter ist die erste Ehefrau Günther Quandts, die 1918 an der Spanischen Grippe verstarb. 

Hans verliebt sich in Hellmut und sucht seine Nähe. Doch er registriert, dass Hellmut und Magda viel Zeit miteinander verbringen. Hellmut ist in der lieblosen Ehe mit Günther Quandt Magdas Halt. Als die beiden 1927 gemeinsam nach Paris reisen, erkrankt Hellmut an einer Blinddarmentzündung und verstirbt in einem Krankenhaus.

Hans nimmt 1927 nach seinem Militärdienst ein Jurastudium auf. Es beginnt die Zeit, in der er heimlich abends an den Wochenenden seine Homosexualität in den Büschen des Berliner Tiergartens auslebt. Sexuelle Handlungen unter Männern waren nach § 175 Strafgesetzbuch bereits seit 1871 strafbar. Das Verbot wurde erst im Juni 1994 abgeschafft.

Diese Heimlichkeit bestimmt auch in den nächsten Jahren sein Leben, und so ist es für beide von Vorteil, dass Hans Magdas Geliebter wird: Er kann von seiner Homosexualität ablenken und sie sich von ihrer unglücklichen Ehe. 1929 wird die Ehe geschieden und Magda bezieht eine Wohnung am Reichskanzlerplatz in Berlin. Dank des üppigen Unterhalts ihres Ex-Mannes führt sie ein angenehmes Leben. In ihrer Wohnung trifft sich die deutsche Wirtschafts- und Politprominenz.

Als die Affäre beendet ist, gerät Magda sowohl für Hans als auch die Leserinnen und Leser aus dem Fokus. Seine berufliche Laufbahn im diplomatischen Dienst richtet er danach aus, sich so weit wie möglich von der Berliner Politik und der Wehrmacht zu entfernen. Hans lebt seine Sexualität weiter heimlich aus und sieht das Erstarken des Nationalsozialismus' sehr kritisch. Doch er ist ein Mitläufer, der es versteht, das System für sich zu nutzen und Probleme zu umschiffen.

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In Reichskanzlerplatz  beschreibt Nora Bossong zwei verschiedene Arten von Opportunisten: Hans will keinen Ärger und laviert sich mit Lügen und Täuschungen durch sein Leben. Die Gräuelmeldungen über die Judenverfolgung redet er klein. Dazu passt, dass er sich von einem jüdischen Bekannten abwendet, als der ihn verzweifelt um Hilfe bittet. Magda hingegen hat keine gefestigten Überzeugungen: Obwohl ihr Stiefvater Jude war und ihre erste große Liebe ein jüdischer junger Mann gewesen ist, passt sie ihr öffentliches Verhalten an das antisemitische Gedankengut der Nationalsozialisten an. Magda geht es allein um ihren gesellschaftlichen Aufstieg, für den sie alles andere hintanstellt. 

Magda Goebbels historische Bedeutung wird leider kaum herausgearbeitet. Sie wirkt wie eine vom Wunsch nach Höherem angetriebene Frau, die sich im Glanz eines bedeutenden Mannes sonnen und so beachtet werden will. Es bleibt unklar, was sie zu der lieblosen Frau gemacht hat, die eine große Liebe erlebt hat, danach die Männer aber nur aus nüchternem Kalkül auswählte. Woran sich die Nachwelt vor allem erinnert, ist der Mord, den sie an ihren sechs Kindern, die sie gemeinsam mit Joseph Goebbels hatte, begangen hat. 

Bossong schildert die historische Entwicklung Deutschlands von einer Demokratie mit großen wirtschaftlichen Problemen zu einer faschistischen Diktatur wie die Hintergrundmusik zur eigentlichen Romanhandlung. Alles, was die monströsen Untaten dieses Regimes ausgemacht hat, wird nur angedeutet. Das Wort "Konzentrationslager" fällt nur einmal, die Lage der Zwangsarbeiter, die für das Unternehmen Quandt in Hannover Akkumulatoren herstellen mussten, wird nur angerissen. 

Reichskanzlerplatz ist ein unterhaltsamer Roman, dem es aber an manchen Stellen an Tiefe fehlt. Das Buch war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2024.

