Posts mit dem Label Gesellschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gesellschaft werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 26. Februar 2025

# 467 - Wie Diktatoren sich an der Macht halten - und irgendwann stürzen

Die Demokratie ist weltweit auf dem
Vormarsch? Wer das glaubt, sollte rasch seine rosa Brille absetzen, denn das Gegenteil ist der Fall: Die Bertelsmann-Stiftung sieht sich die globale demokratische Entwicklung regelmäßig an und hat festgestellt, dass 2024 von 137 untersuchten Ländern 74 von Autokraten regiert wurden. Zwei Jahre zuvor waren es "nur" 70. Aber ist die Demokratie nicht die beste aller Staatsformen? Wenn man die Diktatoren fragen würde, über die der Politikwissenschaftler Marcel Dirsus in seinem Buch Wie Diktatoren stürzen schreibt, sähe ihre Antwort vermutlich anders aus: Sie vereinen zwar jede Menge Macht auf sich und können sich aufgrund der für sie praktischen politischen Konstellation ungebremst bereichern. In autokratisch regierten Staaten gehört die Korruption so selbstverständlich zum Alltag wie die Luft zum Atmen.

Doch so einfach ist das nicht. So ein Autokraten-Leben hat seine Tücken: "Alleinherrschaften haben Systemfehler - sie können nicht auf Dauer funktionieren", stellt Dirsus fest. Da könnte man natürlich einwenden, dass auch demokratisch gewählte Regierungen zeitlich an ein Ende kommen, oft sogar früher als Diktatoren. Aber Dirsus weist gleich auf den nächsten Pferdefuß hin: "Tyrannen haben immer mehr Feinde als Freunde - und das Ende ihrer Herrschaft ist oft dramatisch."

Unter "dramatisch" ist das erzwungene Exil oder der Tod zu verstehen. Hin und wieder landen entmachtete Diktatoren auch für eine lange Zeit im Gefängnis. Immerhin 69 Prozent der Tyrannen beenden ihre Regierungszeit mit einer dieser Varianten. Ein ruhiger Lebensabend im Luxus und in einer schönen Umgebung ist sehr unwahrscheinlich - weder im Aus- noch im Inland. Ein Ende einer Diktatur durch den natürlichen Tod des Diktators ist reines Wunschdenken - seitens des Diktators.

Das Leben eines Diktators ist aber auch während seiner Regierungszeit ziemlich ungemütlich. Das Verhältnis zwischen innerer und äußerer Sicherheit muss ständig austariert werden, die engsten Vertrauten können von einem Moment auf den anderen zu den erbittertsten Feinden werden. Und dann sind da noch ausländische Mächte, die Einfluss auf die Geschicke des Landes ausüben, um eigene Interessen wie zum Beispiel den Zugang zu Bodenschätzen oder den Ausbau militärischer Stützpunkte zu verfolgen.

Dirsus stützt seine Betrachtungen auf zahlreiche Studien, Artikel und Gespräche. Er beschreibt genau, wie Diktaturen entstehen - auch dort, wo es zuvor eine Demokratie gegeben hat - und welche Chancen und Risiken mit Putschversuchen einhergehen. Er nennt beispielhaft zahlreiche Diktatoren und deren Schicksale und kommt zu interessanten Rückschlüssen: Nach einem Putsch wird nur selten aus einer Diktatur eine Demokratie. Vielmehr "ergibt sich Demokratie häufig aus Versehen", zitiert Dirsus eine Studie der University of California, die die Demokratisierungsgeschichte bis zum Jahr 1800 zurück verfolgt hat. Der Normalfall ist leider, dass auf einen Tyrannen der nächste folgt.
Marcel Dirsus bezieht sich auf einen Artikel der Politikwissenschaftlerinnen Erica Frantz und Andrea Kendall-Taylor, wonach "zwischen 1950 und 2012 [...] nur 20 Prozent der gestürzten autokratischen Herrscher von einer Demokratie abgelöst" wurden. 
Aber warum ist es schwer, nach dem Ende einer Diktatur zu einer Demokratie zu finden? Die Erklärung ist so einfach wie einleuchtend: Nicht nur der Diktator bereichert sich auf Kosten seines Volkes, sondern auch seine direkte Umgebung wie seine Familie oder zahlreiche Günstlinge, die durch die Zuwendungen des Autokraten wohlhabend werden. Niemand von ihnen will eine Demokratie und den damit verknüpften Verlust der Privilegien und sprudelnden Einnahmequellen. Also bleibt im Prinzip alles, wie es war.

Aber was ist, wenn ein Tyrann zu alt, zu krank oder einfach zu lustlos geworden ist, um dem dauerhaften Druck noch länger standzuhalten? Haben Diktatoren eine Exit-Strategie? Man kann beinahe Mitleid bekommen, wenn man liest, welche Fallstricke es bei der Vorbereitung des Ruhestands gibt. Kurz: Man(n) kann es nur falsch machen.

Diktatorisch agierende Frauen kommen in diesem Sachbuch übrigens nicht vor. Woran liegt das? Haben Frauen weniger Interesse daran, ihr Volk zu unterdrücken und auszubeuten, um sich zu bereichern? Es gab einige wenige Frauen, die ein Interesse daran hatten, ihren Einfluss in einem Maß zu vergrößern, wie es ihren Ländern nicht guttat. Dazu zählt beispielsweise die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi, die mithilfe eines ohne Not ausgerufenen zweijährigen Ausnahmezustands die Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit radikal einschränkte. Isabel Perón, die nach dem Tod ihres Mannes Juan Perón dessen Amt übernahm und Präsidentin von Argentinien wurde, hielt sich nur zwei Jahre an der Macht, bevor sie vom Militär aus dem Amt geputscht wurde. Durch Glück und für sie günstige rechtliche Konstellationen ist ihr der seltene Fall eines beschaulichen Rentnerinnendaseins in Madrid beschieden.
Frauen spielen bei der Betrachtung von Diktaturen also eine absolute Nebenrolle, die so gering ist, dass sich die Wissenschaft nicht für sie zu interessieren scheint.

Lesen?

Marcel Dirsus' Buchtitel Wie Diktatoren stürzen hat einen für Demokraten beruhigenden zweiten Teil: und wie Demokraten siegen können. Das letzte Kapitel "Wie man Diktatoren stürzt" beginnt ausgerechnet mit einem Zitat von Wladimir Putin: "Die Geschichte beweist, dass alle Diktaturen und alle autoritären Regierungsformen vorübergehend sind. Nur demokratische Systeme sind nicht vorübergehend. Allen Unzulänglichkeiten zum Trotz hat die Menschheit nichts Besseres ersonnen."

Ehe einem vor Staunen der Mund offen steht, sei darauf hingewiesen, dass diese Äußerung aus dem Januar 2000 stammt: Zwei Monate später wurde Putin erstmals zum russischen Präsidenten gewählt. Er hatte zehn Gegenkandidaten, galt aber wegen der ausdrücklichen Wahlempfehlung durch seinen Vorgänger Boris Jelzin als aussichtsreichster Bewerber. Eine Verfassungsänderung macht es möglich, dass Putin bis 2036 im Amt bleiben kann. Man kann rückblickend davon ausgehen, dass seine Äußerung eher den Charakter einer Beruhigungspille haben sollte und nicht aufrichtig gemeint war.

Wie dem auch sei: Marcel Dirsus zeigt, dass der Sturz eines Diktators zwar handstreichartig gelingen kann, eine sehr gute Vorbereitung aber unbedingt nötig ist, um erfolgreich zu sein. Kurz: Es gibt Hoffnung.

Wie Diktatoren stürzen ist ein sehr interessantes Buch, das leicht verständlich die Mechanismen beschreibt, die dazu führen, dass Diktatoren an die Macht kommen, diese Macht behalten und irgendwann gestürzt werden. Parallelen zur aktuellen Weltpolitik sind nicht zu übersehen.

Wie Diktatoren stürzen ist im Februar 2025 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro sowie als E-Book 24,99 Euro.

Sonntag, 12. Januar 2025

# 462 - Wie Protest wirklich wirkt

Proteste gehören in unserer Gesellschaft zum Alltag.
Mit unterschiedlichen Methoden machen Menschen auf die verschiedensten Anliegen aufmerksam: Sie kleben sich auf Straßen und werfen Suppe auf Kunstwerke, um gegen die Passivität angesichts des Klimawandels zu protestieren, oder fahren auf Traktoren zu Demonstrationen, um laut- und PS-stark die Anliegen der Betriebe in der Landwirtschaft zu vertreten. Aber sind Proteste dazu geeignet unsere Gesellschaft zu verändern? In seinem Buch Was ihr wollt 
- Wie Protest wirklich wirkt sieht sich der Journalist Friedemann Karig die verschiedensten Protestbewegungen der letzten Jahrzehnte genauer an.

Die Mehrzahl der Menschen hat noch nie öffentlich gegen irgendetwas demonstriert. Die Motive sind vielfältig: Man vermutet zum Beispiel, dass man nicht genug Mitstreiter findet, Protest sowieso nichts bringt, man sich selbst nicht für den geeigneten 'Typ Mensch' hält oder schlicht zu bequem ist, um sich in einen Demonstrationszug einzureihen. Aber: "Umstürze und Umschwünge, Revolutionen und Revolten werden immer und ausschließlich von vielen Menschen getragen, von denen die wenigsten in irgendeiner Form herausstechen."

