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Freitag, 1. April 2016

# 44 - Eine Atombombe auf dem Weg nach Schweden

Weltgeschichte humorvoll verpackt

 

Ich habe beim ersten Buch von Jonas Jonasson "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" etliche Male gelacht und mich auf seinen zweiten Roman Die Analphabetin, die rechnen konnte gefreut. Die Kombination aus Weltgeschichte und skurrilem Humor hatte mich damals bestens unterhalten.

Afrika als Wiege des Weltgeschehens

 

1961 wird in einem Slum im südafrikanischen Soweto Nombeko Mayeki geboren. Ihr Schicksal der ewigen Armut scheint von Anfang an besiegelt zu sein. Tatsächlich wird sie ihren Vater nie kennenlernen, der ihre Mutter bereits verlassen hat, als Nombeko nichts weiter als eine befruchtete Eizelle war. Die Mutter wiederum betrauert ihr Schicksal mithilfe von Medikamenten. Als Nombeko im Alter von fünf Jahren beginnt, wie viele andere als Latrinentonnenträgerin zu arbeiten und sich dadurch das Familieneinkommen erhöht, erweitert sich das Repertoire der Mutter auf Alkohol und andere Suchtmittel. Die finanzielle Situation der beiden verbessert sich durch Nombekos Einkommen also nicht. Fünf Jahre später stellt sie ihrer Mutter ein Ultimatum: Sie soll entweder aufhören, das Geld zu verschwenden oder sich eine andere Lösung überlegen. Gesagt, getan: Kurz danach stirbt die Mutter, und Nombeko muss ihr Geld mit niemandem mehr teilen. Doch das Kind ist keine typische Zehnjährige, sondern fällt schon früh durch sein Rechentalent und seine Cleverness auf. So schafft Nombeko es auch, einen Mann, der ihr an die Wäsche will, nicht nur davon abzuhalten, sondern ihn mit einer Drohung dazu zu bringen, ihr Lesen beizubringen. Die Phase, in der Nombeko Analphabetin ist, nimmt also in der Handlung nur einen sehr kleinen Teil ein. Als der Mann unerwartet zu Tode kommt, wird sie auf einen Schlag wohlhabend: Ihr war schon lange das verdächtige Funkeln im Mund ihres Lesementors aufgefallen, und bei näherem Hinsehen entpuppen sich die Zahnfüllungen des Toten als Diamanten. Getreu dem Motto "Wo etwas ist, da ist auch noch mehr", findet sie im Haus des Mannes unter dem Linoleumbelag des Fußbodens eine noch größere Menge Diamanten, die sie sich in ihre einzige Jacke einnäht. 

Die eigene Sichtweise eines Apartheidregimes

 

Nombeko kann sich nicht lange über ihren Fund freuen: Der stockbesoffene Ingenieur  Engelbrecht van der Westhuizen überfährt sie mit seinem Auto auf dem Gehweg. Eigentlich sollte die Schuldfrage klar sein, doch die Apartheid hatte ihre eigenen Gesetze: Schwer verletzt wird sie vor Gericht gestellt und mit einer abstrusen Begründung dazu verurteilt, das gegen sie verhängte Bußgeld innerhalb von sieben Jahren bei Westhuizen als Putzfrau abzuarbeiten. Ihre Diamanten verschweigt sie wohlweislich. Ihr Plan, bei der erstbesten Gelegenheit zu fliehen, erledigt sich kurz nach der Verurteilung: Westhuizen ist der für das geheime südafrikanische Atomwaffenprogramm verantwortliche Ingenieur und lebt und arbeitet in Pelindaba - einem hermetisch abgeschotteten Forschungsgelände, das von Wärtern und Wachhunden kontrolliert und mit Starkstromzäunen gesichert wird. Doch der Aufenthalt hat eine positive Seite: Nombeko hat Zugang zur dortigen Bibliothek und erwirbt sich im Laufe der Jahre so viel Wissen, dass sie für den völlig unfähigen Ingenieur zu einer unentbehrlichen Stütze wird. Immer wieder gelingt es ihr, Westhuizens Unkenntnis zu vertuschen und so seinen Kopf zu retten - und ihren eigenen gleich mit, weil sie als Geheimnisträgerin keine Stunde mehr zu leben hätte, wenn die Dummheit ihres Chefs aufflöge. Selbstverständlich weiß er das nicht zu würdigen, weil er in seinem rassistischen Schwarz-Weiß-Denkmuster verhaftet ist.

Der Wahnwitz hat Methode

 

Ohne zu viel verraten zu müssen kann gesagt werden, dass Nombeko zwar mehr als sieben Jahre in Pelindaba bleibt, aber es ihr gelingt, mithilfe von zwei israelischen Geheimagenten zu fliehen. Israel ist zwischenzeitlich Südafrikas Atombomben-Kooperationspartner geworden. Doch bei der Bombenproduktion unterläuft Westhuizen ein nicht mehr zu tilgender Fehler: Statt der von der Regierung geforderten sechs hat er versehentlich sieben Atombomben bauen lassen. Doch da ändert sich die Situation: Der ANC bekommt politischen Aufwind, und der weiße Präsident Botha will auf keinen Fall, dass bei einem eventuellen Machtwechsel der neuen schwarzen Regierung Atomwaffen in die Hände fallen. Also ordnet er die Zerstörung der sechs Exemplare an, deren Existenz bekannt ist und verpackt dies als Selbstmarketing-Aktion. Doch nun hat Ingenieur Westhuizen ein Problem: Wohin mit der siebten Bombe?

Hier kommt wieder Nombeko ins Spiel. Sie will nach Schweden fliehen, und bittet die drei Chinesinnen in der Poststelle von Pelindaba, mit denen sie befreundet ist, um einen Gefallen: Sie sollen ein Paket mit zehn Kilogramm von Nombekos heißgeliebtem getrockneten Antilopenfleisch an die israelische Botschaft in Stockholm und eine größere Kiste zusammen mit den Diplomatenpoststücken nach Jerusalem senden. Doch so einfach soll es nicht werden, sich der überzähligen Atombombe zu entledigen.

Als politischer Flüchtling kommt Nombeko in ein Flüchtlingslager in der Nähe von Stockholm und lernt dort zufällig den gleichaltrigen Holger Qvist kennen, der dort gerade Bettdecken und Kissen ausliefert. Holger hat einen gleichnamigen Zwillingsbruder, der als der Erstgeborene der beiden gilt und nur deshalb als einziger bei seiner Geburt dem Standesamt gemeldet wurde: Ihr Vater Ingmar war ein glühender Republikaner, der dem staatlichen und vom Königshaus dominierten System zutiefst misstraute und seine Söhne immer abwechselnd zur Schule schickte. Die "gewonnene" Zeit nutzte er, um seinen Nachwuchs in der richtigen Gesinnung zu unterrichten, damit sie nach seinem Tod in seine Fußstapfen treten und das Königshaus weiter bekämpfen können. Die Afrikanerin und der eigentlich nicht existierende Schwede kommen sich näher.

Erinnerung an den alten Wein in neuen Schläuchen

 

So gern ich Jonassons erstes Buch gelesen habe, so wenig habe ich dieses bis zum Schluss durchgehalten. Der Autor hält sich zwar an die Fakten der damaligen Weltpolitik, wobei die meisten Protagonisten ihr Fett abkriegen; die Wendungen werden im Laufe der Handlung jedoch immer abstruser und ähneln in ihrer Struktur so sehr dem "Hundertjährigen", dass ich angefangen habe, mich zu langweilen. Jonasson hat das Prinzip seines durchschlagenden Erstlingserfolgs kurzerhand ein weiteres Mal angewendet - nur der Ausgangspunkt und die Figuren wurden neu "eingekleidet". Das hat mich nicht überzeugt und wird mich eher nicht dazu bringen, Jonassons drittes Buch zu lesen, wenn es denn eines geben sollte.

Die Analphabetin, die rechnen konnte ist bereits im November 2013 erschienen und als Hardcover für 19,99 € erhältlich. Die Kindle- und die epub-Ausgabe kosten je 15,99 €, die Audio-Edition 7,99 €.

Freitag, 18. März 2016

# 42 - Schauspieler lässt Kuh reisen

 Auswandern leicht gemacht

 

Heute stelle ich euch zum ersten Mal ein Hörbuch vor. Ich bin eigentlich eher ein Fan von "richtigen" Büchern, aber als ich Heilige Kuh bekam, hat mich interessiert, was dahintersteckt. Es stammt von David Duchovny, der als Schauspieler durch seine Hauptrollen in "Akte X" und "Californication" bekannt geworden ist. Dass er vor seiner Karriere als Schauspieler einen Abschluss in Literaturwissenschaften an der renommierten Princeton University erworben hat, dürften nur wenige wissen.

