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Montag, 5. Dezember 2016

Altes und Neues nebeneinander - Das war der November

Geschichte, Humor, der Wunsch nach dem ewigen Leben und das Sterben in der Einöde

 

In Hummelhonig beschreibt Torgny Lindgren die Geschichte zweier alter Brüder, die in einem Kaff in Nordschweden leben und auf den Tod zusteuern. Doch jeder der beiden will beim Überleben als Sieger hervorgehen. Eine mäßig erfolgreiche Schriftstellerin, die sich in der Gegend auf einer Lesereise befindet, verbringt den Winter unfreiwillig bei einem der Brüder. Nach und nach kommt sie hinter das Geheimnis, das die alten Männer in einer seit Jahrzehnten dauernden Hassliebe verbindet. Ein sehr schöner und trotz - oder wegen - seiner schnörkellosen Sprache einfühlsam geschriebener Roman, der schon seit seinem Erscheinen vor fast 20 Jahren in meinem Regal steht.
Torgny Lindgren ist seit 1991 Mitglied der Schwedischen Akademie, die die Literaturnobelpreisträger auswählt. Der Jury gehörte er bis 2014 an.
Eine ukrainische Filmgesellschaft verfilmte seinen Roman 2012 unter dem Titel "Brothers - The last confession" und ließ die Brüder anstatt in Schweden  - na klar - in der Ukraine ihren Zwist austragen. Hier gibt es einen Trailer:





von 5 




In Die Unglückseligen von Thea Dorn trifft die Molekularbiologin Johanna Mawet auf den heute längst vergessenen Physiker Johann Wilhelm Ritter. Ritter ist 240 Jahre alt, zeigt aber keine altersgemäßen Gebrechen - wenn man das bei einem derart deutlichen Überschreiten der üblichen Lebenserwartung überhaupt sagen kann. Ritter hat während der Zeit der deutschen Romantik viel mit Elektrizität experimentiert, und Johanna fällt auf, dass seine Wunden ungewöhnlich schnell verheilen. Von dieser Beobachtung ist sie, die sich seit Jahren mit der Frage beschäftigt, wie man den Menschen vor dem Tod bewahren kann, fasziniert. Liegt in Ritters Versuchen der Schlüssel zum ewigen Leben?
Ein spannendes und interessantes Buch, das hier und da etwas hätte gestrafft werden können.

Thea Dorn spricht hier über ihr Buch:







Auch der Roman Bühlerhöhe von Brigitte Glaser spielt in der Vergangenheit, geht aber nur bis in die 1950-er Jahre zurück: Die Bundesrepublik Deutschland ist noch jung, der Staat Israel ebenso, und Konrad Adenauer ist der erste Kanzler der BRD. Er kümmert sich um eine Aussöhnung zwischen den Deutschen und Juden und ist für das Zustandekommen des Luxemburger Abkommens, das Entschädigungsleistungen und -zahlungen an Israel sowie enteignete Juden vorsieht, verantwortlich. Ihm ist bewusst, dass ihm Gefahr aus dem kommunistischen Lager droht, er unterschätzt jedoch die Bedrohung durch diejenigen Israelis, die mit dem Abkommen nicht einverstanden sind. Der Mossad schickt deshalb die noch unerfahrene Agentin Rosa Silbermann undercover in den Schwarzwald, wo Adenauer seine Sommerferien verbringen will. Wird es ihr gelingen, den Attentäter zu identifizieren und rechtzeitig zu stoppen? Brigitte Glaser belässt es nicht bei der eindimensionalen Erzählung ihrer Geschichte, sondern widmet sich auch der Vergangenheit, die die meisten Protagonisten als Bürde mit sich herumtragen. Bühlerhöhe gehört zu den Büchern, die sich im Verlauf der Handlung steigern und die man bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen will. Das im Buch beschriebene Grandhotel Bühlerhöhe gab und gibt es tatsächlich, Konrad Adenauer hat dort mehrere Ferienaufenthalte verbracht. Nach einer Sanierung wurde es unter dem Namen "Schlosshotel Bühlerhöhe" wieder eröffnet und ist mutmaßlich so teuer, dass es das Budget eines Durchschnittsurlaubers gleich mehrmals sprengen kann: Da auf der Hotel-Homepage kein Zimmerpreis zu finden ist, kann sich jeder sein Teil denken. Auch wenn es nicht ganz zu einer Buchrezension passt, will ich euch anstelle eines Interviews mit der Autorin ein Video mit Atze Schröder zeigen, der - so behauptet er es - auf Rechnung von RTL in dieser Nobelherberge residiert hat. Ein Mann aus dem Volk eben: Atze Schröder - 3 Sterne Deluxe






