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Freitag, 29. November 2019

# 220 - Grenzerfahrungen

Brian Carey, ein Polizist der Garda Síochána na
hÉireann, der 'Hüter des Friedens von Irland', also der  Nationalpolizei der Republik Irland, wird an einem nebligen Tag leblos im Lough Neagh gefunden. Der nordirische Inspector Celsius Daly wird zu der Leiche gerufen. Dem ersten Anschein nach scheint es sich hier um einen Selbstmord zu handeln. Doch Daly, der nach einer Scheidung, der Ermordung seiner Mutter und dem Tod seines Vaters einsam ist und hinter jedem Strauch einen Verbrecher vermutet, hat daran Zweifel und stürzt sich in den Fall. Es muss einen Grund dafür geben, dass der irische Polizist in einem nordirischen See gefunden wurde. 

Der irische Schriftsteller Anthony J. Quinn greift in seinem Krimi Gestrandet den sich seit Jahrzehnten hinziehenden und heute unter dem Deckel köchelnden Nordirlandkonflikt auf.

Die IRA lebt weiter

Dalys Vermutung, dass Carey nicht freiwillig aus dem Leben geschieden ist, verdichtet sich. Er findet heraus, dass sein irischer Kollege an Ermittlungen gegen Tom Morgan, einem früheren IRA-Mitglied, gearbeitet hat. Morgan hat einen äußerst erfolgreichen Schmugglerring aufgebaut, in den zahlreiche Personen wie in ein Spinnennetz verwoben sind. Korruption, brüchige Loyalitäten und rücksichtslose Gewalt sind an der Tagesordnung. An diesem kaum zu entwirrenden System sind nicht nur Morgan und seine Helfer, sondern auch Polizisten, Politiker und einfache Bürger beteiligt. Doch je mehr sich Daly bei seinen Nachforschungen der Wahrheit zu nähern scheint, umso verworrener und undurchdringlicher erscheinen ihm seine Erkenntnisse zu sein - gerade wie in einem dichten Nebel, dem Eingangsmotiv von Quinns Buch.

Inspector Daly verkörpert die Figur des einsamen Wolfes, der nicht nur privat, sondern auch beruflich isoliert ist, seitdem er gegen einen Vorgesetzten ermittelt hatte. Dieser hatte sich umgebracht, und im Laufe der Handlung holt Daly die längst vergessen geglaubte Geschichte wieder ein.

Aktueller Bezug mit bedrückenden Zukunftsausichten

Anthony J. Quinn greift in Gestrandet nicht nur den (vermeintlich) abgeschlossenen Nordirlandkonflikt wieder auf, sondern weist auch auf Zustände hin, die einer breiten Öffentlichkeit bislang eher unbekannt sind: Die Figur des Tom Morgan steht stellvertretend für den intensiven und lukrativen Schmuggel mit Benzin und Heizöl im irischen Grenzgebiet. Kriminelle wie er, die sich und den Fortbestand ihrer illegalen Geschäfte mit allen Mitteln verteidigen, haben den sich nähernden Brexit längst fest im Blick. 

Quinn ist sich offenbar mit Fachleuten einig: Der Brexit wird die Situation an der irisch-nordirischen Grenze verschärfen. Der nordirische Polizeichef Hamilton spricht hinsichtlich des Schmuggels sogar davon, dass "die Lebensader der Kriminalität und des Terrorismus" sprunghaft ansteigen könne.

Lesen?

Ja. Vor allem, wenn man von einem Krimi mehr erwartet als eine Ansammlung von Leichen, literweise Blut, das durch Rinnsteine und Badewannenabflüsse entschwindet und einen verschrobenen Kriminalisten, der wieder Ordnung ins große Ganze bringt. In Gestrandet zeichnet Anthony J. Quinn einen spannenden Kriminalfall mit einem hochaktuellen Bezug.

Gestrandet ist im Polar Verlag erschienen und kostet 20 Euro. 

