Posts mit dem Label Bildung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Bildung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 15. April 2024

# 432 - Der Platz - ein Buch über die innere Distanz zum Vater

Die Literaturnobelpreis-Trägerin Annie Ernaux hat in
ihrem Buch Der Platz über ihr Verhältnis zu ihrem Vater geschrieben, der 1967 gestorben ist - genau zwei Monate nach ihrer Prüfung für den höheren Schuldienst an Gymnasien. Sein Tod war der Anstoß, sich über sein Leben und das, was zwischen Vater und Tochter stand, Gedanken zu machen.

Ernaux hat sich einmal als "Ethnologin meiner selbst" bezeichnet. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wie in Eine Frau geht es auch hier um den sozialen Aufstieg der Eltern, insbesondere aber um den Aufstieg der Tochter Annie, den die Eltern immer gewollt hatten.
Der Vater hat nur eine geringe Schulbildung und wächst unter einfachsten Verhältnissen auf dem Land auf. Nach der Schule wird er zunächst Knecht. Nach dem Ersten Weltkrieg findet er eine Stelle in einer Seilerei. Dort lernt er Ernaux' Mutter kennen. Sein Leben wird von dem Wunsch bestimmt, es einmal besser zu haben und sich einen bescheidenen Wohlstand zu erarbeiten. Er ist sich mit seiner Frau einig, dass sie nur ein Kind haben würden. Das konnten sie sich finanziell erlauben, mehr nicht.

Nach einigen Rückschlägen schafft es das Paar, in Yvetot einen renovierungsbedürftigen Hof mit einem Lebensmittelladen und einer Kneipe zu übernehmen. Das Leben von Ernaux' Eltern ist um die Selbstständigkeit herum aufgebaut, Laden und Kneipe werden auch sonntags geöffnet. Um den Erhalt des erreichten sozialen Status' kämpft der Vater bis zum Schluss; es geht ihm darum, seinen Platz im Leben zu verteidigen. Emotionale Zuwendung und Kommunikation sind beiden Eltern jedoch fremd. Die Fürsorge für ihre Tochter drückt sich darin aus, dass sie ihr eine gute Schulbildung ermöglichen, mit der es Annie Ernaux auf die Hochschule schafft.

Je älter Ernaux wird, desto fremder werden ihr die Eltern; das gilt sicher auch in die andere Richtung. Dieses auf dem Bildungsaufstieg des Kindes beruhende Phänomen gibt es heute ebenso wie damals und kann zu einem Kontaktabbruch zwischen den Eltern und ihren Kindern führen. Auch zwischen Annie Ernaux und ihren Eltern gab es Phasen, in denen sie sich kaum sahen, weil sie sich nichts zu sagen hatten oder sich nur stritten. Die Eltern sind stolz auf ihre gescheite Tochter, während diese sich ihrer oft schämt - um sich dann für ihre Scham zu schämen. Diese Scham fühlt sich an wie ein Verrat an den Eltern. Gerade dem Vater ist seine unterprivilegierte Herkunft in seiner Sprache und seinem Habitus anzumerken.

Wie ein dunkler Schatten liegt der Tod von Ernaux' Schwester über der kleinen Familie, die zwei Jahre vor Ernaux' Geburt gestorben ist. Annie ist das Ersatzkind. Auch darüber wird nur einmal gesprochen und danach nie wieder.

Lesen?

Annie Ernaux blickt auf ihr Leben und das ihrer Kernfamilie zurück, indem sie es fragmentiert. Jedem Fragment oder jeder Person wird eines ihrer Bücher gewidmet. So bleibt es nicht aus, dass sich deren Inhalte oft überschneiden. Wer also Eine Frau gelesen hat, dem kommt auch vieles in Der Platz bekannt vor.