Erstmals gab es einen Gastbeitrag in der Bücherkiste: Frank Hartung hat das Buch Interview mit einem DJ vorgestellt. Elvis, der  King of Rock'n'Roll, meldet sich aus dem Jenseits zu Wort und wird von einem DJ interviewt. Während des Gesprächs kommen sie auch auf Themen, die sich weitab von der Musik befinden: Klimawandel, Artensterben und politischer Rechtsruck sind nur einige davon. Frank Hartung hat die witzige, kurzweilige und kluge Art dieses Buches gut gefallen. Da ich das Buch selbst nicht kenne, vergebe ich dieses Mal keine Sterne.
Wer sich dafür interessiert, was Michael Lorenz, der selbst DJ ist, macht, kann hier mehr über ihn erfahren: www.rollingstock.info








Am letzten November-Freitag ging es um ein Buch, das Lesern gefällt, die Absurdes und Abseitiges lieben. Der Finger im Revolverlauf von Carlo Manzoni ist in der deutschen Ausgabe bereits vor 53 Jahren erschienen und - wie der Untertitel verrät - ein Super-Thriller. Der Privatdetektiv Chico und sein cleverer Hund Greg vollbringen ermittlerische Heldentaten, von denen normale Polizisten nur träumen können. Wenn die Reviere voll von Ermittlerduos ihres Schlages wären, wäre die Kriminalität längst ausgerottet. Vermutlich. Vielleicht. Ein bisschen. Man weiß es nicht. Wie auch immer: Die kriminalistische Arbeit kommt mit genug Bourbon im Glas erst so richtig in Schwung. Da ist dann auch das Stoppen einer Revolverkugel mit dem Zeigefinger im Lauf kein Problem mehr. Ein lustiges Buch, wofür ich mich bei Bettina Schnerr nochmals herzlich bedanke.

Aber: Funktioniert das eigentlich? Kann man den Abschuss einer Patrone stoppen, indem man einen Finger in den Lauf steckt? Dieser Frage sind die Mythbusters nachgegangen. Bei ihnen war es kein Revolver, sondern eine alte Flinte, aber ich will jetzt mal nicht so pingelig sein.








Das war es schon wieder. Schaut wieder rein bei den Rezensionen im Dezember.






Freitag, 2. Dezember 2016

# 78 - Nazis, Sport und unerwünschte Siege

16 Tage Ausnahmezustand für eine effektive Imagepflege

 

Der Publizist und Historiker Oliver Hilmes zieht in Berlin 1936 den Vorhang zurück und schaut hinter die Kulissen der bis dahin größten Olympischen Spiele. Doch dieses Buch ist weit davon entfernt, eine Sportenzyklopädie zu sein.

Die Olympischen Spiele als Leinwand für das übrige Leben in Berlin

 

Die spektakulär von den Nationalsozialisten inszenierte Sportveranstaltung liefert so etwas wie das Grundrauschen, vor dem sich das Leben an 16 Tagen im August 1936 abspielt. Das Regime ist bemüht, sich nach außen möglichst offen, friedlich und tolerant zu zeigen, aber zeitgleich mit den Wettkämpfen gibt es fernab des Olympiastadions verhaltene Protestaktionen und latente Ängste genauso wie überbordende Lebensfreude und Genuss. Zumindest für die, die es sich leisten können. 
Die Ausländer, die anlässlich der Sommerspiele in der Hauptstadt zu Gast waren, durften nichts merken von dem, was sich da nach und nach anbahnte: nichts vom Bau des KZ Sachsenhausen, nur 35 km von Berlin entfernt; nichts von der Verzweiflung zahlreicher Menschen angesichts dessen, was sich da anbahnte und die sich in einer ungewöhnlich hohen Zahl von Todesfällen äußerte; nichts von den Folgen des Erlasses "Zur Bekämpfung der Zigeunerplage", der zwei Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele zur Zwangsumsiedlung von 600 Sinti und Roma auf ein Rieselfeld in Marzahn führte - einen Platz also, auf dem ständig Jauche abgekippt wurde.

