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Freitag, 11. Juli 2025

# 480 - Ein tödliches Testament

Der bekannte und wohlhabende Seidenfabrikant Sahei Inugami hat sowohl sein Unternehmen als auch seine Familie streng patriarchalisch geführt. 1945 stirbt der 81-Jährige in seinem Anwesen am Nasu-See im Kreis seiner Familie. Nur sein Anwalt Kyozo Furudate ahnt, dass mit dem letzten Atemzug des alten Mannes keine guten Zeiten anbrechen. Furudates ungutes Gefühl soll sich in Der Inugami-Fluch des japanischen Krimi-Autors Seishi Yokomizo bewahrheiten. Das Buch ist der vierte Band einer Reihe um den unkonventionellen, aber erfolgreichen Privatdetektiv Kosuke Kindaichi.

Kindaichi wird von einem Mitarbeiter Furudates gebeten, unverzüglich an den Nasu-See zu kommen. Jemand hat unbefugt Inugamis Testament gelesen, der Detektiv soll nun das Schlimmste verhindern. Doch Kindaichi lernt den Mitarbeiter nicht mehr kennen, weil dieser vergiftet wird. Kindaichis Interesse ist geweckt. Mit Erlaubnis der Familie nimmt er an der Testamentseröffnung teil und erlebt hautnah das Entsetzen der Angehörigen: Das Testament des Verstorbenen sieht vor, dass nicht etwa Inugamis drei Töchter oder seine Enkelkinder bedacht werden sollen, sondern die junge und sehr schöne Tamayo Nonomiya das Vermögen erbt. Tamayo ist allerdings kein Familienmitglied, sondern die Enkelin eines Priesters. Dieser kümmerte sich um den damals 17-jährigen Waisen Inugami und hat ihn sein ganzes Leben lang unterstützt.

Tamayos Erbschaft ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Sie muss innerhalb von drei Monaten einen der Enkelsöhne heiraten. Tut sie es nicht, verfällt ihr Anspruch. Als Nacherbe hat Inugami einen unehelichen Sohn benannt, der seit langer Zeit als verschollen gilt und von der Familie totgeschwiegen wird. Die Erbkonstellation setzt eine Mordserie in Gang, bei der die Toten in bizarren Situationen aufgefunden werden.

Privatermittler Kindaichi findet sich bei seinen Nachforschungen in einem Geflecht von Intrigen, Lügen, heimlichen Liebschaften und enttäuschten Hoffnungen wieder, das er entwirren muss, um herauszufinden, wer für die Morde verantwortlich ist.

Lesen?

Vor mehr als zwei Jahren habe ich hier den ersten Band der 77-teiligen Krimiserie um den Detektiv Kosuke Kindaichi Die rätselhaften Honjin-Morde  vorgestellt. Der Autor Seishi Yokomizo ist bereits seit über vierzig Jahren verstorben, seine Bücher sind in Japan jedoch noch immer populär. Sie bieten einen Einblick in frühere Gepflogenheiten des Landes, an die sich heute nur wenige Menschen erinnern. Bei Yokomizo wird nicht nur gemordet, um jemanden aus dem Weg zu schaffen; es wird gemordet, um mit viel Symbolik und Anspielungen auf Landes- oder Familientraditionen Botschaften zu vermitteln. Das trägt wesentlich zur etwas mystischen Atmosphäre des Krimis bei.

Unübersehbar ist die Beurteilung von Frauen: Yokomizos männliche Figuren beurteilen ihren Wert vor allem nach ihrem Aussehen und ihrer Zugewandtheit. Es wird deutlich, dass Frauen unterhalb von Männern stehen. Diese Sichtweise besteht in der japanischen Gesellschaft seit dem 6. Jahrhundert, als der Konfuzianismus begann, sich im Land auszubreiten. Der Inugami-Fluch ist also nicht nur die Geschichte eines Kriminalfalls, sondern auch ein Blick in eine uns fremde Kultur in einer zurückliegenden Zeit.

Der Inugami-Fluch wurde 1951 im japanischen Original erstmals unter dem Titel Die Familie Inugami veröffentlicht. Der von Ursula Gräfe ins Deutsche übersetzte Krimi erschien 2025 bei Blumenbar, einem Imprint des Aufbau-Verlags. Das Buch (Hardcover) kostet 24 Euro, als E-Book 14,99 Euro.

Montag, 5. Juni 2023

# 395 - Gespräche voller Erkenntnisse

Der Publizist und Schriftsteller Max Dax hat Erfahrung
darin, sich mit einer besonderen Gesprächsführung auf Augenhöhe mit seinen Interviewpartnerinnen und -partnern zu begeben und ihnen zahlreiche Informationen zu entlocken. 1992 gab er das erste Exemplar der Zeitschrift "Alert" heraus, das wie sein von Andy Warhol veröffentlichtes Vorbild "Interview" darauf setzte, die Interviewten nicht zu provozieren und keine Dissonanzen entstehen zu lassen. "Alert" gab es immerhin zwölf Jahre auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt.

Dax' Buch Dreißig Gespräche (veröffentlicht 2008) wurde zu einem Interview-Klassiker. Mit Was ich sah, war die freie Welt knüpft er daran an und stellt erneut Interviews mit mehr oder weniger bekannten Persönlichkeiten vor. 
Für den Einstieg wird jedoch Dax befragt. Die Publizistin und Autorin Katarina Holländer befragt ihn in einem per E-Mail geführten Interview u. a. nach seiner Motivation für die Gespräche und deren besonderem Wesen.   

Die spezielle Atmosphäre offenbart sich jedoch schon gleich beim ersten Interview, das Dax 2021 mit Horst Scheuer geführt hat. Scheuer ist ein insbesondere in Wien bekannter Gastronom, der dort und in Berlin mehrere Lokale betrieben hat, die zu Publikumsmagneten wurden. Dax' Fragen sind durch Wohlwollen geprägt, ohne dass sich der Autor anbiedern würde. Sie sind wie ein Schubs, den man einem Ball gibt, und bringen den interviewten Scheuer zum Erzählen - auch über die eigentliche Fragestellung hinaus. Schnell fallen die ersten Namen: Michel Würthle, Ingrid und Oswald Wiener sowie ihre Tochter Sarah (genau, die Fernsehköchin). Ihnen wird man in diesem Buch noch gesondert begegnen, und sowohl sie wie auch alle anderen Interviewpartnerinnen und -partner werden sich Dax öffnen und viel von sich preisgeben.