Ernaux schreibt auch hier sachlich und schnörkellos. Diese Direktheit ermöglicht es, sich in die Familie einzufühlen und ihre Emotionen nachzuvollziehen. Diese strikte Sachlichkeit führt jedoch dazu, dass auch in schicksalhaften Momenten wie dem Tod des Vaters man als Leser oder Leserin mit Befremden auf das Abspulen des üblichen Alltags blickt, der doch gerade erst erschüttert wurde. Nur der Besuch des Pfarrers und die Beisetzung unterbrechen den gewohnten Tagesablauf.

Einen Hinweis auf den Grund, der Ernaux dazu bewogen hat, über ihren Vater zu schreiben, gibt ein Zitat des französischen Schriftstellers Jean Genet, das der Handlung vorangestellt ist:
"Ich wage eine Erklärung: Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat."

Die Originalausgabe erschien 1983 unter dem Titel La Place. Das mir vorliegende E-Book folgt der 3. Auflage der Ausgabe des Suhrkamp Taschenbuchs 5108 und wurde von Sonja Finck übersetzt.
Der Platz kostet als gebundenes Buch 20 Euro, als Broschur 11 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.


Freitag, 16. Juni 2023

397 - Das stille Verschwinden einer Lebensform - ausgezeichnet mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2023

Ewald Frie ist Professor für Neuere Geschichte und seit
knapp zwei Wochen Preisträger des Deutschen Sachbuchpreises 2023. Für das Schreiben seines Bestsellers Ein Hof und elf Geschwister hat ihm sicher sein Beruf geholfen, aber auf jeden Fall sein familiärer Hintergrund: Frie (Jg. 1962) und ist das neunte von elf (überlebenden) Kindern, die zwischen 1944 und 1969 geboren wurden. Die Familie bewirtschaftete einen Hof in der Bauerschaft Horst bei Nottuln. Der Vater war ein im Münsterland geachteter Rinderzüchter. Für eines seiner rotbunten Tiere gewann er 1950 auf der Westfalenschau in Münster eine Auszeichnung. Rotbunte Rinder geben etwas weniger Milch als ihre schwarzbunten Verwandten, sie haben jedoch mehr und besseres Fleisch als diese. Danach richtete sich damals die Züchtung aus.

Frie blickt auf eine Kindheit und Jugend zurück, in der viele Umbrüche stattgefunden haben. Da ihm jedoch bewusst ist, dass der Zeitpunkt seiner Geburt seine Sicht auf die Familiengeschichte sowie die Veränderungen in der Landwirtschaft entscheidend beeinflusst, hat er sich im Sommer 2020 auf den Weg gemacht und alle seine Geschwister - vier Schwestern und sechs Brüder - interviewt. Wie wuchsen sie als Bauernkinder auf? Was hat ihren Alltag bestimmt? Welche der ihnen aufgetragenen Arbeiten machten sie gern und welche empfanden sie als schlimm? Wie war der Kontakt zu den Nachbarn und wie der zum Dorf? Was haben sie damals vermisst? Worauf blicken sie positiv zurück?

Die Antworten der Geschwister sowie das Ergebnis einer gründlichen Recherche ergeben ein Bild der drastischen Veränderungen in der Landwirtschaft, die hier exemplarisch für den Hof Frie und die Bauerschaft dargestellt werden, sich aber sehr ähnlich in ganz Deutschland abgespielt haben. Am deutlichsten wird dies mit einem Blick zurück in die 1950-er und 1960-er Jahre: Kam die bäuerliche Verwandtschaft zu Besuch, war ein Rundgang durch den Rinderstall, bei dem die Männer fachsimpelten, immer üblich. Die Frauen sahen sich zeitgleich die eingeweckte Obst- und Gemüseernte an, die die Regale füllte.