Kuh trifft auf Realität

 

Die 3-jährige Kuh Elsie lebt ein  ziemlich geruhsames Leben auf einer Farm in den USA, wo sie die Zeit mit ihrer besten Freundin Mallory schwatzend und wiederkäuend verbringt. Beiden ist gemeinsam, dass ihre Mütter ohne Ankündigung verschwanden und sie nicht wissen, wo sie sich jetzt aufhalten. Das wundert sie jedoch nicht besonders, weil sie es so auch bei allen anderen Kühen beobachtet haben und für den normalen Lauf der Dinge halten. Doch eines Tages trabt Elsie am Haus ihres Bauern gerade dann vorbei, als dort im Wohnzimmer im Fernsehen eine Dokumentation über die Massenschlachtungen in Schlachthöfen gezeigt wird. Sie ist entsetzt und kann das Gesehene kaum verkraften. Ihrer Freundin erzählt sie nichts davon. Bei einem weiteren TV-Besuch vor dem Wohnzimmerfenster erfährt Elsie, dass Kühe in Indien nicht geschlachtet, sondern als heilige Tiere verehrt und gepflegt werden. Indien wird zu ihrem Traumland, und Elsie beschließt zu fliehen und künftig dort zu leben. Doch unter den Tieren auf einem Bauernhof bleibt auch das größte Geheimnis nicht geheim. So kommt es, dass sich ihr auch Shalom, ein zum Judentum konvertiertes Schwein, und der Truthahn Tom anschließen wollen. Deren Ziele sind jedoch ganz andere. Shalom möchte den Rest seines Lebens in Israel verbringen, wo sein Fleisch verschmäht wird, während es Tom in die Türkei zieht: Ist die Namensgleichheit zwischen den englischen Bezeichnungen für Truthahn und Türkei - "Turkey"- nicht Beweis genug, dass es ihm dort gutgehen wird? Aber zunächst brauchen sie einander, um die Flucht in die Welt außerhalb der Farm zu wagen.

Transport von Botschaften 

 

Nach allem, was ich über David Duchovny gelesen habe, ist er kein konsequenter Vegetarier, würde jedoch selbst kein Essen, das aus Fisch oder Fleisch besteht, zubereiten. Das, was er seinen Lesern vermitteln will, spricht die Kuh Elsie für ihn aus: Es ist grundsätzlich in Ordnung, dass sowohl Tiere als auch Menschen einander (fr)essen, wenn es tatsächlich dazu dient, den Nahrungsbedarf zu decken. Dass für die Massenproduktion von Fleisch die Tiere jedoch unter unwürdigen Umständen leben und sterben müssen, wird scharf verurteilt. Elsie wird auch nicht müde, immer wieder für gegenseitige Toleranz zu werben und spricht den Hörer dabei auch direkt an. Diesen Botschaften werden die meisten Menschen zustimmen, sie sind jedoch nicht neu und taugen meiner Meinung nach innerhalb dieser Handlung nicht dazu, jemanden zum Nachdenken zu bewegen.

Die Sprecherin Cathlen Gawlich ist Schauspielerin und hat Heilige Kuh nicht einfach nur vorgelesen, sondern den beteiligten Tieren - darunter auch ein Bombenspürhund mit kölschem Dialekt und ein Kamel, das als Model in der Werbung für eine Zigarettenmarke berühmt geworden ist - Leben eingehaucht. Sie gibt jedem Tier eine andere Klangfarbe und lässt Shalom Jiddisch sprechen und Tom im östereichischen Dialekt psychologische Betrachtungen à la Sigmund Freud vortragen. Aber wie das nun mal so ist: Jedes Buch ist Geschmackssache, und was zu Beginn noch amüsant war, begann mir im Laufe des Zuhörens auf die Nerven zu gehen. Wie gut die Übersetzung von Timur Vernes war, kann man nur beurteilen, wenn man den Originaltext gelesen hat. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass eine Geschichte, die von einem Amerikaner geschrieben wird und in den USA ihren Anfang nimmt, an das deutsche Publikum angepasst wird, indem z. B. auf Theo Lingen verwiesen wird. Auch der Sprachstil, der vermutlich besonders jugendlich wirken soll, macht das Zuhören anstrengend. 
David Duchovny hat mir als Schauspieler gut gefallen, als Autor hat er mich leider nicht überzeugt.

Heilige Kuh ist als Hörbuch bei der hörverlag erschienen und kostet 14,99 € (3 CDs). Die gebundene Ausgabe ist zum Preis von 16,99 €, das Taschenbuch für 9,99 € und die Kindle- sowie die epub-Edition für 13,99 € erhältlich.
Das Hörbuch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Freitag, 11. März 2016

# 40 - Check-in ohne Wiederkehr

Massenhaftes, zähes Morden ist an der Tagesordnung

 

Seit mehr als 30 Jahren ist er mit dem Schreiben erfolgreich, 43 Millionen Mal wurden seine Bücher verkauft, aber ich habe bislang keines von ihm gelesen. Das hat sich in dieser Woche geändert: Die Rede ist von Wolfgang Hohlbein, und ich stelle euch heute sein neuestes Buch Mörderhotel vor.

Nachhilfe für mittelalterliche Folterknechte

 

Der promovierte Arzt Herman Webster Mudgett besitzt ein riesiges Hotel in Chicago, das von seinem Freund Henry Holmes geleitet wird. Auch dieser ist Arzt, die beiden Männer kennen sich seit ihrer Studienzeit. Als im Jahr 1893 die 19. Weltausstellung in Chicago stattfindet, wirkt sich das auf die ohnehin spärlichen Besucherzahlen des Hotels fast nicht aus. Es kommen jedoch interessante Gäste: Arlis Christen und der von ihr engagierte Privatdetektiv Frank Geyer wollen sich auf die Suche nach Arlis' Schwester Endres machen, die seit geraumer Zeit verschwunden ist. Sehr schnell findet Geyer heraus, dass Endres für Holmes gearbeitet hat und hat so eine erste Spur. Doch von seiner Auftraggeberin weiß er auch, dass sie von ihrer Schwester zahlreiche Briefe erhalten hatte, in denen sie davon schrieb, sich verliebt zu haben - in einen Herrn Mudgett, der von Beruf Arzt sei. Arlis Christen und Peter Geyer haben noch keine Ahnung, in welch tödlicher Gefahr sie sich befinden.

Leichen pflastern seinen Weg...

 

Herman Mudgett ist ein skrupelloser Mörder, der schon in seiner Kindheit den, wie er es nennt, "Pakt mit der Dunkelheit" geschlossen hat. In seiner Vorstellung wird er vom Tod dabei beobachtet, wie er Menschen bis zu ihrem letzten Atemzug quält und glaubt, dass der Tod seine Methoden auch bewerten würde. Doch es wird schon auf den ersten Seiten klar, dass Mudgett nichts anderes ist als ein Psychopath mit extrem ausgeprägten sadistischen Zügen. Wenn es darum geht, einen Menschen geplant umzubringen, wird ihm von seinem willigen Helfer William Peizel assistiert, einem Kerl mit der Figur eines Mittelgebirges, der vorher im örtlichen Schlachthof für die Drecksarbeit zuständig war. In Mudgetts Folterkeller, versteckt im Kellergewölbe des Hotels, ist alles bestens darauf ausgerichtet, dass dort in aller Ruhe und völlig unbemerkt die Opfer gequält werden können. Der Keller ist schalldicht, die Toten werden wahlweise im Säurebad aufgelöst oder in einem eigens angefertigten Ofen verbrannt. Die Foltermethoden sind bis ins Kleinste perfektioniert: Als Arzt weiß Mudgett, was besonders weh tut und wie man das Sterben so lange wie möglich ausdehnt. Er ist intelligent und selbstsicher, spürt jedoch, dass der Privatdetektiv Geyer dabei ist, ihm auf die Spur zu kommen. Er setzt Peizel darauf an, sich um den Mann zu "kümmern".

Mordlust schon im Kindesalter

 

Mudgett wird 1860 in Gilmanton, einem Kaff in New Hampshire, geboren und wächst bei seinen strenggläubigen Eltern auf. Besonders sein Vater legt bei dem Begriff "Gottesfurcht" den Schwerpunkt auf den zweiten Teil des Wortes. Das Leben des Jungen ist geprägt von Schule, Arbeit und dem Kirchgang einschließlich der Sonntagsschule. Im Alter von fünf Jahren wird er von zwei Zehnjährigen verprügelt, doch es gelingt ihm, sich zum Schluss so erfolgreich so wehren, dass die beiden Verletzungen davontragen, die nie mehr ganz ausheilen sollen. Schon damals spürt er die Mordlust, kann sie aber noch niederringen. Doch fünf Jahre später gelingt ihm das nicht mehr, und die beiden Jungen, mit denen er sich zwischenzeitlich angefreundet hatte, werden seine ersten Mordopfer. Herman gelingt es jedoch, den Verdacht auf den Indianer Tohorse zu lenken, der sich auf der Durchreise in Gilmanton aufgehalten hat. Ein Jahr später wird Tohorse trotz seiner Unschuldsbeteuerungen zum Tode verurteilt. Schon das Kind Herman war also kein Mensch, den man unbedingt ins Herz schließen würde.