Der Untertitel des Buches 24 Gespräche über die Vorstellungskraft weist darauf hin, was alle, die hier zwischen 2001 und 2021 zu Wort gekommen sind, in ihrem Leben angetrieben hat: die Vorstellung dessen, was sein könnte und was sie erreichen könnten.
Der Kanon Verlag bewirbt das Buch auf seiner Homepage unter anderem mit diesem Satz: "
Max Dax verführt 24 weltberühmte und prägende Künstler: innen unserer Zeit zu den überraschendsten Antworten." Tatsächlich sind es ein paar mehr, denn in einem Fall handelt es sich nicht um ein Interview, sondern in einer Oral History tauschen sich u. a. der Schauspieler Bruno Brunnet, der Künstler Günter Brus, die Gastronomen Stephan Landwehr und Michael Würthle sowie das Ehepaar Wiener und ihre Töchter über das einst in Berlin legendäre Lokal "Exil" aus, in dem etliche Promis wie z. B. David Bowie, Quincy Jones oder Max Frisch ab 1972 ein und aus gingen. Amüsant liest sich der kurze Hinweis auf Christo: Der damals noch unbekannte Verpackungskünstler war gerührt, als ihm Sarah Wiener seinen Nachtisch einpackte.

Dax' Hinweis auf "weltberühmte" Künstler im Untertitel stimmt vermutlich nur, wenn man sich wie er seit Jahrzehnten in der Kunst- und Kulturszene bewegt. Mir waren selbstverständlich Grace Jones, Yoko Ono oder Björk bekannt. Namen wie Joe Zawinul, Mimmo Siclari oder Irmin Schmidt machten mich jedoch ratlos. Zum Glück lassen sich solche Bildungslücken in Sekundenschnelle beheben: Der Österreicher Zawinul war einer der einflussreichsten Jazz-Musiker des letzten Jahrhunderts, der Italiener Siclari hat Lieder der kalabresischen Mafia, der 'Ndrangheta, seit den 1970-er Jahren auf Musik-Kassetten eingesungen, und Irmin Schmidt ist einer der Gründer der 1968 gegründeten Avantgarde-Band CAN, die vor allem in den 1960-er und 1970-er Jahren ihre Erfolge hatte.

Die Interviews mit ihnen zu lesen, ist für sich genommen schon spannend. Doch es ist wirklich hilfreich, parallel zur Lektüre die Musik der Künstler zu hören und in ihre Zeit einzutauchen. Das gilt beispielsweise auch für Tony Bennett, mit dem sich Dax 2015 unterhalten hat. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich den 1926 geborenen Sänger und Entertainer in meiner Jugend als Interpreten von, nun ja, Kitsch wahrgenommen habe. Tatsächlich gehört er zu den bekanntesten Jazz-Interpreten der Welt und hat mit Lady Gaga zwei Alben aufgenommen (2014 und 2021). Ein gemeinsamer Auftritt der beiden im Jahr 2021 war gleichzeitig auch Bennetts letzter: Seine 2016 diagnostizierte Alzheimer-Erkrankung lässt es nicht mehr zu, weiterhin musikalisch tätig zu sein.

Lesen?

Was ich sah, war die freie Welt ist so etwas wie eine Entführung. Bekannte Persönlichkeiten öffnen sich Dax gegenüber auf eine andere Weise, als man es von Interviews der (Boulevard-)Presse gewohnt ist. Man reist mit ihnen Jahrzehnte in der Kulturgeschichte zurück und erhält Informationen über Zusammenhänge und Hintergründe, die man woanders noch nicht gelesen hat. An dieser Stelle wiederhole ich meinen Tipp, parallel zum Lesen die jeweils genannte Musik zu hören.

Was ich sah, war die freie Welt ist 2022 im Kanon Verlag Berlin erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro.

Tipp: Noch mehr Interviews von und mit Max Dax gibt es hier.

Samstag, 10. September 2022

# 363 - Eine Liebe zwischen einer Deutschen und einer Koreanerin: Kann das funktionieren?

Andreas Stichmann begibt sich mit seinem Roman Eine Liebe in Pjöngjang auf eine Reise nach Nordkorea, dem Land, das wohl zu Recht als der restriktivste Überwachungsstaat der Welt angesehen werden kann. Auch wenn ein kulturelles Ereignis der Auslöser für die weitere Handlung ist und Stichmann das Ausmaß der staatlichen Kontrolle sowie der überhöhten Verehrung der Kim-Familie beschreibt, steht die Liebesgeschichte zweier Frauen im Mittelpunkt der Handlung. 

Die 50-jährige Claudia Aebischler ist Präsidentin des
Verbands europäischer Bibliotheken. Sie wird diese Aufgabe demnächst abgeben und befindet sich auf ihrer letzten Delegationsreise nach Pjöngjang. Gemeinsam mit Kulturschaffenden aus Berlin fährt sie von der chinesischen Grenzstadt Dandong mit dem Zug in die nordkoreanische Hauptstadt, um dort eine deutsche Bibliothek zu eröffnen. Aebischler kennt sich sehr gut in Südostasien aus und weiß, dass die Gruppe ständig überwacht wird. Ihre Erfahrungen als ehemalige DDR-Bürgerin helfen ihr und den Mitreisenden, sich in Nordkorea aufzuhalten.

Plötzlich, als Aebischler aus dem Zugfenster blickt, sieht sie in das Gesicht einer Koreanerin, von der sie sofort fasziniert ist. Die Frau schaut aus dem Fenster eines exakt parallel fahrenden Zuges und blickt die Deutsche direkt an. Nach dreißig Sekunden ist die irritierende Begegnung vorbei. Im Hotel sieht sie die junge Koreanerin ein weiteres Mal für einen kurzen Augenblick. Doch dann kommt die Überraschung: Die Frau wird der Delegation als ihre Dolmetscherin und Begleiterin Sunmi vorgestellt. 