Reichskanzlerplatz ist 2024 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet 25 Euro.


Montag, 2. September 2024

# 450 - Frauen im ersten Deutschen Bundestag - keine Selbstverständlichkeit

Am 7. September 1949 kamen die 410 Abgeordneten des ersten Deutschen Bundestages zum ersten Mal zusammen. Darunter waren 28 Frauen; bis zum Ende der Legislaturperiode sollten es 38 sein.

Die Herren fremdelten mit der Situation. Sie waren nicht gewohnt, dass eine Frau das Wort ergreift und die eigenen Positionen verteidigt. Zu dieser Unsicherheit gehörte auch die Frage, wie die Kolleginnen angesprochen werden sollen. Zwar saßen zwischen 1919 und 1933 bereits in der Nationalversammlung und im Reichstag insgesamt mehr als 100 Frauen, aber trotzdem mussten die weiblichen Bundestagsabgeordneten um den Respekt und die Anerkennung ihrer männlichen Kollegen kämpfen.

"Der nächste Redner ist eine Dame" war die Aufforderung des ersten Bundestagspräsidenten Erich Köhler an die CDU-Abgeordnete Anne Marie Heiler, das Wort zu ergreifen. Der treffende Titel dieses Sachbuchs deutet an, wie schwer es den weiblichen Abgeordneten gemacht wurde, überhaupt zu Wort zu kommen. Anne Marie Heiler musste 64 Sitzungen auf die Gelegenheit warten, sprechen zu dürfen. Da die Kollegen, die vorher am Rednerpult gestanden haben, ihre zulässige Redezeit überzogen hatten, wurde diese für Heiler kurzerhand reduziert.

Natalie Weis ist Historikerin und arbeitet für den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags. Sie stellt alle weiblichen Abgeordneten des ersten Deutschen Bundestages in mehrseitigen Kurzbiografien vor. Fünf Abgeordnete werden darüber hinaus von Schriftstellerinnen wie zum Beispiel Juli Zeh oder Terézia Mora in längeren Texten porträtiert, wobei jede einen anderen Stil wählt.


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Der nächste Redner ist eine Dame bietet den bislang einzigen Überblick über die ersten weiblichen Bundestagsabgeordneten. Die meisten von ihnen sind längst vergessen. Das ist umso bedauerlicher, wenn man erfährt, unter welchem persönlichen Einsatz sie ihre Mandate wahrgenommen haben und wie man immer wieder versuchte, sie in die Ecke der klassischen "Frauenthemen" wie Soziales und Familie zu drängen. Auch, wenn jede Abgeordnete eigene Schwerpunkte hatte: Alle 38 Frauen haben sich nach den üblen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus für den Aufbau und die Stabilisierung der jungen Demokratie stark gemacht, obwohl ihnen viele Steine in den Weg gelegt wurden. Jede Einzelne von ihnen kann mit ihrer Durchsetzungs- und Willensstärke als Vorbild dienen. Diese Entwicklungen nachzuvollziehen, macht das Buch zu einer sehr interessanten Lektüre.

Der nächste Redner ist eine Dame wurde 2024 vom Deutschen Bundestag herausgegeben und ist im Ch. Links Verlag veröffentlicht worden. Das Sachbuch kostet gebunden 25 Euro und als E-Book 18,99 Euro.

Montag, 24. Juni 2024

# 441 - Eine wahre Geschichte über den Jazz als Propagandamittel des Dritten Reichs

Jazz galt für die Nationalsozialisten als entartete Kunst. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, ihn im 2. Weltkrieg für ihre Propaganda zu benutzen. Genauer: eine Propaganda gegen Großbritannien, in der vor allem Premierminister Winston Churchill und dessen Kriegspolitik aufs Korn genommen wurden. Der Radiointendant Adolf Raskin schlug dem Propagandaministerium deshalb 1940 ein Paket von drei Maßnahmen vor, die einander jeweils unterstützen sollten: eine Radiosendung mit dem Namen Germany Calling, eine in dieser Sendung auftretende Jazzband und eine wohlwollende Publikation, für die ein bislang unbekannter Schweizer Schriftsteller ausgewählt wurde. Dieser propagandistische Dreiklang war an dem ausgerichtet, was man im Ministerium für angelsächsischen Geschmack hielt.

