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Montag, 9. Juni 2025

# 477 - Es hätte so schön sein können: der Weltfrieden in Reichweite

Wir sind im Jahr 1983. In Jakob Heins Roman Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste geht es um eine Geschichte, die es so zum Teil gegeben hat, wobei man zugeben muss, dass sowohl der erdachte als auch der wahre Inhalt live aus Absurdistan stammen könnten. 

Grischa Tannberg hat gerade sein Studium beendet. Er ist im seiner Meinung nach verschlafenen Gera aufgewachsenen und träumt von einer Stelle in Berlin. Das klappt, denn seine Eltern sind linientreu und einflussreich. Grischa wird in der Staatlichen Plankommission eingesetzt, die in der DDR für die Koordinierung, Erstellung und Überwachung der Fünfjahrespläne zuständig war.

Grischas Erwartungen, sein Wissen einbringen und etwas leisten zu können, werden von seinem Vorgesetzten Ralf Burg abgebremst. Die beiden sind für die Wirtschaftskontakte mit dem Bruderland Afghanistan zuständig. Doch Burg macht seinem neuen Kollegen klar, wo das Problem ist: Die Afghanen freuen sich über Waren aus der DDR, haben aber selbst nichts, was sie den Deutschen verkaufen könnten. Für die beiden Männer gibt es nichts zu tun als die Zeit totzuschlagen und Produktivität vorzutäuschen. "Kunstvolles Warten" nennt Burg das und bittet Grischa um Diskretion. Um seinen Vorgesetzten jedoch klarzumachen, dass er, Burg, vor Arbeit fast absäuft, wurde ihm auf seinen Antrag eine zusätzliche Stelle bewilligt, auf der nun Grischa sitzt. Ein bisschen Theater spielen ist eben alles.

Doch so leicht gibt sich Grischa nicht geschlagen. Nachdem er sich alles verfügbare Wissen über das ferne asiatische Land angeeignet hat, kommt er auf die zündende Idee, wie eine Handelsbeziehung zwischen der DDR und Afghanistan aussehen könnte: Dort, in 5.000 Kilometern Entfernung, gibt es Hanf-Felder so weit das Auge reicht. Mehr als genug, um von dort Medizinalhanf zu importieren und die "afghanischen Bauern in ihrem Freiheitskampf" zu unterstützen. Selbstverständlich hat er mit Burgs Ablehnung gerechnet und sich darauf vorbereitet: Dessen Einwand, nicht "mutwillig Rauschgift importieren" zu wollen, kontert Grischa mit der Bemerkung: "Aber das machen wir doch schon! Wir versorgen die Bevölkerung kontinuierlich mit Alkohol, Nikotin und Koffein, das haben Sie selbst gesagt. [...] Gegen Cannabis gibt es derzeit keine offizielle Parteilinie." 

Bei so viel sozialistischer Argumentation kann kein Chef "Nein" sagen. Und so kommt es, dass Grischa, Burg, eine Biologin und eine strenge Stasi-Offizierin nach Afghanistan fliegen und die erste Charge einkaufen. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Berlin organisieren sie die Eröffnung eines deutsch-afghanischen Freundschaftsladens am Grenzübergang Invalidenstraße, in dem es offiziell landestypische Ware aus dem sozialistischen Bruderland gibt: Mützen, Schals und dergleichen. Das Cannabis ist als Bückware erhältlich. Selbstverständlich wird nicht in Mark der DDR, sondern in D-Mark bezahlt. 

Innerhalb weniger Tage spricht sich das ungewöhnliche Angebot herum und der Hanf findet reißenden Absatz, denn der Stoff ist sehr hochwertig und kann gegen eine Quittung legal gekauft werden. Das schlägt Wellen bis nach Bonn ins Ministerium für innerdeutsche Beziehungen. Auch dort herrschte bislang gepflegte Langeweile. Die Meldung vom schwunghaften Cannabis-Handel an der innerdeutschen Grenze reißt die Behörde jedoch aus ihrer Schläfrigkeit. Es kann und darf nicht sein, dass die bundesdeutsche Bevölkerung durch die Hintertür mit dem Rauschmittel versorgt wird. Eine Rechtsreferendarin wird beauftragt, einen Plan gegen diese perfide Aktion auszuarbeiten. Ihr Vorschlag: D-Mark gegen eine Beendigung des Cannabis-Verkaufs. Viel D-Mark.

Lesen?

Jakob Hein bastelt eine aberwitzige Geschichte um eine wahre Begebenheit. 1983 stand die DDR am finanziellen Abgrund, aus dem ihr auch die UdSSR nicht heraushelfen konnte. Damals fädelte der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit ein, der höchstwahrscheinlich die Existenz der DDR verlängerte. Im Gegenzug sagte die DDR-Regierung unter anderem zu, Familienzusammenführungen und Ausreisen zu erleichtern und Selbstschussanlagen abzubauen. Der Vorgang wurde wie in einem Agenten-Thriller abgewickelt und bezog die Mitarbeit eines bayrischen Großschlachters ein. 

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste ist ein sehr witziges Buch, dass das damalige deutsch-deutsche Verhältnis, das lange Zeit sehr angespannt war, auf die Schippe nimmt und für Lacher sorgt. Egal, ob man dabei nach Ost oder West schaute: Auf dem Feld der Bürokratie waren beide Staaten spitze.

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste ist 2005 bei Galiani Berlin, einem Inprint des Verlags Kiepenheuer & Witsch, erschienen und kostet gebunden 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro (befristet 4,99 Euro).

Nachtrag: Wer mehr über den Milliardenkredit der BRD an die DDR wissen möchte, wird hier gut informiert.




Sonntag, 24. Juli 2022

# 357 - Man(n) muss sich nur zu helfen wissen - auf finnische Art

Antti Tuomainen ist ein in Finnland bekannter
Bestsellerautor, der mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde. Hier sagt sein Name den meisten Menschen nichts, aber das sollte sich ändern. Sein Buch Der Kaninchenfaktor war in kürzester Zeit auf Platz 1 der finnischen Buch-Charts.

