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Montag, 19. Januar 2026

# 496 - Eine Mischung aus Familiengeschichte und Fantastik

Der Titel von Anna Maschiks Debütroman Wenn du es
heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
 ist zugleich auch der erste Satz ihres Buches. Die Einstiegsszene spielt auf einem Bauernhof in einem Dorf an der deutschen Nordseeküste, wo Henrike während des Zweiten Weltkriegs ein Schaf "schwarz" schlachtet. Im Gegensatz zu Schweinen sterben Schafe still und verraten nicht ihre Schlächter.

Henrike, die am Neujahrstag des Jahres 1900 als ältestes von fünf Geschwistern am selben Ort geboren wird, ist die Urgroßmutter der Erzählerin Alma und der Ausgangspunkt dieser speziellen Familiengeschichte. Anna Maschik legt dabei den Schwerpunkt auf die Frauen und schildert, unter welchen Umständen sie ihre Leben gemeistert haben. Auffällig ist, dass sich manche Verhaltensweisen wiederholen: Die Mütter haben ein Lieblingskind und eines, mit dem sie sich kaum verbunden fühlen. Außerdem stehen sie dem Wunsch ihrer Töchter nach Bildung im Gegensatz zu den Vätern skeptisch gegenüber.

Henrikes Tochter Hilde wird während des Zweiten Weltkriegs von einem österreichischen Soldaten schwanger. Als der Soldat nach Kriegsende zurückkehrt, geht sie mit ihm und dem kleinen gemeinsamen Sohn nach Österreich. Ihre Schwiegereltern haben dort ein Möbelgeschäft, in das das junge Paar einsteigen kann. Fern der Heimat fühlt sie sich so fremd, wie man sich nur fühlen kann: Ihre Schwiegereltern betrachten sie kritisch, die Stadt ist so viel größer als das Heimatdorf, in der  Stadtwohnung lebt es sich ganz anders als auf dem Bauernhof und die Leute mögen keine Deutschen. Hildes ständiger Begleiter ist das Heimweh.

Das Gefühl der Fremdheit und emotionalen Distanziertheit durchzieht die ganze Handlung. Die Geschwister der jeweiligen Generation gehen sich im besten Fall aus dem Weg, die Eheleute gehen mit ihrer Beziehung pragmatisch um. Zu den Konstanten des norddeutschen Dorflebens gehören die Hebamme Anna und die Leichenfrau Nora, die auch dann vor der Haustür stehen, wenn sie nicht gerufen - aber trotzdem gebraucht werden. Beide umgibt eine besondere Aura, aber keine von ihnen beurteilt oder bewertet die Dinge, die sie sieht.

Eine andere Konstante ist, dass die Personen nur so viel wie nötig miteinander kommunizieren. So wird der Weg für Missverständnisse und gegenseitiges Unverständnis geebnet. Auch Kindern wird das, was sie wegen ihres Alters noch nicht verstehen können, nicht erklärt.

Anna Maschik greift auf zwei weitere Stilmittel zurück: Am Ende vieler Abschnitte fügt sie Listen an, die Sachverhalte kurz und knapp erzählen. Das gilt auch dann, wenn eine dieser Listen leer bleibt. Außerdem schildert Maschik einige Szenen mehrmals aus den unterschiedlichen Perspektiven der Personen. So gelingt es ihr mit wenigen Worten, Stimmungen zu erzeugen und Sachverhalte verständlich zu machen.

Lesen?

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten schlägt zwar einen zeitlich großen Bogen von 1900 bis heute, auf einzelne Zeitabschnitte wird aber nur schlaglichtartig eingegangen. Anna Maschik erzählt die Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern springt zwischen den Zeitebenen vor und zurück.

Die fiktionalen Elemente sind gewöhnungsbedürftig: Da ist Henrikes Sohn Benedikt, der bei seiner Geburt nicht die Augen öffnet, seine gesamte Kindheit und Jugend verschläft und erst als junger Mann aufsteht. Benedikt kann, obwohl er bis zu diesem Tag nur gelegen und mit niemandem geredet hat, sofort gehen und sprechen. Maschik erklärt diesen wundersamen Vorgang nicht, sondern schreibt lediglich: "Es ist nicht natürlich, dass jemand plötzlich als junger Mann erwacht und sprechen und denken kann, als hätte er es irgendwo gelernt." Benedikts erstaunliche kognitive Fähigkeiten führen dazu, dass er gute Ideen hat wie das Gründen einer Dreschgenossenschaft, aber leider auch schlechte: Er will, dass seine Eltern in die NSDAP eintreten, weil er deren Versprechen glaubt, die Höfe zu entschulden. Benedikt stirbt viele Jahre später einsam und verwahrlost auf seinem Hof, Bart und Fingernägel sind meterlang. Hat er zuvor wieder jahrelang geschlafen?

Der Tod wird als etwas beschrieben, das die Verstorbenen so lange im Jenseits hält, bis jemand aus der Familie verstirbt: Benedikts Leiche wird sowohl von der lebenden Nora als auch seinen längst nicht mehr lebenden Eltern aus dem Haus getragen, während Miriam, die Mutter der Erzählerin, in ihrem Gewächshaus als Zitronenbaum in einen Blumentopf eingewachsen ist und von ihrer Tochter gegossen wird. Die Abholung von Miriam wird zu einem Aufmarsch der Toten, die so aussehen, wie die Erzählerin sie in Erinnerung hat.

Es bleibt unklar, ob die fiktionalen Elemente als Metaphern eingesetzt werden. Da sie allerdings stark überzogen sind, wirken sie irritierend.

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ist 2025 im Luchterhand Verlag erschienen und kostet 23 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.
Der Roman stand auf der Shortlist des Österreichischen Debütpreises 2025. 

Montag, 20. Januar 2025

# 463 - Tödlicher Wackelkontakt

Mit Wackelkontakt ist dem österreichischen Schriftsteller Wolf Haas ein ungewöhnlicher Roman gelungen. Das Ungewöhnliche: Ohne das Lesen eines bestimmten Buches käme die Handlung nicht voran.

Elio Russo ist ein Verräter. Der junge Mafioso aus Südkalabrien sitzt im Knast und wartet darauf, freigelassen zu werden. Er hat als Kronzeuge kurz zuvor siebenundzwanzig hochrangige Mitglieder der 'Ndrangheta verraten. Im Gegenzug wurde ihm eine neue Identität versprochen, um in Deutschland neu anfangen zu können.

Der leidlich erfolgreiche Trauerredner Franz Escher wartet in seiner Wohnung in Wien auf den Elektriker. Eine Steckdose in seiner Küche hat einen Wackelkontakt, der nun behoben werden soll. Der alleinstehende Escher hat zwei Leidenschaften: anspruchsvolle Puzzles - gern mit Motiven seines Namensvetters M. C. Escher - und das Lesen von Mafia-Romanen. Die Wartezeit auf den Handwerker zieht sich hin, deshalb beginnt Escher, ein neues Buch zu lesen. Es handelt von dem jungen Kriminellen Elio Russo aus Südkalabrien, der siebenundzwanzig hochrangige Mafiosi verraten hat und eine neue Identität bekommen wird. 

Elio Russo vertreibt sich im Gefängnis das Warten mit dem Lesen eines Buches, das er von seinem deutschen Zellennachbarn bekommen hat. Es geht um einen Mann namens Franz Escher, der zu Hause auf den Elektriker wartet. Als der Handwerker die defekte Steckdose repariert, kommt er ums Leben. Escher wird verzögert klar, dass dieser Tod seine Schuld ist. 

Wolf Haas verwebt zwei Handlungsstränge, die jedoch nicht unbedingt zeitlich parallel verlaufen. Die Leben zweier Männer, die einander nicht kennen und nichts gemeinsam haben, laufen trotzdem aufeinander zu. Das ist umso erstaunlicher, wenn man registriert, dass die Handlung im Leben des Franz Escher nur wenige Tage abdeckt, im Leben von Elio Russo, der nach einem vorgetäuschten Suizid zu Marko Steiner wird, jedoch viele Jahre vergehen.
Das von Escher gelesene Buch bleibt bei ihm, während Steiners Exemplar in andere Hände gerät und die Lesenden wie dieser den Fortgang der Ereignisse er-lesen. 
Letztlich wird die Handlung von Eschers Vorstellung vom Lauf der Zeit bestimmt. Wolf Haas lässt seinen Protagonisten diese Sätze sagen, die dessen Sichtweise auf den Punkt bringen: "Wir haben sowieso eine falsche Vorstellung von der Zeit. Unsere Vorstellung ist zu linear. Wir glauben, es geht in eine Richtung. Man muss es sich aber wie eine Schleife vorstellen."

Lesen?

Wackelkontakt ist ein sehr unterhaltsames Spiel mit der Zeit. Die Anspielungen auf den Künstler M. C. Escher und seine besonderen Werke sowie die Verschränkungen der Handlung machen das Buch zu etwas Besonderem. 

Der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann hat im Dezember 2024 gegenüber dem Deutschlandfunk diesen passenden Kommentar abgegeben: "Ich bin sehr neidisch auf diese Grundidee. Ich denke mir, man, die hätte ich gerne gehabt, aber ich hatte sie nicht, was soll man machen."

