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Freitag, 16. März 2018

# 140 - "The German" in den USA


Nichts wie weg aus Schleswig-Holstein



Joachim Meyerhoff schreibt in seinem Buch Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika über sein Leben als Teenager Mitte der 1980er Jahre, als er als norddeutsches Landei nichts anderes will, als möglichst weit weg von zu Hause etwas völlig Neues zu machen. Dank einer Finanzspritze seiner Großeltern verbringt er als Achtzehnjähriger ein Jahr in den USA: bei Hazel und Stan, sehr religiösen Eltern von drei Söhnen, von denen einer noch bei ihnen lebt. Es verschlägt Meyerhoff nach Laramie im Bundesstaat Wyoming, eine Gegend, die nur aus Prärie zu bestehen scheint und wo die Fernsehsender tagein tagaus einen Western nach dem anderen senden. Diese Situation hat er in einem Moment der vermeintlichen Cleverness selbst herbeigeführt: Als er beim Auswahltermin der Austauschorganisation in Hamburg nach seinen Vorlieben gefragt worden war, hatte er versucht, so zu antworten, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit ausgewählt werden würde. Mit ihm hatten sich nur noch schnöselige Jugendliche aus wohlhabenden Elternhäusern beworben, die fast alle aus Hamburg kamen - der Stadt, die aus Sicht von Meyerhoff mit einem geheimnisvollen Großstadtflair umwabert war. Da konnte er nur noch punkten, wenn er das mutmaßliche Gegenteil dessen angab, was seine Konkurrenten ankreuzen würden: tiefe Religiosität, der Wunsch nach dem Leben auf dem Land und große Genügsamkeit. Die Tatsache, dass seine Englischkenntnisse nur lückenhaft waren, verschwieg er.

"The German" mitten im Kulturschock


In Amerika lernt er viel über die dortige Kultur kennen: Sport spielt eine sehr große Rolle, und er fühlt, dass er erst mit der Aufnahme in das Basketballteam seiner Schule richtig angekommen ist und akzeptiert wird, auch wenn der Spitzname "The German" an ihm klebt wie Kaugummi an der Schuhsohle. Er registriert die Selbstverständlichkeit von Waffenbesitz, und irritiert nimmt er die Begeisterung seiner Gasteltern für eine Familienserie zur Kenntnis, in der täglich ein vorher angekündigtes Essen zubereitet und von der TV-Familie überschwänglich gelobt wird - parallel wird diese Mahlzeit auch in seinem neuen Zuhause aufgetischt und entsprechend kommentiert. 
Meyerhoff lernt ein Mädchen kennen, macht erste Erfahrungen mit der Sexualität, freundet sich geduldig mit dem misstrauischen Pferd seines ihn quälenden Gastbruders an und fühlt sich mehr und mehr zugehörig und zuhause. Doch dann reißt ein Anruf seines Vaters ihn aus diesem neuen Leben: Sein mittlerer Bruder, der in Kürze mit seinem Medizinstudium beginnen wollte, ist bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Meyerhoff reist für die Beerdigung zurück nach Deutschland, schafft es aber nicht, seine Trauer zuzulassen. Nach wenigen Wochen reist er zurück zu Hazel und Stan, um sein Auslandsjahr fortzusetzen. Über den Kontakt zu einem seiner ehemaligen Lehrer in Laramie lernt er im örtlichen Gefängnis flüchtig den zum Tode verurteilten Doppelmörder Randy Hart kennen und verspricht ihm, ihm zu schreiben. Randy ist der Sohn eines US-Soldaten und einer Deutschen, hat die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht und wurde später als amerikanischer Soldat in Deutschland stationiert, wo er einen Tankwart und dessen Frau erschoss. Tatsächlich entwickelt sich daraus eine Brieffreundschaft, die Meyerhoffs Abreise aus den USA überdauert - auf Deutsch.
Zurück in Deutschland erlahmt der Eifer des Autors, Hart weiter zu schreiben. Er möchte keinen Kontakt mehr zu ihm und fühlt sich durch dessen alle paar Tage eintreffenden Briefe unter Druck gesetzt. Dann kommt jedoch ein Brief, der nichts anderes ist als ein Hilferuf: Hart bittet Meyerhoff um seine Unterstützung, weil in seiner Angelegenheit wohl eine Entscheidung bevorstehe. Schon eine Woche später steht Hart überraschend vor der Tür der Familie Meyerhoff in Schleswig-Holstein.