Frie stellt auch fest, dass der Beruf des Bauern in dieser Zeit sehr viel öffentlicher war: Eine repräsentative Umfrage ergab 1955, dass das Melken auf dem fünften Platz der Tätigkeiten stand, die die Menschen sich zutrauten - nach Radfahren, Suppe kochen, schwimmen und stricken, aber vor Auto fahren. Welche Kuh wird heute noch von Hand gemolken? Auf Hoffesten steht manchmal eine Holzkuh, an der man sich ausprobieren kann. Das hat mit der Realität nichts mehr zu tun. Die Verbraucher haben kein konkretes Bild mehr von der Arbeit der Bauern und sich von der Landwirtschaft entfremdet. 
Vor etwa 60 Jahren sahen jedoch auch diejenigen, die mit der Landwirtschaft nichts zu tun hatten, Bauern arbeiten, vielfach noch lange mithilfe von Pferden oder Kühen, die den Pflug zogen. Das Berufsbild war insgesamt öffentlicher als heute.

Das Buch veranschaulicht, wie sich die Lebenswelt der Bauern nach und nach veränderte. Hatte man zuerst noch Personal, wurde dies mit der fortschreitenden Technisierung nicht mehr benötigt. Es kam der Zeitpunkt, an dem nur noch Familienmitglieder auf dem Hof arbeiteten. Die Anschaffung eines Traktors zog Folgeinvestitionen nach sich. Um den Hof zu modernisieren, wäre der Bau neuer Wirtschaftsgebäude nötig gewesen. Doch Vater Frie war dazu 1960 nicht mehr bereit: Er war nun fünfzig Jahre alt. Ewald Frie weist auf dessen starke körperliche Belastung nach Jahrzehnten in der Landwirtschaft hin: "Seine beste Zeit lag hinter ihm. Seinem Körper waren die harten Arbeitsjahre bereits anzusehen." Frie sen. registrierte, dass sich die Anforderungen an die Rinderzucht verändert hatten: Fleisch wurde weniger wichtig, nun war die Milchmenge das bedeutendste Kriterium, um die Qualität eines Tieres zu beurteilen. Fries Erfahrungen und Kenntnisse hatten sich überholt.

Aus dem, was Fries Geschwister über ihr Leben auf dem elterlichen Hof erzählen, wird sehr deutlich, wie sehr sich ihre Wahrnehmung unterschied aufgrund ihres Alters und welchen Einfluss die fortschreitenden gesellschaftlichen Veränderungen auf ihren Alltag hatten. Beurteilten die älteren die Gefriergenossenschaft, bei der sich mehrere Landwirte Gefriertruhen teilten, als Fortschritt, wurde sie von den jüngeren amüsiert belächelt. Auch das Verhältnis zu den Dorfbewohnern gestaltete sich je nach Alter der Brüder und Schwestern unterschiedlich.

Ewald Frie betrachtet auch die Lebensumstände der Bäuerinnen und deren Kinder bis in die 1970-er Jahre hinein, die gelinde gesagt hart waren. Fries Bruder Kaspar, der einige Jahre in einem kirchlichen Internat verbrachte, beschrieb, wie seine Sommerferien verliefen: "Sommerferien - du kamst nach Hause, umziehen, arbeiten. So. Und es gab ja keinen Tag, wo du nichts machen musstest, und nachher waren die Ferien zu Ende, wieder zum Internat."
Bevor Wasserleitungen in die Wohnhäuser und Ställe verlegt wurden, war es die Aufgabe der Bäuerinnen, die Tiere zu tränken. Eine Untersuchung über diese Zeit stellt fest, dass eine Bauersfrau täglich 461 Liter Wasser trug. Der gerade Gang war damals ein Anzeichen für ein auskömmliches Leben.

Auch der Hof Frie wurde moderner, aber nicht modern genug. Weniger Einnahmen führten zu geringeren Investitionen. Die Geschwister spürten immer wieder den Geldmangel, vor allem die jüngeren, die eine stärkere Verbindung zum Dorf hatten und sich eher mit anderen Kindern verglichen. Es zeichnete sich ab, dass der Hof in seiner bisherigen Form nicht mehr lange bestehen würde. Das hatte selbstverständlich für alle Kinder Konsequenzen.

Lesen?