Kann jemand, dessen ganzes 42-jähriges Leben bislang in geordneten Bahnen verlaufen ist und der sich in seinem Single-Dasein halbwegs gemütlich eingerichtet hat, von einem Moment auf den anderen eine 180°-Kehrtwende hinlegen? Wenn alle bisherigen Gewissheiten plötzlich nichts mehr gelten, wirft das so einen Menschen nicht völlig aus der Bahn? Der Versicherungsmathematiker Henri Koskinen hat keine Zeit, an diese Überlegung auch nur eine Sekunde zu verschwenden.

Henri hat einen ausgeprägten Hang zur Akribie. Ob es um seine Arbeit bei einem Versicherungsunternehmen oder sein Privatleben geht: Er berechnet alles, was sich berechnen lässt, bis auf die letzte Dezimalstelle. Doch die Situation im Büro hat sich sowohl zwischenmenschlich als auch räumlich geändert, und Henri weigert sich, sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Das hat Folgen: Er wird von einem auf den anderen Tag arbeitslos. Seine kleine Welt ist aus den Fugen geraten.

In diese ausweglos scheinende Situation platzt ein Anwalt, der Henri die Nachricht vom Tod seines Bruders Juhani überbringt. Die beiden Geschwister standen sich nicht besonders nah und sahen sich sehr selten. Deshalb fühlt Henri auch keine besondere Trauer. Doch der Jurist hat noch eine weitere Nachricht im Gepäck: Der Bruder hat Henri zum Alleinerben seines Vermögens bestimmt, das einzig aus einem Abenteuerpark mit dem sinnigen Namen DeinMeinFun besteht. Den ersten Hinweis, dass es mit dem Park Probleme geben könnte, gibt der Verstorbene in seinem Testament: "Die Finanzen des Parks sind in einer gewissen Schieflage", soll sich als Untertreibung des Jahres herausstellen. 

Der Fehlbetrag von rund 63.000 Euro ist Henri zunächst ein Rätsel, weil DeinMeinFun viele Familien anzieht, die die Kasse klingeln lassen. Die Erkenntnis, was der Grund für die rätselhaften Geldabflüsse sein könnte, kommt Henri, als sich zwei dubiose Herren in seinem Büro einfinden. Es stellt sich heraus, dass Juhani Spielschulden und sich bei der örtlichen Mafia zu Wucherzinsen Geld geliehen hatte. Der absurd hohe Zinssatz führt zu einem explosiven Anstieg der Schulden, die Henri nach Meinung der beiden Kriminellen nun geerbt hat. Aber Henri ist zu ihrem Ärger nicht bereit, klein beizugeben. Das hat Folgen: Nach Feierabend lauert ihm ein Killer auf dem Parkgelände auf. Henri tötet den Angreifer mit dem überdimensionalen Metallohr eines riesigen Deko-Kaninchens. Hat die Bedrohung damit ein Ende?

Lesen?

Der Kaninchenfaktor ist ein witziges Buch mit vielen unerwarteten Wendungen. Antti Tuomainen scheint sich an Murphys Law "Alles, was schiefgehen kann, geht schief", gehalten zu haben, als er den zu Anfang überkorrekten und eigenbrötlerischen Henri von einer Herausforderung in die nächste stolpern lässt. Aber auf den spröden Versicherungsmathematiker passt auch die Redewendung: "Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben." Henri verschreibt sich ganz der Rettung des Parks und findet überraschend die Liebe - die ihm kurze Zeit später schon wieder zwischen den Fingern zerrinnt.

Henris Hang zu Logik und Berechenbarkeit spielt für die Handlung eine große Rolle, aber Tuomainen lässt seinen Protagonisten nicht wie einen Fachidioten aussehen, sondern erklärt, wie dessen Wunsch, ein berechenbares Leben zu führen, entstanden ist. Da hat man Mitleid mit dem gebeutelten Mann.

Der Kaninchenfaktor ist 2021 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als Paperback 16 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro. 
Im kommenden Herbst wird die Fortsetzung des Romans mit dem Titel Das Elch-Paradoxon erscheinen.

Samstag, 11. Juni 2022

# 351 - Lass dich mit Achtsamkeit durchs Leben tragen, damit du es behältst

Björn Diemel könnte ein glücklicher und zufriedener
Mensch sein: Er verdient als angestellter Anwalt in einer Gemeinschaftskanzlei viel Geld, ist verheiratet und hat eine süße zweieinhalbjährige Tochter namens Emily, an der er sehr hängt. Doch die Hauptperson in Karsten Dusses Kriminalkomödie Achtsam morden hat gerade keinen guten Lauf: Seine Frau Katharina beklagt sich über seine mangelnde Aufmerksamkeit ihr und besonders Emily gegenüber und Björn ist zwischenzeitlich klar geworden, dass er niemals seinen Traum, Kanzleipartner zu werden, erreichen wird. Der Grund: Er hat mit seinem Mandanten Dragan zwar eine hochlukrative und stetig sprudelnde Einnahmequelle, aber den Schwerkriminellen zu vertreten wird intern als "Bäh-Mandat" bezeichnet. Man freut sich über den nie versiegenden Honorarstrom, will sich aber offiziell nicht die Finger schmutzig machen. Klar, dass sich bei einem Mann wie Dragan die anwaltliche Vertretung nicht auf gelegentliche Auftritte bei der Polizei und vor Gericht beschränkt. Björn schrammt sehr oft hart am Rand der Legalität entlang.

Um eventuell die Ehe, aber auf jeden Fall die Vater-Tochter-Beziehung zu Emily zu retten, wird Björn von Katharina zu einem Achtsamkeitstraining gezwungen. Zwölf Wochen lang soll sich der gestresste Jurist auf einen Trainer einlassen, der ihm nach und nach zeigt, wie man sein Leben entschleunigt und wieder mit sich ins Reine kommt. Das Konzept der Zeitinseln, die man nur für sich und seine eigenen Bedürfnisse reserviert, gefällt Björn. Doch sein Mandant Dragan kann mit so einem Gedöns nichts anfangen: In einer spektakulären Aktion hat der Verbrecher auf einem Autobahnparkplatz den engsten Vertrauten eines Clanchefs gemeuchelt, mit dem er seit Jahren verfeindet ist. Dummerweise wurde die Tat von fünfzig Schulkindern gefilmt, die in einem Reisebus saßen, der gerade auf den Parkplatz einbog... 

