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Montag, 9. Juni 2025

# 477 - Es hätte so schön sein können: der Weltfrieden in Reichweite

Wir sind im Jahr 1983. In Jakob Heins Roman Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste geht es um eine Geschichte, die es so zum Teil gegeben hat, wobei man zugeben muss, dass sowohl der erdachte als auch der wahre Inhalt live aus Absurdistan stammen könnten. 

Grischa Tannberg hat gerade sein Studium beendet. Er ist im seiner Meinung nach verschlafenen Gera aufgewachsenen und träumt von einer Stelle in Berlin. Das klappt, denn seine Eltern sind linientreu und einflussreich. Grischa wird in der Staatlichen Plankommission eingesetzt, die in der DDR für die Koordinierung, Erstellung und Überwachung der Fünfjahrespläne zuständig war.

Grischas Erwartungen, sein Wissen einbringen und etwas leisten zu können, werden von seinem Vorgesetzten Ralf Burg abgebremst. Die beiden sind für die Wirtschaftskontakte mit dem Bruderland Afghanistan zuständig. Doch Burg macht seinem neuen Kollegen klar, wo das Problem ist: Die Afghanen freuen sich über Waren aus der DDR, haben aber selbst nichts, was sie den Deutschen verkaufen könnten. Für die beiden Männer gibt es nichts zu tun als die Zeit totzuschlagen und Produktivität vorzutäuschen. "Kunstvolles Warten" nennt Burg das und bittet Grischa um Diskretion. Um seinen Vorgesetzten jedoch klarzumachen, dass er, Burg, vor Arbeit fast absäuft, wurde ihm auf seinen Antrag eine zusätzliche Stelle bewilligt, auf der nun Grischa sitzt. Ein bisschen Theater spielen ist eben alles.

Doch so leicht gibt sich Grischa nicht geschlagen. Nachdem er sich alles verfügbare Wissen über das ferne asiatische Land angeeignet hat, kommt er auf die zündende Idee, wie eine Handelsbeziehung zwischen der DDR und Afghanistan aussehen könnte: Dort, in 5.000 Kilometern Entfernung, gibt es Hanf-Felder so weit das Auge reicht. Mehr als genug, um von dort Medizinalhanf zu importieren und die "afghanischen Bauern in ihrem Freiheitskampf" zu unterstützen. Selbstverständlich hat er mit Burgs Ablehnung gerechnet und sich darauf vorbereitet: Dessen Einwand, nicht "mutwillig Rauschgift importieren" zu wollen, kontert Grischa mit der Bemerkung: "Aber das machen wir doch schon! Wir versorgen die Bevölkerung kontinuierlich mit Alkohol, Nikotin und Koffein, das haben Sie selbst gesagt. [...] Gegen Cannabis gibt es derzeit keine offizielle Parteilinie." 

Bei so viel sozialistischer Argumentation kann kein Chef "Nein" sagen. Und so kommt es, dass Grischa, Burg, eine Biologin und eine strenge Stasi-Offizierin nach Afghanistan fliegen und die erste Charge einkaufen. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Berlin organisieren sie die Eröffnung eines deutsch-afghanischen Freundschaftsladens am Grenzübergang Invalidenstraße, in dem es offiziell landestypische Ware aus dem sozialistischen Bruderland gibt: Mützen, Schals und dergleichen. Das Cannabis ist als Bückware erhältlich. Selbstverständlich wird nicht in Mark der DDR, sondern in D-Mark bezahlt. 

Innerhalb weniger Tage spricht sich das ungewöhnliche Angebot herum und der Hanf findet reißenden Absatz, denn der Stoff ist sehr hochwertig und kann gegen eine Quittung legal gekauft werden. Das schlägt Wellen bis nach Bonn ins Ministerium für innerdeutsche Beziehungen. Auch dort herrschte bislang gepflegte Langeweile. Die Meldung vom schwunghaften Cannabis-Handel an der innerdeutschen Grenze reißt die Behörde jedoch aus ihrer Schläfrigkeit. Es kann und darf nicht sein, dass die bundesdeutsche Bevölkerung durch die Hintertür mit dem Rauschmittel versorgt wird. Eine Rechtsreferendarin wird beauftragt, einen Plan gegen diese perfide Aktion auszuarbeiten. Ihr Vorschlag: D-Mark gegen eine Beendigung des Cannabis-Verkaufs. Viel D-Mark.

Lesen?

Jakob Hein bastelt eine aberwitzige Geschichte um eine wahre Begebenheit. 1983 stand die DDR am finanziellen Abgrund, aus dem ihr auch die UdSSR nicht heraushelfen konnte. Damals fädelte der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit ein, der höchstwahrscheinlich die Existenz der DDR verlängerte. Im Gegenzug sagte die DDR-Regierung unter anderem zu, Familienzusammenführungen und Ausreisen zu erleichtern und Selbstschussanlagen abzubauen. Der Vorgang wurde wie in einem Agenten-Thriller abgewickelt und bezog die Mitarbeit eines bayrischen Großschlachters ein. 

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste ist ein sehr witziges Buch, dass das damalige deutsch-deutsche Verhältnis, das lange Zeit sehr angespannt war, auf die Schippe nimmt und für Lacher sorgt. Egal, ob man dabei nach Ost oder West schaute: Auf dem Feld der Bürokratie waren beide Staaten spitze.

Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste ist 2005 bei Galiani Berlin, einem Inprint des Verlags Kiepenheuer & Witsch, erschienen und kostet gebunden 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro (befristet 4,99 Euro).

Nachtrag: Wer mehr über den Milliardenkredit der BRD an die DDR wissen möchte, wird hier gut informiert.




