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Montag, 30. Oktober 2023

# 415 - Der diesjährige Gewinner des Deutschen Buchpreises: Wie überzeugend ist "Echtzeitalter"?

Mit seinem Debütroman Nicht wie ihr hatte es Tonio
Schachinger 2019 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft, mit Echtzeitalter hat er den Preis in diesem Jahr gewonnen. Doch worum geht es in dem Roman?

Till Kokorda besucht eine Wiener Eliteschule. Sein Klassenlehrer wird während der folgenden acht Jahre der konservative, despotische und von sich eingenommene Bruno Dolinar sein. Aus Sicht der Klasse hat der Lehrer nicht nur äußerlich Ähnlichkeit mit Lord Voldemort.

Die Schule ist in der ehemaligen Sommerresidenz der Habsburger untergebracht, das Schulklima passt perfekt zu dem alten Gebäude: Die Lehrkräfte sehen ihre Aufgabe darin, die Schülerinnen und Schüler auf das BWL-, Medizin- oder Jurastudium vorzubereiten. Diese kommen überwiegend aus reichen Familien, viele haben Eltern oder Großeltern, die in Österreich Ansehen und Einfluss haben oder hatten.

Till besucht die Schule mit gebremstem Ehrgeiz. Seine Leidenschaft gilt dem Echtzeit-Strategiespiel Age of Empires 2, in dem er mit der Zeit so gut wird, dass er zu den weltweiten Top 10-Spielern aufsteigt. In seinem Umfeld weiß lange jedoch nur sein Freund Georg davon, der ebenfalls ein Fan des Spiels ist, an Tills Fähigkeiten aber nicht heranreicht.

Till lebt mit seiner Mutter zusammen. Sein Vater ist verstorben, als Till 14 war. Das Spielen füllt Tills gesamte Freizeit aus. Gespräche mit der Mutter, die keine Ahnung hat, was ihr Sohn da an seinem Computer macht, beschränken sich auf Organisatorisches. 

Seinem Klassenlehrer Dolinar missfällt Tills mangelnde Sprachbegabung, sodass es der Junge in dessen Deutsch- und Französischunterricht schwer hat. Dass seine Begabungen im mathematischen Bereich liegen, zählt für Dolinar nicht.
Als Till 18 ist und die Gelegenheit hat, sich auf der Gaming-Messe ChinaJoy in Shanghai mit den besten AoE-Spielern der Welt zu treffen und zu messen, ergreift er die Gelegenheit und meldet sich bei Dolinar erst kurz vor dem Abflug per SMS ab. Diese in dessen Augen falsche Priorität verärgert den Lehrer dermaßen, dass er seinen Zorn an Till mit den Mitteln der schwarzen Pädagogik auslässt und ihn vom Rest der Klasse isoliert. 

Zu Tills Glück bricht Anfang 2020 die Corona-Pandemie auch über Österreich hinein. Die Schulen schließen für zwei Monate, die Matura-Vorbereitungen finden zu Hause statt. Mit dem Beginn der schriftlichen Matura-Prüfungen, die landesweit zeitgleich und inhaltlich identisch durchgeführt werden, endet das Angstregiment von Dolinar, denn wegen der Pandemie werden ausnahmsweise keine mündlichen Matura-Prüfungen abgenommen.

Lesen?

Tonio Schachinger gibt durch die Figur des Till Einblicke in das Österreich der 2010-er Jahre bis einschließlich 2020. Der Roman verfolgt nicht nur Tills Erwachsenwerden, sein Schließen von neuen und dem Verlust von alten Freundschaften, seiner ersten Liebe und dem Verarbeiten des Todes des Vaters; Schachinger greift auch Schlagworte wie den Austrofaschismus und die Ibiza-Affäre um den damaligen Vize-Kanzler Strache, die 2019 einen großen Skandal auslöste, auf. 