Dragan verlangt von Björn, ihm beim Untertauchen zu helfen. Dass Björn gerade im Begriff war, mit Emily in ein gemeinsames Wochenende an einem See aufzubrechen, interessiert den Kriminellen nicht. Dank des Achtsamkeitstrainings mitsamt des zugehörigen Trainingsbuches gelingt es Björn, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Er verbringt eine schöne Zeit mit seiner Tochter und findet für Dragan eine "Lösung". Diese Art der "Lösung" zieht jedoch weitere Probleme nach sich, sodass sich Björn bald in Lebensgefahr befindet. Aber viele Schwierigkeiten lassen sich bewältigen, wenn man die Achtsamkeit nicht aus den Augen verliert.

Lesen?

Karsten Dusse ist Rechtsanwalt, hat sich aber auf den unblutigen Bereich des Miet- und Eigentumsrechts spezialisiert. Den häufig strapazierten Begriff der Achtsamkeit hat er mit sehr viel Humor für sein Buch genutzt: Sein Protagonist Björn Diemel schafft es, alle Schwierigkeiten, die zunächst unlösbar erscheinen - vom fehlenden Kindergartenplatz für Emily bis zur "Ruhigstellung" von Schwerkriminellen, die ihn bedrohen - mit kühlem Kopf und gezieltem Atmen sowie der strikten Beachtung aller Achtsamkeitsregeln in den Griff zu kriegen. 

Dusse gelingt es erfreulicherweise, auch die blutigsten und ekelhaftesten Szenen nicht in effektheischerischen Splatter abgleiten zu lassen, sodass man sich tatsächlich auch dann noch amüsieren kann, wenn buchstäblich die Köpfe rollen.

Achtsam morden ist kein Achtsamkeitsratgeber, sondern Unterhaltung. Unter diesem Vorzeichen sollten auch die Passagen aus dem fiktiven Buch des Achtsamkeitstrainers gelesen werden.

Das Buch ist 2019 im Heyne Verlag erschienen und kostet sowohl als Taschenbuch als auch E-Book 10,99 Euro sowie als Hörbuch 11,99 Euro. Das Hörbuch wurde von Matthias Matschke gelesen und erhielt 2020 den Deutschen Hörbuchpreis.

Freitag, 15. Januar 2021

# 273 - Aus dem geheimen Eheleben des Paares Merkel/Sauer

Die männliche Hälfte von Deutschlands Third Couple
muss sich wohl einiges von der Seele reden. Was genau, hat sich ein Autorenteam überlegt und Joachim Sauer Worte in den Mund gelegt, die einen tiefen Blick in das Eheleben der Bundeskanzlerin und und des Chemie-Professors möglich machen. Wollen wir diese ganzen Alltagsdetails wirklich immer so genau wissen? Doch, doch, wollen wir! Neigt der Mensch nicht sowieso zum Voyeurismus?

Das Hörbuch Das total gefälschte Geheim-Tagebuch vom Mann von Frau Merkel wird von Christoph Maria Herbst gesprochen, der diesen Part so gut übernimmt, dass man mit Joachim Sauer mitfühlt und -denkt. Merkels Gatte wird als ein liebenswerter Mensch charakterisiert, der oft gedanklich noch im Jahr 1989 festhängt und sich über die vielen Neuerungen unserer Zeit wundert, die für den Rest der Welt ganz selbstverständlich zu sein scheinen. Kann es nicht sein, dass der Begriff "Neuland", der der Kanzlerin im Zusammenhang mit dem Internet zugeschrieben wird, eigentlich aus dem Mund ihres Mannes stammt?

Joachim Sauer kommt in diesem Buch ziemlich gut weg. Ein paar liebenswerte Schrullen hat doch jeder, oder? Er liebt seine Frau, hat keine Ahnung, was sie den ganzen Tag über macht und hadert mit seiner eigenen Bedeutungslosigkeit. Was ist schon ein langweiliger Professor gegen eine Bundeskanzlerin, die die Wichtigen dieser Welt trifft und ständig um den Globus jettet? Wenn er über die Kanzlerin spricht, ist mal von "Mutti" und mal von "Angela" die Rede.

Sauer ist stolz auf seine Angela, ärgert sich allerdings über einige "Störgeräusche": Regierungssprecher Seibert ist ihm zu arrogant und zeigt ihm durch sein Schweigen, auf welcher Stufe der Hühnerleiter sich der Kanzlerinnengatte einzuordnen hat.

Und dann ist da noch Beate Baumann, Angela Merkels Büroleiterin und engste Vertraute. Sauer hat oft den Verdacht, dass "die Baumann", wie er sie verächtlich nennt, ihn von seiner Frau abschirmt und ihr mehr Essen zusteckt, als es Angela guttut. Der Beweis: Die Kleiderprobe vor wichtigen Anlässen endet für Merkel regelmäßig damit, dass sie neue Blazer oder ein weiteres Kleid braucht.

Manchmal kocht und backt Angela Merkel auch. Über die Qualität dessen, was ihre Küche verlässt, sind sich alle insgeheim einig. Die zum Eintopfessen eingeladene Ministerriege trifft sich vorher beim angesagten Lieblingsitaliener, und der Apfelkuchen, den Merkel an ihre Sicherheitsbeamten verschenkt, wird von denen gleich an das BKA weitergegeben: "Damit bringt der Mossad iranische Wissenschaftler um", heißt es zur Begründung.