Lesen?

 

Das Buch ist am Anfang wegen der zahlreichen Rückblicke auf Meyerhoffs Leben als Kind etwas schleppend, sodass man sich fragt, ob und wann er wohl in diesem Buch endlich in den USA ankommen würde. Danach ist es in jeder Hinsicht emotional, ohne dabei aber in Gefühlsduselei abzugleiten: Meyerhoff schreibt über sich selbst mit viel Humor und reflektiert auch sein damaliges Unvermögen, mit dem Tod seines Bruders umzugehen. Völlig überraschend erhält er Unterstützung von einer unerwarteten Seite. Wie auch der hier schon vorgestellte zweite Teil der Buchserie mit dem Titel Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war ist auch dieser Roman eine gelungene Mischung aus Humor und Nachdenklichkeit.

Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro.

Sonntag, 2. April 2017

# 93 - Geister der Vergangenheit


Ein Lehrstück über die Kunst der Manipulation

 
Der vom Leben frustrierte College-Professor Samuel Anderson erhält 2011 einen Anruf einer Anwaltskanzlei. Seine Mutter ist in Schwierigkeiten und benötigt dringend seine Hilfe, um nicht für viele Jahre ins Gefängnis gehen zu müssen. Faye hat den ehemaligen Gouverneur Sheldon Packer attackiert, der für die Republikaner als US-Präsident kandidieren will. Der zuständige Richter hat für diesen Fall seinen Ruhestand verschoben und will Faye so hart wie möglich bestrafen. Samuel soll nun einen Brief schreiben, in dem er beteuert, welch ein großartiger Mensch seine Mutter sei. Nur so könne das Urteil gegen Faye eventuell milder ausfallen. Was für die meisten Söhne und Töchter kein Problem ist, empfindet Samuel allerdings als Zumutung. So beginnt das Romandebut Geister des US-Autors Nathan Hill, das im weiteren Verlauf etliche Überraschungen bereithält.

Eine Handvoll Kieselsteine für ein Attentat?


Die 61-jährige Faye hat bei einem öffentlichen Auftritt des Ex-Gouverneurs Packer in einem Chicagoer Park diesen unvermittelt mit Kieselsteinen beworfen. Das bringt der bislang unbekannten Seniorin eine Weile die Schlagzeilen in den Nachrichten, die Endlosschleife eines Videos auf allen Nachrichtenkanälen, auf dem der Vorfall zu sehen ist, sowie eine Strafanzeige ein, die eine ganze Latte von Vergehen beinhaltet, die sie damit begangen haben soll. Das Fernsehen nennt sie nicht mit ihrem Namen, sondern kreiert den griffigen Titel „The Packer-Attacker“. Die augenscheinlich nicht geplante Aktion sorgt auch dafür, dass nicht nur über sie, sondern auch über den Kandidaten Packer in allen Medien rauf und runter berichtet wird. Faye wird zur „Alt-68erin“ stilisiert und in die Nähe von Al-Qaida gerückt.
Samuel ist nach dem Telefonat mit Fayes Anwalt wie vor den Kopf geschlagen: Bis dato hatte er keine Ahnung von der Attacke, weil er seine Freizeit mit einem online-Rollenspiel verbringt, das ihn wirkungsvoll vom richtigen Leben abschneidet. Was noch schwerer wiegt: Vor 21 Jahren, als er selbst 11 Jahre alt war, hatte seine Mutter ihn und seinen Vater verlassen; ohne ein Wort und ohne sich jemals wieder bei ihnen zu melden. Samuel hatte bis zu diesem Anruf keine Ahnung gehabt, ob seine Mutter überhaupt noch am Leben war und wo sie sich die ganzen Jahre aufgehalten hatte. Und für diese Frau, die er nicht mehr kannte, sollte er sich jetzt einsetzen und behaupten, sie sei ein guter Mensch? Er sollte lügen?
Samuels erster Reflex ist es dann auch, sich zu weigern. Doch wie so oft im Leben, hängen Entscheidungen von mehreren Faktoren ab. In Samuels Fall ist es Guy Periwinkle, ein smarter Typ, der sein Geld mit allem verdient, wo es etwas zu holen gibt. Periwinkle erinnert Samuel sehr nachdrücklich daran, dass dieser ihm schon seit vielen Jahren einen fertigen Roman schuldet, für den er ihm einen satten Vorschuss gezahlt hatte und droht ihm nun damit, ihn zu verklagen. Doch hier ergibt sich für Samuel ein Ausweg, seinem finanziellen Ruin zu entrinnen und endlich seinen Traum, ein erfolgreicher Beststeller-Autor zu werden, zu verwirklichen: Er verspricht Periwinkle, nicht diesen lange geplanten Roman, sondern ein Buch über seine Mutter zu schreiben, eine Art verspätete Abrechnung. Dem Geschäftsmann gefällt die Idee: Der enttäuschte Sohn enthüllt der Öffentlichkeit, was „The Packer-Attacker“ wirklich für ein Mensch ist.