Immer wieder wird auf die österreichische Titelhörigkeit und auf die relativ große Gruppe der politisch Rechten angespielt, die auf das gesellschaftliche und politische Leben Einfluss nimmt. Doch während es lange den Anschein hat, dass diese Verhältnisse von Schachinger hingenommen werden, weil es nie anders war, wird dieser Eindruck zum Schluss gerade gerückt: Till trifft nach dem Ende der Schulzeit einen früheren Mitschüler wieder, der gerade den sechsmonatigen Grundwehrdienst ableistet. Als der Dolinars Schikanen mit den Worten: "Es war schon super, eigentlich", verklärt, weist Till das deutlich zurück. "Spinnst du?", entgegnet er. "Es war die Hölle, du Idiot!"

So gut mir der Roman gefallen hat, so sehr habe ich mich immer wieder mit österreichischen Besonderheiten abgemüht, die in Deutschland unbekannt sind. Ob es um 'WEGA' geht, die Lila Villa, den Begriff 'sekkieren', die BVT-Affäre, Grätzl oder das Schikaneder: Echtzeitalter lässt sich mit dem Anspruch, den Roman vollständig zu verstehen, nur lesen, wenn man die Lektüre immer wieder für eine Recherche unterbricht. Das Buch richtet sich an Österreicher, besser noch an Wiener. Da es jedoch im ganzen deutschen Sprachraum herausgegeben wurde, wäre ein Glossar hilfreich gewesen.

Echtzeitalter ist 2023 im Rowohlt Buchverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.



Freitag, 11. Juni 2021

# 294 - Der große Sommer - eine Geschichte vom Erwachsenwerden in den 1980-ern

Ewald Arenz hat mit Der große Sommer einen
Coming-of-Age-Roman geschrieben, der in einem Jahr spielt, in der der 1965 geborene Arenz genauso alt war wie seine Hauptfigur Friedrich "Frieder" Büchner: 1981. 

1981 war das Jahr, in dem die SALT II-Verhandlungen zwischen den USA und der Sowjetunion scheiterten und das Wettrüsten neu Fahrt aufnahm. Eine Zeit der Unsicherheit und der Sorge, wann und wie diese Entwicklung ein Ende nehmen würde.

Was da in der Welt vorgeht, spielt für Frieder jedoch keine große Rolle. Er durchlebt seine eigene, ganz private Unsicherheit: Der Gymnasiast ist in der 9. Klasse gescheitert und kann seinen Verbleib in der Schule nur sichern, indem er die Nachprüfungen besteht. Seine Eltern eröffnen ihm, dass er nicht wie in den letzten Jahren mit ihnen und seinen Geschwistern ans Meer fahren, sondern die ganzen Sommerferien zum Lernen bei den Großeltern verbringen wird. Der Großvater ist ein angesehener Professor für Bakteriologie und streng mit sich und seinen Mitmenschen. Im Gegensatz zum Alltag in der eigenen achtköpfigen Familie erwarten Frieder dort Ruhe, ein geregelter Tagesablauf und Aufsicht. Frieder fügt sich und hakt die nächsten sechs Wochen im Geiste als gelaufen ab.

Doch die Zeit entwickelt sich völlig anders als gedacht. Frieder lernt im Freibad die gleichaltrige Beate kennen, die seine erste große Liebe wird. Die beiden verbringen die Nachmittage und Abende mit Frieders Schwester Alma und seinem besten Freund Johann. Im Gegensatz zu allem anderen, was für Frieder bislang passte und es jetzt nicht mehr tut - die Schule, die Schallplatten im Kinderzimmer, die Eltern - passt diese Gemeinschaft hundertprozentig.

Johann ist der, der den Takt vorgibt und vorschlägt, was man unternehmen könnte. Er ist auch der, der am coolsten wirkt und so, als könnte ihn nichts erschüttern. Doch mitten in den Ferien gibt es ein Ereignis, das seine Seele völlig aus der Bahn wirft. Sein für die Clique verändertes Verhalten ist irritierend und führt dazu, dass die Freundschaften plötzlich auseinanderbrechen und kein Stein auf dem anderen bleibt. 

Doch nicht nur in dieser Situation erweist sich der anfangs so skeptisch betrachtete Großvater als verlässlicher und pragmatischer Helfer, der um sein Handeln nicht viel Aufhebens macht. Frieder beginnt, seinen Blick auf ihn zu verändern.