Während ihres Aufenthalts kommt Claudia Aebischler der zwanzig Jahre jüngeren Sunmi näher. Die Dolmetscherin ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und Expertin auf dem Gebiet der deutschen Romantik. Sie ist mit einem greisen Veteranen verheiratet, aber es ist nicht Liebe, sondern Parteiräson, die dieses Paar zusammenhält.

So unterschiedlich die beiden Frauen sind, haben sie doch etwas gemeinsam: Beide wollen den Lebenssituationen entfliehen, in denen sie sich befinden. Claudia Aebischler plant, sich einem seit Jahrzehnten aufgegebenen Schreibprojekt zu widmen, Sunmi will raus aus diesem engen, überwachten Leben, in dem man sich ständig unterzuordnen hat und jeder Schritt und jedes Wort überwacht werden. Und sie will weg von ihrem alten Ehemann, für den sie nur Abneigung empfindet.

Das emotionale Band zwischen ihnen wird immer enger, aber sie müssen sich bemühen, sich nichts anmerken zu lassen. Doch dann kommt während einer Exkursion zum Vulkan Paektusan, der sich auf dem Grenzgebiet zwischen China und Nordkorea befindet, der Moment, der ihrer beider Leben verändern soll und in dem sich der Fortgang ihrer Beziehung entscheidet.

Lesen?

Andreas Stichmann versteht es, in seinen Roman nicht nur die bedrückenden Verhältnisse in Nordkorea zu beschreiben und die latente Gefahr, in der sich die Menschen befinden, subtil zu thematisieren; er mischt in seine Schilderung der Gefühle, die die beiden Frauen füreinander entwickeln, auch Poesie und einen hintergründigen Humor, der den Schrecken der Diktatur für einen Moment vergessen lässt und ihn ins Lächerliche verkehrt. Bis zum Schluss bleibt die Frage offen: Was ist echt und real und was nur Fassade und Manipulation? 

Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, wohin er auf jeden Fall gehört.

Eine Liebe in Pjöngjang ist 2022 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 20 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 19. März 2021

# 282 - Grüner wird's heute nicht mehr

Warum widmet man sich ausgerechnet der Farbe Grün?
Darauf gibt der Autor des Buches Grün, Prof. em. Hermann J. Roth, zwar keine Antwort, aber wenn man sich auf seiner Homepage umsieht, erkennt man schnell, dass ihm neben seinem Fachgebiet, der Pharmazie, auch die Kunst wichtig ist. Roth sieht in der Wissenschaft auch immer die Ästhetik.

Sein Buch trägt den Untertitel Das Buch zur Farbe. Dieses Konzept wird sowohl inhaltlich verfolgt als auch ästhetisch konsequent durchgehalten. Nicht nur der Einband ist in Grün gehalten, sondern ebenso der Schnitt, die Seitenränder sowie Überschriften, Seitenzahlen und Verweise.

Roth durchstreift praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens, in denen die Farbe, mit der gemeinhin Leben und Hoffnung assoziiert wird, vorkommt: In sechzehn Kapiteln erläutert er nicht nur die Herkunft des Wortes, sondern sieht sich in den Naturwissenschaften, der Medizin und Pharmazie, der Politik oder der Literatur um. Es ist tatsächlich erstaunlich, wie oft und wofür der Begriff 'Grün' verwendet wird. Da geht es um den Grünen Strahl (ein Phänomen, das beim Sonnenuntergang entsteht), das Grünkreuz (das nichts Positives an sich hat), die Grünen Drogen (Drogen, die das Wort 'Grün' in ihrer Bezeichnung führen, wie z. B. Grünes Pflaster) oder die Grüne Hochzeit. Im letzten Kapitel 'Grüner Omnibus' finden sich Begriffe, die sich thematisch nicht einem der vorangegangenen Kapitel zuordnen lassen. Dazu gehören beispielsweise das 'feindliche Grün' aus dem Straßenverkehr oder die Grüne Fee als poetische Bezeichnung für Absinth.

Jedes Kapitel ist mit Fotos oder Zeichnungen von (überwiegend) grünen Tieren, Menschen, Gebäuden oder Gegenständen illustriert. Nach der letzten Seite fragt man sich, ob sich Roth wohl noch weiteren Farben widmen wird. Grün ist ein sehr interessantes und unterhaltsames Buch. Leseempfehlung!

Grün ist 2021 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro.

Freitag, 19. Februar 2021

# 278 - Wenn eine Sprache verstummt, stirbt auch eine Kultur

Dieses Buch ist ein echtes Highlight für alle, die sich für Sprachen begeistern können und hat kaum Ähnlichkeit mit den Atlanten, die wir aus unserer Schulzeit kennen: In ihrem Atlas der verlorenen Sprachen begibt sich Rita Mielke auf alle Kontinente und stellt beispielhaft jeweils einige Sprachen vor, die bereits untergegangen oder nur noch wenigen Menschen geläufig sind.

Mielke hat 50 Sprachen ausgewählt, und man erfährt nicht nur statistische Daten wie deren Verbreitungsgebiet oder die Zahl der Sprecher, sondern auch viele interessante Besonderheiten.

Da ist zum Beispiel Khosian. Die Sprache ist in Botswana, Namibia, Angola und Südafrika beheimatet. Sie erschien den Europäern, die seit dem 17. Jahrhundert dabei waren, den Kontinent zu unterwerfen, so fremdartig, dass sie sie als "Hottentott" bezeichneten. Die Redewendung "Das sieht hier aus wie bei den Hottentotten" geht also auf die Kolonialzeit zurück und bewertet alles Fremdartige als minderwertig. Khosian bestand ursprünglich nur aus Schnalz- und Klicklauten, erst seit 1982 gibt es ein afrikanisches Referenzalphabet. 
Eine traurige Berühmtheit erlangte die 1789 geborene Sklavin Sarah Baartman, die wegen ihrer Sprache und ihres Aussehens im Alter von 20 Jahren nach Europa gebracht und dort zur Schau gestellt wurde. Auch ihr viel zu früher Tod in Frankreich konnte nicht dazu führen, sie als Mensch und nicht nur als Ausstellungsstück zu sehen.

