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Montag, 22. Juli 2024

# 444 - Ein Krimi aus dem Herzen eines Ministeriums

Der österreichische Journalist Wolfgang Ainetter wurde
2018 Sprecher des damaligen Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer und erhielt so Eindrücke, wie ein Ministerium "tickt". In seinem als 'Ministeriumskrimi' untertitelten Buch Geheimnisse, Lügen und andere Währungen gibt er rund drei Jahre nach seinem Ausscheiden Einblicke, wie es dort zugegangen ist. Oder doch nicht?

Mich hat das Buch interessiert, weil ich selbst einige Jahre in einem Ministerium gearbeitet habe, etwa drei Mal länger als Wolfgang Ainetter in "seinem". Ich kenne gewöhnungsbedürftige Mechanismen, habe Ministerinnen und Minister verschiedener Parteizugehörigkeiten kommen und gehen sehen, die Zahl der Staatssekretäre während dieser Zeit war noch größer. Nacheinander, versteht sich. Was ich nicht erlebt habe, waren Vorgänge, die sich für einen Ministeriumskrimi geeignet hätten.

Worum geht's?

Die Handlung dreht sich um einen hohen Beamten im Bundesverkehrsministerium, der so etwas wie die graue Eminenz des Hauses ist. Seit Jahrzehnten führt der direkte Zugang zum jeweiligen Minister nur über Ministerialdirektor Hans-Joachim Lörr. Sämtliche Vorgänge für den Minister gehen über seinen Schreibtisch, er terrorisiert alle nachgeordneten Beamtinnen und Beamten, senkt oder hebt den Daumen, wenn es um Beförderungen geht, ist extrem geizig, intrigant und korrupt. Wenn es einen Preis für den meistgehassten Kollegen gäbe, wäre Lörr ein kochend heißer Anwärter.

Lörr steht kurz vor seiner Pensionierung. Das hält ihn aber nicht davon ab, sich und seine Frau von Coronamasken-Fabrikanten zu einem Zehngang-Menü in ein Berliner Nobelrestaurant einladen zu lassen. Da erreicht ihn ein Anruf seiner Büroleiterin, die ihn dringend um ein vertrauliches Gespräch bittet. Lörr verlässt das Lokal, kehrt aber nicht zurück. Verschwand der Beamte aus freien Stücken oder wurde er entführt?

Der aus Österreich stammende und nun bei der Berliner Polizei arbeitende Polizeioberkommissar André Heidergott und seine Vorgesetzte Emily Schippmann werden von ihrem Chef beauftragt, sich die Sache näher anzusehen. Die Liste der Menschen, die sich Lörr zum Feind gemacht hat, ist endlos. Von einem schnellen Ermittlungserfolg kann keine Rede sein. Lörr ist wie vom Erdboden verschluckt.

Lesen?

Wolfgang Ainetter hat in Interviews immer wieder betont, dass es sich bei seinem Krimi um eine Persiflage der Ministeriumsgepflogenheiten handelt. Das möchte, nein: das will man glauben, wenn man liest, dass der besoffene Minister Felix Rohr einer Kellnerin an die Brüste fasst oder seinen Sprecher mitten in der Nacht anruft, weil er seine Öffentlichkeitswirksamkeit für zu schlecht hält. Hat das etwa auch Andreas Scheuer getan? Dagegen ist die Anekdote, dass der Minister bei einem Tag der offenen Tür alle Besucher - sogar einen Formel-1-Weltmeister - beim Bürostuhlrennen geschlagen hatte, zwar wenig ministrabel, aber immerhin ganz lustig. So ähnlich hat es diese Begebenheit tatsächlich gegeben: 2018 lieferte sich Scheuer ein Rennen auf E-Karts gegen Nico Rosberg. Hier gibt es noch Fotos von der Veranstaltung, auf einem (dem dritten) ist auch Wolfgang Ainetter in seiner damaligen Funktion als Scheuers Pressesprecher zu sehen.