Was seltsam klingt, hat so tatsächlich stattgefunden. Der Schweizer Autor und Archäologe Demian Lienhard hat die Begebenheit in seinem Roman Mr. Goebbels Jazzband aufgegriffen und sich dabei eng an die historischen Fakten gehalten. Zu diesen Fakten gehört auch, dass man es bei der Auswahl der Bandmitglieder mit deren Herkunft nicht so genau nahm und auch jüdische oder homosexuelle Musiker einstellte. Die Motive, bei Charlie and His Orchestra - wie die Band damals hieß - dabei zu sein, reichten von der Verbesserung des Einkommens bis zur Hoffnung, möglichst lange vom Kriegsdienst verschont zu bleiben.

Für die Moderation der Radiosendung setzte man auf größtmögliche Authentizität und wählte den faschistischen irisch-britischen Kommentator William Joyce aus. Er ging seinem Auftrag mit einem so großen Eifer nach, dass es in Großbritannien eine Fangemeinde gab.
Das kann über den Schriftsteller Fritz Mahler nicht gesagt werden. Er verstand seine Abreise aus der Schweiz nach Berlin und seinen ungewöhnlichen Auftrag sowohl als eine Flucht vor seinem Vater, von dem er sich bevormundet fühlte, als auch die Chance auf den schriftstellerischen Erfolg, den er sich so sehr wünschte.

Die dem Buch seinen Titel gebende Jazzband spielt hier jedoch nicht die Hauptrolle. Lienhard legt den Schwerpunkt auf den Kollaborateur Joyce sowie den Möchtegern-Autor Mahler. Ersterer ist mit seinem unsteten Lebenswandel und einem auf ihn wartenden Henker, noch bevor er 40 Jahre alt wird, eine historisch ziemlich traurige Figur. 
Mahler wird als Person beschrieben, die sich einredet, sich über den Inhalt des beauftragten Buches ständig Gedanken zu machen, aber in Wahrheit die personifizierte Unstrukturiertheit und der wandelnde Selbstzweifel ist. Es vergehen drei Jahre, in denen Mahler komplett unproduktiv ist und sich auf Kosten des Propagandaministeriums in Bars, Kneipen und Restaurants aufhält - zu Recherchezwecken, versteht sich.

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Demian Lienhard hat sich einem Thema gewidmet, das mir bislang unbekannt war. Dass man es mit den selbst aufgestellten Kriterien, wie ein für die "deutsche Rasse" wertvoller Mensch auszusehen habe, in der eigenen Führungsriege nicht so genau nahm, ist bekannt: Joseph Goebbels haftete wegen seiner geringen Körpergröße und seines Klumpfußes der Spitzname "Schrumpfgermane" an, der 1934 auf Befehl von Adolf Hitler ermordete SA-Führer Ernst Röhm war homosexuell.
Wenn es der eigenen Sache diente, waren auch Menschen gut genug, die man unter anderen Umständen als "unwert" eingestuft hätte.

Das hätte jedoch in Mr. Goebbels Jazzband jedoch auch etwas gestraffter dargestellt werden können. Auch der Schreibstil ist mit seinen oft sehr langen Sätzen und geschraubten Formulierungen gewöhnungsbedürftig. Erst zum Schluss, im Nachwort des Berner Staatsarchivars Dr. phil. Samuel Tribolet, in dem dieser süffisant über Lienhards dortige Nachforschungen berichtet, heißt es zu meiner Überraschung: "Unter diesen Materialien befand sich auch das uns damals nicht näher bekannte, unvollendete Typoskript eines Romans mit dem Titel 'Mr. Goebbels Jazzband', den Lienhard nun auf den vorangehenden Seiten erstmals der Öffentlichkeit zugänglich macht." Damit soll vermutlich der teilweise antiquiert wirkende Stil erklärt und die Handlung zu einem Ende gebracht werden.
Aber stammt dieses Nachwort tatsächlich von Staatsarchivar Tribolet oder hat sich Lienhard die Freiheit genommen, ihn als fiktive Person und Stilmittel einzusetzen? Das bleibt unklar; auf der Website des Berner Staatsarchivs findet sich zumindest kein Mitarbeiter mit diesem Namen.