Aus dem alten China stammt die ausgestorbene Sprache Nushu. Sie war eine ausschließlich von Frauen verwendete Geheimsprache und hatte ihren Ursprung in der Provinz Hunan. Nushu diente nicht nur der Kommunikation, sondern stand symbolisch für den Versuch, sich aus der männlich verordneten Unmündigkeit und Unselbstständigkeit zu befreien, die Frauen von Bildung ausschloss und sie ans Haus band - nicht zuletzt wegen ihrer traditionell gebundenen Lotusfüße, die das Gehen zur Qual machten. Die Kenntnisse des Nushu-Schreibens und -Sprechens wurden von einer Generation zur anderen weitergegeben, immer unter den Vorzeichen der absoluten Geheimhaltung.

Rita Mielke vermittelt nicht nur ihr Wissen um die Sprachen, sondern beleuchtet auch, in welchem politischen, gesellschaftlichen und/oder ökonomischen Kontext sie entstanden und untergegangen sind. Atlas der verlorenen Sprachen ist also nicht nur ein "Sprachbuch", sondern auch eine Quelle vieler historischen Begebenheiten und Entwicklungen, die zum Verständnis von Sprachentwicklungen nötig sind. 

Die Illustrationen von Hanna Zeckau veranschaulichen die Darstellungen und machen das Buch "rund".

Lesen?

Na klar! Der Atlas der verlorenen Sprachen ist auch für diejenigen sehr gut verständlich, die sich bislang noch nicht näher mit diesem Thema beschäftigt haben und dürfte auch für Experten einige Überraschungen bereithalten.

Atlas der verlorenen Sprachen ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro.

Mittwoch, 8. April 2020

# 235 - Arabische Sprichwörter von Frauen zusammengetragen

Bei diesem Buch ist es schwer zu entscheiden, ob die
schönen Grafiken und Kalligrafien oder die Sprichwörter im Mittelpunkt stehen. Für Marokkanische Sprichwörter hat der Donata Kinzelbach Verlag beides zu einer perfekten Auswahl zusammengefügt.

Dieses Buch hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Einige Frauen, die in Marokko unter problematischen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen lebten, hatten sich zu einem Alphabetisierungskurs entschlossen. Sie wollten eigenständiger werden, selbst Busfahrpläne lesen können und ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen. Der Alphabetisierungskurs wurde von der Zakoura-Stiftung durchgeführt. Die private Stiftung wurde 1997 gegründet und fördert die Bildung von Kindern, die Ausbildung junger Menschen und die Eigenständigkeit von Frauen. Sie war die erste Organisation in Marokko, die an Frauen Mikrokredite vergab, ähnlich wie die Grameen-Bank in Indien.

Die Kursteilnehmerinnen wurden gebeten, Sprichwörter aufzuschreiben, die in ihnen besondere Gefühle auslösen oder in ihren Familien benutzt werden. Sie sammelten Sprichwörter, die ihnen gefielen oder über die sie sich ärgerten. Die Sätze wurden anschließend nach den Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander geordnet.

Parallel zu dieser Aktion wurde in 15 Dörfern, die über ganz Marokko verteilt waren, ein Kalligrafie-Wettbewerb ausgelobt. Es galt, das Dorf zu finden, in dem die meisten künstlerisch begabten Frauen lebten. Die arabische Kalligrafie zählt als Kunstform und ist im Islam entstanden. Sie gilt als die ästhetische Seite der islamischen Religion. Es wird oft behauptet, die arabische Kalligrafie sei wegen des islamischen Bilderverbots entstanden. Doch ob von einem Bilderverbot überhaupt die Rede sein kann, ist selbst unter Fachleuten umstritten. 

Es ist hilfreich, das zu wissen, bevor man sich diesem Buch zuwendet. Wie schön es aufgemacht ist, zeigen diese Bilder. Es geht los mit Sprichwörtern, die Ehemänner über Frauen sagen:

 "Wenn man Frauen die Geschäfte lenken lässt, so ist das, als ließe man dem Maultier die Zügel los." Da muss man nicht lange raten, in welche Kategorie dieser Satz aus der Sicht der Frauen fällt. Glücklicherweise haben sich viele Marokkanerinnen mithilfe der Zakoura-Stiftung auf den Weg gemacht.
Der zweite Spruch fällt milder aus: "Der Stock ist nur dann dein Freund, wenn er dich beim Überqueren des Flusses stützt."


Hier ist ein Auszug aus dem Kapitel, in dem es um Sprichwörter geht, die Frauen missfallen. Mit diesem geht es los: "Eine Frau und eine Eselin behandle nicht als Gäste, sondern sorge dafür, dass sie sich an die Arbeit machen." Als Frau hebt man bei solchen Worten mindestens missbilligend die Augenbrauen - um sich dann daran zu erinnern, dass diese Haltung weit verbreitet war, auch im christlichen Raum. Allerdings wurde das nicht so deutlich formuliert.
"Wer seinen Kopf in den Trog steckt, riskiert Schnabelhiebe abzubekommen", heißt der zweite Satz auf der Seite.



Und hier kommen zwei der Lieblingssprichwörter der Frauen: "Wer mich liebt, liebt mich wie ich bin, nicht nur, wenn ich geschminkt bin, sondern sogar dann, wenn ich mit Ruß verschmiert bin." Das wünscht sich wohl jede(r).
Es geht weiter mit diesem Sprichwort: "Wer nicht sein Leid zum Ausdruck bringt, der ist schlecht beraten - und zwar vom Satan selbst." Oder um es europäisch kurz zu sagen: Lass es raus.

Marokkanische Sprichwörter ist ein Buch für die Seele: Manche Sprichwörter machen nachdenklich, andere amüsieren. Die Illustrationen mit ihren Kalligrafien versetzen die Leser gedanklich in den Orient. Eine Auszeit, die vielen gerade jetzt in der Zeit von Covid-19 willkommen sein dürfte.



Marokkanische Sprichwörter ist 2011 erschienen und für 24 Euro direkt beim Verlag Donata Kinzelbach oder bei jedem örtlichen Buchhändler erhältlich. 

Diese Frauen haben an dem Alphabetisierungskurs der Zakoura-Stiftung teilgenommen:

Samstag, 6. April 2019

# 191 - China im Strudel der Gewalt

China und seine Geschichte sind aus unserer Perspektive von einem Hauch
des Geheimnisvollen umweht. Wer sich nicht intensiv mit der Vergangenheit des riesigen Reichs beschäftigt hat, hat meist nur eine ungefähre Vorstellung davon, was sich dort vor 150 oder 200 Jahren ereignet hat.
Ganz anders ist das mit Stephan Thome. Er hat u. a. Sinologie studiert und mit einer Dissertation promoviert, in der das konfuzianische Denken eine zentrale Rolle spielte. Thome lebt seit etlichen Jahren in Taipeh. Mit seinem vierten Buch Gott der Barbaren widmet er sich in Romanform dem China des 19. Jahrhunderts. Der Roman schaffte es 2018 bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

China auf dem absteigenden Ast?

 

Gott der Barbaren ist der Versuch, eine ereignisreiche Zeit, die vom Niedergang der Qing-Dynastie, ihrer Konfrontation mit der religiös-politischen Taiping-Bewegung und den beiden Opiumkriegen Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt war, in Romanform zu schildern. Das Buch wird von den Erlebnissen des fiktiven Charakters Philipp Johann Neukamp, einem Zimmermannssohn aus dem Märkischen, der Tagebuch schreibt und dem Leser seine Erlebnisse berichtet, durchzogen.

Neukamp hat eigentlich vor, nach Amerika auszuwandern. Zufällig trifft er auf den Missionar Karl Gützloff, der ihn dazu bringt, den christlichen Glauben in China zu verbreiten. Gützloff hat es gegeben; er betrieb in China eine Missionsschule, in der Chinesen zum christlichen Glauben bekehrt werden und diesen dann verbreiten sollten.
Neukamp ist jedoch nur mäßig erfolgreich. Im Verlauf der Handlung irrt er durch das Land und wirkt eher wie ein Spielball der Ereignisse, aber nicht wie jemand, der sein Leben aktiv in die Hand nimmt. Er lernt den Mystiker Hong Xiuquan kennen, der sich für Jesus' jüngeren Bruder hält und später den Taiping-Aufstand anführen wird. Dieser Bürgerkrieg gehörte mit seinen 30 Millionen Toten zu den blutigsten Kriegen der Menschheitsgeschichte. Neukamp erliegt zunächst dem charismatischen Sektenführer und wird für eine Weile in den Aufstand mit hineingezogen. Hong war durch Visionen und eine Bibel, die er von einem amerikanischen protestantischen Pfarrer bekommen hat, zum Christentum gekommen. Neukamp wird ihm im Verlauf des Buches immer wieder begegnen.

Eine weitere wichtige Figur, die das Geschehen aus britischer Perspektive beurteilt, ist Lord Elgin. Auch ihn hat es gegeben, er war u. a. Sonderkommissar für China. Als die Qing-Regierung sich nach dem Ende der ersten Phase des Zweiten Opiumkrieges weigerte, die mit den Briten vereinbarten Bedingungen einzuhalten und die britischen Verhandlungspartner folterte, ordnete Lord Elgin einen Rachefeldzug an, der in der Zerstörung des Alten Sommerpalastes in Peking mündete. Die Anlage gilt als ein architektonisches Meisterwerk, sodass Lord Elgin bis heute in China für diese Tat als Barbar gilt. Er wird im Roman als Mensch beschrieben, der dem chinesischen Volk mit großem Unverständnis und reichlich Ignoranz und Arroganz begegnet. Warum sollte man mit Männern verhandeln, die wie Frauen in Kleidern herumlaufen? Gleichzeitig fühlte er sich jedoch von vielem, was er im Grunde ablehnte, auf seltsame Weise angezogen. Ein Beispiel für diese ambivalente Haltung ist der "goldene Lotus": Der Begriff beschrieb die gebundenen Füße der chinesischen Frauen, die damals üblich waren. Der Sonderbotschafter verachtete einerseits diese Verstümmelung, die die Frauen daran hinderte, normal zu gehen, konnte aber andererseits seinen Blick nicht von ihnen abwenden.

Und dann ist da noch eine Person, die im China dieser Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat: General Zeng Guofan. Er war der Anführer der Hunan-Armee, die aus Freiwilligen bestand und den kaiserlichen Truppen zu Hilfe geeilt ist, als diese sich als zu schwach erwiesen, um den Taiping-Rebellen noch etwas entgegenzusetzen. Zeng gehörte zu den gebildetsten Menschen des Landes, wurde jedoch wegen seiner Erfolge und seines Status' von manchen als Gefahr angesehen. Der General wird von Thome als ambivalente Persönlichkeit beschrieben: Er legte zwar Wert auf Kultur und Menschlichkeit, nahm aber 1864 den Tod von 100.000 Menschen in Kauf, als die von den Taiping-Rebellen eroberte Stadt Tianjing (heute: Nanjing) von seiner Hunan-Armee zurückerobert wurde.

Lesen?


Thome transportiert in seinem Roman das gegenseitige Unverständnis der aufeinandertreffenden Kulturen und erklärt, wie eine irritierend falsch ausgelegte und übersetzte Bibel gepaart mit dem - nicht nur in China betriebenen - missionarischen Eifer der Europäer es vermochte, eine fatale Entwicklung ins Rollen zu bringen, an deren Ende zahllose Tote und ein zerrüttetes Land standen. Für Leser, die sich (wie ich) mit dieser Epoche der chinesischen Geschichte jedoch bislang nicht beschäftigt haben, wird es schwer, den Überblick zu behalten. Thome hat sein Buch um ein Personenregister ergänzt, das insbesondere bei den einander sehr ähnelnden chinesischen Namen sehr hilfreich ist. Der Gott der Barbaren ist mit einer Menge Details angefüllt, zugunsten der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Handlung wäre aber oft weniger mehr gewesen. Trotz dieser Einschränkung ist es für alle, die sich für die chinesische Geschichte interessieren und bereit sind, sich ein bisschen durch die mehr als 700 Seiten durchzubeißen, ein lesenswertes Buch.

Die damaligen Ereignisse werfen ihre Schatten bis in die heutige Zeit. Sie werden in chinesischen Schulen, Museen etc. als die 100 Jahre der nationalen Demütigung bezeichnet, die von der Kommunistischen Partei beendet wurden. In diesem Kontext steht auch die Niederschlagung des Volksaufstands auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz mit 2.600 Toten und 7.000 Verletzten im Jahr 1989: Die Demonstrationen wurden als unpatriotisches Verhalten und als Folge einer schlechten Erziehung betrachtet. 
Weitere Hinweise auf die Hintergründe des Romans gibt ein Interview, das der Deutschlandfunk mit Stephan Thome geführt hat.