Durch einen Zufall stößt er im Haus seiner Großeltern auf ein Tagebuch seiner Großmutter aus dem Jahr 1948. Er liest darin und erfährt Dinge aus der Familiengeschichte, die ihm bislang unbekannt waren. Manches, was er bislang nicht verstanden hatte, kann er nun nachvollziehen und in einem neuen Licht sehen. Auch das ist eine Zäsur mit Folgen.

Lesen?

Ich bin nur ein Jahr jünger als Ewald Arenz. Deshalb weckt vieles von dem, was er schreibt, Erinnerungen an meine eigene Jugend und das Lebensgefühl, das ich mit dieser Zeit verbinde. Hier spüre ich, dass jemand weiß wovon er schreibt und nicht Sekundärquellen heranziehen muss, bevor er den ersten Satz formuliert.

Arenz belässt es nicht dabei, seine Hauptfigur diesen einen Sommer erleben zu lassen. Er zeigt auch den erwachsenen Frieder, der regelmäßig auf den Friedhof seiner Heimatstadt geht, um ein bestimmtes Grab aufzusuchen. Dabei wird deutlich, dass Frieder nicht völlig mit sich im Reinen ist: Heute ist so ein Tag. Ein Tag, an dem ich mich frage, ob aus dem Jungen von damals dieser Mann werden musste, der zu früh aufwacht und überlegt, ob er sein Leben noch richtig lebt. (Seite 39)

Der Tod ist ein Motiv, das sich durch den Roman zieht. Frieder wird sehr nachdenklich, als er eigentlich nur seine Schwester, die in einem Altenheim arbeitet, dort besuchen will. Unvorbereitet findet er sich in einem Zimmer wieder, in dem sich eine alte Frau in der letzten Phase des Sterbens befindet und eine Schwester ihm und Alma genau erklärt, welche Anzeichen auf den nahen Tod hindeuten. Ihm wird zum ersten Mal klar, was der Tod bedeutet und dass sich die Erde danach weiterdreht.

Der letzte Sommer hat viele lebensfrohe und komische Facetten, wird aber immer wieder von Nachdenklichkeit und einem Hauch Melancholie durchweht. Leseempfehlung!

Der letzte Sommer ist 2021 im DuMont Buchverlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Freitag, 3. April 2020

# 234 - Der Blick nach Algerien: Ist die Hoffnung auf Veränderung berechtigt?


Mitte Januar 2020 hatte ich hier bereits zwei Bücher aus dem Verlag Donata Kinzelbach vorgestellt. Im heutigen Buch geht es um ein Stück der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, die Algerien in der jüngsten Vergangenheit durchgemacht hat.

In dem Buch Im Aufbruch, herausgegeben von dem algerischen Dichter Amin Khan, versammeln sich 19 Texte von zum Teil namhaften algerischen Dichtern, Schriftstellern, Journalisten und/oder Wissenschaftlern. Alle beschäftigen sich mit den seit Februar 2019 in Algier stattfindenden Demonstrationen, an denen zehntausende Menschen teilnehmen.

Zunächst ging es um den Protest gegen die am 12. September 2019 geplante Präsidentschaftswahl. Es wurde zwar zwischenzeitlich klar, dass der an der Macht hängende greise und gesundheitlich schwer angeschlagende bisherige Präsident Bouteflika nun doch nicht mehr kandidieren würde, aber das änderte wenig am Zorn der Algerier.

Schon viel zu lange fühlten sie sich ausgebootet. Diejenigen, die den Staat repräsentierten, haben nicht zugunsten des Volkes gehandelt, sondern zugunsten der eigenen Taschen. Junge Algerier haben entweder kaum eine Chance auf eine Berufsausbildung oder können den erworbenen Hochschulabschluss im eigenen Land nicht nutzen. Viele von ihnen haben im Laufe der Jahre versucht, der bodenlosen Hoffnungslosigkeit in der eigenen Heimat durch die Flucht übers Mittelmeer zu entgehen.