Ich kenne die Landwirtschaft vor dem Umbruch nur aus den Erzählungen meiner Eltern, die in einer ähnlichen Umgebung wie die Frie-Geschwister aufgewachsen sind, wenn auch nicht in Nordrhein-Westfalen. Als ich ein Kind war, habe ich erlebt, wie die letzten Schweine aus dem Stall meiner Großmutter abgeholt wurden. Deshalb hat mich das, was Ewald Frie in seinem Buch Ein Hof und elf Geschwister schildert, sehr interessiert. 

Was Frie beschreibt, trifft der Untertitel seines Buches genau: Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben. Mit diesem Abschied geht der Untergang einer eigenen Lebensanschauung sowie eines Familienmodells innerhalb eines Berufsstands einher, mit allen Vor- und Nachteilen. Ein Hof und elf Geschwister hätte ebenso in anderen Teilen Deutschlands angesiedelt sein können, die Entwicklung ist überall ganz ähnlich verlaufen.

Das Buch hat seine Entstehung übrigens der Corona-Pandemie zu verdanken: Da Institute und Archive 2020 geschlossen wurden, musste Frie andere Projekte auf Eis legen und konnte sich um dieses kümmern. Man kann seine Zeit schlechter nutzen, als ein so interessantes Werk zu verfassen, das sogar noch den Deutschen Sachbuchpreis bekommen hat.

Ein Hof und elf Geschwister ist 2023 im Verlag C.H. Beck erschienen und kostet als gebundenes Buch 23 Euro, als E-Book 17,99 Euro sowie als Hörbuch 18,95 Euro.

 


Freitag, 16. Dezember 2022

# 375 - Eine Frau - ein besonderer Blick auf die verstorbene Mutter

Im April 1986 stirbt Annie Ernaux' Mutter im Alter von 80 Jahren in einem Altenheim in der Nähe von Paris. Zwei Jahre hat sie dort gelebt - dement und hilfsbedürftig.

Knapp zwei Wochen später schreibt Ernaux in Eine Frau auf, was das besondere Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter geprägt hat. Zehn Monate benötigt sie, um ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend zu Papier zu bringen, aber auch, um über das oft angespannte Mutter-Tochter-Verhältnis zu schreiben, das die beiden Frauen verband.

Die Eltern stammten aus sozial einfachen Verhältnissen und wollten, dass es ihr Kind einmal besser hat als sie. Dass Bildung der Schlüssel zum sozialen Aufstieg ist, war insbesondere der Mutter klar. Damit das gelingt, sollte es bei einem Kind bleiben. Das erste Kind der Eltern stirbt 1938 an Diphtherie, 1940 wird Annie geboren. Obwohl das Geld knapp ist, ermöglichen die Eltern ihrer Tochter den Besuch guter Schulen. Das Kind Annie weiß genau, mit welchem Anliegen sie sich an den Vater oder die Mutter wenden muss: "Er ging mit mir auf den Jahrmarkt, in den Zirkus, in Filme mit Fernandel, er brachte mir Radfahren bei und welches Gemüse im Garten wuchs. Mit ihm hatte ich Spaß, mit ihr 'unterhielt ich mich'. Sie war die dominante Figur, das Gesetz."

Annie Ernaux beschreibt sehr genau und prägnant, wie sich das Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter verändert, als die Tochter vom Kind zur Jugendlichen wird. Durch deren Unterstellung, die Tochter würde mit dem Erstbesten ins Bett gehen und sich schwängern lassen, erzeugt die Mutter ungewollt eine Distanz. Ernaux empfindet bei dem Gedanken an ihre Mutter in dieser Zeit eine so deutliche Mutlosigkeit, dass sie eine Parallele zieht zu "afrikanischen Müttern, die ihren Töchtern die Arme auf dem Rücken festhalten, während eine Beschneiderin ihnen die Klitoris entfernt".