Sicherheitshalber hat Ainetter seinem Krimi einen Hinweis vorangestellt: Diese Geschichte ist ebenso wahr wie die Lebensläufe von Abgeordneten. Die handelnden Personen existieren tatsächlich - in der Halluzination des Autors. Sofern man sich in den handelnden Figuren wiedererkenne: Medienanwalt Christian Scherz wird sich um Sie kümmern, leider nur gegen Honorar. 

Christian Scherz hat übrigens die Ex-Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner vertreten, als die sich 2023 von ihrem Mann scheiden ließ. Auch sie taucht als "Weinkönigin" mit einem ungewöhnlichen Verschleiß an Pressesprecherin in Ainetters Buch auf. Oder ist am Ende doch jemand anders gemeint?

Geheimnisse, Lügen und andere Währungen gehört in die Kategorie der Cosy-Krimis, Unterkategorie Soft-Cosy. Es stirbt niemand, keiner wird körperlich oder seelisch außergewöhnlich gequält, eine anschließende Psychotherapie wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung wird für keine der Figuren nötig sein. Der skizzierte Kriminalfall ist eher der Aufhänger für das Drumherum: Die Ermittlungen öffnen den Beamten Türen, die anderenfalls erzählerisch verschlossen geblieben wären.
Auf der letzten Seite habe ich mich gefragt, ob es das Pendant zum Beamten Lörr während Ainetters Ministerialzeit tatsächlich gegeben hat. Wenn ja, würde ich von dieser Person gern wissen, wie man eine ganze oberste Bundesbehörde derart dauerhaft in Schach hält und was die unter ihr Leidenden davon abgehalten hat, das Haus zu verlassen. Karriere macht man schließlich nicht nur im Bundesverkehrsministerium. 

Geheimnisse, Lügen und andere Währungen ist 2024 im Haymon Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 13,95 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 1. Oktober 2021

# 310 - Vision eines Rechtsrutsches in Österreich

Beim Lesen des Blogtext-Titels könnte man natürlich
einwenden: Ist Österreich nicht ohnehin schon ganz schön weit rechts? Ja schon, aber wenn man den Krimi Rechtswalzer des österreichischen Schriftstellers Franzobel liest, dann merkt man: Da geht noch eine ganze Menge.

Freitag, der 6. Dezember 2024 ist für den Wiener Malte Dinger ein rabenschwarzer Tag. Der bislang erfolgsverwöhnte Gastronom lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in gutsituierten Verhältnissen, achtet beim Einkaufen auf die Herkunft der Produkte, trennt seinen Müll und tritt für benachteiligte Menschen ein. Er gibt sich Mühe, ein guter Ehemann und Vater zu sein und blickt zufrieden auf sein Leben. Doch dann wendet sich das Blatt abrupt: Auf dem Weg zur U-Bahn findet Malte ein Smartphone. Bevor er sich entscheiden kann, was er damit als nächstes tun wird, empfängt das Gerät einen Anruf. Eine Stimme bezeichnet ihn als Arschloch und sagt voraus, dass es mit Maltes Glück nun vorbei ist. "Du bist raus, kapiert? Raus. Du hast ausgeschissen in der Welt!"

Und so ist es. Den Auftakt der unvergleichlichen Pechsträhne erlebt Malte in der U-Bahn: Zwei Kontrolleure fordern ihn auf, seinen Fahrschein vorzuzeigen. Doch an der Stelle in seiner Brieftasche, an der sich normalerweise die Monatskarte befindet, ist nichts. Maltes Frau, die die Karte am Tag zuvor benutzt hatte, hatte sie ihm nicht zurückgegeben. Ab diesem Moment beginnt sich für den bislang unbescholtenen Bürger Malte Dinger eine beispiellose Abwärtsspirale zu drehen, die ihn nicht nur ins Gefängnis bringt, sondern sogar zu einer Mordanklage gegen ihn führt - obwohl er unschuldig ist wie ein neugeborenes Kind.