Sehr witzig ist z. B. die Charakterisierung von Ursula von der Leyen: Sauer trifft die Ministerin, als diese gerade auf einem Laufband trainiert. Gleichzeitig telefoniert sie mit ihrer Tochter und tippt mit der freien Hand eine Presseerklärung. An anderer Stelle baut sie ein IKEA-Möbelstück nicht mit Werkzeug, sondern allein mit Willenskraft auf. Fähigkeiten, die man sich selbst auch dann und wann wünscht.

Das Sauer-Tagebuch deckt den Zeitraum vom 31. Dezember 2011 bis zum 22. Januar 2013 ab. Da passiert einiges: Christian Wulff tritt von seinem Amt als Bundespräsident zurück, Joachim Gauck wird sein Nachfolger und die Fußball-WM in Polen und der Ukraine findet statt, um nur ein paar Eckdaten zu nennen. Und Angela ist immer irgendwie mittendrin.

In den knapp dreieinhalb Stunden Hörzeit kommen gefühlt alle Persönlichkeiten vor, die damals in der Politik mitmischten oder anders mit der Kanzlerin in Verbindung standen: die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, Merkels Frisör Udo Walz und der französische Präsident Nicolas Sarcozy. Sie und noch etliche andere Personen bekommen von Joachim Sauer ihr Fett weg - die einen mehr, die anderen weniger. Ein paar Personen sind wieder oder immer noch aktuell, über andere spricht heute kein Mensch mehr. 

Hören?

Ich hatte nach einem Buch Ausschau gehalten, das mich zum Lachen bringt. Christoph Maria Herbst hat es so gut vorgetragen, dass das geklappt hat. Man darf jedoch nicht zu zartbesaitet sein und sollte hin und wieder Abstriche machen, wenn es um die Political Correctness geht: Da bleibt immer wieder Wolfgang Schäuble mit seinem Rollstuhl in zu engen Toilettentüren stecken, und die Lebenspartnerschaft von Guido Westerwelle und Michael Mronz scheint bei Herrn Sauer ein gewisses Befremden auszulösen. Wer damit umgehen kann, ist mit diesem Hörbuch sehr gut bedient.

Das total gefälschte Geheim-Tagebuch vom Mann von Frau Merkel wurde 2013 als Argon-Hörbuch herausgebracht und kostet 34,15 Euro. Das Taschenbuch ist im Fischer Verlag erschienen und kostet 9,99 Euro.

Samstag, 5. September 2020

# 255 - Meissener Porzellan ist immer begehrt

Johann Friedrich von Allmen ist durch eine Erbschaft zu Reichtum gekommen. Doch die Titelfigur des Romans Allmen und die Erotik von Martin Suter ist zwar gut darin, das Geld mit vollen Händen auszugeben, aber schlecht im Geldverdienen. Glücklicherweise gibt es da aber Carlos, der für Allmen sowohl Hausangestellter als auch Geschäftspartner bei der auf der Wiederbeschaffung von Kunstwerken spezialisierten Agentur 'Allmen International Inquiries' ist, als auch dessen Partnerin Maria, die für die dringend nötige Bodenständigkeit in diesem Haushalt sorgt. Das Paar lebt illegal in der Schweiz.

Wenn die Schulden zu groß werden, wird Allmen in der Wahl, diesem Zustand abzuhelfen, nicht zimperlich. Und so erwischt ihn der Wachmann Krähenbühler beim Stehlen eines Farbergé-Eis aus einer Vitrine der literarischen Gesellschaft Sternwald. Da der Vorgang auf Krähenbühlers Smartphone per Video festgehalten ist, ist Allmen nun erpressbar. Diesen Umstand nutzt Krähenbühler, um Allmen von einem Geschäft zu "überzeugen": Seine Firma 'Allsecur' sorgt für das Verschwinden von Wertgegenständen und Allmens Agentur für deren wundersames Auftauchen.

Krähenbühler ist zu Ohren gekommen, dass in den Räumen der Firma 'Loginew International Transports & Relocation' eine wertvolle Sammlung mit Stücken aus altem Meissener Porzellan lagert. Vor allem diejenigen mit anzüglichen Motiven sind selten und unter Sammlern begehrt. Die Sicherheitsvorkehrungen des Lagerhauses sind allerdings lückenhaft, sodass Allmen und Carlos in der Not zu Dieben werden und einige Porzellanmodelle stehlen. Als der Eigentümer der Sammlung stirbt, wird dessen Enkelin Jasmin Alleinerbin - eine hübsche junge und nun auch reiche Frau, die in einer strengen Sekte keusch und fern von allem Weltlichen erzogen wurde. Der eitle Allmen verliert schon bei der ersten Begegnung sein Herz an sie. Was sind schon fünfundzwanzig Jahre Altersunterschied, wenn endlich die Richtige vor einem steht? Und was ist dagegen einzuwenden, Liebe und Wohlstand miteinander zu verknüpfen?

 

Lesen?

Allmen und die Erotik ist der fünfte Band rund um den veramten Lebemann Johann Friedrich von Allmen, einem Gentleman der alten Schule. Das Buch ist kein Krimi mit einem ausgeprägten Spannungsbogen oder gar viel Gewalt, sondern eher leicht und humorvoll, wobei die Handlung durch die Eigenarten der Hauptfiguren ihre Würze erhält. Für gute Unterhaltung ist gesorgt, zumal das Ende eine echte Überraschung bereithält.

Allmen und die Erotik  ist 2018 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 20 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book (epub) 10,99 Euro.

Freitag, 30. August 2019

# 210 - Pupsen in Norwegen

Jo Nesbø ist in Deutschland als Krimi-Autor bekannt: Mit Koma oder Leopard hat er sich hier viele Fans
gemacht.


Kaum jemand weiß jedoch, dass Nesbø auch Kinderbücher geschrieben hat: Zwischen 2007 und 2013 sind vier Bände der "Doktor Proktor"-Serie entstanden, in deren Mittelpunkt der alte, sehr kreative Professor aus Oslo steht.

Diese Rezension ist gleichzeitig der Start in eine Beitragsreihe, in der sich alles um Bücher aus Norwegen dreht. Warum Norwegen? Das Land ist in diesem Jahr der Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Ein Grund, mal näher hinzusehen. Das mache ich heute mit dem ersten Band der "Doktor Proktor"-Reihe: Doktor Proktors Pupspulver.

