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Freitag, 21. Juni 2019

# 202 - Hier hält das Grauen Einzug

Tabea, Mark und ihre kleine sechs Monate alte
Tochter Amy sind eine glückliche Familie. Sie leben in Berlin-Zehlendorf in einem Haus zusammen mit Tabeas Eltern, haben aber dort ihre eigene Wohnung. Doch schon auf den ersten Seiten wird klar, dass Tabea dieses Glück nicht für stabil hält: Sie ist immer auf der Hut, dass ihr Mann dem Mädchen etwas antun könnte. So, wie Mark beschrieben wird, wirkt das zunächst völlig absurd, denn es ist offensichtlich, dass er das Kind liebt und sich gern um es kümmert. Dies ist der Einstieg in den Psychothriller Niemand stirbt allein von Martin Krist, der dafür bekannt ist, seine Leser nicht zu schonen.

Man ahnt bald, dass hinter Tabeas latenter Sorge ein handfester Grund stecken könnte: In einem Gespräch mit ihrem Vater bekräftigt dieser, dass weder er selbst noch Tabeas Mutter oder ihre Schwester Theresa Mark vertrauen. Offenbar nicht zum ersten Mal fühlt sich Tabea in die Enge getrieben und verteidigt ihren Mann gegen dieses Misstrauen, obwohl sie dabei kein gutes Gefühl hat. Es ist die Rede von einer Therapie, die Mark nach Ansicht seines Arztes sehr geholfen haben soll. Doch es scheint niemand in der Familie, einschließlich Tabea, den Auslöser für Marks Erkrankung zu kennen, die diese Therapie nötig gemacht hat. 

Nur Minuten nach dem Gespräch zwischen Vater und Tochter kommt es zum Schlimmsten: Als Tabea die Wohnung betritt, hört sie, wie Mark seiner Tochter etwas vorsingt, doch schon als sie das Kinderzimmer betritt, sieht er sie an und greift mit den Worten "Jetzt wird deine Familie sterben" zu einer bereitliegenden Pistole. Es gelingt Tabea, zu fliehen und sich und ihre Tochter zu retten. Doch von allen, von denen sie sich Hilfe erhofft, fühlt sie sich verraten: Theresa will sie davon abbringen, sich an die Polizei zu wenden, und die Polizei beginnt, nach ihr, Tabea, zu fahnden. Doch dann bekommt sie von unerwarteter Seite Unterstützung: Ihr Jugendfreund Jonas, zu dem Tabea schon seit langer Zeit keinen Kontakt mehr hatte, findet sie in ihrem alten Versteck, das früher ihr geheimer Treffpunkt war. Wird nun alles gut?


Wie war's?


Martin Krist beschreibt sehr genau die Verzweiflung, die Tabea ununterbrochen durchlebt. Kaum hat sie ein bisschen Hoffnung, der für sie und ihre Tochter unerträglichen Situation zu entkommen, folgt der nächste Rückschlag. Krist greift in seinem Buch ein Thema auf, über das bereits oft diskutiert wurde und um das es eine grundsätzliche Einigkeit gibt, dass hier viel mehr getan werden müsste. Leider passiert das bislang nicht im nötigen Umfang. Worum es dabei genau geht, soll hier nicht näher erläutert werden.

Niemand stirbt allein ist Ende Mai 2019 erschienen und kostet als Tolino-E-Book 3,99 Euro und als Taschenbuch 9,99 Euro.

Samstag, 23. Februar 2019

# 185 - Ein Dorf mit Leichen im Keller

Potztausend heißt das 2018 erschienene Buch der Autorin
A.C. Scharp, und dieser Ausruf passt angesichts der Ereignisse, die den kleinen Ort Demarchau erschüttern, genau. Dort leben die unterschiedlichsten Charaktere, und was von außen betrachtet nach einer dörflichen Idylle aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen als als moralischer Sumpf, der unter günstigeren Umständen unentdeckt geblieben wäre.


Was Ehrgeiz bewirkt, wenn er aus dem Ruder läuft


Obwohl: "Ehrgeiz" trifft es hier nicht ganz. Eher ist es der Wunsch, dass alles so bleiben möge, wie es gerade ist: ruhig. Das ist die Vorstellung von Demarchaus derzeitigem Bürgermeister Clemens Bohnenschäfer, der sich in seiner patriarchalischen Rolle gefällt und den Plan hat, von seinen Bürgern noch einmal gewählt zu werden. Nur eine Amstperiode noch in diesem verschlafenen Ort, und er könnte nahtlos in den Ruhestand hinübergleiten. Dazu ist normalerweise nur nötig, dass die Dinge so laufen, wie sie es schon in den letzten Jahren getan haben: geräuschlos und konfliktfrei. Doch er hat die Rechnung ohne den ortsansässigen Geschäftsmann Klaus Landgräber gemacht: Angesichts des Zustroms von Flüchtlingen nach Deutschland wittert er eine neue Einnahmequelle und beschließt, die Hälfte seines maroden Altenheims für sie zu räumen. 

Flüchtlinge in Demarchau sind ungefähr das Gegenteil dessen, was der Bürgermeister unter einem wohlgeordneten und friedlichen Dorfleben versteht. Seine Befürchtungen vergrößern sich, als er überraschend von einem Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes angerufen wird, der ihn vor Schläfern in seinem Ort warnt. Für Bohnenschäfer ist sonnenklar, dass die sich abzeichnende Terrorismusgefahr für seine Wiederwahl ein Problem werden kann, und er leitet umgehend Gegenmaßnahmen ein. Doch die weitere Entwicklung hat Ähnlichkeit mit einer langen Schlange von Dominosteinen: Einmal angestoßen, kann ihr Fall nicht mehr gestoppt werden. Der immer hilfloser agierende Bürgermeister kann nicht verhindern, dass es zu einem Brand kommt, dass Menschen sterben und die buchstäbliche Leiche im Keller ans Tageslicht kommt. Hat er noch genug Autorität, um eine weitere Eskalation zu verhindern und außerdem im Amt zu bleiben?


Wie war's?