Seine Probleme verschärfen sich, weil Österreich seit einiger Zeit von der Partei LIMES regiert wird, an deren Spitze der "Meister" steht. Die Redewendung "rechts von ihnen ist die Wand" trifft hier nicht zu: LIMES hat die rechte Wand bereits durchbrochen, aber die Bürger und Bürgerinnen Österreichs sind mit der Verhaftung von anders Denkenden und anders Aussehenden entweder einverstanden oder es ist ihnen schlicht gleichgültig, da es sie nicht persönlich betrifft. Diejenigen, die bei dem Fortschreiten der Repressalien gegen alle (vermeintlich) nicht angepassten Menschen ein flaues Gefühl im Magen haben, halten lieber den Mund oder verschließen die Augen vor dem Offensichtlichen.

Parallel zum offenbar unabwendbaren Schicksal von Malte Dinger geschehen noch  andere Vorkommnisse: In der Wiener Strozzigasse wird in einer Wohnung ein ermordeter Mann gefunden, der auf grausame Weise getötet wurde. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Mord und dem plötzlichen Verschwinden des Gemeindesekretärs von Untergrutzenbach? Kommissar Groschen nimmt sich des Falls an und ermittelt in dem Dorf, das von der vermögenden Familie Hauenstein, die mit ihrem Bauunternehmen reich geworden ist, dominiert wird. Alle Hauensteins, so unterschiedlich sie auch sind, haben das Credo "Geld regiert die Welt" verinnerlicht und verzetteln sich in Kleinkriegen untereinander, die von Neid und Missgunst geprägt sind. Inwieweit sind sie in den Mord in der Strozzigasse verwickelt? Und welchen ominösen Deal, der strikt geheim gehalten worden ist, hat der LIMES mit einer ausländischen Regierung abgeschlossen? Franzobel hat in seinem Buch eine Entwicklung vorweggenommen, die sich später zu einem handfesten Skandal entwickelt hat: Die Gedankenspiele des damaligen Vize-Kanzlers Strache, die alle Welt in dem bekannten "Ibiza-Video" nachvollziehen konnte, finden sich bereits in Rechtswalzer.

Die zunächst unabhängig voneinander verlaufenden Handlungsstränge treffen zum Schluss beim Wiener Opernball aufeinander. Verschiedene Personen versuchen aus unterschiedlichen Motiven dort einen Anschlag zu verüben. Es kommt zu einem Chaos. 

Lesen?

Franzobel gelingt es, mit leichter Hand nachzuzeichnen, wie sich schleichend ein totalitärer Staat entwickelt, der den Menschen zunächst vorgaukelt, es nur gut mit ihnen zu meinen, indem er alles, was diesen Staat in seiner "positiven" Entwicklung stört, aus dem Verkehr zieht. Die Handlung ist an etlichen Stellen überzeichnet - so viel Pech, wie Malte Dinger hat, ist kaum vorstellbar -, doch der lange Arm der Partei, die gleichbedeutend mit der Regierung ist, erreicht auch die, die sich bislang für rechtschaffen gehalten haben. Am Ende führt LIMES sogar eine neue Zeitrechnung und ein Glaubensbekenntnis ein! 

Trotz aller Dramatik sorgt Franzobel immer wieder für eine Prise Humor. In seiner Danksagung widmet er sein Buch allen Kindern und insbesondere seinen beiden Söhnen, "auf dass sie allen gesellschaftlichen Entwicklungen, die in Richtung Totalitarismus gehen, mutig trotzen." Leseempfehlung!


Rechtswalzer ist 2019 im Paul Zsolnay Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 19 Euro sowie als E-Book 11,99 Euro.

Freitag, 3. April 2020

# 234 - Der Blick nach Algerien: Ist die Hoffnung auf Veränderung berechtigt?


Mitte Januar 2020 hatte ich hier bereits zwei Bücher aus dem Verlag Donata Kinzelbach vorgestellt. Im heutigen Buch geht es um ein Stück der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, die Algerien in der jüngsten Vergangenheit durchgemacht hat.

In dem Buch Im Aufbruch, herausgegeben von dem algerischen Dichter Amin Khan, versammeln sich 19 Texte von zum Teil namhaften algerischen Dichtern, Schriftstellern, Journalisten und/oder Wissenschaftlern. Alle beschäftigen sich mit den seit Februar 2019 in Algier stattfindenden Demonstrationen, an denen zehntausende Menschen teilnehmen.