Spätestens mit dem Beginn des Studiums wird spürbar, dass sich Ernaux und ihre Eltern in verschiedenen Welten bewegen und einander kaum noch etwas zu sagen haben. An der Uni lernt die junge Frau ihren späteren Ehemann kennen, der aus einem Elternhaus stammt, in dem Bildung etwas Selbstverständliches ist. Ihr wird der soziale Unterschied zwischen ihren Eltern und Schwiegereltern sowie insbesondere den beiden Müttern immer deutlicher.
Einige Zeit nach dem Tod des Vaters zieht die Mutter in das Haus ihrer Tochter ein, in dem diese mit ihrem Mann und den zwei Söhnen lebt. Es ist keine Überraschung, dass sich dabei Konflikte ergeben: Die Erwartungen von Mutter und Tochter an das gemeinsame Zusammenleben sind nur schwer in Einklang zu bringen. Nach wenigen Jahren zieht die Mutter zurück in ihre Heimatstadt Yvetot.

Dann stellt Ernaux fest, dass sich ihre Mutter verändert. Sie wird immer verwirrter, und nach einiger Zeit wird bei ihr die Alzheimer-Krankheit diagnostiziert. Ernaux holt die alte Frau zu sich, muss aber feststellen, dass sie mit deren Pflege auf Dauer überfordert ist. Es bleibt nur die Unterbringung in einem Pflegeheim.

Lesen?

Wer schon ein Elternteil verloren hat, kann sehr viel von dem nachempfinden, worüber Ernaux geschrieben hat. Das Verhältnis zu den Eltern - nicht nur zur Mutter - ändert sich im Laufe des Lebens. Dazu gehört auch, dass sich die Beziehungen oft umkehren, wenn die alten Eltern mit ihren Kräften am Ende sind oder eine Demenz beginnt, das Leben zu beherrschen: Während früher die Eltern (meistens) als Menschen erlebt wurden, die so schnell nichts umhaut, nehmen sie im Alter oft de facto die Rolle von Kindern ein, die von ihren eigenen Kindern Unterstützung erhoffen.

Annie Ernaux hat nicht nur diesen Rollenwechsel sehr genau beschrieben, sondern auch das wechselhafte Verhältnis zu ihrer Mutter, die durch von unterschiedlichen sozialen Status geprägten Leben und Konflikte der beiden Frauen sowie ihren eigenen  Trauerprozess, der mit der letzten Zeile des Buches nicht zu Ende war. Das alles in einer schnörkellosen Sprache, die die Leserschaft direkt anspricht.

Eine Frau wurde in der Originalfassung Une femme 1987 veröffentlicht. 1993 und 2007 wurden die deutschen Titel Das Leben einer Frau bzw. Gesichter einer Frau herausgebracht. 
Die aktuelle Übersetzung aus dem Jahr 2019 erschien im Suhrkamp Verlag. Die gebundene Ausgabe kostet 20 Euro, das E-Book 11,99 Euro und das Taschenbuch 12 Euro.

Annie Ernaux erhielt 2022 den Nobelpreis für Literatur.


Mittwoch, 8. April 2020

# 235 - Arabische Sprichwörter von Frauen zusammengetragen

Bei diesem Buch ist es schwer zu entscheiden, ob die
schönen Grafiken und Kalligrafien oder die Sprichwörter im Mittelpunkt stehen. Für Marokkanische Sprichwörter hat der Donata Kinzelbach Verlag beides zu einer perfekten Auswahl zusammengefügt.

Dieses Buch hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Einige Frauen, die in Marokko unter problematischen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen lebten, hatten sich zu einem Alphabetisierungskurs entschlossen. Sie wollten eigenständiger werden, selbst Busfahrpläne lesen können und ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen. Der Alphabetisierungskurs wurde von der Zakoura-Stiftung durchgeführt. Die private Stiftung wurde 1997 gegründet und fördert die Bildung von Kindern, die Ausbildung junger Menschen und die Eigenständigkeit von Frauen. Sie war die erste Organisation in Marokko, die an Frauen Mikrokredite vergab, ähnlich wie die Grameen-Bank in Indien.