Karig zeigt jedoch auch Irrtümer auf, denen Menschen unterliegen, die mit etwas unzufrieden sind: Viele sind beispielsweise der Meinung, dass man erst einen großen Teil der Bevölkerung hinter sich bringen muss, um überhaupt etwas zu erreichen. Das ist jedoch eine falsche Annahme, wie u. a. die US-Bürgerrechtsbewegung mit ihrer Galionsfigur Martin Luther King zeigte: Bei 64 Prozent der US-Bürgerinnen und Bürger war King unbeliebt.

Karig erläutert an zahlreichen Beispielen, nach welchen Mechanismen Protest funktioniert, wie er effizient organisiert wird und was passieren muss, damit sich Menschen einem Protest anschließen. Angesichts von Fernsehbildern, die oft einen anderen Eindruck vermitteln, stellt Karig fest, dass "die allermeisten Bewegungen bewundernswert friedlich geblieben [sind], egal wie hart sie angegangen wurden." Friedliche Bewegungen waren sogar doppelt so erfolgreich wie gewalttätige.

Aber was muss passieren, damit wir uns einer Bewegung anschließen? "Erst wenn wir uns in einer Gruppe sicher fühlen, werden wir aktiv. Nur wenn wir glauben, es bringt etwas, bleiben wir dabei. Und nur wenn wir wirklich wütend sind über eine Ungerechtigkeit, bleiben wir hartnäckig genug, um etwas zu erreichen." Ebenfalls wichtig sind Vorbilder aus dem eigenen Umfeld, die uns den nötigen Schubs für ein Engagement geben.

Lesen?

Was ihr wollt - Wie Protest wirklich wirkt  zeigt auf, dass wir einem Missstand nicht ohnmächtig zusehen müssen. Die Methode des steten Tropfens, der den Stein höhlt, ist einer der Bausteine, die einen Protest zum Erfolg führen können. Und: Protest muss nicht nur auf der Straße stattfinden, sondern kann sich auch auf andere Ebenen verlagern, mit denen viele Menschen erreicht werden. Dabei zählt nicht nur seine Menge, sondern vor allem seine Qualität.

Mit Blick auf unsere aktuell in Deutschland geführten Debatten fiel mir dieser Satz auf: "Wer ein bestehendes Narrativ einer Gesellschaft herausfordert, macht sich zwangsläufig bei denen unbeliebt, die daran aus Überzeugung oder Opportunismus festhalten." Mir kommt das sehr bekannt vor.

Was ihr wollt - Wie Protest wirklich wirkt ist 2024 im Ullstein Verlag erschienen und kostet gebunden 22,99 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Montag, 26. August 2024

# 449 - Eine Revolution: Frauen fahren Fahrrad

Die britische Autorin Hannah Ross lebt für das 
Radfahren. Ihr Großvater nahm an Radrennen teil, sie selbst lässt es aus gesundheitlichen Gründen langsamer angehen. Ross bringt geflüchteten Frauen ehrenamtlich das Fahrradfahren bei und ist Mitglied in einem Fahrradclub. Ihre Urlaube verbringt sie immer auf dem Rad.

Kein Wunder, dass sich die Fahrrad-Enthusiastin Ross Gedanken über die Bedeutung des Radfahrens für Frauen gemacht hat. Der Titel ihres Sachbuchs Revolutions lässt erahnen, was seine Leserinnen und Leser erwartet.

Dass Frauen Fahrrad fahren, war tatsächlich lange Zeit revolutionär. Doch als sich die ersten von ihnen im 19. Jahrhundert auf Fahrräder wagten, wurde nicht nur über diese Ungeheuerlichkeit an sich diskutiert, sondern auch über die hierfür richtige Bekleidung. Praktische Überlegungen spielten da überhaupt keine Rolle, es wurde Wert darauf gelegt, dass Frauen "anständig" gekleidet waren.

Ist es überraschend, dass es vor allem Männer waren, die dem wachsenden Wunsch der Frauen nach Freiheit und Mobilität im Weg standen? Hannah Ross berichtet vom Widerstand der University of Cambridge, den bei ihr eingeschriebenen Frauen einen vollwertigen Abschluss zu ermöglichen. Ein entsprechender Antrag wurde 1897 abgelehnt. Die auf die Entscheidung der Universitätsleitung wartenden Studenten ließen ihre Wut darüber, dass die Gleichbehandlung von männlichen und weiblichen Studierenden überhaupt in Betracht gezogen wurde, an einem gegenüber der Universität aufgehängten Symbol aus: einer Puppe, die eine Frau auf einem Fahrrad darstellte und nur eine Bluse und eine Unterhose trug. Die Studenten zerstörten die Puppe und warfen die Einzelteile vor den Eingang eines nur von Frauen besuchten Colleges.

Dieser Vorgang macht deutlich, wogegen die Studenten rebellierten: Es ging ihnen darum, die eigenen Pfründe zu verteidigen. Die Frauen sollten dort bleiben, wo sie bislang gewesen waren: zu Hause.
Doch die waren dazu nicht mehr bereit. Gegen alle Widerstände stiegen immer mehr Frauen aufs Fahrrad. Zunächst nur die aus wohlhabenden Kreisen, später auch Frauen, die über geringe finanzielle Mittel verfügten. Sie kauften die abgelegten gebrauchten Fahrräder der gutsituierten Damen oder traten Frauen-Fahrradclubs bei, die für kleines Geld Fahrräder verkauften oder verliehen.

Aber aus Sicht der Herren und der Konservativen wurde es noch schlimmer: Immer mehr Frauen entschieden sich für praktische Fahrradbekleidung. Sie legten die bauschigen Röcke und Korsetts ab und trugen Blusen und sogenannte Bloomer, die Pumphosen ähnelten. Diese "Reformkleidung" weckte im viktorianischen England den Verdacht, die Frauen könnten sich durch diesen  maskulinen Bekleidungsstil in Männer verwandeln. Es wurde auch die Vermutung geäußert, dass das Sitzen auf Fahrradsätteln zu Unfruchtbarkeit führen könnte. Der Fantasie, welche üblen Folgen das Fahrradfahren für Frauen haben könnte, waren fast keine Grenzen gesetzt.

Wie groß der Freiheitsdrang mancher Frauen war, zeigte sich am Beispiel von Annie Kopchovsky, die unter dem Namen Annie Londonderry bekannt wurde. Sie startete 1894 von Boston aus zu einer Weltreise - selbstverständlich auf dem Fahrrad. Sie finanzierte ihre Tour, indem sie ihr Fahrrad gegen Entgelt mit Werbetafeln belud. Auch, wenn sie für einzelne Etappen auf andere Verkehrsmittel auswich, gilt sie als die erste Frau, der eine Weltumfahrung mit dem Fahrrad gelungen ist.

Es geht Hannah Ross jedoch nicht nur darum, sich einigen Pionierinnen zu widmen, die Herausragendes bei Radtouren oder -rennen geleistet haben. Sie zeigt auch, dass diese "New Women", die als die Wegbereiterinnen des Frauen-Radfahrens angesehen werden können, nicht so frei waren, wie sie es sich gewünscht haben. Die Konventionen, unter deren Einfluss sie aufgewachsen waren, wirkten nach. So lobte zwar die Zeitschrift The Lady Cyclist den praktischen Nutzen der Reformkleidung, kritisierte aber die "Angeberei einzelner Trägerinnen und ihre Tendenz zu jungenhaften Gesten und Reden, die sie für schockierend unanständig hielt". Dieselbe - von einem Mann herausgegebene - Zeitschrift empfahl die richtige Kleidung, die aber so geschnitten sein musste, dass vorbeifahrende Männer nicht abgeschreckt werden.

Lesen?

Hannah Ross' Buch besticht durch seinen Detailreichtum und die Begeisterung der Autorin für das Radfahren, die in jedem Kapitel deutlich wird. Man ahnt natürlich vor dem Aufschlagen der ersten Seite, dass es um die Benachteiligung der Frauen beim Radfahren gehen muss; welche Dimensionen diese Diskriminierung hat, die bis in unsere Zeit hineinreicht, ist jedoch erschreckend. Vor allem Frauen, die professionell Radrennen fahren, werden bis heute stark benachteiligt. Die Rennen, an denen sie teilnehmen (dürfen), finden nur wenig Publikum, weil sie meistens im Schatten großer Rennveranstaltungen für Männer stattfinden. 

Während erfolgreiche Rennfahrer ein Millionengehalt bekommen, reicht es auch bei den erfolgreichsten Fahrerinnen kaum zum Überleben. Sponsorenverträge für Männer, die zum Beispiel eine Zahlung der Prämien auch im Krankheitsfall vorsehen, findet man bei den Frauen sehr selten. Oft bedeuten Schwangerschaften das Aus ihrer Rennkarriere. An lukrativen Rennen wie der Tour de France dürfen sie nicht teilnehmen. Eine häufige Begründung der Verbände für diese Ungleichbehandlung: Frauen sind solchen Strapazen körperlich nicht gewachsen. Dass etliche Frauen das Gegenteil bewiesen haben, wird systematisch nicht zur Kenntnis genommen.

Wenn man an Revolutions etwas kritisieren möchte, dann das fehlende Quellenverzeichnis. Es ist darum nicht möglich, sich besondere Themenbereiche selbst zu erschließen.

Revolutions mit dem treffenden Untertitel Wie Frauen auf dem Fahrrad die Welt verändern ist 2021 unter dem Originaltitel Revolutions - How Women Changed the World on Two Wheels erschienen. Die deutsche Übersetzung wurde 2022 im mairisch Verlag veröffentlicht und kostet als Hardcover 24 Euro, als Taschenbuch 16 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.