Wie war's?

 

Angesichts dessen, dass es sich bei Wolfgang Hohlbein um einen Autor handelt, der über reichlich Schreiberfahrung und Wissen, wie man einen Spannungsbogen aufbaut, verfügt, war ich von Mörderhotel ziemlich enttäuscht. Echte Spannung habe ich vergebens gesucht, gefunden habe ich eher das Gruseln: Die Mord- und Folterszenen wurden im wahrsten Sinne des Wortes regelrecht ausgeschlachtet. Die Handlung orientiert sich grob an der Mordserie des US-Serienmörders Herman Mudgett, der eine unbekannte Zahl von Menschen getötet hat - Schätzungen schwanken zwischen mehreren Dutzend und deutlich mehr als 200 Opfern. Er wurde 1896 hingerichtet. 
Sehr schade fand ich, dass es auch etliche Fehler gab, die ein aufmerksamer Lektor hätte finden sollen: So stimmte beispielsweise eine Kapitelüberschrift nicht - die Handlung in diesem Abschnitt geschah fünf Jahre später, als es dort angegeben war. Auch im weiteren Text ergibt sich ein Fehler bei den zeitlichen Abständen. Und was mich besonders stört, war hier häufig vertreten: Etliche Male gab es Wortwiederholungen innerhalb von zwei Zeilen, auch wurden für vergleichbare Zustände immer dieselben Worte oder Wendungen benutzt. Ich habe irgendwann die Stellen, in denen etwas "vor Dreck starrte" überlesen. Auch die "Agonie" wurde sehr oft bemüht. Vielleicht bin ich da zu kleinlich, aber das hier ist nicht das Erstlingswerk eines Newcomers, sondern das Buch eines Vielschreibers, von dem ich einfach mehr erwartet hatte. 
Dass ein Verlag ein Buch außerdem so gestaltet, dass sich beim Lesen des Textes auf dem Schutzumschlag des Rätsels Lösung ergibt, habe ich bei diesem Thriller zum ersten Mal erlebt. Ein Buch, das sich selbst spoilert.
Ich glaube nicht, dass ich in der nächsten Zeit einen weiteren Titel von Wolfgang Hohlbein lesen werde.

Ich bedanke mich bei bloggdeinbuch, wo mir dieses Buch zur Verfügung gestellt wurde. Mörderhotel kann beim Verlag Bastei Lübbe bestellt oder in jeder Buchhandlung zum Preis von 22,-- € gekauft werden (Hardcover). Die Audio-CD ist für 13,99 € erhältlich, die Kindle-Edition und die epub-Ausgabe kosten je 16,99 €.
 

Freitag, 4. März 2016

# 39 - Macht einen Bogen um Rote-Bete-Schnaps

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich sein Leben zu versauen...

 

..., und der Roman Hit & Run von Doug Johnstone gibt für die, die noch unschlüssig sind, erste Hinweise. Die Brüder Billy und Charlie Blackmore sowie Billys Freundin Zoe fahren in Edinburgh in einer Sommernacht von einer Party kommend nach Hause. Sie sitzen im alten roten Micra, der früher der verstorbenen Mutter der Brüder gehört hat, sind richtig gut drauf und bis zum Hals voll mit Rote-Bete-Schnaps und Drogen. Billy sitzt am Steuer, bestaunt den Sternenhimmel, die Drei fühlen sich, als könnten sie die Welt aus den Angeln heben. Doch dann kracht es und etwas, das sie im Dunkeln nicht erkennen können, prallt auf die Windschutzscheibe, rutscht über das Autodach und bleibt auf der Straße liegen.

Die eine Sekunde, die das Leben verändert

 

Man ahnt es bereits: Billy hat nicht "etwas", sondern einen Menschen angefahren. Einige Meter hinter dem Micra liegt ein Mann auf dem Asphalt, und Charlie, ein junger Krankenhausarzt, stellt mit einem geübten Griff an dessen Handgelenk seinen Tod fest. Billy will die Polizei rufen, aber sein Bruder hindert ihn daran: Seine eigene Approbation als Arzt wäre verloren, wenn im Zuge von Ermittlungen herauskäme, dass er sich selbst und seinen Bruder mit Aufputschmitteln, Opiaten, Barbituraten und Benzodiazepinen aus den Arzneischränken des Krankenhauses versorgt hat. Auch die Karrieren von Billy und Zoe wären beendet, bevor sie richtig begonnen hätten: Billy hat erst vor einem Monat eine Stelle als Kriminalreporter beim Evening Standard angetreten, und Zoe arbeitet ebenfalls als Nachwuchsjournalistin. Und so werfen sie die Leiche kurzerhand eine nahe gelegene Böschung hinunter.
Der Micra ist auf den ersten Blick fast unbeschädigt. Nur ein kleiner Riss auf der Frontscheibe und ein paar kaum zu erkennende Dellen im Blech deuten auf den Unfall hin.
Es dauert nur wenige Stunden, bis der Tote gefunden und Billy von seiner Kollegin Rose aufgefordert wird, sich zusammen mit ihr um den Fall zu kümmern. Der Tote ist in Edinburgh kein Unbekannter: Es handelt sich um Frank Whitehouse, einen wohlhabenden Unternehmer, dem illegale Machenschaften nachgesagt werden. Die Polizei geht zunächst von einem Selbstmord aus. Das ändert sich, als der Obduktionsbericht des Gerichtsmediziners vorliegt: Aufgrund der Art der Verletzungen kommt nur ein Zusammenstoß mit einem Kraftfahrzeug infrage. Kurz darauf werden in der Umgebung des Leichenfundortes Lacksplitter gefunden, die auf ein rotes, mehr als zehn Jahre altes Fahrzeug schließen lassen. 

Die Schlinge zieht sich zu

 

Wenn es eine Meisterschaft darin gäbe, sich selbst durch dämliches Verhalten immer mehr in die Bredouille zu bringen, wäre Billy Blackmore ein heißer Anwärter auf einen der vorderen Plätze. Er vernebelt sich sein Hirn, indem er sich ständig an Charlies geklauten Chemikalien vergreift und sie mit Alkohol hinunterspült, selbstverständlich nichts isst, so gut wie gar nicht schläft, seinen Sexualtrieb an der falschen Frau auslässt und sich in Situationen bringt, in die er durch pure Selbstüberschätzung gelangt. Das kann nicht gutgehen und tut es auch nicht. Die Situation eskaliert, es gibt noch weitere Tote und eine Entführung.

Doug Johnstone hat seine Hauptfigur Billy Blackmore durch ein Gefühlschaos gesteuert und sie auch körperlich sehr leiden lassen. Leider ist das Ende trotz aller Irrungen und Wirrungen zu vorhersehbar. Das, was sich zwischen dem Entschluss, den Unfall zu verheimlichen und Fahrerflucht zu begehen und dem Ende des Thrillers abspielt, wirkt deshalb wie eine Aneinanderreihung von Handlungsschleifen, die den Leser aber nicht an seiner Ahnung, wie das Finale aussehen könnte, ernsthaft zweifeln lassen. So verpufft trotz des ansonsten sehr guten Plots ein Teil der Spannung.

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Hit & Run kann beim btb-Verlag bestellt oder in jeder Buchhandlung zum Preis von 9,99 € gekauft werden (Taschenbuch). Die Kindle-Edition und die epub-Ausgabe kosten je 8,99 €.
 

Donnerstag, 25. Februar 2016

# 38 - Leben unter Königin Maria I.

Ein Perspektivwechsel

 

Das Buch, das ich euch heute vorstellen möchte, hat mich besonders aus einem Grund interessiert: Eine Liebe im Schatten der Krone von Bettina Pecha erzählt ein Stück der englischen Geschichte von 1560 bis 1568 und deckt damit einen Teil einer historischen Episode ab, um die es bereits in Der Palast der Meere von Rebecca Gablé ging. Aber während Gablé ihre Geschichte rund um die englische Queen Elisabeth I. erschaffen hat, stellt Pecha deren Großcousine in den Mittelpunkt: Maria I., Königin von Schottland, besser bekannt als Maria Stuart. Die beiden Frauen haben zeitlebens ein Tauziehen um die Macht in England veranstaltet, was die Handlung des Romans zwangsläufig stark beeinflusst.