 

Freitag, 7. Juni 2019

# 200 - Verspätete Hinrichtung

Im Berliner Hotel Adlon wird 2001 der 85-jährige
Unternehmer Hans Meyer erschossen. Der Täter: Fabrizio Collini. 1934 in Italien geboren, vor Jahrzehnten als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, jetzt Rentner. Collini hat bis zu diesem Tag völlig unbescholten gelebt. Nach der Tat lässt er sich widerstandslos festnehmen, legt aber kein Geständnis ab.
Zu Collinis Pflichtverteidiger wird Caspar Leinen bestellt. Leinen hat erst vor Kurzem seine Kanzlei eröffnet, der Fall Collini ist sein erstes Mandat. Er nimmt es ohne zu zögern an, da der Name des Ermordeten in seinen Unterlagen mit Jean-Baptiste Meyer angegeben wird. Erst nach einem Hinweis von dessen Enkelin Johanna wird Leinen klar, wessen Mörder er verteidigen soll: Hans Mayer war für ihn seit seiner Kindheit so etwas wie ein zweiter Vater, er hat mit ihm sehr viel Zeit verbracht. Er gerät in einen inneren Konflikt und ist drauf und dran zu beantragen, das Mandat zurückgeben zu können.

Johanna beauftragt als Nebenklägerin den renommierten und gewieften Anwalt Richard Mattinger, der schon 1975 beim Stammheim-Prozess gegen Mitglieder der RAF auf sich aufmerksam machte. Er erinnert Leinen an seine Verpflichtung als Strafrechtsanwalt, für ein Mandat verantwortlich zu sein und einen Fall nicht nur dann zu übernehmen, wenn er zu den eigenen moralischen Vorstellungen passt.
Die Indizienlage legt für das Gericht nahe, dass es sich bei Collini um den Mörder Meyers handelt. Es ist zu erwarten, dass das Urteil entsprechend ausfallen wird. Leinen hat bislang vergeblich nach etwas gesucht, das den Angeklagten entlasten könnte, bislang aber ohne Erfolg. Dann erkrankt eine Schöffin, sodass der Prozess für zehn Tage unterbrochen wird. Leinen kann diese geschenkte Zeit nutzen: Eine Bemerkung seines Vaters, der Waldbesitzer und Jäger ist, sowie Leinens Nachforschungen im Bundesarchiv in Ludwigsburg bringen den Durchbruch und dem Fall eine völlig andere Richtung. Was Leinen ermittelt hat, reicht fast 70 Jahre in die Vergangenheit zurück und lässt einige Menschen nervös werden.

Wie war's?

In Der Fall Collini bietet von Schirach seinen Lesern nicht nur einen Kriminalfall, sondern auch einen Blick auf eine in den 1960-er Jahren rasch geänderte Gesetzeslage, die so manchen, die damals um ihre Freiheit fürchten mussten, ein Leben ohne Strafverfolgung bescherte. Viele von ihnen fielen beruflich weich und hatten auch im Nachkriegsdeutschland wichtige Posten inne.
Als ehemaliger Strafrechtsanwalt hat von Schirach den Vorteil, den Gerichtsapparat genau zu kennen. Das merkt man auch diesem Buch deutlich an. Juristische Ungenauigkeiten, wie sie in der gleichnamigen Verfilmung, die in diesem Jahr in die Kinos kam, vorkommen, findet man im Roman nicht. Es werden vielmehr noch einige Details nebenher eingestreut, die vielen Lesern nicht bekannt gewesen sein dürften. Dazu zählt zum Beispiel, dass der Begründer einer Gesetzessammlung, die in Deutschland jeder kennt, der beruflich mit dem Rechtswesen zu tun hat, ein strammer Nazi war. Die Sammlung trägt seit 1931 seinen Namen; während sich Ratspolitiker deutscher Städte die Köpfe darüber heiß reden, ob Straßennamen, die sich auf Nationalsozialisten des NS-Regimes beziehen, ausgetauscht werden sollten, bleibt ausgerechnet bei der Gesetzessammlung alles beim Alten.

Ich habe Der Fall Collini sowohl gelesen als auch gehört. Wie auch schon bei anderen Hörbüchern, die auf Werke von Ferdinand von Schirach zurückgehen, hat auch hier der Schauspieler Burghart Klaußner gelesen. Obwohl ich kein Fan von Hörbüchern bin, kann ich mich diesmal nicht entscheiden, welcher Variante ich den Vorzug geben sollte. 