Die Kursteilnehmerinnen wurden gebeten, Sprichwörter aufzuschreiben, die in ihnen besondere Gefühle auslösen oder in ihren Familien benutzt werden. Sie sammelten Sprichwörter, die ihnen gefielen oder über die sie sich ärgerten. Die Sätze wurden anschließend nach den Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander geordnet.

Parallel zu dieser Aktion wurde in 15 Dörfern, die über ganz Marokko verteilt waren, ein Kalligrafie-Wettbewerb ausgelobt. Es galt, das Dorf zu finden, in dem die meisten künstlerisch begabten Frauen lebten. Die arabische Kalligrafie zählt als Kunstform und ist im Islam entstanden. Sie gilt als die ästhetische Seite der islamischen Religion. Es wird oft behauptet, die arabische Kalligrafie sei wegen des islamischen Bilderverbots entstanden. Doch ob von einem Bilderverbot überhaupt die Rede sein kann, ist selbst unter Fachleuten umstritten. 

Es ist hilfreich, das zu wissen, bevor man sich diesem Buch zuwendet. Wie schön es aufgemacht ist, zeigen diese Bilder. Es geht los mit Sprichwörtern, die Ehemänner über Frauen sagen:

 "Wenn man Frauen die Geschäfte lenken lässt, so ist das, als ließe man dem Maultier die Zügel los." Da muss man nicht lange raten, in welche Kategorie dieser Satz aus der Sicht der Frauen fällt. Glücklicherweise haben sich viele Marokkanerinnen mithilfe der Zakoura-Stiftung auf den Weg gemacht.
Der zweite Spruch fällt milder aus: "Der Stock ist nur dann dein Freund, wenn er dich beim Überqueren des Flusses stützt."


Hier ist ein Auszug aus dem Kapitel, in dem es um Sprichwörter geht, die Frauen missfallen. Mit diesem geht es los: "Eine Frau und eine Eselin behandle nicht als Gäste, sondern sorge dafür, dass sie sich an die Arbeit machen." Als Frau hebt man bei solchen Worten mindestens missbilligend die Augenbrauen - um sich dann daran zu erinnern, dass diese Haltung weit verbreitet war, auch im christlichen Raum. Allerdings wurde das nicht so deutlich formuliert.
"Wer seinen Kopf in den Trog steckt, riskiert Schnabelhiebe abzubekommen", heißt der zweite Satz auf der Seite.



Und hier kommen zwei der Lieblingssprichwörter der Frauen: "Wer mich liebt, liebt mich wie ich bin, nicht nur, wenn ich geschminkt bin, sondern sogar dann, wenn ich mit Ruß verschmiert bin." Das wünscht sich wohl jede(r).
Es geht weiter mit diesem Sprichwort: "Wer nicht sein Leid zum Ausdruck bringt, der ist schlecht beraten - und zwar vom Satan selbst." Oder um es europäisch kurz zu sagen: Lass es raus.

Marokkanische Sprichwörter ist ein Buch für die Seele: Manche Sprichwörter machen nachdenklich, andere amüsieren. Die Illustrationen mit ihren Kalligrafien versetzen die Leser gedanklich in den Orient. Eine Auszeit, die vielen gerade jetzt in der Zeit von Covid-19 willkommen sein dürfte.



Marokkanische Sprichwörter ist 2011 erschienen und für 24 Euro direkt beim Verlag Donata Kinzelbach oder bei jedem örtlichen Buchhändler erhältlich. 