 Ohne eine "Leihfamilie" geht nichts

 

In Eine Liebe im Schatten der Krone wird die Handlung von der jungen Fiona Fraser eingerahmt. Sie lernt 1560 in ihrem Elternhaus in Edinburgh den Laird Duncan Sanderton kennen und lieben. Kaum ein Jahr später heiratet sie ihn und geht mit ihm auf sein Landgut Springfield in den West Lothians. Sie lebt sich schnell ein, ihr Mann hat jedoch andere Pläne, als für den Rest seines Lebens auf dem Land zu leben. Er will mit Fiona ein Teil des Hofstaats von Maria Stuart werden und der gesellschaftlichen Enge und Einöde zu Hause entfliehen. Doch das ist nicht das Einzige, das sich Duncan wünscht: Er will einen Sohn, und das möglichst bald.
Wenige Monate nach der Rückkehr Maria Stuarts nach Schottland stellt sich Fiona ihr vor und wird im November 1562 als Hofdame an das königliche Schloss Holyrood in Edinburgh geholt. Duncan begleitet sie: Er wird in das Gefolge von James Stewart, dem 1. Earl of Moray und Halbbruders der schottischen Königin, aufgenommen. Doch dieser Ortswechsel soll ihrer Ehe nicht gut tun.

Fiona lebt sich schnell in das Umfeld Maria Stuarts ein und entwickelt sich im Laufe der nächsten Jahre zu ihrer engsten Vertrauten. Duncan hat es schwerer: Er registriert sehr bald, dass er nur an den Hof gebeten wurde, um in der Nähe seiner Frau sein zu können. Benötigt wird er nicht.

Maria Stuart - eine der schillerndsten Gestalten der schottischen und französischen Geschichte

 

Bettina Pecha hat sich eng an die historischen Ereignisse gehalten und schildert sehr anschaulich, unter welch schlechtem Stern die Regentschaft von Maria Stuart gestanden hat. Die Katholikin hatte in dem Reformator John Knox einen ihrer größten Widersacher. Er scheute auch nicht vor öffentlichen Verleumdungen und dem Verbreiten von wirren Geschichten über die Königin zurück, um sie zu demontieren. Ihrem Halbbruder, einem Protestanten, brachte sie größtes Vertrauen entgegen, was dieser nicht verdiente. Sie führte drei Ehen, schloss jedoch nur die zweite mit Lord Darnley aus Liebe. Strategisch erwies sich dieser Schritt als Fehler: Darnley war Katholik, und die Protestanten werteten diese Ehe als Signal dafür, dass sie nun ins Hintertreffen geraten würden. James Stewart zettelte daraufhin gemeinsam mit anderen proetstantischen Adeligen eine Rebellion an.
Fiona hält ihrer Königin in jeder Situation die Treue. Mit der Treue nimmt es ihr Mann jedoch nicht so genau, und die Ehe der beiden scheitert. Doch auch in anderer Hinsicht trifft Duncan die falsche Wahl.

Lesen?

Eine Liebe im Schatten der Krone ist ein spannend geschriebener historischer Roman, der keine Langeweile aufkommen lässt. Er ermöglicht es dem Leser, die damaligen Ereignisse nachträglich mitzuerleben und hat auch einen Schuss Romantik im Gepäck. Wenn es etwas gibt, das man kritisieren könnte, dann sind es die vereinzelt fehlenden Wörter in der mir vorliegenden epub-Ausgabe.
Der Roman ist bei books2read erschienen und sowohl als epub- als auch als Kindle-Edition erhältlich. Er kostet in beiden Versionen 4,99 €.
Das Buch wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Freitag, 19. Februar 2016

# 37 - Auf Sylt kann es verdammt gefährlich sein

Man kann am Strand nicht nur Muscheln finden

 

Heute ist wieder Krimi-Zeit, und diesmal wird auf Sylt gestorben. Ulrike Busch schubst ihre Leser gleich zu Beginn ihres Buchs Der Pfauenfedernmord direkt an den Strand von Kampen, mitten in der Hochsaison Anfang August eines nicht genannten Jahres: Im Prolog findet eine Joggerin eine Tote, die ein ungewöhnliches Kleidungsstück trägt. Ein Fall für Hauptkommissar Knudsen und seinen Kollegen Kommissar Zander.

Ein Freund, ein guter Freund...

 

In jedem Sommer trifft sich eine Gruppe von Freunden in Kampen, die dort Zeit zusammen verbringt: Der Schönheitschirurg Dr. Claus Wiederkehr und seine Frau, die Galeristin Valerie Wunderlich-Wiederkehr, die Paartherapeuten Konrad und Karin Bitterstein sowie der Fotograf Günther Geier und seine Frau Armgard. In diesem Jahr gibt es sogar mehrere Gründe, zu feiern: Die Wiederkehrs begehen ihre Silberhochzeit, und der Freundeskreis besteht nun ebenfalls seit 25 Jahren. Dieses Mal sind auch Ilona, Valeries beste Freundin und Assistentin, sowie ihr neuer Freund Marian, ein Italiener, mit dabei. Doch schon kurz nach dem ersten Zusammentreffen der alten Freunde im Restaurant "Hinnerks Hof" kommt es zu Spannungen: Ilona und Marian wirken alles andere als frisch verliebt, und auf Claus lastet eine Anspannung, weil ihn kurz zuvor ein anonymer Drohbrief erreicht und danach jemand Rattengift in seinem Vorratsraum platziert hat. Konrad richtet seine Aufmerksamkeit wie immer auf Valerie, was Karin verärgert zur Kenntnis nimmt. Aber auch Marian flirtet mit der Galeristin und zieht sich dadurch Claus' Missfallen zu. 
Um angesichts der anonymen Aktionen Schlimmeres zu verhüten, beobachtet Hauptkommissar Knudsen, der eng mit den Wiederkehrs befreundet ist, das Treiben diskret aus dem Hintergrund. Doch es nützt nichts: Durch das geöffnete Restaurantfenster wird ein Stein geworfen, der Valerie nur knapp verfehlt. In der entstehenden Aufregung gelingt es nicht, den Werfer ausfindig zu machen.


Scheidungsgedanken? Lohnen sich nicht mehr

 

Die Stimmung zwischen den Eheleuten Wiederkehr ist nicht besonders gut. Immer häufiger hat Claus den Eindruck, dass seine Frau Geheimnisse vor ihm hat. Auch ihre stundenlange Morgentoilette geht ihm immer mehr auf die Nerven. Doch drei Tage nach der Silberhochzeit erhält Claus einen Brief, der für ihn das Fass zum Überlaufen bringt: Er stammt vom Einwohner-Zentralamt Hamburg und enthält einen Bußgeldbescheid wegen zu schnellen Fahrens. Zum Beweis ist dem Bescheid ein Blitzerfoto beigefügt, auf dem deutlich Marian zu erkennen ist, der Claus' Sportwagen durch Hamburg steuert und gerade von der neben ihm sitzenden Valerie geküsst wird. Claus weiß allerdings nicht, dass diese Affäre nur die Spitze des Eisbergs an Seitensprüngen ist, die sich seine Gattin in den letzten Jahren geleistet hat.
Valerie, die 20 Jahre jünger als ihr Mann ist, ihm aufgrund mehrerer Schönheitsoperationen ein rundum erneuertes Aussehen verdankt und ohne sein Geld nie die Galerie hätte eröffnen können, ist der Typ Mensch, um den man einen großen Bogen machen sollte: Sie benutzt ihre Mitmenschen und legt sie ab wie ein durchlöchertes Kleidungsstück, wenn sie ihr keinen Vorteil mehr bieten können. Freundschaften sind für sie nichts anderes als Vorteilspartnerschaften. Deshalb wundert man sich auch nicht, als sie nur vier Tage nach ihrer Silberhochzeit tot am Strand vor dem Roten Kliff gefunden wird. Die Spurenlage ist eindeutig: Sie wurde mit einem Messer angegriffen und ist dann verblutet. Und wie es bei einem Krimi so ist, stellt sich auch hier die Frage: Wer hat Valerie Wunderlich-Wiederkehr auf dem Gewissen? Je mehr in ihrem Leben gekramt wird, umso mehr Personen kommen für den Mord in Betracht. Keine leichte Aufgabe für Knudsen und Zander.

Für wen eignet sich dieses Buch?

 

Der Pfauenfedernmord ist ein locker geschriebenes Buch, das sich sehr flüssig liest. Bei Amazon ist es den Cosy-Krimis zugeordnet, und das passt meiner Ansicht nach auch sehr gut: Der Krimi hat jede Menge Lokalkolorit, und ein großer Teil der Handlung beschäftigt sich mehr mit dem Beziehungsgeflecht der Figuren und deren charakterlichen Untiefen als mit der knallharten Falllösung. Dazu passt auch, dass Hauptkommissar Knudsen die Ermittlungen leitet, obwohl er wegen seiner Freundschaft zu Claus Wiederkehr so voreingenommen ist, dass er den Chirurgen von vornherein als Tatverdächtigen ausschließt. Sein Kollege Zander, der hier immer wieder als Polizist dargestellt wird, an dessen Fähigkeiten man zweifeln darf, weist ihn mehrmals erfolglos darauf hin.
Kurzum: Für diejenigen Leser, die von einem Krimi Blutlachen, das Pfeifen von Pistolenkugeln und einen smarten Ermittler mit einem hochprofessionellen Team erwarten, ist dieser Krimi nicht das Richtige. Aber er ist durchweg gute Unterhaltung und kann schon deshalb empfohlen werden.