Die beschaulichste Ecke Oslos: die Kanonenstraße

Wenn man vom kindlichen Terror der Zwillinge Truls und Trym Thrane mal absieht, stimmt das auch. Bis zu dem Tag, an dem der kleine Junge Bulle zusammen mit seiner Mutter und seiner grässlichen fünfzehnjährigen Schwester in das gelbe Haus gegenüber von Lise einzieht. Lises beste Freundin ist kürzlich weggezogen, und dieser Junge da mit den kurzen feuerroten Haaren ist total interessant: Sein Wortschwall, der manches Wahre und eine Menge Ausgedachtes enthält, scheint nie zu versiegen. Außerdem ist er der winzigste Zehnjährige, den die Welt je gesehen hat. Und er kann 1A Trompete spielen. Sagt er.

Schon als die Möbelpacker das Haus, in dem Bulle mit seiner Familie künftig wohnen wird, einräumen, lernt der Junge Doktor Proktor kennen, der nebenan wohnt. Ein klapperdürrer Mann mit wirren, langen Haaren, der in einem blauen Kittel und mit einer Motorradbrille auf den Augen am Gartenzaun steht.

Doktor Proktor entpuppt sich schnell als einigermaßen genial, aber chronisch erfolglos. Aber ihn zeichnet aus, dass er niemals aufgibt. Das gilt auch für seine allerneueste Erfindung, die eigentlich ein Pulver gegen Heuschnupfen werden sollte, sich aber dann als Anti-Pupspulver herausstellt. Das ist Musik in Bulles Ohren, der fast sofort zum Forschungsassistenten ernannt wird und unerschrocken ein bisschen von dem Pulver löffelt. Das trockene Zeug rasch mit etwas von Doktor Proktors selbst kreierter Birnenbrause heruntergespült... Mit einem lauten Knall entfährt Bulle ein derart heftiger Pups, dass die Labortür auffliegt. Mit so einer Erfindung lässt sich doch bestimmt etwas anfangen, oder?

Wie war's?

Dieses Buch ist auf keinen Fall nur etwas für Kinder. Auch Erwachsene, deren Persönlichkeit sich ein paar infantile Züge bewahrt hat, haben ihre Freude daran. Jo Nesbø erzählt die Geschichte um den Professor, Bulle und Lise sehr anschaulich und witzig, aber nur "große Kinder" dürften bemerken, dass er gern auch mit einem Augenzwinkern auf sein Heimatland schaut. Eine Kostprobe, die gleich zu Beginn für den ersten Lacher sorgt:

"Es war Mai und die Sonne schien schon eine Weile auf Japan, dann Russland und Schweden. Jetzt ging sie auch über Oslo auf. Oslo ist die nicht besonders große Hauptstadt eines nicht besonders großen Landes namens Norwegen. Die Sonne schien sogleich auf das gelbe, eher kleine Schloss in Oslo. Hier lebt ein König, der so wenig zu bestimmen hat, dass es kaum auffällt."

Im weiteren Verlauf der Handlung wird es ein bisschen kriminell, die Polizei steckt die Falschen ins Gefängnis und ein Widerling erfährt nach über 30 Jahren eine verspätete Rache. Und das alles vor dem Hintergrund des 17. Mai, dem norwegischen Nationalfeiertag, der beinahe ohne Salutschüsse für den König geendet hätte.

Das Buch eignet sich für Kinder ab acht oder neun Jahren, denen klar ist, dass das Leben in der Natur aus Fressen und Gefressenwerden besteht.

Doktor Proktors Pupspulver ist 2008 in deutscher Übersetzung bei Arena erschienen und kostet als gebundenes Buch 13,99 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Die Buchverfilmung lief 2015 in den deutschen Kinos. In einer Nebenrolle ist Anke Engelke zu sehen. Hier ist der Trailer:

Freitag, 12. April 2019

# 192 - Lange Gespräche mit Gott

Axel Hacke ist den Lesern der Süddeutschen Zeitung
als Kolumnist bekannt. Wer seine Bücher gelesen hat, weiß, dass seine Geschichten von absurden Begebenheiten nur so wimmeln. Da macht Die Tage, die ich mit Gott verbrachte keine Ausnahme.

Gott hat Selbstzweifel

 

Hackes Erzähler ist verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern. Wenn er tagsüber in seinem Büro ist, hat er Gesellschaft von seinem Büroelefanten. Das handliche Tier war früher in seinem Kopf, wo es ihn vom Arbeiten abgehalten hat. Deshalb hat er ihn kurzerhand dort herausgeholt. Seitdem folgt ihm der Büroelefant beinahe auf Schritt und Tritt, unsichtbar für alle anderen.

Eines Tages sitzt der Erzähler auf einer Bank vor einem Wohnhaus, als sich ein älterer Herr neben ihm Platz nimmt. Aus einem offenen Fenster über ihnen ist ein Streit zu hören. In einer plötzlichen Bewegung schubst der Alte den Erzähler von der Bank, auf die nur einen Augenblick später ein großer Globus prallt, der aus dem geöffneten Fenster geworfen worden ist. Ohne den Einsatz des Seniors hätte der Erzähler von der schweren Kugel erschlagen werden können. Mit diesem Ereignis beginnt der Kontakt zwischen den beiden Männern.
Der alte Herr gibt schon bald zu, dass er derjenige ist, der hier auf der Erde als "Gott" bezeichnet wird. Aber der Erzähler erkennt bald, dass seine Vorstellung von Gott, dem Allmächtigen, ein paar Schönheitsfehler hat. Zunächst zeigt der Alte mit ein paar unterhaltsamen Tricks, was er so drauf hat, aber wenig später geht es ans Eingemachte. Er bringt seinen Gesprächspartner dazu, über sich, sein Leben und sein Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater nachzudenken. Dabei bleibt es aber nicht: Gott ist mit sich selbst alles andere als im Reinen, er hadert mit der Entwicklung seiner Schöpfung. Irgendwie ist alles so anders gekommen, als er es sich einmal vorgestellt hatte. Und das, obwohl die Welt, wie wir sie kennen, nicht seine erste war!
Gott ist auch mit dem Verhalten der Menschen ihm gegenüber unzufrieden. Reden sie, wenn sie beten, wirklich zu ihm oder nicht doch eher mit sich selbst? Haben sie an ihm wirklich Interesse?
Auch mit dem Selbstbild, das die Menschen von sich haben, ist er nicht zufrieden. Sie sind schließlich nur ein Nebenprodukt seiner Schöpfung und nehmen sich jetzt viel zu wichtig. "Eines Tages werdet ihr weg sein, aber die Welt wird es immer noch geben", stößt Gott prophetisch aus. 

