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Freitag, 18. August 2023

# 405 - Der kalte Tod eines Jugendlichen

Jenny Lund Madsen ist in Dänemark als Drehbuchautorin bekannt geworden. 2020 hat sie mit Tredive Dages Mørke ihr erstes Buch veröffentlicht, das 2023 unter dem Titel 30 Tage Dunkelheit auf Deutsch herausgebracht wurde. 

Im Mittelpunkt steht Hannah Krause-Bendix, eine in ihrer Heimat Dänemark renommierte Schriftstellerin. Vier Bücher hat sie veröffentlicht, nie eine schlechte Rezension bekommen und war zwei Mal für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert. Für eine Auszeichnung hat es jedoch bisher nie gereicht, und Hannah vermutet, warum: Ihre Bücher sind für den Massengeschmack zu anspruchsvoll. Das geht leider mit schlechten Verkaufszahlen einher, die Hannah mit einem zu hohen Alkoholkonsum kompensiert. Sie lebt zurückgezogen in einfachen Verhältnissen und ist auf die Zahlungen des staatlichen Kunstfonds angewiesen.

Kritische Selbstreflexion ist nicht ihr Ding, und so wundert man sich nicht, dass der einzige Mensch, den sie als Freund bezeichnen würde, ihr Lektor Bastian ist. Er spornt sie an, an ihrem aktuellen Buch weiterzuarbeiten, aber Hannah ist mit dem, was sie schreibt, unzufrieden und kommt nicht weiter. Bastian zuliebe (und um die Buchverkäufe anzukurbeln) nimmt sie an einer Buchmesse teil. Doch der Zufall will es, dass gegenüber ihres Verlagsstandes eine Bühne ist, auf der ihr Erzfeind Jørn Jensen seinen neuesten Krimi vorstellt und vom Publikum bejubelt wird.

Krimis sind in Hannahs Welt ein verabscheuungswürdiges Genre, und Jørn gehört ihrer Meinung nach zu dessen unfähigsten Vertretern. Doch wie man es dreht und wendet: Er hat Erfolg und sie nicht. In ihrem Zorn bricht Hannah vor aller Augen einen Streit vom Zaun, an dessen Ende eine Wette steht: "In einem Monat habe ich einen Krimi geschrieben, der besser ist als alles, was du jemals veröffentlicht hast", schleudert sie ihm zu ihrer eigenen Überraschung entgegen.

Gesagt ist gesagt. Bastian ist von so viel unerwarteter Publicity begeistert und organisiert für Hannah sofort eine passende Unterkunft in Island, wo diese die nötige Ruhe haben wird, um ihren ersten Krimi zu schreiben. Er schickt sie zu Ella, einer Freundin seiner Familie, die in einem abgelegenen Fischerdorf sechs Autostunden von Reykjavík entfernt lebt - und über 2.000 Kilometer Luftlinie von Hannahs Heimatstadt Kopenhagen entfernt.

Hannah hat sich allerdings kaum häuslich bei ihrer Gastgeberin eingerichtet, als deren siebzehnjähriger Lieblingsneffe Thor tot im Hafenbecken des Ortes gefunden wird. Der mit der Situation überforderte Dorfpolizist Viktor würde den Fall am liebsten als Unfall einstufen und zu den Akten legen. Hannah mag daran nicht glauben, denn der Jugendliche hatte Angst vor dem Wasser und konnte nicht schwimmen. Er mied das Wasser, sehr zum Ärger seines Vaters Ægir, des erfolgreichsten Fischers im Ort.

Hannah mischt sich immer wieder in Viktors Ermittlungen ein und hofft dabei, das Erlebte in ihren Krimi einfließen lassen zu können, mit dem sie nicht recht vorankommt. Sie ahnt nicht, dass sie sich damit in Lebensgefahr begibt. Was sie noch nicht weiß: Das Fischerdorf hütet seit Langem das Geheimnis um ein Verbrechen, das Jahrzehnte zurückliegt. Zu Hannahs Glück bekommt sie aus einer unerwarteten Richtung Unterstützung.

Lesen?

30 Tage Dunkelheit spielt im November. Dieser Monat ist in Island nicht nur bereits sehr winterlich, sondern hat mit sechseinhalb Stunden sehr kurze Tage. In Hannahs Wohnort Kopenhagen sind es immerhin zwei Stunden mehr. Und so empfindet die Schriftstellerin die Tage in Island auch: Kaum ist der Morgen angebrochen, bricht schon die Dämmerung herein. Dieses Phänomen steht symbolisch für Hannahs Fremdeln mit der Kultur und den Menschen Islands. Erst nach und nach ändert sie ihre Meinung und damit auch ihr bislang menschenfeindliches Sozialverhalten.

Jenny Lund Madsens Debüt ist eine schöne Mischung aus Krimi, einem kritischen Blick auf gesellschaftliche Vorurteile und einem Entwicklungsroman - diesmal im Hinblick auf eine Erwachsene. Der Spannungsbogen hat hier und da eine leichte Delle, aber 30 Tage Dunkelheit ist sehr gut gemachte Unterhaltung. Mal sehen, ob wir irgendwann noch mehr über Hannah Krause-Bendix erfahren.

Jenny Lund Madsen erhielt für Tredive Dages Mørke 2021 den dänischen Harald-Mogensen-Literaturpreis für den besten Krimi des Jahres.

30 Tage Dunkelheit ist 2023 im Tropen Verlag erschienen und kostet als Paperback 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.


Samstag, 29. Juli 2023

# 403 - Wen interessiert Eishockey? Wie ein kleiner Ort in Schweden um diesen Sport kreist

Der erfolgreiche schwedische Schriftsteller Fredrik
Backman hatte mit dem Bestseller Ein Mann namens Ove seinen Durchbruch, aber der Roman Björnstadt steht dem in nichts nach.

Backman siedelt den fiktiven Ort inmitten der schwedischen Einsamkeit an. Es gibt jede Menge Wald, einige Seen und ein paar Arbeitsplätze. Das, worauf die Einwohner stolz sind, ist der Eishockeyverein. Die "Björnstadter Bären" hatten ihren letzten nennenswerten Erfolg zwar schon vor etlichen Jahren, aber der Sport ist das, was die Menschen zusammenhält. 

In Björnstadt liegt neun Monate im Jahr Schnee. Wer sich an die langen kalten Winter und die Einsamkeit nicht gewöhnen kann, zieht woanders hin. Die, die bleiben, sind entweder hier aufgewachsen oder gestrandet. Auf der Juniorenmannschaft der "Bären" ruhen die Hoffnungen der Stadt, denn sie hat es geschafft, bei den nationalen Meisterschaften ins Halbfinale zu kommen. Wenn die Jungs dieses und das Finalspiel gewinnen, profitiert Björnstadt von einem Geldregen. Das würde bedeuten: Durch mehr Sponsoren- und Preisgelder wäre der Bau eines neuen Eishockeystadions und eine bessere Ausrüstung möglich. Das würde junge Talente aus anderen Landesteilen anziehen, die Siegchancen des Clubs würden steigen... Ein Erfolg der Juniormannschaft würde so etwas wie ein finanzielles Perpetuum Mobile in Gang setzen.