Wackelkontakt ist 2024 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet 25 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Sonntag, 19. November 2023

# 418 - Von Menschen und Krähen

Der Schriftsteller Alexander Höch hat gerade eine
Chemotherapie hinter sich. Aber anstatt sich um ihn zu kümmern, beschließt seine Frau Eva, gerade jetzt das gemeinsame Haus renovieren zu lassen. Alexander wird in der Wohnung seines Bruders Georg untergebracht, der gerade auf Reisen ist. Eva duldet keinen Widerspruch, die dominante Psychotherapeutin weiß, wie sie ihren Mann "überzeugen" kann. Christina Walker gibt in ihrem Roman Kleine Schule des Fliegens einen tiefen Einblick in den Seelenzustand eines Mannes, der eine große Lebenskrise (vorläufig) überstanden hat und sich ungewollten neuen Herausforderungen gegenübersieht.

Alexander fühlt sich abgeschoben, lästig und alleingelassen. Georgs Wohnung ist ihm fremd. Fremd ist ihm auch Melitta Müller, die immer wieder kurz vorbeikommt, um die Blumen zu gießen, ein bisschen zu putzen und kleine Besorgungen zu erledigen. Sie steht jedes Mal unverhofft in der Wohnung, was Alexander als ein Eindringen in seine Privatsphäre empfindet. Melitta behauptet jedoch jedes Mal, vorher geklingelt zu haben.

Eine Abwechslung bieten die Krähen, die auf der gegenüberliegenden Platane dabei sind, Nester zu bauen. An den Tieren scheiden sich allerdings die Gemüter der Nachbarschaft: Bewohnerinnen und Bewohner eines Altenheims füttern die Vögel heimlich, andere Nachbarn - allen voran Melitta - setzen alles daran, sie zu vertreiben.

"Das ist eine der schönsten Straßen der Stadt", sagte die Frau mit den kurzen blonden Haaren, "eine Krähenkolonie hat hier einfach keinen Platz."
Kommt einem dieser Satz nicht aus anderen Zusammenhängen bekannt vor?

Es ist Eile geboten, denn sobald die Nester fertig sind, müssen die Krähen in Ruhe gelassen werden. Der Eifer der Krähengegner scheint keine Grenzen zu kennen: Es beginnt mit einem gelben Vergrämungsballon, der in den Zweigen der Platane hängt und dessen eckige Augen den Krähen Angst machen sollen. Statt weniger kommen jedoch mehr von ihnen. Die Krähenhasser versuchen es mit dem gesamten Sortiment des Vergrämungsmarktes, haben aber keinen Erfolg. Eines Morgens findet Alexander auf dem Küchentisch einen Revolver. Er gehört Melitta, die auch die passende Schreckschussmunition dabei hat. 

"Wo sich eine Saatkrähe niederlässt", erwiderte Melitta Miller, "folgen bald die nächsten. Das ist der Beginn einer Migrationsbewegung, wenn wir nichts tun." 

Lesen?

Kleine Schule des Fliegens ist ein sensibler Roman über die Einsamkeit eines Menschen und die Parallelen zwischen zwischen dem Wesen Alexanders und dem der Krähen. Nicht zuletzt verbirgt sich in dem Roman auch eine Portion Gesellschaftskritik, die aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommt.

Kleine Schule des Fliegens ist 2023 im Braumüller Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 22 Euro. Das Buch stand auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises 2023.


Sonntag, 12. November 2023

# 417 - Männer töten

Absicht oder Zufall? Je nachdem, ob man im Titel von Eva Reisingers Debütroman Männer töten das erste oder zweite Wort betont, ergibt sich ein völlig entgegengesetzter Sinn. Grund genug, sich dieses Buch genauer anzusehen.

Anna Maria ist 30 Jahre alt, Österreicherin und lebt in Berlin. Sie arbeitet seit drei Jahren für ein Praktikantinnen-Salär in einer Agentur für Online-Marketing und hat in der Hoffnung, dort beruflich aufsteigen zu können, ihr Studium geschmissen. Sie hat in Berlin zwei enge Freundinnen, fühlt sich dort aber immer unwohler. Die On-Off-Beziehung mit dem selbstbezogenen Friedrich ist eine Belastung. Anna Marias Leben fühlt sich an, als sei es in einer Sackgasse. 

In dieser Situation lernt sie in einem Club Hannes kennen. Er ist ebenfalls Österreicher und hat in dem abgelegenen oberösterreichischen Dorf Engelhartskirchen den Hof der Eltern übernommen. Kurz, nachdem die beiden einen One-Night-Stand haben, hat Anna Maria einen Fahrradunfall. Der einzige, der ihr auf die Frage des Krankenhausarztes: "Wer kann sie abholen?" einfällt, ist Hannes.

Anna Marias neues Leben beginnt in Engelhartskirchen an Hannes' Seite. Insbesondere die Frauen des Dorfes nehmen sie in ihrer Mitte auf. Gleich zu Beginn wird sie zum Junggesellinnenabschied von Sabine und Josepha eingeladen, dessen wichtigstes Merkmal der maßlose Alkoholkonsum ist. Anna Maria registriert zunächst alles, was ein österreichisches Dorf klischeehaft ausmacht: die idyllische Landschaft, die Kühe auf den Weiden, die Kirche. Doch dann wundert sie sich über die ihr fremden Gepflogenheiten wie die Arbeit der selbsternannte Pastorin, aber nach und nach begreift sie, was diesen Ort von allen anderen im Land unterscheidet: Hier wird das Matriarchat gelebt, und zwar bis zur letzten Konsequenz. Im Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen hält die weibliche Dorfgemeinschaft eisern zusammen: die mit Verächtlichmachung gepaarte Homophobie des Hausarztes, Friedrichs in einer Vergewaltigung mündendes Stalking, ein der Frauengemeinschaft gefährlich werdender Journalist... Sie alle geben Anlässe, sich gegen Männer zu wehren. 

Lesen?

Es ist nicht schwer zu erkennen, welchen roten Faden Eva Reisinger in ihrem Roman verfolgt. In Engelhartskirchen wird die Umkehrung des andernorts vorherrschenden Patriarchats gelebt. Eines Patriarchats, das in Österreich zu durchschnittlich einem Femizid alle zwei Wochen und jährlich 50 Mordversuchen an Frauen führt. In Deutschland verliert im Durchschnitt alle drei Tage eine Frau durch einen Femizid ihr Leben.

Im Unterschied zu den Männern, die einen (versuchten) Femizid begehen, weil sie Frauen nicht als gleichwertig ansehen, verachten die Frauen von Engelhartskirchen die Männer jedoch nicht grundsätzlich. Sie haben allerdings kollektiv beschlossen, sich nicht mehr kleinmachen zu lassen. Und wenn das doch passiert...

Männer töten ist ein gedankliches Experiment, das nicht zur Selbstjustiz aufrufen will. Der Roman dient eher dazu, der Gesellschaft - insbesondere dem männlichen Teil - den Spiegel vorzuhalten. Das hat das Buch sehr gut geschafft. Das schien auch die Jury des Österreichischen Buchpreises so zu sehen, das den Titel auf die Shortlist des Debütpreises 2023 setzte.

Männer töten ist 2023 im Leykam Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Sonntag, 5. November 2023

# 416 - Ein Sommer vor 50 Jahren

Thomas Oláh, der in der Film- und Theaterbranche als Kostüm- und Bühnenbildner bekannt ist, hat mit Doppler sein Romandebüt veröffentlicht.

Sein namenloser Ich-Erzähler ist ein Junge, der an einem Sommertag mit seinen Eltern und seinem kleinen Bruder mit dem Auto ins Wochenende fährt. Doch die Familie wird ihr Ziel nicht erreichen: Der Wagen kommt von der Straße ab, überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. Der Junge hat, wie er im Krankenhaus erfährt, eine Gehirnerschütterung. Was aus den Eltern und dem Bruder geworden ist, erfährt er nicht. Ein Onkel holt ihn aus dem Krankenhaus ab und bringt ihn zu seinen Großeltern, die er kaum kennt.

Die Handlung spielt 1970 im fiktiven österreichischen Dorf Frankenhayn, in dem die Großeltern des Jungen und weitere Verwandte wohnen. Der Ort ist geprägt vom Weinanbau. Oláh beschreibt das Leben der österreichischen Landbevölkerung, wie es vor rd. 50 Jahren auch in Deutschland oft üblich war. Es werden nicht mehr Worte als nötig gemacht, dem sozialen Miteinander haftet etwas Archaisches an, Zärtlichkeiten gibt es nicht.
Die oft grausame Art, mit Menschen und Tieren umzugehen, findet ihre Erklärung in der Geschichte und den Erfahrungen jedes einzelnen Familienmitglieds, wobei Oláh den Bogen in seinem Roman bis zurück in die Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spannt. Der Hang zur Brutalität wird an die nächste Generation, hier an die beiden Cousins des Jungen, weitergegeben.