Die Autorin ist promovierte Sprachwissenschaftlerin und hat mit Der Pfauenfedernmord ihren ersten Krimi veröffentlicht. Er ist bei Amazon Publishing erschienen und als Taschenbuch (9,99 €) sowie als Kindle-Edition (4,99 €) erhältlich.

   

Freitag, 12. Februar 2016

# 36 - Wie sich der digitale Dschungel lichten lässt

Die digitale Revolution betrifft fast jeden

 

Mit Vom Yin und Yang der digitalen Revolution von Jens Thaele geht es heute um ein Sachbuch, das seine Leser gewissermaßen an die Hand nehmen und ihnen zeigen will, wie sie sich den rasanten Veränderungen, die sich hinsichtlich des Einsatzes von neuen Technologien abspielen, stellen können. Dies ist kein Buch für Computernerds und IT-Experten, sondern für den Nutzer, der vor der Frage steht, wie er die Informations- und Kommunikationstechnik für seinen privaten Bereich oder seine Firma aufstellen sollte.


Prolog und Epilog als Rahmen

 

Thaele beginnt sein Sachbuch mit einem Prolog, der seine Leser in eine fiktive Szene im Flughafen Berlin Tegel führt. Dort begegnen sich zufällig zwei Freunde, die beide Unternehmer sind, und sprechen über die Unzufriedenheit des einen mit seiner neuen Kommunikationslösung: Die Mitarbeiter verweigern sich, er selbst ärgert sich über den Anbieter. Doch sein Freund ahnt, welcher Fehler hier der technischen Umstellung von Anfang an zugrunde lag. Er wertet die Erneuerung seiner eigenen Firmentechnik als vollen Erfolg, was im Wesentlichen mit der Herangehensweise des gewählten Anbieters zu tun hat.
Jens Thaele stimmt seine Leser so auf den fachlichen Teil seines Buches ein und führt sie zu den grundsätzlichen "Knackpunkten", die bei einer Entscheidung für eine modifizierte oder neue Kommunikationsplattform  beachtet werden müssen.


Moderne Kommunikation - ein Buch mit sieben Siegeln?

 

Das Buch kommt selbstverständlich nicht ohne Fachvokabular aus. Anders als mithilfe von eingeführten Begriffen lassen sich Zusammenhänge nicht deutlich darstellen. Sie werden jedoch im Text oder im angehängten Glossar so erläutert, dass sie verständlich sind. Der Begriff der Unified Communication (UC) zieht sich hier durch alle Kapitel: Damit ist gemeint, dass alle Kommunikationskomponenten wie z. B. die Endgeräte, die Kommunikationsdienste oder die Funknetze in jeder Hinsicht zusammenarbeiten und nicht wie vor Jahren getrennte Bereiche sind. Zum Gelingen einer zufriedenstellenden Kommunikationslösung ist ein reibungsloses Zusammenspiel aller Komponenten nötig.

Thaele ist bewusst, dass viele Menschen nicht wissen, worauf sie bei der Gestaltung der eigenen Kommunikationsumgebung Wert legen sollten. Er rät dazu, sich über die eigenen Bedürfnisse im Klaren zu sein und diese Ansprüche den Anbietern gegenüber entsprechend zu formulieren. Dieser Hinweis zieht sich wie ein roter Faden durch sein Buch und wird zum besseren Verständnis auch grafisch dargestellt. Das bloße Aufzählen von Leistungsmerkmalen im Rahmen einer Ausschreibung führt seiner Erfahrung nach in der Regel zu Enttäuschungen. Da ist es nur folgerichtig, dass er den "Rundum-sorglos-Paketen" mancher Anbieter eine klare Absage erteilt.
Der Autor widmet ein ganzes Kapitel der Frage, wie bei der Auswahl des richtigen Anbieters vorgegangen werden sollte. Da er dies sowohl für die Zielgruppe der Privatkunden als auch für Unternehmen verschiedener Größenordnungen tut, findet sich hier jeder Leser wieder.


Die Cloud - wie "böse" ist sie?

 

Jens Thaele weiß um die zahlreichen Vorbehalte, die gegen die Nutzung von Clouds bestehen. Er erläutert, welches technische Prinzip sich dahinter verbirgt und inwieweit die Sorgen von Nutzern, ihre Daten könnten dort nicht sicher sein und von Unbefugten missbraucht werden, tatsächlich berechtigt sind. Auch auf die Bedenken, die hinsichtlich der Datenverfügbarkeit bestehen, geht er ein. 
In einem weiteren Kapitel geht es um die typischen Fehler, die im Zuge der Planungen einer UC sehr häufig passieren. Thaele beschreibt hier anschaulich, an welchen Stellen eine sehr gute und zielgerichtete Kommunikation zwischen Kunden und Anbietern nötig ist und welche Erwartungen, die Kunden in vielen Fällen haben, nicht erfüllbar sind und deshalb nicht eingefordert werden sollten, um das Gelingen der Umstellung oder Einführung einer UC nicht zu gefährden.

Jens Thaele hat mit Vom Yin und Yang der digitalen Revolution einen Ratgeber geschrieben, der zahlreiche Menschen ansprechen dürfte, die auf der Suche nach einer verständlichen Erläuterung für die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der modernen Kommunikationstechnik sind. 
Nach meiner Einschätzung eignet es sich jedoch nur begrenzt für Leser, die sich mit dieser Thematik bislang noch nie beschäftigt haben und buchstäblich bei null anfangen. 
Der Autor lockert seine Darstellung immer wieder durch eigene Erfahrungen, die er als Fach- und Führungskraft in mehreren Telekommunikationsunternehmen gemacht hat, auf. Die eine oder andere Wiederholung bleibt in seinen Hinweisen nicht aus, das hemmt jedoch nicht den Lesefluss und könnte dazu beitragen, dass sich das Gelesene noch weiter verfestigt.

Empfehlung?

 

Wer sich für dieses Thema interessiert, ist mit dem Kauf von  Vom Yin und Yang der digitalen Revolution gut beraten. Jens Thaele ist Dipl.-Ing. der Nachrichtentechnik und Dipl.-Wirtschaftsingenieur, sodass sich seine Leser  auf seinen Sachverstand verlassen können.

Das Buch ist als Hardcover-Ausgabe für 19,80 €, als Paperback für 14,80 € und als E-Book zum Preis von 8,99 € erhältlich. 

Freitag, 29. Januar 2016

# 34 - Ein Roman in zwei Epochen

 Zwei Schauplätze, zwei Zeiten

 

Ich stelle euch heute mit La Vita Seconda - Das zweite Leben das Erstlingswerk von Charlotte Zeiler vor. Sie arbeitet als Krankenschwester in einer Intensivstation, was sich in ihrem Buch positiv bemerkbar macht.


Köln/Cölln als Schicksalsstadt

 

Im Jahr 1617 findet sich die junge Franziska verletzt auf einer staubigen Straße zwischen Cölln und Jülich wieder. Nur mit Mühe kann sie sich konzentrieren, aber die Umgebung um sie herum ist ihr fremd. Auch alles, was ihr Leben ausmacht, ist aus ihrem Gedächtnis verschwunden: ihr Wohnort, der Name ihrer Eltern ... alles ist weg. Auch an den Mann, der ihr offensichtlich helfen will und sich um sie kümmert, kann sie sich nicht erinnern: Antonio. Zusammen mit seinem Begleiter bringt er Franziska zu seinem Elternhaus in Cölln, wo sie Ruhe finden und sich erholen soll. 

In einem zweiten Handlungsstrang geschieht in der Gegenwart ein schrecklicher Unfall: Eine junge Frau ist in ihrem Auto auf dem Weg zu ihrer Arbeit in einem Krankenhaus. Kurz vor dem Ziel kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen ihrem Fahrzeug und einem Lkw, bei dem dessen Fahrer ums Leben kommt und das Auto fast von dem Vierzigtonner zerquetscht wird. Der Notarzt Mark und ein Rettungssanitäter sind als erste am Unfallort und können die schwer verletzte Autofahrerin ins Krankenhaus bringen. Dort wird sie von Oliver, Marks bestem Freund, weiterbehandelt.

Wie können die Leben zweier Frauen trotz der zeitlichen Distanz umeinander kreisen?

 

Charlotte Zeiler hilft ihren Lesern dabei, die beiden unterschiedlichen Handlungsstränge auseinanderzuhalten: Bei jedem Wechsel in die jeweils andere Epoche ändert sich nicht nur die Schriftart, sondern auch die Zeit: Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen, sind im Präteritum, die Handlung im 17. Jahrhundert ist im Präsens formuliert. Ohne die klare Strukturierung würde es vermutlich schwerfallen, jeden Handlungsverlauf für sich zu verfolgen.