Eine Reise durch die amerikanische und die eigene Familiengeschichte


Der eher unfreiwillige Kontakt zu seiner Mutter löst in Samuel nicht das aus, was er erwartet hatte: Bei ihrer ersten Begegnung mit Faye ist ihm die Frau, die seine Mutter ist, so fremd, wie es fast jede andere Frau wäre. Entgegen seiner Hoffnungen gibt sie allerdings nichts über sich preis: keine Erklärung über ihr Verschwinden und nichts über ihr Leben seit damals.  Aber der Druck, Informationen über sie und ihr Leben zu sammeln, zwingt Samuel, sich auf sie einzulassen. Er beginnt mit der Unterstützung eines anderen Gamers Informationen zu sammeln. Sein Vater ist ihm keine große Hilfe, sein Großvater, Fayes Vater, lebt dement in einem Altenheim. Aber Samuel weiß, dass der alte Mann einst aus Norwegen in die USA eingewandert war. Außerdem gibt ein altes Foto, auf dem Faye als junge Frau inmitten von Studenten zu sehen ist, wertvolle Hinweise. Samuel erfährt, dass seine Mutter 1968 ein Studium in Chicago begonnen hatte – als Mädchen vom Lande und ohne die Zustimmung ihrer Eltern ist sie in die Unruhen, die sich damals an der Ermordung von Martin Luther King entzündet hatten und sich dann gegen den Vietnamkrieg und die Nominierung Nixons zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten richteten, wie zufällig hineingestoßen worden. Im Laufe der Handlung wird klar, warum sie wegen eines eigentlich nichtigen Vergehens so unnachgiebig verfolgt wird.
Nathan Hill macht sowohl für Faye als auch für Samuel deutlich, dass ihr Lebensweg an den ausschlaggebenden Gabelungen von Fehlentscheidungen geprägt war. Doch die beiden gingen unterschiedlich damit um: Faye hat es vorgezogen, Menschen zu verlassen oder aus Situationen auszusteigen wie aus einem Bus. Das gilt nicht nur für ihren Sohn und ihren Mann, sondern auch für ihr Studium oder das Zusammenleben mit einem anderen Mann, für den sie die eigene Familie aufgegeben hatte. Samuel hingegen richtet das, was er für seine eigenen Entscheidungen hält, an den Wünschen anderer aus oder schlägt einen Weg deshalb ein, weil es angeblich keine anderen Alternativen gibt. Mit seinen Nachforschungen nach dem Leben seiner Mutter fügt er dem bislang unvollständigen Bild von seiner Familie und ihrer Geschichte die fehlenden Mosaiksteine hinzu.
Der Roman bewegt sich nicht nur mühelos zwischen dem Zeitpunkt, zu dem der Großvater Norwegen verlassen hatte, den unruhigen 1960-er Jahren und der Gegenwart hin und her, sondern greift gesellschaftliche und politische Themen auf, die zum Teil bis heute aktuell sind. Dabei reicht die Spannweite von Pädophilie über Hochbegabung bis zur Occupy-Wall-Street-Bewegung und der Beeinflussung der Wähler durch die Massenmedien. Am Ende des Romans ergibt sich ein vielschichtiges Familienbild vor dem jeweiligen historischen Hintergrund und die Erkenntnis, dass Samuels Leben im Wesentlichen eine Folge von Manipulationen war – was allerdings ebenso auf den zum Terrorakt hochgestuften Angriff seiner Mutter auf Packer zutrifft.