Freitag, 16. August 2024

# 448 - Roman über eine Gesellschaftsordnung im freien Fall

Republik Irland, zu einem nicht näher bezeichneten
Zeitpunkt der heutigen Welt. Die Bevölkerung spürt ein politisches Grummeln, aber noch sind die Verhältnisse wie gewohnt: geordnet und verlässlich. Doch schon auf den ersten Seiten des Romans Das Lied des Propheten des irischen Schriftstellers Paul Lynch ist zu spüren, dass sich da etwas verschiebt. Die Menschen nehmen diese schleichenden Veränderungen jedoch nicht ernst: Die Kinder fahren zur Schule, man geht seinen Berufen nach und hält Haus und Garten in Ordnung.

Die rechtsgerichtete National Alliance Party (NAP) ist dabei, das Land nach ihren Vorstellungen zu verändern. Das Ziel: Totalitarismus. Dagegen formiert sich allmählich Protest, wenngleich die meisten Bürgerinnen und Bürger den Mund halten. Der Alltag der Menschen wird durch immer neue Notverordnungen geregelt, die nach und nach die Bürgerrechte aushebeln. Die Anzeichen für einen gewaltsamen Aufstand der Rebellen werden immer deutlicher. Es ist beim Lesen zu spüren, dass nur noch ein kleiner Funke fehlt, damit es zu einer Eskalation kommt, bei der Waffen das Sagen haben.

Auch die in Dublin lebende sechsköpfige Familie Stack beobachtet die Situation, vertraut aber darauf, dass der Staat nicht gegen seine eigenen Bürger vorgehen wird. Vater Larry Stack ist Lehrer und hoher Gewerkschaftsfunktionär. Als solcher tritt er für eine bessere Bezahlung für seine Kolleginnen und Kollegen ein. An einem regnerischen Abend tauchen zwei Mitglieder der neu gegründeten Geheimpolizei bei den Stacks auf, um Larry zu verhören. Den Protest der Lehrerschaft nimmt die NAP zum Anlass, die Maske fallen zu lassen: Obwohl es sich bei den Demonstrationen um legale Aktionen handelt, werden alle Gewerkschaftsführer festgenommen. Zu den Inhaftierten gehört auch Larry, der seitdem wie vom Erdboden verschluckt ist. Der Kontakt zu einem Anwalt wird ihm widerrechtlich verwehrt. Eilish macht ihrer Verzweiflung Luft, indem sie auf den Punkt bringt, warum es so weit kommen konnte:

"Ich habe selbst im Gesetz nachgeschaut, in den Verträgen, das ist ein eklatanter Bruch internationalen Rechts, [...] warum dürfen die machen, was sie wollen, warum hat niemand Stopp geschrien?"

Binnen kurzer Zeit verändert sich das Leben der Stacks um 180 Grad. Mutter Eilish, eine Wissenschaftlerin, versucht nicht nur, ihren Mann zu finden, sondern ihren vier Kindern so lange es geht ein normales Leben zu ermöglichen. Aber die Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den Rebellen nehmen das Ausmaß eines Krieges an, in dem die toten und verletzten Bürgerinnen und Bürger nur Kollateralschäden sind. Das gesamte System erodiert, es gilt das Recht des Stärkeren. Lebensmittel werden knapp, Wucherer bereichern sich an der Krise und verlangen horrende Preise. Krankenhäuser arbeiten nur noch eingeschränkt. Das Land versinkt im Chaos.

Eilishs in Kanada lebende Schwester bietet ihr Unterstützung an, Irland zu verlassen und mit ihrer Familie zu ihr zu kommen. Aber die Mutter hofft auf Larrys Rückkehr und schafft es nicht, ihren in der Nähe lebenden dementen Vater im Stich zu lassen. In seinen klaren Momenten rät dieser seiner Tochter ebenfalls eindringlich, sich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen, bevor es zu spät ist. 

Als sich ihr ältester Sohn den Rebellen anschließt und ihr Haus von einer Granate getroffen wird, ändert Eilish ihre Meinung. Doch dann wird ihr zweiter Sohn durch einen Granatsplitter verwundet und muss im Krankenhaus behandelt werden. Die ohnehin schon dramatische Situation verschärft sich auf eine unerwartete Weise, die Eilish nicht für möglich gehalten hätte.

Lesen?

Mit Das Lied des Propheten ist Paul Lynch ein eindringlicher Roman gelungen. Er zeigt, wie fragil eine stabil wirkende demokratische Gesellschaftsordnung tatsächlich ist, wenn dem Treiben faschistischer Kräfte zu lange tatenlos zugesehen wird. Die Handlung bekommt in dem Maß, in dem sich die Krise für das Land und die Familie Stack zuspitzt, eine immer stärkere Eindringlichkeit. Lynch zeigt deutlich, dass eine Selbstbeschwichtigung à la "So etwas kann hier nicht passieren" der falsche Umgang mit Parteien und Personen ist, die ein Land umkrempeln und in eine Autokratie verwandeln wollen. 

Das Lied des Propheten erschien 2023 unter dem Originaltitel Prophet Song. Paul Lynch erhielt im selben Jahr für seinen Roman den renommierten britischen Booker Prize. 2024 erschien das Buch in der Übersetzung von Eike Schönfeld im Verlag Klett-Cotta. Es kostet in der gebundenen Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.

Sonntag, 16. Juni 2024

# 440 - China, wer bist du?

Mehr als 7.000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der
deutschen Hauptstadt Berlin und der chinesischen Hauptstadt Peking. Was wir von hier aus über das "Reich der Mitte" wahrnehmen: große Wirtschaftsmacht, viele Einwohner, einen seine Macht stetig ausbauenden
 Präsidenten Xi Jinping, starke Überwachung der Bevölkerung, chinesisches Porzellan, Buddhismus. Wir glauben, durch die vielen chinesischen Restaurants in Deutschland die chinesische Küche zu kennen, und erinnern uns, wenn wir alt genug sind, an das Foto von Mao Tse-Tung, der mit seiner diktatorischen Politik das Land von 1949 bis 1973 beherrschte, was - je nach Schätzung - 40 bis 80 Millionen Menschen den Tod brachte.

Was wir nicht wissen: Wie geht es der chinesischen Bevölkerung heute? Was ist den Menschen wichtig, worauf legen sie Wert - oder worauf nicht?
Diese Fragen und insbesondere die, was Chinesinnen und Chinesen unter Glück verstehen, hat sich auch die Schriftstellerin und Glücksforscherin Simone Harre gestellt. Innerhalb von fünf Jahren hat sie in mehreren Interviewreisen zahlreiche Gespräche mit Frauen und Männern zwischen Peking im Norden und Yangshuo im Süden der Volksrepublik geführt. 50 dieser Interviews hat sie in ihrem Buch China, wer bist du? versammelt. Ganz überwiegend kommen hier Männer zu Wort; nur zehn Frauen haben mit Simone Harre über ihre Vorstellung vom Glücklichsein gesprochen. Die Gründe für dieses Ungleichgewicht bleiben unerwähnt.

Harre ahnte, dass es nicht so einfach sein würde, Interviews zum Thema Glück in Gang zu bringen. Darum hat sie als "Türöffner" zu Beginn der Unterhaltungen zwei Fragen gestellt:
Welche Blume möchtest du sein? und Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Für viele der Interviewten war das Gespräch mit der Autorin sehr herausfordernd, weil diese ihnen Fragen stellte, die sie sich selbst nie gestellt hatten. 

Harre ist es gelungen, Interviewpartnerinnen und -partner aus allen Gesellschaftsschichten zu finden. Von der Straßenverkäuferin über den Taxifahrer bis zum Chefkoch oder Professor stehen ihr die unterschiedlichsten Menschen Rede und Antwort. Die Mehrzahl der Befragten lebt in einer Großstadt, einige jedoch auf dem Land. Auffällig ist die hohe Zahl der Hochschulabsolventen, die allerdings nach ihrem Uni-Abschluss nicht unbedingt im selben Bereich, den sie studiert haben, arbeiten. Auffällig ist auch, wie viele Menschen auf verschiedenen Gebieten gleichzeitig tätig sind und das Scheitern von Unternehmen nicht mit Versagen und Resignation gleichsetzen. Die übliche Haltung ist eher: Wenn dieses Projekt nicht funktioniert, dann vielleicht ein anderes. Eine Einstellung, die für uns ungewohnt ist.

Zahlreiche Gesprächspartner haben in ihrer Kindheit und Jugend in tiefster Armut gelebt, viele sogar gehungert. Das betrifft vor allem die Generation der um 1970 Geborenen. Diese hat die kollektive Erfahrung gemacht, dass Fleiß und Erfolg sehr wichtig sind. Selbstverwirklichung kommt in ihrem Denken nicht vor.
Neben dem beruflichen Erfolg ist die Familie von großer Bedeutung. Zu heiraten und eine Familie zu gründen wird von den eigenen Eltern und der Gesellschaft zwar weniger strikt erwartet als noch vor etwa zwanzig Jahren, ist aber trotzdem als sehr erwünschter Teil des Lebens verankert. Individualismus, wie wir ihn aus unserem westlichen Selbstverständnis kennen, steckt in China noch in den Kinderschuhen.

Die Familie ist auch ein Ersatz für den praktisch nicht vorhandenen Sozialstaat. Wer in eine Notlage gerät und weder Geld noch helfende Angehörige hat, hat ein Problem. Die Vorstellung von sozialer Verantwortung beschränkt sich folgerichtig auf die eigene Familie.

Lesen?

Simone Harre ist es gelungen, die Menschen zum Nachdenken über sich selbst zu bringen - was eine besondere Leistung ist, da Selbstreflexion in der chinesischen Gesellschaft nicht verankert ist.
Es gelingt ihr, ein authentisches Bild von den Menschen zu zeichnen und uns so einen ungewöhnlichen Einblick in die "Seele" des Riesenreichs zu ermöglichen. 