Lesen?


Das ist nicht die einzige philosophische Betrachtung, die Hacke Gott sagen lässt. Es wird auch um die Notwendigkeit des (augenscheinlich) Bösen gehen, die Gleichgültigkeit, die Überwindung der Angst und den Wert der Freiheit. Jede dieser Überlegungen kommt federleicht daher und ist von Hackes typischem Humor durchzogen. Die Tage, die ich mit Gott verbrachte ist ein im Kern heiteres Buch, das man nach dem Lesen lächelnd, aber auch nachdenklich zuklappt.


Die Tage, die ich mit Gott verbrachte wurde mit sehr schönen Zeichnungen von Michael Sowa illustriert. Das Buch ist im Verlag Antje Kunstmann erschienen und kostet in der gebundenen Ausführung 18 Euro, als Audio-CD 6,46 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 14,99 Euro.

Freitag, 25. November 2016

# 77 - Superheld gesucht - und schon gefunden

Super-Thriller mit einem super Team aus Italien

 

Der Finger im Revolverlauf ist ein Super-Thriller. Das findet zumindest der Autor Carlo Manzoni, der diese Persiflage auf amerikanische Krimis 1960 unter dem Titel Ti spacco il muso, bimba! veröffentlicht hat. Auf Deutsch ist das Buch erstmalig 1963 erschienen.
Carlo Manzoni hat neun dieser humorvollen Krimis rund um das unschlagbare Privatdetektiv-Duo Chico Pipa und Gregorio Scarta, genannt Greg, geschrieben, Der Finger im Revolverlauf ist der zweite Band.

Sechs Beine laufen mehr als zwei

 

Chico ist zwar ein richtig toller Typ, den nichts so schnell erschüttern und dem keiner etwas vormachen kann, aber ohne Greg wäre er nur ein halber Mensch. Sein bester Freund und Partner, dessen Name sogar auf der Bürotür der Detektei steht, ist ein Hund. Kein gewöhnlicher Kläffer, der nur zwischen Fressnapf, Hundewiese und Körbchen pendelt; nein, Greg ist ein ausgebildeter Polizeihund, der allen Gangstern den Tod geschworen hat, seit sein Bruder Bud von einem dieser kriminellen Subjekte ermordet wurde. Der Hund nimmt seine Aufgabe sehr ernst.Vielleicht sogar ernster als sein Kompagnon, der genau weiß, dass er ohne seinen treuen Freund aufgeschmissen wäre.
Chico hat es nicht so mit regelmäßigen Mahlzeiten. Aber das heißt nicht, dass er dem Konsum von verarbeitetem Getreide nicht aufgeschlossen gegenüberstünde: An gefühlt jeder Straßenecke kehrt er in eine Kneipe ein, um seine Leber nicht vom Bourbon zu entwöhnen. Was für einen Mann gut ist, kann für einen Hund nicht schlecht sein: Auch Greg wird ab und an mit einer Extra-Portion dieses süffigen Getränks verwöhnt. 

Ein Mann, ein Hund, zahllose Heldentaten


Chico erhält einen Anruf von einer Frau, die sich Duarda nennt. Er ist von ihrer Stimme total fasziniert und glaubt ihr sofort, dass er mit ihr verabredet ist. Beim Ankleiden findet er in seiner Jacke 2.000 Dollar, deren Herkunft er sich nicht erklären kann. Hat ihm jemand im Voraus Geld für einen Auftrag gegeben? Leider hat der clevere Detektiv einen kompletten Filmriss und kann sich an den letzten Abend nicht mehr erinnern. Zu viel verarbeitetes Getreide. Beim Griff in die Hosentasche findet er ein Stück nach Alpenveilchen riechendes Toilettenpapier, auf dem mit Lippenstift eine Adresse notiert wurde: 47. Straße 432 B. Doch auf dem Weg zu der geheimnisvollen Frau merkt Chico, dass er verfolgt wird. Da er den Fahrer nicht abschütteln kann, zwingt er ihn mit einem gewagten Manöver zu einer Vollbremsung. Dumm nur, dass der Kerl bewaffnet ist und offenbar plant, mit einem Schuss Chicos beste Krawatte zu ruinieren. Das darf nicht passieren! Chico gelingt es tatsächlich, den Ganoven mit dem Zeigefinger in dessen Pistolenlauf zu stoppen. Sein Finger wird dabei ein bisschen lädiert, aber solche lächerlichen Verletzungen schüttelt einer vom Format dieses Super-Detektivs lässig ab. Leider kann man das nicht von der Pistole sagen: Sie lässt sich nicht mehr vom Finger abziehen.

Auf fast jeder Seite eine Heldentat

 

Auch wenn Manzoni mit Der Finger im Revolverlauf das klassische Krimigenre durch den Kakao zieht, kommt er selbstverständlich nicht ohne Tote aus. Zwischenzeitlich sterben Menschen wie die Fliegen, und immer ist unser Super-Detektiv so unmittelbar in der Nähe, dass Polizeileutnant Tram und Sergeant Kautschuk gar nicht anders können, als ihn ständig zu verhaften und kurz darauf wieder freizulassen. Die Situation wird immer komplizierter, aber Chico behält immer irgendwie den Überblick - ganz im Gegensatz zu den beiden Polizisten. Gibt es Krimis, die ohne eine Prise Romantik auskommen? Nein. Dieser auch nicht.