Der Star der Mannschaft ist der 17-jährige Kevin Erdahl. Seitdem er sechs Jahre alt ist und sein außergewöhnliches Talent erkannt wurde, wurde eine Mannschaft um ihn herum aufgebaut, die ihn unterstützt und eisern nach außen zusammenhält. Kevins Eltern sind wohlhabend und die Hauptsponsoren des Vereins. Ihr gefühlsarmer Umgang mit ihrem Sohn wird durch ein Leben kompensiert, in dem es an nichts fehlt, was mit Geld gekauft werden kann. Mit Skepsis blicken sie auf Kevins besten Freund Benji, mit dem er sich auch ohne Worte versteht. Die beiden Jugendlichen sind auch in der Mannschaft ein untrennbares Team, aber Kevins Eltern missfällt Benjis soziale Herkunft mit einer Mutter, die ihre vier Kinder allein großzog, nachdem sich der Vater erschossen hat.

Tatsächlich schafft das Juniorenteam der "Bären", was vor einiger Zeit niemand für möglich gehalten hätte, und gewinnt das Halbfinale. Die Hoffnungen von ganz Björnstadt liegen nun noch schwerer auf den Schulter der 15- bis 17-jährigen Spieler. Aber erstmal wird der Sieg im Haus der Erdahls gefeiert. Kevins Eltern sind - wie so oft - auf Geschäftsreise. Der Alkohol fließt in Strömen, und die in Kevin verliebte Tochter des Sportdirektors, Maya, hofft, ihrem Schwarm an diesem Abend näher zu kommen. Doch das, was dann passiert, wird sie ein Leben lang traumatisieren und die Stadt vor eine Zerreißprobe stellen, deren Ausgang entscheidend für ihre Zukunft sein wird.

Lesen?

Björnstadt ist der erste Teil einer Trilogie, die sich um die Stadt dieses Namens und ihre Bewohner dreht. Fredrik Backman hat mit diesem Buch einen Pageturner geschrieben, in dem es um Loyalität, Freundschaft, Homophobie und Misogynie geht. Der Autor beschreibt Verhaltensweisen der Jungen und Männer, die sich über Generationen hinweg etabliert haben und nie hinterfragt wurden. Wie sehr sich das rächt, wird durch das, was sich während der Party ereignet, deutlich.

Backman beschreibt die wichtigsten Charaktere sehr genau. Auch wenn das den Fortgang der Handlung etwas bremst, ist es wichtig, um die Atmosphäre in Björnstadt und die Handlungsweisen der Personen nachzuvollziehen und zu verstehen. 

Björnstadt ist in einer Neuauflage 2023 im Goldmann Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 16,95 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro. Unter dem Titel Kleine Stadt der großen Träume wurde der Roman bereits 2017 im S. Fischer Verlag veröffentlicht.
Die nachfolgenden Bände haben die Titel Wir gegen euch und Die Gewinner.

Freitag, 20. Mai 2022

# 348 - Finnland ist der Nabel der Welt!

Der Bestsellerautor Tuomas Kyrö gilt in seiner Heimat
als Garant für humorvolle und etwas abgedrehte Bücher. Sein Roman Kunkku ist da keine Ausnahme.

"Kunkku" bedeutet auf Deutsch "Der König", und genau der steht im Mittelpunkt des Romans: Kalle XIV. Penttinen von Finnland. Das Land im hohen Norden Europas gilt in der ganzen Welt als vorbildlich und einflussreich, in vielen Bereichen hat es die Nase vorn.

Das Problem ist nur: Der Vater des 1947 geborenen Kalle ist früh verstorben, sodass der lebenslustige Prinz viel eher als ihm lieb ist zum König gekrönt wird. Und das bedeutet: Alles, was ihm im Leben am besten gefällt - Frauen mit großen Brüsten, Autos und das Tennisspiel - findet ab sofort am besten gar nicht mehr statt. Oder so, dass der Hofmarschall die schlimmsten Ausschweifungen vertuschen kann.

Der König will im Grunde nur die schönen Seiten des Königslebens auskosten - eben die oben genannten. Ein großes Problem ist sein Charakter: Er ist zwar ein erwachsener Mann, hat aber das Gemüt eines pubertierenden 15-Jährigen. In seinem Gehirn geht es manchmal drunter und drüber, zu oft trifft er die falschen Entscheidungen.

Als er die estnische Schauspielerin Sofi kennenlernt, wendet sich zunächst alles zum Guten. Die Beziehung lässt sich gut an, doch dann merkt Sofi, dass ihr Kalles Gesellschaft zu eintönig ist. Noch bevor sie sich von ihm trennt, wird sie schwanger. Kalles starker Samen hat alle Hindernisse - aka Verhütung - überwunden. Und da das ungeborene Kind ja nicht irgendein Kind, sondern die spätere Thronfolgerin oder der Thronfolger wird, kommt nur eine Hochzeit der beiden jungen Leute infrage.

Der Roman erzählt abwechselnd das chaotische Leben des finnischen Königs und das von Pena, einem älteren finnischen Sozialhilfeempfänger, dem die Frau davongelaufen ist. Schnell wird deutlich, dass es um zwei Lebensabschnitte von ein und derselben Person geht: Die Regentschaft von Kalle XIV. Penttinen von Finnland hat ein abruptes Ende genommen. Die Naivität des Königs, sein Hang zum Fremdgehen und seine Sprunghaftigkeit haben das einst großartige finnische Königshaus zum Einsturz gebracht.

Lesen?

Kunkku ist eine humorvolle Gesellschaftssatire um einen König, dessen Leben "zufällig" Ähnlichkeit mit dem eines tatsächlich existierenden nordeuropäischen Monarchen hat, der ein Jahr früher als Kyrös fiktive Figur in einem Land westlich von Finnland zur Welt kam. Mit leichter Hand wird nebenbei die Geschichte des 20. Jahrhunderts neu geschrieben: Die Rote Armee Fraktion wird Ende der 1970-er Jahre zur stärksten Fraktion des schwedischen Parlaments und läutet den Niedergang des Landes bis zur völligen Bedeutungslosigkeit ein. 
Finnland entwickelt sich seit den 1950-er Jahren zu einem multikulturellen Staat, der mit Gegenden wie Chinatown in Kuopio oder Klein-Ghana in Vantaa Touristenströme anzieht. In der Film- und Musikbranche ist das Land international führend.
Pünktlich zur Jahrtausendwende rücken Europa und Asien näher zusammen und gründen die Euro-Asiatische Union. Die Gründungsmitglieder sind Frankreich, Deutschland, Japan, China und das vereinigte (!) Korea. Durch die enge kulturelle und wirtschaftliche Verflechtung sollen Kriege und Handelsstreitigkeiten verhindert werden. 

Und dann ist da auch noch John F. Kennedy, der für Tuomas Kyrö noch lange nicht tot ist, sondern Kalle XIV. immer wieder beratend zur Seite steht. Gute Aussichten, oder?

Kunkku ist ein Lesetipp für alle, die etwas für schrägen Humor und absurde Geschichten übrig haben. Das Buch ist 2014 bei Hoffmann & Campe erschienen und kostet 25 Euro. Mir lag die Paperback-Ausgabe aus dem Verlag Bastei Lübbe vor, die 2016 erschienen und nur noch antiquarisch zu bekommen ist.