Verweigerte Hitler den Handschlag?

 

Adolf Hitler wohnte nicht allen Wettkämpfen bei und wurde nach dem ersten Tag der Sommerspiele, als er allen deutschen Gewinnern mit Handschlag gratulierte, vom Präsidenten des IOC ermahnt: Entweder solle er alle oder keinen Athleten beglückwunschen. Hitler entschied sich dafür, niemandem mehr zu gratulieren. Ausgerechnet ein schwarzer US-Sportler, der Leichtathlet Jesse Owens, ging mit vier Goldmedaillen als erfolgreichster Sportler aus den Spielen hervor. An dieser Stelle gehen die Meinungen von Augenzeugen auseinander: Hat Hitler samt seiner Entourage absichtlich das Stadion verlassen, als sich Owens in Begleitung der Sekretärin des NOK und eines Dolmetschers seinem Stand näherte? Die Frage bleibt ungeklärt. Fest steht allerdings, dass Hitler von Owens Siegesserie nicht erbaut gewesen ist.

Deutschland musste dem IOC und den USA versprechen, jüdische Sportler nicht von den Wettkämpfen auszuschließen. Daraufhin wurden Qualifikatiosnergebnisse so manipuliert, dass Juden den Sprung in die deutschen Teams nicht schafften. Als Feigenblatt trat dann die "halbjüdische" Fechterin Helene Mayer an, um die ausländischen Gemüter zu beruhigen. 

Ein Lebensgefühl, das sich schon bald in Luft auflösen sollte

 

In Berlin 1936 kommen sie alle vor: Hilmes wirft Schlaglichter auf  Prominente wie den Verleger Ernst Rowohlt oder den amerikanischen Schriftsteller Thomas Wolfe, auf einfache Berliner,Reiche, Schwule, Künstler und Lebemänner. In seinem Buch bilden die Olympischen Spiele die Leinwand, aus der die einzelnen Menschen mit ihren Wünschen, Ängsten, Überzeugungen und Beziehungen zueinander hervortreten. So wird sehr deutlich, wie sich das Leben der Bürger und der Blick des Auslands auf das Deutsche Reich unter dem Einfluss des Nationalsozialismus allmählich veränderten.
Berlin 1936 lässt ein Stück deutsche Vergangenheit plastisch entstehen, ohne dabei wie ein Geschichtsbuch zu wirken. Es ist ein Buch, das eine besondere Atmosphäre einer Zeit einfängt, die sich nicht wiederholen möge.

Berlin 1936 wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Siedler Verlag erschienen und kostet als Hardcover 19,99 € sowie als epub- oder Kindle-Edition 15,99 €.
 

Sonntag, 3. Juli 2016

Was gab es im Juni?

Self-Publisher haben mich am meisten beschäftigt

 

Der Monat begann mit einem SP-Titel: In Invocabit von Pierre Maurice erhält ein wandernder Augustinermönch in Deutschland 1250 Post von seinem Vater aus dem schweizerischen Wallis, die ihn dazu bringt, so schnell wie möglich den Heimweg anzutreten. Er wird vom Pech verfolgt, hat aber auch immer wieder Glück im Unglück: Als in den Alpen schon im Oktober der Winter heftig einbricht, wird er von einem greisen Paar aufgenommen und versorgt. Später gerät er in die Fänge einer Wirtin und Bordellmutter, deren behinderte Tochter als Prostituierte arbeitet und ihn für Zwecke benutzt, die seinem Ordensgelübde zuwiderlaufen. Er wird dort zudem Zeuge des illegalen Treibens eines hohen Geistlichen und gerät ins Visier der Inquisition.  
Die Idee war gut, die Umsetzung hätte gern mit weniger Psalmen auskommen dürfen, die in voller Länge sowohl in lateinischer als auch deutscher Sprache angeführt werden. Das machte das Lesen an manchen Stellen etwas zäh. Nach meiner Einschätzung reicht es aber für

  + 1/2 (von 5)