Die Texte handeln nicht nur von der Wut gegen die Regierung. Es geht auch um die Achtung, die die Älteren nun den Jungen entgegenbringen, weil diese Proteste organisieren und eine Veränderung erreichen wollen. Auch das, was in der algerischen unruhigen und gewaltsamen Geschichte, insbesondere seit Ende der 1980-er Jahre, passierte, wirkt bis heute in den Menschen nach. So berichtet zum Beispiel der Arzt Farid Chaoui von schwer traumatisierten Patienten quer durch alle Altersgruppen, die aus einer bestimmten Region kommen, die am meisten unter Gewalt und Terrorismus zu leiden hat.

Die algerische Protestbewegung ist seit mehr als einem Jahr aktiv und verschafft sich Gehör. Aktuell wird sie durch Covid-19 gestoppt. Wie es mit ihr und dem Land weitergeht, wenn die Pandemie vorbei ist, weiß heute keiner. 

Im Aufbruch ist als Taschenbuch erschienen und kostet 22 Euro.

Freitag, 14. Februar 2020

# 229 - Zwischen Baum und Borke: über das Erwachsenwerden

Der österreichische Schriftsteller Arno Geiger hat den Roman Selbstporträt mit Flusspferd 2015 veröffentlicht. Ich habe bisher zwei Bücher von ihm gelesen und auch hier vorgestellt: Es geht uns gut (wofür er 2005 den ersten Deutschen Buchpreis erhielt) und Unter der Drachenwand, ein Roman über den jungen Soldaten Veit Kolbe, der im 2. Weltkrieg alles versucht, um nach dem Ausheilen seiner Verwundung nicht mehr zurück aufs Schlachtfeld zu müssen.

In irgendeiner Rezension über eines seiner Bücher habe ich gelesen, dass Arno Geiger ein sehr wandelbarer Autor ist. Das kann ich nach dem Lesen von Selbstporträt mit Flusspferd unterschreiben. 

In diesem Roman steht der 22-jährige Tiermedizin-Student Julian Birk im Mittelpunkt. Er ist für das Studium aus dem ländlichen Vorarlberg nach Wien gezogen und hat sich nach einer längeren Beziehung von seiner Freundin Judith getrennt. Oder sie sich von ihm, das hängt von der jeweiligen Perspektive ab.

Mit Judith lief Julians Leben in geordneten Bahnen und war vertraut. Die Vertrautheit zwischen den beiden ist mit der Trennung schlagartig verschwunden. Julian fühlt sich einsam und unsicher und nimmt das Angebot seines Kommilitonen Tibor an, sich während dessen Urlaubs vertretungsweise um ein Zwergflusspferd zu kümmern. Der ehemalige Rektor der Universität, Prof. Beham, war bereit, das Tier bei sich aufzunehmen, bis eine geeignete Lösung für dessen Unterbringung gefunden sein würde.

Prof. Beham ist todkrank und verbringt seine Tage zu Hause im Rollstuhl. Seine ständigen Begleiter sind der Beaujolais und Schmerzmittel. Mit seiner Tochter Aiko, die in Paris als Journalistin arbeitet und ihn besucht, verbindet Beham eine Art Hassliebe. Julian verliebt sich in die fünf Jahre ältere Frau und versteigt sich in die von Anfang an aussichtslose Hoffnung, mit ihr eine dauerhafte Beziehung führen zu können. Als sie abreist, erzählt sie ihm von ihrer Schwangerschaft. Wer der Vater ist, bleibt offen.

Da das Geld knapp und das Wohnen in Wien teuer ist, teilt sich Julian mit der Studentin Nicki eine Wohnung in der Nähe des Naschmarkts. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto mehr wird er von ihr in die Defensive gedrängt und fühlt sich in der Wohnung immer weniger zuhause.

Der Roman hat keine wirkliche Handlung. Es passiert zwar etwas, aber eher um Julian herum. Das Flusspferd, dass sich im Behamschen Garten im Schlamm suhlt, im Teich badet und ansonsten seine Tage mit fressen und schlafen verbringt, ist in seinem Tun zielgerichteter als Julian. Der junge Mann wartet darauf, dass sich etwas in seinem Leben ereignet, was diesem eine positive Wendung gibt, trudelt aber durch den Wiener Sommer wie ein Blatt im Wind.