Montag, 18. Januar 2021

# 274 - Rechne immer mit dem Schlimmsten

Beata und Matti Aalto wandern Mitte der 1960-er Jahre von Finnland ins vermeintlich bessere Schweden aus. Ihre Kinder lassen sie zunächst bei Mattis versoffenem Bruder zurück, was sich als verhängnisvoller Fehler erweisen soll. Mit Rechne immer mit dem Schlimmsten hat Petteri Nuottimäki 2017 seinen ersten Roman vorgelegt, der wegen seiner skurrilen Handlung zum Teil an die Bücher von Jonas Jonasson erinnert.

Matti wurde schon von seinem Vater eingebläut, seine Pflicht zu tun, sich aber zum Beispiel beim Militär nicht in den Vordergrund zu drängen. Und natürlich solle er sich vor den Russen in Acht nehmen! Angesichts der Erfahrungen, die die Finnen und auch Matti mit ihren östlichen Nachbarn in der Vergangenheit gemacht haben, ist dieser Rat gut nachvollziehbar.

Aber Matti entwickelt eine handfeste Paranoia, die letzten Endes zur Übersiedelung nach Schweden führt. Dort macht sich der Familienvater mit dem Handel mit Raubinsekten selbstständig, was so gut läuft, dass die Altos - ein A wurde gestrichen, damit man unauffällig bleiben konnte - davon gut leben und Matti ein kleines Vermögen anhäufen kann.

Aber Mattis drei Kinder entwickeln sich trotz des väterlichen Vorbilds und der strengen patriarchalischen Erziehung nicht so, wie er es sich gewünscht hätte. Der jüngste Sohn hat autistische Züge, der älteste Sohn wird zum drogensüchtigen Spieler und die Tochter lacht sich immer wieder kriminelle Freunde an. Doch ihr Vater will sein Unternehmen dem erfolgreichsten Kind überschreiben und denkt sich dafür einen Wettbewerb aus, um die Geschäftstüchtigkeit der Drei auf die Probe zu stellen. Dieses teure Experiment verläuft allerdings ganz anders, als er es sich vorgestellt hatte.

Lesen?

Der Roman erzählt mit der Figur des Matti die Geschichte von Nuottimäkis Großvater. So wirken auch einige Anekdoten, bei denen man sich gut vorstellen kann, wie sie im Kreis der Familie an der Kaffeetafel mit einem "Weißt du noch? eingeleitet wurden und zu etlichen Lachern führten. Aber was für Familientreffen gut ist, eignet sich nicht unbedingt für ein ganzes Buch. Nuottimäki schildert humorvoll, was den Aaltos widerfahren ist und mit welch seltsamen Methoden Matti seine Kinder auf die Anforderungen des Lebens vorbereiten will. Es fehlt jedoch immer wieder an echter Emotion: Da kommt ein Kind ums Leben, aber Nuottimäki lässt die Erschütterung, die eine Familie durch solch ein Ereignis erfährt, außen vor. Das gilt auch für die ärztliche Diagnose, die Matti nur noch eine kurze Lebenserwartung zuspricht: Die Mitteilung wird so hingenommen wie der Wetterbericht, der drei Tage Regen vorhersagt.

Neben der Emotionsarmut leidet der Roman an einer Unglaubwürdigkeit, die zunimmt, je mehr er sich dem Ende nähert. Ein Wiedersehen, das normalerweise eine ganze Palette von Gefühlen bei allen Beteiligten hätte auslösen müssen, wird fast schon holzschnittartig geschildert. Dass Beata und Matti schuld daran sind, dass dieses Treffen erst so spät stattfindet, hätte ihnen eigentlich den Boden unter den Füßen wegziehen müssen, aber da passiert nichts dergleichen.

Nuottimäki frönt in seinem Roman einem Faible für Fußnoten. Nur wenige von ihnen erklären etwas; die Mehrzahl lenkt den Blick auf einen Nebenschauplatz oder hätte gut in den Haupttext eingebaut werden können.

Rechne immer mit dem Schlimmsten ist nette Unterhaltung, aber mehr leider auch nicht.

Der Roman ist bei Harper Collins erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 18 Euro.

Samstag, 25. April 2020

# 237 - Dunkelheit im Mittsommer

Im Mittsommer wird es in Schweden während der "Weißen Nächte" nie wirklich dunkel. Doch für Lelle Gustavsson ist vor drei Jahren ein Licht erloschen, als seine Tochter Lina spurlos verschwand, nachdem er sie an der Bushaltestelle abgesetzt hatte. In ihrem Debütroman Dunkelsommer widmet sich Stina Jackson sowohl der Verzweiflung eines Vaters als auch dem Umfeld, in dem sich die Hauptfiguren befinden.

Auf der Suche

Dies ist der dritte Mittsommer, in dem Lelle die hellen Nächte nutzt, um nach seiner Tochter zu suchen. Er lebt in Norrland, dem nördlichsten Teil Schwedens, in dem sich zahllose einsame bewohnte oder unbewohnte Häuser befinden und viele Wege irgendwo im Nichts enden. Lelles Ehe ist wegen Linas Verschwinden in die Brüche gegangen, jetzt lebt er das Leben eines einsamen Wolfes und verwahrlost zusehends. 

Dann kommt eine neue Schülerin an das Gymnasium, an dem Lelle als Lehrer arbeitet. Die 17-jährige Meja hat es im Schlepptau ihrer psychisch labilen Mutter Silje in die Gegend verschlagen. Auf der Suche nach einem geregelten Leben ist Silje mit ihrer Tochter bei Torbjörn, der in der Nachbarschaft auch unter dem Spitznamen "Porno-Björn" bekannt ist und in einem verfallenen Holzhaus mitten im Wald lebt, eingezogen. Meja ist eine Situation wie diese schon gewohnt: Sie kann nicht mehr zählen, wie oft ihre Mutter neue Beziehungen eingegangen ist, wegen denen sie immer wieder umgezogen sind. 

Meja lernt am See nahe Torbjörns Haus Carl-Johan Brandt kennen. Er ist der jüngste von drei Brüdern und lebt mit ihnen und seinen Eltern auf einer einsamen Farm. Sein Vater Birger hegt gegen den schwedischen Staat ein so großes Misstrauen, dass er seine Familie darauf einegschworen hat, sich auf die nächste Krise vorzubereiten und völlig autark zu leben. Meja und Carl-Johan verlieben sich ineinander und schon kurze Zeit später zieht das junge Mädchen bei den Brandts ein. Doch dann verschwindet erneut ein Mädchen, diesmal vom Campingplatz. Die Ähnlichkeit zwischen ihr und Lina ist verblüffend.

Wie war's?

Dunkelsommer folgt den Stereotypen, die man von schwedischen Krimis oder Thrillern bereits kennt: Hier ist es zwar nicht der Kommissar, der sich gehen lässt, Kette raucht und sich aufführt wie ein Prolet, sondern ein getriebener Vater, aber die Parallelen sind offensichtlich. Stina Jackson hat Lelles dauerhafte psychische Ausnahmesituation sehr gut beschrieben, zeichnet dann aber eine Handlung, in der viel Vorhersehbares passiert. Die einzelnen Personen wirken so, als hätte man sie auf ein Gleis gesetzt, auf dem sie sich unbeirrt vorwärts bewegen.

Jacksons Schreibstil ermöglicht ein schnelles Lesen. Das heißt allerdings auch, dass nichts passiert, das es Wert wäre, darüber nachzudenken. Man kann diesen Thriller leicht konsumieren, muss aber nicht überlegen, ihn ein zweites Mal zu lesen.