Zunächst ging es um den Protest gegen die am 12. September 2019 geplante Präsidentschaftswahl. Es wurde zwar zwischenzeitlich klar, dass der an der Macht hängende greise und gesundheitlich schwer angeschlagende bisherige Präsident Bouteflika nun doch nicht mehr kandidieren würde, aber das änderte wenig am Zorn der Algerier.

Schon viel zu lange fühlten sie sich ausgebootet. Diejenigen, die den Staat repräsentierten, haben nicht zugunsten des Volkes gehandelt, sondern zugunsten der eigenen Taschen. Junge Algerier haben entweder kaum eine Chance auf eine Berufsausbildung oder können den erworbenen Hochschulabschluss im eigenen Land nicht nutzen. Viele von ihnen haben im Laufe der Jahre versucht, der bodenlosen Hoffnungslosigkeit in der eigenen Heimat durch die Flucht übers Mittelmeer zu entgehen.

Die Texte handeln nicht nur von der Wut gegen die Regierung. Es geht auch um die Achtung, die die Älteren nun den Jungen entgegenbringen, weil diese Proteste organisieren und eine Veränderung erreichen wollen. Auch das, was in der algerischen unruhigen und gewaltsamen Geschichte, insbesondere seit Ende der 1980-er Jahre, passierte, wirkt bis heute in den Menschen nach. So berichtet zum Beispiel der Arzt Farid Chaoui von schwer traumatisierten Patienten quer durch alle Altersgruppen, die aus einer bestimmten Region kommen, die am meisten unter Gewalt und Terrorismus zu leiden hat.

Die algerische Protestbewegung ist seit mehr als einem Jahr aktiv und verschafft sich Gehör. Aktuell wird sie durch Covid-19 gestoppt. Wie es mit ihr und dem Land weitergeht, wenn die Pandemie vorbei ist, weiß heute keiner. 

Im Aufbruch ist als Taschenbuch erschienen und kostet 22 Euro.

Freitag, 29. November 2019

# 220 - Grenzerfahrungen

Brian Carey, ein Polizist der Garda Síochána na
hÉireann, der 'Hüter des Friedens von Irland', also der  Nationalpolizei der Republik Irland, wird an einem nebligen Tag leblos im Lough Neagh gefunden. Der nordirische Inspector Celsius Daly wird zu der Leiche gerufen. Dem ersten Anschein nach scheint es sich hier um einen Selbstmord zu handeln. Doch Daly, der nach einer Scheidung, der Ermordung seiner Mutter und dem Tod seines Vaters einsam ist und hinter jedem Strauch einen Verbrecher vermutet, hat daran Zweifel und stürzt sich in den Fall. Es muss einen Grund dafür geben, dass der irische Polizist in einem nordirischen See gefunden wurde. 

Der irische Schriftsteller Anthony J. Quinn greift in seinem Krimi Gestrandet den sich seit Jahrzehnten hinziehenden und heute unter dem Deckel köchelnden Nordirlandkonflikt auf.

Die IRA lebt weiter

Dalys Vermutung, dass Carey nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist, verdichtet sich. Er findet heraus, dass sein irischer Kollege an Ermittlungen gegen Tom Morgan, einem früheren IRA-Mitglied, gearbeitet hat. Morgan hat einen äußerst erfolgreichen Schmugglerring aufgebaut, in den zahlreiche Personen wie in ein Spinnennetz verwoben sind. Korruption, brüchige Loyalitäten und rücksichtslose Gewalt sind an der Tagesordnung. An diesem kaum zu entwirrenden System sind nicht nur Morgan und seine Helfer, sondern auch Polizisten, Politiker und einfache Bürger beteiligt. Doch je mehr sich Daly bei seinen Nachforschungen der Wahrheit zu nähern scheint, umso verworrener und undurchdringlicher erscheinen ihm seine Erkenntnisse zu sein - gerade wie in einem dichten Nebel, dem Eingangsmotiv von Quinns Buch.