Der Fall Collini ist 2011 als gebundene Ausgabe erschienen. Sie gibt es nur noch antiquarisch. Bei btb ist der Roman 2017 als Taschenbuch herausgegeben worden und kostet 10 Euro.

Freitag, 26. Januar 2018

# 133 - Tschechiens Aufbruch ins Weltall

Ein Nationalheld wird geboren

 

Jakub Procházka ist ein geachteter Astrophysiker, mit seiner großen Liebe Lenka verheiratet und kinderlos. Die beiden leben ein relativ unauffälliges Leben, bis Jakub eines Tages eine Einladung von Senator Tůma erhält: Der Politiker bietet ihm an, mit einer Ein-Mann-Rakete eine kosmische Staubwolke, die den Namen "Chopra" erhalten hat, zu erforschen. Etliche Staaten überlegen bereits, eigene Missionen ins All zu schicken, aber Tschechien ist das erste Land, das sich aus der Deckung wagt: Jakub soll der Nation zu großartigem wissenschaftlichen Ruhm verhelfen, indem er sich auf eine achtmonatige Reise in einer von der Schweiz ausgemusterten Rakete begibt. JanHus1 wird das Raumschiff getauft, nach dem böhmischen Theologen und Reformator, der im 15. Jahrhundert gelebt hat. Hiermit beginnt Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt des tschechisch-amerikanischen Autors Jaroslav Kalfař.

Das Gefühl der (Mit-) Schuld bleibt ein Leben lang



In Jakubs Kindheitsrinnerungen befinden sich Schatten: Sein Vater ist ein ranghohes Parteimitglied gewesen, dessen Aufgabe beim Geheimdienst es war, Verdächtige bei Verhören zu foltern. Mit dem Einsetzen der Samtenen Revolution 1989 und der Abkehr vom Kommunismus schlug ihm und seiner Familie die geballte Ablehnung der Mitmenschen entgegen. Doch bevor es zum Prozess gegen den linientreuen Parteigänger kommen konnte, verunglückte er 1990 zusammen mit Jakubs Mutter tödlich. Zu diesem Zeitpunkt war Jakub zehn Jahre alt und wuchs von da an bei seinen Großeltern auf. Seit damals versucht er, mit den widerstreitenden Gefühlen für seinen Vater umzugehen: Einerseits fühlt er stellvertretend dessen Schuld, andererseits liebt er ihn, weil er sein Vater ist. Die Schuldgefühle treiben ihn an, etwas Herausragendes für sein Land zu tun, damit die Schuld seines Vaters kleiner oder sogar gelöscht und der Name Procházka nicht nur mit Gewalt verbunden wird. Dafür stimmt er zu, als Astronaut für die Chopra-Mission zur Verfügung zu stehen, obwohl ihm bewusst ist, dass er damit seine Ehe riskiert.

Das All: unendliche Weiten und ein Reisebegleiter

 

Im April 2018 startet die JanHus1 mit Jakub von einem böhmischen Kartoffelacker in den Weltraum. Auf dieser Mission nimmt Jakub drei Rollen ein: die des Wissenschaftlers, des Nationalhelden und des Privatmanns. Der Wissenschaftler freut sich darauf, etwas erforschen zu können, das noch nie zuvor da war; der Nationalheld muss sich erst noch in die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, hineinfinden und der private Jakub Procházka wird von seiner Frau verlassen. Doch es passiert noch mehr: Jakub bekommt ungebetenen Besuch von einem sprechenden spinnenähnlichen Wesen, dem er den Namen Hanuš nach dem legendären tschechischen Uhrmacher gibt. Hanuš ist verfressen und macht sich über Jakubs Nutella-Vorräte her. Nachdem sich Jakub an die Eigenheiten seines Gastes mit seinen 34 Augen gewöhnt hat, ist er ihm ein guter Gesprächspartner. Doch als JanHus1 in die Chopra-Wolke eindringt, stellt Jakub fest, dass sie eine eigene Schwerkraft besitzt: Das Raumschiff wird in die Wolke hineingezogen, der Staub dringt durch alle Ritzen und frisst sämtliche Kabel an. Als die Sauerstoffversorgung ausfällt, ist das sein Todesurteil. Doch auch wenn Tůma, der inzwischen zum Präsidenten Tschechiens aufgestiegen ist, eine Staatstrauer anordnet und die Errichtung eines Procházka-Denkmals auf dem Prager Karlsplatz in Auftrag gibt, ist die Geschichte hier noch nicht zu Ende.