Da ist da draußen, außerhalb Julians Dunstkreis, eine ganze Menge mehr los: In der nordossetischen Stadt Beslan werden Lehrerinnen und Schüler einer Schule als Geiseln genommen, in Weimar brennt die Anna Amalia Bibliothek, der Hurrikan Frances nimmt Kurs auf die Bahamas und in Athen finden die Olympischen Spiele statt. Julian nimmt diese Nachrichten zur Kenntnis, aber keine schafft es wirklich, seine Lethargie zu durchdringen und ihn zu erreichen. Er ist gedanklich voll mit seiner Selbstfindung, Ziellosigkeit und Orientierungslosigkeit beschäftigt.

Selbstporträt mit Flusspferd ist ein Coming-of-Age-Roman mit einem langweiligen, planlosen und passiven Protagonisten. Das ist zu viel Banalität auf einmal.

Lesen?

 

Arno Geiger ja, dieses Buch kann jedoch ausgelassen werden.

Selbstporträt mit Flusspferd ist 2015 im Hanser Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro, als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 16. März 2018

# 140 - "The German" in den USA


Nichts wie weg aus Schleswig-Holstein



Joachim Meyerhoff schreibt in seinem Buch Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika über sein Leben als Teenager Mitte der 1980er Jahre, als er als norddeutsches Landei nichts anderes will, als möglichst weit weg von zu Hause etwas völlig Neues zu machen. Dank einer Finanzspritze seiner Großeltern verbringt er als Achtzehnjähriger ein Jahr in den USA: bei Hazel und Stan, sehr religiösen Eltern von drei Söhnen, von denen einer noch bei ihnen lebt. Es verschlägt Meyerhoff nach Laramie im Bundesstaat Wyoming, eine Gegend, die nur aus Prärie zu bestehen scheint und wo die Fernsehsender tagein tagaus einen Western nach dem anderen senden. Diese Situation hat er in einem Moment der vermeintlichen Cleverness selbst herbeigeführt: Als er beim Auswahltermin der Austauschorganisation in Hamburg nach seinen Vorlieben gefragt worden war, hatte er versucht, so zu antworten, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit ausgewählt werden würde. Mit ihm hatten sich nur noch schnöselige Jugendliche aus wohlhabenden Elternhäusern beworben, die fast alle aus Hamburg kamen - der Stadt, die aus Sicht von Meyerhoff mit einem geheimnisvollen Großstadtflair umwabert war. Da konnte er nur noch punkten, wenn er das mutmaßliche Gegenteil dessen angab, was seine Konkurrenten ankreuzen würden: tiefe Religiosität, der Wunsch nach dem Leben auf dem Land und große Genügsamkeit. Die Tatsache, dass seine Englischkenntnisse nur lückenhaft waren, verschwieg er.