Die Großeltern werden als gefühlte Konstante von allen nachfolgenden Generationen mit "Mutter" und "Vater" angesprochen, ebenso konstant ist die Möblierung: Die beiden Alten schlafen in kastenähnlichen Bauernbetten mit hohen Rahmen, die von dem Jungen als Sarkophage bezeichnet werden.
Der Katholizismus wird mit seinen Ritualen gelebt, ihm haftet jedoch etwas Bigottes an. 
Das Leben ist vom Rhythmus der anstehenden Arbeiten und vom ausgiebigen Verkosten des selbst hergestellten Weins geprägt, der in großen Zweiliter-Flaschen, den Dopplern, abgefüllt wird. Dieses Verkosten folgt ebenso wie der katholische Glauben festen Abläufen.

Und dann ist da das Gefühl des Jungen, von seiner Familie, die mit ihm verunglückt ist, vergessen worden zu sein: Eines Nachts bemerkt er die Gespräche der Erwachsenen, die wie dort üblich nur aus einzelnen Worten und Halbsätzen bestehen. Er sieht seinen Vater und seinen kleinen Bruder, die beiden scheinen gemeinsam mit den Großeltern die Mutter besuchen zu wollen. Der Junge ist jedoch nicht sicher, niemand spricht mit ihm darüber oder tröstet ihn. Er hat keine Ahnung, wie lange er in Frankenhayn bleiben muss und wie es mit ihm weiter geht.

Lesen?

Thomas Oláh ist im selben Jahr geboren wie ich. Vieles von dem, das er beschreibt, habe ich so oder so ähnlich selbst in Erinnerung. Oláh schafft es sehr gut, die Haltlosigkeit des in dem Winzerdorf gestrandeten Jungen zu dokumentieren, sodass man durchweg auch in den positiven Szenen Mitgefühl empfindet.

Oláh setzt neben dem Jungen einen Erzähler ein, der die ihm unbekannten Familienhintergründe beschreibt. Dadurch geraten Leserinnen und Leser in die etwas kuriose Situation, dass sie im Gegensatz zur Hauptfigur, dem Jungen, das große Ganze überblicken, das Kind jedoch keine Chance hat, das ebenfalls zu tun und Zusammenhänge zu verstehen.

Unverständlich bleibt, dass der Junge ein sehr guter Beobachter ist und das Erlebte in seiner Rolle als Erzähler in passende Worte kleiden kann, er aber nicht den Antrieb aufbringt, Fragen nach seinen Eltern und seinem Bruder sowie seiner eigenen Zukunft zu stellen.

Thomas Oláh hat in drei eigenen Kapiteln Texte über heute (fast) vergessene Forscher oder Künstler eingefügt: Nikolaus Winkel (Erfinder des Metronoms), Christian Doppler (Entdecker des nach ihm benannten Doppler-Effekts) und Marcel Mariën (belgischer Schriftsteller und Kunstkritiker). Den Zusammenhang zwischen der Handlung und den drei Männern konnte ich nur mühsam konstruieren, die Exkurse lenkten von der eigentlichen Handlung eher ab.

Insgesamt hinterlässt Doppler bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Den im Klappentext angekündigten Humor habe ich nicht wahrgenommen, über die über der Kernhandlung stehenden Themen wurde in den letzten Jahren bereits oft geschrieben. Der Roman ist trotz dieser Kritik interessant geschrieben und bringt für alle, denen das Landleben vor 50 Jahren und die Prägungen durch den Zweiten Weltkrieg noch fremd ist, etliche Erkenntnisse.

Doppler ist 2023 im Verlag Müry Salzmann erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro.

Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 und ist im Rahmen des Österreichischen Buchpreises für den Debütpreis nominiert.


Montag, 30. Oktober 2023

# 415 - Der diesjährige Gewinner des Deutschen Buchpreises: Wie überzeugend ist "Echtzeitalter"?

Mit seinem Debütroman Nicht wie ihr hatte es Tonio
Schachinger 2019 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, mit Echtzeitalter hat er den Preis in diesem Jahr gewonnen. Doch worum geht es in dem Roman?

Till Kokorda besucht eine Wiener Eliteschule. Sein Klassenlehrer wird während der folgenden acht Jahre der konservative, despotische und von sich eingenommene Bruno Dolinar sein. Aus Sicht der Klasse hat der Lehrer nicht nur äußerlich Ähnlichkeit mit Lord Voldemort.

Die Schule ist in der ehemaligen Sommerresidenz der Habsburger untergebracht, das Schulklima passt perfekt zu dem alten Gebäude: Die Lehrkräfte sehen ihre Aufgabe darin, die Schülerinnen und Schüler auf das BWL-, Medizin- oder Jurastudium vorzubereiten. Diese kommen überwiegend aus reichen Familien, viele haben Eltern oder Großeltern, die in Österreich Ansehen und Einfluss haben oder hatten.

Till besucht die Schule mit gebremstem Ehrgeiz. Seine Leidenschaft gilt dem Echtzeit-Strategiespiel Age of Empires 2, in dem er mit der Zeit so gut wird, dass er zu den weltweiten Top 10-Spielern aufsteigt. In seinem Umfeld weiß lange jedoch nur sein Freund Georg davon, der ebenfalls ein Fan des Spiels ist, an Tills Fähigkeiten aber nicht heranreicht.

Till lebt mit seiner Mutter zusammen. Sein Vater ist verstorben, als Till 14 war. Das Spielen füllt Tills gesamte Freizeit aus. Gespräche mit der Mutter, die keine Ahnung hat, was ihr Sohn da an seinem Computer macht, beschränken sich auf Organisatorisches. 

Seinem Klassenlehrer Dolinar missfällt Tills mangelnde Sprachbegabung, sodass es der Junge in dessen Deutsch- und Französischunterricht schwer hat. Dass seine Begabungen im mathematischen Bereich liegen, zählt für Dolinar nicht.
Als Till 18 ist und die Gelegenheit hat, sich auf der Gaming-Messe ChinaJoy in Shanghai mit den besten AoE-Spielern der Welt zu treffen und zu messen, ergreift er die Gelegenheit und meldet sich bei Dolinar erst kurz vor dem Abflug per SMS ab. Diese in dessen Augen falsche Priorität verärgert den Lehrer dermaßen, dass er seinen Zorn an Till mit den Mitteln der schwarzen Pädagogik auslässt und ihn vom Rest der Klasse isoliert. 

Zu Tills Glück bricht Anfang 2020 die Corona-Pandemie auch über Österreich hinein. Die Schulen schließen für zwei Monate, die Matura-Vorbereitungen finden zu Hause statt. Mit dem Beginn der schriftlichen Matura-Prüfungen, die landesweit zeitgleich und inhaltlich identisch durchgeführt werden, endet das Angstregiment von Dolinar, denn wegen der Pandemie werden ausnahmsweise keine mündlichen Matura-Prüfungen abgenommen.

Lesen?

Tonio Schachinger gibt durch die Figur des Till Einblicke in das Österreich der 2010-er Jahre bis einschließlich 2020. Der Roman verfolgt nicht nur Tills Erwachsenwerden, sein Schließen von neuen und dem Verlust von alten Freundschaften, seiner ersten Liebe und dem Verarbeiten des Todes des Vaters; Schachinger greift auch Schlagworte wie den Austrofaschismus und die Ibiza-Affäre um den damaligen Vize-Kanzler Strache, die 2019 einen großen Skandal auslöste, auf. 

Immer wieder wird auf die österreichische Titelhörigkeit und auf die relativ große Gruppe der politisch Rechten angespielt, die auf das gesellschaftliche und politische Leben Einfluss nimmt. Doch während es lange den Anschein hat, dass diese Verhältnisse von Schachinger hingenommen werden, weil es nie anders war, wird dieser Eindruck zum Schluss gerade gerückt: Till trifft nach dem Ende der Schulzeit einen früheren Mitschüler wieder, der gerade den sechsmonatigen Grundwehrdienst ableistet. Als der Dolinars Schikanen mit den Worten: "Es war schon super, eigentlich", verklärt, weist Till das deutlich zurück. "Spinnst du?", entgegnet er. "Es war die Hölle, du Idiot!"

So gut mir der Roman gefallen hat, so sehr habe ich mich immer wieder mit österreichischen Besonderheiten abgemüht, die in Deutschland unbekannt sind. Ob es um 'WEGA' geht, die Lila Villa, den Begriff 'sekkieren', die BVT-Affäre, Grätzl oder das Schikaneder: Echtzeitalter lässt sich mit dem Anspruch, den Roman vollständig zu verstehen, nur lesen, wenn man die Lektüre immer wieder für eine Recherche unterbricht. Das Buch richtet sich an Österreicher, besser noch an Wiener. Da es jedoch im ganzen deutschen Sprachraum herausgegeben wurde, wäre ein Glossar hilfreich gewesen.

Echtzeitalter ist 2023 im Rowohlt Buchverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.



Samstag, 7. Oktober 2023

# 412 - Wie ist das Kindsein im Krieg? Ein Roman über Entwurzelung, Sprachlosigkeit und Euthanasie

Sepp Malls Roman Ein Hund kam in die Küche ist
eine Zeitreise nach Südtirol und Oberösterreich Anfang der 1940-er Jahre. 
Die Südtiroler Familie Gruber entschließt sich 1942 auf Drängen des Vaters, die Heimat zu verlassen und nach Österreich auszuwandern, das nach dem sog. "Anschluss" des Alpenlandes ein Teil des Deutschen Reichs wurde. Hitler und Mussolini hatten eine als "Option" bezeichnete Möglichkeit vereinbart, dass die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Italiens (was im Wesentlichen der Bevölkerung Südtirols entsprach) sich entweder für ein Leben im Deutschen Reich oder den Verbleib in Italien entscheiden konnte. Die Ausreisewilligen werden in den Augen vieler Südtiroler zu Heimatverrätern.