Das Buch hat unter seinem Originaltitel Silvervägen 2018 den Preis der 'Swedish Crime Writers' Academy' als bester schwedischer Kriminalroman gewonnen. Damit reiht er sich ein in eine Autorenliste, der auch Henning Mankell, Stieg Larsson, Håkan Nesser oder Åke Edwardson angehören. Damit dürfte der kommerzielle Erfolg gesichert sein.

Dunkelsommer ist 2019 in der deutschen Ausgabe bei Goldmann erschienen und kostet broschiert 15 Euro, als E-Book 12,99 Euro sowie als MP3-Hörbuch (3 CD) 12,45 Euro.

Sonntag, 13. Oktober 2019

Literaturnobelpreis - Wie eine angesehene Auszeichnung die Szene spalten kann

1901 beginnt die Geschichte der insgesamt fünf
(fast) jährlich vergebenen Nobelpreise. Den Nobelpreis für Literatur erhielt damals der Franzose Sully Prudhomme. Zu seinen bekanntesten Werken zählt das Gedicht Le Vase brisé. Nie gehört? Ich auch nicht. Aber Wikipedia wird schon recht damit haben.

Wenn ein Kriterium nicht entscheidend ist, um in dieser Kategorie ausgezeichnet zu werden, dann, dass der Nachwelt etwas hinterlassen wird, was auch noch drei oder vier Generationen später begeisterte "Ahs" und "Ohs" hervorruft. Die Vergabe des Nobelpreises ist auch ein Spiegel der jeweiligen Zeit, in der sie stattfindet. Vielleicht hat das Gremium auch den Wunsch, mit der Preisvergabe ein Zeichen zu setzen.

Vor drei Tagen wurden die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk und der österreiche Schriftsteller Peter Handke auf den Nobelthron des Jahres 2018 bzw. 2019 gesetzt. Zur Erinnerung: 2018 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben, weil sich einzelne Mitglieder der Jury nicht nur danebenbenommen, sondern gleich einen richtigen Skandalberg aufgehäuft hatten. Der Ehemann eines Komiteemitgliedes hatte nicht nur das Amt seiner Frau ausgenutzt, sondern wurde auch wegen mehrfacher Vergewaltigung angezeigt. Die Glaubwürdigkeit und der Ruf des Gremiums waren nachhaltig erschüttert.

Nun also eine Frau und ein Mann. Wie die
Komiteemitglieder zu ihrer Entscheidung gekommen sind, entzieht sich jedermanns Kenntnis. Inwieweit man der offiziellen Begründung folgen darf? Der Spekulation sind Tür und Tor geöffnet. Soll die hälftige Mann/Frau-Aufteilung suggerieren, hier habe man auf Geschlechtergerechtigkeit geachtet? Das zu glauben, fällt schwer: Olga Tokarczuk ist die 15. Preisträgerin, dagegen konnten 100 schreibende Herren Medaille und Preisgeld in Empfang nehmen. Ein klitzekleine Schieflage ist hier durchaus erkennbar.

Der Blick über den literarischen Tellerrand war für die Nobelkomitees all die Jahre ebenfalls nicht leicht, wenn man sich die Auswahl anhand ihrer geografischen Ausgewogenheit ansieht: Wenn ich mich nicht völlig verzählt habe, haben sich die Mitglieder 80 Mal für Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus Europa entschieden. Zehn kamen aus den USA, nur drei aus Afrika. Zu glauben, dass da irgendwie ein Proporz eine Rolle gespielt hat, wäre sicher Unsinn.

Nächster Anlauf, die Auswahl des Komitees nachzuvollziehen. Haben möglicherweise die Botschaften, die Frau Tokarczuk und Herr Handke ihrem Lesepublikum vermittelt haben, den Ausschlag gegeben? Wenn man den Worten des Sprechers folgt, der den wartenden Medien in Stockholm die Entscheidung verkündet hat, weitet das Werk der polnischen Autorin den "Blick auf Mittel- und Osteuropa". Das stimmt. Olga Tokarczuk hat sich in ihren Werken derart deutlich gegen die konservative Regierung ihres Heimatlandes positioniert, dass sie seit Langem Morddrohungen erhält.

Peter Handke hat insbesondere dadurch auf sich aufmerksam gemacht, dass er für sich Theater neu definiert hat: In einem seiner Schauspiele ("Publikumsbeschimpfung", Erstaufführung 1966) werden die Zuschauer mit "Nettigkeiten" überhäuft. Es sollte ein Protest gegen die Altnazis sein. Wie es dazu passt, dass sich Handke Jahrzehnte später mit einer Grabrede von einem brutalen Autokraten - dem serbischen Ex-Diktator Slobodan Milosevic - verabschiedete und behauptete, dieser sei an dem  Massaker in Srebrenica, bei dem 1995 etwa 8.000 bosnische Muslime ermordet wurden, gänzlich unschuldig und habe noch nicht einmal etwas davon gewusst, bleibt sein Geheimnis.

Und dann gibt es da noch Literaturkritiker wie Denis Scheck. Scheck kann sich vor Begeisterung kaum noch einkriegen. Noch am Abend der Bekanntgabe der Preisträger/in spricht er im SWR in der Sendung Kunscht! lobend von der Nobelkomission als "Bastion politischer Korrektheit", die es unterlassen hat, Handke wegen seiner politischen Irrwege nicht auszuzeichnen. Am selben Tag nennt Scheck die Entscheidung zugunsten des Österreichers in der ZDF-Sendung Kulturzeit "eine schallende Ohrfeige ins Gesicht der politischen Korrektheit". Ich bin verwirrt, Herr Scheck: Ist damit gemeint, dass sich die Komissionsmitglieder gegenseitig vermöbeln?

Literatur und die Bewertung ihrer Güte bleiben Geschmackssache. Was mich stört, ist die augenscheinlich so unterschiedliche Herangehensweise, nach der Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt werden. Auch die Vorbehalte gegen Literatur aus Asien, Afrika oder Mittel- und Südamerika werden - von den sehr wenigen Ausnahmen abgesehen - weiterhin kultiviert.

Der Preisstifter Alfred Nobel hat vor 134 Jahren in seinem Testament verfügt, nach welchen Gesichtspunkten die nach ihm benannten Preise vergeben werden sollen. Dort ist davon die Rede, dass "Preise denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben." Außerdem soll der Literaturpreis dem gegeben werden, "der in der Literatur das beste in idealistischer Richtung geschaffen hat".
Zum Schluss heißt es: " Es ist mein ausdrücklicher Wille, dass bei der Preisverteilung keinerlei Rücksicht auf die Nationalität genommen werden darf, so dass nur der Würdigste den Preis erhält, ob er nun Skandinavier ist oder nicht..."

Ich habe seit Jahren einen Kandidaten, dem ich wünsche, den Nobelpreis zu bekommen. Der aus Kenia stammende und heute in den USA lebende Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o hat es meiner Meinung nach verdient, geehrt zu werden. Seit etlichen Jahren heißt es, er stünde auf der Nominierungsliste. Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass er eher für die "Hall of Fame der ewigen Anwärter" als für den Nobelpreis vorgesehen ist. Aber irgendwann wird sich die Bastion der politischen Korrektheit vielleicht daran erinnern, welches Anliegen Alfred Nobel mit seiner Stiftung verfolgt hat.