"The German" mitten im Kulturschock


In Amerika lernt er viel über die dortige Kultur kennen: Sport spielt eine sehr große Rolle, und er fühlt, dass er erst mit der Aufnahme in das Basketballteam seiner Schule richtig angekommen ist und akzeptiert wird, auch wenn der Spitzname "The German" an ihm klebt wie Kaugummi an der Schuhsohle. Er registriert die Selbstverständlichkeit von Waffenbesitz, und irritiert nimmt er die Begeisterung seiner Gasteltern für eine Familienserie zur Kenntnis, in der täglich ein vorher angekündigtes Essen zubereitet und von der TV-Familie überschwänglich gelobt wird - parallel wird diese Mahlzeit auch in seinem neuen Zuhause aufgetischt und entsprechend kommentiert. 
Meyerhoff lernt ein Mädchen kennen, macht erste Erfahrungen mit der Sexualität, freundet sich geduldig mit dem misstrauischen Pferd seines ihn quälenden Gastbruders an und fühlt sich mehr und mehr zugehörig und zuhause. Doch dann reißt ein Anruf seines Vaters ihn aus diesem neuen Leben: Sein mittlerer Bruder, der in Kürze mit seinem Medizinstudium beginnen wollte, ist bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt. Meyerhoff reist für die Beerdigung zurück nach Deutschland, schafft es aber nicht, seine Trauer zuzulassen. Nach wenigen Wochen reist er zurück zu Hazel und Stan, um sein Auslandsjahr fortzusetzen. Über den Kontakt zu einem seiner ehemaligen Lehrer in Laramie lernt er im örtlichen Gefängnis flüchtig den zum Tode verurteilten Doppelmörder Randy Hart kennen und verspricht ihm, ihm zu schreiben. Randy ist der Sohn eines US-Soldaten und einer Deutschen, hat die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht und wurde später als amerikanischer Soldat in Deutschland stationiert, wo er einen Tankwart und dessen Frau erschoss. Tatsächlich entwickelt sich daraus eine Brieffreundschaft, die Meyerhoffs Abreise aus den USA überdauert - auf Deutsch.
Zurück in Deutschland erlahmt der Eifer des Autors, Hart weiter zu schreiben. Er möchte keinen Kontakt mehr zu ihm und fühlt sich durch dessen alle paar Tage eintreffenden Briefe unter Druck gesetzt. Dann kommt jedoch ein Brief, der nichts anderes ist als ein Hilferuf: Hart bittet Meyerhoff um seine Unterstützung, weil in seiner Angelegenheit wohl eine Entscheidung bevorstehe. Schon eine Woche später steht Hart überraschend vor der Tür der Familie Meyerhoff in Schleswig-Holstein.


Lesen?

 

Das Buch ist am Anfang wegen der zahlreichen Rückblicke auf Meyerhoffs Leben als Kind etwas schleppend, sodass man sich fragt, ob und wann er wohl in diesem Buch endlich in den USA ankommen würde. Danach ist es in jeder Hinsicht emotional, ohne dabei aber in Gefühlsduselei abzugleiten: Meyerhoff schreibt über sich selbst mit viel Humor und reflektiert auch sein damaliges Unvermögen, mit dem Tod seines Bruders umzugehen. Völlig überraschend erhält er Unterstützung von einer unerwarteten Seite. Wie auch der hier schon vorgestellte zweite Teil der Buchserie mit dem Titel Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war ist auch dieser Roman eine gelungene Mischung aus Humor und Nachdenklichkeit.

Alle Toten fliegen hoch - Teil 1: Amerika ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro.

Montag, 5. Dezember 2016

Altes und Neues nebeneinander - Das war der November

Geschichte, Humor, der Wunsch nach dem ewigen Leben und das Sterben in der Einöde

 

In Hummelhonig beschreibt Torgny Lindgren die Geschichte zweier alter Brüder, die in einem Kaff in Nordschweden leben und auf den Tod zusteuern. Doch jeder der beiden will beim Überleben als Sieger hervorgehen. Eine mäßig erfolgreiche Schriftstellerin, die sich in der Gegend auf einer Lesereise befindet, verbringt den Winter unfreiwillig bei einem der Brüder. Nach und nach kommt sie hinter das Geheimnis, das die alten Männer in einer seit Jahrzehnten dauernden Hassliebe verbindet. Ein sehr schöner und trotz - oder wegen - seiner schnörkellosen Sprache einfühlsam geschriebener Roman, der schon seit seinem Erscheinen vor fast 20 Jahren in meinem Regal steht.
Torgny Lindgren ist seit 1991 Mitglied der Schwedischen Akademie, die die Literaturnobelpreisträger auswählt. Der Jury gehörte er bis 2014 an.
Eine ukrainische Filmgesellschaft verfilmte seinen Roman 2012 unter dem Titel "Brothers - The last confession" und ließ die Brüder anstatt in Schweden  - na klar - in der Ukraine ihren Zwist austragen. Hier gibt es einen Trailer:





von 5 




In Die Unglückseligen von Thea Dorn trifft die Molekularbiologin Johanna Mawet auf den heute längst vergessenen Physiker Johann Wilhelm Ritter. Ritter ist 240 Jahre alt, zeigt aber keine altersgemäßen Gebrechen - wenn man das bei einem derart deutlichen Überschreiten der üblichen Lebenserwartung überhaupt sagen kann. Ritter hat während der Zeit der deutschen Romantik viel mit Elektrizität experimentiert, und Johanna fällt auf, dass seine Wunden ungewöhnlich schnell verheilen. Von dieser Beobachtung ist sie, die sich seit Jahren mit der Frage beschäftigt, wie man den Menschen vor dem Tod bewahren kann, fasziniert. Liegt in Ritters Versuchen der Schlüssel zum ewigen Leben?
Ein spannendes und interessantes Buch, das hier und da etwas hätte gestrafft werden können.

Thea Dorn spricht hier über ihr Buch:







Auch der Roman Bühlerhöhe von Brigitte Glaser spielt in der Vergangenheit, geht aber nur bis in die 1950-er Jahre zurück: Die Bundesrepublik Deutschland ist noch jung, der Staat Israel ebenso, und Konrad Adenauer ist der erste Kanzler der BRD. Er kümmert sich um eine Aussöhnung zwischen den Deutschen und Juden und ist für das Zustandekommen des Luxemburger Abkommens, das Entschädigungsleistungen und -zahlungen an Israel sowie enteignete Juden vorsieht, verantwortlich. Ihm ist bewusst, dass ihm Gefahr aus dem kommunistischen Lager droht, er unterschätzt jedoch die Bedrohung durch diejenigen Israelis, die mit dem Abkommen nicht einverstanden sind. Der Mossad schickt deshalb die noch unerfahrene Agentin Rosa Silbermann undercover in den Schwarzwald, wo Adenauer seine Sommerferien verbringen will. Wird es ihr gelingen, den Attentäter zu identifizieren und rechtzeitig zu stoppen? Brigitte Glaser belässt es nicht bei der eindimensionalen Erzählung ihrer Geschichte, sondern widmet sich auch der Vergangenheit, die die meisten Protagonisten als Bürde mit sich herumtragen. Bühlerhöhe gehört zu den Büchern, die sich im Verlauf der Handlung steigern und die man bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen will. Das im Buch beschriebene Grandhotel Bühlerhöhe gab und gibt es tatsächlich, Konrad Adenauer hat dort mehrere Ferienaufenthalte verbracht. Nach einer Sanierung wurde es unter dem Namen "Schlosshotel Bühlerhöhe" wieder eröffnet und ist mutmaßlich so teuer, dass es das Budget eines Durchschnittsurlaubers gleich mehrmals sprengen kann: Da auf der Hotel-Homepage kein Zimmerpreis zu finden ist, kann sich jeder sein Teil denken. Auch wenn es nicht ganz zu einer Buchrezension passt, will ich euch anstelle eines Interviews mit der Autorin ein Video mit Atze Schröder zeigen, der - so behauptet er es - auf Rechnung von RTL in dieser Nobelherberge residiert hat. Ein Mann aus dem Volk eben: Atze Schröder - 3 Sterne Deluxe






Erstmals gab es einen Gastbeitrag in der Bücherkiste: Frank Hartung hat das Buch Interview mit einem DJ vorgestellt. Elvis, der  King of Rock'n'Roll, meldet sich aus dem Jenseits zu Wort und wird von einem DJ interviewt. Während des Gesprächs kommen sie auch auf Themen, die sich weitab von der Musik befinden: Klimawandel, Artensterben und politischer Rechtsruck sind nur einige davon. Frank Hartung hat die witzige, kurzweilige und kluge Art dieses Buches gut gefallen. Da ich das Buch selbst nicht kenne, vergebe ich dieses Mal keine Sterne.
Wer sich dafür interessiert, was Michael Lorenz, der selbst DJ ist, macht, kann hier mehr über ihn erfahren: www.rollingstock.info