Der Vater des im Roman als Ich-Erzähler auftretenden elfjährigen Ludi ist von der Vorstellung begeistert, Reichsdeutscher werden und der deutschen Sache dienen zu können. Doch die Familie, die außerdem noch aus der Mutter und dem sechsjährigen Hanno besteht, ahnt nicht, was da auf sie zukommt.

Die erste Station ist Innsbruck. Dort werden die Vier zunächst in einem Hotelzimmer untergebracht, danach folgt eine genaue ärztliche Untersuchung. Während sie für Ludi und seine Eltern komplikationslos verläuft, muss sich Hanno einer weiteren medizinischen Begutachtung unterziehen. Er ist wegen seiner körperlichen und geistigen Einschränkungen aufgefallen.

Der Vater meldet sich kurz nach der Ankunft zum Kriegsdienst an die Front. Er ist überzeugt davon, dass Deutschland den Krieg schnell gewinnen und er bald wieder bei seiner Familie sein wird. Es wird jedoch Jahre dauern, bis er zurückkehrt.

Aufgrund der Untersuchungsergebnisse muss Hanno in ein Behindertenheim. Die Familie geht davon aus, dass es ein Aufenthalt von einigen Wochen oder vielleicht einem Monat wird und Hanno danach besser sprechen und laufen kann. Man ahnt, dass es anders kommt.

Lesen?

Sepp Mall beschreibt die Folgen der krassen Fehlentscheidung des Vaters, die Heimat zu verlassen, brutal, aber dennoch empathisch. Szenen wie die, in denen es der Mutter und Ludi im Behindertenheim durch einen Trick verwehrt wird, sich von Hanno zu verabschieden, gehen sehr nahe. Ludi, der zu seinem Bruder ein enges und liebevolles Verhältnis hat, hofft, diesen noch einmal durch eines der Fenster zu sehen: "Und doch wurde ich den Gedanken nicht los, dass Hanno uns noch gesehen hatte. [...] Er musste uns gesehen haben, als wir davongingen." Die Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung, die von Ludis Worten ausgeht, ist deutlich zu spüren. Später hört er den Kommentar des Dorfladenbesitzers nach Hannos Tod, dass alle Opfer bringen müssten und man das dem gesunden Volkskörper schuldig sei.

Mall spricht nicht nur die Euthanasie an, der Hanno im Zuge der "Aktion T4" zum Opfer fiel, sondern auch das Gefühl der Heimatlosigkeit. Ludi hat Heimweh nach seinem Tal in Südtirol, und seine Mutter verspricht ihm, dass sie beide so bald wie möglich dorthin zurückkehren werden. Er fühlt sich in Österreich im "Niemandsland": "Meine Mutter war die Einzige, die wusste, wer in der Schulbank neben mir gesessen hatte oder wen ich meinte, wenn ich der Schneider sagte. [...] Hier an diesem Ort gab es keine Erinnerungen, die mir gehörten und die ich mit jemandem teilen konnte."
Doch zunächst werden sie ins sog. Oberdonaugau (heutiges Oberösterreich) geschickt. Die Familie wird wegen ihrer italienischen Herkunft mit Vorurteilen konfrontiert, die geflüchteten Sudetendeutschen, denen sie begegnet, werden von den Einheimischen aber deutlich schlechter behandelt. 

Und dann ist da diese Sprachlosigkeit. Nichts wird Ludi erklärt, oft muss er sich die Wahrheit aus den wenigen Äußerungen und Gesten seiner Eltern zusammenreimen. Auf Nachfragen, warum man ihm nichts gesagt habe, kommt häufig die stereotype Antwort: "Es ist besser so." Begriffe, die in der Sprachwelt der Erwachsenen eine Bedeutung haben, sind dem Jungen fremd und er gibt ihnen einen neuen Inhalt.

Mit einem sprachlichen Kniff lässt Sepp Mall den getöteten Hanno lebendig werden: Er erscheint seinem Bruder sowohl im Traum als auch im Alltag und erzählt ihm, was ihm im Behindertenheim widerfahren ist.

Ein Hund kam in die Küche wurde für den Deutschen Buchpreis 2023 nominiert. Zu Recht, denn der Roman schildert eindringlich und mit klaren Worten, wie sich Entwurzelung und Krieg für ein Kind anfühlen. 

Das Buch 2023 in der Leykam Buchverlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,-- Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Montag, 18. September 2023

# 409 - Eine Tour de Force durch das kriegseuphorische Wien

Hans Ranftler ist siebzehn Jahre alt, lebt und arbeitet
für einen Hungerlohn als Knecht auf einem Hof in einem tiroler Tal und trauert seiner Schulzeit in einem Gymnasium nach, die mit dem Unfalltod des Vaters vor sieben Jahren ein jähes Ende nahm. Von dem, was in der Welt oder sogar nur in Österreich passiert, hat er nur so viel mitbekommen, wie ihm sein mit "Herr" angesprochener Bauer erzählt hat.

Am frühen Morgen des 30. Juli 1914 kommt Hans mit dem Zug in Wien an, nachdem er sich vom Hof fortgeschlichen hat. Sein Ziel ist die Praxis der Psychoanalytikerin Helene Cheresch, einer Expertin für "Massenhysterien und parapsychologische Effekte", von der er in der Zeitung gelesen hat. Hans hat an sich eine Gabe beobachtet, die er für so außergewöhnlich hält, dass er von Chereschs Interesse daran ausgeht: Er nimmt Gedanken von Menschen in seiner Nähe kurz, bevor sie ihnen selbst bewusst werden, wahr.

Im Umfeld von Chereschs Praxis lernt Hans zufällig den Aristokratensohn und Offizier Adam und die begabte Mathematikdoktorandin Klara kennen, die aus armen Verhältnissen kommt und mit der Psychoanalytikerin lebt.  

Wien ist zu diesem Zeitpunkt in Aufruhr. Zar Nikolaus II. hat die Generalmobilmachung der russischen Armee befohlen, und in Österreich ist der drohende Kriegsbeginn das alles beherrschende Thema. Zu Tausenden strömen junge Männer euphorisch in die Kasernen, der Kriegstaumel hat die ganze Stadt ergriffen. Jeder, mit dem Hans in Wien zusammentrifft, geht wie selbstverständlich davon aus, dass sich der junge Mann zum Kriegsdienst melden wird. Doch das hat Hans nicht vor.

Für Klara und Adam geht es nur einen Tag später ums Ganze: Die Doktorandin will am 31. Juli 1914 ihr Rigorosum bestehen, bei dem es um Irrationalzahlen geht, die auch als Inkommensurable bezeichnet werden, und der junge Offizier hat bereits seinen Einberufungsbefehl in der Tasche. Die beiden sind gut miteinander befreundet und nehmen den intelligenten, aber unbedarften Hans unter ihre Fittiche. 

Adam, der von seinem Vater früh für das Leben als Offizier gedrillt wurde, hat diesem vor Jahren eine Bratsche abgetrotzt, um seiner wahren Leidenschaft, der Musik, nachgehen zu gönnen. Hans erlebt nun eine Probe des Zweiten Streichquartetts von Arnold Schönberg, danach ein Abendessen mit Adams Eltern und weiteren elitären Gästen und anschließend zu dritt Besuche von anrüchigen Etablissements, in denen Adam und Klara ein und aus gehen, die für Hans aber eine ganz neue Welt sind. Das, was er in kurzer Zeit in atemberaubender Geschwindigkeit kennenlernt, hat mit seinem bisherigen Leben auf dem Land nichts zu tun.

Lesen?

Raphaela Edelbauer hat mit Die Inkommensurablen einen Roman geschrieben, der dicht gedrängt sowohl ein Ritt durch die Wiener Geschichte als auch die Zeichnung eines Gesellschaftsbildes beinhaltet. Die kriegstrunkene Bevölkerung verachtet Juden und Sozialisten, weil man bei ihnen eine fehlende nationalistische Einstellung voraussetzt. Die gesellschaftlichen Klassen spielen eine große Rolle und werden hier durch die drei Kurzzeit-Freunde Hans (Bauern), Adam (Adel und Militär) und Klara (Proletariat) repräsentiert. Hans beobachtet in einem Unterweltlokal zum ersten Mal homosexuelle Menschen, erlebt Drogensüchtige und hört neue Musik wie den Jazz und die heftig kritisierte Zwölftonmusik, deren bekanntester österreichischer Komponist der o. g. Arnold Schönberg ist.