Freitag, 1. Mai 2020

# 238 - Ein Familienleben unter der roten Fahne

Dieses Buch ist mir zufällig über den Weg gelaufen.
Es erschien 1941 zum ersten Mal und wurde 2019 bei 'Aufbau digital' neu veröffentlicht: Die Väter des 1964 verstorbenen Autors Willi Bredel. Der Roman ist der erste Teil der Trilogie "Verwandte und Bekannte".

Im Mittelpunkt steht die Hamburger Arbeiterfamilie Hardekopf mit dem Familienoberhaupt Johann Hardekopf. Johann stammt aus Bochum, doch weil ihm die Stadt als zu grau erscheint, reist er durch Deutschland. Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg beginnt, wird er schon kurz nach Kriegsbeginn verwundet und in ein Lazarett nach Pirmasens gebracht. Zu diesem Zeitpunkt versucht er bereits, die traumatischen Erinnerungen an die Kämpfe und einen toten französischen Soldaten, den er mit seinem Bajonett erstochen hat, zu verarbeiten.  

Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett sind sich die Soldaten einig, dass der Krieg nun bald vorbei sein müsse: Alle französischen Armeen konnten geschlagen werden, nun hätte von Paris aus die Heimreise angetreten werden können. Aber Paris wird weiterhin belagert, man ist dort noch lange nicht bereit, aufzugeben. Aus der Ferne beobachtet Hardekopf den Fortgang des Krieges. Er kann nicht glauben, was er sieht: Der französische Kaiser ist gefangengenommen, nun kämpfen Franzosen gegen Franzosen. 

Doch es kommt für Hardekopf noch schlimmer: Einige flüchtige Kommunarden des revolutionären Pariser Stadtrats, die im Zuge des Krieges versucht hatten, eine sozialistische Verwaltung zu installieren, werden eines Nachts von einer deutschen Division aufgegriffen. Hardekopf bekommt den Auftrag, sie den Versaillern in Vincennes zu übergeben und begreift in seiner Unbedarftheit nicht, dass er sie damit dem sicheren Tod ausliefert. Die Hinrichtung der Kommunarden erlebt er entsetzt mit und erfährt, dass einer von ihnen Eisengießer gewesen ist - wie er selbst. Der Mann hatte ihn unterwegs immer wieder auf Französisch gebeten, ihn laufen zu lassen, zu Hause warteten seine Frau und seine drei Kinder.

Hardekopf wird dieses Erlebnis sein Leben lang nicht vergessen und sich bei jeder Erinnerung daran schuldig fühlen. Das Kriegsjahr hat ihn gründlich verändert. Was er in dieser Zeit erlebt hat, wird er für sich behalten.
Doch dann erfährt er, dass August Bebel, der wegen seines Eintretens für die Pariser Kommunarden in Festungshaft gesessen hat, in Bochum sprechen wird. Bebels Rede wird der Beginn für Hardekopfs Begeisterung für die Sozialdemokratie.

1879 verschlägt es Hardekopf nach Hamburg. Er ist von der Stadt sofort begeistert und findet Arbeit als Eisengießer auf einer Werft. Kaum in der Hansestadt angekommen, trifft er auf den Trauerzug von 30.000 Menschen, der sich anlässlich des Todes von August Geib formiert hat. Geib gehörte zu den Gründern der Arbeiterbewegung und war einer der bekanntesten Hamburger Sozialdemokraten. Für Johann Hardekopf ist es, als würde sich ihm eine Tür öffnen. Die Sozialdemokratie wird für ihn zu einer Leidenschaft, die bis zu seinem Tod anhält. Auch seine Kinder und seine Frau werden später mit einbezogen. 

Doch Hardekopf erkennt, dass die Sozialdemokratie seinen Kindern und Schwiegerkindern weniger wichtig ist als ihm. Die größte Enttäuschung seines Lebens erfährt er, als der Kaiser 1914 die Mobilmachung verkündet: Die SPD organisiert zunächst noch Kundgebungen, stimmt dann aber Kriegskrediten zu.


Lesen?

Die Väter ist auch für diejenigen Leser interessant, die mit der Sozialdemokratie nichts anfangen können. Willi Bredel hat vieles aus der eigenen Biografie in seinem Roman verarbeitet und mit dem Eisengießer Johann Hardekopf eine Figur geschaffen, deren Lebensweg für den vieler anderer Menschen aus der Arbeiterklasse um die Jahrhundertwende steht. Der Roman entstand 1941 im Moskauer Exil und gilt als das beste Werk der Trilogie, die noch aus den Büchern Die Söhne und Die Enkel besteht.

Willi Bredel war in der DDR zehn Jahre Mitglied im ZK der SED und der Kulturkommission. Sein Eintreten für den Sozialismus in der DDR war so kompromisslos, dass er sich 1957 von seinem Freund Walter Janka, dem damaligen Leiter des Aufbau-Verlags, nach dessen Verurteilung wegen 'Boykotthetze' öffentlichkeitswirksam abwendete. Die 'Boykotthetze' war nach Artikel 6 der ersten DDR-Verfassung eine Straftat. Wer danach verurteilt wurde, verlor das aktive und passive Wahlrecht und durfte keine leitende berufliche oder Parteiposition mehr wahrnehmen. Janka hatte die Absetzung von Walter Ulbricht, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und freie Wahlen gefordert.

Das zu wissen, trägt dazu bei, Die Väter und den Autor einzuordnen. Lesenswert bleibt das Buch allemal.

Die Väter ist als E-Book für 8,99 Euro erhältlich oder kann über die Onleihe ausgeliehen werden.