Lesen?


Unbedingt! Nathan Hill hat in Geister eine verkorkste Mutter-Sohn-Beziehung aufgearbeitet, mehrere unglückliche Liebesgeschichten einschließlich der damit – wie gewohnt – jeweils falschen Entscheidungen von Samuel bzw. seiner Mutter beschrieben und sich der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung der USA gewidmet. Der Roman ist dabei so locker geschrieben, dass er sich trotz seiner rd. 860 Seiten gut dazu eignet, an einem Stück gelesen zu werden.

Geister wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich ganz herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorhandene Exemplare innerhalb eines Werktages.
Die Kontaktdaten und Öffnungszeiten gibt es hier: HemmingerBuchhandlung

Das Buch ist bei Piper erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro.

Freitag, 16. Dezember 2016

# 80 - Was macht China aus?

Eine Übersetzung, die ein Leben verändert

 

London im April 2013: Die Übersetzerin Iona Kirkpatrick beginnt mit ihrer Arbeit an einem Stapel fotokopierter chinesischer Schriftstücke. Der ihr bis dahin nicht bekannte Verleger Jonathan Barker hat ihr vor einigen Wochen ein ungeordnetes Konvolut von Tagebüchern und Briefen gegeben, von denen er den Eindruck hat, dass hinter ihnen etwas Bedeutendes stecken könnte. Tatsächlich soll sich diese Vermutung bestätigen. Um diesen Plot rankt sich die Geschichte, die die chinesische Autorin Xiaolu Guo in ihrem Roman Ich bin China erzählt.

Das Individuum ist der Feind des Kollektivs

 

Iona führt ein Leben in einer selbstgewählten Einsamkeit: Außer der wechselnden Sexualpartner, zu denen sie keine emotionale Bindung hat und die sie nach einer gemeinsamen Nacht aussortiert wie einen Packen Altpapier, bekommt sie keinen Besuch. Ihre Schwester, die in ihrer Rolle als Mutter aufgeht, sieht sie selten, die Eltern noch seltener. So vertieft sie sich in die chinesischen Aufzeichnungen, die ihr zunächst rätselhaft erscheinen. Doch nach und nach begreift sie, dass sie eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen zwei Chinesen vor sich hat, die von Anfang an schwierig ist und durch das politische System behindert wird. Sie beginnt Anfang November 1993: Kublai Jian ist 21 Jahre alt, Student und Punk-Musiker in Peking, die 18-jährige Deng Mu ist als Besucherin beim Konzert seiner Band. Schon zwei Monate später kritisiert Jian seine Freundin in einem seiner Tagebucheinträge: Sie hat begonnen, sich für den Dichter Hai Zi zu interessieren, der für ihn nicht akzeptabel ist, weil er dessen Lyrik für rückgewärtsgewandt und morbide hält. Was soll man schon über einen denken, der sein Leben mit 25 auf Eisenbahnschienen liegend beendet? 
Im Laufe der Jahre werden Mu und Jian ihre Höhen und Tiefen mteinander haben, für eine kurze Zeit sind sie sogar Eltern eines Sohnes. Doch dann, im Dezember 2011, wird Jian außer Landes gebracht, nachdem man ihn zuvor in der Gefangenensammelstelle vor der Stadtgrenze Pekings festgehalten hatte. Ihm ist zum Verhängnis geworden, während eines seiner Konzerte ein politisches Schriftstück, das er als sein Manifest bezeichnet, ins Publikum geworfen zu haben. Ein Schriftstück mit den Gedanken des Künstlers, die sich nicht an die Staatsdoktrin halten wollen. Das kann nicht gutgehen, zumal Jian einer Familie angehört, zu der ein Kriegsheld und ein hoher Funktionär gehören. So wird eine Nervenklinik in Lincolnshire seine erste Station, der noch weitere folgen sollen. Aber Jian und Mu versuchen noch eine Weile, den Kontakt durch Briefe aufrechtzuerhalten, die jedoch immer verzögert ihre Empfämger erreichen: Nicht nur Jian wechselt mehrmals den Aufenthaltsort, sondern auch Mu versucht, sich ohne ihren Freund ein eigeständiges Leben als singende Protest-Lyrikerin aufzubauen. Ein Manager formt eine Band mit ihr als Frontfrau und organisiert eine USA-Tour, die den Protest kommerzialisiert. Damit entfernt sie sich ein gutes Stück von der Idee Jians, mit Musik eine politische Veränderung zu bewirken.

Der Sog einer Lebensgeschichte

 

Iona vertieft sich so sehr in die chinesischen Unterlagen, dass sie ihr eigenes Leben zunehmend aus den Augen verliert. Immer tiefer steigt sie in die chinesische Geschichte um Mao und den Langen Marsch ein, um zu verstehen, was in Mu und Jian vorgeht und worauf deren Konflikte begründet sind. Sie recherchiert ausführlich, und zusammen mit Jonathan gelingt es ihr, die Puzzleteile, die zu Jiangs Leben gehören, zu einem großen Ganzen zusammenzuführen. Der Lebensabschnitt von Jian in Europa beginnt keine 1 1/2 Jahre vor Ionas Übersetzungsarbeit, sodass die Übersetzerin in dem Gefühl arbeitet, sie laufe den frischen Spuren der beiden Chinesen hinterher. Jonathan ist von der Entwicklung und den Erkenntnissen, die mit Ionas Arbeit gewonnen werden konnten, so begeistert, dass er die Unterlagen unbedingt als Buch herausbringen will. Doch da gibt es Leute, die seine Pläne verhindern wollen: Jemand hat sich Zugang zu allen gespeicherten Projektdaten verschafft, die beim Verlag vorhanden sind. Kurz darauf wird Jonathan zum ersten Mal und ohne eine stichhaltige Begründung ein Visum nach China verwehrt. Er beschließt trotz Ionas Protest, die Veröffentlichung zu stoppen. Iona hat sich indessen eine ganz andere Idee in den Kopf gesetzt: Sie will versuchen, den Konatkt zwischen Mu und Jian wieder herzustellen.

Ein großer Bogenschlag in der Geschichte Chinas

 

Ich bin China geht in der chinesischen Geschichte so weit zurück, wie es nötig ist, um insbesondere Jians Lebensweg zu erklären, nämlich bis zur Zeit des Langen Marsches 1934 bis 1935. Xiaolu Guos Roman ist sehr vielschichtig angelegt und zeigt den Konflikt zwischen dem früheren und modernen China auf, in dem Individualität und Freiheit bis heute der Stabilität und Ordnung untergeordnet sind. Ein Buch, das ich unbedingt empfehlen kann.

Ich bin China wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist 2015 im Knaus Verlag  erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 €.

Hinweis: Wer sich für den Maoismus in China interessiert, sollte sich auch das Buch  Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics ansehen.

Freitag, 14. Oktober 2016

# 71 - Nobelpreis und Reichtum sind keine Garanten für Erfolg


Zwei große Schriftsteller auf der Suche nach dem Erfolg


Mit seinem Roman Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun spürt Matthias Engels den Leben der beiden weltberühmten Schriftsteller Oscar Wilde und Knut Hamsun nach. Das Buch ist eine Mischung aus Tatsachen und Fiktion und führt seine Leser zurück zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Liegt das Heil in Amerika?


Oscar Wilde und Knut Hamsun haben fast gleichzeitig beschlossen, ihr Glück in Amerika zu suchen und dort mit dem Schreiben erfolgreich zu sein. Aber unterschiedlicher konnte ihr Start nicht sein: Hamsun stammte aus einer bitterarmen norwegischen Familie mit sieben Kindern und war bereits mit 16 Jahren von zu Hause ausgerissen. Mit 23 Jahren schiffte er sich in Bremerhaven für die Überfahrt nach New York ein. Mehrere Jahre zuvor war einer seiner älteren Brüder nach Amerika ausgewandert und hatte nur Gutes über das Land berichtet. Offensichtlich ging es ihm und seiner Familie dort gut, sodass Hamsun vorhatte, sich zuerst an ihn zu wenden. Doch als er ihn tatsächlich aufgespürt hatte, zerplatzten seine Träume wie eine Seifenblase: Sein Bruder lebte in ähnlich ärmlichen Verhältnissen, wie er es in Norwegen getan hatte und war darüber zum Trinker geworden. Knut Hamsun musste sich also auf eigene Faust durchschlagen und nahm einen Hilfsjob nach dem anderen an.

Da hatte es Oscar Wilde wesentlich leichter. Er kam aus einer wohlhabenden Familie, hatte zunächst ein Internat und später Universitäten in Dublin und Oxford besucht und war durch den Umstand, dass seine Eltern neben ihren Brotberufen auch Bücher schrieben, ständig von Künstlern umgeben. Wilde ließ sich in London nieder und startete 1882 - im selben Jahr wie Knut Hamsun - seine Reise nach New York. Zu diesem Zeitpunkt eilte ihm bereits der Ruf voraus, ein erfolgreicher Schriftsteller mit extravagantem Auftreten zu sein. Auch wenn in Amerika schon vor seiner Ankunft bekannt war, dass seine Vortragsreise nicht der Literatur, sondern der englischen Renaissance gewidmet sein würde, füllte er die für die damalige Zeit größten Hallen mit 1.500 Menschen. Die Art seines Vortrags faszinierte auch diejenigen Zuhörer, die von dem Gesagten fast nichts verstanden. Er war ganz anders als die typischen Amerikaner und übte eine hohe Anziehungskraft aus. Doch Wilde hat sich in Amerika nicht wirklich wohl gefühlt: Es war ihm zu laut und hektisch. Es störte ihn, dass sich die Menschen ständig in Eile befanden. Ein wirklicher Lichtblick war für ihn allerdings die Begegnung mit dem Dichter Walt Whitman: Seine Werke hatten ihn seit seiner Kindheit begleitet, und Wilde bewunderte den greisen, kranken und armen Künstler sehr.

Wie gewonnen, so zerronnen


Sowohl Knut Hamsun als auch Oscar Wilde wurden erfolgreiche und berühmte Schriftsteller. Hamsun erhielt sogar 1920 den Literaturnobelpreis. Doch ihm wurde seine Nähe zum deutschen Nationalsozialismus zum Verhängnis, die ihn in seiner Heimat so unbeliebt machte, dass seine Bücher sogar verbrannt wurden. In einem Gerichtsprozess sollte nach dem Ende des 2. Weltkriegs seine Sympathie für die deutschen Besatzer untersucht werden. Aufgrund seines mittlerweile hohen Alters verzichtete man zwar auf Hamsuns Inhaftierung, verhängte allerdings gegen ihn eine so hohe Strafzahlung, dass die Familie wirtschaftlich ruiniert war.

Auch Oscar Wilde schaffte es nicht, seinen Ruhm zu nutzen. Er hatte zwar geheiratet und war Vater von zwei Söhnen geworden, lebte aber seine Homosexualität relativ unbefangen aus, obwohl ihm klar war, dass dieses Verhalten zu einer gesellschaftlichen Ächtung führen konnte. Als er eine Liebschaft mit dem Sohn eines schottischen Adligen begann, provozierte der verärgerte Vater eine Beleidigungsklage Wildes, in deren Verlauf der Schriftsteller gezwungen wurde, sein Privatleben offen zu legen. Der soziale und wirtschaftliche Niedergang des einst so beliebten Autors war so rasant wie ein fallender Stein. Auch er starb verarmt.

Ein Roman, dem viel Recherchearbeit vorausgegangen ist


Matthias Engels hat sich weitestgehend an die historischen Fakten gehalten und nur dort Handlungen mit selbst Erdachtem ausgefüllt, wo es dem Fortgang des Romans diente. Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun liest sich durchgehend flüssig und interessant, mir hat sich aber bis zum Schluss nicht erschlossen, warum der Autor gerade diese beiden Schriftsteller einander gegenübergestellt hat. Die beiden Herren sind sich während ihrer Aufenthalte in Amerika offensichtlich nie begegnet und scheinen auch beruflich keinen Kontakt miteinander gehabt zu haben. Engels reichert seinen Roman durch einige Exkurse wie zum Beispiel ein Interview mit Thomas Edison an und vermittelt seinen Lesern so einen tieferen Einblick in die damalige Zeit.
Für alle, die sich nicht nur für Bücher, sondern auch für ihre Verfasser interessieren, ist deises Buch zu empfehlen.


Die heiklen Passagen der wundersamen Herren Wilde & Hamsun ist bei STORIES & FRIENDS Verlag e. K. erschienen und kostet eins gebundene Ausgabe 19,90 Euro und als Kindle- oder epub-Edition 9,99 Euro.