Wie war's?

 

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt beginnt mit einem humorvollen Unterton, um in der zweiten Hälfte nachdenklich zu werden. Die Frage, warum ausgerechnet Jakub Procházka, der sich mit dem Weltall bislang nur theoretisch beschäftigt hat, zum Astronauten für eine Mission, die Tschechien wissenschaftlich und wirtschaftlich einen großen Schritt nach vorn bringen soll, ausgewählt wird, wird erst spät beantwortet und hat mehr mit menschlichen Untiefen als mit vorausschauender Planung zu tun. Das Zentrum des Buches ist die Frage nach der Schuld: Ist es richtig, dass für die Fehler eines Menschen dessen ganze Familie büßen muss? Und: Müssen sich die Angehörigen eines nahen Verwandten für dessen Gewalttaten mitschuldig fühlen? Diese Fragen muss sich jeder, der sich in einer ähnlichen Lage befindet, selbst beantworten. Der Roman tut dies nicht.

Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt ist im Tropen-Verlag, einem Imprint des Verlages Klett-Cotta, erschienen und wurde mir als E-Book von Netgalley.de zur Verfügung gestellt. Das Buch kostet als gebundene Ausgabe 22,-- Euro und als Kindle- oder epub-Edition 17,99 Euro.

Freitag, 4. August 2017

# 111 - Ein Gepeinigter setzt sich zur Wehr

Ein Kinderleben vor 100 Jahren im Deutschen Reich 

 

Karl Reitz wird im März 1920 als achtes Kind von Eduard, einem verbeamteten Bahnheizer, und seiner Frau Mathilde im hinterpommerschen Jadrow geboren. Er ist seine ganze Kindheit und Jugend hindurch deutlich kleiner als alle anderen Gleichaltrigen, was seine Mutter insgeheim auf ihre Affäre mit dem Dorfkrämer zurückführt: Auch der ist sehr viel kleiner als die anderen Männer im Dorf. Doch dass Karl ein Kuckuckskind sein könnte, soll nicht zu ihrem oder Karls größten Problem werden. 
Edelhard Callies schildert in seinem Roman Es brennt das ganze Kind sogar, wie man im Nationalsozialismus mit Behinderten umging und dass es oft schon reicht, nicht ganz der Norm zu entsprechen, um von seinen Mitmenschen aussortiert zu werden.

Kinder sind grausam? Nicht nur sie

 

Seine Körpergröße verfolgt Karl wie ein Fluch: Der Dorflehrer macht von Anfang an Witze über ihn, und bei den Nachbarn reicht das Repertoire der "Nettigkeiten" von Schrumpfgermane bis zu Wurzelzwerg. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird über die Körpergröße des Jungen gefrotzelt. Karl leidet sehr darunter, aber er hat zu Hause keine große Unterstützung: Sein Vater ist ein zur Gewalt neigender und aufbrausender Despot, der keinen Widerspruch und schon gar keine Abweichung von den von ihm aufgestellten Regeln duldet. Seiner Frau und seinen Kindern räumt er keinerlei Mitspracherechte ein; 1937 beschließt er beispielsweise, dass Karl eine Lehre als Schriftsetzer machen muss und die Familie ihr Haus verkauft und in die Stadt zieht. Seine Mutter ist eine charakterlich zu schwache Person, um ihren Jüngsten gegen den Vater und die hänselnden Dorfbewohner in Schutz zu nehmen. Nur seine zwei Jahre ältere Schwester Marlene, die von allen Lenchen gerufen wird, ist ihm ans Herz gewachsen: Sie ist immer fröhlich und freundlich, aber wegen eines Herzfehlers körperlich nicht sehr leistungsfähig  - wie viele Menschen mit einem Down-Syndrom. Die Großeltern, die ebenfalls in Jadrow wohnen, sind für den Jungen eine Zuflucht. Zu ihnen kann er sich retten, wenn er es zu Hause gar nicht mehr aushält.
Als Karl zehn Jahre alt ist, zieht eine neue Familie aus Bayern ins Dorf und deren Sohn Hans wird zu Karls bestem und einzigem Freund. Mit Hans ist endlich jemand da, der sich auch dann vor Karl stellt und sich für ihn einsetzt, wenn es mal brenzlig wird und die anderen Jungen Karl mal wieder aufs Korn genommen haben. Doch diese Freundschaft findet ein jähes Ende, als Hans im Dorfweiher ertrinkt. Karl hatte noch versucht, ihn zu retten, aber es nicht geschafft. 
Karl hat schon lange davor beschlossen, die ständigen Demütigungen nicht mehr auf sich beruhen zu lassen und beginnt, sich für jede einzelne zu rächen. Dabei gehen Gebäude in Flammen auf, die Besucher des Dorffests erleiden Brechdurchfall und ja: Tote gibt es auch.

