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Sonntag, 13. Februar 2022

# 336 - Das Tagebuch des Manfred Krug

Manfred Krug kennt man in Westdeutschland vor
allem aus dem Tatort und der Serie Liebling Kreuzberg. Auch der DDR-Film Spur der Steine
, in dem Krug 1966 die Hauptrolle des Zimmermanns und Vorarbeiters Hannes Balla spielte, und der schon bald nach dem Kinostart verboten wurde, war in der BRD bekannt.

Fast pünktlich zu Krugs 85. Geburtstag, den er am 8. Februar begangen hätte, ist dieses Buch erschienen: Ich sammle mein Leben zusammen - Tagebücher 1996-1997. Der Zeitraum mag kurz erscheinen, doch in diesen beiden Jahren gab es im Leben des Schauspielers einige der einschneidendsten Ereignisse seines Lebens.

Einiges ist allgemein bekannt: Krug als Werbeikone der Telekom, Krug als Hauptdarsteller in den beiden oben genannten TV-Serien oder Krug als erfolgreicher Autor von Abgehauen, einer Abrechnung mit dem System der DDR. Der breiten Öffentlichkeit dürfte jedoch sein über viele Jahre geführtes privates Doppelleben neu sein: Mit seiner Frau Ottilie hatte er drei Kinder, mit einer Kollegin eine uneheliche Tochter. Es gelang ihm lange, die Beziehung geheim zu halten: Ottilie und Manfred Krug bewohnten in Westberlin gemeinsam eine Mietwohnung, direkt gegenüber hatte er eine weitere Wohnung angemietet, sein 'Atelier'. Dass ihr Mann dort seine Geliebte traf, erfuhr Ottilie Krug zufällig, als sie in der Zweitwohnung nachsehen wollte, ob dort noch ein Stück Butter im Tiefkühlschrank ist. Anstelle der Butter fand sie auf dem Ledersessel eine junge Frau in Unterwäsche vor. Das Baby auf dem Fußboden nahm sie gar nicht wahr. Vor 20 Jahren tauchte das Thema kurz in der deutschen Presse auf, um dann in der Versenkung zu verschwinden. Bis heute.

Manfred Krug schlägt in seinen Tagebüchern einen hemdsärmeligen und manchmal schnoddrigen Ton an. So, wie das Publikum ihn zum Beispiel in Interviews erlebt hat, gibt er sich auch in seinen niedergeschriebenen Gedanken. Immer wieder schimmert aber auch der sensible Mensch durch: Mit dem 1997 verstorbenen Jurek Becker verband Krug eine enge Freundschaft. Die beiden Männer standen sich sowohl privat und beruflich nah, und Krug beschreibt seine Gefühle, die er angesichts der sich verschlechternden Gesundheit seines Freundes (Becker litt an Darmkrebs) und bei dessen Beisetzung hatte.

25 Jahre ist es her, dass Manfred Krug die Tagebucheinträge machte. Beim Lesen wird deutlich, wie sehr sich einige Dinge, die den heutigen Umgang der Menschen miteinander ausmachen, geändert haben. Da geht es beispielsweise um Worte, die der Schauspieler ganz selbstverständlich benutzte wie das N-Wort oder den Begriff "türken" sowie seinen Blick auf hübsche Frauen, die im Buch namentlich genannt werden, weil sie "schöne Titten" oder einen "hübschen Hintern" haben. Für Krug waren das alltägliche Aussprüche, er betonte ausdrücklich, kein Rassist zu sein.

Krug war, so legt es sein Tagebuch nahe, ein Mensch mit vielen Facetten. Über das ein oder andere kann man sich durchaus wundern: Er wurde durch einen Fernsehbeitrag auf das Schicksal von polnischen Frauen aufmerksam, die in einem KZ inhaftiert gewesen sind, und beschloss sofort, für sie Geld zu spenden. Allerdings musste vorher eine Möglichkeit geschaffen werden, die Spende steuerlich geltend zu machen. An dieser und weiteren Stellen wird deutlich, dass Krug dem Staat mit Vorbehalten gegenüber stand.