Das Buch hält die Aufmerksamkeit durch sein Tempo und Edelbauers treffsichere Formulierungen hoch.
An manchen Stellen schleicht sich jedoch etwas Unglaubwürdigkeit in die Handlung: Es bleibt unklar, was Adam und Klara dazu bringt, die letzten Stunden bis zu den Wendepunkten ihres Lebens ausgerechnet mit einem ihnen völlig unbekannten Knecht zu verbringen, dem sie zufällig bei ihrer Psychoanalytikerin begegnen. Auch dass die Zeit für einige ausgedehnte philosophische Betrachtungen ausreicht, ist im Hinblick auf die sich überschlagenden Ereignisse erstaunlich. Nicht zuletzt ist das Vertrauen, dass beispielsweise Klara Hans entgegenbringt, ungewöhnlich: Sie kennen sich nur wenige Stunden, als sie ihm ein Geheimnis über Adam anvertraut. Doch was erwartet man von ihr, die sich unter großen Opfern durch ihr Studium gekämpft hat, um sich die letzte Nacht vor ihrem Rigorosum um die Ohren zu schlagen? Logisches Verhalten jedenfalls nicht unbedingt.

Die Wege der drei jungen Menschen trennen sich nach eineinhalb intensiven Tagen. Was aus ihnen wird und ob sie sich wiedersehen, bleibt offen.

Die Inkommensurablen ist ein lesenswertes Buch mit einigen Abstrichen. Es steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2023.

Der Roman ist 2023 bei Klett-Cotta erschienen und kostet als Hardcover 25 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Sonntag, 2. Juli 2023

# 399 - Unsichtbare Mauern - Die Autobiographie einer der wichtigsten politischen Journalistinnen

Hella Pick wurde als Kind jüdischer Eltern 1929 in
Wien geboren. Die Familie führte bis zur Scheidung der Eltern ein bürgerliches Leben, diese trennten sich jedoch, als ihre Tochter drei Jahre alt war. Hella wuchs bei ihrer Mutter auf; der Vater wanderte 1938 in die USA aus. Von ihm hat Hella Pick seitdem nichts mehr gehört.

Die Situation der Juden in Österreich verschlechterte sich mit dem Beginn des von Adolf Hitler ausgerufenen "Anschlusses" des Landes an Deutschland stark. Im Frühling 1939 kam Hella Pick mit einem der Kindertransporte nach London, wo sie von einer britischen Familie aufgenommen wurde. Drei Wochen später gelang es auch ihrer Mutter, nach London auszureisen. Es sollte allerdings noch eine Weile dauern, bis es den beiden möglich war, wieder zusammen zu wohnen.

Hella Pick blickt in ihrer Autobiographie Unsichtbare Mauern auf ein langes und ereignisreiches Leben zurück. Der Untertitel Die abenteuerliche Reise einer der größten politischen Journalistinnen zu den Gipfeln und Abgründen der Zeitgeschichte trifft zum größten Teil das, was Pick ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch vermittelt: Durch Fleiß, Beharrlichkeit und - wie sie selbst zugibt - einer guten Portion Glück nimmt Pick viele Hürden in ihrem Leben.

Höhere Schulbildung und das spätere Studium waren nur durch Stipendien und Zuschüsse möglich, da Picks Mutter nur wenig Geld verdiente. 1947 schloss sie ihr Studium ab und wollte unbedingt bei den Vereinten Nationen arbeiten. Doch die Quotierung nach dem Herkunftsland der Bewerber verhinderte diesen Wunsch. Später, nachdem sie sich dem Journalismus zugewendet hatte, wurde ihr klar, dass sie bei der UNO nicht glücklich geworden wäre.

1948 erhielt Hella Pick die britische Staatsbürgerschaft. Sie arbeitete in Wien, Paris und Afrika und schrieb ab 1961 als Korrespondentin für die britische Tageszeitung The Guardian aus Washington und New York, war jedoch in der ganzen Welt unterwegs. Viele bekannte Persönlichkeiten, die sie beruflich kennenlernte, wurden zu ihren Freunden. Ihre Gesprächspartner waren z. B. John F. Kennedy, Lech Wałęsa, Nicolae Ceaușescu oder Willy Brandt. Picks Reportagen sind am Puls der Zeit und die Ereignisse, über die sie bis zu ihrem Ausscheiden beim Guardian 1996 geschrieben hat, sind Bestandteile des kollektiven Gedächtnisses. Die Dekolonisierung afrikanischer Staaten ab Mitte der 1940-er Jahre, der Kalte Krieg und die Gründung der "Bewegung der Blockfreien Staaten" 1961, die Invasion von Indien in Goa und die damit einhergehende Glaubwürdigkeitskrise der UNO im selben Jahr, die Watergate-Affäre um US-Präsident Nixon bis zum Zerfall der Sowjetunion und dem Beginn der Jugoslawienkriege Anfang der 1990-er Jahre sowie der Brexit: Hella Pick war vor Ort und hat darüber berichtet.

Nach 35 Jahren beim Guardian hat sich Pick neu orientiert und u a. eine Biographie über den sog. "Nazijäger" Simon Wiesenthal geschrieben. Sie, die ihre jüdische Identität lange Zeit verdrängt hatte, beschreibt ein nächtliches Gespräch mit Willy Brandt 1971, dessen Wirkung sie als "kathartisch" bezeichnet: Erst dann schaffte sie es, mit Deutschland nicht automatisch den Nationalsozialismus zu verbinden.

Neben der Journalistin gibt es natürlich die Privatperson Hella Pick. Eine wesentliche Rolle nimmt in ihrem Leben ihre Mutter ein, die sich ununterbrochen um ihre in der Weltgeschichte herumreisende Tochter Sorgen machte und auch nicht davor zurückschreckte, sich beim Chefredakteur des Guardian zu beschweren. Pick schrieb ihr über viele Jahre täglich, um die Mutter ein Stück weit am eigenen Leben teilhaben zu lassen.
Die Mutter, die sich für ihr Kind einen guten Mann, ein festes Zuhause und Kinder wünschte, bewertete die Liebesbeziehungen der Tochter skeptisch - zu Recht, wie sich später herausstellen sollte. Für Hella Pick steht ihr Freundeskreis anstelle einer eigenen Familie.

Lesen?

In Unsichtbare Mauern schreibt Hella Pick, wo und wie es ihr gelungen ist, eben diese Mauern einzureißen. Nur beim Trauma, ein Flüchtlingskind zu sein, ist ihr das nicht gelungen. Die Unsicherheit, ob sie selbst gut genug ist, hat sie ihr Leben lang begleitet. Und das, obwohl sie sich in einer damals starken Männerdomäne behauptet hat. 
Hella Picks Autobiographie ist spannend, macht aber auch an vielen Stellen nachdenklich. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter das Goldene Ehrenkreuz der Republik Österreich und den Commander of the British Empire.

Unsichtbare Mauern ist 2022 im Czernin Verlag erschienen und kostet als Hardcover 28 Euro.

Freitag, 4. November 2022

# 369 - Von der Qualle ins Innere des Menschen

Wie es zu dem Buchtitel von Marie Gamillschegs Roman Aufruhr der Meerestiere kam, bleibt ungeklärt, denn um einen Aufruhr geht es in diesem Buch nicht.

Um Meerestiere allerdings schon. Genauer: um die Meerwalnuss, die nicht etwa eine Nuss, sondern eine Rippenqualle ist. Obwohl sie zu 99 Prozent aus Wasser besteht, bereitet sie nicht nur Meeresbiologen, sondern auch Fischern und Tourismusmanagern Sorgen: Als sog. "invasive Art" hält sie sich nicht nur im heimischen subtropischen Atlantik, sondern auch verstärkt in der immer wärmer werdenden Ostsee auf. Vermutlich ist sie vor einiger Zeit an der Spundwand eines Containerschiffs in unsere Breiten gereist. Die Meerwalnuss vereint einige Extreme auf sich: Sie vermehrt sich rasant, wenn sie sich wohl fühlt. Einige Tausend Eier pro Tag zu produzieren fällt dieser Quallenart leicht. Und wenn so viel Nachwuchs da ist, wird auch der Futterbedarf groß: Meerwalnüsse fressen kleine Krebschen, die die Grundnahrung für Heringe, Sprotten und Fischlarven sind. Das Problem für den Fischfang liegt auf der Hand.
Aber damit ist die Meerwalnuss noch nicht fertig, den Menschen auf die Nerven zu gehen: Wo sehr viele von ihnen sind, fühlt sich das Ostseewasser an wie Gelee. Das ist zwar nicht gesundheitsschädlich, wird von badenden Touristen aber als ekelhaft empfunden. 
Der Klimawandel lässt grüßen.

Das und noch ein bisschen mehr erfährt man über das hirnlose Glibberwesen, wenn man sich durch diesen Roman liest. Aber die Meerwalnuss bildet nur den Rahmen für die eigentliche Handlung, in deren Mittelpunkt die Meeresbiologin Luise steht. Luise forscht schon lange an der Meerwalnuss und sieht in ihr nicht ein Wesen, gegen das man angehen muss, sondern einen sensiblen Organismus, der eine faszinierende Eigenschaft hat: Durch Biolumineszenz können Meerwalnüsse leuchten.

Die 32-jährige Luise arbeitet am Helmholtz-Zentrum in Kiel und ist eine gefragte Expertin. Sie ist beruflich viel unterwegs, ein geregelter Tagesablauf ist ihr fremd. Trotz der fachlichen Anerkennung ist sie nicht glücklich und weit davon entfernt, mit sich im Reinen zu sein. Ihr Verhältnis zu ihrem Vater ist von Sprachlosigkeit geprägt, das zu ihrem Bruder eher angespannt. Die Gründe dafür lassen sich nur erahnen. 