Doch es bleibt lange rätselhaft, was die Schicksale der beiden Frauen miteinander zu tun haben könnten. Gemeinsam ist ihnen, dass sich in beiden Epochen eine Liebesgeschichte anbahnt: Mark, der von seiner früheren Verlobten betrogen wurde und monatelang keine Freude mehr am Leben hatte, fühlt sich zu der Autofahrerin hingezogen und besucht sie sogar, als sie wegen der Schwere ihrer Verletzungen in die Uni-Klinik Köln verlegt wird. Ihr ist das allerdings nicht bewusst: Sie liegt im Koma auf der Intensivstation. Mark erfährt auch bald ihren Namen, weil man in der Uniklinik irrtümlich annimmt, dass es sich bei der Patientin um seine Freundin handelt: Leya Volta. Er hat den Eindruck, ihr schon einmal begegnet zu sein, kann sich aber zunächst nicht daran erinnern, wo oder in welchem Zusammenhang er Leya bereits kennengelernt haben könnte.

Auch Franziska hat großes Gefallen an ihrem Retter Antonio gefunden, der sich als ein Sohn des Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm entpuppt. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft im Haus des Pfalzgrafen kann Franziska nicht mehr sprechen. Auch ihre Erinnerung an ihr Leben vor dem Augenblick ihrer Rettung ist nicht zurückgekehrt. So beginnt die Suche nach ihrer wahren Identität. Doch schon bald ahnt sie, dass sie im Haushalt des Pfalzgrafen eine Feindin hat. Diese Ahnung soll sich tatsächlich bestätigen.


Vorsicht Spoiler!


Es fällt mir bei La Vita Seconda - Das zweite Leben sehr schwer, den weiteren Verlauf des Romans zu beschreiben, ohne zumindest einen Hinweis zu geben, was hinter diesen beiden Geschichten steckt. Charlotte Zeiler hat sich eines ungewöhnlichen Schreibstils bedient, an den man sich zu nächst gewöhnen muss, der jedoch das Verständnis für die Hintergründe erleichtert. Ihre medizinischen Fachkenntnisse, die an vielen Stellen deutlich werden, tragen ebenfalls dazu bei, dass die Handlung immer glaubwürdig bleibt.

Das Buch ist als Taschenbuch zum Preis von 9,95 € und als Kindle-Edition für 2,99 € erhältlich.

 

Freitag, 22. Januar 2016

# 33 - Sowjetische Gerechtigkeit im Stalinismus

Eine Spur des Todes entlang der Transsibirischen Eisenbahn

 

Kind 44 von Tom Rob Smith ist ein Roman, dessen Verfilmung ich gesehen hatte, bevor ich das Buch kannte. Neu war mir jedoch bis zum Lesen des Nachworts, dass sich die Handlung des Romans sehr eng an einem tatsächlichen Fall orientiert. Aber der Reihe nach.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf 

 

Januar 1933: In der Ukraine leiden die Menschen unter dem Hungerwinter. Viele sind bereits an Unterernährung gestorben, die noch Lebenden ernähren sich buchstäblich von allem, was irgendwie essbar ist. Da sieht Pavel eine streunende Katze. Auf Anweisung seiner Mutter nimmt er seinen jüngeren 8-jährigen Bruder Andrej mit auf die Katzenjagd. Dabei wird Pavel hinterrücks von einem Mann überwältigt und entführt. Der kurzsichtige Andrej, der seinen Bruder nach einer kurzen Suche nicht finden kann, kann seiner Mutter nur noch von dessen Verschwinden berichten. Pavel taucht nicht mehr zu Hause auf.

14. Februar 1953: Der knapp 5-jährige Arkadi wird tot auf den Bahngleisen in Moskau gefunden. Man hört, ein alter Mann habe die Leiche gesehen, die völlig nackt und übel zugerichtet gewesen sei. Eine Frau will einen Mann beobachtet haben, der in der Nähe des Leichenfundortes gewesen ist - mit einem kleinen Jungen an der Hand. Doch für die Behörden ist schnell klar: Der Tod des kleinen Arkadi ist tragisch, aber ein Unfall, an dem keiner außer dem Kind selbst eine Schuld trägt. Der Junge hatte sich zu dicht an den Bahngleisen aufgehalten, niemand nimmt Ermittlungen auf: Während der Diktatur Stalins gab es offiziell keine Kriminalität. Sie wurde als Auswuchs des Kapitalismus angesehen. Doch Arkadis Vater Fjodor Andrejew, ein Mitarbeiter des MGB, der Vorgängerinstitution des KGB, zweifelt an dieser Darstellung: Seinem Freund und Kollegen Leo Demidow, der den Auftrag erhalten hat, Fjodor und dessen Familie vom Unfalltod des Sohnes zu überzeugen, gelingt es nicht, dessen Zweifel an der Darstellung, die vom MGB vorgegeben ist, zu zerstreuen. Leo ist ein treuer und überzeugter Anhänger des Sowjetsystems und würde fast alles für sein Land tun. Er teilt die Vision Lenins, dass sich die Zahl der Verbrechen in dem Umfang verringern würde, in dem die Armut sich zurückbildet. Die sowjetische Gesellschaft war seiner Meinung nach auf dem besten Weg dorthin. Sofern die Menschen daran glaubten, würden sie sich stetig auf das Ziel hinbewegen, ein besseres Gemeinwesen zu formen. Dieser Glaube durfte nicht durch Gerüchte um ein ermordetes Kind ins Wanken gebracht werden.

Leos persönliche Wende: Ein Spion wird verhört

 

Das MGB verdächtigt den Tierarzt Anatoli Brodsky der Spionage, weil auch die Haustiere ausländischer Diplomaten zu seinen Patienten zählen. Als Brodsky bemerkt, dass er beschattet wird, kann er fliehen, wird jedoch von einer Gruppe von MGB-Beamten, die von Leo kommandiert wird, gefangengenommen. Leo hadert mit sich, weil er als Verantwortlicher eine der Grundregeln seines Berufs verletzt hat: "Besser, zehn Unschuldige leiden, als ein Spion entkommt." Zum ersten Mal erlebt Leo jedoch, dass er einem Verhafteten seine Aussage glaubt: Brodsky wird wie üblich gefoltert und widersteht den Misshandlungen länger als es andere Gefangene tun.

Doch Brodskys Festnahme hat für Leo ein Nachspiel: Als sein Untergebener Wassili Nikitin in einem entlegenen Dorf aus offensichtlichem Spaß am Töten ein Ehepaar erschießt, das verdächtigt wird, dem Entflohenen Unterschlupf gewährt zu haben und damit zwei kleine Mädchen zu Waisen macht, wird er von Leo niedergeschlagen, bevor er auch noch die beiden Kinder umbringen kann. Das macht die Männer zu Todfeinden.

Weil Leos Verhalten Aufmerksamkeit bei seinem Vorgesetzten Generalmajor Kuzmin erregt, fordert dieser von ihm einen Loyalitätsbeweis: Leo soll seine eigene Frau Raisa bespitzeln, die verdächtigt wird, eine Spionin zu sein. Ihm ist klar, dass Kuzmin nur eine Antwort von ihm akzeptiert: Die Bestätigung, dass Raisa tatsächlich ein Schädling des Sowjetvolkes ist. Damit wäre ihr Schicksal besiegelt: Nach einem Verhör, das wie gewohnt mit einem durch Folter erpressten Geständnis enden würde, würde auf die junge Frau eine Haft im Gulag warten, die mehrere Jahrzehnte dauern könnte - wenn sie diese lange Zeit überhaupt überleben könnte. Er entscheidet sich dafür, seine Frau nicht zu denunzieren, was die unmittelbare Degradierung und die Versetzung zur Miliz in Wualsk, einer tristen Industriestadt im Ural, nach sich zieht.

Leo wird in Wualsk General Nesterow unterstellt, der ihm wegen seiner ehemaligen MGB-Zugehörigkeit mit großem Misstrauen begegnet. Nur zwei Tage vor seiner Ankunft wurde in Wualsk ein junges Mädchen ermordet aufgefunden, und Leo fällt sofort die Ähnlichkeit mit den Umständen auf, unter denen der kleine Arkadi in Moskau ums Leben gekommen ist: Auch diese Leiche wurde grausam zugerichtet und befand sich in der Nähe des Bahnhofs. Nesterow lehnt kriminalistische Ermittlungen ab und verhaftet den geistig zurückgebliebenen Warlam Babinitsch, weil bei ihm eine blonde Locke, die von dem getöteten Mädchen stammen könnte, gefunden wurde. Babinitsch wird wegen Mordes zum Tod verurteilt und hingerichtet. Erst als in Wualsk eine weitere Kinderleiche gefunden wird, an der deutliche Parallelen zu den beiden vorangegangenen Morden zu erkennen sind, kann Leo seinen Vorgesetzten dazu überreden, mit ihm zusammen heimlich Ermittlungen aufzunehmen. Ihre Arbeit ist gefährlich und ergibt Anfang Juli 1953, dass quer durch die Sowjetunion außer Arkadi noch mindestens 43 weitere Kinder und Jugendliche auf die gleiche Weise getötet worden waren - Arkadi ist damit Kind 44. Nie hatte jemand eine Verbindung zwischen diesen Morden hergestellt, aber in jedem Fall hatte es einen "Täter" gegeben: bereits verurteilte Vergewaltiger, Diebe oder stadtbekannte Alkoholiker mussten hierfür herhalten.