China, wer bist du? ist allen zu empfehlen, die sich abseits der üblichen Reiseführer ein Bild vom heutigen China machen wollen. Ich bin mir sicher, dass viele überrascht sein werden, inwieweit alte Traditionen im modernen China noch eine Rolle spielen.

Die sehr schöne Aufmachung macht das positive Bild komplett: Der Einband besteht aus starker Pappe, zu jedem Interview gibt es mindestens ein Porträtfoto der befragten Person. Dafür wurde das Buch 2020 beim Wettbewerb der Stiftung Buchkunst "Die schönsten deutschen Bücher" mit der Silbermedaille ausgezeichnet.

China, wer bist du? ist 2020 im Verlag Reisedepeschen Berlin erschienen und kostet 26 Euro.


Samstag, 18. Mai 2024

# 437 - Das, was am Ende von uns übrig bleibt - Kodokushi in Japan

Der Roman Oben Erde, unten Himmel der österreichischen Schriftstellerin Milena Michiko Flašar ist eines der sensibelsten Bücher, das mir in der letzten Zeit untergekommen ist. Flašar stellt ein gesellschaftliches Phänomen in den Mittelpunkt, das nicht nur in Japan, wo die Handlung angesiedelt ist, sondern auch in vielen anderen Industrienationen thematisiert, aber oft nicht ernst genug genommen wird: die Einsamkeit.

Aber ist es nicht ganz einfach, der Einsamkeit zu entfliehen, wenn man in Vereine eintritt, sich gesellschaftlich engagiert oder auf andere Weise mit Menschen in Kontakt kommt? Wenn es so banal wäre, gäbe es keine einsamen Menschen mehr. 

Milena Michiko Flašar hat sich in ihrem Buch einer besonderen Form der Einsamkeit gewidmet, für die es in Japan seit den 1980-er Jahren einen eigenen Begriff gibt: Kodokushi, den einsamen Tod. In Japan versteht man darunter das Versterben von Menschen, die über Wochen oder sogar Jahre von niemandem vermisst werden. 

Die 25-jährige Suzu ist grundsätzlich eine heiße Kodokushi-Kandidatin. Sie ist introvertiert und in einem Maße sozial inkompetent, dass sie ihren Aushilfsjob in einem typischen japanischen Familienrestaurant verliert.
Gleich zu Beginn charakterisiert sie sich treffend selbst: "Ich bin gerne allein. Und eigentlich hat sich daran auch nichts geändert. Nach wie vor bin ich kein Mensch, der viel Gesellschaft um sich braucht. Anders als früher brauche ich jedoch welche, und die Erkenntnis, dass dem so ist, hat meinem Leben eine neue Richtung gegeben." 

Auf einen Schlag hat sie nun kein Einkommen mehr. Ihre Eltern, die auf dem Land leben, um Hilfe zu bitten, kommt nicht infrage: Suzu war für ein Studium, das sie nach kurzer Zeit abgebrochen hatte, in die Großstadt gezogen. Das und die Tatsache, noch immer keinen heiratswilligen Partner zu haben, sind genug Enttäuschungen, die sie ihnen zugemutet hat. Eine weitere will Suzu nicht hinzufügen.

Wenn es nicht ihren Hamster Punsuke gäbe, der auf ihre Fürsorge angewiesen ist, wäre jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen, an dem sich Suzu aufgegeben und womöglich einen einsamen Tod gestorben wäre. Aber die Verantwortung bringt sie dazu, sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Das erste (und einzige) Vorstellungsgespräch bringt sie in die Reinigungsfirma von Herrn Sakai. Suzu begreift erst nach und nach, worauf sich dessen Unternehmen  spezialisiert hat: Der Chef reinigt mit seinem Team die Wohnungen von Verstorbenen, die erst nach langer Zeit entdeckt wurden. Wenn der Trupp kommt und seine Arbeit beginnt, sind die Leichen nicht mehr da, wohl aber die Spuren, die sie hinterlassen haben. Für diese Arbeit braucht man einen starken Magen und ein dickes Fell.

Für Suzu ist klar, dass sie diesen Job nur so lange machen wird, bis sie etwas Besseres gefunden hat. Doch sie fragt sich, wer sie wohl vermissen würde, wenn sie stürbe. Wann würde ihr Tod bemerkt werden?
Die Monate gehen dahin, und sie merkt, dass sie nicht nur wegen des Geldes zur Arbeit geht, sondern dort Teil einer Gemeinschaft geworden ist. Das ist vor allem Herrn Sakai zu verdanken, der seine Firma nicht nur ökonomisch, sondern auch hinsichtlich des sozialen Miteinanders zusammenhält. 

Die neuen Kontakte zu anderen Menschen führen bei Suzu zu ihr völlig neuen Einsichten. Angespornt von einem gleichaltrigen Kollegen steigt sie auf das Flachdach ihres Mehrfamilienhauses, von dem aus sich ihr das Panorama auf ihre Nachbarschaft offenbart: nicht einfach nur eine Ansammlung von Fassaden und Dächern, sondern Szenen aus den Leben der Menschen um sie herum. Bis zu diesem Tag kannte sie in diesem Haus nur den Weg von der Haustür bis zu ihrer Wohnung.
Aber dann gibt es in Herrn Sakais Firma eine Nachricht, die Suzu aus der Bahn werfen könnte. 

Lesen?

Ich habe die Antwort darauf gleich zu Beginn vorweggenommen. Oben Erde, unten Himmel ist ein durch und durch empathisches Buch, das von großer Kenntnis der japanischen Kultur zeugt. Das ist kein Wunder, denn Flašars Mutter ist Japanerin. Die Autorin hat in ihrer Kindheit mehrere Sommer in Japan verbracht und reist jedes Jahr für einige Wochen in das Land. 

Oben Erde, unten Himmel gehört zu den Büchern, die so berühren, dass man sie nach der letzten Seite nicht einfach beenden und das nächste Buch beginnen kann.

Oben Erde, unten Himmel ist 2023 im Verlag Klaus Wagenbach erschienen und kostet gebunden 26 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro.

Nachtrag: Die Japanerin Miyu Kojima hat selbst als Reinigungskraft in einer Firma, die sich um die Wohnungen einsam Verstorbener kümmerte, gearbeitet. Irgendwann kam ihr die Idee, deren Wohnungen so, wie sie vorgefunden worden waren, im Kleinformat nachzubilden. Wer mehr darüber wissen will: hier entlang.

Freitag, 10. Mai 2024

# 436 - Die Krise und der Schatz

Quelle Foto: Verlagsbuchhandlung Liebeskind 
Die Welt ist voller Krisen, die sich geradezu zu stapeln
scheinen. Zahlreiche Menschen empfinden diese Entwicklung als Bedrohung, und viele von denen, die es sich leisten können, lassen sich in ihre Eigenheime private komfortable Bunker für den Ernstfall einbauen - wie immer der am Tag X aussehen mag. Doch was ist mit den Leuten, die ebenfalls Angst, aber weniger Geld haben?

Segismundo García II. ist der Erzähler in dem Roman Ein sicherer Ort des spanischen Schriftstellers Isaac Rosa und hat für sie die Geschäftsidee: Er bietet ihnen den Einbau eines "Sicheren Ortes" an. Dafür eignen sich mehr Gebäudeteile als man ahnt: Segismundo empfiehlt hierfür nicht nur mit Gerümpel vollgestellte Kellerabteile oder Garagen, sondern auch winzige, mit einer Holzklappe abgedeckte Erdlöcher. Wo ein Wille ist, sollte auch ein Weg sein.
Die Nachfrage ist da, aber um seine Idee erfolgreich umzusetzen, braucht Segismundo vor allem Geld. Geld, das er nicht hat und ihm die Bank nicht geben wird. Denn: Sein Vater, Segismundo "der Große", hatte sich mit Billig-Zahnkliniken einst von ganz unten nach ganz oben gearbeitet, die Firmendaten etwas aus dem Blick verloren und war wegen Betrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Ein sozialer Absturz, von dem er sich nicht mehr erholen sollte und der auch das Leben seiner Frau und seines Sohnes aus der Bahn warf. Wer also "Segismundo García" in eine Suchmaschine eingibt, findet zunächst Artikel über die kriminellen Machenschaften des alten Mannes. Der Name ist verbrannt.

Vor seinem Haftantritt hatte Segismundo I. allerdings vorgesorgt und einen Teil des ergaunerten Geldes versteckt. Mittlerweile wurde er zwar entlassen und lebt in einer Wohnung in Madrid, aber seine Demenz hat ihn seine Vergangenheit vergessen lassen. Er wird von einer Pflegerin rund um die Uhr betreut und ist als alter Mann so freundlich, wie er es früher nie war. Hoffnung geben dem Sohn jedoch die spontanen Gänge des Vaters durch die Straßen der Hauptstadt: Segismundo II. hofft, dass sein Vater sich irgendwann an das Geldversteck erinnert und damit unwissentlich die Geldprobleme seines Sohnes und Enkels löst. Ein Peilsender am Handgelenk des Seniors verrät, welche Route er nimmt.

Segismundo III. ist noch Schüler und ebenso schlitzohrig wie Vater und Großvater. Als noch genug Geld da war, hat man ihn auf eine Privatschule geschickt, um ihm die Chance auf ein gutes und erfolgreiches Leben zu geben. Doch Segis, wie er von seinem Vater genannt wird, investiert seine Zeit lieber in Sportwetten und sammelt von seinen reichen Mitschülern Wetteinsätze ein. Aktuell befindet er sich jedoch wie sein Vater in Schwierigkeiten und braucht wie er dringend Geld.