Mr. Goebbels Jazzband ist 2023 bei der Frankfurter Verlagsanstalt (FVA) erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro, als E-Book 18,99 Euro sowie als Hörbuch 9,95 Euro.

Der Roman wurde 2023 für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Montag, 27. Mai 2024

# 438 - 16 Bundesländer, 16 Berge: ein Radiomoderator auf Wanderschaft

Der gebürtige Bayer Achim Bogdahn moderiert seit
mehr als 30 Jahren beim Bayerischen Rundfunk verschiedene Radiosendungen und ist wahrscheinlich einer der größten Fans von TSV 1860 München. Diese drei Merkmale - Herkunft, Fußballfan und die Art der "Schreibe" - durchziehen sein Buch Unter den Wolken - Meine Deutschlandreise auf die höchsten Berge aller 16 Bundesländer wie ein Roter Faden.

Eine Zeitungsmeldung gab für Bogdahn den Ausschlag für sein Projekt: 2016 las er, dass der unter dem Spitznamen "Brocken-Benno" bekannt gewordene Benno Schmidt seit dem 3. Dezember 1989, dem Tag der Öffnung der Brockenmauer, zum 8000. Mal den höchsten Berg Sachsen-Anhalts besteigen wollte. Und das am geschichtsträchtigen 3. Oktober. Der Plan, nicht nur den Brocken, sondern alle höchsten Berge der Bundesländer zu erwandern, war geboren.

Bis zur Umsetzung dauerte es jedoch etwas. Bogdahn hatte nämlich nicht vor, allein unterwegs zu sein. Außerdem wollte er möglichst klimafreundlich reisen und plante, sich Übernachtungsmöglichkeiten per Couchsurfing, also für lau, zu organisieren.
Hinter dem Anspruch des klimafreundlichen Reisens konnte er mit dem Kauf einer BahnCard 100 einen Haken machen.
Bei den Begleiterinnen und Begleitern sollte es sich nicht um Krethi und Plethi, sondern bekannte Persönlichkeiten, die ihr Bundesland repräsentierten, handeln. Das ist Bogdahn gelungen: In Niedersachsen wanderte beispielsweise die frühere Bischöfin Margot Käßmann mit ihm auf den Wurmberg, für die Erklimmung des namenlosen Bergleins in Bremen (32,50 Meter Höhe) konnte er den früheren Bürgermeister Henning Scherf gewinnen, für die Bezwingung des Langenberges in NRW (843,50 Meter) bekam er die Unterstützung des langjährigen Geschäftsführers des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke.

Die neunte Wanderung auf den Wurmberg Anfang Februar 2020 fand noch unter normalen Bedingungen statt. Im fernen China gab es irgendein geheimnisvolles "Corona-Virus", aber keine Anzeichen für die Probleme, die auf die Welt in den nächsten Jahren zukommen sollten.
Wanderung Nummer 10 im Mai 2020 führte Bogdahn auf den Brandenburger Kutschenberg. Er wurde von der Bundestagsabgeordneten Anke Domscheit-Berg begleitet, die beiden nutzten die Zeit der Lockerungen nach der ersten Corona-Welle. Planung und Durchführung aller Wanderungen wurden nun jedoch grundsätzlich durch die Pandemie erschwert. 

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Unter den Wolken ist vor allem eines: entspannte Unterhaltung. Um die eigentlichen Erhebungen geht es zwar auch, aber sie sind nur ein Vehikel, um Kontakt zu bekannten Personen herzustellen und rund um die Wanderungen Geschichten zu erzählen, die damit rein gar nichts zu tun haben. Da bricht dann Bogdahns langes Berufsleben als Radiomoderator durch, das ihm einen lockeren Sprachstil und ein für sein Anliegen hilfreiches Netzwerk beschert hat.