Einen ersten Eindruck von Ngũgĩ wa Thiong’os Werk gibt es in der Besprechung seines Hauptwerkes, Herr der Krähen.

Samstag, 24. August 2019

# 209 - Wer kennt Kurt Wallander?

Kurt wer? Der Name Kurt Wallander gehört zu denen, über die man denkt: "Den habe ich doch schon mal irgendwo gehört...".

Das haben viele von uns tatsächlich. Zumindest die,
die gern schwedische Krimis lesen und hin und wieder auch einen von Henning Mankell. Elfmal wird der Kommissar aus Ystad von seinem Schöpfer aktiviert, um dem kriminellen Treiben in der südschwedischen Stadt an der Ostsee ein Ende zu bereiten.

2014 hat Mankell seinen Wallander porträtiert und alles in Wallanders Welt aufgeschrieben, was sich über ihn zu wissen lohnt. Dabei ist so etwas wie ein Wallander-Mikrokosmos herausgekommen, der dem Leser nicht nur den Polizisten, sondern auch den Privatmann zeigt: den Vater, (gescheiterten) Ehemann, Sohn, Bruder, Freund und den Musikliebhaber. Aus jedem Kapitel wird deutlich, wie stimmig Mankell diese Figur aufgebaut hat, die ihre Fälle zwischen 1991 und 2009 löste.

Mankell erzählt in diesem Buch auch, wie es zu der Entstehung von Kurt Wallander kam. 1990 war das: Der Autor war nach monatelanger Abwesenheit nach Schweden zurückgekehrt und stellte fest, dass sich der Rassismus in seinem Heimatland deutlich verstärkt hatte. Deshalb beschloss er, über dieses Thema zu schreiben. Da rassistische Handlungen nach Mankells Ansicht immer etwas Kriminelles sind, entschied er sich, sein Anliegen in Form von Kriminalromanen zu verarbeiten.

Die "Taufe" des Kommissars war denkbar unspektakulär: Der Inspiration wurde durch einen Blick ins Telefonbuch auf die Sprünge geholfen. Da es praktisch war, bekam Wallander dasselbe Geburtsjahr wie Henning Mankell: 1948.

Mankell berichtet, vor welchen politischen Hintergründen die einzelnen Bücher entstanden sind und stimmt den Lesern zu, die der Meinung sind, dass er in deren Handlungen oft Ereignissen vorgegriffen habe. Wenn man genau hinsieht, bemerkt man, dass da etwas dran ist.

Mit der Figur des Kurt Wallander erlebte Mankell immer wieder irritierende Begebenheiten, die mit ihr verknüpft waren: Menschen sprachen ihn auf der Straße an und fragten ihn, wie denn wohl Kurt Wallander diese oder jene Begebenheit beurteilen würde. Wäre Kurt Wallander dafür, dass Schweden Mitglied der EU wird? Der Kommissar wurde von manchem Leser wie eine real existierende Person behandelt. Er trägt sehr menschliche Züge und ist ein Spiegel seiner Zeit.

Wallanders Welt ist im Carl Hanser Verlag als E-Book erschienen und kostet 3,99 Euro.
Ich habe es über die Onleihe gelesen.
 

Freitag, 15. Februar 2019

# 184 - Humor aus Schweden

Vom schwedischen Erfolgsautor Jonas Jonasson habe ich vor längerer Zeit "Der
Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" gelesen und mir nach dieser positiven Erfahrung Die Analphabetin, die rechnen konnte vorgenommen. Danach hatte ich einen festen Vorsatz: Das war es jetzt mit Jonas Jonasson. Das "Strickmuster", nach dem sein zweiter Roman aufgebaut war, ähnelte einfach zu sehr dem des ersten Buches: Wenn du glaubst, da geht nichts mehr, kommt eine noch irrere Wendung daher. Mein Plan hat "bestens" funktioniert, denn nun wird es hier um Jonassons 2016 auf Deutsch erschienenes Buch Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind gehen.

Worum geht's?

 

DIE Hauptperson ist Johann Andersson, besser bekannt unter seinem tatkräftig erworbenen Spitznamen Mörder-Anders. Weil er das Wort "Faustregel" in der Vergangenheit allzu wörtlich genommen hat, hat sich Mörder-Anders mehrere Jahre die schwedischen Gardinen von innen nach außen angesehen. Sein bester Kumpel ist übrigens der Alkohol.

Per Persson, der Rezeptionist der Pension Sjöudden, ist der zweite Protagonist, der eine wichtige Rolle spielt. Er hat in seinem Leben bislang nie die Sonnenseiten gesehen und trifft zufällig auf die atheistische Pastorin Johanna Kjellander. Sie hat in einer Predigt ihren despotischen Vater verflucht, der vor ihr in der Gemeinde das Pfarramt inne hatte. Diese Predigt war dann auch ihre letzte und sie seitdem arbeitslos.

Mörder-Anders, Per Persson und Johanna Kjellander sind, als sie aufeinandertreffen, mindestens in finanzieller Hinsicht ziemlich arme Würstchen. Auf der Suche nach einer lukrativen Einnahmequelle verfallen sie auf die Idee einer "Körperverletzungsagentur". Das Prinzip: Sie nehmen Aufträge an, jemanden gegen ein angemessenes Honorar durch Mörder-Anders genau nach den Wünschen der Auftraggeber verprügeln zu lassen. Das rechte Knie soll zertrümmert werden? Bitteschön! Zusätzlich darf es noch ein gebrochener linker Arm sein? Das wird teurer, ist aber kein Problem. Das Geschäft floriert so gut, dass der tatkräftige Mörder-Anders nur an zwei Tagen pro Woche tätig sein muss und sich an den anderen fünf volllaufen lassen kann. Was er nicht ahnt: Seine beiden Geschäftspartner streichen für Akquise und Verwaltung den Löwenanteil des Geldes ein, während er mit einem Trinkgeld abgespeist wird. Aber Andersson ist so einfach gestrickt, dass er nicht misstrauisch wird.
Doch die Erfolgssträhne droht abzureißen, als sich der Mörder für die Bibel zu interessieren beginnt und beschließt, ein besserer Mensch zu werden: keine Auftragskörperverletzungen und kein Alkohol mehr. Die Einnahme aus dem letzten Auftrag soll an das Rote Kreuz gespendet werden. Per und Johanna sehen ihre beste Geldquelle austrocknen und entwickeln einen Plan, in dem Mörder-Anders auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen soll.

Wie war's?

 

Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind soll humorvoll daherkommen, ist aber nichts als eine Aneinanderreihung von Absurditäten. Wenn man denkt, dass es nicht mehr irrer geht, wird man von Jonasson eines Besseren belehrt. Dieses Mal werde ich mich an das halten, was ich mir schon nach dem Lesen von Die Analphabetin, die rechnen konnte vorgenommen hatte und kein weiteres Buch dieses Autors anrühren. 

Der Titel kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro, als Taschenbuch 10 Euro, als MP3-CD 8,95 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 9,99 Euro. 