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Mit Die neuen zehn Gebote von Andreas Lehmann ging es dann weiter, allerdings weniger religiös, als der Titel erahnen lässt. Der Autor macht sich Gedanken darüber, wo wir Halt und Beistand finden, wenn uns der wahre Glaube abhanden gekommen ist. Er schreibt über die Ersatzgötter unserer Zeit, indem er sich jedes der zehn Gebote vornimmt und ihre Botschaft dem modernen Leben anpasst. Leider bleibt Lehmann nicht konsequent beim Thema, sondern opfert die Ernsthaftigkeit des Anliegens dem einen oder anderen Lacher, was das Niveau des Buches sehr verflacht.

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Am 17. Juni ging es mit Die Frau, die allen davonrannte von Carrie Snyder weiter: Die jetzt 104-jährige Aganetha Smart gewann als 20-Jährige 1928 bei den Olympischen Spielen in Amsterdam die Goldmedaille für Kanada im 800-Meter-Lauf der Damen - einer Disziplin, die damals erstmals auch für Frauen erlaubt war und bereits unmittelbar danach bis 1960 wieder verboten wurde. Zum Schutz der Frauen, versteht sich. Aganetha wird nun von zwei jungen, ihr unbekannten Leuten aus dem Altenheim geholt und unternimmt unversehens eine Reise in ihre Vergangenheit. Im Rückblick tut sich eine Familiengeschichte auf, die reich an Geschwistern, Konflikten, Konventionen und Geheimnissen ist. Ein sehr gut geschriebenes Buch, das insbesondere die 1920-er und 1930-er Jahre wieder auferstehen lässt.





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Der letzte Freitag im Juni bot all denen etwas, die Bücher fürs Herz als auch zum Lachen mögen: Jürgen Koller hat in seinem Buch 30 Dates in 30 Tagen geschildert, wie er im Laufe des Novembers 2013 versucht hat, mit einem Dating-Marathon die Frau fürs Leben zu finden. Es gab einige Anlässe zur Selbstreflexion, irritierende Momente sowohl für ihn als auch für die eine oder andere Frau und viele schöne Erlebnisse. Fairerweise wurden auch die jeweiligen Frauen nach ihrer Meinung befragt. Koller hat ein sehr unterhaltsames SP-Buch veröffentlicht, das sich bestens für einige entspannte Lesestunden eignet.




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Wie vielleicht manche von euch gelesen haben, wurden im Juni einige meiner Rezensionen von SP-Titeln in den Katalog von Indie-Publishing aufgenommen, und zwar Invocabit, Till Türmer und die Angst vor dem Tod sowie 30 Dates in 30 Tagen. Damit wird auch dazu beigetragen, gute SP-Bücher bekannter zu machen und es vielleicht irgendwann zu schaffen, dass diese Titel ihr schlechtes Image loswerden.


Ich freue mich, wenn ihr auch im Juli wieder hier vorbeischaut!




Freitag, 17. Juni 2016

# 55 - Wie lebt es sich mit einer Goldmedaille?

Der Ruhm eines Olympiasieges

 

In Die Frau, die allen davonrannte von Carrie Snyder geht es um eine kanadische Läuferin, Aganetha Smart, die bei den Olympischen Spielen 1928 in Amsterdam eine Goldmedaillle im 800-Meter-Lauf gewann. Diese Disziplin war damals zum ersten Mal für Frauen zu den Wettkämpfen zugelassen worden.

Die Beine stehen fast nie still

 

Aganetha Smart wird 1908 als jüngstes Kind des Landwirts Robert Smart geboren und wächst in Kanada weit entfernt von einer größeren Stadt auf. Ihre Mutter Jessica ist dessen zweite Frau; Aganetha hat noch zwei Geschwister sowie acht Halbgeschwister aus der ersten Ehe ihres Vaters, von denen zum Zeitpunkt ihrer Geburt vier bereits gestorben sind.
Aganetha, die von allen Aggie genannt wird, kann nicht still sitzen, seit sie laufen kann. Ihre Beine bewegen sich unwillkürlich auch dann, wenn sie mit ihrer Familie am heimischen Esstisch sitzt, was immer Streit auslöst. Ihre Wege legt sie meistens im Laufschritt zurück und kann sich als Schülerin auch mit den Jungen messen. Doch das Laufen ist damals bei Mädchen und Frauen nicht gern gesehen: Sogar in der einfachen Landbevölkerung ist man der Meinung, dass diese Art der Fortbewegung unschicklich ist.
Doch Aggie kann nicht anders: Wann immer sich eine Gelegenheit zum Laufen bietet, nutzt sie sie.