Aus den Augen, aus dem Sinn?

 

Das Jahr 1934 bringt für die Familie Reitz eine Zäsur mit sich: Schon vor einiger Zeit hatte der Dorflehrer, ein strammer Nationalsozialist und HJ-Untergruppenführer, den Eltern  zu verstehen gegeben, dass Lenchen wegen ihrer geistigen Einschränkung zu Hause nicht mehr gut aufgehoben sei und deshalb lieber in einem Behindertenheim untergebracht werden sollte. Die mit der Situation überforderten Eltern stimmen dem Lehrer, der in der damaligen Zeit zum Kreis der Respektspersonen gehörte, zu. Die Mutter begleitet ihre Tochter auf dem Weg in ihr künftiges Zuhause und beruhigt ihren jüngsten Sohn, der sich schon bei Lenchens Abreise Sorgen um sie macht. Karl soll recht behalten: Fünf Jahre später erhält die Mutter einen Brief des Behindertenheims, in dem ihr mitgeteilt wird, dass ihre Tochter verstorben ist. Die angebliche Todesursache: ein perforierter Blinddarm. Karl erkennt die Lüge sofort: Seine Schwester hatte schon keinen Blinddarm mehr, als sie in die Anstalt gebracht worden war. Für den jungen Mann ist klar, dass Lenchen ermordet wurde. Beweisen lässt sich das allerdings nicht mehr: Ihre Leiche wurde bereits verbrannt, die Familie kann ihre Asche jedoch bekommen, wenn sie vorher eine Gebühr für den Versand entrichtet. Für Karl ist es völlig klar: Der Tod der Lieblingsschwester darf nicht ungesühnt bleiben.

Tragik und Verzweiflung gehen Hand in Hand

 

Edelhard Callies zeichnet in seinem Buch das Porträt eines in jeder Hinsicht im Leben zu kurz Gekommenen: Seine Körpergröße macht Karl Reitz in jeder Phase seines Lebens einen Strich durch die Rechnung. In ihm brennt die Flamme des Hasses, die mit jeder Erniedrigung immer größer wird.
Es brennt das ganze Kind sogar ist wegen seiner Nähe zu historischen Fakten lesenswert: Behinderte galten im Dritten Reich als unwertes Leben. Viele von ihnen wurden in Heimen, die sich als Heil- und Pflegeanstalten bezeichneten, weggesperrt und dort getötet. In zahlreichen Fällen gingen ihrem Tod medizinische Experimente voraus. Tausende Behinderte wurden so zugunsten der "Volksgesundheit" eliminiert. Der Autor greift auch eine Rechenaufgabe auf, die es an deutschen Schulen tatsächlich gegeben hat: Sie soll schon Kindern vor Augen führen, wie teuer es das deutsche Volk kommt, "Geisteskranke" durchzufüttern.
Mit der "Aktion T4" leiteten die Nationalsozilisten in Deutschland ihr Vernichtungswerk ein: 1939 begonnen, forderte die Aktion innerhalb eines Jahres etwa 70.000 Tote - allesamt Kranke und Behinderte. Wie im Buch beschrieben wurden die Leichen rasch verbrannt, um Nachforschungen der Angehörigen zu verhindern.
Es brennt das ganze Kind sogar ist ein Buch, das den Leser in seinen Bann zieht, auch wenn einzelne Szenen etwas besser hätten ausformuliert werden können.  
Der Roman ist 2017 bei epubli als Taschenbuch erschienen und kostet 10,99 Euro. Er wurde mir als Rezensionsexemplar von indie publishing zur Verfügung gestellt.