Als ein renommierter Tierpark in Graz ein neues Forschungsprojekt beginnen will, fährt Luise in ihre Heimatstadt. Es wird eine Reise in die eigene Vergangenheit. Man erfährt von Luises Essstörungen in ihrer Jugendzeit und dass sie diese immer noch nicht überwunden hat. Man liest auch über ihre Unfähigkeit, Liebesbeziehungen aufzubauen: Bevor es zu einer gewissen Tiefe kommt, entfernt sich Luise von dem jeweiligen Mann. Sie ist so schlecht zu fassen wie die Meerwalnuss, über die die Wissenschaftlerin fast alles weiß. So sehr sie eine exzellente Forscherin ist, so wenig versteht sie es, mit ihrem eigenen Leben zurechtzukommen. 

Luise lebt während ihrer Zeit in Graz in der Wohnung ihres Vaters, der sich bei ihrem Bruder von einem Herzinfarkt erholt. Dort versucht sie, dem Vater näherzukommen und die Erinnerungen an ihre Kindheit wieder aufleben zu lassen - sowohl die an die Zeit mit beiden Eltern als auch nach deren Scheidung. Ihr Vorhaben mit dem Tierpark gerät darüber oft in Vergessenheit, Luise lebt in den Tag hinein. Umso überraschender ist, wie der Aufenthalt dort für sie endet.

Lesen?

Aufruhr der Meerestiere ist kein Roman, der chronologisch und geordnet eine Geschichte erzählt. Hier ist vieles im Fluss, einige Dinge bleiben unklar oder undeutlich und oft hat man beim Lesen den Eindruck, dass sich Marie Gamillscheg atmosphärisch von der Meerwalnuss hat inspirieren lassen, die sich schon mal in nichts auflösen kann. Der Versuch, Luises Persönlichkeit zu beschreiben, den Leserinnen und Lesern die Besonderheiten der Meerwalnuss nahezubringen und beides mit dem großen Problem unserer Zeit, dem Klimawandel, zu verknüpfen, ist der Autorin gelungen. Dieser Roman hebt sich vor allem durch seine besondere Sprache von der Masse ab und sorgt so für ein ungewöhnliches Literaturerlebnis.

Aufruhr der Meerestiere ist 2022 im Luchterhand Verlag und kostet als gebundenes Buch 22 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro. Der Roman stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022. 

Nachtrag: Die leuchtende Meerwalnuss ist sehr faszinierend. Hier kann man einen Blick auf sie werfen.

Freitag, 8. Oktober 2021

# 311 - Liebe, Tod und Bücher - eine Familiengeschichte

Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer veröffentlicht ihre Werke bereits seit Ende der 1970-er Jahre, einem breiten Publikum wurde sie allerdings erst 2020 mit dem Erscheinen ihres Buches Die Bagage bekannt, in dem sie über ihre Großeltern, deren Kinder und die allgegenwärtige Armut schreibt, in der die Familie in einem Bergdorf lebte.

Nur ein Jahr später ist nun Vati erschienen. Monika Helfer fand, dass ihr Vater in ihrer Familiengeschichte bislang zu kurz gekommen war und widmet ihm nun ein eigenes Buch. Der Vater war Kriegsinvalide und leitete ab 1955 ein Kriegsversehrten-Erholungsheim auf dem Hochplateau Tschengla im Brandnertal (Vorarlberg). Das Leben dort war für Helfer und ihre Geschwister frei und glücklich. Das Glück fand ein Ende, als die Mutter an Krebs erkrankte und verstarb. Der Tod seiner Frau warf den Vater derart aus der Bahn, dass er plötzlich verschwand, ohne sich von seinen Kindern zu verabschieden. Diese wurden unter den Schwestern der verstorbenen Mutter aufgeteilt - die drei Mädchen kamen zu der einen, der kleine Bruder, der noch ein Baby war, zu einer anderen Schwester.

Das Leben insbesondere der drei Schwestern bei ihrer Tante und deren Familie war von Armut, Sprachlosigkeit und Verhaltensweisen der Erwachsenen geprägt, mit denen die Mädchen zunächst nicht umgehen konnten. Ihr Vater blieb für sie verschwunden, und niemand sprach über ihn. Doch eines Tages erfuhren sie, wo er sich seit der Beerdigung der Mutter aufgehalten hatte. Als sie ihn nach langer Zeit zum ersten Mal wiedersahen, war er ihnen fremd geworden.

Monika Helfer versucht, aus Teilen der eigenen Erinnerung und der ihrer Schwestern sowie der Stiefmutter ein Bild ihres Vaters zusammenzusetzen, aber das gelingt nur unvollständig. Dessen ungewöhnliche Art, Bücher zu lieben, wirkt irritierend: Es ging ihm nicht nur darum, sie zu lesen, sondern auch zu besitzen und immer wieder zu berühren. Die Art und Weise, wie ein Mensch ein Buch aus dem Regal nimmt, war für den Vater entscheidend: War sie falsch, hatte es dieser Mensch bei ihm schwer. 
Als er versuchte, die gespendeten Bücher des Erholungsheims zu retten, weil die Einrichtung umgewandelt und darum die dortige Bibliothek aufgelöst werden sollte, machte er sich strafbar. Die Erkenntnis, dass man ihm bei einer Inventur auf die Schliche kommen und bestrafen würde - was seine Familie in den sozialen Abgrund gestoßen hätte - brachte ihn zu einem Selbstmordversuch. Er hatte Glück und wurde rechtzeitig gefunden, aber die Tat und der anschließende lange Krankenhausaufenthalt entfremdete ihn vor allem von seinen Kindern.

Helfers einfache und direkte Art zu schreiben erzeugt eine unmittelbare Nähe zur Handlung. Es tut förmlich weh zu lesen, wie wenig auf die Bedürfnisse der Kinder, die ihre Mutter verloren hatten, Rücksicht genommen wurde. Der Vater ergab sich seinem eigenen Schmerz und hatte seine Kinder darüber völlig vergessen. Die Tanten taten das, was sie für das Beste hielten; emotionale Zuwendung kam darin nicht vor.

Das Augenmerk der Familie lag nach einiger Zeit vor allem darauf, dass der Vater nicht noch weiter verkommen sollte. Das hieß: Er musste wieder heiraten. Das war für einen Einbeinigen mit vier Kindern nicht so einfach, aber einer von Monika Helfers Onkeln hat die Sache in die Hand genommen und eine geeignete Kandidatin gefunden, die für die Hochzeit alle eigenen Pläne über Bord geworfen hat. Warum sie das tat, blieb unerklärt.

Lesen?

Monika Helfer hat mit Vati keine Abrechnung mit ihrem Vater vorgelegt. Sie macht ihm an keiner Stelle einen Vorwurf für sein oft rätselhaftes Verhalten. Das Buch ist eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und der Geschichte ihrer Familie. Man spürt den Wunsch der Autorin, für Dinge, die sie als Kind nicht verstanden hat, als Erwachsene eine Erklärung zu finden.

Vor einiger Zeit habe ich Die Bagage gelesen. Es ist keine Voraussetzung, das Buch kennen zu müssen, um Vati zu verstehen, es macht das Verständnis jedoch einfacher. Allerdings hatte ich bei etlichen Abschnitten in Vati den Eindruck, sie schon zu kennen. Beide Bücher sind inhaltlich so dicht beieinander wie zwei verschränkte Hände.

Vati ist für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert.
Das Buch ist 2021 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.


Freitag, 1. Oktober 2021

# 310 - Vision eines Rechtsrutsches in Österreich

Beim Lesen des Blogtext-Titels könnte man natürlich
einwenden: Ist Österreich nicht ohnehin schon ganz schön weit rechts? Ja schon, aber wenn man den Krimi Rechtswalzer des österreichischen Schriftstellers Franzobel liest, dann merkt man: Da geht noch eine ganze Menge.

Freitag, der 6. Dezember 2024 ist für den Wiener Malte Dinger ein rabenschwarzer Tag. Der bislang erfolgsverwöhnte Gastronom lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in gutsituierten Verhältnissen, achtet beim Einkaufen auf die Herkunft der Produkte, trennt seinen Müll und tritt für benachteiligte Menschen ein. Er gibt sich Mühe, ein guter Ehemann und Vater zu sein und blickt zufrieden auf sein Leben. Doch dann wendet sich das Blatt abrupt: Auf dem Weg zur U-Bahn findet Malte ein Smartphone. Bevor er sich entscheiden kann, was er damit als nächstes tun wird, empfängt das Gerät einen Anruf. Eine Stimme bezeichnet ihn als Arschloch und sagt voraus, dass es mit Maltes Glück nun vorbei ist. "Du bist raus, kapiert? Raus. Du hast ausgeschissen in der Welt!"

Und so ist es. Den Auftakt der unvergleichlichen Pechsträhne erlebt Malte in der U-Bahn: Zwei Kontrolleure fordern ihn auf, seinen Fahrschein vorzuzeigen. Doch an der Stelle in seiner Brieftasche, an der sich normalerweise die Monatskarte befindet, ist nichts. Maltes Frau, die die Karte am Tag zuvor benutzt hatte, hatte sie ihm nicht zurückgegeben. Ab diesem Moment beginnt sich für den bislang unbescholtenen Bürger Malte Dinger eine beispiellose Abwärtsspirale zu drehen, die ihn nicht nur ins Gefängnis bringt, sondern sogar zu einer Mordanklage gegen ihn führt - obwohl er unschuldig ist wie ein neugeborenes Kind.