Eine Chance, die ergriffen werden muss

 

Aggie nimmt aus Spaß während eines Ferienbesuchs bei ihrer Schwester Olive, die in Toronto Arbeiterin in einer Fleischfabrik ist, an einem Wettlauf  teil, der von Olives Arbeitgeber im Rahmen eines Sommerfests veranstaltet wird. Sie ist mit 16 Jahren eine der jüngsten Läuferinnen und gewinnt. In diesem Moment wird ihr klar, dass sie nicht nach Hause zurückkehren will.
Sie schafft es, in das neue Frauenteam eines Süßwarenfabrikanten aufgenommen zu werden und wird von da an professionell trainiert. Und dann passiert, was Aggie selbst am wenigsten vermutet hat: Sie gewinnt bei den Olympischen Spielen 1928 den 800-Meter-Lauf der Frauen und die Goldmedaille für das kanadische Olympiateam. Die Presse reißt sich um sie, sie bekommt Werbeverträge und wird hofiert. Doch der Ruhm, der über sie hereinbricht, überfordert sie. 

Die Gesellschaft hat andere Erwartungen an die Frauen. Es wird kolportiert, dass sich die Sportlerinnen bei dieser langen Distanz überanstrengt haben und reihenweise an der Ziellinie zusammengebrochen sein sollen. Der International Association of Athletics Federations (IAAF; deutsch: Weltleichtathletikverband) fürchtet um die Gebärfähigkeit der Sportlerinnen und nimmt deren angebliche Schwäche zum Anlass, diese Disziplin wieder zu streichen. Erst viel später wird anhand von Film- und Fotoaufnahmen bewiesen werden können, dass es sich bei dieser Behauptung um eine Lüge gehandelt hat. Der 800-Meter-Lauf der Frauen wurde erst 1960 wieder ins olympische Programm aufgenommen.

Ein (un-)freiwilliger Ausflug

 

Aganetha Smart blickt im Alter von 104 Jahren auf ihr Leben zurück. Sie fristet in einem Altenheim ein ödes Dasein und langweilt sich. Die Pfleger behandeln sie wie ein unmündiges Kind, obwohl sie nicht dement ist. Doch eines Tages bekommt sie unerwarteten Besuch: Ein junges Pärchen behauptet gegenüber der Altenpflegerin, mit der Seniorin entfernt verwandt zu sein und sie nur zu einem Spaziergang abholen zu wollen. Aggie durchschaut die Lüge sofort, die Pflegerin nicht. Es stellt sich heraus, dass Kaley und Max nach ihr gesucht haben und einen Film über sie drehen wollen. Sie steuern die Stationen der früheren Heimat der Ex-Läuferin an und Aggie erfährt, dass sie tatsächlich Angehörige von ihr sind - und ihr familiär weitaus näher stehen, als es den beiden bewusst ist. Durch diesen ungeplanten Ausflug wird der alten Dame klar, dass sie etwas, was sie einer ihrer Schwestern als Kind angetan hat, mit einem späteren Opfer wieder gutmachen konnte.

 
Die Frau, die allen davonrannte ist keineswegs ein typischer Sportlerroman, in dem es nur um das Training und die Wettkämpfe geht. Aganethas sportliche Entwicklung ist in eine komplizierte und sehr problematische Familiengeschichte eingewoben, in der sich alle Gefühle zwischen Liebe und Hass finden. Das Buch erzählt von Träumen, erfüllten und geplatzten Hoffnungen sowie den Konventionen dieser Zeit, gegen die es insbesondere Frauen schwer hatten.
Carry Snyder hat für die Handlung Tatsachen und Fiktion geschickt vermischt und einen Roman geschaffen, der seine Leser bis zum Schluss fesselt.

Die Frau, die allen davonrannte ist am 13. Juni 2016 im btb Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 15,99 €.