Spannung bis zur letzten Seite

 

Kind 44 ist kein Krimi im klassischen Sinn. Natürlich ist viel davon die Rede, auf welche Weise und unter welchen widrigen Umständen Leo und Nesterow jeden Mord recherchieren, aber der Roman wirft auch ein Schlaglicht auf die Zeit, in der das Sowjetreich von Josef Stalin diktatorisch und gewaltsam regiert wurde. Die Beschreibung des Hungerwinters zu Beginn des Buchs geht auf tatsächliche Begebenheiten zurück: Im Winter 1932/1933 starben allein in der Ukraine etwa 3,5 Millionen Menschen an Unterernährung - ein Umstand, den die meisten Historiker heute als einen von Stalin absichtlich herbeigeführten Zustand betrachten, um die Ukrainer gefügig zu machen. In dieser Zeit soll es auch Fälle von Kannibalismus gegeben haben.

Auch die Schilderung der Mordserie geht auf einen historischen Kriminalfall zurück, der in der UdSSR für viel Aufregung sorgte und fast die Evakuierung einer ganzen Stadt nach sich gezogen hätte: Zwischen 1978 und 1990 tötete der Lehrer  Andrei Romanowitsch Tschikatilo mehr als 50 Kinder und Jugendliche auf grausame Weise. Wie im Roman stellte die Miliz lange Zeit keine Verbindung zwischen den Morden her: Tschikatilos Opfer waren Frauen und Mädchen fast aller Altersgruppen, die Taten hatten kein erkennbares Muster. Erst als er zufällig von einem Beamten dabei beobachtet wurde, wie er verdreckt aus einem Waldstück kam, in dem kurz darauf Kleidungsstücke und eine weitere Leiche entdeckt wurden, geriet er in den Fokus der Ermittler und konnte schließlich überführt werden. 1994 wurde er hingerichtet.

Kind 44 ist ein Buch, das man bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand legt. Es schildert sehr deutlich das politische Klima in der Sowjetunion unter dem Regime von Stalin: Jeder achtete genau auf seine Worte und musste damit rechnen, auch von Angehörigen denunziert und der staatlichen Willkür ausgeliefert zu werden. Die Strafen für allerkleinste Vergehen, deren sich die Beschuldigten oft gar nicht bewusst waren, waren drakonisch. Tom Rob Smith versteht es, seinen Lesern das Leben der Menschen in dieser Zeit zu verdeutlichen, ohne sie mit Milieustudien zu langweilen. Für seinen Roman gibt es von mir eine ganz klare Empfehlung. 
Für alle, die sich jetzt fragen, wo der Zusammenhang zwischen dem Hungerwinter und den Tötungen sein könnte, sei gesagt: Es gibt sie, und seine Umstände sind die Erklärung für das Motiv des Mörders.


Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Kind 44 kann beim Goldmann Verlag bestellt und in jeder Buchhandlung zum Preis von 9,99 € gekauft werden (Taschenbuch). Die Kindle-Edition und die epub-Ausgabe kosten je 8,99 €.

 

Freitag, 15. Januar 2016

# 32 - Schreibende Juristin lässt Anwältin sterben

Ein Psychodrama in München?

 

Der 14jährige Oliver Baptiste wird an einem klirrend kalten Januartag verletzt und verstört in einem Kellerabteil eines Mehrfamilienhauses in München gefunden. Er kann sich angeblich an  nichts erinnern, aber seine Hände sind blutverschmiert - mit dem Blut der Rechtsanwältin Rose Benninghoff, die ermordet in ihrer Wohnung in der zweiten Etage desselben Hauses liegt. Damit beginnt das Krimidebüt Kellerkind von Nicole Neubauer. Die Autorin hat zwar ebenso wie Georg M. Oswald ein abgeschlossenes Jurastudium hinter sich, aber damit hören die Gemeinsamkeiten zwischen dem heutigen Buch und Oswalds Roman Vom Geist der Gesetze auch schon beinahe auf.

Zunächst scheint alles klar zu sein...

 

Anhand der Spurenlage ergibt sich, dass die Tote ihren Mörder gekannt und ihn arglos in ihre Wohnung gelassen haben muss. Die Indizien sprechen also zunächst dafür, dass Oliver für die Tat verantwortlich ist. Nachforschungen ergeben, dass sein Vater, der erfolgreiche und gut in Münchener Kreisen vernetzte Wirtschaftsprüfer Laurent Baptiste, bis vor wenigen Monaten mit Rose Benninghoff liiert gewesen ist. Man hat sich im Unfrieden getrennt, was den Kreis der Verdächtigen erweitert.

Im Zuge der Ermittlungen ergeben sich auch Hinweise, die bis in die Kindheit der Ermordeten zurückführen. Bereits im Alter von zwölf Jahren hat sich Benninghoff von ihrer ganzen Familie distanziert und niemanden an sich herangelassen. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung findet das Team um Hauptkommissar Waechter in der unpersönlich eingerichteten Wohnung sehr versteckt das alte Foto eines Mannes, das mit "O. Paulssen" gekennzeichnet wurde. Um wen handelt es sich? Sehr auffällig ist auch das Bild einer Rose, das in Benninghoffs Wohnzimmer hängt und überhaupt nicht in diese nüchterne Umgebung passt. Beim Herabnehmen fällt ein Zettel mit der Widmung "Für immer O." aus dem Rahmen heraus. Hat Paulssen, der sich als mittlerweile dementer Kunstmaler im Rentenalter entpuppt, etwas mit dem Fall zu tun?

Aber auch die auf der selben Etage wie Benninghoff wohnende Judith Herold erregt die Aufmerksamkeit der Ermittler: Sie bezeichnet sich selbst als die beste Freundin der Ermordeten, hat aber von einigen Details aus dem Leben der Toten, die die Polizei nach und nach herausfindet, keine Ahnung.

Psychologie, Familiengeschichten und  jede Menge Lügen

 

Der Mordfall entwickelt sich zu einer nervlichen Belastung für das gesamte Ermittlungsteam. Die privaten Probleme, die manche von ihnen mit sich herumschleppen, wirken bis in die Arbeit hinein und haben Einfluss auf die Tätersuche. Der junge Oliver Baptiste leidet zudem unter psychischen Problemen, die ihn unberechenbar machen. Dass sein empathiebefreiter Vater ihn offenbar immer wieder brutal schlägt und sich bei jedem Gespräch mit der Polizei mit Anwälten umgibt, lähmt die zahlreichen Versuche, Oliver zu Aussagen über den Tattag zu bewegen. Doch das Polizeiteam fühlt sich vollends verschaukelt, als plötzlich Vater und Sohn jeweils die Tat gestehen und sich kaum noch herausfinden lässt, wer hier wen decken will. Der Fall nimmt jedoch nach mehreren Wendungen einen Ausgang, mit dem nicht unbedingt zu rechnen war.

Nicole Neubauer hat ihren Krimi Kellerkind flüssig geschrieben und ermöglicht es ihren Lesern, die einzelnen Ermittler auch von ihrer privaten Seite kennenzulernen. Eine besondere Eigenart von Hauptkommissar Waechter ist es dann auch, die den Fokus des Teams in eine andere Richtung lenkt und zur Aufklärung des Mordes führt. 
Wie bei dem oben zitierten Buch von Georg M. Oswald kann man sich auch bei diesem Krimi fragen, inwieweit die persönlichen juristischen Erfahrungen der Autorin in die Handlung eingeflossen sind. Wie oft kommt es beispielsweise vor, dass ein Staatsanwalt die Polizei bei ihren Ermittlungen abbremst, wenn es dabei um eine stadtbekannte und einflussreiche Persönlichkeit geht?

Mir hat dieses Buch gut gefallen, aber es gehört nicht zu meinen persönlichen Favoriten unter den Krimis. Olivers psychische Probleme werden immer wieder thematisiert, indem von einem Reptil in seinem Kopf die Rede ist, das sich in Stresssituationen zu Wort meldet. Der Junge befindet sich aber nicht in entsprechender Behandlung, sondern wird von seinem beruflich vielbeschäftigten Vater weitgehend sich selbst überlassen, obwohl dieser immer wieder behauptet, Olivers Verhalten schon von dessen verstorbener Mutter zu kennen.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Krimis verwendet Nicole Neubauer eine sehr bildliche Sprache, die den Leser näher an das Geschehen heranrücken lässt und verzichtet auf die Schilderung von brutalen Szenen.

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir dieses Buch zur Verfügung gestellt hat. Kellerkind kann beim Blanvalet Verlag bestellt und in jeder Buchhandlung zum Preis von 9,99 € gekauft werden (Klappenbroschur). Die Kindle-Edition kostet 8,99 €, das mp3-Hörbuch auf CD 12,99 €.
 