Inspector Daly verkörpert die Figur des einsamen Wolfes, der nicht nur privat, sondern auch beruflich isoliert ist, seitdem er gegen einen Vorgesetzten ermittelt hatte. Dieser hatte sich umgebracht, und im Laufe der Handlung holt Daly die längst vergessen geglaubte Geschichte wieder ein.

Aktueller Bezug mit bedrückenden Zukunftsausichten

Anthony J. Quinn greift in Gestrandet nicht nur den (vermeintlich) abgeschlossenen Nordirlandkonflikt wieder auf, sondern weist auch auf Zustände hin, die einer breiten Öffentlichkeit bislang eher unbekannt sind: Die Figur des Tom Morgan steht stellvertretend für den intensiven und lukrativen Schmuggel mit Benzin und Heizöl im irischen Grenzgebiet. Kriminelle wie er, die sich und den Fortbestand ihrer illegalen Geschäfte mit allen Mitteln verteidigen, haben den sich nähernden Brexit längst fest im Blick. 

Quinn ist sich offenbar mit Fachleuten einig: Der Brexit wird die Situation an der irisch-nordirischen Grenze verschärfen. Der nordirische Polizeichef Hamilton spricht hinsichtlich des Schmuggels sogar davon, dass "die Lebensader der Kriminalität und des Terrorismus" sprunghaft ansteigen könne.

Lesen?

Ja. Vor allem, wenn man von einem Krimi mehr erwartet als eine Ansammlung von Leichen, literweise Blut, das durch Rinnsteine und Badewannenabflüsse entschwindet und einen verschrobenen Kriminalisten, der wieder Ordnung ins große Ganze bringt. In Gestrandet zeichnet Anthony J. Quinn einen spannenden Kriminalfall mit einem hochaktuellen Bezug.

Gestrandet ist im Polar Verlag erschienen und kostet 20 Euro. 

 

Dienstag, 6. August 2019

# 206 - Wenn sich eine Frau dem IS anschließt

Vor etwas mehr als drei Jahren habe ich zum letzten
Mal ein Buch von Ulrike Blatter vorgestellt: Vor dem Erben kommt das Sterben ist damals noch als Self-Publishing-Titel erschienen.

Töchter des Todes ist ihr neuester Roman, und dafür hat sich die Autorin viel vorgenommen. Die Geschichte, die Ulrike Blatter erzählt, ist nicht nur eine einzelne, für sich allein stehende Handlungsabfolge, sondern es sind vielmehr mehrere miteinander verwobene Schicksale, in die die Menschen manchmal einfach hineingeschubst worden sind. So, wie es bei dem bosnischstämmigen Ehepaar Edin und Kristina Hodžić der Fall ist, das die Flucht vor dem Balkankrieg in das beschauliche und friedliche Taufingen verschlagen hat. Die muslimische Religion spielt in ihrem Leben keine Rolle, die beiden Töchter Semina und Aylin wurden in Deutschland geboren, die Familie ist in die Gemeinschaft integriert. Die Eltern wollen, dass aus ihren Kindern etwas Vernünftiges wird und spornen sie an, in der Schule und im Studium Leistung zu zeigen. "Glaub ja nicht, dass die Welt gerade auf dich gewartet hat!", wird für die beiden Schwestern zu einer der meistgehörten Ermahnungen.

Doch dann öffnet Aylin den Facebook-Account ihrer älteren Schwester Semina. Sie schaut in ein mit einem Niqab vollverschleiertes Gesicht, in dem sie nur die Augen wiedererkennt. Semina hat dort ihren Standort mit "Syrien" angegeben. Von diesem Tag an ändert sich fast alles: Seminas Verschwinden spricht sich im Ort rasch herum, die selbsternannte Investigativpresse gießt mit unbewiesenen Behauptungen fleißig Öl ins Feuer. Als wenige Tage später ein Selbstmordattentat auf eine Taufinger Metzgerei verübt wird und Zeugen eine in einen schwarzen Niqab verhüllte Frau gesehen haben, sind sich praktisch alle Einwohner einig, dass Semina für diese Tat verantwortlich ist. Es wird in der Öffentlichkeit sogar vermutet, dass sie in Deutschland war, um für den IS junge Frauen anzuwerben.