Lesen?

Isaac Rosa greift sehr gekonnt die Ängste auf, die Teile der Gesellschaft umtreiben: Der Wunsch nach dem sozialen Aufstieg geht Hand in Hand mit der Angst vor dem Abstieg; die allgemeine Panikmache befördert die Sorge, es könnte zu Ereignissen kommen, die die Menschheit ins Elend stürzen oder gar auslöschen. Rette sich, wer kann.

Diesen Ängsten wird in diesem Roman entweder mit dem egoistischen Einbunkern oder mit dem Gegenteil, einer auf Zusammenhalt und Kooperation basierenden Gesellschaft, die Segismundo II. spöttisch als "Tonkrügler" bezeichnet, begegnet. Er erzählt seinem dementen Vater in der seltenen "Du-Form" seine Sicht auf dessen Leben und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Am Ende schimmert so etwas wie Versöhnlichkeit gegenüber dem alten Vater durch - oder ist es Resignation?

Ein sicherer Ort ist 2022 in der Originalausgabe unter dem Titel Lugar Seguro erschienen und wurde in der deutschen Übersetzung von Luis Ruby 2024 von der Verlagsbuchhandlung Liebeskind herausgebracht.
Der Roman kostet als gebundenes Buch 24 Euro und als E-Book 18,99 Euro.


Freitag, 5. April 2024

# 431 - Ein Film

Der Roman Ein Film (3000 Meter) ist aus verschiedenen Gründen etwas Besonderes. Er erschien 1926 in Barcelona in der katalanischen Originalausgabe und auf seinem Cover stand der Name des Autors Víctor Català. Doch hierbei handelte es sich um ein Pseudonym der Schriftstellerin Caterina Albert i Paradís. Man kennt das auch von anderen Autorinnen, denen es nicht möglich war, ihre Werke unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen, weil sie Frauen waren, und die deshalb den Umweg über ein männliches Pseudonym gehen mussten: George Sand beispielsweise wäre unter ihrem Namen Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil wohl für immer unbekannt geblieben. Das gilt auch für die englische Schriftstellerin Mary Ann Evans, deren Roman Middlemarch 2015 von mehr als 80 Kritikern zum bedeutendsten Roman aller Zeiten gekürt wurde. Sie hat das Buch 1872 unter dem Pseudonym George Eliot veröffentlicht.

Die Handlung des Romans spielt um 1910 herum. In Europa werden Kinos gerade populär, ihre Wirkung wird in literarischen Kreisen diskutiert. 
Auch politisch durchlebte Spanien unruhige Zeiten. Es kam vermehrt zu sozialen Spannungen, und das Land stürzte sich in Nordafrika in den verlustreichen Rif-Krieg, um seinen Status als Kolonialmacht auszubauen. Als das zunächst misslang, kam es in Spanien zu innenpolitischen Problemen, die mit Billigung von König Alfonso XIII. 1923 zur Errichtung einer rechtsgerichteten Diktatur unter General Miguel Primo de Rivera führten.
Im Sommer 1909 gab es in Barcelona einen Arbeiteraufstand, der in mehreren Tausend Verhaftungen und einigen Todesurteilen mündete. In der Folge wurden mehrere Bürgerrechte ausgesetzt.

In dieser Atmosphäre der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Unsicherheit ist Ein Film (3000 Meter) angesiedelt. Im Mittelpunkt steht der 22-jährige Nonat Ventura, der als Säugling in einem Waisenhaus in einer ländlichen Gegend Kataloniens abgegeben wird. Er ist intelligent und entwickelt sich zu einem gutaussehenden jungen Mann. Ein Waisenkind zu sein, empfindet er jedoch als Makel und fühlt sich vom Leben benachteiligt. Er ist sich sicher, wohlhabende Eltern zu haben und fühlt sich um ein schönes Leben betrogen. 

Ein kinderloser Schlossermeister aus Girona nimmt den Jungen bei sich auf und behandelt ihn wie einen eigenen Sohn. Doch Nonat strebt nach Höherem: Er liebt schöne Kleidung und den Lebensstil der wohlhabenden Bürger und weiß, dass er niemals deren Status erreichen kann, wenn er ein Leben als Schlosser lebt. Deshalb verlässt er seinen Ziehvater, der ihm zum Abschied eine Goldunze schenkt, die diesem immer Glück gebracht hat. Die Münze soll nun Nonats Talisman sein.

Nonat findet den Namen seiner Taufpatin heraus. Diese lebt mit ihrem Mann in einem Dorf und spürt schnell, dass der Schönling, der an ihre Tür geklopft hat, Ärger mit sich bringen könnte. Da sie vor 22 Jahren geschworen hat, das Geheimnis von Nonats Herkunft für sich zu behalten, tischt sie diesem eine offensichtliche Lüge auf, um ihn rasch loszuwerden. Der sieht sein Heil nun in Barcelona. Sein Gefühl sagt ihm, dass er dort die Antwort auf seine Herkunft finden wird und die Chance hat, mehr aus sich zu machen. Viel mehr.

Nonat schafft es schnell, dank seiner Cleverness und seines guten Aussehens in Barcelona Fuß zu fassen. Er übernimmt eine Werkstatt, die bald gute Kunden hat, und wird in seinem Umfeld geachtet. Aber das ungelöste Rätsel um seine Herkunft treibt ihn um. Außerdem hat die katalonische Hauptstadt Verlockungen, die Nonat von Girona nicht kannte. Wer es sich leisten kann, fährt mit der Straßenbahn oder sogar Droschke, es gibt viele gute Restaurants und auch kulturell ist Barcelona Girona weit überlegen. Doch diese Möglichkeiten, die Nonat gerne wahrnimmt, übersteigen seine Finanzen. Hat er bislang nur gelegentlich etwas in großen Menschenmengen mitgehen lassen, schart er schon bald einige Kleinkriminelle um sich, die das schnelle und leicht verdiente Geld wittern. Was sie nicht wissen: Alle Menschen, die den jungen Mann für ihren Freund hielten, wurden von ihm massiv enttäuscht. Einige, die ihn früher liebten und bewunderten, hassen ihn nun. Nonat ist das gleichgültig, er sieht nur seinen eigenen Vorteil. Aber wie lange kann er sein Glück, das ihm bisher treu war, strapazieren? 

Dann kommt der Tag, an dem Nonat die Goldunze seines Ziehvaters gestohlen wird...

Lesen?

Ein Film (3000 Meter) wirft ein Licht auf das Leben der Menschen in Katalonien, die vor etwa einhundert Jahren knapp ihr Auskommen hatten oder am Rand der Gesellschaft standen. Nonats brennender Wunsch, ein Mitglied der wohlhabenden Klasse zu sein, zeigt immer wieder, wie groß die Kluft zwischen Arm und Reich war. Doch es war nicht nur das Geld, das ihn von denen "da oben" trennte, sondern auch seine Herkunft, die sich unter anderem in seinem schlechten Spanisch widerspiegelte. 

Catarina Albert i Paradís bettet ihren Roman in ein zeithistorisches Umfeld ein, in dem es in Katalonien und Spanien etliche Erschütterungen gab und man sich neu orientieren musste. Sie gehörte zu den Anhängern des Noucentisme, einer kulturellen und ideologischen Strömung, die mit dem Beginn der Diktatur von Miguel Primo de Rivera ihr abruptes Ende fand. In diese Zeit fiel ihre kreative Krise. Die wenigen Male, in denen sie in ihrem Roman direkt Bezug auf das Kino nimmt, das immer mehr Menschen begeisterte, sind wohl als Annäherung an das neue Medium zu sehen. Catarina Albert i Paradís wird beobachtet haben, welchen Einfluss das Kino auf das Leben und die Gewohnheiten der Menschen nahm. Davon blieb auch die Literatur nicht unberührt.

Einziger Kritikpunkt ist das Fehlen eines Nachworts, das den Kontext für die Romanhandlung liefert. 

Ein Film (3000 Meter) ist 2024 im Kupido Literaturverlag erschienen und wurde sehr lebendig von Petra Zickmann übersetzt.
Der Roman kostet gebunden 29,80 Euro.

Freitag, 12. Januar 2024

# 422 - Wer will Inklusion und wer eher nicht?

Ich bin jetzt endlich dazu gekommen, Wer Inklusion
will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden.
 
von Raúl Aguayo-Krauthausen zu lesen. Schon aus persönlichem Interesse wollte ich wissen, was einer der bekanntesten Behindertenaktivisten Deutschlands zu diesem Thema zu sagen hat.

Der Buchtitel sticht nicht gerade durch seine Knappheit hervor, drückt aber genau das aus, was Krauthausen und zahllose andere Menschen mit Behinderung praktisch täglich erleben. Es geht ihm jedoch nicht nur um Barrieren, denen auch Nicht-Behinderte begegnen können: Treppen oder schwierige Einstiege in öffentliche Verkehrsmittel stellen beispielsweise auch alle, die einen Kinderwagen schieben, vor Probleme. Er beschreibt in drei Kapiteln das "große Ganze", was das Leben von Behinderten in Deutschland ausmacht.