Seine Probleme verschärfen sich, weil Österreich seit einiger Zeit von der Partei LIMES regiert wird, an deren Spitze der "Meister" steht. Die Redewendung "rechts von ihnen ist die Wand" trifft hier nicht zu: LIMES hat die rechte Wand bereits durchbrochen, aber die Bürger und Bürgerinnen Österreichs sind mit der Verhaftung von anders Denkenden und anders Aussehenden entweder einverstanden oder es ist ihnen schlicht gleichgültig, da es sie nicht persönlich betrifft. Diejenigen, die bei dem Fortschreiten der Repressalien gegen alle (vermeintlich) nicht angepassten Menschen ein flaues Gefühl im Magen haben, halten lieber den Mund oder verschließen die Augen vor dem Offensichtlichen.

Parallel zum offenbar unabwendbaren Schicksal von Malte Dinger geschehen noch  andere Vorkommnisse: In der Wiener Strozzigasse wird in einer Wohnung ein ermordeter Mann gefunden, der auf grausame Weise getötet wurde. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Mord und dem plötzlichen Verschwinden des Gemeindesekretärs von Untergrutzenbach? Kommissar Groschen nimmt sich des Falls an und ermittelt in dem Dorf, das von der vermögenden Familie Hauenstein, die mit ihrem Bauunternehmen reich geworden ist, dominiert wird. Alle Hauensteins, so unterschiedlich sie auch sind, haben das Credo "Geld regiert die Welt" verinnerlicht und verzetteln sich in Kleinkriegen untereinander, die von Neid und Missgunst geprägt sind. Inwieweit sind sie in den Mord in der Strozzigasse verwickelt? Und welchen ominösen Deal, der strikt geheim gehalten worden ist, hat der LIMES mit einer ausländischen Regierung abgeschlossen? Franzobel hat in seinem Buch eine Entwicklung vorweggenommen, die sich später zu einem handfesten Skandal entwickelt hat: Die Gedankenspiele des damaligen Vize-Kanzlers Strache, die alle Welt in dem bekannten "Ibiza-Video" nachvollziehen konnte, finden sich bereits in Rechtswalzer.

Die zunächst unabhängig voneinander verlaufenden Handlungsstränge treffen zum Schluss beim Wiener Opernball aufeinander. Verschiedene Personen versuchen aus unterschiedlichen Motiven dort einen Anschlag zu verüben. Es kommt zu einem Chaos. 

Lesen?

Franzobel gelingt es, mit leichter Hand nachzuzeichnen, wie sich schleichend ein totalitärer Staat entwickelt, der den Menschen zunächst vorgaukelt, es nur gut mit ihnen zu meinen, indem er alles, was diesen Staat in seiner "positiven" Entwicklung stört, aus dem Verkehr zieht. Die Handlung ist an etlichen Stellen überzeichnet - so viel Pech, wie Malte Dinger hat, ist kaum vorstellbar -, doch der lange Arm der Partei, die gleichbedeutend mit der Regierung ist, erreicht auch die, die sich bislang für rechtschaffen gehalten haben. Am Ende führt LIMES sogar eine neue Zeitrechnung und ein Glaubensbekenntnis ein! 

Trotz aller Dramatik sorgt Franzobel immer wieder für eine Prise Humor. In seiner Danksagung widmet er sein Buch allen Kindern und insbesondere seinen beiden Söhnen, "auf dass sie allen gesellschaftlichen Entwicklungen, die in Richtung Totalitarismus gehen, mutig trotzen." Leseempfehlung!


Rechtswalzer ist 2019 im Paul Zsolnay Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 19 Euro sowie als E-Book 11,99 Euro.

Freitag, 14. Februar 2020

# 229 - Zwischen Baum und Borke: über das Erwachsenwerden

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat den Roman Selbstporträt mit Flusspferd 2015 veröffentlicht. Ich habe bisher zwei Bücher von ihm gelesen und auch hier vorgestellt: Es geht uns gut (wofür er 2005 den ersten Deutschen Buchpreis erhielt) und Unter der Drachenwand, ein Roman über den jungen Soldaten Veit Kolbe, der im 2. Weltkrieg alles versucht, um nach dem Ausheilen seiner Verwundung nicht mehr zurück aufs Schlachtfeld zu müssen.

In irgendeiner Rezension über eines seiner Bücher habe ich gelesen, dass Arno Geiger ein sehr wandelbarer Autor ist. Das kann ich nach dem Lesen von Selbstporträt mit Flusspferd unterschreiben. 

In diesem Roman steht der 22-jährige Tiermedizin-Student Julian Birk im Mittelpunkt. Er ist für das Studium aus dem ländlichen Vorarlberg nach Wien gezogen und hat sich nach einer längeren Beziehung von seiner Freundin Judith getrennt. Oder sie sich von ihm, das hängt von der jeweiligen Perspektive ab.

Mit Judith lief Julians Leben in geordneten Bahnen und war vertraut. Die Vertrautheit zwischen den beiden ist mit der Trennung schlagartig verschwunden. Julian fühlt sich einsam und unsicher und nimmt das Angebot seines Kommilitonen Tibor an, sich während dessen Urlaubs vertretungsweise um ein Zwergflusspferd zu kümmern. Der ehemalige Rektor der Universität, Prof. Beham, war bereit, das Tier bei sich aufzunehmen, bis eine geeignete Lösung für dessen Unterbringung gefunden sein würde.

Prof. Beham ist todkrank und verbringt seine Tage zu Hause im Rollstuhl. Seine ständigen Begleiter sind der Beaujolais und Schmerzmittel. Mit seiner Tochter Aiko, die in Paris als Journalistin arbeitet und ihn besucht, verbindet Beham eine Art Hassliebe. Julian verliebt sich in die fünf Jahre ältere Frau und versteigt sich in die von Anfang an aussichtslose Hoffnung, mit ihr eine dauerhafte Beziehung führen zu können. Als sie abreist, erzählt sie ihm von ihrer Schwangerschaft. Wer der Vater ist, bleibt offen.

Da das Geld knapp und das Wohnen in Wien teuer ist, teilt sich Julian mit der Studentin Nicki eine Wohnung in der Nähe des Naschmarkts. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr wird er von ihr in die Defensive gedrängt und fühlt sich in der Wohnung immer weniger zuhause.

Der Roman hat keine wirkliche Handlung. Es passiert zwar etwas, aber eher um Julian herum. Das Flusspferd, dass sich im Behamschen Garten im Schlamm suhlt, im Teich badet und ansonsten seine Tage mit fressen und schlafen verbringt, ist in seinem Tun zielgerichteter als Julian. Der junge Mann wartet darauf, dass sich etwas in seinem Leben ereignet, was diesem eine positive Wendung gibt, trudelt aber durch den Wiener Sommer wie ein Blatt im Wind.

Da ist da draußen, außerhalb Julians Dunstkreis, eine ganze Menge mehr los: In der nordossetischen Stadt Beslan werden Lehrerinnen und Schüler einer Schule als Geiseln genommen, in Weimar brennt die Anna Amalia Bibliothek, der Hurrikan Frances nimmt Kurs auf die Bahamas und in Athen finden die Olympischen Spiele statt. Julian nimmt diese Nachrichten zur Kenntnis, aber keine schafft es wirklich, seine Lethargie zu durchdringen und ihn zu erreichen. Er ist gedanklich voll mit seiner Selbstfindung, Ziellosigkeit und Orientierungslosigkeit beschäftigt.

Selbstporträt mit Flusspferd ist ein Coming-of-Age-Roman mit einem langweiligen, planlosen und passiven Protagonisten. Das ist zu viel Banalität auf einmal.

Lesen?

 

Arno Geiger ja, dieses Buch kann jedoch ausgelassen werden.

Selbstporträt mit Flusspferd ist 2015 im Hanser Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro, als E-Book 10,99 Euro.

Sonntag, 13. Oktober 2019

Literaturnobelpreis - Wie eine angesehene Auszeichnung die Szene spalten kann

1901 beginnt die Geschichte der insgesamt fünf
(fast) jährlich vergebenen Nobelpreise. Den Nobelpreis für Literatur erhielt damals der Franzose Sully Prudhomme. Zu seinen bekanntesten Werken zählt das Gedicht Le Vase brisé. Nie gehört? Ich auch nicht. Aber Wikipedia wird schon recht damit haben.

Wenn ein Kriterium nicht entscheidend ist, um in dieser Kategorie ausgezeichnet zu werden, dann, dass der Nachwelt etwas hinterlassen wird, was auch noch drei oder vier Generationen später begeisterte "Ahs" und "Ohs" hervorruft. Die Vergabe des Nobelpreises ist auch ein Spiegel der jeweiligen Zeit, in der sie stattfindet. Vielleicht hat das Gremium auch den Wunsch, mit der Preisvergabe ein Zeichen zu setzen.