Der Finger im Revolverlauf ist ein witziger Krimi, der durchgehend gut unterhält. Dass die deutsche Erstveröffentlichung mehr als 50 Jahre zurückliegt, merkt man der einen oder anderen Formulierung an. Das Buch ist damit auch ein gutes Beispiel, wie sich die deutsche Sprache in den letzten Jahrzehnten verändert hat. 
Dieser Super-Thriller ist nur noch antiquarisch erhältlich und hat damals 2,80 DM gekostet. Ein Preis, der mich heute begeistern würde.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Bettina Schnerr, die das Buch aus der Schweiz zu mir auf die lange Reise nach Norddeutschland geschickt hat. Bettina ist selbst eine eifrige Bloggerin und schreibt auf ihrem Blog Bleisatz. über Bücher und Kulturelles.

Freitag, 19. August 2016

# 64 - Es geht heiter weiter

DER Leitfaden für angehende Krimiautoren

 

Mit Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben hat der schwedische Autor Henrik Lange sehr humorvoll das Schema der Krimis aufs Korn genommen, die aus dem Land der Elche und 1.000 Seen stammen. Lange hat bereits mehrere Comic-Bücher herausgebracht, und dieser "Ratgeber" ist nichts anderes: ein Comic, in dessen Beschreibungen des Kommissars, des Opfers, des Täters und anderer Personen wir sofort die Protagonisten aus den bekanntesten schwedischen Krimis wiedererkennen. Der Autor stellt in eingestreuten 4-Bild-Comics die seiner Ansicht nach wichtigsten schwedischen Krimis vor, an denen sich die Nachwuchsautoren orientieren können: Da findet sich das Autorenduo Sjöwahl/Wahlöö neben dem allseits bekannten Henning Mankell und dem mindestens ebenso bekannten Stieg Larsson. Aber Achtung: Auch Astrid Lindgren wird von ihm genannt. Na klar: Meisterdetektiv Blomquist ist ein lupenreiner Schwedenkrimi!

Unverzichtbar:  der Kommissar

 

Ganz klar: Ohne ihn geht nichts! Selbstverständlich ist er ein irgendwie kaputter Typ: Alkohol, Zigaretten, Übergewicht, ein Magengeschwür und seine gescheiterte Ehe, aus der eine Tochter hervorging, bestimmen maßgeblich sein Leben. Kurz: Er muss so wie hier sein und aussehen.

Ein erfolgsverwöhnter Traumtyp also. Aber nur er allein macht noch keinen Schwedenkrimi aus. 

Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum Erfolg: die Wahl der richtigen Figuren

 

Wir reden hier nicht über Wirtschaftskrimis, sondern solche, bei denen Köpfe rollen. Zumindest sinnbildlich. Wir brauchen also unbedingt ein Mordopfer. Selbstredend hat Henrik Lange den passenden Tipp parat:

Alles klar? Dann geht es weiter mit den übrigen Figuren, denn ein Krimi, in dem es nur einen Kommissar und ein Mordopfer gibt, reißt niemanden vom Hocker. Hier hält der Autor eine ansehnliche Bandbreite bereit, wobei ich mich jetzt auf zwei Personen beschränke: die investigative Reporterin und die alte Frau.


So ganz nebenbei enthält dieses Bild noch einen weiteren Hinweis, wie sich der schriftstellerische Ruhm eines Krimiautors quasi im Vorbeigehen mehren lässt: Der Schauplatz des Verbrechens sollte ein kleiner Ort sein, den kaum jemand kennt. Hier eben Bollebygd. Warum? Diese kleinen Orte fühlen sich einerseits geschmeichelt, endlich genannt und wahrgenommen zu werden, und andererseits kurbelt so etwas gehörig den Tourismus an! Die Freude der Einwohner über diesen Effekt wird so groß sein, dass der Autor des Schwedenkrimis mit Ehrungen überhäuft und in der Lokalpresse (mindestens!) sehr wohlwollend erwähnt wird. Dadurch wird automatisch der Buchverkauf angekurbelt.

Ein unverzichtbarer und todsicherer Leitfaden

 

Spätestens jetzt sollte klar sein: Wer noch nie einen Schwedenkrimi geschrieben hat, das aber noch plant, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Ist es übertrieben, es als künftiges Standardwerk für dieses Literaturgenre zu bezeichnen? Die Leser von Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben mögen sich selbst ein Bild machen, denn ich habe hier die zahlreichen Hinweise und guten Ratschläge von Henrik Lange nur grob umrissen. Sehr, sehr grob.  


Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Ich bedanke mich außerdem beim Goldmann Verlag und dort namentlich bei Barbara Henning für die Erlaubnis, die abgebildeten Cartoons hier zeigen zu dürfen.
Wie Sie den Schwedenkrimi des Jahrhunderts schreiben kostet als Taschenbuch 12,99 Euro und als Kindle- oder epub-Edition 9,99 Euro.

Sonntag, 21. Juni 2015

# 3 - Eine Gruppenreise zu den Kiwis mit einem unvorhersehbaren Verlauf

Es geht nach Neuseeland, wo Handtücher am Strand ausgelegt und Bäume umarmt werden

 

Klingt seltsam? Ist es auch. Diesmal stelle ich euch ein Buch vor, dass von Bernhard Hoëcker und seinem Co-Autor Tobias Zimmermann geschrieben wurde. Wie ich während des Lesens erfahren habe, ist dies nicht das erste Mal, das die beiden auf diese Weise zusammengearbeitet haben. Es heißt Am schönsten Arsch der Welt und ist im November 2012 erschienen. In die Hände gefallen ist es mir aber erst vor Kurzem.