Am letzten November-Freitag ging es um ein Buch, das Lesern gefällt, die Absurdes und Abseitiges lieben. Der Finger im Revolverlauf von Carlo Manzoni ist in der deutschen Ausgabe bereits vor 53 Jahren erschienen und - wie der Untertitel verrät - ein Super-Thriller. Der Privatdetektiv Chico und sein cleverer Hund Greg vollbringen ermittlerische Heldentaten, von denen normale Polizisten nur träumen können. Wenn die Reviere voll von Ermittlerduos ihres Schlages wären, wäre die Kriminalität längst ausgerottet. Vermutlich. Vielleicht. Ein bisschen. Man weiß es nicht. Wie auch immer: Die kriminalistische Arbeit kommt mit genug Bourbon im Glas erst so richtig in Schwung. Da ist dann auch das Stoppen einer Revolverkugel mit dem Zeigefinger im Lauf kein Problem mehr. Ein lustiges Buch, wofür ich mich bei Bettina Schnerr nochmals herzlich bedanke.

Aber: Funktioniert das eigentlich? Kann man den Abschuss einer Patrone stoppen, indem man einen Finger in den Lauf steckt? Dieser Frage sind die Mythbusters nachgegangen. Bei ihnen war es kein Revolver, sondern eine alte Flinte, aber ich will jetzt mal nicht so pingelig sein.








Das war es schon wieder. Schaut wieder rein bei den Rezensionen im Dezember.






Montag, 29. Februar 2016

Diese Bücher gab es hier im Februar

Ziemlich bunt gemischt

 

Gleich das erste Buch dieses Monats war so etwas wie ein Paukenschlag: Der Distelfink von Donna Tartt widmet sich dem wechselhaften Leben eines Jungen aus New York über einen Zeitraum von 14 Jahren. Langweilig? Keine Spur! Theo Decker macht so viel durch, dass es noch für zwei weitere Leben reichen würde. Ich finde dieses Buch sehr lesenswert und gebe darum 
























Wer mehr wissen möchte: Ijoma Mangold hat im Youtube-Kanal von ZEIT Online ebenfalls über diesen Roman gesprochen.
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Für den Rest des Monats hatten die Self-Publisher die Nase vorn. Den Anfang machte hier Jens Thaele mit dem Titel  Vom Yin und Yang der digitalen Revolution. Der Autor ist Nachrichtentechnik- und Wirtschaftsingenieur und erklärt seinen Lesern verständlich und gut nachvollziehbar, was es mit der sog. digitalen Revolution auf sich hat und wie sich jeder Einzelne ihre Vorteile zunutze machen kann. Für dieses Buch gebe ich

  



















Weitere Informationen über das Buch und seinen Autor gibt es auf der Homepage von Jens Thaele.
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Am 19. Februar  lag der Schwerpunkt mit Der Pfauenfedernmord von Ulrike Busch auf der Unterhaltung: Eine Clique trifft sich wie jedes Jahr im Sommer in Kampen auf Sylt, doch diesmal sollen dieses Ereignis nicht alle Teilnehmer überleben. Hauptkommissar Knudsen und Kommissar Zander ermitteln in diesem Cosy-Krimi mit viel Lokalkolorit. Das Buch ist gut gemachte Unterhaltung und bekommt deshalb 





















Von Ulrike Busch sind noch weitere Bücher erschienen, in die sie auf ihrer Autorenseite Einblick gibt.
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Am letzten Wochenende bildete Eine Liebe im Schatten der Krone der Autorin Bettina Pecha den Schlusspunkt unter diesen Monat. Das Buch ist Fans von historischen Romanen auf jeden Fall zu empfehlen und beleuchtet einige Jahre der Regentschaft der schottischen Königin Maria I., die besser unter dem Namen Maria Stuart bekannt ist. Der Roman hält sich an die historischen Fakten und lässt sich gut lesen. Daher bekommt er 




















Auch Bettina Pecha hat eine Autorenhomepage und verrät dort Details über ihre Romane sowie deren historische Hintergründe. 


Schon in wenigen Tagen geht es mit dem nächsten Buch weiter, und ich freue mich, euch einen spannenden Roman vorstellen zu können. Wir sehen uns am Freitag!