Die Familie Hodžić ist nun sozial isoliert, Kristina ist an ihrem Arbeitsplatz, einem Kindergarten, nicht mehr erwünscht und sogar ihre beste Freundin wendet sich von ihr ab. Die Familie erhält Drohungen, und Edin beginnt plötzlich wieder zu beten und verschwindet immer wieder ohne eine Erklärung. Zu der Angst um Semina kommt nun noch die um den Vater und Ehemann hinzu. Hatten sie es in der Vergangenheit als "gemischtes" Paar im ehemaligen Jugoslawien nicht schon schwer genug?

Die Handlung wird noch von weiteren Figuren getragen: Aylins Freund Jordan, der mit seiner dunklen Haut und seinen schwarzen Haaren mit Vorbehalten konfrontiert wird, ist durch seine Vergangenheit traumatisiert und kämpft immer wieder gegen das, was er "das Biest" nennt. 
Jordans größter Kontrahent ist Sven; der junge Mann macht keinen Hehl aus seiner rechten Gesinnung.

Parallel zu den Geschehnissen in Taufingen wird auch die Geschichte von der jungen Deutschen Star und ihrem Mann Luan erzählt. Beide hatten sich mit völlig falschen Vorstellungen dem IS im syrischen Rakka angeschlossen, dann aber desillusioniert ihre Flucht geplant. Sie wollten ihrem trostlosen Leben entfliehen, um dann zu erleben, dass sie direkt in der Hölle gelandet waren. Doch sie werden in der Wüste von einer Patrouille aufgegriffen und sehen ihrem sicheren Tod entgegen. Erst gegen Ende des Buches wird deutlich, wo der Zusammenhang zwischen ihnen und Seminas Verschwinden ist.


Wie war's?


Ulrike Blatter hat mit Töchter des Todes einen hochaktuellen Roman geschrieben, in dem sie den Fokus auf Themen lenkt, über die derzeit ständig diskutiert wird: Flucht und Vertreibung, Terrorismus, Fremdenhass, Vorurteile, Zivilcourage, Korruption, Kriminalität und die Verpflichtung der Medien, über Sachverhalte wahrheitsgemäß zu berichten.
Am Ende des Buches ist nichts mehr so, wie es zu Anfang schien. 

Der Roman ist an jeder Stelle spannend geschrieben und nimmt den Leser durch seine eindringliche Sprache mit in die Welt, in der die einzelnen Personen leben - mit ihren Gefühlen, Nöten und ihrer Vergangenheit. Klare Leseempfehlung für ein Buch, das uns einen Spiegel vorhält.

Töchter des Todes ist im Leinpfad Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.


Freitag, 21. Dezember 2018

# 178 - Der Beginn einer neuen Thriller-Reihe

Martin Krist ist den regelmäßigen Besuchern dieses Blogs längst gut bekannt; am Ende dieses Textes werde ich Euch die Rezensionen verlinken, die ich bisher über Bücher von ihm geschrieben habe.

Nun also etwas Neues. Martin Krist hat mit Freak City eine neue in New York spielende Thriller-Serie gestartet, an die man durchaus hohe Erwartungen knüpfen kann. Und die habe ich. Mitte November 2018 ist nun der erste Teil erschienen: Hexenkessel. Die Hauptfigur ist Pearl, ein Mann mit indianischen Wurzeln, dessen Vergangenheit im Nebel liegt. An seinen Narben, die er auch im Gesicht hat, ist jedoch abzulesen, dass in seinem Leben nicht immer alles eitel Sonnenschein war. Pearl hat eine Affäre mit der Frau eines bekannten TV-Moderators und lässt sich engagieren, wenn es darum geht, Schwerkriminelle oder deren Opfer aufzuspüren. Das Wort "Privatdetektiv" würde auf ihn aber nicht passen: Es ist zu seriös, um ihn zu beschreiben. Was andere immer wieder zu spüren bekommen, ist seine schnell aufschäumende Wut, die sich in brutalen Handgreiflichkeiten entlädt.

Pearl wird von Dagobert Trump, einem Musical-Regisseur angeheuert, der seit Tagen seine Hauptdarstellerin Francine Sharpio vermisst. Nach seiner Darstellung hatte die Künstlerin eine große Karriere vor sich, ein Selbstmord scheidet deshalb aus. Francines Gatte macht sich indessen keine großen Gedanken um den Verbleib seiner Frau.

Zeitgleich hat sich die geschiedene Mutter Patsy von ihrem Freund Milo dazu anstiften lassen, ihn bei einem völlig ungefährlichen Einbruch zu unterstützen. Milo hat schon ein paar Jahre Knast hinter sich, aber Patsy versprochen, ein ehrliches Leben zu führen - nach diesem Bruch.
Patsy macht nur dieses eine Mal mit, um mit ihrer Tochter aus dem Dunstkreis ihres Ex-Mannes verschwinden und mit dem Mädchen ein neues Leben anfangen zu können. Man ahnt es bereits: Der Plan geht gehörig in die Hose. Sie werden auf frischer Tat von Ivo Weitzman, dem Hauseigentümer,  überrascht, der gleich mit der Flinte auf sie zielt. Doch die Drei sind nicht allein: Fast wie aus dem Nichts taucht ein Fremder auf, der eine Unachtsamkeit Weitzmans nutzt, um ihn niederzustechen. Auf ihrer Flucht vor dem Mörder finden Patsy und Milo im Schlafzimmer eine übel zugerichtete Tote, der die Augäpfel entfernt wurden. Die beiden sollen nicht die einzigen Mordopfer dieses Thrillers bleiben.

Die zwei Handlungsstränge bewegen sich langsam aufeinander zu, der Leser erfährt jedoch erst zum Schluss, ob es zwischen ihnen eine Verbindung gibt. Durch den Thriller zieht sich noch ein weiteres Thema, das vermutlich auch im nächsten Teil der Serie weitergeführt wird: Pearl hat mehr oder weniger freiwilligen Kontakt zu einem Polizisten, dessen herausragendste Eigenschaft seine Korrumpierbarkeit ist. 

Wie war's?

 

Hexenkessel hat meine Erwartungen an Handlung und Spannung voll erfüllt. Wer Thriller mag, die ihre Leser durchgehend bei der Stange halten, sollte diese Serie im Auge behalten. Wie es mit ihr weitergeht, erfahrt ihr hier.

Hexenkessel ist bei R&K erschienen und kostet als E-Book 0,99 € sowie als Taschenbuch 9,99 €. 

Über diese Thriller von Martin Krist habe ich bereits in der Bücherkiste geschrieben:
 
Böses Kind
Brandstifter
Drecksspiel
Kalte Haut 
Stille Schwester

Freitag, 14. Juli 2017

# 108 - Eine deutsche Premiere: ein Krimi aus Gabun

Ein Reporter wird ermordet

Der Krimi Libreville von Janis Otsiemi ist der erste Roman eines Schriftstellers aus Gabun, der je ins Deutsche übersetzt wurde. Die Gelegenheit, auf diesem Weg einen Blick auf das westafrikanische Land zu werfen, wollte genutzt werden.

Korruption und Skrupellosigkeit sind an der Tagesordnung

An einem Montag des Jahres 2008 wird morgens um drei Uhr in der gabunischen Hauptstadt Libreville ein Toter in der Nähe des Präsidentenpalastes ins Meer geworfen. Einen Tag später wird er von Spaziergängern gefunden: Es handelt sich um den Investigativjournalisten Robert Missange, der der stellvertretende Chefredakteur des Échos du sud ist und sich durch seine Reportagen etliche Feinde gemacht hat. Er starb durch einen Schuss in den Hals, von seiner Schreibhand wurden ihm zwei Finger abgetrennt. Die Vermutung, dass es einen Zusammenhang zwischen seinem Tod, den Folterspuren und seinen regierungskritischen Artikeln gibt, liegt nahe: In einem Jahr sollen die nächsten Wahlen stattfinden, der Sohn des derzeitigen Machthabers ist dazu vorgesehen, das Amt seines Vaters zu "erben". Da ist eine zügige Aufklärung nötig, mit der natürlich aufgrund der politischen Brisanz nicht einfache Polizisten, sondern Beamte der Police Judiciaire (PJ) beauftragt werden. 

Bei der Leiche wird eine Patronenhülse gefunden, die darauf hindeutet, dass Missange mit einer Maschinenpistole aus tschechoslowakischer Herstellung ermordet wurde. In Gabun benutzen nur die Leibwächter des Verteidigungsministers Waffen dieses Typs. Mit der Tatwaffe wurde jedoch schon einmal ein Mord begangen: Fünf Jahre zuvor wurde der Sicherheitschef des Verteidigungsministers mit dieser Pistole getötet. Aber die Ermittler haben den Verdacht, dass die Spuren absichtlich so gelegt wurden, dass sie von den wahren Tätern ablenken sollen.

Die Polizeiarbeit findet unter Verhältnissen statt, für die das Attribut "veraltet" noch geschmeichelt ist: Die technische Ausstattung der PJ besteht aus einer Schreibmaschine aus den 1960er Jahren, und es läuft viel über Informanten, das Verprügeln der Verdächtigen im sog. Purgatorium und Bauchgefühl.

Kein klassischer Krimi 

Libreville entspricht nicht dem, was sich europäische oder US-amerikanische Leser unter einem Kriminalroman vorstellen. Wer also gut ausgearbeitete Charaktere und jede Menge Spannung erwartet, sollte um dieses Buch einen Bogen machen. Janis Otsiemi stellt den Mord an Robert Missange zwar an den Anfang der Handlung und weist ihm so die größte Wichtigkeit zu, die Kriminalbeamten bearbeiten jedoch auch noch weitere Fälle: Da gibt es eine Fahrerflucht mit Todesfolge, einen pädophilen Pornoproduzenten und einen Ex-Minister, dem in einem Moment der Unachtsamkeit sein Scheckheft gestohlen und anschließend von den Dieben ausgiebig genutzt wird. Diese Fälle nehmen ebenso viel Raum ein wie der eigentliche Hauptfall und dienen wie dieser dazu, das Land und seine Strukturen zu beschreiben: Korruption ist so normal, dass man sich dort wohl fragen könnte, wie man ohne sie auskommt, die Verkommenheit nimmt mit jeder Stufe in der Polizeihierarchie zu und wie selbstverständlich "hält" sich jeder der Kriminalbeamten eine Art Zweitfrau, die er für ihre Dienste bezahlt, indem er die Kosten für Miete und Lebensführung übernimmt. Die Organisation dieses Nebenhaushalts und dessen Geheimhaltung finden während der Dienstzeit statt, da muss die Ermittlungsarbeit schon mal warten.


Der Autor hat derart viele Informationen über die Geschichte und aktuelle Situation Gabuns in den Text hineingearbeitet, dass sich unweigerlich die Frage stellt, für wen er dieses Buch eigentlich geschrieben hat. Für den Leser, der vor der Lektüre Gabun gerade mal buchstabieren und in Afrika verorten konnte, reichen die neuen Kenntnisse allemal für ein Kurzreferat. Aber: Ist es das, was ein Krimi haben sollte? Erwarte ich ein verkürztes Geschichtsbuch, wenn ich einen Kriminalroman kaufe?
Für dieses Buch spricht, dass es sich in seiner Erzählweise deutlich von typischen Krimis unterscheidet: Otsiemi fängt sehr gut die Stimmung ein, in der die Menschen leben und bedient sich Redewendungen, die eine Situation auf den Punkt bringen. Wenn eine Äußerung wie "Ein Mann so lang wie ein Tag ohne Brot" fällt, ist alles gesagt.
Wer also damit leben kann, dass Libreville nicht in das gewohnte Krimi-Muster passt, sondern sich etwas ganz Anderem öffnen will, sollte dieses Buch lesen.

Libreville ist im Polar Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 10,99 Euro.