Gott der Barbaren ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 25 Euro, als Kindle- oder epub-Ausgabe 21,99 Euro sowie als Taschenbuch 14 Euro.

 

Donnerstag, 13. September 2018

# 167- Blogtour "Mutige Frauen"

Was macht Frauen zu mutigen Frauen?

 

In diesem Jahr sind im Herder Verlag bereits zwei Bücher erschienen, die sich mit mutigen Frauen beschäftigen: Hildegard von Bingen - die mächtigste Nonne des Mittelalters von Maria Regina Kaiser und Gabriele Münter - ein Leben zwischen Kandinsky und Kunst von Stefanie Schröder.

Hildegard von Bingens Name ist heute vor allem deshalb bekannt, weil zahlreiche Unternehmen mit Gesundheitsprodukten, auf die sie ihren Namen drucken, ihr Geld verdienen. Maria Regina Kaiser hat das Leben der bekanntesten Nonne des Mittelalters in Romanform beschrieben, und man kommt zu dem Schluss: Ja, Heilpflanzen spielten für sie eine große Rolle, aber ihr Leben und Wirken wurde von dem dominiert, was Gott ihr sagte. Schon in jungen Jahren, bevor sie ihr Leben Gott und der Kirche widmete und ins Kloster ging, hatte der Glaube voll von ihr Besitz ergriffen. Das, was sie lenkte und sie auch zu unbequemen Entscheidungen bewog, war das unregelmäßige Auftreten des 'lebendigen Lichts'. So hat sie das, was sie in den Momenten, in denen es ihr erschien, selbst bezeichnet. Sie besaß die Gabe, die Zukunft einzelner Menschen vorherzusehen und wurde oft von einem hellen Licht eingehüllt, in dem sie eine Stimme hörte, die ihr Ratschläge gab oder zeigte, wie sie ihren Lebensweg fortsetzen sollte. So entstand auch der Entschluss, die Klausnerei im Kloster Disibodenberg, der sie als Äbtissin vorstand, zu verlassen und das Frauenkloster Rupertsberg zu gründen. Die Mönche waren von dieser Entscheidung nicht begeistert: Einige von ihnen waren während der Beichte, die sie den Nonnen abnahmen, mehrmals übergriffig geworden. Dieses Amüsement wurde ihnen nun genommen. Der Abt wollte den Auszug der Nonnen auch darum verhindern, weil die Ratschläge Hildegards so populär waren, dass sich ständig zahlreiche Pilger einfanden. Und viele Besucher waren gleichbedeutend mit einem stetigen Fluss von Einnahmen. Nur unter der Hand wurde von den Mönchen kritisiert, dass ohne die Nonnen, die damals allesamt dem wohlhabenden Adel entstammten, auch keine Mitgift mehr zu erwarten war. Schlimmer noch: Hildegard verlangte sogar, dass ein Teil der von den Damen mitgebrachten Güter wieder herausgegeben werden sollte, um für den Bau und Betrieb des neuen Klosters verwendet zu werden. Eine gewisse Ironie der Geschichte liegt darin, dass heute mit Heilpflanzen, Wässerchen und Tinkturen, die angeblich auf Hildegard zurückgehen, reichlich Kasse gemacht wird, die tief gläubige Nonne sich aber selbst nicht zu helfen wusste: Ihr Leben war von einer damals rätselhaften Krankheit dominiert, die sie schon als Kind gebrechlich machte und immer wieder dafür sorgte, dass Hildegard von Muskelkrämpfen gelähmt wurde und oft lange nicht das Bett verlassen konnte. Aus heutiger Sicht kann es sich bei ihrer Erkrankung um Multiple Sklerose gehandelt haben.
Hildegard lebte in der für sie gesicherten Gewissheit, dass Gott durch das 'lebendige Licht' zu ihr spricht und ihr Handeln immer im Einklang mit dem Willen des Herrn steht, wenn sie diesen befolgt. Das war es, was sie stark gemacht hat, und mit dieser Stärke war es ihr möglich, die Widerstände, die ihr als Frau entgegenschlugen, auszuhalten und so viel Ansehen zu gewinnen, dass ihre sogenannten Schauungen auch vom Papst gutgeheißen wurden und sie sie aufschreiben durfte. Doch sie ließ nicht mit sich reden, wenn es um die Neuaufnahme von jungen Mädchen oder Frauen in ihr Kloster ging: Wer keine adelige Herkunft vorweisen konnte, hatte keine Chance. Gott scheint an dieser Stelle geschwiegen zu haben.
Hildegard von Bingen starb 1179 im Alter von 81 Jahren.