A.C. Scharp zeichnet in Potztausend ein satirisch überspitztes Bild vom Leben in einem Dorf und zeigt, dass sich hinter den gutbürgerlichen Fassaden Neid, Gier, Hass oder Schlimmeres verbergen können. Auch, dass die Vorstellung von Fremden in dieser Gemeinschaft Ängste auslöst, ist gut nachvollziehbar. Da wird dann schnell mit einem Flüchtling ein potenzieller Attentäter assoziiert.
Der Roman ist wie die vorigen Bücher der Autorin sehr unterhaltsam geschrieben und wird nicht langweilig.
Worüber ich dann gestolpert bin, ist, dass zugunsten der oft turbulenten Handlung Sachverhalte beschrieben wurden, die nicht stimmig waren: Kein Bürgermeister hat einem Mitarbeiter eines Jobcenters Anweisungen zu geben. Er hat auch keine Möglichkeit, die Ausweisung eines Ausländers anzuordnen. Allerdings nehmen es auch etliche bekanntere Autorinnen und Autoren damit nicht so genau.

Potztausend ist ein Selfpublishing-Titel und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 3,99 Euro.

Von A.C. Sharp sind auf diesem Blog außerdem Rezensionen zu ihren Büchern Gas und Galle sowie Das forensische Gemetzel erschienen.

Mittwoch, 8. August 2018

Sieht so unsere Zukunft aus?

Dystopische Perspektiven, die sich bald erfüllen könnten

 

Jens Thaele ist auf diesem Blog bereits mit seinem Buch Vom Yin und Yang der Digitalisierung vertreten, vor Kurzem hat er sich wieder zu Wort gemeldet: In Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. verpackt Thaele seine Kritik am Umgang mit der Digitalisierung in eine Kurzgeschichte. 

2017 - eine Bundestagswahl mit Schnarcheffekt

 

Thaele beginnt seine Dystopie mit dem Ergebnis der Bundestagswahl 2017, das vor allem bedeutete: Egal, um welche bedeutende Zukunftsfrage es gehen mag, die Regierung pflegt ein trantütiges "Weiter so" und verpasst wieder mal ihre Chancen und die des ganzen Landes. Doch der Diesel-Skandal führt dazu, dass ein vordergründig innovatives Thema auf den Schild gehoben wird: die Elektromobilität. Immerhin gilt es, so rasch wie möglich die Emissionsvorgaben der EU zu erfüllen. Das geht nach Ansicht der Bundesregierung nur mit elektrisch angetriebenen Fahrzeugen, die als der automobile Heilsbringer propagiert werden. Doch Thaele sieht auch für 2025 nicht, dass es mit dem Umweltschutz und der Klimarettung nennenswert voran gegangen wäre: Wie schon acht Jahre zuvor sind Stromtankstellen Mangelware, die Entwicklung einer geeigneten Speichertechnologie tritt ebenfalls auf der Stelle. Es fehlt außerdem an der intelligenten Vernetzung sowie leistungsfähigen Glasfaser-Netzen. Es rächt sich, dass sich Politik und Forschung auf strombetriebene Fahrzeuge festgelegt und nicht mehrere Möglichkeiten in den Fokus genommen haben. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst. Um dem Bürger eine erfolgreiche Energiewende vorzugaukeln, werden in der staatlich gelenkten Propagandazeitung positive Artikel veröffentlicht.

Der nächste Schritt: die Zensur der Medien

 

Nicht nur das voraussichtliche Versagen der Energiewende nimmt Thaele aufs Korn, sondern er zeigt auch auf, was passieren kann, wenn mit der Begründung, Fake-News, Hasskommentare und Kriminalität bekämpfen zu wollen, die Meinungs- und Pressefreiheit unter den Tisch fallen. Es entsteht eine Regierungsform, die der Autor als "Diktatur des politisch verordneten Wohlfühlens" bezeichnet. Sogar für das rauf und runter diskutierte Thema, wie man mit den ankommenden Flüchtlingen umgehen soll, wurde eine Lösung gefunden - die leider nicht den Flüchtlingen, sondern nur den Industrieländern nutzt und an Zynismus kaum zu überbieten ist. Doch die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte holen Deutschland und seine Nachbarn letztendlich ein.

Wie war's?

 

Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. ist eine Mini-Dystopie, in der sich Jens Thaele kritisch mit der aktuellen Politik auseinandersetzt. An der einen oder anderen Stelle hätte das Szenario meiner Meinung nach etwas mehr ausgestaltet werden können, aber es wird deutlich, was er uns mitteilen will: Mit der derzeitigen Entwicklung und Schwerpunktsetzung sind wir auf dem Holzweg.

Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. ist für 0,99 Euro als im Kindle-Format erhältlich.

  

Freitag, 3. August 2018

# 161 - Wie entsteht eine Diktatur?

Berlin in der Zerreißprobe zwischen Demokratie und Diktatur

 

Brigitte Krächan hat mit ihrem Roman Heute keine Schüsse ein Buch in einem interessanten Format vorgelegt. Ihr Protagonist Walter Schachtschneider ist der jüngste Sohn einer Wittener Fabrikantenfamilie. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern scheint er keine besonderen Begabungen außer dem Interesse an der Kunst zu haben. Das sieht zumindest sein Vater so, der ihm keine größere Beachtung schenkt. Doch Walter wird im 1. Weltkrieg auf eigenen Wunsch zunächst Soldat. Er ist sicher, so das Wohlwollen und die Anerkennung des Vaters zu bekommen und soll damit Recht behalten. Aber das Grauen auf dem Schlachtfeld macht ihn im Gegensatz zu manch anderen Soldaten zu einem Menschen, der den Krieg ablehnt. 
Entgegen der Erwartungen der Deutschen wird der Krieg verloren, wofür die konservativen Parteien den Befürwortern einer friedlichen Lösung die Schuld geben. Die völlig verschiedene Einschätzung über den Sinn und Erfolg dieses jahrelangen Massensterbens treibt Walter und seinen Vater wieder auseinander.

Berlin als Tor zur Freiheit?

 

Walters Wunsch, als Angestellter in der Berliner Galerie Radke zu arbeiten, wird von seinem Vater befürwortet. Er ist grundsätzlich mit seiner Tätigkeit zufrieden und genießt es, fern des Elternhauses sein eigenes Leben leben zu können, ohne ständig kritisiert zu werden. Der junge Mann nutzt die kulturellen Möglichkeiten, die die Hauptstadt bietet, doch es dauert nicht lange, bis die ersten Schatten auf diese Unbeschwertheit fallen. Der Versailler Vertrag verhindert, dass das in Trümmern liegende Deutschland wieder auf die Beine kommt. In der Zeit der Weimarer Republik geht es mit der Wirtschaft stetig bergab, die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch an, der armen Bevölkerung fehlt es am Notwendigsten. Die politischen Gruppierungen versuchen, die Lage für sich zu nutzen. Das, was zum Ende dieser Zeit bis zur Machtergreifung durch Hitler mit seiner NSDAP passiert, ist bekannt. Walter Schachtschneider ist jedoch nicht in der Lage, sich aktiv auf eine Seite zu schlagen und für seine politische Sicht einzutreten. 

Während in Berlin Aufmärsche und teils massive Handgreiflichkeiten unter den politischen Gegnern zum Alltag werden, sieht er sich als neutralen Chronisten und geht weiter seinem Beruf nach. Seine Unentschlossenheit führt sogar dazu, dass Menschen, die ihm wichtig sind, sterben. Erst einer dieser Todesfälle sowie das Fortschreiten der Gleichschaltung, das sich auch in den öffentlichen Bücherverbrennungen niederschlägt, bringen Walter dazu, sich für andere Menschen einzusetzen und holen ihn aus seiner selbst gewählten passiven Rolle heraus. Dass sich angesichts der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der Riss in der Gesellschaft auch in seiner eigenen Familie und der seines Arbeitgebers fortsetzt, macht ihn eher hilflos.

Lesen?

 

Brigitte Krächan hat für ihren Roman eine interessante Erzählform gewählt: Walter Schachtschneider schildert seine eigene Geschichte und die seiner Familie in Form eines Tagebuches. Dabei berichtet er auch über das tagesaktuelle Geschehen im Deutschen Reich und ganz speziell in Berlin. Zu Beginn der Aufzeichnungen nimmt er sich noch vor, möglichst neutral zu schreiben, aber dieser Vorsatz löst sich mit dem Fortgang der Geschichte nach und nach in Luft auf. Die Tagebucheintragungen werden mal täglich, mal aber auch im Abstand von mehreren Wochen gemacht. Heute keine Schüsse wird durch diese Form der Darstellung zu einer Mischung aus einem Geschichtsbuch und einem Roman. Walters Leben ist zwar bis zum Schluss durch Kunst und Kultur geprägt, aber es wird immer deutlicher, dass die Veränderungen, die in Deutschland passieren, auch ihn persönlich bedrohen.  

Heute keine Schüsse ist ein sehr lesenswertes Buch, das zwar auch unterhält, aber durch die Einbindung der historischen Ereignisse in die Handlung auch Einzelheiten in Erinnerung ruft, die fast schon vergessen waren. Die Parallelen zur aktuellen Politik und zu gesellschaftlichen Strömungen sind dabei nicht zu übersehen. 

Heute keine Schüsse ist bei tredition erschienen und kostet als gebundenes Buch 24,99 Euro, als Taschenbuch 16,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 5,99 Euro. 

Dienstag, 3. Juli 2018

Ulrike Busch, Martin Krist und René Jorde im Indie-Katalog von Buchreport!

Ein toller Erfolg für drei Selfpublishing-Autoren

 

Die zweite Ausgabe des Indie-Katalogs in diesem Jahr ist gerade erschienen, und ich freue mich sehr für eine Autorin, deren Bücher mehrfach auf diesem Blog vertreten sind: Ulrike Busch hat mit ihrem Buch Mord auf der Hallig einen verdienten Platz im halbjährlich erscheinenden Katalog, der eher den Charakter einer Branchenzeitschrift hat, bekommen. Als "Ableger" der Fachzeitschrift buchreport wird der Indie-Katalog in einer Auflage von 4.200 Stück an die Buchhandlungen ausgeliefert.


 



Martin Krists spannender Thriller Drecksspiel wird ebenfalls im Indie-Katalog vorgestellt. Sein Buch ist ein echter Page-Turner und kann allen empfohlen werden, die nicht zu zart besaitet sind. Auch von Martin Krist habe ich schon vier Bücher vorgestellt, weil sie mir so gut gefielen.




  




René Jordes Ratgeber Recht für Selbstverleger und Autoren kann allen empfohlen werden, die sich hierzu zählen. Etliche juristische Schnitzer sind mit ein paar Vorkenntnissen vermeidbar und können für Autoren ziemlich teuer werden. 

Ich wünsche allen dreien weiterhin viel Erfolg!











Montag, 4. Juni 2018

# 152 - Buch und Recht - worauf Selfpublisher achten müssen

In meinem Buch kann ich schreiben, was ich will!

 

Dass es so einfach nicht ist, stellt der Anwalt René Jorde in seinem Buch Recht für Selbstverleger und Autoren klar. Wenn man weder vertraglich über den Tisch gezogen werden noch Adressat von Anzeigen werden will, sollte man einen Blick hinein werfen.

Urheberrecht, Markenrecht, Titelschutz und noch mehr

 

Viele Selfpublishing-Autoren haben sich mit diesen Themen noch nie beschäftigt. Sie haben ihr Buch geschrieben, es in den meisten Fällen über einen Distributor veröffentlicht und freuen sich, wenn sie positive Rückmeldungen bekommen und sich ihr Werk gut verkauft. Doch noch während der Schreibphase sollten sie darüber nachdenken, ob ihr Text rechtlich unangreifbar ist: In welchen Fällen darf eine Marke nicht genannt werden? Wann wird eine Formulierung zu einer Persönlichkeitsverletzung? Darf für ein Buch der Liedtext einer Band oder ein kopierter Stadtplan verwendet werden? 
Zu dem, was einen Autor für andere angreifbar macht, kommt hinzu, worauf er achten muss, um nicht selbst benachteiligt zu werden. Jorde gibt gedankliche Hilfestellungen bei der Frage, ob sich für das eigene Buch ein klassischer Buchverlag oder eher das Selfpublishing eignet, weist auf Fallstricke in Verlagsverträgen hin und gibt Tipps für eine rechtlich einwandfreie Autorenhomepage.
Das Buch wird durch Zusammenfassungen, Checklisten und hilfreiche Links abgerundet.

Lesen?

 

Recht für Selbstverleger und Autoren gibt wertvolle Hinweise, die helfen, das eigene Buch und alles, was damit zusammenhängt, kritisch unter die rechtliche Lupe zu nehmen und für mögliche Stolpersteine sensibel zu werden. Es ersetzt aber im Zweifel keine individuelle Rechtsberatung, sondern kann sich nur mit den Fragestellungen beschäftigen, die sich den meisten Selfpublishern stellen. 
Recht für Selbstverleger und Autoren ist bei tredition erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,50 Euro sowie als Taschenbuch 9,90 Euro.
Das Buch wurde mir von Indie Publishing
zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Freitag, 1. Juni 2018

# 151 - Kindesentführung, Morde - Berlin

Vielschichtige Handlung mit zahlreichen Personen

 

Drecksspiel des Autors Martin Krist (Pseudonym des Schriftstellers Marcel Feige) ist der erste Thriller aus der Reihe um den Ex-Polizisten und Privatermittler David Gross. Ab der ersten Seite wird klar: Dieses Buch ist nichts für empfindliche Gemüter.

Ist Berlin der Hort des Schreckens? 

 

Schon der Einstieg in die Handlung ist der pure Horror: Caro wird in einem Verlies gefangengehalten und ihre Peiniger ermorden vor ihren Augen Ilanka, die vorher offensichtlich gefoltert worden ist. Die Mörder wollen eine Information, die Caro ihnen jedoch nicht geben kann. Wer Caro ist, klärt sich im Verlauf des weiteren Geschehens.

Unbekannte entführen Shirin, die Tochter eines schwerreichen Berliner Ehepaares. Dessen Anwalt Richard Graubner bittet David Gross, der von ihm immer wieder Aufträge erhält, alles zu tun, um die Jugendliche zu finden. Aber Shirin ist nicht die Einzige, die verschwindet: Philip und Hannah fahren mit ihrer kleinen Tochter Millie, die noch ein Säugling ist, und ihrem Hund Bootsmann spontan in einen Kurzurlaub. Hannah wundert sich zwar über diese Abwechslung, weil sie weiß, dass ihr Mann mit seinem Graphikstudio "Pixelschubser" kurz vor der Pleite steht und das Geld sehr knapp ist, aber Philip spricht von einem großen Auftrag, mit dem nun alles wieder gut werde. In einem abgelegenen Ferienhäuschen lässt Philip seine Frau allein, um mit dem Hund raus zu gehen. Doch der, der nach einer Weile die Haustür aufschließt und Hannah von hinten mit der Hand sanft über den Nacken streicht, ist nicht ihr Mann. Für Hannah und Millie beginnt eine Zeit des Martyriums. Hannah ist klar, dass der Fremde ihren Tod will. Aber nicht sofort, sondern erst, nachdem er seinen Sadismus an ihr ausgelebt hat.

In einem Bordell wird die Prostituierte Leyla ermordet aufgefunden. Für den Rechtsmediziner ist klar, dass die Frau vor ihrem Tod Drogen erhalten hat, die nur einen Zweck hatten: Sie sollte die Grausamkeiten, die der Killer an ihr verübte, möglichst lange bewusst miterleben. Der Polizist Toni Risse und sein Kollege Frank Theis übernehmen die Ermittlungen. Was Theis und auch sonst niemand nicht weiß und niemals wissen darf: Leyla war Tonis Freundin und der Polizist war die letzte Person, die die Prostituierte lebend gesehen hat - kurz, bevor ihr Mörder sie tötete. Auch sein Lebenswandel sollte lieber sein Geheimnis bleiben. Toni ist klar, dass alle Indizien gegen ihn sprechen würden, wenn auch nur der Hauch eines Verdachts auf ihn fiele.

Viele Personen und Handlungsstränge

 

In Drecksspiel taucht eine ganze Reihe von Personen auf, die in unterschiedlichsten Beziehungen zueinander stehen. Es gelingt jedoch gut, den Überblick zu behalten und den einzelnen Verläufen zu folgen. Obwohl es um viele Vorgänge geht, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, steuert die Handlung auf ein gemeinsames Finale zu. Rätselhaft bleibt allerdings, was es mit der Vergangenheit von David Gross auf sich hat, über die nicht einmal seine Frau bescheid weiß. Es wird nur deutlich, dass David seinen Namen geändert ein neues Leben angefangen hat und keinen Wert darauf legt, gefunden zu werden.

Lesen?

 

Ja! Drecksspiel ist sehr spannend, hat jedoch eine ganze Reihe brutaler Szenen. Der Thriller kann schon deshalb nur schwer aus der Hand gelegt werden, weil es der Autor meisterhaft versteht, nicht nur am Ende des Buches, sondern am Ende jedes Abschnitts Cliffhanger zu produzieren.    

Drecksspiel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2018 bei epubli herausgegeben worden und kostet als Taschenbuch 10,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Asugabe 3,99 Euro. Das Buch wurde mir von Indie Publishing zur Verfügung gestellt.

Der zweite Teil der Reihe um den Privatdetektiv David Gross ist der Thriller Brandstifter. Außerdem wurde in der Bücherkiste das Buch Böses Kind vorgstellt, in dem Kriminalhauptkommissar Henry Frei die Ermittlungen leitet. Beide stehen Drecksspiel in nichts nach.

Samstag, 19. August 2017

# 113 - Es geht ums Geld

Den Durchblick haben - mit diesem Buch klappt's

 

Manche Menschen werfen es sinnbildlich zum Fenster raus, andere hüten es wie ihren Augapfel und die Dritten haben ein entspanntes, problemloses Verhältnis zu ihm: Die Rede ist vom Geld. In seinem Buch Verstehen Sie Geld? beginnt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl mit seiner Erklärung, was es mit dem, wonach so viele streben, auf sich hat. Er schaut zurück in die Zeit, als die Menschheit noch kein Geld kannte, sondern nur Waren gegeneinander tauschte. Ab 500 v. Chr. tauchten die ersten Gold- und Silbermünzen auf, doch auch sie mussten noch weiter verbessert werden, denn Betrüger gibt es nicht nur heute, sondern sie hat es schon immer gegeben. Aber dieser Rückblick nimmt nur einen kleinen Teil seines Buches ein. Çöl kommt zügig in der Gegenwart mit ihren Geldströmen und Finanzmarktmechanismen an.


Wachstum über alles?

 

Ohne Geld geht heute rein gar nichts: Wir können keine Miete zahlen, uns keine Lebensmittel kaufen, uns nicht einkleiden und nichts leisten, was über unsere Grundbedürfnisse hinausgeht. Und was passiert, wenn wir am Ende des Monats ein paar Euros übrig haben? Früher war alles klar: "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not" haben noch viele von uns im Ohr. Soll heißen: Halt dein Geld zusammen, kauf nur, was du dir leisten kannst und mach nach Möglichkeit keine Schulden. Wenn man sich umsieht, kann man sich jedoch leicht so fühlen, als gehörte man damit zu den ewig Gestrigen: Konsum ist angesagt, und die unschlagbar niedrigen Sollzinsen lassen bei vielen Menschen die Bereitschaft, einen Kredit für Konsumgüter aufzunehmen, steigen. Wem kommt das zugute? Zuerst den produzierenden Unternehmen, keine Frage, aber eben nicht nur ihnen. Doch was passiert, wenn viele oder wenige Güter nachgefragt werden? Und warum greift der Staat wirtschaftlich schlingernden Konzernen immer wieder unter die Arme? Wie groß ist die Verbundenheit von Staat und Wirtschaft? Und was hat es eigentlich mit der sogenannten Rettung der ökonomisch schwachen EU-Mitgliedsländer wie z. B. Griechenland durch die Europäische Zentralbank (EZB) auf sich? Wie kann es sein, dass da immer wieder neue "Rettungspakete" geschnürt werden, aber sogar Bürger, die das Ganze nur am Rande mitbekommen, ahnen, dass das alles mit dem, was man sich im Allgemeinen unter einer Rettung vorstellt, herzlich wenig zu tun hat?

Die Deutschen - ein total konservatives Anlegervolk

 

Die Deutschen sind in puncto Geldanlagen so flexibel wie Eisenbahnschienen. So oder so ähnlich klingt der sich stetig wiederholende Vorwurf aus der Finanzwirtschaft - also aus der Ecke, wo die sitzen, die sich in Gelddingen angeblich viel besser auskennen als der durchschnittliche Normalbürger. Aktien werden als die Anlageform der Stunde propagiert, das Sparbuch mit seinen insbesondere aktuell mikroskopisch kleinen Zinsen ist nur etwas für Leute, die sich vom Totgesagten nicht trennen mögen. Çöl erläutert in klaren und leicht verständlichen Sätzen, was hinter diesen Aussagen steckt und dass man von den Verbrauchern ihr Bestes will - ihr Geld. Er erklärt auch, warum Regierungen und Unternehmen die Zahlen zum Wirtschaftswachstum so wichtig sind und weshalb es aus ihrer Sicht hier nur eine Richtung geben darf: aufwärts. Der Autor erläutert jedoch auch, was gegen die Rettung von Firmen mithilfe von Steuerngeldern spricht, warum die Zinspolitik der EZB zutiefst ungerecht ist, was man gegen die Anfeuerung des Wirtschaftswachstums haben kann oder wieso das Heil für den Einzelnen nicht unbedingt in Aktien liegt. Und: Er spricht sich deutlich und mit gut nachvollziehbaren Argumenten gegen die Abschaffung des Bargelds aus und plädiert an seine Leser, sich beim Konsum auf ihre Selbstverantwortung zu besinnen.

Lesen?

 

Davut Çöl bietet in Verstehen Sie Geld? einen sehr informativen Rundumblick: Nach der Lektüre seines Buches ist klar, wozu Geld dient, welche Marktmechanismen und Geldkreisläufe für unsere Wirtschaft eine Rolle spielen, wie Konsumenten gelenkt werden und wie der Autor die künftige Entwicklung des Geldmarkts einschätzt. Das alles in auch für Laien gut verständlicher Sprache und mit Erklärungen, die das zunächst kompliziert Erscheinende mit einfachen Beispielen aus dem Alltag verständlich werden lassen. Das Buch eignet sich also nicht nur für am Thema Wirtschaft Interessierte, sondern auch für alle, die den Wirtschaftsteil der Zeitung bislang immer rasch zur Seite gelegt haben.

Verstehen Sie Geld? ist bei tredition erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 19,90 €, als Hardcover 27,90 € sowie als E-Book 14,90 €.

Freitag, 26. Mai 2017

# 101 - Wer ist hier eigentlich verrückt?

In der Provinz sterben die Menschen wie die Fliegen

 

Nach dem Lesen des neuesten Romans von A. C. Scharp Das forensische Gemetzel drängt sich vor allem eine Erkenntnis auf: Tut alles, um niemals in eine forensische Psychiatrie zu kommen. Und schon gar nicht in die von Frackhausen. 

Ein Geheimnis zu viel 

 

Die forensische Klinik von Frackhausen ist der Dreh- und Angelpunkt in diesem Roman und das unfreiwillige Zuhause von notorischen Brandstiftern, Serienmördern und Kannibalen. Der kleine Ort hat sich mit ihrer Anwesenheit  einigermaßen arrangiert, man lebt unaufgeregt nebeneinander her. Das ändert sich schlagartig, als bekannt wird, dass in Kürze ein neuer Patient eingeliefert werden soll: Der ehemalige Frackhausener Bürger und Polizist Henning Mansen hatte es sich vor Jahren zu seiner Mission gemacht, die von ihren Ehemännern drangsalierten Frauen seines Heimatortes von ihrem Leid zu erlösen und ihnen eine bessere Zukunft im Jenseits zu ermöglichen. Aufgrund der von ihm als Wohltätigkeit eingestuften Morde hat das kleine Kaff seitdem vier Witwer mehr. Die Nachricht von Mansens Rückkehr löst bei den Einheimischen keine Begeisterung aus. Die vier unfreiwillig alleinlebenden Männer sind über den Umstand, dass derjenige, der ihnen ihre Gattinnen und damit ihr Personal und ihre Opfer genommen hat, sie jetzt mit seiner Anwesenheit quasi verhöhnt, ziemlich aufgebracht. Sie sind sich schell einig: Mansen muss weg! Und zwar endgültig und ohne Rückfahrschein. Seine Ermordung ist da schnell beschlossene Sache. Nur wollen sich die Vier weder selbst die Hände schmutzig machen, noch wissen sie, wie sie sich Mansen so weit nähern könnten, dass eine Ermordung möglich wäre. Doch auch dieses Problem wird recht schnell gelöst: Es muss jemand anders her. Jemand, der dem Serienmörder nahe genug kommt, um ihm den Garaus machen zu können. Die Witwer verfallen auf eine grandiose Idee: Um die Sache möglichst zuverlässig und kostenneutral zu gestalten, muss sich jemand vom Klinikpersonal um Mansens Ableben kümmern. Jemand, der Dreck am Stecken hat und somit erpressbar ist. Da einer der vier Männer über sehr gute Computerkenntnisse verfügt, ist die richtige Person schnell gefunden: Der Chefpsychologe Mike Sanger hat eine derart klaffende Lücke in seinem beruflichen Lebenslauf, dass seine Existenz auf einen Schlag vernichtet wäre, wenn Details bekannt würden. 
  

Chefpsychologe schlittert von einer Bredouille in die nächste 

 

Sanger ist attraktiv, mit einer ihn fast täglich prügelnden Frau verheiratet und der Schwarm der drallen Schwester Dörte. Die werte Gattin zu verlassen ist für ihn keine Option: Sie weiß von seinem Problem mit dem Lebenslauf und würde im Fall einer Trennung wahrscheinlich nicht zögern, die Bombe platzen zu lassen. In der Klinik kann er sein Geheimnis bis jetzt gut kaschieren. Das führt aber auch dazu, dass er sich nicht in der Lage sieht, Patienten mit einer guten Prognose zu entlassen. Die Folge: Das Haus ist bis zum Anschlag belegt, der Landrat übt deshalb Druck auf den Klinikchef Dr. Mäuchel aus, der diesen gern an seinen Chefpsychologen weitergibt. Da flattert ein ungelenk formuliertes Schreiben auf Sangers Schreibtisch: Jemand will, dass er für Henning Mansens Tod sorgt. Anderenfalls würde die Klinik von Sangers Geheimnis erfahren. 
Die Drohung wirkt. Sanger will auf jeden Fall verhindern, bloßgestellt zu werden und durchdenkt mehrere mögliche Tathergänge. Doch die Sache eskaliert, und am Ende sind mehrere Hundert Menschen tot. 

Wie war's?

 

Das forensische Gemetzel ist ein flott und unterhaltend geschriebener Roman, der beim Lesen Zweifel aufkommen lässt, ob die Patienten hier wirklich einen größeren Sprung in der Schüssel haben als das Klinikpersonal. 
Das Buch ist voll schwarzem Humor, aber hat trotz der vielen Leichen nichts von einem Krimi. An manchen Stellen wäre es allerdings schön gewesen, wenn einige Situationen lebensnäher und wahrscheinlicher gestaltet worden wären. So geht dem Roman etwas von seiner Glaubwürdigkeit verloren. Doch die eigene Beschreibung der Autorin trifft es genau: Das forensische Gemetzel ist für Liebhaber der burlesken Absurdität.

Das forensische Gemetzel ist als Self-Publishing-Ausgabe erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro und als Kindle-Edition 2,99 Euro.

Samstag, 15. April 2017

# 95 - Veganes Kochen? Kein Problem


Veganes Kochen auch für Anfänger



Miriam Warnke hat mit ihrem Kochbuch The Vegan Sister – Lieblingsrezepte ihr Debut abgeliefert. Für alle, die bislang nur darum nicht Veganer werden wollten, weil sie die Lebensmittel für zu teuer oder das vegane Kochen für zu aufwendig und kompliziert hielten, gibt die Autorin Entwarnung: Die Rezepte sind leicht nachzukochen und die Zutaten in größeren „normalen“ oder Bio-Supermärkten erhältlich.

Übersichtliche Gestaltung, praktische Aufmachung

 

In ihrem Vorwort erklärt Miriam Warnke, wie sie dazu kam, vegan zu leben. Sie hatte zuvor eine Wandlung von einer Fleischesserin zur Vegetarierin durchgemacht; die Botschaft, sich nun ganz ohne tierische Lebensmittel ernähren zu wollen, löste in ihrer Familie nicht gerade Begeisterungsstürme aus. Aber sie hat ihren Vorsatz durchgehalten und nun sogar die besten Gerichte aus ihrer Kreativküche in diesem Buch veröffentlicht.
The Vegan Sister – Lieblingsrezepte ist in sechs Kapitel aufgeteilt, die von Frühstück bis Süßkram reichen. Unter diesen Rubriken versammeln sich mehr als 40 Rezepte, die alle für zwei Personen berechnet sind. Für keines der Rezepte muss man ein Kochprofi sein, es genügen Anfängerqualitäten, weil die Abläufe klar beschrieben sind. Anhand der jedem Rezept beigefügten Fotos lässt sich erkennen, wie das, was man sich vorgenommen hat, nach der Zubereitung aussehen wird. Zu vielen Rezepten gibt es separat abgesetzt hilfreiche Hinweise.
The Vegan Sister – Lieblingsrezepte ist in zwei Ausgaben erschienen: als Hardcover und mit Ringbindung. Mir hat ein Exemplar mit Ringbindung vorgelegen, was ich sehr praktisch finde: Man kann das Buch an der gewünschten Stelle aufschlagen, ohne dass die Seiten während des Kochens zuklappen.

The Vegan Sister – Lieblingsrezepte ist bei epubli erschienen und kostet als Hardcover-Ausgabe 20 Euro sowie mit einer Ringbindung 14,99 Euro.

Sonntag, 9. April 2017

# 94 - Zu viel Gier kann tödlich enden


Viel Geld verdirbt den Charakter


Lauter Leichen - so heißt der Debütroman der Hamburgerin Zara Philips. Ein sehr treffender Titel für einen Krimi, bei dem die Zahl der Toten irgendwann größer ist als die der (noch) Lebenden. Die Autorin fackelt nicht lange und wirft ihre Leser schon auf der ersten Seite an einen Tatort: Die Malerin Elenor Gint findet in der Villa ihrer Mutter Martha in Hamburg-Rissen zwei Männer: Der eine ist Elenors gerade-mal-nicht-Freund Peter, der nun im Begriff ist, nach einem Schusswechsel sein Leben auszuhauchen; das Leben des anderen Mannes, mutmaßlich ein Osteuropäer, war schon einige Minuten vor Peters zu Ende, nachdem Elenor auf ihn geschossen hatte. Ihn entsorgt Elenor mithilfe einer Sackkarre im Seerosenteich der Nachbarn. Das ist der Einstieg für einen Roman, dessen Handlung 2015 ihren Höhepunkt findet, aber bereits 1882 in der Nähe von Lübeck mit der Geburt eines Jungen beginnt, der es später weit bringen wird und nach seinem Tod ein riesiges Vermögen vererbt. Wenn es um viel Geld geht, finden sich immer Menschen, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Egal, um welchen Preis.

Cleverer Ermittler trifft auf Schwarze Witwen


Kriminalhauptkommissar Hiob Watkowski vom LKA Hamburg nimmt sich dieses Mordfalls an. Da Martha Gint zum Tatzeitpunkt in Florida war, scheidet sie als Verdächtige aus. Damit richtet sich die Aufmerksamkeit des Polizisten ganz auf Elenor. Doch die ganze Sache ist komplizierter, als sie zunächst erscheint: Bei der Durchsuchung von Marthas Villa finden die Beamten in der Tiefkühltruhe im Keller einen weiteren Toten. Die Obduktion ergibt, dass es sich dabei um Marthas vor Jahren verschwundenen Liebhaber Helmut handelt. Doch Martha hat buchstäblich noch mehr Leichen im Keller: In einem verschraubbaren Weinfass findet sich eine junge tote Frau - durch den Alkohol wurde sie ziemlich gut konserviert, wobei ihr Körper allerdings eine geleeartige Konsistenz angenommen hat. Doch damit sind es noch nicht genug Gemeuchelte: Auf dem Grundstück der Villa befinden sich in einem privaten Luftschutzbunker noch mehr Menschen, die bereits vor Jahrzehnten unfreiwillig ihr Leben lassen mussten. Doch von ihnen weiß nur Marthas Mutter Frieda. Einer von ihnen ist so problematisch, dass Frieda sämtliche Enkelkinder dazu anstiftet, ihr in einer Nacht-und-Nebel-Aktion bei dessen Beseitigung zu helfen.

Wer stört, wird aus dem Weg geräumt


Hauptkommissar Watkowski gehört zu den fähigsten Ermittlern des LKA Hamburg, aber das ist nicht der einzige Grund, warum er sich so sehr für diesen Fall interessiert: 1997 hatte bereits sein Adoptivvater, der seinerzeit als berühmt-berüchtigt geltende Ermittler Josef Watkowski, Untersuchungen gegen eine Person angestrengt, die auch jetzt wieder im Fokus der Polizeiarbeit steht. Damals wie heute vermutet Hiob Watkowski hinter dem plötzlichen Tod seines Vaters keinen Unfall, sondern einen Mord. Jetzt soll sich ihm die Möglichkeit bieten, quasi mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die Aufklärung des Todes seines Vaters und der weiteren Menschen, die irgendwie mit den Mordfällen in Martha Gints Haus zusammenhängen. Im selben Jahr wie sein Vater kam auch Marthas Mann ums Leben – er wurde damals erschossen in der Villa aufgefunden, sein Mörder wurde nicht gefunden. Doch so intelligent Hiob auch vorgeht, die Verwandtschaft von Elenor und Martha und ihr unfreiwilliger Kontakt zur serbischen Mafia geben dem Geschehen ständig neue Wendungen. Im Zuge der Ermittlungen wird das Grundprinzip, nachdem insbesondere zwei Hamburger Familien handeln, deutlich: Wer stört, wird entsorgt. Je  geräuschloser, desto besser.

Wie war’s?


Lauter Leichen geht von einem interessanten Plot aus: Zwei Tote im Haus einer gutsituierten Frau, von denen einer der Ex-Freund der Tochter ist, die zufällig auf die beiden Männer trifft, als sie während des Urlaubs ihrer Mutter dort nach dem Rechten sehen will. Doch schon in dieser ersten Szene gibt es Zweifel, ob Elenor nur für den Tod des einen Mannes verantwortlich ist. Im weiteren Verlauf der Handlung wird unklar, ob das Buch eher spannend oder doch lieber amüsant werden sollte. Das Karussell der Verwicklungen dreht sich immer schneller, die ganze nähere Verwandtschaft nimmt es mit der kriminellen serbischen Bande rund um deren Boss Novakov auf. Der hält sich zu Hause ein Lama namens Frühstück, das ihm Elenors Neffen und ihre Nichte entführen, um von ihm bestimmte Informationen zu erpressen. Navakovs Vater befindet sich da schon eine Weile in der Gefangenschaft von Friedas Nachbarin Else, die ihn mit einem Würgehalsband aus dem Sexshop ausstaffiert hat – was dem alten Mann zu gefallen scheint.
Der Roman hält etliche auch für die Protagonisten überraschende Erkenntnisse bereit, die bis hin zum Entdecken von neuen Verwandtschafts- und damit auch Erbbeziehungen führen. Die Lösung des komplizierten Falles ist in weiten Teilen zwar der Kombinationsgabe Watkowskis zu verdanken, die Handlung wird allerdings so oft von Zufällen bestimmt, dass dem Buch insgesamt eine Menge Glaubwürdigkeit verloren geht. Dass der plötzlich ums Leben gekommene Josef Watkowski, der in der Mordangelegenheit um Marthas Mann ermittelte, auf dem Weg zu einer der Hauptpersonen des Romans, der ihn mit der Ankündigung eines Geständnisses auf eine einsame Straße gelockt hatte, dort in eine Falle lief, kann man sich noch gut vorstellen. Dass er jedoch im Kofferraum seines Autos sämtliche Fallakten hatte, aus denen von seinen Mördern die sie belastenden Seiten entfernt wurden und die Ermittlungen danach zu Fall kamen, ist schwer zu glauben. Josef Watkowski wird mehrmals als kriminalistische Berühmtheit geschildert und hat sogar noch 18 Jahre nach seinem gewaltsamen Tod eine Fangemeinde. Solch ein grober Schnitzer passt nicht zu einem Vollprofi.
Auch die Verwandtschaft rund um Elenor Gint wirkt dauerhaft exzentrisch und überdreht, schafft es aber, Navakovs beste Männer zu übertölpeln. Die serbische Mafia agiert tatsächlich auf dem Gebiet des Drogen- und Waffenhandels und ist hochkriminell, wird aber sicher nicht von einem Haufen Idioten angeführt.
Lauter Leichen ist trotz dieser Kritik eine flott geschriebene Unterhaltungslektüre, zu der am besten die Kategorie des Cosy-Krimis passt: Es gibt zwar reichlich Tote, aber das Entsetzen bleibt beim Lesen aus.

Lauter Leichen ist bei epubli erschienen und kostet als Taschenbuch 14,99 € sowie als Epub- oder Kindle-Ausgabe 2,99 €.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Leben, Tod und Biogas - das hat den Januar ausgemacht


Ein runder Geburtstag, einige Tote in Irland, ein Leben in Preußen und Zoff auf dem Land


Gas Und Galle
Wie schon 2016 habe ich auch 2017 mit einem Self-Publishing-Titel begonnen, es war im Gegensatz zu damals diesmal aber ein guter Einstieg: A. C. Scharp erzählt in Gas und Galle was passieren kann, wenn erneuerbare Energien in ein kleines Dorf irgendwo in Deutschland Einzug halten sollen. Die Gegner der von Bauer Matthias und dem Energielieferanten Ekelon geplanten Biogasanlage sind sich für nichts zu schade und greifen im äußersten Fall auch zum äußersten Mittel. Doch wo hört politisches Engagement auf und wo beginnt die Verfolgung der persönlichen Interessen? Am Ende dieses Romans ist fast nichts so, wie es vor dem Protest war. Gas und Galle ist ein flott geschriebenes und unterhaltsames Buch. 
Wer mehr über die Autorin sowie dieses und ihr nächstes Buch erfahren möchte, kann sich auf ihrer Homepage umsehen: Homepage A. C. Scharp

(von 5)
 



Von Rechts nach LinksHellmut von Gerlach wird 1866 als Sohn eines niederschlesischen Großgrundbesitzers geboren und wächst mit den konservativen Einstellungen seiner Eltern auf: Das Gesinde gehört klein gehalten, die Sozialdemokratie sowieso und es soll alles so bleiben, wie es ist. Doch nach dem Abitur beginnt er ein Studium in Genf und wird mit für ihn völlig neuen Anschauungen konfrontiert. Im Laufe seines Lebens begegnet er einigen damals wichtigen Persönlichkeiten, die ihn in seinen Ansichten beeinflussen. Nach und nach rückt er immer weiter von seinen früheren Idealen ab. Diese Entwicklung schildert er in seinem autobiografischen Buch Von Rechts nach Links, das erstmals 1937 erschienen ist. Auch nach so langer Zeit kann ich diesen Titel empfehlen, weil er Einblicke in die Zeit des Preußischen Reichs, der Weimarer Republik und des deutschen Nationalsozialismus gibt. Das Buch wurde wieder neu aufgelegt und ist im Buchhandel erhältlich.
Die Wochenzeitschrift DIE ZEIT hat bereits 1994 einen Artikel über das Leben von Gerlachs, das 1935 im Pariser Exil endete, veröffentlicht: ZEIT-Artikel über von Gerlach

                                   




Die letzten vier TageDie letzten vier Tage des Paddy Buckley von Jeremy Massey ist so etwas wie ein Countdown bis zum Ableben des Bestatters aus Dublin. Der Tod macht ihm auf eine ganz neue Art und Weise zu schaffen: Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände macht sich Paddy ausgerechnet den größten Verbrecher Dublins zum Feind, dessen Rechtsanschauung ganz klare Regeln hat: Wer mir ans Bein pinkelt, hat es verdient, zu sterben. Masseys erstes Buch bietet schwarzen Humor, Gefühl und – ja – wird an der einen oder anderen Stelle auch schon mal ein bisschen eklig. Aber hat man je einen zartbesaiteten Gangsterboss gesehen? Eben. 
Jeremy Massey stammt aus einer Dubliner Bestatterfamilie, die das Geschäft schon seit mehreren Generationen betreibt. Er hat selbst etliche Jahre dort mitgearbeitet und weiß deshalb, wovon er spricht. Wer mal sehen möchte, wie man in dieser Branche auf sich aufmerksam macht, kann sich das Firmenvideo der Massey Bros Funeral Homes ansehen. Na, Traumberuf gefunden?







Der SpiegelAm letzten Freitag im Monat gab es einen Grund zum Feiern: Die Wochenzeitung DER SPIEGEL ist 70 geworden. Das anlässlich dieses runden Geburtstags vom derzeitigen Chefredakteur Klaus Brinkbäumer herausgebrachte Buch 70 – DER SPIEGEL – 1947-2017 wartet mit sehr interessanten Texten und zahlreichen Fotos auf. Ein rundum lesens- und sehenswerter Titel.

SPIEGEL-Online hat anlässlich des Jubiläums ein Dossier zusammengestellt, das sich mit seinem unfangreichen Text- und Bildmaterial hier befindet: SPIEGEL-Dossier.
Auch der NDR hat sich dem Thema mit einem Rückblick gewidmet.