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Sonntag, 15. Februar 2026

# 498 - Über Tyrannei und was man ihr entgegensetzen kann

2017 erschien Über Tyrannei im C. H. Beck Verlag erstmals auf Deutsch, acht Jahre später kam das Buch des bekannten US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder, der an der Yale University lehrt, in einer Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung ohne die Illustrationen der Erstausgabe heraus. Wir erinnern uns: Im Januar 2017 begann Donald Trumps erste Amtszeit als US-Präsident; es ist sicher kein Zufall, dass On Tyranny in dieser Zeit herausgegeben wurde.

Snyder macht sich Sorgen um den Zustand der Demokratie in den USA, seine Ausführungen lassen sich aber auf jeden Staat übertragen, dessen demokratisches Gerüst Risse bekommen hat. Wer nun angesichts des Untertitels Zwanzig Lektionen für den Widerstand glaubt, dass es hier um eine Anleitung oder Anstiftung zu einem gewaltsamen Widerstand geht, liegt falsch. 

Die Warnungen, die Snyder 2017 ausgesprochen hat, haben mehr denn je ihre Berechtigung: In Trumps aktueller zweiten Amtszeit spielen sich Dinge ab, auf die der Wissenschaftler hingewiesen hatte. In seinem Vorwort schreibt er: "Wir könnten versucht sein zu glauben, unser demokratisches Erbe schütze uns Amerikaner automatisch vor solchen Gefahren. Doch dieser Reflex ist fehl am Platze."

Snyders Lektionen sind einleuchtend, erfordern aber von uns allen ein demokratisches Rückgrat und die Bereitschaft, auf Privilegien zu verzichten, wenn es der Sache dient. Ein gutes Beispiel ist gleich die erste Lektion: Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam. 
Beim Lesen des ersten Satzes möchte man spontan widersprechen: "Einen Großteil seiner Macht erhält der Autoritarismus aus freien Stücken." Doch dann erklärt Snyder, dass Menschen überlegen, was eine repressive Regierung möglicherweise will und "dienen sich ihr schließlich an, ohne gefragt worden zu sein." Dadurch wird denen, die die Macht inne haben, "gezeigt, wie weit sie gehen können."

Timothy Snyder zeigt, was jede(r) Einzelne tun kann, um die Aushöhlung und Abschaffung unserer demokratischen Gesellschaftsordnung zu verhindern: Entfernung von Hakenkreuzen oder anderen Zeichen, die zu Hass aufrufen, Sorgfalt bei der Wortwahl, aktive Beteiligung am Mehrparteiensystem durch die Teilnahme an Wahlen oder sogar eine eigene Kandidatur sind nur einige seiner Vorschläge.

Wer die Nachrichten verfolgt, die uns derzeit aus den USA erreichen, kann die sechste Lektion nur mit Beklemmungen lesen. Sie hat die Überschrift: Nimm dich in Acht vor Paramilitärs. Dabei wirft Snyder zuerst einen Blick auf Hitlers paramilitärische Einheiten SA und SS, auf die Privatisierung von Gefängnissen und Internierungslagern durch die US-Bundesregierung und schlägt den Bogen zum US-Präsidentschaftswahlkampf 2016: Trump hatte private Sicherheitsleute angeheuert, deren Aufgabe es war, Menschen hinauszuwerfen, die eine andere Meinung hatten als der Kandidat. "Diese Form von Mob-Gewalt sollte das politische Klima verändern, und genau das geschah."

In weiteren Kapiteln ruft der Wissenschaftler dazu auf, Informationen nicht nur aus dem Internet zu beziehen, sondern sie zu hinterfragen und mehr Bücher zu lesen. Gerichte, freie Wahlen, die Unabhängigkeit der Medien: Sie alle müssen geschützt werden, um die Demokratie zu erhalten. Jeder und Jede kann etwas dazu beitragen.

Lesen?

Timothy Snyder appelliert an uns alle, die Errungenschaften der Demokratie nicht leichtfertig aus der Hand zu geben, sondern wachsam zu sein. Nicht wegsehen, kein Mitläufer und kein Profiteur sein. Das ist nicht immer einfach, aber in einer Gemeinschaft kommt es auf jeden einzelnen Menschen an.

Die mir vorliegende Ausgabe von Über Tyrannei wurde in einer reinen Textform ohne die Illustrationen der früheren Ausgabe 2025 von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und kostet 5,-- Euro.

Mittwoch, 26. Februar 2025

# 467 - Wie Diktatoren sich an der Macht halten - und irgendwann stürzen

Die Demokratie ist weltweit auf dem
Vormarsch? Wer das glaubt, sollte rasch seine rosa Brille absetzen, denn das Gegenteil ist der Fall: Die Bertelsmann-Stiftung sieht sich die globale demokratische Entwicklung regelmäßig an und hat festgestellt, dass 2024 von 137 untersuchten Ländern 74 von Autokraten regiert wurden. Zwei Jahre zuvor waren es "nur" 70. Aber ist die Demokratie nicht die beste aller Staatsformen? Wenn man die Diktatoren fragen würde, über die der Politikwissenschaftler Marcel Dirsus in seinem Buch Wie Diktatoren stürzen schreibt, sähe ihre Antwort vermutlich anders aus: Sie vereinen zwar jede Menge Macht auf sich und können sich aufgrund der für sie praktischen politischen Konstellation ungebremst bereichern. In autokratisch regierten Staaten gehört die Korruption so selbstverständlich zum Alltag wie die Luft zum Atmen.

Doch so einfach ist das nicht. So ein Autokraten-Leben hat seine Tücken: "Alleinherrschaften haben Systemfehler - sie können nicht auf Dauer funktionieren", stellt Dirsus fest. Da könnte man natürlich einwenden, dass auch demokratisch gewählte Regierungen zeitlich an ein Ende kommen, oft sogar früher als Diktatoren. Aber Dirsus weist gleich auf den nächsten Pferdefuß hin: "Tyrannen haben immer mehr Feinde als Freunde - und das Ende ihrer Herrschaft ist oft dramatisch."

Unter "dramatisch" ist das erzwungene Exil oder der Tod zu verstehen. Hin und wieder landen entmachtete Diktatoren auch für eine lange Zeit im Gefängnis. Immerhin 69 Prozent der Tyrannen beenden ihre Regierungszeit mit einer dieser Varianten. Ein ruhiger Lebensabend im Luxus und in einer schönen Umgebung ist sehr unwahrscheinlich - weder im Aus- noch im Inland. Ein Ende einer Diktatur durch den natürlichen Tod des Diktators ist reines Wunschdenken - seitens des Diktators.

Das Leben eines Diktators ist aber auch während seiner Regierungszeit ziemlich ungemütlich. Das Verhältnis zwischen innerer und äußerer Sicherheit muss ständig austariert werden, die engsten Vertrauten können von einem Moment auf den anderen zu den erbittertsten Feinden werden. Und dann sind da noch ausländische Mächte, die Einfluss auf die Geschicke des Landes ausüben, um eigene Interessen wie zum Beispiel den Zugang zu Bodenschätzen oder den Ausbau militärischer Stützpunkte zu verfolgen.

Dirsus stützt seine Betrachtungen auf zahlreiche Studien, Artikel und Gespräche. Er beschreibt genau, wie Diktaturen entstehen - auch dort, wo es zuvor eine Demokratie gegeben hat - und welche Chancen und Risiken mit Putschversuchen einhergehen. Er nennt beispielhaft zahlreiche Diktatoren und deren Schicksale und kommt zu interessanten Rückschlüssen: Nach einem Putsch wird nur selten aus einer Diktatur eine Demokratie. Vielmehr "ergibt sich Demokratie häufig aus Versehen", zitiert Dirsus eine Studie der University of California, die die Demokratisierungsgeschichte bis zum Jahr 1800 zurück verfolgt hat. Der Normalfall ist leider, dass auf einen Tyrannen der nächste folgt.
Marcel Dirsus bezieht sich auf einen Artikel der Politikwissenschaftlerinnen Erica Frantz und Andrea Kendall-Taylor, wonach "zwischen 1950 und 2012 [...] nur 20 Prozent der gestürzten autokratischen Herrscher von einer Demokratie abgelöst" wurden. 
Aber warum ist es schwer, nach dem Ende einer Diktatur zu einer Demokratie zu finden? Die Erklärung ist so einfach wie einleuchtend: Nicht nur der Diktator bereichert sich auf Kosten seines Volkes, sondern auch seine direkte Umgebung wie seine Familie oder zahlreiche Günstlinge, die durch die Zuwendungen des Autokraten wohlhabend werden. Niemand von ihnen will eine Demokratie und den damit verknüpften Verlust der Privilegien und sprudelnden Einnahmequellen. Also bleibt im Prinzip alles, wie es war.

Aber was ist, wenn ein Tyrann zu alt, zu krank oder einfach zu lustlos geworden ist, um dem dauerhaften Druck noch länger standzuhalten? Haben Diktatoren eine Exit-Strategie? Man kann beinahe Mitleid bekommen, wenn man liest, welche Fallstricke es bei der Vorbereitung des Ruhestands gibt. Kurz: Man(n) kann es nur falsch machen.

Diktatorisch agierende Frauen kommen in diesem Sachbuch übrigens nicht vor. Woran liegt das? Haben Frauen weniger Interesse daran, ihr Volk zu unterdrücken und auszubeuten, um sich zu bereichern? Es gab einige wenige Frauen, die ein Interesse daran hatten, ihren Einfluss in einem Maß zu vergrößern, wie es ihren Ländern nicht guttat. Dazu zählt beispielsweise die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi, die mithilfe eines ohne Not ausgerufenen zweijährigen Ausnahmezustands die Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit radikal einschränkte. Isabel Perón, die nach dem Tod ihres Mannes Juan Perón dessen Amt übernahm und Präsidentin von Argentinien wurde, hielt sich nur zwei Jahre an der Macht, bevor sie vom Militär aus dem Amt geputscht wurde. Durch Glück und für sie günstige rechtliche Konstellationen ist ihr der seltene Fall eines beschaulichen Rentnerinnendaseins in Madrid beschieden.
Frauen spielen bei der Betrachtung von Diktaturen also eine absolute Nebenrolle, die so gering ist, dass sich die Wissenschaft nicht für sie zu interessieren scheint.

Lesen?

Marcel Dirsus' Buchtitel Wie Diktatoren stürzen hat einen für Demokraten beruhigenden zweiten Teil: und wie Demokraten siegen können. Das letzte Kapitel "Wie man Diktatoren stürzt" beginnt ausgerechnet mit einem Zitat von Wladimir Putin: "Die Geschichte beweist, dass alle Diktaturen und alle autoritären Regierungsformen vorübergehend sind. Nur demokratische Systeme sind nicht vorübergehend. Allen Unzulänglichkeiten zum Trotz hat die Menschheit nichts Besseres ersonnen."

Ehe einem vor Staunen der Mund offen steht, sei darauf hingewiesen, dass diese Äußerung aus dem Januar 2000 stammt: Zwei Monate später wurde Putin erstmals zum russischen Präsidenten gewählt. Er hatte zehn Gegenkandidaten, galt aber wegen der ausdrücklichen Wahlempfehlung durch seinen Vorgänger Boris Jelzin als aussichtsreichster Bewerber. Eine Verfassungsänderung macht es möglich, dass Putin bis 2036 im Amt bleiben kann. Man kann rückblickend davon ausgehen, dass seine Äußerung eher den Charakter einer Beruhigungspille haben sollte und nicht aufrichtig gemeint war.

Wie dem auch sei: Marcel Dirsus zeigt, dass der Sturz eines Diktators zwar handstreichartig gelingen kann, eine sehr gute Vorbereitung aber unbedingt nötig ist, um erfolgreich zu sein. Kurz: Es gibt Hoffnung.

Wie Diktatoren stürzen ist ein sehr interessantes Buch, das leicht verständlich die Mechanismen beschreibt, die dazu führen, dass Diktatoren an die Macht kommen, diese Macht behalten und irgendwann gestürzt werden. Parallelen zur aktuellen Weltpolitik sind nicht zu übersehen.

Wie Diktatoren stürzen ist im Februar 2025 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 28 Euro sowie als E-Book 24,99 Euro.

Dienstag, 17. Dezember 2024

# 459 - Vaterländer

Der erfolgreiche Schauspieler Sabin Tambrea hat mit
seinem zweiten Roman Vaterländer ein sehr persönliches Buch vorgelegt. Er erzählt darin die Geschichte von drei Generationen seiner aus Rumänien stammenden Familie. 

Wer sich mit der rumänischen Geschichte beschäftigt hat, weiß, wie viel Gewalt und Leid der Bevölkerung angetan wurde, seitdem aus dem Land 1948 eine stalinistisch geprägte Volksrepublik wurde. Im selben Jahr entstand die Geheimpolizei Securitate, deren willfährige Helfer vor keiner grausamen Gewalttat zurückschreckten, um die Bevölkerung mundtot zu machen. 

Die Securitate entwickelte sich unter der Diktatur von Nicolae Ceaușescu zu einer Folterorganisation, die half, die herrschenden Machtverhältnisse zu festigen. Das wahre Ausmaß ihrer Barbarei kam erst ans Licht, nachdem die Diktatur mit der Hinrichtung von Nicolae Ceaușescu und seiner Frau Elena ihr Ende gefunden hatte.