Montag, 5. Dezember 2016

Altes und Neues nebeneinander - Das war der November

Geschichte, Humor, der Wunsch nach dem ewigen Leben und das Sterben in der Einöde

 

In Hummelhonig beschreibt Torgny Lindgren die Geschichte zweier alter Brüder, die in einem Kaff in Nordschweden leben und auf den Tod zusteuern. Doch jeder der beiden will beim Überleben als Sieger hervorgehen. Eine mäßig erfolgreiche Schriftstellerin, die sich in der Gegend auf einer Lesereise befindet, verbringt den Winter unfreiwillig bei einem der Brüder. Nach und nach kommt sie hinter das Geheimnis, das die alten Männer in einer seit Jahrzehnten dauernden Hassliebe verbindet. Ein sehr schöner und trotz - oder wegen - seiner schnörkellosen Sprache einfühlsam geschriebener Roman, der schon seit seinem Erscheinen vor fast 20 Jahren in meinem Regal steht.
Torgny Lindgren ist seit 1991 Mitglied der Schwedischen Akademie, die die Literaturnobelpreisträger auswählt. Der Jury gehörte er bis 2014 an.
Eine ukrainische Filmgesellschaft verfilmte seinen Roman 2012 unter dem Titel "Brothers - The last confession" und ließ die Brüder anstatt in Schweden  - na klar - in der Ukraine ihren Zwist austragen. Hier gibt es einen Trailer:





von 5 




In Die Unglückseligen von Thea Dorn trifft die Molekularbiologin Johanna Mawet auf den heute längst vergessenen Physiker Johann Wilhelm Ritter. Ritter ist 240 Jahre alt, zeigt aber keine altersgemäßen Gebrechen - wenn man das bei einem derart deutlichen Überschreiten der üblichen Lebenserwartung überhaupt sagen kann. Ritter hat während der Zeit der deutschen Romantik viel mit Elektrizität experimentiert, und Johanna fällt auf, dass seine Wunden ungewöhnlich schnell verheilen. Von dieser Beobachtung ist sie, die sich seit Jahren mit der Frage beschäftigt, wie man den Menschen vor dem Tod bewahren kann, fasziniert. Liegt in Ritters Versuchen der Schlüssel zum ewigen Leben?
Ein spannendes und interessantes Buch, das hier und da etwas hätte gestrafft werden können.

Thea Dorn spricht hier über ihr Buch:







Auch der Roman Bühlerhöhe von Brigitte Glaser spielt in der Vergangenheit, geht aber nur bis in die 1950-er Jahre zurück: Die Bundesrepublik Deutschland ist noch jung, der Staat Israel ebenso, und Konrad Adenauer ist der erste Kanzler der BRD. Er kümmert sich um eine Aussöhnung zwischen den Deutschen und Juden und ist für das Zustandekommen des Luxemburger Abkommens, das Entschädigungsleistungen und -zahlungen an Israel sowie enteignete Juden vorsieht, verantwortlich. Ihm ist bewusst, dass ihm Gefahr aus dem kommunistischen Lager droht, er unterschätzt jedoch die Bedrohung durch diejenigen Israelis, die mit dem Abkommen nicht einverstanden sind. Der Mossad schickt deshalb die noch unerfahrene Agentin Rosa Silbermann undercover in den Schwarzwald, wo Adenauer seine Sommerferien verbringen will. Wird es ihr gelingen, den Attentäter zu identifizieren und rechtzeitig zu stoppen? Brigitte Glaser belässt es nicht bei der eindimensionalen Erzählung ihrer Geschichte, sondern widmet sich auch der Vergangenheit, die die meisten Protagonisten als Bürde mit sich herumtragen. Bühlerhöhe gehört zu den Büchern, die sich im Verlauf der Handlung steigern und die man bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen will. Das im Buch beschriebene Grandhotel Bühlerhöhe gab und gibt es tatsächlich, Konrad Adenauer hat dort mehrere Ferienaufenthalte verbracht. Nach einer Sanierung wurde es unter dem Namen "Schlosshotel Bühlerhöhe" wieder eröffnet und ist mutmaßlich so teuer, dass es das Budget eines Durchschnittsurlaubers gleich mehrmals sprengen kann: Da auf der Hotel-Homepage kein Zimmerpreis zu finden ist, kann sich jeder sein Teil denken. Auch wenn es nicht ganz zu einer Buchrezension passt, will ich euch anstelle eines Interviews mit der Autorin ein Video mit Atze Schröder zeigen, der - so behauptet er es - auf Rechnung von RTL in dieser Nobelherberge residiert hat. Ein Mann aus dem Volk eben: Atze Schröder - 3 Sterne Deluxe






Erstmals gab es einen Gastbeitrag in der Bücherkiste: Frank Hartung hat das Buch Interview mit einem DJ vorgestellt. Elvis, der  King of Rock'n'Roll, meldet sich aus dem Jenseits zu Wort und wird von einem DJ interviewt. Während des Gesprächs kommen sie auch auf Themen, die sich weitab von der Musik befinden: Klimawandel, Artensterben und politischer Rechtsruck sind nur einige davon. Frank Hartung hat die witzige, kurzweilige und kluge Art dieses Buches gut gefallen. Da ich das Buch selbst nicht kenne, vergebe ich dieses Mal keine Sterne.
Wer sich dafür interessiert, was Michael Lorenz, der selbst DJ ist, macht, kann hier mehr über ihn erfahren: www.rollingstock.info








Am letzten November-Freitag ging es um ein Buch, das Lesern gefällt, die Absurdes und Abseitiges lieben. Der Finger im Revolverlauf von Carlo Manzoni ist in der deutschen Ausgabe bereits vor 53 Jahren erschienen und - wie der Untertitel verrät - ein Super-Thriller. Der Privatdetektiv Chico und sein cleverer Hund Greg vollbringen ermittlerische Heldentaten, von denen normale Polizisten nur träumen können. Wenn die Reviere voll von Ermittlerduos ihres Schlages wären, wäre die Kriminalität längst ausgerottet. Vermutlich. Vielleicht. Ein bisschen. Man weiß es nicht. Wie auch immer: Die kriminalistische Arbeit kommt mit genug Bourbon im Glas erst so richtig in Schwung. Da ist dann auch das Stoppen einer Revolverkugel mit dem Zeigefinger im Lauf kein Problem mehr. Ein lustiges Buch, wofür ich mich bei Bettina Schnerr nochmals herzlich bedanke.

Aber: Funktioniert das eigentlich? Kann man den Abschuss einer Patrone stoppen, indem man einen Finger in den Lauf steckt? Dieser Frage sind die Mythbusters nachgegangen. Bei ihnen war es kein Revolver, sondern eine alte Flinte, aber ich will jetzt mal nicht so pingelig sein.








Das war es schon wieder. Schaut wieder rein bei den Rezensionen im Dezember.






Freitag, 4. November 2016

# 74 - Ein Familiendrama in Schweden


Ein Wettlauf um das Nicht-Sterben


Hoch im Norden Schwedens, im entlegenen Kaff Övreberg: Eine Autorin von mittelmäßigen Traktaten, schriftstellerisch eher erfolglos, verschlägt es auf ihrer Vortragsreise in den ungeheizten Gemeindesaal des Ortes, wo eine Handvoll gelangweilte Zuhörer auf sie wartet. Sie ist Mitte vierzig, alleinstehend und wirkt, als habe sie ihr Leben bereits gelebt. So beginnt der Roman Hummelhonig des schwedischen Schriftstellers Torgny Lindgren.