Diese Frauen haben an dem Alphabetisierungskurs der Zakoura-Stiftung teilgenommen:

Freitag, 13. Dezember 2019

# 221 - Lanzarote, Politik, Selbstbestimmung & mehr: Essays 2005 - 2014

Bei diesem Buch habe ich schon beim Lesen des ersten Textes unwillkürlich zustimmend genickt. Es handelt sich um das Vorwort zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte in einer 2005 von der Büchergilde Gutenberg herausgegebenen Edition. In 'Auf der anderen Straßenseite' beschäftigt sich Juli Zeh mit dem schleichenden Verlust der Menschenrechte. Nicht nur in Staaten, die hier schon länger unter Generalverdacht stehen wie z. B. China oder die Türkei, sondern auch in Deutschland und anderen westlichen Ländern.

Der Text ist ein guter Auftakt zu der Essay-Sammlung Nachts sind das Tiere der Schriftstellerin und Juristin, in der einige ihrer Reden und Essays aus den Jahren 2005 bis 2014 vorgestellt werden. Es geht dort um die Gefahren, die die Rasterfahndung, die Registrierung bislang strafrechtlich nicht in Erscheinung getretener Bürger per Fingerabdruck oder die sich ausweitenden Abhörbefugnisse von Behörden für die Gesellschaft und den einzelnen Bürger mit sich bringen.

Dieser Faden wird in weiteren Texten aufgegriffen und das Thema um einige Facetten erweitert. Zeh markiert den zeitlichen "Startschuss" für die Maßnahmen, die die Politik für nötig hält, um die Bürger vor dem Terrorismus zu schützen. Sie zeigt auf, welchen Risiken wir tatsächlich ausgesetzt sind und was von Ankündigungen islamistischer Terroristen, zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Anschlag zu verüben, zu halten ist.

Die Autorin schafft es, mit ihrer klaren und eindringlichen Sprache auch diejenigen Leser zu sensibilisieren, die sich bislang über die Datensicherheit, die Sinnhaftigkeit der derzeitigen Terrorismusprävention und den Umgang mit ihren persönlichen Daten keine Gedanken gemacht haben.

Juli Zeh ist eine leidenschaftliche Verfechterin des Erhalts der freiheitlichen Grundsätze und der Demokratie. Sie stemmt sich gegen den schon seit Jahren währenden Trend, Menschenrechte als etwas anzusehen, dass man sich nur in guten Zeiten leisten kann, nicht aber "in Zeiten wie diesen", wie es Politiker und Lobbyisten immer wieder gern betonen. Und sie gibt ihrer Sorge Ausdruck, dass die Menschenrechte, die über mehrere hundert Jahre hinweg gewachsen sind, für als besonders schwerwiegend proklamierte Probleme geopfert werden.

Zeh zitiert Benjamin Franklin, einen der Gründerväter der USA, mit einer etwa 200 Jahre alten Äußerung: "They who can give up essential liberty to obtain a little temporary safety deserve neither liberty nor safety."* Also: "Wer die grundlegende Freiheit aufgeben kann, um ein wenig vorübergehende Sicherheit zu erlangen, verdient weder Freiheit noch Sicherheit."

Auch mit ihrer Kritik an Kanzlerin Angela Merkel hält Zeh nicht hinterm Berg. Merkel ist für sie die Vertreterin eines Schlingerkurses, die nichts tut, um dem deutschen Bildungsnotstand ernsthaft etwas entgegenzusetzen und das Thema Datenschutz konsequent ignoriert.

Man muss sich klar machen, dass die vorgestellten Reden und Essays zwischen fünf und 14 Jahren alt sind. Bei den meisten von ihnen wäre es problemlos möglich, klammheimlich das Datum ihres Entstehens zu löschen und das heutige einzusetzen. Dass sich so wenig in so langer Zeit bewegt hat, sollte uns wirklich Sorgen machen. Empfehlung: auf jeden Fall lesen!

Nachts sind das Tiere ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2016 bei btb erschienen. Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.
Der Titel kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als E-Book 9,99 Euro.


* Zitat aus: Benjamin Franklin, William-Temple Franklin (1818). “Memoirs of the Life and Writings of (the Same), Continued to the Time of His Death by William Temple Franklin. - London, H. Colburn 1818”, p.270