Viel Raum nehmen neben seinen persönlichen Anekdoten die Schilderungen des Wanderwetters sowie der meistens sehr langen Bahnfahrten ein. München liegt nun mal in Deutschland sehr dezentral, sodass sich so manche Fahrt wie eine Reise ans Ende der Welt anfühlt. Dieser Eindruck wird noch durch die bekannte "Zuverlässigkeit" der Deutschen Bahn unterfüttert und den Umstand, dass zahlreiche Orte aus Kostengründen vom Bahnnetz abgehängt und oft sogar mit anderen öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht oder gar nicht erreicht werden können. 

Erst die letzte Wanderung führt Bogdahn dann im Juli 2021 gemeinsam mit Felix Neureuther auf den bayerischen Hausberg, die Zugspitze. Auf den ersten dreieinhalb Seiten lässt er als Bayer Bayern hochleben. Danach wird die Bedeutung der Zugspitze für Bayern erläutert: Man lernt, dass sich das Zugspitzmassiv zu zwei Dritteln auf österreichischem Gebiet befindet und darum nur vom höchsten Gipfel (!), nicht aber höchstem Berg (!) Deutschlands gesprochen werden kann.
Dann wird Felix Neureuther sehr ausführlich vorgestellt und seine Beliebtheit und Bekanntheit beschrieben. Wie in jedem der vorangegangenen Kapitel geht es dann eine ganze Weile um die Erlebnisse und Beobachtungen während der Anreise mit Bahn und Bus. Zum eigentlichen Wandern kommt es nur kurz: Den "Aufstieg" bewältigen die beiden Männer mit der Seilbahn. Erst die letzten Meter bis zum Gipfelkreuz, die man mithilfe einiger Eisensprossen und entlang eines gesicherten Grats überwinden muss, sind die Herausforderung des Tages. Ähnlich kurz kommen auch die anderen jeweils höchsten Erhebungen weg. 

Mir hatte die Idee gefallen, alle höchsten Berge in den 16 Bundesländern zu besuchen, ich habe aber offenbar eine andere Erwartung gehabt, wie ein Buch darüber aussehen könnte: mehr Inhaltliches von der Umgebung der Erhebungen, ein paar Anekdoten vielleicht, mehr über ihre Bedeutungen für die Menschen, die Landschaft, die Gegend,...
Wahrgenommen habe ich, dass die Berge Mittel zum Zweck waren, eine Projektionsfläche für den Autor. 
Mir ist auch unverständlich, warum man ohne einen dringenden Grund während einer Pandemie in öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Republik reisen und bei fremden Menschen übernachten muss. Während der Zugfahrt ins sächsische Fichtelgebirge im Oktober 2020 beobachtet Bogdahn im Zug eine Mitreisende: "Eine rothaarige Frau um die vierzig hustete Stakkato und machte alle nervös." Es hat eben jeder andere Prioritäten.

Unter den Wolken - Meine Deutschlandreise auf die höchsten Berge aller 16 Bundesländer ist 2022 im Heyne Verlag erschienen und kostet gebunden 22 Euro, als Taschenbuch 14 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Montag, 29. April 2024

# 434 - Die Erinnerungen von Deutschlands dienstältestem Parlametarier

Wolfgang Schäuble gehörte 51 Jahre dem Deutschen
Bundestag an. Er war 19 Jahre Bundesminister in den Regierungen Kohl und Merkel in verschiedenen Ministerien, verhandelte die deutsche Wiedervereinigung, ist vier Jahre Bundestagspräsident gewesen und hatte in seiner Partei, der CDU, unterschiedliche Ämter inne. Als Schäuble 1972 im Alter von 30 Jahren zum ersten Mal als Abgeordneter im Bundestag Platz nahm, saß ganz in seiner Nähe der "Vater des Wirtschaftswunders" Ludwig Erhard.


Wer so einen Werdegang hat, hat eine Menge zu erzählen. Und das tut Wolfgang Schäuble in seinem letzten Buch Erinnerungen - Mein Leben in der Politik. Auf rd. 620 Seiten (zuzügl. einer editorischen Notiz und eines mehrteiligen Anhangs) nimmt er kein Blatt vor den Mund und nutzt diese Gelegenheit, seine Sicht auf die deutsche Geschichte von den 1970-er Jahren bis heute deutlich zu machen. Seit 2006 litt er an einer Krebserkrankung, die ihn im Laufe der Zeit in die Knie zwang. Das Schreiben seiner Erinnerungen mithilfe der Historiker Hilmar Sack und Jens Hacke war ein Wettrennen mit der Zeit, das er knapp gewann: Die drei Männer trafen sich am 14. Dezember 2023 zum letzten Mal im Schäubles Abgeordnetenbüro, um einige Feinheiten des Buches zu besprechen. Nur zwölf Tage später ist Wolfgang Schäuble verstorben.