Sonntag, 2. April 2017

# 93 - Geister der Vergangenheit


Ein Lehrstück über die Kunst der Manipulation

 
Der vom Leben frustrierte College-Professor Samuel Anderson erhält 2011 einen Anruf einer Anwaltskanzlei. Seine Mutter ist in Schwierigkeiten und benötigt dringend seine Hilfe, um nicht für viele Jahre ins Gefängnis gehen zu müssen. Faye hat den ehemaligen Gouverneur Sheldon Packer attackiert, der für die Republikaner als US-Präsident kandidieren will. Der zuständige Richter hat für diesen Fall seinen Ruhestand verschoben und will Faye so hart wie möglich bestrafen. Samuel soll nun einen Brief schreiben, in dem er beteuert, welch ein großartiger Mensch seine Mutter sei. Nur so könne das Urteil gegen Faye eventuell milder ausfallen. Was für die meisten Söhne und Töchter kein Problem ist, empfindet Samuel allerdings als Zumutung. So beginnt das Romandebut Geister des US-Autors Nathan Hill, das im weiteren Verlauf etliche Überraschungen bereithält.

Eine Handvoll Kieselsteine für ein Attentat?


Die 61-jährige Faye hat bei einem öffentlichen Auftritt des Ex-Gouverneurs Packer in einem Chicagoer Park diesen unvermittelt mit Kieselsteinen beworfen. Das bringt der bislang unbekannten Seniorin eine Weile die Schlagzeilen in den Nachrichten, die Endlosschleife eines Videos auf allen Nachrichtenkanälen, auf dem der Vorfall zu sehen ist, sowie eine Strafanzeige ein, die eine ganze Latte von Vergehen beinhaltet, die sie damit begangen haben soll. Das Fernsehen nennt sie nicht mit ihrem Namen, sondern kreiert den griffigen Titel „The Packer-Attacker“. Die augenscheinlich nicht geplante Aktion sorgt auch dafür, dass nicht nur über sie, sondern auch über den Kandidaten Packer in allen Medien rauf und runter berichtet wird. Faye wird zur „Alt-68erin“ stilisiert und in die Nähe von Al-Qaida gerückt.
Samuel ist nach dem Telefonat mit Fayes Anwalt wie vor den Kopf geschlagen: Bis dato hatte er keine Ahnung von der Attacke, weil er seine Freizeit mit einem online-Rollenspiel verbringt, das ihn wirkungsvoll vom richtigen Leben abschneidet. Was noch schwerer wiegt: Vor 21 Jahren, als er selbst 11 Jahre alt war, hatte seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen; ohne ein Wort und ohne sich jemals wieder bei ihnen zu melden. Samuel hatte bis zu diesem Anruf keine Ahnung gehabt, ob seine Mutter überhaupt noch am Leben war und wo sie sich die ganzen Jahre aufgehalten hatte. Und für diese Frau, die er nicht mehr kannte, sollte er sich jetzt einsetzen und behaupten, sie sei ein guter Mensch? Er sollte lügen?
Samuels erster Reflex ist es dann auch, sich zu weigern. Doch wie so oft im Leben, hängen Entscheidungen von mehreren Faktoren ab. In Samuels Fall ist es Guy Periwinkle, ein smarter Typ, der sein Geld mit allem verdient, wo es etwas zu holen gibt. Periwinkle erinnert Samuel sehr nachdrücklich daran, dass dieser ihm schon seit vielen Jahren einen fertigen Roman schuldet, für den er ihm einen satten Vorschuss gezahlt hatte und droht ihm nun damit, ihn zu verklagen. Doch hier ergibt sich für Samuel ein Ausweg, seinem finanziellen Ruin zu entrinnen und endlich seinen Traum, ein erfolgreicher Beststeller-Autor zu werden, zu verwirklichen: Er verspricht Periwinkle, nicht diesen lange geplanten Roman, sondern ein Buch über seine Mutter zu schreiben, eine Art verspätete Abrechnung. Dem Geschäftsmann gefällt die Idee: Der enttäuschte Sohn enthüllt der Öffentlichkeit, was „The Packer-Attacker“ wirklich für ein Mensch ist.