Was ich erwartet hatte - und was dann "drin" war

 

Von Bernhard Hoëcker sind bereits mehrere Bücher im Handel, was ich aber vor dem Kauf dieses Buches nicht wusste. Ich kannte ihn aus dem Fernsehen als Mitglied des Rateteams von "Genial daneben" und als Teammitglied bei "Switch". Deshalb hatte ich erwartet, von diesem Buch ein paar Stunden gut unterhalten zu werden. Mehr nicht. Aber von vorn:

Der neuseeländische Tourismusverband will mehr deutsche Reisende ins Land locken und hat die Idee, einen prominenten Deutschen in seine Werbekampagne einzubinden. Dieser Deutsche soll das Land bereisen und Aufgaben lösen, die Etappe für Etappe per Internet-Abstimmung von Besuchern der eigens betriebenen Webseite festgelegt werden. Wieso das neuseeländische Organisationsteam auf  Bernhard Hoëcker verfällt, bleibt ungeklärt und ist auch ihm selbst ein Rätsel. Sein Kumpel Tobias Zimmermann nimmt die Rolle des Sidekicks ein: Er reist nicht mit, kommentiert aber das, was Hoëcker erlebt oder beschreibt.
Selbstverständlich reist Hoëcker nicht allein, sondern wird von einem Team unterstützt

Der Leser erfährt dann recht ausführlich von den Problemen bei der Anreise und dass Hoëcker offenbar tagelang mit dem Jetlag zu kämpfen hatte. Sein mitreisendes Team scheint da weniger Schwierigkeiten zu haben oder sie werden zumindest nicht erwähnt. Es besteht aus Renate, die für Hoëcker so etwas wie das "Mädchen für alles" zu sein scheint, dem Kameramann Alex, dem Regisseur Tommy sowie Jakob, Claudia und Elke von der Werbeagentur. Am Flughafen von Auckland wird die bunte Truppe von Katie abgeholt und während der ganzen Reise begleitet. Sie ist beim neuseeländischen Tourismusverband beschäftigt, übernimmt den Job der Chauffeuse und hat ein Auge darauf, dass alles werbeoptimal abläuft.



Was will der Autor seinen Lesern sagen?

 

Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Das Buch erreicht seine Seitenzahl (knapp 300) nicht etwa nur durch Hoëckers gelassene Darstellung des Reiseverlaufs, sondern durch immer wieder eingeschobene und farblich abgesetzte Kommentare. Sie ziehen sich oft über zwei bis drei Seiten und stammen  von Tobias Zimmermann, dem Daheimgebliebenen, der quasi aus dem Off die Schilderungen kommentiert oder kritisiert. Wer da versucht, den eigentlichen Handlungsfaden nicht zu verlieren, steht einer echten Herausforderung gegenüber: Spätestens, wenn er die eigenen Kommentare mit Sternchentexten unterlegt, die fast so lang sind wie die Kommentare selbst, ist meine Geduld kurz vor dem Ende. Ein Beispiel? Bitte:
Hoëcker beschreibt die Rugby-WM in Neuseeland 2011 und den Umstand, dass die unterlegene Mannschaft aus Tonga am Flughafen von Auckland von 11.000 Landsleuten verabschiedet wurde und der Verkehr deshalb zusammenbrach. Diese banale Information kann Zimmermann so nicht stehen lassen: Auf fast zwei Seiten überlegt er, wie diese Zahl zustande kommen könnte und wie es sein kann, dass es bei so vielen übergewichtigen Tongaern eine so große Begeisterung für Rugby gibt. Davon nimmt die Erläuterung eines im Kommentar verwendeten rheinländischen Begriffs etwa ein Viertel des Textes ein. Das Ganze wird so verschwurbelt formuliert, dass bei mir auf der Strecke blieb, was ich eigentlich erwartet hatte: der Spaß. Gegen die so vermittelte Zähigkeit kommen auch die immer mal wieder eingestreuten Fotos und Zeichnungen nicht an.
Zimmermanns Einschub kann "selbstverständlich" nicht einfach von Hoëcker unerwidert bleiben, sodass sein Kommentar darauf eine weitere Seite in Anspruch nimmt.



Zurück zum Ausgangspunkt

 

Bei so vielen Kommentaren, Unterkommentaren und Erwiderungen verliert man als Leser schnell den eigentlichen Sinn dieser Reise aus den Augen: Werbung für Neuseeland als Reiseziel, indem sich Bernhard Hoëcker verschiedenen Aufgaben stellt. Darum ein paar Beispiele: An einem Strand soll er mit Handtüchern seinen Namen legen. Weil es zu wenige Handtücher gibt, sind seine sportlichen Qualitäten gefordert: Er legt die am Beginn seines Namens gelegten Handtücher immer ans Ende an, die Aufnahme wird in Highspeed abgespielt und fertig ist ein Film, in dem Hoëcker als Strandboy durchs Bild zischt und sein Name gelesen werden kann.
Eine andere Aufgabe ist die Umarmung eines Kauri-Baumes. Das ist ein Problem, weil die heutigen Kauri-Bäume einen Durchmesser von etwa vier Metern erreichen können. Außerdem darf nicht näher an sie herangetreten werden, denn durch einen vermutlich aus dem Ausland eingeschleppten Krankheitserreger sind bereits viele Bäume mit Wurzelfäule infiziert ("kauri dieback") und sterben langsam ab. Aber auch dafür findet das Team eine Lösung, mit der die Aufgabe annähernd erfüllt werden kann.



Kaufempfehlung?

 

Hätte sich das Buch auf die Beschreibung der Reise beschränkt, hätte es unterhaltsam sein können. Dazu hätte auch Hoëckers selbstironische Erzählweise beigetragen. So bleibt es allerdings im Nebel, was das Ganze eigentlich werden sollte: eine Reisebeschreibung? Ein Dialog unter Freunden, bei dem der eine dem anderen zeigen will, wie viel er von der Welt weiß? Ich habe keine Ahnung. Klar ist jedoch, dass der Seitenumfang auf etwa die Hälfte zusammengeschrumpft wäre, wenn es Hoëcker bei dem eigentlichen Kernthema belassen hätte. Ich habe schon nach dem Lesen der ersten Hälfte überlegt, ob ich bis zum Ende durchhalten sollte und kann darum keine Kaufempfehlung abgeben.