Freundschaften und Abneigungen im Politikbetrieb

Schäuble beschreibt sein Verhältnis zu Helmut Kohl und die Art ihres Umgangs miteinander. Dabei gab er sich keinen Illusionen hin: Er bewundert die humanistische Bildung des Kanzlers und dessen schnelle Auffassungsgabe. Kohls wiederholten öffentlichen Äußerungen, Wolfgang Schäuble werde sein Nachfolger als Bundeskanzler sein, maß er keine größere Bedeutung bei. Die Rolle des ewigen Kronprinzen, ähnlich der des heutigen britischen Königs Charles III., lag ihm nicht.
Die Parteispendenaffäre hat das Verhältnis der beiden Politiker im Jahr 2000 allerdings derart erschüttert, dass es nicht mehr zu kitten war. Kohl war nicht zu bewegen, die Namen der Spender zu nennen. Dass er damit seine Partei durch einen Rechtsbruch in eine problematische Situation brachte, spielte für den Parteipatriarchen keine Rolle. Schäuble wollte sich nicht an diesem Gebaren beteiligen und trat von seinen Ämtern als Partei- und Fraktionsvorsitzender der CDU zurück. Die beiden einstmals Vertrauten haben nie mehr miteinander gesprochen.

Natürlich geht es auch um das Verhältnis zwischen Wolfgang Schäuble und Angela Merkel. Er bezeichnet sie als "Glücksfall". Schäuble hat die unter seiner Zeit als CDU-Parteichef zur Generalsekretärin gewählte spätere Bundeskanzlerin immer menschlich gemocht, aber "Merkels Führungsstil hat meine Loyalität strapaziert, auch wenn ich jedes Ansinnen, ihr in den Rücken zu fallen, kategorisch abgelehnt habe."
Loyalität: Diese Eigenschaft prägte neben Ehrgeiz, Leistungsbereitschaft, Erfolgswillen und Bodenständigkeit das Handeln des Politikers Wolfgang Schäuble. Als Schäuble 2015, in der Hochzeit der Flüchtlingskrise, vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber aufgefordert wurde, sich an einem Putsch gegen Merkel zu beteiligen, lehnte er das Ansinnen ab. 
Sowohl Helmut Kohl als auch Angela Merkel waren 16 Jahre Bundeskanzler bzw. -kanzlerin. Schäuble deutet an, dass die langen Amtszeiten in ihren letzten Phasen bei beiden gewisse Abnutzungserscheinungen mit sich gebracht haben. Ob diese Einschätzung die Empfehlung einer Amtszeitbegrenzung beinhaltet, bleibt offen. Man wird jedoch den Eindruck nicht los, dass Schäuble einen großen Anteil an diesen langen Amtszeiten hatte.

Auffallend ist, dass Schäuble seine Kolleginnen und Kollegen in der Politik nicht nach ihrer Parteizugehörigkeit beurteilte. Über Abgeordnete der SPD oder den Grünen urteilte er oft positiv und wertschätzend. 