Es wird schnell deutlich, dass ein Leben mit einer Behinderung ebenso facettenreich ist wie das ohne. Wer im Alltag keinen Kontakt zu behinderten Menschen hat, der mag überrascht sein, dass sich die Problematik nicht nur um die Berollbarkeit von Wegen und Gebäuden dreht, sondern auch um Wünsche und Bedürfnisse, deren Erfüllung für Nicht-Behinderte ganz selbstverständlich ist: Inklusion findet zum Beispiel in Schulen oder bei der Berufswahl zu oft nicht oder nur eingeschränkt statt. Sehr vielen Behinderten wird außerdem keine Chance gegeben, möglichst selbstbestimmt zu wohnen oder ihre Sexualität auszuleben. Fürsorge wird dann schnell zur Bevormundung. Bestimmte Arten der Fürsorge haben außerdem einen finanziellen Aspekt, der sich für zahlreiche behinderte Menschen nachteilig auswirkt.

Krauthausen belässt es nicht bei einer Kritik des Status Quo, sondern beschäftigt sich ausführlich mit der Frage, wie sich die Inklusion von behinderten Menschen erreichen lässt. Es gibt noch einiges zu tun, aber er zitiert den spanischen Dichter Antonio Machado mit einem Satz, der auch für andere Themenfelder passt: "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht."

Lesen?

Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden. sollte auch oder gerade von Menschen gelesen werden, die sich mit der Inklusion von Behinderten bislang nicht oder nur wenig beschäftigt haben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass vieles in diesem Buch bei Leserinnen und Lesern einen "Aha-Effekt" auslöst und damit zum Verständnis beiträgt.
Mehrere Interviews mit Expertinnen und Experten - z. B. einer Sachverständigen für barrierefreies Bauen oder dem Vater eines Kindes mit Downsyndrom - runden den Inhalt ab.

Wer Inklusion will, findet einen Weg. Wer sie nicht will, findet Ausreden. ist 2023 bei Rowohlt Polaris erschienen und kostet als Paperback 17 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro.


Sonntag, 19. November 2023

# 418 - Von Menschen und Krähen

Der Schriftsteller Alexander Höch hat gerade eine
Chemotherapie hinter sich. Aber anstatt sich um ihn zu kümmern, beschließt seine Frau Eva, gerade jetzt das gemeinsame Haus renovieren zu lassen. Alexander wird in der Wohnung seines Bruders Georg untergebracht, der gerade auf Reisen ist. Eva duldet keinen Widerspruch, die dominante Psychotherapeutin weiß, wie sie ihren Mann "überzeugen" kann. Christina Walker gibt in ihrem Roman Kleine Schule des Fliegens einen tiefen Einblick in den Seelenzustand eines Mannes, der eine große Lebenskrise (vorläufig) überstanden hat und sich ungewollten neuen Herausforderungen gegenübersieht.

Alexander fühlt sich abgeschoben, lästig und alleingelassen. Georgs Wohnung ist ihm fremd. Fremd ist ihm auch Melitta Müller, die immer wieder kurz vorbeikommt, um die Blumen zu gießen, ein bisschen zu putzen und kleine Besorgungen zu erledigen. Sie steht jedes Mal unverhofft in der Wohnung, was Alexander als ein Eindringen in seine Privatsphäre empfindet. Melitta behauptet jedoch jedes Mal, vorher geklingelt zu haben.

Eine Abwechslung bieten die Krähen, die auf der gegenüberliegenden Platane dabei sind, Nester zu bauen. An den Tieren scheiden sich allerdings die Gemüter der Nachbarschaft: Bewohnerinnen und Bewohner eines Altenheims füttern die Vögel heimlich, andere Nachbarn - allen voran Melitta - setzen alles daran, sie zu vertreiben.

"Das ist eine der schönsten Straßen der Stadt", sagte die Frau mit den kurzen blonden Haaren, "eine Krähenkolonie hat hier einfach keinen Platz."
Kommt einem dieser Satz nicht aus anderen Zusammenhängen bekannt vor?

Es ist Eile geboten, denn sobald die Nester fertig sind, müssen die Krähen in Ruhe gelassen werden. Der Eifer der Krähengegner scheint keine Grenzen zu kennen: Es beginnt mit einem gelben Vergrämungsballon, der in den Zweigen der Platane hängt und dessen eckige Augen den Krähen Angst machen sollen. Statt weniger kommen jedoch mehr von ihnen. Die Krähenhasser versuchen es mit dem gesamten Sortiment des Vergrämungsmarktes, haben aber keinen Erfolg. Eines Morgens findet Alexander auf dem Küchentisch einen Revolver. Er gehört Melitta, die auch die passende Schreckschussmunition dabei hat. 

"Wo sich eine Saatkrähe niederlässt", erwiderte Melitta Miller, "folgen bald die nächsten. Das ist der Beginn einer Migrationsbewegung, wenn wir nichts tun." 

Lesen?

Kleine Schule des Fliegens ist ein sensibler Roman über die Einsamkeit eines Menschen und die Parallelen zwischen zwischen dem Wesen Alexanders und dem der Krähen. Nicht zuletzt verbirgt sich in dem Roman auch eine Portion Gesellschaftskritik, die aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommt.

Kleine Schule des Fliegens ist 2023 im Braumüller Verlag erschienen und kostet in der gebundenen Ausgabe 22 Euro. Das Buch stand auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises 2023.


Sonntag, 12. November 2023

# 417 - Männer töten

Absicht oder Zufall? Je nachdem, ob man im Titel von Eva Reisingers Debütroman Männer töten das erste oder zweite Wort betont, ergibt sich ein völlig entgegengesetzter Sinn. Grund genug, sich dieses Buch genauer anzusehen.

Anna Maria ist 30 Jahre alt, Österreicherin und lebt in Berlin. Sie arbeitet seit drei Jahren für ein Praktikantinnen-Salär in einer Agentur für Online-Marketing und hat in der Hoffnung, dort beruflich aufsteigen zu können, ihr Studium geschmissen. Sie hat in Berlin zwei enge Freundinnen, fühlt sich dort aber immer unwohler. Die On-Off-Beziehung mit dem selbstbezogenen Friedrich ist eine Belastung. Anna Marias Leben fühlt sich an, als sei es in einer Sackgasse. 

In dieser Situation lernt sie in einem Club Hannes kennen. Er ist ebenfalls Österreicher und hat in dem abgelegenen oberösterreichischen Dorf Engelhartskirchen den Hof der Eltern übernommen. Kurz, nachdem die beiden einen One-Night-Stand haben, hat Anna Maria einen Fahrradunfall. Der einzige, der ihr auf die Frage des Krankenhausarztes: "Wer kann sie abholen?" einfällt, ist Hannes.

Anna Marias neues Leben beginnt in Engelhartskirchen an Hannes' Seite. Insbesondere die Frauen des Dorfes nehmen sie in ihrer Mitte auf. Gleich zu Beginn wird sie zum Junggesellinnenabschied von Sabine und Josepha eingeladen, dessen wichtigstes Merkmal der maßlose Alkoholkonsum ist. Anna Maria registriert zunächst alles, was ein österreichisches Dorf klischeehaft ausmacht: die idyllische Landschaft, die Kühe auf den Weiden, die Kirche. Doch dann wundert sie sich über die ihr fremden Gepflogenheiten wie die Arbeit der selbsternannte Pastorin, aber nach und nach begreift sie, was diesen Ort von allen anderen im Land unterscheidet: Hier wird das Matriarchat gelebt, und zwar bis zur letzten Konsequenz. Im Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen hält die weibliche Dorfgemeinschaft eisern zusammen: die mit Verächtlichmachung gepaarte Homophobie des Hausarztes, Friedrichs in einer Vergewaltigung mündendes Stalking, ein der Frauengemeinschaft gefährlich werdender Journalist... Sie alle geben Anlässe, sich gegen Männer zu wehren. 

Lesen?

Es ist nicht schwer zu erkennen, welchen roten Faden Eva Reisinger in ihrem Roman verfolgt. In Engelhartskirchen wird die Umkehrung des andernorts vorherrschenden Patriarchats gelebt. Eines Patriarchats, das in Österreich zu durchschnittlich einem Femizid alle zwei Wochen und jährlich 50 Mordversuchen an Frauen führt. In Deutschland verliert im Durchschnitt alle drei Tage eine Frau durch einen Femizid ihr Leben.

Im Unterschied zu den Männern, die einen (versuchten) Femizid begehen, weil sie Frauen nicht als gleichwertig ansehen, verachten die Frauen von Engelhartskirchen die Männer jedoch nicht grundsätzlich. Sie haben allerdings kollektiv beschlossen, sich nicht mehr kleinmachen zu lassen. Und wenn das doch passiert...

Männer töten ist ein gedankliches Experiment, das nicht zur Selbstjustiz aufrufen will. Der Roman dient eher dazu, der Gesellschaft - insbesondere dem männlichen Teil - den Spiegel vorzuhalten. Das hat das Buch sehr gut geschafft. Das schien auch die Jury des Österreichischen Buchpreises so zu sehen, das den Titel auf die Shortlist des Debütpreises 2023 setzte.

Männer töten ist 2023 im Leykam Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Freitag, 20. Oktober 2023

# 414 - Erinnerungen an die Mutter: Liebe sieht anders aus

Die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk blickt in ihrem Roman Maman auf die Lebensgeschichte ihrer verstorbenen Mutter Renée und zeigt, wie sich deren Erfahrungen seit ihrer frühen Kindheit auf die Erziehung ihrer eigenen Kinder ausgewirkt haben. Sie hat ihren Töchtern beigebracht, Angst vor Männern und Sexualität zu haben und Männer zu verachten. Aber warum?

Schenk weiß nur wenig über ihre Mutter, die sie als schweigsamen und kaum zugewandten Menschen erlebt hat. Renée wurde 1916 in einem Lyoner Krankenhaus geboren, ihre Mutter Cécile starb bereits eine Stunde später. Cécile wurde nur 45 Jahre alt, ihre Mutter war Seidenarbeiterin und wahrscheinlich eine Prostituierte.