Vor drei Tagen wurden die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk und der österreiche Schriftsteller Peter Handke auf den Nobelthron des Jahres 2018 bzw. 2019 gesetzt. Zur Erinnerung: 2018 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben, weil sich einzelne Mitglieder der Jury nicht nur danebenbenommen, sondern gleich einen richtigen Skandalberg aufgehäuft hatten. Der Ehemann eines Komiteemitgliedes hatte nicht nur das Amt seiner Frau ausgenutzt, sondern wurde auch wegen mehrfacher Vergewaltigung angezeigt. Die Glaubwürdigkeit und der Ruf des Gremiums waren nachhaltig erschüttert.

Nun also eine Frau und ein Mann. Wie die
Komiteemitglieder zu ihrer Entscheidung gekommen sind, entzieht sich jedermanns Kenntnis. Inwieweit man der offiziellen Begründung folgen darf? Der Spekulation sind Tür und Tor geöffnet. Soll die hälftige Mann/Frau-Aufteilung suggerieren, hier habe man auf Geschlechtergerechtigkeit geachtet? Das zu glauben, fällt schwer: Olga Tokarczuk ist die 15. Preisträgerin, dagegen konnten 100 schreibende Herren Medaille und Preisgeld in Empfang nehmen. Ein klitzekleine Schieflage ist hier durchaus erkennbar.

Der Blick über den literarischen Tellerrand war für die Nobelkomitees all die Jahre ebenfalls nicht leicht, wenn man sich die Auswahl anhand ihrer geografischen Ausgewogenheit ansieht: Wenn ich mich nicht völlig verzählt habe, haben sich die Mitglieder 80 Mal für Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Europa entschieden. Zehn kamen aus den USA, nur drei aus Afrika. Zu glauben, dass da irgendwie ein Proporz eine Rolle gespielt hat, wäre sicher Unsinn.

Nächster Anlauf, die Auswahl des Komitees nachzuvollziehen. Haben möglicherweise die Botschaften, die Frau Tokarczuk und Herr Handke ihrem Lesepublikum vermittelt haben, den Ausschlag gegeben? Wenn man den Worten des Sprechers folgt, der den wartenden Medien in Stockholm die Entscheidung verkündet hat, weitet das Werk der polnischen Autorin den "Blick auf Mittel- und Osteuropa". Das stimmt. Olga Tokarczuk hat sich in ihren Werken derart deutlich gegen die konservative Regierung ihres Heimatlandes positioniert, dass sie seit Langem Morddrohungen erhält.

Peter Handke hat insbesondere dadurch auf sich aufmerksam gemacht, dass er für sich Theater neu definiert hat: In einem seiner Schauspiele ("Publikumsbeschimpfung", Erstaufführung 1966) werden die Zuschauer mit "Nettigkeiten" überhäuft. Es sollte ein Protest gegen die Altnazis sein. Wie es dazu passt, dass sich Handke Jahrzehnte später mit einer Grabrede von einem brutalen Autokraten - dem serbischen Ex-Diktator Slobodan Milosevic - verabschiedete und behauptete, dieser sei an dem  Massaker in Srebrenica, bei dem 1995 etwa 8.000 bosnische Muslime ermordet wurden, gänzlich unschuldig und habe noch nicht einmal etwas davon gewusst, bleibt sein Geheimnis.

Und dann gibt es da noch Literaturkritiker wie Denis Scheck. Scheck kann sich vor Begeisterung kaum noch einkriegen. Noch am Abend der Bekanntgabe der Preisträger/in spricht er im SWR in der Sendung Kunscht! lobend von der Nobelkomission als "Bastion politischer Korrektheit", die es unterlassen hat, Handke wegen seiner politischen Irrwege nicht auszuzeichnen. Am selben Tag nennt Scheck die Entscheidung zugunsten des Österreichers in der ZDF-Sendung Kulturzeit "eine schallende Ohrfeige ins Gesicht der politischen Korrektheit". Ich bin verwirrt, Herr Scheck: Ist damit gemeint, dass sich die Komissionsmitglieder gegenseitig vermöbeln?

Literatur und die Bewertung ihrer Güte bleiben Geschmackssache. Was mich stört, ist die augenscheinlich so unterschiedliche Herangehensweise, nach der Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt werden. Auch die Vorbehalte gegen Literatur aus Asien, Afrika oder Mittel- und Südamerika werden - von den sehr wenigen Ausnahmen abgesehen - weiterhin kultiviert.

Der Preisstifter Alfred Nobel hat vor 134 Jahren in seinem Testament verfügt, nach welchen Gesichtspunkten die nach ihm benannten Preise vergeben werden sollen. Dort ist davon die Rede, dass "Preise denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben." Außerdem soll der Literaturpreis dem gegeben werden, "der in der Literatur das beste in idealistischer Richtung geschaffen hat".
Zum Schluss heißt es: " Es ist mein ausdrücklicher Wille, dass bei der Preisverteilung keinerlei Rücksicht auf die Nationalität genommen werden darf, so dass nur der Würdigste den Preis erhält, ob er nun Skandinavier ist oder nicht..."

Ich habe seit Jahren einen Kandidaten, dem ich wünsche, den Nobelpreis zu bekommen. Der aus Kenia stammende und heute in den USA lebende Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o hat es meiner Meinung nach verdient, geehrt zu werden. Seit etlichen Jahren heißt es, er stünde auf der Nominierungsliste. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass er eher für die "Hall of Fame der ewigen Anwärter" als für den Nobelpreis vorgesehen ist. Aber irgendwann wird sich die Bastion der politischen Korrektheit vielleicht daran erinnern, welches Anliegen Alfred Nobel mit seiner Stiftung verfolgt hat.

Einen ersten Eindruck von Ngũgĩ wa Thiong’os Werk gibt es in der Besprechung seines Hauptwerkes, Herr der Krähen.

Freitag, 26. April 2019

# 194 - Dem Krieg entkommen?

Der Schriftsteller Arno Geiger ist bereits mit Es geht uns gut auf diesem Blog vertreten und hat 2005 für den Roman den ersten Deutschen Buchpreis bekommen. Mit seinem für den Deutschen Buchpreis 2018 nominierten Roman Unter der Drachenwand begibt er sich in die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs.

Endsieg oder Untergang?

 

Im Mittelpunkt des Romans steht der fast 24-jährige Soldat Veit Kolbe. Er wird direkt nach dem Abitur zum Kriegsdienst eingezogen, in Russland mittelschwer verwundet und zur Erholung nach Hause nach Wien geschickt. Fünf Jahre sind seit seiner Abreise vergangen. Er lehnt aufgrund seiner Erfahrungen den Krieg strikt ab, was ihn in Konflikt mit seinen Eltern bringt. Die Jahre als Soldat betrachtet er als vergeudete Zeit. Um der angespannten Atmosphäre zu Hause zu entgehen, flüchtet er sich Anfang 1944 in den Wohnort seines Onkels, nach Mondsee. Er kommt bei einer zänkischen Vermieterin in einem Dachzimmer unter, direkt nebenan wohnt die junge Darmstädterin Margot mit ihrem Säugling, die sich hier in Sicherheit gebracht hat. 

Es herrscht an fast allem Mangel, aber Veit kann sich hier erholen. Er versucht erfolglos, mit der Lehrerin Margarete Bildstein, die eine Wiener Mädchengruppe in die Kinderlandverschickung ins Lager Schwarzindien begleitet, anzubandeln und verliebt sich schließlich in die mit einem Soldaten verheiratete Margot.
Je länger der Krieg dauert, desto ungeduldiger wird Veit. Für ihn ist klar, dass der Krieg bereits verloren und dessen Ende eine Frage der Zeit ist. Es laut auszusprechen, ist aber nicht zu empfehlen. Veit hofft, dass er nicht erneut an die Front muss und ist kreativ darin, seinen Aufenthalt in Mondsee auszudehnen. Doch seine Anwesenheit in dem kleinen Ort, der fern ist von allen Bomben und Gräueln, erfährt einen dramatischen Höhepunkt, bei dem der junge Mann zum Mörder wird.

Was es in dieser Zeit heißt, nicht den Mund zu halten, erlebt Veit bei seinem Nachbarn, der nur "der Brasilianer" genannt wird. Es ist zwar nur von "H." und "dem F." die Rede, aber der Bruder der grantigen Zimmerwirtin macht keinen Hehl daraus, dass er von den Nazis nichts hält; ganz im Gegensatz zu seiner Schwester und seinem Schwager. Seine offenen Worte haben schon bald Konsequenzen.
Immer wieder kommt auch der aus Wien stammende Jude Oskar Meyer zu Wort, der versucht, seine Familie zu retten und doch zu oft falsche Entscheidungen trifft. Ihn hat es genauso wie Veit Kolbe, Margot, Margarete Bildstein und einige andere Personen im Buch gegeben. In den Nachbemerkungen zeichnet Arno Geiger ihre Lebensläufe nach, soweit das nach so langer Zeit noch möglich war.

Lesen?


Den Anstoß für Unter der Drachenwand gab der Zufallsfund einer umfangreichen Korrespondenz von Kindern, Eltern und Behörden, in der es um die Kinderlandverschickung ins Lager Schwarzindien ging. Das historische Material wurde von Geiger zu einem authentischen Roman verwoben, der mit seiner klaren Sprache überzeugt. Lesen? Ja!

Der Roman kostet gebunden 26 Euro, als E-Book 19,99 Euro und in der Taschenbuchausgabe 12,90 Euro.