International

Wolfgang Schäuble bezeichnete sich selbst als Atlantiker. Die politische Nähe zu den USA war ihm immer wichtig.
Als mindestens ebenso wichtig hat er die Europäische Union sowohl für Deutschland als auch Europa eingeschätzt. In seine Amtszeit als Bundesfinanzminister fiel der Beginn der Eurokrise, in der mehrere EU-Staaten vor der Pleite gerettet werden mussten. Den sich damals abspielenden Finanz- und Wirtschaftskrimi erläutert Schäuble so ausführlich wie nötig und gut nachvollziehbar. Sein Urteil über die Banken fällt dabei wenig schmeichelhaft aus: In einer Passage heißt es "man dürfe nicht zu lange Bundesfinanzminister sein, wenn man nicht als grundsätzlicher Kapitalismuskritiker enden wolle". Wenn es um seine Beobachtung geht, wie sich das Verantwortungsbewusstsein führender Manager im Laufe der Zeit verändert hat, wird Schäuble deutlich: "Das früher ehrbare Wort 'Bankier' war längst durch 'Banker' ersetzt worden. Und das entspricht in etwa dem Weg zwischen Alfred Herrhausen und Josef Ackermann." Im selben Kontext erwähnt er, dass die Bankenrettung 30 Milliarden Euro gekostet hat, davon entfielen 18 Milliarden Euro auf die Commerzbank. Schäuble ärgert sich deutlich darüber, "wie hochbezahlte Manager [...] in einer mir zunehmend widerlich erscheinenden Weise am eigenen finanziellen Vorteil interessiert waren. Ich erinnere mich daran, wie der Vorstandsvorsitzende eines Instituts [...] sehr bald die politisch durchgesetzte Deckelung der Managergehälter zu ändern versuchte. Eine halbe Million war nicht genug - der Vorstand bewilligte sich selbst bereits 2012 wieder über 1,3 Millionen. [...] Anstand ist offenbar auch in diesen Kreisen zu einer knappen Ressource geworden." Wolfgang Schäuble hat den Namen des Managers, der ihn mit seiner Gier derart in Rage gebracht hatte, in seinem Buch nicht genannt. Wer sich jedoch an die Nachrichten aus dieser Zeit erinnert, weiß, dass es sich um den damaligen Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank Martin Blessing gehandelt hat.

Das Attentat

Am 12. Oktober 1990, als in Deutschland wegen der Wiedervereinigung eine euphorische Stimmung herrschte, wurde Wolfgang Schäuble durch die Schüsse eines psychisch kranken Attentäters so schwer verletzt, dass er eine Querschnittslähmung erlitt. Überlebt zu haben verdankte er seinem Personenschützer, der mit seinem Körper die dritte Kugel abfing. Schäubles Leben teilte sich fortan in ein "Vorher" und "Nachher": Die Verletzungen führten zu einer Querschnittslähmung und einem Leben im Rollstuhl. Das ganze Land nahm an Schäubles Schicksal Anteil. 

Der Politiker schildert seine damaligen Selbstzweifel, die in die Frage mündeten, ob er gelähmt leben will. Die Behinderung brachte viele Probleme mit sich, doch Wolfgang Schäuble kommt zu dem Schluss, dass er nach dem Attentat "nicht weniger glücklich als vorher" ist. So optimistisch und positiv diese Aussage ist, so irritierend ist eine andere: "Meine Popularität über die vielen Jahre gründet auch in der sichtbaren Behinderung. Ich hätte gern darauf verzichtet, zumal ich bevorzuge, an meinen politischen Leistungen gemessen zu werden." 'Woran denn sonst?', würde man ihn hier gern fragen.

Lesen?

Erinnerungen - Mein Leben in der Politik ist so etwas wie ein subjektives Geschichtsbuch. Durch die Schnelllebigkeit unserer Zeit und die Fülle an Informationen, denen wir täglich ausgesetzt werden, geraten die Details vieler zurückliegender Ereignisse etwas in Vergessenheit. Beim Lesen des Buches gibt es einige Aha-Momente.

Mit Wolfgang Schäuble ist einer der erfahrensten Politiker Deutschlands gestorben - wenn nicht sogar der erfahrenste. Er hat viele Politikerinnen und Politiker kommen und gehen gesehen. Zum Schluss schloss sich sein persönlicher politischer Kreis dort, wo er begonnen hatte: auf den Hinterbänken des Bundestages. Er nahm den großen Altersunterschied zwischen sich und vielen heutigen Abgeordneten wahr ("Sie könnten nicht mehr nur meine Kinder, sondern längst meine Enkel sein."), monierte die immer noch zu wenigen weiblichen Abgeordneten, bedankte sich mehrfach bei seiner Frau für die Unterstützung seiner Karriere, die sie nie gewollt hatte, und riet den jungen Abgeordneten zu mehr Zuhören und weniger Selbstdarstellung.