Renée wird als Säugling von einer Bauernfamilie in der Ardèche als Pflegekind aufgenommen. Das Motiv der Familie ist nicht altruistisch, sondern ökonomisch: Man braucht das Pflegegeld als Zusatzeinkommen und rechnet damit, das Kind in einigen Jahren als kostenlose Arbeitskraft einsetzen zu können. Die "Erziehung" der Pflegeeltern ist von Gefühlskälte und Vernachlässigung geprägt.

Erst als Renée fast sechs Jahre alt ist, ist ihre Verwahrlosung auch für die Behörden nicht mehr zu übersehen, und sie wird aus der Familie herausgenommen. Die neuen Pflegeeltern, die sie später adoptieren werden, gehören zum bürgerlichen Milieu: Charles ist Apotheker, Marguerite geht in der Aufgabe auf, sich um Renée zu kümmern. Trotz aller Hingabe gelingt es ihr nicht, das Mädchen aus seiner Schweigsamkeit und Verschlossenheit herauszuholen. Das Kind hat Albträume und ist kognitiv schlechter als Gleichaltrige entwickelt. Daran ändert auch der Besuch einer Privatschule nichts. 

Renées Leben verläuft weitgehend fremdbestimmt. Bis zu ihrer Hochzeit 1936 mit dem jungen Zahnarzt Jean sagt ihr Marguerite, was gut und richtig ist. Nach der Eheschließung wird das Renées Mann übernehmen. Die Ehe ist nicht von Liebe, sondern Konventionen geprägt. Renées Aufgabe ist ganz traditionell eine gute Ehefrau und Mutter zu sein. Sie bringt vier Töchter und einen Sohn zur Welt, die ohne ihre besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge groß werden. Jean ist immer seltener zu Hause; die Lieblosigkeit, von der Renée in ihrer frühen Kindheit geprägt wurde, findet in ihrer Ehe ihre Fortsetzung. Das liegt auch daran, dass Renée für ihren Mann nur Abneigung empfindet.
Doch dann, in der Zeit der sich ausbreitenden Resistance, fühlt sich Renée zu einem Mann wirklich hingezogen und ist bereit, für ihn ihr bisheriges Leben hinzuwerfen und mit ihm durchzubrennen. Sie erkennt, dass sie auf eine Täuschung hereingefallen ist.

Das, was Sylvie Schenk über ihre Mutter weiß, hat sie aus Akten, in denen sie und ihre Geschwister recherchiert haben. Was sich nicht mehr ermitteln ließ, hat die Autorin durch fiktionale Inhalte ergänzt. Man spürt den Schmerz darüber, die Eltern und Großeltern nicht genauer nach deren früheren Lebensumständen befragt zu haben. 

Die Mutter hat aus ihrer Herkunft, über die sie selbst nicht viel wusste, ein gut gehütetes Geheimnis gemacht. Mit ihrem Roman geht Sylvie Schenk der Frage nach, inwieweit ihr eigenes Leben durch das distanzierte Verhalten ihrer Mutter geprägt wurde. Die Leserinnen und Leser von Maman bekommen nicht nur Einblick in die sehr spezielle familiäre Situation, sondern auch in die bis in die 1960-er Jahre in Frankreich geltenden Konventionen, die oft nur als Fassade für ein gesellschaftlich nicht akzeptiertes Leben dienten.

Lesen?

Maman ist eine Aussöhnung mit der Mutter und deren nicht-mütterlichem Verhalten. Sylvie Schenk kann ihrer Mutter nun Verständnis für deren fehlende Wärme und Zuneigung entgegen bringen. Kurz vor ihrem Tod öffnet sich Renée kurz und gibt ihrer schreibenden Tochter einen Einblick in ihr Wesen. "Du darfst alles aufschreiben, ich weiß, dass du es aufschreiben wirst", sind die letzten Worte von der Mutter an die Tochter. Es ist, als würden sie einander die Hände reichen. Zum ersten und zum letzten Mal.

Maman ist 2023 im Carl Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 16,99 Euro.
Der Roman stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2023.

 

Freitag, 16. Dezember 2022

# 375 - Eine Frau - ein besonderer Blick auf die verstorbene Mutter

Im April 1986 stirbt Annie Ernaux' Mutter im Alter von 80 Jahren in einem Altenheim in der Nähe von Paris. Zwei Jahre hat sie dort gelebt - dement und hilfsbedürftig.

Knapp zwei Wochen später schreibt Ernaux in Eine Frau auf, was das besondere Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter geprägt hat. Zehn Monate benötigt sie, um ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend zu Papier zu bringen, aber auch, um über das oft angespannte Mutter-Tochter-Verhältnis zu schreiben, das die beiden Frauen verband.

Die Eltern stammten aus sozial einfachen Verhältnissen und wollten, dass es ihr Kind einmal besser hat als sie. Dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Aufstieg ist, war insbesondere der Mutter klar. Damit das gelingt, sollte es bei einem Kind bleiben. Das erste Kind der Eltern stirbt 1938 an Diphtherie, 1940 wird Annie geboren. Obwohl das Geld knapp ist, ermöglichen die Eltern ihrer Tochter den Besuch guter Schulen. Das Kind Annie weiß genau, mit welchem Anliegen sie sich an den Vater oder die Mutter wenden muss: "Er ging mit mir auf den Jahrmarkt, in den Zirkus, in Filme mit Fernandel, er brachte mir Radfahren bei und welches Gemüse im Garten wuchs. Mit ihm hatte ich Spaß, mit ihr 'unterhielt ich mich'. Sie war die dominante Figur, das Gesetz."

Annie Ernaux beschreibt sehr genau und prägnant, wie sich das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter verändert, als die Tochter vom Kind zur Jugendlichen wird. Durch deren Unterstellung, die Tochter würde mit dem Erstbesten ins Bett gehen und sich schwängern lassen, erzeugt die Mutter ungewollt eine Distanz. Ernaux empfindet bei dem Gedanken an ihre Mutter in dieser Zeit eine so deutliche Mutlosigkeit, dass sie eine Parallele zieht zu "afrikanischen Müttern, die ihren Töchtern die Arme auf dem Rücken festhalten, während eine Beschneiderin ihnen die Klitoris entfernt".

Spätestens mit dem Beginn des Studiums wird spürbar, dass sich Ernaux und ihre Eltern in verschiedenen Welten bewegen und einander kaum noch etwas zu sagen haben. An der Uni lernt die junge Frau ihren späteren Ehemann kennen, der aus einem Elternhaus stammt, in dem Bildung etwas Selbstverständliches ist. Ihr wird der soziale Unterschied zwischen ihren Eltern und Schwiegereltern sowie insbesondere den beiden Müttern immer deutlicher.
Einige Zeit nach dem Tod des Vaters zieht die Mutter in das Haus ihrer Tochter ein, in dem diese mit ihrem Mann und den zwei Söhnen lebt. Es ist keine Überraschung, dass sich dabei Konflikte ergeben: Die Erwartungen von Mutter und Tochter an das gemeinsame Zusammenleben sind nur schwer in Einklang zu bringen. Nach wenigen Jahren zieht die Mutter zurück in ihre Heimatstadt Yvetot.

Dann stellt Ernaux fest, dass sich ihre Mutter verändert. Sie wird immer verwirrter, und nach einiger Zeit wird bei ihr die Alzheimer-Krankheit diagnostiziert. Ernaux holt die alte Frau zu sich, muss aber feststellen, dass sie mit deren Pflege auf Dauer überfordert ist. Es bleibt nur die Unterbringung in einem Pflegeheim.

Lesen?

Wer schon ein Elternteil verloren hat, kann sehr viel von dem nachempfinden, worüber Ernaux geschrieben hat. Das Verhältnis zu den Eltern - nicht nur zur Mutter - ändert sich im Laufe des Lebens. Dazu gehört auch, dass sich die Beziehungen oft umkehren, wenn die alten Eltern mit ihren Kräften am Ende sind oder eine Demenz beginnt, das Leben zu beherrschen: Während früher die Eltern (meistens) als Menschen erlebt wurden, die so schnell nichts umhaut, nehmen sie im Alter oft de facto die Rolle von Kindern ein, die von ihren eigenen Kindern Unterstützung erhoffen.

Annie Ernaux hat nicht nur diesen Rollenwechsel sehr genau beschrieben, sondern auch das wechselhafte Verhältnis zu ihrer Mutter, die durch von unterschiedlichen sozialen Status geprägten Leben und Konflikte der beiden Frauen sowie ihren eigenen  Trauerprozess, der mit der letzten Zeile des Buches nicht zu Ende war. Das alles in einer schnörkellosen Sprache, die die Leserschaft direkt anspricht.

Eine Frau wurde in der Originalfassung Une femme 1987 veröffentlicht. 1993 und 2007 wurden die deutschen Titel Das Leben einer Frau bzw. Gesichter einer Frau herausgebracht. 
Die aktuelle Übersetzung aus dem Jahr 2019 erschien im Suhrkamp Verlag. Die gebundene Ausgabe kostet 20 Euro, das E-Book 11,99 Euro und das Taschenbuch 12 Euro.

Annie Ernaux erhielt 2022 den Nobelpreis für Literatur.


Freitag, 9. Dezember 2022

# 374 - Kaputte Wörter - kann da noch etwas repariert werden?

In Matthias Heines Buch Kaputte Wörter? kreist alles um die Frage, ab wann ein Wort so "kaputt" ist, dass man es auf keinen Fall weiterhin verwenden darf. Doch woran kann man erkennen, ob ein Wort noch gebrauchsfähig ist?