Gabriele Münter ist oft nur Kunstinteressierten ein Begriff. Erst, wenn der Name Wassily Kandinsky fällt, stellt sich der "Aha-Moment" ein. Die beiden waren etliche Jahre ein Liebespaar. Münter hatte den russischen Maler Kandinsky als Lehrer in einer Malschule kennengelernt und sich zunächst gegen seine Annäherungsversuche gesträubt. Sie blickte zu dem fast zwölf Jahre älteren Mann auf und fühlte sich von seinen Liebesbeteuerungen geschmeichelt. Kandinsky war allerdings noch verheiratet, beteuerte aber immer wieder inbrünstig, sich scheiden lassen und Münter heiraten zu wollen. Doch immer, wenn er von einem Besuch in Russland zurückkam, hatte er "vergessen", sich um die nötigen Formalitäten zu kümmern. Frauen scheinen zu allen Zeiten auf so einen Schwachsinn hereingefallen zu sein.
Gabriele Münter war in konservativen Verhältnissen aufgewachsen und hatte ein großes Talent zum Zeichnen und Malen. Schon als Kind war sie mehrmals umgezogen, und mit Kandinsky setzte sich dieses Nomadenleben fort. Das lag jedoch nicht an ihr, sondern an ihrem Geliebten: Er hatte eine große innere Unruhe, die ihn von einem Ort zum anderen trieb, hielt es aber immer weniger an Orten aus, wo sich viele Menschen befanden. Münter fühlte, wie sie von seinen psychischen Problemen immer weiter vereinnahmt wurde; sie seelisch unter Druck zu setzen, beherrschte Kandinsky meisterhaft. Sie nahm es zur Kenntnis, von ihren Geschwistern bedrängt und von den Mitmenschen moralisierend beäugt zu werden, weil ihr Lebenswandel in dieser Zeit dem einer Hure gleichkam. Die 1903 von Kandinsky betriebene Verlobung mit Münter, auf der er trotz seiner immer noch existierenden Ehe bestand, war ein Strohhalm, an dem sich Münter festhielt. Die Malerin lebte sparsam von ihrem Erbteil und hat sich von Kandinsky dazu überreden lassen, ein Ferienhaus in Murnau am Staffelsee (Oberbayern) als Sommerhaus und Alterswohnsitz zu kaufen. Das Haus wurde zum Treffpunkt bekannter Künstler wie Franz Marc oder August Macke. Letztlich kam es jedoch 1916 zwischen Münter und Kandinsky zum Bruch, und bereits ein Jahr später heiratete Kandinsky eine andere Frau.
Aber nicht nur das stetige Auf und Ab dieser Beziehung wurde zum Problem. Gabriele Münter musste erfahren, dass sie von den Malern ausgegrenzt wurde. Kleinliche und eitle Streitigkeiten, die von August Macke ausgegangen waren, waren die Ursache. Macke fühlte sich bei der Kunst-Publikation Der Blaue Reiter zu wenig beachtet und gönnte seiner Kollegin nicht die Aufmerksamkeit. Eine belastende Situation für Münter, die immer nach zwischenmenschlicher Harmonie strebte. 
Auch wenn Stefanie Schröder den roten Faden von Gabriele Münters künstlerischer Entwicklung verfolgt, liegt der Schwerpunkt auf ihrem sozialen Leben. Die Beziehungen zu ihren Geschwistern, zu Kandinsky und ihrem späteren Lebensgefährten Johannes Eichner sowie zu der damaligen Kunstszene sind das wesentliche Element des Buches. Gabriele Münter starb als alleinstehende Frau 1962 im Alter von 85 Jahren in ihrem Haus in Murnau.

Was ist Mut?

 

Darüber, was Mut ist, scheiden sich die Geister. Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass Mut dadurch gekennzeichnet ist, dass man für eine wichtige Sache bereit ist, über den eigenen Schatten zu springen und Ängste zu überwinden, weil man nur so glaubt, sein Ziel erreichen zu können. Die Risiken, die man dabei eingeht, werden bewusst in Kauf genommen. Sind Hildegard von Bingen und Gabriele Münter vor dem Hintergrund dieser Definition mutige Frauen ihrer Zeit gewesen? Ich denke, diese Frage ist schwer zu beantworten. Hildegard von Bingen war von ihrem tiefen Glauben durchdrungen und handelte in der festen Überzeugung, nur das zu tun, was Gott von ihr erwartet. Da ihre Erkrankung sich immer dann besserte, wenn sie sich über alle Ermahnungen und Vorhaltungen hinwegsetzte und die Anweisungen des 'lebendigen Lichts' befolgte, war sie sicher, dann das Richtige zu tun. Das befähigte sie dazu, sich gegen die Wünsche auch der höchsten kirchlichen Würdenträger zu stellen und das durchzusetzen, was ihrer Meinung nach Gottes Wille war. Das, was sie tat, war also im eigentlichen Sinne nicht ihr eigener Entschluss, über den sie sich Gedanken gemacht und der in ihr gereift war. Sie war streng genommen ein Werkzeug Gottes.
Auch bei Gabriele Münter ist die Sache nicht eindeutig. Sie war zerrissen zwischen ihrer Beziehung zu Kandinsky und den Erwartungen, die nicht nur ihre Familie, sondern auch sie selbst an ihr Leben stellte. Nichts hätte sie lieber getan, als mit dem Maler eine ganz normale und bürgerliche Familie zu gründen. Stattdessen schien zwischen den beiden eine gegenseitige seelische Abhängigkeit bestanden zu haben. So legt es jedenfalls die Darstellung von Stefanie Schröder nahe. Als die Beziehung mit Kandinsky zerbrach, war Münter fast 40 Jahre alt und nicht mehr in einem Alter, in dem man damals noch heiratete, um eine Familie zu gründen. Möglicherweise hat ihr die Trennung gezeigt, dass sie auch gut ohne den Maler zurechtkam, aber das ist Spekulation. Mutig war jedoch ihr 1938 gefasster Entschluss, Kandinskys Bilder in ihrem Haus in Murnau zu verstecken, als sogar in Privathäusern nach sogenannter entarteter Kunst gefahndet wurde. Damit hat sie Haft, wenn nicht sogar ihr Leben riskiert.

Beide Bücher kosten als gebundene Ausgabe je 22 Euro und als epub- oder Kindle-Edition 16,99 Euro.
In Kürze erscheint in dieser Reihe eine Romanbiografie von Nadine Sieger, die sich mit dem Leben von Coco Chanel beschäftigt. 

An dieser Blogtour nehmen noch diese Blogs teil:
Lesendes Federvieh 

Katis Bücherwelt  
Klusi liest 

Ich bedanke mich bei der Agentur Literaturtest für ihre Unterstützung.

Freitag, 29. Dezember 2017

# 130 - Was gibt's Neues?

Dinge aus einer anderen Perspektive sehen

 

Das Lesebuch Denkanstöße 2018 von Isabella Nelte habe ich buchstäblich im Vorbeigehen gekauft, als ich in "meinem" Buchladen andere bereits bestellte Bücher abgeholt habe. Mich hat interessiert, was die Literaturwissenschaftlerin Nelte für wichtig halten würde und wessen Texte sie ausgewählt hat.

Was war? Was ist? Was kommt?

 

Das Buch ist zwar nicht nach diesen drei Fragen unterteilt, aber grundsätzlich ist das seine Struktur. Der Hamburger Professor Markus Friedrich macht sich um die historische Rolle der Jesuiten und ihre innere Zerrissenheit Gedanken, und Lothar Gall beschäftigt sich mit der Rolle des kurhannoverschen Reformers und Staatsmanns Karl August Fürst von Hardenberg. Was jetzt "trocken" erscheint, ist es nicht: In beiden Texten wird anschaulich erläutert, welche Schwierigkeiten jeweils vor dem Hintergrund der damaligen Umstände und Gepflogenheiten bewältigt werden mussten und wie dies gelang - oder auch nicht.
Im Abschnitt Gesellschaft und Psychologie beschreibt der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon, was zum zivilisierten Streiten gehört. Sehr interessant ist hier seine Unterscheidung von Toleranz und Akzeptanz und die Überlegung, wo die Toleranz (die Fähigkeit, eine Last zu erdulden) ihre Grenzen hat oder haben sollte. Das ist ein Thema, bei dem es aktuell in vielen Diskussionen heiß hergeht.

Wie sollte der Mensch sterben? Und was macht die Vergangenheit mit uns?

 

Mit einem heiklen Thema beschäftigt sich der Anästhesist Matthias Thöns, der als Palliativmediziner tätig ist. Er prangert den Umgang mit Menschen in ihrer allerletzten Lebensphase an: Viele Todkranke werden mit quälenden Methoden der Hightech-Medizin am Leben gehalten, anderen werden komplizierte und schmerzhafte Eingriffe zugemutet - all das, weil eine Patientenverfügung, die den Willen eines Menschen dokumentiert, fehlt und Krankenhäuser ihre Technik auslasten wollen.

Die Publizistin Andrea Senfft beschäftigt sich mit der Frage, warum selbst Erlebtes aus der Zeit des Dritten Reichs als Tabu gilt und was das Schweigen der Mitläufer (oder Täter) bei den Angehörigen bis hin zu den Enkeln bewirkt. 

In einem weiteren Text des Publizisten Helge Hesse geht es um die Freundschaft zwischen dem Ökonomen John Maynard Keynes und dem Philosophen Ludwig Wittgenstein; in ihren Begegnungen befassten sie sich immer wieder mit den großen Fragen des Lebens. Die beiden Wissenschaftler gingen mit der Frage nach dem Sinn ihres Lebens allerdings sehr unterschiedlich um.

Aber auch die Leser, die sich für die Zukunft und technische Entwicklungen interessieren, kommen nicht zu kurz: Prof. Metin Tolan, der an der Technischen Universität Dortmund Experimentelle Physik lehrt, setzt sich mit der Technik der STAR TREK-Filme auseinander und überprüft, ob das, was dort gezeigt wird, im 23. oder 24. Jahrhundert Wirklichkeit werden kann oder sogar schon geworden ist. Da geht es um das künstliche Herz von Captain Jean-Luc Picard, den VISOR des Chefingenieurs Lieutenant Commander Georgi La Forge oder die Frage, warum Spocks Adern so blau erscheinen wie bei einem Menschen, obwohl er kein rotes, sondern grünes Blut hat.

Wie war's?

 

Denkanstöße 2018 gibt unterschiedliche Einblicke in sehr verschiedene Gebiete und überzeugt nicht zuletzt durch die Kompetenz der Autoren. Wer sich mit ungewöhnlichen Themen beschäftigen möchte, dem wird dieses Buch gefallen.

Denkanstöße 2018 ist beim Piper Verlag als Taschenbuch erschienen und kostet 9,-- Euro.  

Freitag, 28. April 2017

# 97 - Ein Gruß aus Japan

DAS Buch für Sushi-Fans

 

Wer an Japan denkt, kommt an Sushi nicht vorbei: Die kleinen Häppchen mit gesäuertem Reis werden auch in Deutschland immer beliebter. Zeit, sich ihnen genauer zu widmen und zu erklären, wie gutes Sushi zubereitet und gegessen wird. Das und noch viel mehr macht Axel Schwab in seinem Buch Sushi Guide. Der Untertitel Bildatlas, Knigge & Nachschlagewerk beschreibt sehr gut, worum es ihm im Wesentlichen geht.

Sachverstand anschaulich verpackt 

 

Sushi werden mit verschiedenen Zutaten wie z. B. Seetang, Meeresfrüchten, Fisch, Gemüse oder Tofu angeboten. Axel Schwab hat sich im Wesentlichen auf Nigiri-Sushi beschränkt: Hierfür wird der Reis per Hand zu einer Rolle geformt und mit Fisch oder einem Stück Omelett belegt. Es geht ihm nicht darum, seinen Lesern Rezepte zu zeigen. Er legt Wert darauf, die unterschiedlichen Fischarten, die für Nigiri-Sushi verwendet werden, zu erklären, zeigt, wie sich der Besuch in einem Sushi-Restaurant am besten genießen lässt und was man dabei beachten sollte. Wer Sushi in Deutschland auf hohem Niveau probieren möchte, kann den Empfehlungen Schwabs folgen: Er stellt in einem eigenen Abschnitt die seiner Meinung nach besten Sushi-Restaurants in Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München vor. Die in Deutschland bekannteren Maki-Sushi, die mithilfe einer Bambusmatte gerollt werden, werden erwähnt, spielen hier aber keine große Rolle. Das Buch schließt mit einem umfangreichen Wortregister, in dem alle Begriffe, die in einem Sushi-Restaurant verwendet werden, erklärt werden.
Der Autor hat mit Illustrationen nicht gespart: Jede Fischart, die für Nigiri-Sushi verwendet wird, wird zeichnerisch dargestellt; anhand eines Fotos wird außerdem gezeigt, wie das entsprechende Sushi aussehen sollte. Auch in dem Kapitel, das sich mit praktischen Hinweisen für Gäste in einem Sushi-Restaurant beschäftigt, werden alle Erläuterungen anhand von Zeichnungen anschaulich gemacht.


Über den Autor

 

Axel Schwab hat mehr als fünf Jahre in Tokio gelebt und mit Labyrinth Tokio und Genießen in Tokio bereits einen Reise- und einen Restaurantführer über die japanische Hauptstadt geschrieben. Inwieweit sich die japanische Kultur auch in Deutschland kulinarisch leben lässt, erfährt man in seinen Büchern Japan in München, Japan in Berlin und Japan in Berlin. Die Leser von Sushi Guide können sich also auf seinen Sachverstand verlassen.

Sushi Guide ist bei BoD erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 6,99 Euro.