Was ist stärker: Liebe oder Hass?


Am Ende ihres Vortrags wird die Schriftstellerin vom alten Hadar aufgefordert, bei ihm zu übernachten. Sie ist nicht misstrauisch: Vermutlich hatte der Veranstalter die Gelegenheit genutzt, ihr eine möglichst billige Unterkunft zur Verfügung stellen zu können. Und es ist ja auch nur für diese eine Nacht.
Hadar ist kein Mensch, der viele Worte macht. Doch schon während der Autofahrt zu seinem einsamen Häuschen sagt er ihr, dass er Krebs habe und bald sterben werde. Aber das mit dem Sterben, fügt er hinzu, das sei noch nicht ganz so eilig. Schon kurz darauf erfährt die Autorin, was den alten und todkranken Mann davon abhält, sich trotz aller Schmerzen und Leiden ein schnelles Ende zu wünschen. In Rufweite von Hadars  Haus befindet sich ein fast identisches Gebäude. Am Rauch, der dem Schornstein entweicht, erkennt die Besucherin, dass dort jemand lebt. Hadar gibt auf ihre Fragen nur widerwillig Antwort: Er erzählt kurz und knapp, dass dort sein herzkranker Bruder Olof wohne, der genau wie er auch nicht mehr lange zu leben habe. Da begreift die Autorin, worum es hier eigentlich geht: Die beiden Brüder, die einander in einer Hassliebe verbunden sind, weigern sich beide, vor dem jeweils anderen zu sterben.
Aus der Abreise der Besucherin am nächsten Morgen wird nichts: In der Nacht ist so viel Schnee gefallen, dass das Autofahren unmöglich geworden ist. Sie entschließt sich, noch etwas bei Hadar zu bleiben und dem todkranken Mann beizustehen. Aber ihr lässt der Gedanke daran, dass wahrscheinlich auch Olof Hilfe braucht, keine Ruhe. Während sie sich um die beiden Brüder kümmert, die schon seit langer Zeit nicht mehr miteinander gesprochen haben, erfährt sie im Laufe des Winters von dem Drama, das sich viele Jahre zuvor zwischen ihnen abgespielt hat: von der Frau, die zuerst zu Olof gehörte und sich dann Hadar zuwandte, und von dem Sohn, für den die beiden Alten jeweils die Vaterschaft reklamieren. Das Drama hatte seinen Höhepunkt in zwei Toten. Doch weder Hadar noch Olof ist es möglich, einander zu verzeihen.

Zwei Brüder wie Feuer und Wasser


Lindgren zeichnet das Bild von zwei Brüdern, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Hadar ist klapperdürr und hat eine Vorliebe für deftige, salzige Speisen. Olof hingegen hat eine ausgeprägte Vorliebe für Süßes und behauptet sogar, der Inhalt seiner aufgeplatzten Pusteln schmecke köstlich. Die Völlerei hat ihn fett und fast bewegungsunfähig gemacht. Die einzige Verbindung, die es in den letzten Jahren zwischen ihnen gegeben hat, ist eine Katze, die sich abwechselnd in den beiden Häusern aufhält. Für den einen Bruder ist es eine Katze, für den anderen ein Kater.
Dann kommt der Tag, an dem Olof die Autorin bittet, Hadar in seinem Namen ein Geschenk zu überreichen. Während Hadar die Knoten aufbindet, wallt in ihm die Idee von der Brüderlichkeit auf: Es sei eine Ehre, Bruder zu sein, und wem sonst als seinem Bruder könne man einen so großen Pappkarton schenken? Doch was er findet, versetzt ihm einen Schock: die Katze, mit dem vom Körper abgetrennten Kopf und entfernten Geschlechtsteilen. Jetzt scheint es tatsächlich keine Rolle mehr zu spielen, ob das Tier ein Kater oder eine Katze gewesen ist.

Ein Roman um zwei archaische Leben in Nordschweden


Die Besucherin verbringt den ganzen Winter in der schwedischen Einöde mit der Pflege der beiden Männer und als deren Botin. Obwohl sie über lange Strecken eher unbeteiligt wirkt, schafft sie es, mit einer Lüge dem Drama ein Ende zu bereiten.
Hummelhonig ist ein sehr eindringliches Buch, das seine Leser nicht nur beobachten lässt, sondern sie in die Handlung hineinzieht. In der Welt dieses Romans sind die kleinen Bösartigkeiten, die die Brüder sich in der Vergangenheit zugefügt haben und sich noch immer zufügen auch deshalb allgegenwärtig, weil es anstrengender ist, sich gut und menschlich zu verhalten.

Hummelhonig ist in der deutschen Fassung 1997 im Carl Hanser Verlag erschienen. Das Buch ist heute nur noch antiquarisch erhältlich.

Freitag, 19. August 2016

# 64 - Es geht heiter weiter

DER Leitfaden für angehende Krimiautoren

 

Mit Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben hat der schwedische Autor Henrik Lange sehr humorvoll das Schema der Krimis aufs Korn genommen, die aus dem Land der Elche und 1.000 Seen stammen. Lange hat bereits mehrere Comic-Bücher herausgebracht, und dieser "Ratgeber" ist nichts anderes: ein Comic, in dessen Beschreibungen des Kommissars, des Opfers, des Täters und anderer Personen wir sofort die Protagonisten aus den bekanntesten schwedischen Krimis wiedererkennen. Der Autor stellt in eingestreuten 4-Bild-Comics die seiner Ansicht nach wichtigsten schwedischen Krimis vor, an denen sich die Nachwuchsautoren orientieren können: Da findet sich das Autorenduo Sjöwahl/Wahlöö neben dem allseits bekannten Henning Mankell und dem mindestens ebenso bekannten Stieg Larsson. Aber Achtung: Auch Astrid Lindgren wird von ihm genannt. Na klar: Meisterdetektiv Blomquist ist ein lupenreiner Schwedenkrimi!

Unverzichtbar:  der Kommissar

 

Ganz klar: Ohne ihn geht nichts! Selbstverständlich ist er ein irgendwie kaputter Typ: Alkohol, Zigaretten, Übergewicht, ein Magengeschwür und seine gescheiterte Ehe, aus der eine Tochter hervorging, bestimmen maßgeblich sein Leben. Kurz: Er muss so wie hier sein und aussehen.

Ein erfolgsverwöhnter Traumtyp also. Aber nur er allein macht noch keinen Schwedenkrimi aus. 

Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum Erfolg: die Wahl der richtigen Figuren

 

Wir reden hier nicht über Wirtschaftskrimis, sondern solche, bei denen Köpfe rollen. Zumindest sinnbildlich. Wir brauchen also unbedingt ein Mordopfer. Selbstredend hat Henrik Lange den passenden Tipp parat:

Alles klar? Dann geht es weiter mit den übrigen Figuren, denn ein Krimi, in dem es nur einen Kommissar und ein Mordopfer gibt, reißt niemanden vom Hocker. Hier hält der Autor eine ansehnliche Bandbreite bereit, wobei ich mich jetzt auf zwei Personen beschränke: die investigative Reporterin und die alte Frau.


So ganz nebenbei enthält dieses Bild noch einen weiteren Hinweis, wie sich der schriftstellerische Ruhm eines Krimiautors quasi im Vorbeigehen mehren lässt: Der Schauplatz des Verbrechens sollte ein kleiner Ort sein, den kaum jemand kennt. Hier eben Bollebygd. Warum? Diese kleinen Orte fühlen sich einerseits geschmeichelt, endlich genannt und wahrgenommen zu werden, und andererseits kurbelt so etwas gehörig den Tourismus an! Die Freude der Einwohner über diesen Effekt wird so groß sein, dass der Autor des Schwedenkrimis mit Ehrungen überhäuft und in der Lokalpresse (mindestens!) sehr wohlwollend erwähnt wird. Dadurch wird automatisch der Buchverkauf angekurbelt.

Ein unverzichtbarer und todsicherer Leitfaden

 

Spätestens jetzt sollte klar sein: Wer noch nie einen Schwedenkrimi geschrieben hat, das aber noch plant, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Ist es übertrieben, es als künftiges Standardwerk für dieses Literaturgenre zu bezeichnen? Die Leser von Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben mögen sich selbst ein Bild machen, denn ich habe hier die zahlreichen Hinweise und guten Ratschläge von Henrik Lange nur grob umrissen. Sehr, sehr grob.  


Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Ich bedanke mich außerdem beim Goldmann Verlag und dort namentlich bei Barbara Henning für die Erlaubnis, die abgebildeten Cartoons hier zeigen zu dürfen.
Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben kostet als Taschenbuch 12,99 Euro und als Kindle- oder epub-Edition 9,99 Euro.

Freitag, 5. August 2016

# 62 - Ein Leben im Großraumbüro


Ein hochgelobter Roman um den modernen Büroalltag


Björn ist die Hauptfigur im Roman Das Zimmer des schwedischen Autors Jonas Karlsson und ein Mensch, der von seinem Arbeitsverhalten restlos überzeugt ist. Er sieht sich als cleveren Mitarbeiter, zu dem die Kollegen aufschauen sollten. Tun sie es nicht, liegt das nur an ihnen.
So war es auch mit seinem letzten Job gewesen: Björn hatte sich ständig unterfordert gefühlt und sich nicht immer mit den Kollegen gut verstanden. Eines Tages hatte ihm sein ehemaliger Chef nahegelegt, an seiner Karriere zu arbeiten und etwas aus sich zu machen. Das leuchtete Björn ein. Er wechselte ohne Komplikationen zu einer neuen und sehr großen Behörde in Stockholm. Wäre man böswillig, könnte man Björn als einen "Wanderpokal" bezeichnen.

Kollegialität? Was soll das sein? Wer braucht das?


Björn stellt an seinem neuen Arbeitsplatz fest, dass er im Vergleich zu seinem alten mit einigen Verschlechterungen leben muss. Das trübt jedoch nicht seinen Optimismus. Wie gewohnt teilt er sich seine Arbeitszeit in ein festes Schema ein, das er strikt einhält: Nach 55 Minuten konzentrierter Arbeit folgen fünf Minuten Pause, in denen auch der Toilettengang erledigt werden muss. Er arbeitet sich intensiv in seine neuen Aufgaben ein und nutzt dafür sogar das Wochenende. Björn möchte sich möglichst schnell einen Vorsprung verschaffen, der ihn aus der Masse der Kollegen positiv heraushebt. Sein Ziel ist es, irgendwann zur Führungsebene dieser Behörde zu gehören.
Björn beginnt sofort, sein neues Umfeld zu analysieren und bei jedem Menschen dessen Stärken und Schwächen herauszufinden. Echte Sympathien kann er für keinen der 22 Kollegen aufbringen, die mit ihm in der Abteilung zusammenarbeiten.
Selbstverständlich fragt er auf der Suche nach Kopierpapier auch niemanden danach, wo es normalerweise aufbewahrt wird, sondern streift selbst auf der Etage herum. Dabei öffnet er zufällig die Tür zu einem kleinen Zimmer, das wie ein Büro eingerichtet ist und sich neben der Altpapiertonne und dem Fahrstuhl und hinter den Toiletten befindet. Der Raum ist akkurat aufgeräumt und staubfrei, alles ist genau an seinem Platz. Björn hat das deutliche Gefühl, dass dieses Büro auf jemanden wartet. Auf ihn.

Wer spinnt hier wirklich?


Niemand außer Björn scheint das Zimmer zu kennen. Aber für ihn wird es wie eine zweite Heimat: Dort kann er sich am besten konzentrieren und ungestört seine Akten bearbeiten. Doch Björn ist irritiert, dass niemand außer ihm dieses Zimmer zu sehen scheint. Sind um ihn herum tatsächlich alle zu blöd, um wahrzunehmen, was für ihn offensichtlich ist? Oder wollen sie ihn gemeinsam in den Wahnsinn treiben? Er überprüft den Grundriss seiner und der darüber liegenden Etage und muss feststellen, dass dieses Zimmer irgendwie nicht hineinpassen kann. Was wird da vor ihm verheimlicht?
Die Situation spitzt sich zu, als sowohl seine Kollegen als auch sein Chef ihn misstrauisch beäugen und ihm immer distanzierter begegnen. Björn kann sich ihr Verhalten zuerst nicht erklären, aber dann wird er von Håkan direkt gefragt, was er „da“ eigentlich mache, wenn er so im Toilettenflur herumstehe. Björn wird mit aller Deutlichkeit klar, dass seine Kollegen ihn für einen verschrobenen Spinner halten und ihm die Existenz des kleinen Zimmers nicht glauben. Doch er weiß sich zu helfen: Er beruft eine Versammlung aller Kollegen ein und fordert sie einer nach dem anderen auf, in diesen Raum, den sie angeblich nicht kennen, einzutreten. Als Björn sieht, dass sich die ganze Abteilung in dem kleinen Zimmer versammelt hat, ist er sicher, ihren Scherz entlarvt zu haben. Doch er irrt sich, und die Situation eskaliert.

Ausgewachsene Psychose oder ausgefeiltes Mobbing?


Björn ist ohne Frage ein Kollege, wie ihn sich niemand selbst freiwillig aussuchen würde. Er ist über alle Maßen von seiner Großartigkeit überzeugt und der Meinung, dass ihm keiner ernsthaft das Wasser reichen kann. Es bleibt ihm unbegreiflich, dass es anderen Menschen so schwer fällt, sein Genie zu erkennen. Eine Weihnachtsfeier, die die Kollegen als willkommene Abwechslung vom Arbeitsalltag betrachten, ist für ihn nur albernes Getue, das unnötig Zeit kostet. Ob sein Verhalten krankhaft oder er einfach nur eine Nervensäge ist, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen.
Im Klappentext wird davon gesprochen, dass sich der Autor „mit der Konformität in der modernen Arbeitswelt“ beschäftigt. Das, was Jonas Karlsson in Das Zimmer beschreibt, hat allerdings weniger mit Anpassung und Gleichheit, als vielmehr damit zu tun, dass die Hauptperson Björn eine ausgewachsene Klatsche hat.
Das Buch hat mich leider nicht überzeugt und ich habe mich gefragt, wo ich während meiner eigenen Jahre in verschiedenen Behörden war, dass ich nichts von dem, was Karlsson hier beschrieben hat, wiedererkannt habe. 

Das Zimmer ist im Luchterhand Literaturverlag erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet als gebundene Ausgabe 17,99 €, als Audio-CD 16,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 13,99 € und als Hörbuch-Download 12,95 €.