Heine erläutert das anschaulich an 78 Begriffen von "Abtreibung" bis "Zwerg". Ihnen ist gemeinsam, dass ihre Benutzung durch einen Sprecher oft dazu führt, dass sein Gesprächspartner sich nicht über den gesagten Inhalt, sondern über die Verwendung des "kaputten" Wortes erregt. Die eigentliche Botschaft des Sprechers gerät dabei völlig in den Hintergrund.

Diskussionen um den richtigen Gebrauch der Sprache sind in Deutschland nichts Neues. Schon im 17. Jahrhundert wandten sich die deutsche Aristokratie und das Bildungsbürgertum gegen das Einsickern von französischen Begriffen und die Entstehung der sog. Alamodesprache.
Während des Ersten Weltkriegs tat sich mit dem Allgemeinen Deutschen Sprachverein eine Art Tugendwächter hervor, der die seiner Meinung nach falsche Verwendung von Begriffen wie z. B. Billett anstelle von Fahrkarte mit Vaterlandsverrat gleichsetzte.

Die Sprachdiskussionen, die heute geführt werden, haben allerdings einen anderen Hintergrund. Heute verschaffen sich gesellschaftliche Gruppen Gehör, die bislang ignoriert oder marginalisiert wurden und für sich die Art und Weise beanspruchen, wie man über sie spricht.
Hinzu kommt, dass durch die Veränderung der Medienlandschaft in den letzten zwanzig Jahren ein falsches und/oder unbedachtes Wort deutlich mehr Reichweite hat: Wer früher z. B. das N-Wort am Kneipentresen aussprach, löste nur ein Augenrollen aus. Heute haben Äußerungen durch die sozialen Medien ein Mehrfaches an Publikum - und führen schnell zu einem verbalen Flächenbrand.
Und dann ist da noch ein Phänomen, das Heine als German linguistic angst bezeichnet. Nach seiner Beobachtung haben speziell Deutsche eine große Angst vor falscher Sprache. Ein Indiz dafür sind die Begriffe Sprachkritik und Unwort. Sie gibt es in der Bedeutung, wie wir sie kennen, nur in der deutschen Sprache; ähnliche Begriffe wie z. B. language criticism bzw. non word treffen nicht den Kern der Sache.

Lesen?

Kaputte Wörter? bietet eine Fülle von Einsichten. Matthias Heine beleuchtet jedes einzelne Wort sehr genau, indem er nicht nur seinen Ursprung und Gebrauch erläutert, sondern auch die Gründe, die zu der Kritik an ihm geführt haben. Jedes Kapitel schließt mit einer persönlichen Einschätzung des Autors ab.

Viele der von Heine gewählten Wörter waren mir als "kaputt" bekannt. Neu war mir jedoch die Diskussion um beispielsweise "Altes Testament", "Schamlippen" oder "bester Freund". 
Matthias Heine bezieht zwar immer Stellung, betont aber, dass sein Buch ein Beitrag zur Sprachdiskussion sein soll, er aber niemandem seine Sichtweise aufzwingen will. Das ist ihm gelungen.

Kaputte Wörter? ist 2022 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.

Freitag, 7. Oktober 2022

# 366 - Skurrilität gepaart mit autobiographischen Inhalten

Jan Faktor wurde in Prag geboren und siedelte 1978
wegen der Liebe nach Ost-Berlin über. Zehn Jahre zuvor hatte er in Prag Annette Simon, die Tochter der Schriftstellerin Christa Wolf, kennengelernt. Sein Sohn Benjamin nahm sich vor zehn Jahren im Alter von 33 Jahren das Leben.

Die Biographie eines Autors vorzustellen gehört normalerweise nicht an den Anfang einer Rezension. Ich mache hier eine Ausnahme, weil es genau das ist, worum es in Jan Faktors aktuellem Roman Trottel geht.

Der Suizid seines psychisch kranken Sohnes ist das größte Trauma in Faktors Leben. Immer wenn es in seinem Buch um ihn geht, verändert sich die Sprache: Beschreibt Faktor sein eigenes Leben oder vergleicht er Prag mit Ost-Berlin, driftet er ab, erfindet neue Wortschöpfungen oder lässt Personen auftauchen, die schon kurz nach ihrer Benennung wieder so gründlich verschwinden, als hätte es sie gar nicht gegeben. 

Wendet er sich hingegen seinem Sohn zu, sind seine Formulierungen klar und beinahe sachlich, die Liebe ist jedoch immer spürbar. Das gilt auch dann, wenn Faktor über Zeiten schreibt, in denen er und seine Frau vom Leben ihres Sohnes nicht viel mitbekommen haben und manches erst nach seinem Tod erfuhren.

Ich habe Trottel dennoch nach dem ersten Drittel abgebrochen. Die Abschnitte, in denen Jan Faktor inhaltlich hin und her gesprungen ist wie ein Känguru auf der Flucht, wurden mir zu viel. Seitenlang ging es um zum Teil aus meiner Sicht redundante Inhalte, die von mindestens ebenso redundanten Fußnoten gespickt waren, die weder die Handlung weiterbrachten noch eine Erkenntnis lieferten.

Lesen?

Im Kapitel "Siebzehnmal darfst du raten" findet sich ein Satz, zu dem ich zustimmend genickt habe:

"Erzähle ich zu viel Überflüssiges - oder sogar den reinen, unsauber randomisierten Unsinn?"

Trottel ist 2022 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Jan Faktor wurde für diesen Roman mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet. Trottel steht außerdem auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2022.

Nachtrag: Auf ihrem Blog Mikka liest das Leben hat Mikka, eine der offiziellen Buchpreisblogger*innen für den Deutschen Buchpreis, ebenfalls den Roman rezensiert. Lest hier, wie er ihr gefallen hat.

Freitag, 2. September 2022

# 362 - Die Geschichte eines sozialen Abstiegs oder eines besseren Lebens?

Georg Roth ist 51, geschieden und hat eine erwachsene
Tochter, die ständig pleite ist und ihn anpumpt. Er ist promovierter Wirtschaftsanwalt, verdient gut und lebt allein in einem Haus mit Garten. Doch dann schlittert er in eine Midlife Crisis, aus der er mit etwas ganz Neuem in seinem Leben entkommen will. Heinz Strunk beschreibt in seinem neuesten Roman Ein Sommer in Niendorf wie sich ein Leben in wenigen Wochen von Grund auf ändern kann.

Roth fasst den Plan, seine Familiengeschichte in Form eines Romans aufzuarbeiten. Da das aus zeitlichen Gründen nicht funktionieren kann, während er in der Kanzlei arbeitet, kündigt er seine Stelle und nimmt sich vor, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Kein Problem: Es ist genug Material vorhanden, aus dem ein begabter Autor eine spannende Erzählung weben kann. Viele Stunden hat er damit verbracht, seine Verwandten nach der Vergangenheit zu befragen. Jetzt hat er genug Informationen zusammen und nimmt sich vor, eine Auszeit einzulegen. Roth mietet spontan für neunzig Tage eine kleine Ferienwohnung in Niendorf an der Ostsee. Die Tatsache, dass sich im verschlafenen Niendorf 1952 das Schriftsteller-Forum "Gruppe 47" traf, betrachtet Roth als gutes Omen.

Bislang ist der Nachwuchs-Schriftsteller fest davon überzeugt, dass man mit Disziplin und planvollem Vorgehen alles schaffen kann. Ein Buch zu schreiben sollte in der langen Zeit kein Problem sein. Im Geiste sieht sich Roth bei Lesungen, in denen das Publikum an seinen Lippen hängt.

Doch dann lernt er Markus Breda kennen. Der übergewichtige Alkoholiker ist ein Multi-Jobber: Er verwaltet mehrere Ferienwohnungen in Niendorf (auch die, die Roth gemietet hat), betreibt einen schlecht gehenden Spirituosenladen, dessen bester Kunde er ist, und dreht abends, wenn die Touristen zum Abendessen gegangen sind, die leeren Strandkörbe in die Richtung des Sonnenaufgangs.

Breda ist wie eine Spinne, die ihre langen Beine in Roths Richtung schiebt und ihn in ihrem Netz gefangen hält. Der vulgäre, vom Alkohol gezeichnete Mann drängt dem Anwalt seine Gesellschaft auf und zieht ihn im Laufe der Wochen in die Niendorfer Säuferszene. Roths literarische Motivation beginnt zu bröckeln, immer öfter siegt Prokrastination über Motivation. Roths neuer Alltag führt zu seiner Verwahrlosung.  

Und dann ist da noch Simone, Bredas stark übergewichtige Freundin, die vor Jahren mit Hoffnungen auf ein gutes Leben mit ihrem Freund aus Ostdeutschland an die Ostsee gezogen ist. Roth findet sie vor allem wegen ihrer Figur abstoßend, er neigt ohnehin häufig dazu, Menschen nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Weiter als die beiden kann jemand nicht von Roths bisherigem Umgang entfernt sein. 

Das Schreiben gerät immer mehr in den Hintergrund, während Roth in einem Alkoholsumpf zu versinken droht. Doch dann geschieht etwas, das der Situation eine neue Wendung gibt.

Lesen?

Unbedingt. Heinz Strunk schafft es, in völlig trostlose Situationen einen guten Schuss Absurdität und Humor hineinzubringen. Skurrile Situationen, die direkte Sprache und die schnörkellose Darstellung von Roths Lebenseinstellung, die besonders zu Beginn des Aufenthalts in Niendorf von reichlich Überheblichkeit geprägt ist, tragen dazu bei, dass man den Roman bis zum - überraschenden - Ende nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Ein Sommer in Niendorf ist 2022 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet 22 Euro. Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022.