Egal, ob man den Menschen Wolfgang Schäuble und/oder seine Politik und die der CDU gutheißt: Dieses Buch ist schon wegen seiner vielen Einblicke lesenswert. Schäubles Schreibstil ist klar und beinahe so, als würde er einem Besucher aus seinem Leben erzählen. Trotz seines großen Einflusses auf die deutsche Politik findet sich nirgends eine Stelle, an der sich der Politiker selbst überhöhen würde.

Ich wurde in den 1960-er Jahren geboren. Mir sind Personen und politische Ereignisse aus den 1970-er Jahren mindestens in groben Zusammenhängen geläufig. Für jüngere Leserinnen und Leser könnte es jedoch schwierig werden: Es fallen viele Namen und werden zahlreiche Begebenheiten genannt, die entweder nicht oder lediglich andeutungsweise erklärt werden. Einen erläuternden Anhang hält das Buch allerdings nicht bereit. Niemand sollte sich hiervon jedoch entmutigen lassen.

Erinnerungen - Mein Leben in der Politik ist im April 2024 im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet 38 Euro.



Freitag, 2. Februar 2024

# 425 - Ein Familiengeheimnis wird entschlüsselt

Matilda war zum letzten Mal vor zwanzig Jahren im Haus ihrer Großmutter Enni am Bodensee. Doch Enni ist vor Kurzem gestorben, und Matilda hat gemeinsam mit ihrer Schwester deren Haus geerbt. Matildas Mutter, Ennis Tochter, hat das Erbe ausgeschlagen. Sie wollte nichts mehr von ihrer Mutter, mit der sie seit Jahrzehnten kein Wort mehr gewechselt hatte, haben. Der Graben zwischen ihnen war offenbar zu tief.

Rike Richstein schickt ihre Protagonistin in ihrem Roman Die Farben des Sees für eine Auszeit an den Bodensee, die Matilda helfen soll, die Trennung von ihrem Freund zu überwinden. Als sie sich in Ruhe im Haus umsieht, stellt sie fest, wie wenig sie über ihre Großmutter wusste. Die Besuche bei ihr fanden damals, als sie noch ein Kind war, ein abruptes Ende. Warum, das hat ihr nie jemand erklärt.

Und dann stößt Matilda im Nachttisch ihrer Großmutter auf das Foto eines jungen Mannes, der nicht ihr verstorbener Großvater ist. Um wen handelt es sich und warum ist dieser Mann für Enni offenbar so wichtig gewesen, dass sie dieses Bild aufbewahrt hat?

Mit einer Mischung aus Neugier und dem Versuch, sich vom eigenen Kummer abzulenken, macht sich Matilda auf die Suche nach einer Antwort. Doch sie hätte nicht gedacht, dass sie am Ende ihrer Nachforschungen ein Familiengeheimnis aufdecken würde, das eine Erklärung für einige Ungereimtheiten, die Matilda im Laufe der Jahre aufgefallen sind, ist.

Lesen?

Die Farben des Sees verknüpft eine besondere Familiengeschichte mit der Atmosphäre des Bodensees, dessen Farben immer wieder anders sind und von einer Person beschrieben werden, die sich erst nach und nach als diejenige herausstellt, die ohne es zu wollen außerhalb der Familie steht.

Mir hätte das Buch noch besser gefallen, wenn die einzelnen Figuren etwas genauer herausgearbeitet geworden wären. So weiß man zum Beispiel von Matilda kaum mehr, als dass sie um das Zerbrechen ihrer Beziehung trauert und ein enges Verhältnis zu ihrer Schwester hat.

Etwas kurios ist, dass ich im Buchtext auch bei einer zweiten Durchsicht keinen Hinweis darauf gefunden habe, dass es sich bei dem beschriebenen Gewässer um den Bodensee handelt. Es ist die Rede von einem See, über den eine Fähre fährt und in dessen Nähe Berge sind. Das trifft jedoch nicht nur auf den Bodensee zu. Die einzige konkrete Benennung findet sich im Klappentext. Immerhin.

Die Farben des Sees ist 2024 im Verlag Friedr. Stadtler Konstanz erschienen und kostet als gebundene Ausgabe mit Lesebändchen 22 Euro.