Manfred Krug nahm auch kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, seine Skepsis oder gar Verachtung auszudrücken. Die Menschen aus der Werbebranche, mit denen er für die Produktion von Fernseh- oder Radiospots Kontakt hatte, hielt er nicht für besonders fähig. Bei praktisch jedem Werbeprojekt griff Krug ein und schrieb den Text um, bis er ihm gefiel. Kompromisse ging er dabei nicht ein. Auch so mancher Drehbuchautor (mit Ausnahme von Jurek Becker) kam bei ihm nicht gut weg.
Mit Verachtung schrieb Krug über den "Ekelprollo-Darsteller" Tom Gerhardt, als dessen Film Ballermann 6 1997 in die Kinos kam: "Man muss Deutschland sehr lieben, wenn man die Deutschen lieben will. [...] Großer Erfolg in den Kinos. Echt würg, eh."

Das zentrale Ereignis, das Krug den Boden unter den Füßen weggezogen hat, war sein Schlaganfall im Sommer 1997. Er beschreibt genau, wo er sich in diesem Augenblick befand, wer bei ihm war und was er empfand. Nach dem Krankenhaus- folgte ein längerer Reha-Aufenthalt, den Krug fast hinter verschlossenen Türen verbrachte, um den draußen lauernden Reportern kein Material zu liefern.

Was machte den Menschen Manfred Krug noch aus? Man erfährt etwas über eines seiner liebsten Hobbys (über den Flohmarkt gehen und Trödel kaufen), seine innige Liebe zu seiner unehelichen Tochter (verbunden mit der Reue, vom Aufwachsen seiner älteren Kinder so wenig mitbekommen zu haben) und seine tief sitzende Unsicherheit: Nach jeder Folge einer TV-Serie waren ihm die Einschaltquoten und Marktanteile sehr wichtig, ebenso die gute Position seines Buches Abgehauen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Doch Krug stellt dabei fest: "Aber es sind nicht Viele, die sich außer mir freuen." 

Lesen?

Ich sammle mein Leben zusammen - Tagebücher 1996-1997 ist ein Dokument der Zeitgeschichte, weil es zahlreiche Ereignisse wieder aufleben lässt, die nach und nach in Vergessenheit geraten sind. Allerdings ist das Buch voll mit Namen, die viele wahrscheinlich gar nicht mehr kennen. Ein Register, um die Bedeutung der Personen kurz zu erklären, wäre hier hilfreich gewesen. Mir sind z. B. noch die Namen Harald Juhnke (Schauspieler), Horst Jankowski (Jazzmusiker, Bandleader), Prof. Julius Hackethal (Mediziner), Horst Tappert (Schauspieler), Walter Momper (früherer Regierender Bürgermeister von Berlin) oder Rudolf Bahro (DDR-Dissident) geläufig, aber jüngeren Menschen wohl kaum. Viele andere Personen kennen wahrscheinlich diejenigen, die in der DDR gelebt haben, mir haben viele Namen jedoch nichts gesagt. 

An etlichen Stellen blitzt Manfred Krugs trockener Humor auf, etwa wenn er das Phänomen, dass Hamburger um 21 Uhr die Gaststätten verlassen und nach Hause eilen, als "hamburgische Selbstkasernierung" bezeichnet oder über die erste Folge der seichten Fernsehserie Klinik unter Palmen nur schreibt: "War sicher ein schöner Drehort."

Tagebücher sind etwas sehr Intimes. Die meisten Menschen wollen nicht, dass sie von anderen gelesen werden. Hätte Manfred Krug der Veröffentlichung seiner eigenen Tagebücher zugestimmt? In seinen Erinnerungen an den Tag seines Schlaganfalls schrieb er, dass er unbedingt wollte, dass sein Computer ausgeschaltet wird: "Niemand sollte meine Notizen lesen, das war mir das Wichtigste." Doch ein halbes Jahr später schien er seine Meinung geändert zu haben: "Sollte ich schneller wegsterben als erhofft, und sollte sich ein Verlag finden, der diese Notizen drucken will, so wäre es gut, wenn ein ordentlicher Schreiber das Ganze ein bißchen einköcheln würde." Genau das wurde gemacht.

Ich sammle mein Leben zusammen - Tagebücher 1996-1997 ist 2022 im Kanon Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro. Mit einem Nachwort der Lektorin Krista Maria Schädlich, die alle Bücher Manfred Krugs betreute.

Freitag, 3. August 2018

# 161 - Wie entsteht eine Diktatur?

Berlin in der Zerreißprobe zwischen Demokratie und Diktatur

 

Brigitte Krächan hat mit ihrem Roman Heute keine Schüsse ein Buch in einem interessanten Format vorgelegt. Ihr Protagonist Walter Schachtschneider ist der jüngste Sohn einer Wittener Fabrikantenfamilie. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern scheint er keine besonderen Begabungen außer dem Interesse an der Kunst zu haben. Das sieht zumindest sein Vater so, der ihm keine größere Beachtung schenkt. Doch Walter wird im 1. Weltkrieg auf eigenen Wunsch zunächst Soldat. Er ist sicher, so das Wohlwollen und die Anerkennung des Vaters zu bekommen und soll damit Recht behalten. Aber das Grauen auf dem Schlachtfeld macht ihn im Gegensatz zu manch anderen Soldaten zu einem Menschen, der den Krieg ablehnt. 
Entgegen der Erwartungen der Deutschen wird der Krieg verloren, wofür die konservativen Parteien den Befürwortern einer friedlichen Lösung die Schuld geben. Die völlig verschiedene Einschätzung über den Sinn und Erfolg dieses jahrelangen Massensterbens treibt Walter und seinen Vater wieder auseinander.

Berlin als Tor zur Freiheit?

 

Walters Wunsch, als Angestellter in der Berliner Galerie Radke zu arbeiten, wird von seinem Vater befürwortet. Er ist grundsätzlich mit seiner Tätigkeit zufrieden und genießt es, fern des Elternhauses sein eigenes Leben leben zu können, ohne ständig kritisiert zu werden. Der junge Mann nutzt die kulturellen Möglichkeiten, die die Hauptstadt bietet, doch es dauert nicht lange, bis die ersten Schatten auf diese Unbeschwertheit fallen. Der Versailler Vertrag verhindert, dass das in Trümmern liegende Deutschland wieder auf die Beine kommt. In der Zeit der Weimarer Republik geht es mit der Wirtschaft stetig bergab, die Arbeitslosigkeit steigt dramatisch an, der armen Bevölkerung fehlt es am Notwendigsten. Die politischen Gruppierungen versuchen, die Lage für sich zu nutzen. Das, was zum Ende dieser Zeit bis zur Machtergreifung durch Hitler mit seiner NSDAP passiert, ist bekannt. Walter Schachtschneider ist jedoch nicht in der Lage, sich aktiv auf eine Seite zu schlagen und für seine politische Sicht einzutreten. 

Während in Berlin Aufmärsche und teils massive Handgreiflichkeiten unter den politischen Gegnern zum Alltag werden, sieht er sich als neutralen Chronisten und geht weiter seinem Beruf nach. Seine Unentschlossenheit führt sogar dazu, dass Menschen, die ihm wichtig sind, sterben. Erst einer dieser Todesfälle sowie das Fortschreiten der Gleichschaltung, das sich auch in den öffentlichen Bücherverbrennungen niederschlägt, bringen Walter dazu, sich für andere Menschen einzusetzen und holen ihn aus seiner selbst gewählten passiven Rolle heraus. Dass sich angesichts der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten der Riss in der Gesellschaft auch in seiner eigenen Familie und der seines Arbeitgebers fortsetzt, macht ihn eher hilflos.

Lesen?

 

Brigitte Krächan hat für ihren Roman eine interessante Erzählform gewählt: Walter Schachtschneider schildert seine eigene Geschichte und die seiner Familie in Form eines Tagebuches. Dabei berichtet er auch über das tagesaktuelle Geschehen im Deutschen Reich und ganz speziell in Berlin. Zu Beginn der Aufzeichnungen nimmt er sich noch vor, möglichst neutral zu schreiben, aber dieser Vorsatz löst sich mit dem Fortgang der Geschichte nach und nach in Luft auf. Die Tagebucheintragungen werden mal täglich, mal aber auch im Abstand von mehreren Wochen gemacht. Heute keine Schüsse wird durch diese Form der Darstellung zu einer Mischung aus einem Geschichtsbuch und einem Roman. Walters Leben ist zwar bis zum Schluss durch Kunst und Kultur geprägt, aber es wird immer deutlicher, dass die Veränderungen, die in Deutschland passieren, auch ihn persönlich bedrohen.  

Heute keine Schüsse ist ein sehr lesenswertes Buch, das zwar auch unterhält, aber durch die Einbindung der historischen Ereignisse in die Handlung auch Einzelheiten in Erinnerung ruft, die fast schon vergessen waren. Die Parallelen zur aktuellen Politik und zu gesellschaftlichen Strömungen sind dabei nicht zu übersehen. 

Heute keine Schüsse ist bei tredition erschienen und kostet als gebundenes Buch 24,99 Euro, als Taschenbuch 16,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 5,99 Euro. 

Sonntag, 1. November 2015

Der Rückblick auf den Oktober

Ein Monat mit spannenden Erinnerungen

 

Im Oktober ging es um wieder aufgetauchte Tagebücher von zwei weltweit bekannten Schriftstellern, den Erinnerungen des Sohnes eines prominenten Publizisten, den (vorläufig?) letzten Teil einer Familiensaga, die unzählige Fans hat und einen etwas anderen Krimi.


Astrid Lindgren macht sich ihre Gedanken zum 2. Weltkrieg

Aus einer vergleichsweise komfortablen Position heraus blickt die durch ihre Kinder- und Jugendbücher bekannte schwedische Autorin Astrid Lindgren auf die Kriegswirren, die sich um ihr Heimatland herum abspielen. Ihre Beurteilungen sind kritisch und sehr mitfühlend. In DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN - TAGEBÜCHER 1939-1945 sind außerdem zahlreiche Faksimiles enthalten, die vom Schwedischen ins Deutsche übersetzt wurden. Die Kriegstagebücher bekommen von mir wegen ihrer Authentizität 

(von 5)

Und wer noch etwas mehr über Astrid Lindgren wissen möchte: Hier ist ein Video anlässlich ihres 100. Geburtstages , das einen Ausschnitt aus der Sendung "Titel, Thesen, Temperamente" aus dem Jahr 2007 zeigt.

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Am 9. Oktober ging es mit HEUTE DREIMAL INS POLARMEER GEFALLEN des durch seine Kriminalromane bekannt gewordenen Schriftstellers Arthur Conan Doyle weiter. Schon wieder Tagebücher? Ja, denn diese unterscheiden sich sehr von denen, die Astrid Lindgren verfasst hat. Conan Doyle schildert sehr genau den Verlauf seiner Reise auf einem Arktis-Walfänger im Jahr 1880. Er war damals ein junger Medizinstudent und wurde als Schiffsarzt angeheuert. Da nahm man es offenbar noch nicht so genau. Auch dieses Buch hat 


 verdient.


Radio Bremen hat am 16. August 2015 eine Hör-Rezension veröffentlicht. Hier werden Ausschnitte aus dem Buch vorgelesen.

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Eine Woche später gab es wieder einen Rückblick, diesmal allerdings einen sehr nachdenklichen. Tilman Jens hat über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters Walter Jens ein Buch geschrieben, in dem er sich sowohl über den Verlauf der Erkrankung, als auch die Frage, wann Sterbehilfe geleistet werden sollte, Gedanken macht. DEMENZ- ABSCHIED VON MEINEM VATER hat nach seiner Veröffentlichung heftige kontroverse Diskussionen ausgelöst, die teilweise ans "Eingemachte" gingen. Für die ehrliche und unverblümte Darstellung sowie den Mut, mit diesem sehr persönlichen Anliegen an die Öffentlichkeit zu gehen, vergebe ich ebenfalls

 



Wenn ihr eine Entscheidungshilfe benötigt, bevor ihr euch diesem Buch zuwendet, dann könnt ihr hier die ersten Seiten lesen.

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Der 23. Oktober war ganz der Unterhaltung gewidmet. Fans von historischen Romanen haben schon lange auf die Fortsetzung der Geschichte des englischen Waringham-Clans gewartet, und im September war es dann endlich soweit. Die Handlung hat sich in DER PALAST DER MEERE von Rebecca Gablé auf die Seefahrt verlagert, der Familiensitz in Waringham ist nur noch einer von mehreren Schauplätzen. Das ist den Plänen der damaligen Königin Elisabeth I. geschuldet, ihr Vermögen und die Kriegskasse mit Sklavenhandel und anderen "Erfolgen" englischer Freibeuter aufzubessern. Das Buch ist - wie von ihr gewohnt - durchweg spannend geschrieben und basiert auf historischen Fakten. Auch hierfür gibt es








Der Verlag hat ein Buchvideo bereitgestellt.

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Am letzten Freitag im Oktober habe ich euch einen Krimi von Friedrich Ani vorgestellt. In DER NAMENLOSE TAG bittet ein Mann den pensionierten Kriminalhauptkommissar Jakob Franck um Hilfe. Vor 21 Jahren war seine damals 17jährige Tochter erhängt an einem Baum im Park gefunden worden. Bis heute glaubt der Vater, dass sein Kind ermordet wurde. Mit seinen sehr eigenwilligen Methoden kann Franck Licht ins Dunkel bringen. Für dieses ungewöhnliche Buch, das sowohl stilistisch als auch inhaltlich jenseites der üblichen Krimis liegt, gebe ich 






Hier ist ein Video zu einer Romanlesung mit Friedrich Ani.

Hinsichtlich der Buchauswahl war das ein super Monat!

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Freitag, 2. Oktober 2015

# 18 - Der 2. Weltkrieg aus der Sicht von Astrid Lindgren

Erleichterung, Wut, Verständnislosigkeit, Dankbarkeit - eine Mischung unterschiedlichster Gefühle

 

Als ich vor einigen Monaten die Ankündigung des Buches Die Menschheit hat den Verstand verloren - Tagebücher 1939-1945 von Astrid Lindgren gesehen hatte, war klar, dass ich es unbedingt lesen musste. Wie hat eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Welt den 2. Weltkrieg erlebt? Und was hat ausgerechnet eine Schwedin darüber zu sagen, also eine Bürgerin eines Landes, in das keine fremden Armeen eingefallen sind und es verwüstet haben? Kurzum: Es war nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen.

Der Weltkrieg als Auslöser, eine politische Überzeugung zu entwickeln

 

Das Vorwort der deutschen Schriftstellerin Antje Rávic Strubel enthält ein Zitat von Astrid Lindgren aus ihrer Rede, die sie anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978 gehalten hat: "Über Frieden zu sprechen heißt ja, über etwas zu sprechen, das es nicht gibt." Diese traurige Tatsache hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Die Erkenntnis kam Lindgren jedoch erst nach dem Ende des 2.Weltkriegs.

Verständlicherweise richtete sich ihr Hauptaugenmerk lange Zeit auf das Schicksal der Nachbarländer: Norwegen, Finnland und Dänemark wurden von ihr zunächst am meisten beachtet. Später, als die baltischen Staaten massiv von Russland in die Enge getrieben wurden, galt ihr Mitleid auch ihnen.  

Astrid Lindgren erzählt die Ereignisse in zum Teil sehr großen Abständen. Manchmal liegen mehrere Wochen zwischen den Einträgen. Vermutlich, um die Details nicht zu vergessen, hatte sie in ihre Tagebücher zahlreiche Ausschnitte aus der schwedischen Tageszeitung "Dagens Nyheter" sowie viele Fotos eingeklebt. Die Artikel sind als übersetzte Faksimiles ebenfalls im Buch enthalten. Doch oft schnappte sie auch Gerüchte auf, die sie meistens anzweifelte: Am 7. Dezember 1939, gut zwei Monate nach Kriegsausbruch, kam ihr beispielsweise zu Ohren, dass Hitler in einer gepolsterten Zelle sitzen und Göring völlig gebrochen sein soll. 

Welches Land ist das größere Übel?

 

Diese Frage war für Astrid Lindgren schnell beantwortet: die Sowjetunion. Dieses Land war für sie der Inbegriff der Barbarei, und sie wünschte sich in den Kriegsjahren mehrmals, wenn Schweden einer der kriegführenden Mächte in die Hände fallen sollte, dann lieber den Deutschen als den Russen. 
Schon zu Beginn des Krieges versuchte die Sowjetunion, das benachbarte Finnland zu überfallen, doch die Finnen wehrten sich, so gut sie konnten. Ihnen kamen lange ihre Ortskenntnis und die große Hilfsbereitschaft der Schweden entgegen. Im März 1940 kam es jedoch zu einem Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern, der den Russen das Recht gab, die Stadt Hengö im äußersten Südwesten Finnlands 30 Jahre zu besetzen und dort eine Flottenbasis zu unterhalten. Außerdem musste Finnland hinnehmen, dass sich die Grenze zur Sowjetunion am Golf von Finnland und am Ladoga-See in östliche Richtung verschob. Daran hat sich mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung zwischen 1941 und 1944 bis heute nichts geändert. Der ehemalige Grenzverlauf lässt sich in etwa anhand der Orte rekonstruieren, die einen finnischen Namen haben, jedoch auf russischem Staatsgebiet liegen.
Die von den Russen gefangen genommenen Finnen - sowohl Soldaten als auch Zivilisten - waren furchtbaren Gräueltaten ausgeliefert, die Astrid Lindgren zum Teil von Augenzeugen erzählt wurden.
Doch auch vom deutschen Überfall auf Polen ist die Rede, und bereits 1940 hört Lindgren zum ersten Mal von deutschen Konzentrationslagern.

Das Buch hat mir erst deutlich gemacht, wie oft gerade in den ersten Kriegsjahren die Allianzen wechselten. Astrid Lindgren war selbst mehrmals irritiert, dass befreundete Staaten quasi über Nacht zu Feinden wurden. Doch am 10. Mai 1940 beendete sie ihre Gedanken über die Deutschen, deren Führer das Ende des Kampfes "als entscheidend für das Schicksal der deutschen Nation für die nächsten 1.000 Jahre" hält, mit dem Satz: "Mit einem Volk, das im Abstand von etwa 20 Jahren so gut wie die ganze übrige Menschheit gegen sich aufbringt, kann etwas nicht stimmen."

Immer mehr Länder wurden in den Krieg hineingezogen

 

Die USA, Japan, Nordafrika, Iran, Indien,...: Der Krieg ist nach und nach über die Grenzen Europas geschwappt und hatte durch neue Fronten noch mehr Bedarf an Soldaten erzeugt. In den beteiligten Ländern litten die Menschen unter einem sich ständig verschärfenden Mangel an allem: Es fehlte an Lebensmitteln ebenso wie an Kleidung und Brennstoffen. Nur das neutrale Schweden nahm sich im Vergleich dazu wie eine Insel der Seligen aus: Astrid Lindgren berichtet zwar von Wertmarken und Verdunkelungen, doch letztlich wurde weder gehungert noch gefroren. Bei ihrer Schilderung von Weihnachts-, Oster- oder anderen Familienfesten listete sie akribisch die einzelnen Speisenfolgen auf, vergaß aber nicht zu erwähnen, wie dankbar sie für all das ist. Auch die Geschenke für ihre Kinder fielen immer sehr reichlich aus.

Sie erfuhr von vielen Details und Einzelschicksalen über ihre geheime Arbeit bei der Briefzensur der Postkontrollanstalt. Lindgren hatte in der Schule Deutsch gelernt und nun die Aufgabe, die deutsche Post aus den okkupierten Ländern oder Schweden nach landeskritischen Inhalten zu durchsuchen. Briefe, die sie interessierten, schrieb sie heimlich ab und nahm sie mit nach Hause, obwohl das streng verboten war. Viele von ihnen - allerdings nur die schwedischen - sind auch im Buch abgedruckt und übersetzt.

Ich will jetzt nicht den weiteren Verlauf des Krieges wiedergeben, den die Tagebücher gewissermaßen aus einer Leuchtturm-Perspektive schildern. Dazu gibt es Geschichtsbücher. Doch es wird deutlich, dass sich Astrid Lindgren sehr wohl darüber im Klaren war, dass Schweden während der Kriegsjahre so etwas wie eine Oase gewesen ist. Bei aller Erleichterung, sich selbst und die eigene Familie in dieser komfortablen Situation zu wissen, war sie jedoch immer voller Mitleid für alle Menschen, deren Leben durch die Kriegswirren zerstört wurden. Das galt auch für die deutsche Bevölkerung, obwohl sie ihr grundsätzlich immer weniger Sympathie entgegengebrachte, je mehr Verbrechen bekannt wurden.

Erste Anfänge als Autorin


Die Leser ihrer Tagebücher bekommen viele Einblicke in Lindgrens Privatleben: Im 14. Ehejahr erfuhr sie, dass sie von ihrem Mann Sture betrogen wurde. Die Affäre zog sich ein knappes Jahr hin und stürzte Lindgren in eine psychische Krise. Auch die Sorgen um ihre Kinder belasteten sie: Ihr Sohn Lars brachte klägliche Schulzeugnisse nach Hause, ihre Tochter Karin war ständig kränklich. 
1944 schenkte sie ihrer Tochter zu deren zehntem Geburtstag das Manuskript von Pippi Langstrumpf. Im selben Jahr erhielt sie für ihre Geschichte "Britt erleichtert ihr Herz" den 2. Preis bei einem Mädchenbücher-Wettbewerb und schrieb an "Barbro und ich" (später als "Kerstin und ich" erschienen). Allmählich fand sie immer mehr Gefallen am Schreiben. Aber als ihr im Juli 1945 angeboten wurde, eine Familienserie fürs Radio zu schreiben, wurde sie von Selbstzweifeln gepackt: Sie freute sich über das Angebot, aber "ich fürchte, es kommt nur Mist dabei heraus." Kurz darauf wurde die Postkontrollanstalt aufgelöst und Lindgren kurzzeitig arbeitslos.
Im April 1944 schickte sie das Manuskript von Pippi Langstrumpf an den renommierten Albert Bonniers Verlag in Stockholm. Nach vier Monaten bekam sie von dort eine Absage mit einer fadenscheinigen Begründung. 

Astrid Lindgrens Tagebucheinträge enden mit dem Silvesterabend 1945. Ihre Rückschau ist von großen Zweifeln geprägt, was die Zukunft bringen mag: "Der Frieden bietet keine große Geborgenheit, die Atombombe wirft ihren Schatten auf ihn." 

Mein persönliches Fazit

 

Leser, die eine akribische Dokumentation der Geschehnisse des 2. Weltkriegs erwarten, würden mit diesem Buch nicht zufrieden sein. An zahlreichen Stellen sind die aus Astrid Lindgrens Sicht wichtigsten Ereignisse nur zusammengefasst worden, ihre Bewertung der Kriegsstrategien fällt eher kurz aus, das Attentat auf Hitler wird mit einer zweiwöchigen Verspätung notiert. Lindgrens Tagebücher sind jedoch ein sehr persönlicher Blick in eine bürgerliche Welt des politisch neutralen Schwedens. An manchen Stellen scheint sie sich fast schon geschämt zu haben, dass ihr Mann Karriere machen und die Familie in eine schönere Wohnung ziehen konnte, während Millionen Menschen nicht einmal das Nötigste zum Leben hatten. In diesen Jahren wurde sie zu einem politisch denkenden Menschen und begann, sich für den Frieden einzusetzen.
Ich fand dieses Buch sehr interessant und kann es auf jeden Fall weiterempfehlen. Es hat einschließlich eines Personenregisters 573 Seiten, davon entfallen mehr als 100 Seiten auf Faksimiles. Die Menschheit hat den Verstand verloren - Tagebücher 1939-1945 wurde am 25. September 2015 im Ullstein Verlag veröfentlicht.