Freitag, 8. Januar 2016

# 31 - Afrikanische Armut trifft europäischen Lifestyle

Ein Verwirrspiel vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise

 

Dieses Buch ist eine Premiere für meinen Blog: Zum ersten Mal stelle ich hier mit Boat People von Roland Künzel ein E-Book vor. Der Roman ist in seiner ersten Auflage bereits im Januar 2015 erschienen und beschäftigt sich in erster Linie mit der Flüchtlingsproblematik, die seit Monaten das meistdiskutierte Thema in Europa ist. Die mir vorliegende zweite Auflage wurde im November 2015 herausgegeben.

Gran Canaria als Ziel der Träume

 

Auf der Kanareninsel Gran Canaria treffen sich gut situierte Touristen aus ganz Europa zu einem 5-Sterne-Luxusurlaub, der keine Wünsche offen lässt. Eine Gruppe von 23 Urlaubern, die aus 22 Erwachsenen und einem 8jährigen deutschen Mädchen besteht, hat einen Piratenabend gebucht mit allem, was dazu gehört: Eine Fahrt auf einer komfortablen Segelyacht in Piratenkostümen ist ebenso Teil des Arrangements wie ein zünftiger, feucht-fröhlicher Abend am Lagerfeuer in einer der einsamen Buchten. Das Leistungspaket beinhaltet selbstverständlich den Rücktransfer ins Hotel per Yacht und Bus, doch zum vereinbarten Zeitpunkt ist kein Schiffsführer in Sicht, der die überwiegend sturzbetrunkene Gruppe aufnehmen könnte. Das Servicepersonal entschließt sich zu vorgerückter Stunde trotzdem, Feierabend zu machen und verlässt die Hobby-Piraten, da praktisch minütlich mit dem Eintreffen der Yacht zu rechnen ist.

Zum selben Zeitpunkt steuert ein Fischerboot die Insel an, das 22 Erwachsene und einen Jungen von der nordafrikanischen Küste an den nächstliegenden Ort der EU bringt - Gran Canaria. Die 23 Afrikaner fliehen vor der wirtschaftlichen Aussichtslosigkeit in ihrer Heimat und erhoffen sich in Europa ein besseres Leben. Für die Überfahrt haben die Schleuser viel Geld verlangt, wofür oft die ganze Familie gemeinsam aufgekommen ist.
Die beiden Schleuser setzen ihre Flüchtlingsgruppe in einer der Buchten Gran Canarias ab. Von dort aus sollen die Afrikaner mit einem anderen Boot weitertransportiert werden. Doch schon kurz nachdem das Fischerboot die Heimfahrt in Richtung Afrika angetreten hat, werden die Schleuser von ihrem afrikanischen Mittelsmann darüber informiert, dass sich die afrikanischen Staaten im Rahmen des kürzlich in London geschlossenen europäisch-afrikanischen Abkommens dazu verpflichtet haben, die von dort ausgehenden Flüchtlingsströme zu stoppen und bereits in Europa angekommene afrikanische Flüchtlinge zurückzunehmen.
Im Gegenzug sagen die europäischen Staaten zu, Afrika dabei zu unterstützen, die dortigen Lebensverhältnisse deutlich zu verbessern. Das ist den beiden Schleusern in diesem Moment jedoch nicht so wichtig: Sie haben den Auftrag, die ausgesetzten 23 Flüchtlinge schleunigst wieder einzusammeln und auf direktem Wege zurück nach Afrika zu bringen, um diplomatisches Unheil zu vermeiden. Sollte ihnen das nicht gelingen, droht den beiden bei ihrer Rückkehr massiver Ärger mit dem britischen Hafenkommandanten John Hopkins in der Hauptstadt Nouakar, der von dem Verschwinden der Menschen noch nichts bemerkt hat.

Wenn es mal nicht nach Plan geht...

 

Die Schleuser machen sofort kehrt und fahren zurück nach Gran Canaria. Sie können sich allerdings nicht mehr genau erinnern, an welcher der Buchten sie die Flüchtlinge abgesetzt haben. Als sie ein Lagerfeuer sehen, halten sie direkt darauf zu. Doch sie treffen nicht auf die Afrikaner, sondern auf die Touristengruppe, die immer noch auf ihre Passage wartet. Da die Zeit drängt, beordern sie kurzerhand die Reisenden auf das Boot, die das zunächst noch für einen amüsanten Teil des Piraten-Ausflugspakets halten. Doch als der Bootsführer von ihnen verlangt, sich die Haut mit altem Motoröl einzureiben, um vor dem Hafenkommandanten in Afrika möglichst als Schwarze durchzugehen, keimt bei denjenigen, die noch halbwegs nüchtern sind, das erste Misstrauen auf. Für alle beginnt nun eine Odyssee, die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden.

Auch die Flüchtlinge erleben eine interessante Zeit. Sie werden von einer eleganten Yacht abgeholt und an Bord mit köstlichen Getränken bewirtet. Ihre sehr einfache Kleidung erregt kein Misstrauen: Sie wird vom Bordpersonal sogar als besonders originelle Kostümierung gelobt. Nur die dunkle Haut der Menschen macht kurz skeptisch, aber warum soll es nicht auch wohlhabende Afrikaner geben, die sich eine so teure Reise erlauben können?
Die Vorzugsbehandlung setzt sich im Hotel fort, alle Flüchtlinge beziehen komfortable Suiten und werden erstklassig verpflegt. Als sich herausstellt, dass "ihr" Gepäck abhanden gekommen ist, dürfen sich die 23 Fremden auf Kosten der Hotelleitung neu einkleiden - selbstverständlich nur mit teurer Designerkleidung. Doch der Irrtum, den die Afrikaner fälschlicherweise als europäische Großzügigkeit interpretieren, fliegt auf, und die Gruppe wird sang- und klanglos in ein Flugzeug gesetzt, das sie zurück in ihre Heimat bringt.

Im Verlauf der weiteren Handlung begegnen sich die beiden so unterschiedlichen  Gruppen in Afrika, und es kommt zu weiteren Verwicklungen. Die Geschichte nimmt einen unerwarteten Verlauf und endet mit einem Ereignis, das sich auch ein phantasiebegabter Leser über weite Teile des Buches nicht vorstellen kann: Die Queen löst die Frage der Thronfolge auf ziemlich unorthodoxe Weise, was weltweit Begeisterung hervorruft.

Ein - eigentlich - ernstes Thema wird zu einer Folge von unerwarteten Begebenheiten

 

Ich habe selten ein Buch gelesen, das aus so vielen unwahrscheinlichen Elementen bestand, die dazu dienten, den Fortschritt der Handlung und so etwas wie Spannung am Leben zu erhalten. Im Hintergrund wabert immer eine Parallelgeschichte, die aus der Sorge um den Untergang des britischen Königshauses besteht: Einer bereits König Karl II. überlieferten Legende nach gehen die britische Monarchie und das gesamte Königreich unter, sobald die Tower-Raben den White Tower verlassen. Da in Boat People nicht nur die Raben kränkeln, sondern auch der White Tower einzustürzen droht, ist die betagte Queen auf der Suche nach einer Nachfolgeregelung, mit der diese Entwicklung aufgehalten werden kann. Sie findet sie, aber das Zustandekommen ihrer Entscheidung und die "Personalauswahl" selbst sind meiner Ansicht nach an den Haaren herbeigezogen. Auch andere Handlungsstränge sind dermaßen konstruiert, dass ich mich gefragt habe, ob das Buch als Satire gemeint war und deshalb mit bewussten Übertreibungen gearbeitet wurde. 
Schon der Beginn der Haupthandlung mit den identischen Gruppengrößen baute auf einer großen Portion Zufall auf; auch, dass der Hafenkommandant sich die zurückgekehrten "Flüchtlinge" nicht so genau anschaut und sie als Afrikaner ansieht, ist doch ziemlich weit hergeholt: Nach der Schilderung von Roland Künzel entsprachen die echten Flüchtlinge dem Bild, das sich Europäer im Allgemeinen von Afrikanern machen. Hopkins jedoch fällt nicht auf, dass die Gesichtszüge und Augenfarben nichts Afrikanisches an sich haben.
Es gibt noch mehr Ungereimtheiten, die mich fast dazu gebracht hätten, das Lesen dieses Romans abzubrechen. Doch dann hat die Neugier gesiegt: Was würde sich der Autor als Nächstes einfallen lassen, um seine Leser bei der Stange zu halten?
Ich muss es wohl nicht besonders betonen, aber BoatPeople hat meine Erwartungen nicht erfüllt. Die Grundidee ist gut, aber die Ausgestaltung hat mich nicht überzeugt. 

Ich bedanke mich für die Bereitstellung des Buches bei Blogg dein Buch. Das Buch ist beim Verlag epubli GmbH erschienen und kostet als Softcover-Ausgabe 9,95 € sowie als E-Book 2,99 €.