In diesem Zeitraum bewegt sich die Handlung von Vaterländer. Tambrea beginnt 1987 mit der Auswanderung seiner Familie nach Deutschland, die außer ihm aus dem Vater Béla, der Mutter Rodica und der Schwester Alina bestand. Sabin Tambrea ist zu diesem Zeitpunkt zweieinhalb Jahre alt und Béla bereits seit zwei Jahren in Marl. Er hatte bei einer Konzertreise die Gelegenheit zur Flucht genutzt. Wie seine Frau ist er Berufsmusiker.

Tambrea beschreibt das Heimweh der Mutter, die vor allem ihre Eltern vermisst, und wie es ist, alles aufzugeben, um in einem fremden Land neu anzufangen. Béla hat sich bereits eingelebt, aber Rodica fällt es schwerer, sich an die fremde Umgebung zu gewöhnen. Als sie nach dem Sturz Ceaușescus 1989 zum ersten Mal wieder in die Heimat fahren, erleben sie an der rumänischen Grenze, dass die im Regime übliche Korruption nicht mit diesem verschwunden ist.

Sabin Tambrea hat seinen Roman in drei Abschnitte aufgeteilt. Im ersten geht es um die Ankunft der Mutter mit ihren beiden Kindern in Marl, wo der Vater eine Wohnung gemietet hat, und ihre Schwierigkeiten, beruflich Fuß zu fassen und mit der ständigen Geldnot zurechtzukommen. Tambrea schreibt über seine Verlustängste in dieser Zeit, die er als Junge lange nicht überwinden konnte. 

Béla und Rodica legen großen Wert auf die musikalische Erziehung ihrer Kinder. Der Geigenunterricht ist selbstverständlich, und es wird erwartet, dass Alina und Sabin bei Wettbewerben zu den Besten gehören. Als Rodica endlich eine feste Stelle in einem Orchester bekommt, bessert sich die Situation der Familie. Doch weil der Familienzusammenhalt auch über die Grenzen hinweg besteht, wird viel Geld dafür aufgebracht, die Verwandten in Rumänien zu unterstützen.

Im zweiten Teil des Romans kommt Tambreas Großvater Horea zu Wort, den er immer als freundlich lächelnden Mann wahrgenommen hatte. Nach dessen Tod werden in seinem Kleiderschrank seine Memoiren gefunden, in denen er ausführlich die Umstände seiner Verhaftung im April 1949 durch die Securitate wegen einer Nichtigkeit beschreibt. Er wird unter grausamen Umständen ohne Gerichtsurteil in mehreren Gefängnissen unschuldig festgehalten und erst nach fast drei Jahren freigelassen. Nach dieser Zeit gilt er als ehemaliger politischer Gefangener, was ihn für den Rest seines Lebens immer wieder benachteiligt.

Im dritten Abschnitt erklärt Tambrea, wie sich seine Eltern kennengelernt haben und es zu der Entscheidung, das Land zu verlassen, gekommen ist. Die schlechten Bedingungen, unter denen die Bevölkerung zu leiden hatte, sowie eine vom Regime geförderte Kultur der Denunziation machten das Leben in der Ceaușescu-Diktatur unerträglich.

Lesen?

Sabin Tambrea zeigt in Vaterländer den Bruch, den eine Flucht mit sich bringt. Er zeigt auch, dass starke Gründe dazu führen, dass man das, was einem lieb und teuer ist, verlässt: die Heimat, die Menschen, das gewohnte Umfeld. Die, die diesen Weg gehen, wissen nicht, ob sie ihre Familie jemals wiedersehen. Béla Tambrea hat damals viel Mut aufgebracht, diesen Schritt zu gehen. Und Großvater Horea hat die schwersten Jahre seines Lebens in den Fängen der Securitate nicht nur überlebt, sondern sich trotz allem sein freundliches und zugewandtes Wesen bewahrt.

Vaterländer ist 2024 im Gutkind Verlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.


Dienstag, 16. Mai 2023

# 392 - Angekommen: ein neues Leben in Deutschland nach der Flucht aus Iran

Die 1952 in Iran geborene Mahshid Najafi lebt seit
1985 im hessischen Offenbach, einer Stadt mit einem für deutsche Verhältnisse hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. In ihrem Buch Wie Mond und Sonne schreibt sie sehr anschaulich, aus welchen Gründen sie ihre Heimatstadt Isfahan verlassen und vor fast vierzig Jahren ein neues Leben in Deutschland begonnen hat.

Najafi wuchs in einer wohlhabenden Familie auf und verlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Sie beschreibt sehr plastisch ihre Wohnumgebung und den Umgang der einzelnen Familienmitglieder miteinander sowie die Beziehung mit ihrem ersten festen Freund als junge Studentin in Schiras, die in ihre erste Hochzeit mündete. Sie reiste mit ihrem Mann 1975 in die USA, um dort ihr Studium fortzusetzen. Dort erfuhr sie nur wenig von dem, was sich in ihrer Heimat politisch abspielte. Durch eine Schah-kritische Studentenorganisation gelangte sie an Informationen über die diktatorische Monarchie, über die religiös motivierten Aktivitäten des damals noch im Exil lebenden Ajatollahs Ruhollah Chomeini erfuhr sie in den USA jedoch nichts.

Doch Najafi entschied sich, etwas für ihr Land tun zu wollen und kehrte vier Jahre später nach Iran zurück. Sie engagierte sich in einer linken politischen Gruppe. Um sich vor Verrat und Verfolgung zu schützen, legte sie sich einen Decknamen zu. Ihr Traum war Freiheit und Chancengleichheit für alle. Unter der Schah-Diktatur wurden Frauen benachteiligt, unter Chomeini mussten kritische Bürgerinnen und Bürger damit rechnen, hingerichtet zu werden - so, wie es Najafis Schwager ergangen ist.

Schließlich erkannten Mahshid Najafi und ihr zweiter Ehemann, dass für sie nur die Flucht infrage kommt, wenn sie weiter ohne Repressalien und Angst leben und arbeiten wollten. Nach kurzen Aufenthalten in Istanbul und den USA kam das Ehepaar im Winter 1985/86 in Frankfurt an. Nach einigen Wohnortwechseln ließ es sich in Offenbach nieder.

Lesen?

Mahshid Najafi schreibt sehr offen und authentisch über ihr Leben. Ihr ist bewusst, unter welch privilegierten Bedingungen sie in Iran gelebt hat. In ihrer Anfangszeit in Deutschland hat sie in eher ärmlichen Verhältnissen gewohnt, was sie jedoch in Kauf genommen hat. 

Die Gruppe der Exil-Iraner verfügte über einen guten Zusammenhalt, der ihr und ihrer Familie - Najafi und ihr Mann haben zwei Kinder - in schwierigen Situationen oft weitergeholfen hat. Obwohl das Ehepaar bei seiner Flucht ursprünglich davon ausging, irgendwann in die Heimat zurückzukehren, blieb es in Deutschland.

Mahshid Najafi lernte Deutsch und brachte sich über etliche Ehrenämter vielfach in die deutsche Gesellschaft ein. Sie setzt sich für Integration und den Abbau von Fremdenfeindlichkeit ein und war Betriebsrätin, Ausländerbeauftragte und Stadtverordnete. Für ihr vielfältiges und jahrzehntelanges Engagement wurde sie im Januar 2023 mit dem Integrationspreis der Stadt Offenbach ausgezeichnet.

Wie Mond und Sonne enthält zahlreiche Farb- und Schwarzweiß-Fotos. Leider sind ihnen keine Erläuterungen beigefügt, sodass sich nicht immer erschließt, was genau dokumentiert wird.

Die Autorin schließt ihr Buch mit einem Nachwort, in dem sie etwas klarstellt:
"Meine Autobiografie soll auch ein Dokument gegen das Vergessen sein. Denn kein Exilant verlässt sein Geburtsland aus freiem Willen. Es gibt entweder gesellschaftliche, politische oder ökonomische Probleme, die auch meist zusammenhängen. So gibt es im Iran heute Menschen, die ihre eigenen Organe verkaufen, damit sie ihre Kinder ernähren können."

Wie Mond und Sonne ist 2022 im Verlag Donata Kinzelbach Mainz erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro.


Freitag, 10. Februar 2023

# 381 - Eine Jugend auf Mallorca während der Franco-Diktatur

José Carlos Llop ist der wichtigste zeitgenössische
Schriftsteller Mallorcas. Sein Buch Der Bericht 'Guillermo Stein' erschien in Spanien bereits 1995 unter dem Titel El informe Stein und wurde 2008 mit dem Prix Ecureuil de Littérature Etrangère für den besten in Spanien veröffentlichten Roman ausgezeichnet. Und das, obwohl es sich um einen Titel mit nur rund 90 Seiten handelt. Was macht das Buch so besonders?

Der Kurzroman spielt im Sommer 1968 in Palma de Mallorca. Der Erzähler Pablo Ridorsa ist Schüler im Jesuitenkolleg. Spanien hat bewegte Jahrzehnte hinter sich: Die Ausrufung der 2. Republik, die Kirchenverfolgung durch die neue Verfassung, die Folgen des Spanischen Bürgerkriegs sowie die Diktatur unter General Franco wirken sich auch auf das Leben auf Mallorca aus. Doch man spricht nicht gern über die Vergangenheit und verdrängt die Flecken auf der weißen Weste seiner nächsten Angehörigen.

Der Sommer 1968 ist einer der regenreichsten der Insel. Mitten im Schuljahr taucht plötzlich ein neuer Schüler im Kolleg auf: Guillermo Stein. An ihm ist alles seltsam und geheimnisvoll, und Stein selbst tut nichts, um diesen Eindruck zu entkräften. Im Gegenteil: Er erzählt von seinem Vater, der Kontakt zu einflussreichen Faschisten hatte, trägt buntere Kleidung als die anderen und fährt auch im strömenden Regen mit dem Fahrrad zum Unterricht - als Einziger und mit einem auffälligen roten Regenmantel. Außerdem tritt er so auf, als ginge ihn alles um ihn herum gar nichts an. Die Neugier der anderen Jungen ist geweckt und es entsteht der Plan, möglichst viel über Stein herauszufinden und in einem Bericht zusammenzufassen.

Ridorsa, der bei seinen Großeltern aufwächst, freundet sich mit Stein an. Bei einem Besuch in Steins Zuhause fällt ihm der große Unterschied zum Haus der Großeltern auf: Während Stein im damals vornehmen Viertel El Terreno wohnt, haben Ridorsas Großeltern ihr Quartier innerhalb der Stadtmauern noch nie verlassen. Ridorsa registriert, dass die beiden alten Leute auf den Namen Stein angespannt reagieren und spürt, dass Steins Anwesenheit etwas ins Rollen bringt. Und tatsächlich kommen am Ende des Buches einige Wahrheiten ans Licht, die für etliche emotionale Erschütterungen sorgen - und Ridorsa begreifen lassen, warum sich seine Eltern nicht mehr auf Mallorca sehen lassen.

Lesen?

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist mir auf der Frankfurter Buchmesse 2022 aufgefallen, als der Ehrengast Spanien zahlreiche deutsche Übersetzungen spanischer Bücher vorgestellt hat. José Carlos Llop verwebt in seinem Roman die fiktiven Ereignisse in einem Jesuitenkolleg in Palma mit der Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert. 

Die zunächst noch eher kindliche Neugier der Jungen gegenüber ihrem neuen mysteriösen Mitschüler verändert sich in dem Moment, als aus Gerüchten und Vermutungen Wahrheiten werden und sie von den Verfehlungen ihrer nächsten Verwandten erfahren: Denunzierungen und Verrat taugen nun mal nicht für Heldenerzählungen. 

Ridorsa wird zum ersten Mal mit seiner erwachenden Männlichkeit konfrontiert und verliebt sich. Und sein geheimnisvoller Freund, der schon bald wieder abreist, hat die letzten Jahre seines Lebens vor sich. 

Der Bericht 'Guillermo Stein' ist ein interessanter Blick in spanische Verhältnisse in den 1960-er Jahren und es lohnt sich, das ein oder andere, was uns aus der Landesgeschichte nicht bekannt ist, nachzulesen.

Der Roman ist 2022 im Kupido Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 18,80 Euro.


Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort bekommt Josef wieder Arbeit. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Samstag, 10. September 2022

# 363 - Eine Liebe zwischen einer Deutschen und einer Koreanerin: Kann das funktionieren?

Andreas Stichmann begibt sich mit seinem Roman Eine Liebe in Pjöngjang auf eine Reise nach Nordkorea, dem Land, das wohl zu Recht als der restriktivste Überwachungsstaat der Welt angesehen werden kann. Auch wenn ein kulturelles Ereignis der Auslöser für die weitere Handlung ist und Stichmann das Ausmaß der staatlichen Kontrolle sowie der überhöhten Verehrung der Kim-Familie beschreibt, steht die Liebesgeschichte zweier Frauen im Mittelpunkt der Handlung. 

Die 50-jährige Claudia Aebischler ist Präsidentin des
Verbands europäischer Bibliotheken. Sie wird diese Aufgabe demnächst abgeben und befindet sich auf ihrer letzten Delegationsreise nach Pjöngjang. Gemeinsam mit Kulturschaffenden aus Berlin fährt sie von der chinesischen Grenzstadt Dandong mit dem Zug in die nordkoreanische Hauptstadt, um dort eine deutsche Bibliothek zu eröffnen. Aebischler kennt sich sehr gut in Südostasien aus und weiß, dass die Gruppe ständig überwacht wird. Ihre Erfahrungen als ehemalige DDR-Bürgerin helfen ihr und den Mitreisenden, sich in Nordkorea aufzuhalten.

Plötzlich, als Aebischler aus dem Zugfenster blickt, sieht sie in das Gesicht einer Koreanerin, von der sie sofort fasziniert ist. Die Frau schaut aus dem Fenster eines exakt parallel fahrenden Zuges und blickt die Deutsche direkt an. Nach dreißig Sekunden ist die irritierende Begegnung vorbei. Im Hotel sieht sie die junge Koreanerin ein weiteres Mal für einen kurzen Augenblick. Doch dann kommt die Überraschung: Die Frau wird der Delegation als ihre Dolmetscherin und Begleiterin Sunmi vorgestellt. 

Während ihres Aufenthalts kommt Claudia Aebischler der zwanzig Jahre jüngeren Sunmi näher. Die Dolmetscherin ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und Expertin auf dem Gebiet der deutschen Romantik. Sie ist mit einem greisen Veteranen verheiratet, aber es ist nicht Liebe, sondern Parteiräson, die dieses Paar zusammenhält.

So unterschiedlich die beiden Frauen sind, haben sie doch etwas gemeinsam: Beide wollen den Lebenssituationen entfliehen, in denen sie sich befinden. Claudia Aebischler plant, sich einem seit Jahrzehnten aufgegebenen Schreibprojekt zu widmen, Sunmi will raus aus diesem engen, überwachten Leben, in dem man sich ständig unterzuordnen hat und jeder Schritt und jedes Wort überwacht werden. Und sie will weg von ihrem alten Ehemann, für den sie nur Abneigung empfindet.

Das emotionale Band zwischen ihnen wird immer enger, aber sie müssen sich bemühen, sich nichts anmerken zu lassen. Doch dann kommt während einer Exkursion zum Vulkan Paektusan, der sich auf dem Grenzgebiet zwischen China und Nordkorea befindet, der Moment, der ihrer beider Leben verändern soll und in dem sich der Fortgang ihrer Beziehung entscheidet.

Lesen?

Andreas Stichmann versteht es, in seinen Roman nicht nur die bedrückenden Verhältnisse in Nordkorea zu beschreiben und die latente Gefahr, in der sich die Menschen befinden, subtil zu thematisieren; er mischt in seine Schilderung der Gefühle, die die beiden Frauen füreinander entwickeln, auch Poesie und einen hintergründigen Humor, der den Schrecken der Diktatur für einen Moment vergessen lässt und ihn ins Lächerliche verkehrt. Bis zum Schluss bleibt die Frage offen: Was ist echt und real und was nur Fassade und Manipulation? 

Der Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, wohin er auf jeden Fall gehört.

Eine Liebe in Pjöngjang ist 2022 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 20 Euro und als E-Book 9,99 Euro.

Freitag, 3. August 2018

# 161 - Wie entsteht eine Diktatur?

Berlin in der Zerreißprobe zwischen Demokratie und Diktatur

 

Brigitte Krächan hat mit ihrem Roman Heute keine Schüsse ein Buch in einem interessanten Format vorgelegt. Ihr Protagonist Walter Schachtschneider ist der jüngste Sohn einer Wittener Fabrikantenfamilie. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern scheint er keine besonderen Begabungen außer dem Interesse an der Kunst zu haben. Das sieht zumindest sein Vater so, der ihm keine größere Beachtung schenkt. Doch Walter wird im 1. Weltkrieg auf eigenen Wunsch zunächst Soldat. Er ist sicher, so das Wohlwollen und die Anerkennung des Vaters zu bekommen und soll damit Recht behalten. Aber das Grauen auf dem Schlachtfeld macht ihn im Gegensatz zu manch anderen Soldaten zu einem Menschen, der den Krieg ablehnt. 
Entgegen der Erwartungen der Deutschen wird der Krieg verloren, wofür die konservativen Parteien den Befürwortern einer friedlichen Lösung die Schuld geben. Die völlig verschiedene Einschätzung über den Sinn und Erfolg dieses jahrelangen Massensterbens treibt Walter und seinen Vater wieder auseinander.

Berlin als Tor zur Freiheit?

 

Walters Wunsch, als Angestellter in der Berliner Galerie Radke zu arbeiten, wird von seinem Vater befürwortet. Er ist grundsätzlich mit seiner Tätigkeit zufrieden und genießt es, fern des Elternhauses sein eigenes Leben leben zu können, ohne ständig kritisiert zu werden. Der junge Mann nutzt die kulturellen Möglichkeiten, die die Hauptstadt bietet, doch es dauert nicht lange, bis die ersten Schatten auf diese Unbeschwertheit fallen. Der Versailler Vertrag verhindert, dass das in Trümmern liegende Deutschland wieder auf die Beine kommt. In der Zeit der Weimarer Republik geht es mit der Wirtschaft stetig bergab, die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch an, der armen Bevölkerung fehlt es am Notwendigsten. Die politischen Gruppierungen versuchen, die Lage für sich zu nutzen. Das, was zum Ende dieser Zeit bis zur Machtergreifung durch Hitler mit seiner NSDAP passiert, ist bekannt. Walter Schachtschneider ist jedoch nicht in der Lage, sich aktiv auf eine Seite zu schlagen und für seine politische Sicht einzutreten. 

Während in Berlin Aufmärsche und teils massive Handgreiflichkeiten unter den politischen Gegnern zum Alltag werden, sieht er sich als neutralen Chronisten und geht weiter seinem Beruf nach. Seine Unentschlossenheit führt sogar dazu, dass Menschen, die ihm wichtig sind, sterben. Erst einer dieser Todesfälle sowie das Fortschreiten der Gleichschaltung, das sich auch in den öffentlichen Bücherverbrennungen niederschlägt, bringen Walter dazu, sich für andere Menschen einzusetzen und holen ihn aus seiner selbst gewählten passiven Rolle heraus. Dass sich angesichts der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der Riss in der Gesellschaft auch in seiner eigenen Familie und der seines Arbeitgebers fortsetzt, macht ihn eher hilflos.

Lesen?

 

Brigitte Krächan hat für ihren Roman eine interessante Erzählform gewählt: Walter Schachtschneider schildert seine eigene Geschichte und die seiner Familie in Form eines Tagebuches. Dabei berichtet er auch über das tagesaktuelle Geschehen im Deutschen Reich und ganz speziell in Berlin. Zu Beginn der Aufzeichnungen nimmt er sich noch vor, möglichst neutral zu schreiben, aber dieser Vorsatz löst sich mit dem Fortgang der Geschichte nach und nach in Luft auf. Die Tagebucheintragungen werden mal täglich, mal aber auch im Abstand von mehreren Wochen gemacht. Heute keine Schüsse wird durch diese Form der Darstellung zu einer Mischung aus einem Geschichtsbuch und einem Roman. Walters Leben ist zwar bis zum Schluss durch Kunst und Kultur geprägt, aber es wird immer deutlicher, dass die Veränderungen, die in Deutschland passieren, auch ihn persönlich bedrohen.  

Heute keine Schüsse ist ein sehr lesenswertes Buch, das zwar auch unterhält, aber durch die Einbindung der historischen Ereignisse in die Handlung auch Einzelheiten in Erinnerung ruft, die fast schon vergessen waren. Die Parallelen zur aktuellen Politik und zu gesellschaftlichen Strömungen sind dabei nicht zu übersehen. 

Heute keine Schüsse ist bei tredition erschienen und kostet als gebundenes Buch 24,99 Euro, als Taschenbuch 16,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 5,99 Euro. 

Freitag, 28. Juli 2017

# 110 - Mal wieder ein Klassiker

Wie weit kann sich ein Mensch moralisch verbiegen?

 

Der im damaligen Österreich-Ungarn und heutigem Kroatien geborene Schriftsteller Ödon von Horváth ist den meisten Menschen heute allenfalls noch in Zusammenhang mit der Schullektüre bekannt, die irgendwann einmal beschafft und im Unterricht gelesen werden musste. Doch das Leben des Autors und die Bedingungen, unter denen seine Bücher erschienen sind, sind nahezu in Vergessenheit geraten. Mit Jugend ohne Gott gelang ihm ein schriftstellerischer Erfolg, der jedoch kommerziell gesehen nur kurz anhalten sollte: 1938, nur ein Jahr nach dem Erscheinen des Titels, wurde das Buch auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt und auf dem Gebiet des Deutschen Reichs vernichtet.

Konformismus als Richtschnur des Lebens

 

Ein Lehrer an einem Gymnasium, der im Buch namenlos bleibt, muss während der Zeit des Dritten Reichs einen Stapel Aufsätze zum Thema "Warum müssen wir Kolonien haben?" korrigieren. Die Vorstellung der Schulaufsichtsbehörde, wie an diese Frage heranzugehen ist, ist ihm klar und deckt sich nicht zufällig mit der der Machthaber. Der Lehrer hat zu diesem Zeitpunkt bereits resigniert, um sich nicht ständig ärgern zu müssen. Doch dann ist da in einem der Aufsätze dieser eine Satz, der ihn stocken lässt: "Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul." Er unterdrückt seinen ersten Impuls, diese Aussage als Verallgemeinerung zu tadeln, denn erst kurz zuvor hat er sie in einem Restaurant gehört, wo sie als Teil der Propaganda aus einem Lautsprecher tönte. Doch bei der Rückgabe der Hefte kann sich der Lehrer den Hinweis nicht verkneifen, dass die Neger doch Menschen sind. Das soll nicht ohne Folgen bleiben: Der Vater des Schülers beschwert sich umgehend bei ihm und wirft ihm "Sabotage am Vaterland" vor. Der Hinweis auf die Bibel, in der stehe, dass doch alle Menschen Menschen sind, verpufft und der aufgebrachte Vater begründet die offizielle Sichtweise auf die Neger damit, dass es damals, als die Bibel geschrieben wurde, noch keine Kolonien gegeben habe. Er scheut sich auch nicht, seiner Empörung bei der Aufsichtsbehörde Luft zu machen. Der Lehrer wird daraufhin von seinem Rektor darauf hingewiesen, dass die Schule in erster Linie die Aufgabe hat, ihre Schüler für den Krieg zu erziehen. Auch dem Rektor gefällt diese eingeschlagene politische Richtung nicht, aber er hat sich für die Aussicht auf eine volle Pension entschieden und ist dafür bereit, seine eigenen moralischen Grundsätze über Bord zu werfen. 

Früh übt sich, was ein guter Soldat werden soll

 

Direkt nach Ostern beginnt anstelle von Ferientagen ein einwöchiges Zeltlager der ganzen Klasse, das den Zweck einer vormilitärischen Ausbildung hat. Der Lehrer sowie ein pensionierter Unteroffizier haben die Aufsicht über die Jungen, doch in dieser Woche geschieht ein Drama: Einer der Schüler wird im nahen Wald tot aufgefunden. Er wurde offensichtlich erschlagen. Die polizeilichen Ermittlungen fokussieren sich rasch auf einen Klassenkameraden, sodass sich dieser schon kurz danach nur aufgrund von Indizien vor Gericht wiederfindet. Der Fall erregt großes öffentliches Aufsehen, in der Presse wird der angeklagte Schüler bereits wie ein überführter Täter behandelt, obendrein legt er ein Geständnis ab. Doch man ahnt es bereits: Der Prozess nimmt plötzlich einen ganz anderen als den erwarteten Verlauf, und der Leser blickt in menschliche Abgründe, die sich wie ein Krater vor ihm auftun. Die Aussage des Lehrers, die ein entscheidendes Detail enthält, soll die Wende bringen.

Lesen?

Jugend ohne Gott ist auch 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung ein sehr lesenswertes und aktuelles Buch. Ödön von Horváth stellt hier nicht nur die Frage, inwieweit der Einzelne bereit ist, Unrecht zugunsten des persönlichen Vorteils zu ignorieren, sondern macht auch auf soziale Mechanismen aufmerksam, die bis heute Bestand haben. Das beginnt mit nicht hinterfragten Vorurteilen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen und hört mit einer "Hängt ihn höher"-Denkweise noch lange nicht auf. Das Buch ist durchzogen von der Frage, ob es möglich ist, angesichts einer Kälte und Härte in der Gesellschaft noch an einen Gott zu glauben. Der Lehrer beantwortet diese Frage am Ende des Buches für sich und trifft eine Entscheidung, die sein bisheriges Leben völlig verändert.
Jugend ohne Gott erschien 1937 im Allert de Lange-Verlag, der deutschsprachigen Exil-Schriftstellern, deren Werke im Deutschen Reich verboten waren, die Möglichkeit bot, weiter zu veröffentlichen. Näheres über diesen Verlag und die Hintergründe seines Entstehens habe ich in meiner Rezension des Buches Schreiben im Exil - 1933-1935 erläutert.
Die mir vorliegende Ausgabe von Jugend ohne Gott ist 1983 als Suhrkamp-Taschenbuch herausgegeben worden und kostete 7,-- DM. Heute ist der Titel u. a. in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp für 7,50 € und im Anaconda-Verlag erhältlich.

Samstag, 24. Juni 2017

# 105 - Freifahrtschein von der Komfortzone in den Terrorismus

Wenn da noch ein paar Rechnungen offen sind

 

Mit Spanish Bombs taucht Ulf Krämer in die spanische Geschichte während der Franco-Zeit ein, deren tiefe gesellschaftliche Gräben bis in die Gegenwart fortdauern. Vergeben und vergessen - dieses Motto passt zu keinem der Protagonisten.


Die Schatten der Vergangenheit


Anders Sulla ist 38 Jahre alt, ein bestenfalls mittelmäßiger Bühnenschauspieler und mit der vermögenden Nadine verheiratet. Das Paar hat sich in seinem Leben komfortabel eingerichtet: Gemeinsame Kinder soll es nicht geben, man gönnt sich Reisen und andere Unternehmungen und hat Kontakt zu Menschen, die genauso ticken wie man selbst. Das Leben plätschert so dahin, und das, was man in diesen Kreisen als Abenteuer bezeichnet, ist das, was das Programm von Eventanbietern so hergibt. Doch dann erhält Anders, den so gut wie alle, auch seine Frau, nur mit seinem Nachnamen ansprechen, unerwartete Post: Eine spanische Gesellschaft für Erinnerungskultur teilt ihm mit, dass es wahrscheinlich gelungen sei, ein Massengrab aufzuspüren, in dem sich die Gebeine seines Großvaters Joaquin befinden. Dieser habe der republikanischen Brigade Lorca angehört und sei 1954 erschossen worden. In einer Woche sei die Graböffnung in Sevilla vorgesehen, wozu man ihn als Joaquins Enkel herzlich einlade.
Sulla zögert nur kurz und mietet sich dann kurzentschlossen ein Wohnmobil. Ohne Nachricht oder Abschied macht er sich allein auf den Weg nach Andalusien. Die Premiere der Carmen-Adaption, in der er die Rolle des Toreros Escamillo spielen sollte, würde er verpassen, was er leichten Herzens hinnimmt. Doch seine Vorstellung, er könnte auf der Fahrt nach Südspanien etwas Abstand bekommen und den Kopf freikriegen, stellt sich rasch als Trugschluss heraus: Kurz hinter Lyon gabelt er die 17-jährige Deutsche Sophie auf, die offensichtlich verfolgt wird. Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. In Tarragona treffen sie in einer Wohnung von Sophies Internetbekanntschaft Yussuf auf die junge Teresa, die sich ihnen bis Málaga anschließen will und in Sulla den Verdacht weckt, sie könnte eine Terroristin sein. Bei einem kleinen Umweg über Madrid nehmen sie Sullas alten Kumpel Lars in ihre kleine Runde auf. Das macht die Fahrt nicht entspannter.


Wer interessiert sich für die Toten in einem Massengrab?

 

Die amerikanische Kriegsreporterin Ava Svensson ist ebenfalls auf dem Weg nach Sevilla. Auf ihre Initiative hin ist es zu dem offiziellen Exhumierungstermin, zu dem die Angehörigen aller dort bestatteten Freiheitskämpfer eingeladen wurden, gekommen. Auch sie hat eine persönliche Motivation, die sie antreibt: Zusammen mit ihrem Onkel Phil, einem erfahrenen Reporter, und einem Fotografen, war sie in Kolumbien in eine Sprengfalle geraten, die ihren Onkel das Leben gekostet hatte. Er verfolgte damals die Spur seines ermordeten Vaters, dessen Leiche sich in dem andalusischen Massengrab befinden sollte. Jonathan Svensson gehörte allerdings nicht der Brigade Lorca an, sondern war als Reporter in Spanien gewesen. Ava hat das Gefühl, Phil etwas schuldig zu sein und setzt dessen Nachforschungen fort.
Schon kurz nach ihrer Ankunft in Sevilla trifft Ava auf den merkwürdigen Taxifahrer Jésus, der sich auf der Suche nach dem seiner Meinung nach besten Tapaskoch der Welt befindet: Alfonso, der seit Jahren das Restaurant La Orilla betreibt. Alfonso ist von einem Tag auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt. Jésus' Nachforschungen gehen zunächst ins Leere, aber nachdem er einen alten Bekannten, den er aus seinen früheren Tagen als Krimineller kennt, um Hilfe gebeten hat, bekommt er eine heiße Spur. Doch es gibt Leute, die die Graböffnung verhindern wollen und die ebenfalls auf der Suche nach Alfonso sind, auch wenn sie ihn nicht unter diesem Namen kennen. Eine ganze Reihe von Menschen muss um ihr Leben fürchten, während andere es so schnell verlieren, dass sie vor ihrem letzten Atemzug nicht mehr zum Nachdenken kommen.

Wie war's?

 

Spanish Bombs wird im Klappentext als Road-Story bezeichnet, was die Atmosphäre sehr gut trifft. Ein großer Teil der Handlung findet auf Straßen oder Parkplätzen statt, und nicht nur Sulla ist in diesem Roman auf der Suche nach der Freiheit und sich selbst. Der Buchtitel schlägt die Brücke zwischen der Diktatur unter Franco sowie der Verfolgung und Ermordung der Widerstandskämpfer durch die spanischen Faschisten und dem gleichnamigen Song der Punk-Band The Clash, der das Thema ebenfalls aufgreift.
Ulf Krämer baut die Geschichte des Widerstands gegen das Franco-Regime und die unrühmliche Rolle der Guardia Civil immer wieder geschickt in die Handlung seines Romans ein. Wer bislang noch nichts über diesen Teil der spanischen Geschichte wusste, erhält so zumindest einen Eindruck dessen, was sich unter der Diktatur des "Caudillo" zwischen 1936 und 1975 in Spanien abgespielt hat. 
Spanish Bombs ist sehr flüssig geschrieben und wird an keiner Stelle langweilig.
Die Handlung ist - locker formuliert - ziemlich abgefahren. An manchen Stellen befindet sie sich auf einem schmalen Grat zwischen einer knappen Glaubwürdigkeit und der beginnenden Zweifelhaftigkeit. 
Ab etwa der zweiten Buchhälfte hätte das Korrektorat gern aufmerksamer sein dürfen. Zu oft finden sich Fehler, die sich störend auf den Lesefluss auswirken.

Spanish Bombs wurde bei epubli veröffentlicht und kostet als Taschenbuch 16,99 €.

 

  

Donnerstag, 18. Juni 2015

Buch # 2 - über Afrika, Aberglaube und Machtphantasien

Das Kontrastprogramm - von Norddeutschland in die "Freie Republik Aburĩria"

Das heutige Buch ist aus einer ganz anderen Ecke als das erste. Es wurde vom kenianischen Autor Ngũgĩ wa Thiong’o geschrieben und hat den Titel Herr der Krähen. Es ist 2011 erschienen und hat stolze 950 Seiten, die sich durchweg kurzweilig lesen lassen.

Das Buch spielt im Wesentlichen im afrikanischen Aburĩria, einem Phantasiestaat, der jedoch Strukturen hat, die dem Leser verdammt bekannt vorkommen.

Eine der wichtigsten Figuren ist der sogenannte Zweite Herrscher. Er ist ein Despot erster Güte und schon so lange im Amt, dass sich keiner mehr an den Herrscher vor ihm erinnern kann. Sein Geburtstag ist ein hohes nationales Ereignis. Doch da es bis heute in vielen afrikanischen Staaten nicht üblich ist, dass die Geburt eines Kindes beurkundet wird, muss das Parlament von Aburĩria sich über den richtigen Tag einig werden, an dem der Herrschergeburtstag feierlich begangen werden soll. Es benötigt hierfür geschlagene sieben Monate, sieben Tage, sieben Stunden und sieben Minuten. Mit derselben Akribie schwänzeln zahllose Menschen um den Herrscher herum, um ihm unterwürfig alles recht zu machen und den eigenen Status zu halten oder zu verbessern. Ganz vorne mit dabei sind zwei seiner Minister. Der Beflissenere von beiden nutzt die monumentale Geburtstagsparty dazu, sich für immer im Gedächtnis des Herrschers zu verankern: Mit viel Pathos verkündet er, dass die gesamte Bevölkerung beschlossen habe, ein Gebäude zu errichten, das erst vor den Himmelspforten enden sollte. So sei es dem Herrscher möglich, sich persönlich jeden Tag mit Gott zu unterhalten. Dass die Bevölkerung bis dahin nichts von diesem Vorhaben wusste, spielt weder für den Minister noch für den Herrscher eine Rolle.

Eilig wird ein Nationales Baukomitee einberufen, um "Marching To Heaven" zu verwirklichen. Dessen Vorsitzender kann sich von da an vor Besuchern kaum retten: Die einen erhoffen sich Arbeit, die anderen, dass man an sie „denkt“. Diesen Wunsch unterstreichen Sie mit der Übergabe von prall gefüllten Geldumschlägen. Der Besucherandrang ist so groß, dass schon bald die Warteschlange quer durchs ganze Land geht. 

Wie im wahren Leben: Unterschätze nicht die Macht des Zufalls

Durch einen Zufall lernt Kamĩtĩ, ein junger Mann, der aus einer armen Familie stammt und gerade sein Hochschulexamen abgelegt hat, Nyawĩra kennen. Die junge Frau gehört zu einer Gruppe Oppositioneller, die immer wieder subtile Proteste gegen den Herrscher organisiert. Als die beiden als Bettler verkleidet nach einer solchen Aktion im Dunkeln nach Hause wollen, fallen sie drei Polizisten auf. Aber nicht wegen ihrer ärmlichen Kleidung, sondern wegen der Taschen, die sie bei sich haben. Die "Gesetzeshüter" vermuten darin Bares, was sie sich unter den Nagel reißen können und verfolgen die jungen Leute. Nur durch die gute Ortskenntnis von Nyawĩra können die beiden ihre Verfolger größtenteils abschütteln. 

Doch einer der Polizisten gibt nicht auf und stellt ihnen weiter nach. Er verfolgt sie bis zu einem leerstehenden Haus, in dem sie sich versteckt haben, weicht aber erschrocken zurück, als er ein todbringendes Zeichen über der Eingangstür sieht: Ein hastig von Kamĩtĩ angefertigtes Amulett aus Karton, Schnur, Stofffetzen, einem vertrockneten Frosch und einer toten Eidechse, darüber ein Schild mit einer eindeutigen Warnung: In diesem Haus wohnt ein Zauberer, der Falken und Krähen vom Himmel holen kann. Das Schild ist unterschrieben mit "DER HERR DER KRÄHEN". Im vom Aberglauben durchdrungenen Aburĩria verfehlt diese Warnung nicht ihre Wirkung, und der Polizist ergreift verängstigt die Flucht. Als er am nächsten Tag beim Zauberer vorsprechen will, erlebt er erneut eine für ihn so unheimliche Situation, dass er zum zweiten Mal das Weite sucht. Doch von nun an ist Kamĩtĩ nicht mehr Kamĩtĩ, sondern wird unfreiwillig zum "Herrn der Krähen", dem übermenschliche Kräfte nachgesagt werden. In kürzester Zeit ist er in aller Munde. Der Umstand, dass er sich nicht persönlich zeigt, sondern nur seine Stimme zu hören ist, macht ihn noch geheimnisvoller und vergrößert seine Popularität.

Große Probleme verlangen nach großen Lösungen

Wie bei allen gigantischen Bauprojekten gibt es auch bei diesem ein Hindernis, das zunächst überwunden werden muss: die Finanzierung. Für „Marching To Heaven" muss ein Kredit von der Global Bank in New York her. Um dieses Vorhaben zu einem Erfolg zu machen, reist der Herrscher persönlich in die USA und nimmt zur Unterstützung seinen Außenminister mit. Doch was der Herrscher als reine Formsache angesehen hat, entwickelt sich zu einem Fiasko. Die Ereignisse überschlagen sich, und letzten Endes bekommt der Herrscher, was er verdient hat.

Lesen?

Alle, die schnell lesbare Bücher bevorzugen, sollten einen Bogen um diesen Roman machen. Er eignet sich nicht dazu, in kleinteiligen Stückelungen gelesen zu werden. Das Buch wirft aber auf humorvolle und ironische Weise ein Schlaglicht auf die Funktionsweise zahlreicher afrikanischer Diktaturen, insbesondere in der südlichen Hälfte des Kontinents. Ngũgĩ wa Thiong’o lässt seine eigenen Erfahrungen mit der britischen Kolonialmacht und der späteren Herrschaft des Diktators Daniel arap Moi, der Kenia innerhalb von 24 Jahren bis 2002 herunterwirtschaftete und zahllose Oppositionelle foltern und verschwinden ließ, in sein Buch einfließen.

Wir erfahren nicht nur etwas über die Denkweise der Menschen im mittleren und südlichen Afrika, sondern dass es auch dort, wo sich das Böse und das Gute offensichtlich voneinander abzugrenzen scheinen, noch Grautöne gibt. Der Roman hat zahlreiche Stellen, an denen ich zunächst gedacht habe: "Na, hier trägt er doch ein bisschen dick auf", um mich im nächsten Moment an Ereignisse zu erinnern, die ich vor vielen Jahren über andere Diktatoren in Afrika gehört hatte. Sicher ist vielen von euch Idi Amin noch ein Begriff.

Ngũgĩ wa Thiong’o ist heute Professor in den USA und zählt zu den (ewigen) Anwärtern auf einen Literatur-Nobelpreis.



Hinweis: Wer sich für den Roman begeistern kann, den wird auch ein anderes Buch von Ngũgĩ wa Thiong’o interessieren: In Träume in Zeiten des Krieges schildert der Autor seine Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend. Wer den Roman Herr der Krähen besser verstehen möchte, sollte es lesen. Das ist schnell gemacht: Es hat einschließlich eines Nachworts des Übersetzers Thomas Brückner und eines Glossars nur rund 250 Seiten.