Eine Reise durch die amerikanische und die eigene Familiengeschichte


Der eher unfreiwillige Kontakt zu seiner Mutter löst in Samuel nicht das aus, was er erwartet hatte: Bei ihrer ersten Begegnung mit Faye ist ihm die Frau, die seine Mutter ist, so fremd, wie es fast jede andere Frau wäre. Entgegen seiner Hoffnungen gibt sie allerdings nichts über sich preis: keine Erklärung über ihr Verschwinden und nichts über ihr Leben seit damals.  Aber der Druck, Informationen über sie und ihr Leben zu sammeln, zwingt Samuel, sich auf sie einzulassen. Er beginnt mit der Unterstützung eines anderen Gamers Informationen zu sammeln. Sein Vater ist ihm keine große Hilfe, sein Großvater, Fayes Vater, lebt dement in einem Altenheim. Aber Samuel weiß, dass der alte Mann einst aus Norwegen in die USA eingewandert war. Außerdem gibt ein altes Foto, auf dem Faye als junge Frau inmitten von Studenten zu sehen ist, wertvolle Hinweise. Samuel erfährt, dass seine Mutter 1968 ein Studium in Chicago begonnen hatte – als Mädchen vom Lande und ohne die Zustimmung ihrer Eltern ist sie in die Unruhen, die sich damals an der Ermordung von Martin Luther King entzündet hatten und sich dann gegen den Vietnamkrieg und die Nominierung Nixons zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten richteten, wie zufällig hineingestoßen worden. Im Laufe der Handlung wird klar, warum sie wegen eines eigentlich nichtigen Vergehens so unnachgiebig verfolgt wird.
Nathan Hill macht sowohl für Faye als auch für Samuel deutlich, dass ihr Lebensweg an den ausschlaggebenden Gabelungen von Fehlentscheidungen geprägt war. Doch die beiden gingen unterschiedlich damit um: Faye hat es vorgezogen, Menschen zu verlassen oder aus Situationen auszusteigen wie aus einem Bus. Das gilt nicht nur für ihren Sohn und ihren Mann, sondern auch für ihr Studium oder das Zusammenleben mit einem anderen Mann, für den sie die eigene Familie aufgegeben hatte. Samuel hingegen richtet das, was er für seine eigenen Entscheidungen hält, an den Wünschen anderer aus oder schlägt einen Weg deshalb ein, weil es angeblich keine anderen Alternativen gibt. Mit seinen Nachforschungen nach dem Leben seiner Mutter fügt er dem bislang unvollständigen Bild von seiner Familie und ihrer Geschichte die fehlenden Mosaiksteine hinzu.
Der Roman bewegt sich nicht nur mühelos zwischen dem Zeitpunkt, zu dem der Großvater Norwegen verlassen hatte, den unruhigen 1960-er Jahren und der Gegenwart hin und her, sondern greift gesellschaftliche und politische Themen auf, die zum Teil bis heute aktuell sind. Dabei reicht die Spannweite von Pädophilie über Hochbegabung bis zur Occupy-Wall-Street-Bewegung und der Beeinflussung der Wähler durch die Massenmedien. Am Ende des Romans ergibt sich ein vielschichtiges Familienbild vor dem jeweiligen historischen Hintergrund und die Erkenntnis, dass Samuels Leben im Wesentlichen eine Folge von Manipulationen war – was allerdings ebenso auf den zum Terrorakt hochgestuften Angriff seiner Mutter auf Packer zutrifft.

Lesen?


Unbedingt! Nathan Hill hat in Geister eine verkorkste Mutter-Sohn-Beziehung aufgearbeitet, mehrere unglückliche Liebesgeschichten einschließlich der damit – wie gewohnt – jeweils falschen Entscheidungen von Samuel bzw. seiner Mutter beschrieben und sich der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der USA gewidmet. Der Roman ist dabei so locker geschrieben, dass er sich trotz seiner rd. 860 Seiten gut dazu eignet, an einem Stück gelesen zu werden.

Geister wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: HemmingerBuchhandlung

Das Buch ist bei Piper erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro.