Handlung spielt in der Nähe von Düsseldorf in den 1970-er Jahren. Vater Kampmann ist Lokführer, die Mutter kümmert sich um die beiden Kinder und den Haushalt. Der Sohn Marten ist zehn Jahre alt, seine Schwester Liz einige Jahre älter. Auch die Oma, Vater Kampmanns Mutter, spielt eine Rolle.
Der Alltag ist berechenbar und läuft nach einem festen Muster ab. Jeder hat seine Pflichten zu erfüllen. Der Vater ist für seinen Sohn ein Vorbild, das Kind bewundert seine Fähigkeiten und Kenntnisse beim Umgang mit Zügen.
Doch dann kommt der Tag, der alles durcheinanderwirft. Ein Selbstmörder steht plötzlich auf den Gleisen, als Kampmann die Strecke fährt, die er längst auswendig kennt. Es dauert 48 Sekunden, bis der Zug nach der Vollbremsung zum Stehen kommt. Die längsten 48 Sekunden in Kampmanns Leben. Zu lang, um den unbekannten Mann zu retten.
Der Lokführer ist seelisch tief erschüttert und versucht, den Vorfall zu verarbeiten. Dabei ist er praktisch auf sich allein gestellt. Diese Belastung ist zu viel für ihn, er stirbt wenige Wochen nach dem Unfall.
Sein Tod bringt seine Familie an den Abgrund der Verzweiflung. Die Mutter schafft es in ihrem Schmerz nicht, für ihre haltlosen Kinder da zu sein. Marten versucht sich zu schützen, indem er sich einredet, dass sein Vater nur für eine Weile weg sei und irgendwann zurückkomme. Da bekommt er eine Nachricht, die seine Welt erneut ins Wanken bringt. Er fasst einen wahnwitzigen Plan.
Lesen?
Vatersohn erzählt von sich nach einem Schicksalsschlag lösenden familiären Bindungen, der Vorstellung der damaligen Gesellschaft, dass man mit Belastungen selbst fertig werden muss und die Zeit alle Wunden heilt und von der Erkenntnis, dass sich in der eigenen Familie keineswegs die besseren Menschen befinden. Die Leichen befinden sich allerdings nicht im Keller.
Monika Boldts Roman ist ein sehr gelungenes Debut, das nach dem Lesen der letzten Sätze noch nachhallt. Die Autorin liest hier einige Abschnitte aus ihrem Buch:
Vatersohn ist im Karl Rauch Verlag erschienen und kostet 20 Euro. Der Titel ist sehr schön mit einem strukturierten Bezugspapier und einem Lesebändchen ausgestattet.
Joachim Meyerhoff fährt nach Alle Toten fliegen hoch - Amerika und Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war mit Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke fort, über sein Leben zu schreiben. In diesem dritten Teil ist er aus seinem Auslandsjahr in den USA zurück und muss sich mit zwanzig überlegen, was er mit seinem Leben anfangen will. Eher halbherzig bewirbt er sich bei der renommierten Otto Falckenberg Schule in München um einen Platz als Schauspielstudent, hängt aber gleichzeitig der romantischen Idee nach, zunächst eine Zivildienststelle im Münchener Klinikum rechts der Isar zu beginnen: ein bisschen Schwimmunterricht für kranke Kinder geben und die Freuden genießen, die das Leben im Schwesternwohnheim als junger Mann so mit sich bringt. Doch es kommt anders.
Ein Leben in zwei Welten
Obwohl sich Mayerhoff nicht als künftigen Schauspieler sieht, nimmt er an den Aufnahmeprüfungen der Otto Falckenberg Schule teil. Es werden fürs Vorsprechen drei Rollen erwartet, er kann nur eine vortragen und die auch nur stockend. Er wird wider Erwarten angenommen und zieht mangels Alternativen bei seinen Großeltern ein. Seine Großmutter ist eine frühere Schauspielerin und ehemalige Lehrerin an der Schauspielschule ihres Enkels, die viele divenhafte Allüren hat. Meyerhoffs Großvater ist ein emeritierter Philosophieprofessor, angesichts dessen Bildung sich auch der erwachsene Joachim ziemlich klein fühlt.Dieses Paar bewohnt eine alte Villa im vornehmen Stadtteil Nymphenburg, die mit Möbeln und Dekorationen ausgestattet ist, die das gemeinsame jahrzehntelange Leben förmlich atmen. Seit langer Zeit halten sich die Großeltern an einen strikten Tagesablauf, der mit zwei Gläschen Champagner zum Frühstück beginnt und mit Cointreau am Abend endet. Dazwischen hat der Tag drei weitere Gründe, etwas Belebendes zu sich zu nehmen, irgendwann wird sogar direkt nach dem Aufstehen mit Enzianschnaps gegurgelt. Für die Gesundheit, versteht sich. Der Enkel Joachim wird im rosa Zimmer einquartiert, das sich ebenfalls so lange nicht verändert hat, wie er zurückdenken kann. Sein Versuch, den Rosaanteil des Raums zu reduzieren, wird dann auch sofort unterbunden. Das Leben Meyerhoffs bei seinen Großeltern ist wie in einem Kokon: Sie sind in ihrer eigenen Welt, egal, was draußen vor ihrer Tür passiert.
Da ist die Schauspielschule schon etwas ganz anderes. Der Schüler Meyerhoff wird mit den unterschiedlichsten Menschen konfrontiert und muss sich Dingen zuwenden, von denen er bislang keine Ahnung hatte. Doch er schafft nur, sich im Aikido zu behaupten. In allen anderen für das Theater typischen Fächern scheitert er. Sein größtes Problem ist dabei, sich zu öffnen und etwas von seiner Persönlichkeit in die Darstellung der geforderten Charaktere zu legen. Als jedoch Kostüme aus dem Fundus der Münchener Kammerspiele für einen wohltätigen Zweck versteigert werden sollen, hat er auf dem Laufsteg in einem langen Glitzerkleid und High Heels seinen großen Auftritt. Doch im Grunde will er nur eines: auf der Bühne stehen, ohne gesehen zu werden.
Der Schatten auf seiner Seele
Meyerhoff wird klar, dass sein Verhalten und sein Gefühl, ein Getriebener zu sein, ihre Wurzeln im Unfalltod seine Bruders haben. Er hat den Verlust verdrängt, aber nicht verarbeitet. Diese Lücke, die im Buchtitel genannt wird und aus Goethes Werther zitiert ist ("Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle"), ist die, die durch den Tod des älteren Bruders für immer gerissen wird. Die Schule wird zu einem angstbesetzten Ort voller Chaos und Unberechenbarkeit, wo auf ihn nur die ständige Überforderung lauert. Bis heute kann er sich nicht erklären, warum man ihn an der Schauspielschule angenommen hat. Insgeheim vermutet er, dass seine Großmutter ihre Finger im Spiel hatte, aber das bleibt ungeklärt. Doch es soll noch weitere Leerstellen in Meyerhoffs Leben geben: Nach seiner Abschlussprüfung sterben sowohl seine Großeltern als auch sein Vater innerhalb kurzer Zeit.
Lesen?
All diese Erlebnisse erzählt Meyerhoff zwar ernst, aber mit viel hintergründigem Humor, der die Zuneigung, die er zu seiner teilweise schrulligen Verwandtschaft hat, widerspiegelt. Ein sehr gutes Buch, nach dessen Lesen man kaum glauben mag, dass der Autor ein gefeierter Schauspieler geworden ist, der von der Zeitschrift Theater heute zum "Schauspieler des Jahres 2017" gekürt wurde und seit Jahren beim Wiener Burgtheater unter Vertrag ist. Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 21,99 Euro, als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 9,99 Euro.
Joachim Meyerhoff schreibt in seinem Buch Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika über sein Leben als Teenager Mitte der 1980er Jahre, als er als norddeutsches Landei nichts anderes will, als möglichst weit weg von zu Hause etwas völlig Neues zu machen. Dank einer Finanzspritze seiner Großeltern verbringt er als Achtzehnjähriger ein Jahr in den USA: bei Hazel und Stan, sehr religiösen Eltern von drei Söhnen, von denen einer noch bei ihnen lebt. Es verschlägt Meyerhoff nach Laramie im Bundesstaat Wyoming, eine Gegend, die nur aus Prärie zu bestehen scheint und wo die Fernsehsender tagein tagaus einen Western nach dem anderen senden. Diese Situation hat er in einem Moment der vermeintlichen Cleverness selbst herbeigeführt: Als er beim Auswahltermin der Austauschorganisation in Hamburg nach seinen Vorlieben gefragt worden war, hatte er versucht, so zu antworten, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit ausgewählt werden würde. Mit ihm hatten sich nur noch schnöselige Jugendliche aus wohlhabenden Elternhäusern beworben, die fast alle aus Hamburg kamen - der Stadt, die aus Sicht von Meyerhoff mit einem geheimnisvollen Großstadtflair umwabert war. Da konnte er nur noch punkten, wenn er das mutmaßliche Gegenteil dessen angab, was seine Konkurrenten ankreuzen würden: tiefe Religiosität, der Wunsch nach dem Leben auf dem Land und große Genügsamkeit. Die Tatsache, dass seine Englischkenntnisse nur lückenhaft waren, verschwieg er.
"The German" mitten im Kulturschock
In Amerika lernt er viel über die dortige Kultur kennen: Sport spielt eine sehr große Rolle, und er fühlt, dass er erst mit der Aufnahme in das Basketballteam seiner Schule richtig angekommen ist und akzeptiert wird, auch wenn der Spitzname "The German" an ihm klebt wie Kaugummi an der Schuhsohle. Er registriert die Selbstverständlichkeit von Waffenbesitz, und irritiert nimmt er die Begeisterung seiner Gasteltern für eine Familienserie zur Kenntnis, in der täglich ein vorher angekündigtes Essen zubereitet und von der TV-Familie überschwänglich gelobt wird - parallel wird diese Mahlzeit auch in seinem neuen Zuhause aufgetischt und entsprechend kommentiert. Meyerhoff lernt ein Mädchen kennen, macht erste Erfahrungen mit der Sexualität, freundet sich geduldig mit dem misstrauischen Pferd seines ihn quälenden Gastbruders an und fühlt sich mehr und mehr zugehörig und zuhause. Doch dann reißt ein Anruf seines Vaters ihn aus diesem neuen Leben: Sein mittlerer Bruder, der in Kürze mit seinem Medizinstudium beginnen wollte, ist bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Meyerhoff reist für die Beerdigung zurück nach Deutschland, schafft es aber nicht, seine Trauer zuzulassen. Nach wenigen Wochen reist er zurück zu Hazel und Stan, um sein Auslandsjahr fortzusetzen. Über den Kontakt zu einem seiner ehemaligen Lehrer in Laramie lernt er im örtlichen Gefängnis flüchtig den zum Tode verurteilten Doppelmörder Randy Hart kennen und verspricht ihm, ihm zu schreiben. Randy ist der Sohn eines US-Soldaten und einer Deutschen, hat die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht und wurde später als amerikanischer Soldat in Deutschland stationiert, wo er einen Tankwart und dessen Frau erschoss. Tatsächlich entwickelt sich daraus eine Brieffreundschaft, die Meyerhoffs Abreise aus den USA überdauert - auf Deutsch. Zurück in Deutschland erlahmt der Eifer des Autors, Hart weiter zu schreiben. Er möchte keinen Kontakt mehr zu ihm und fühlt sich durch dessen alle paar Tage eintreffenden Briefe unter Druck gesetzt. Dann kommt jedoch ein Brief, der nichts anderes ist als ein Hilferuf: Hart bittet Meyerhoff um seine Unterstützung, weil in seiner Angelegenheit wohl eine Entscheidung bevorstehe. Schon eine Woche später steht Hart überraschend vor der Tür der Familie Meyerhoff in Schleswig-Holstein.
Lesen?
Das Buch ist am Anfang wegen der zahlreichen Rückblicke auf Meyerhoffs Leben als Kind etwas schleppend, sodass man sich fragt, ob und wann er wohl in diesem Buch endlich in den USA ankommen würde. Danach ist es in jeder Hinsicht emotional, ohne dabei aber in Gefühlsduselei abzugleiten: Meyerhoff schreibt über sich selbst mit viel Humor und reflektiert auch sein damaliges Unvermögen, mit dem Tod seines Bruders umzugehen. Völlig überraschend erhält er Unterstützung von einer unerwarteten Seite. Wie auch der hier schon vorgestellte zweite Teil der Buchserie mit dem Titel Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war ist auch dieser Roman eine gelungene Mischung aus Humor und Nachdenklichkeit.
Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro.