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Montag, 25. August 2025

# 486 - VW, China und eine Familiengeschichte

Wer kennt Wenpo Lee? Vermutlich nur wenige Menschen; und das, obwohl Herr Lee für den Volkswagen-Konzern buchstäblich der Türöffner für den Einstieg ins China-Geschäft war und eine beeindruckende Lebensgeschichte hat. Der Journalist Felix Lee hat sich mit seinem Buch China, mein Vater und ich der Lebensgeschichte seines Vaters gewidmet, die eng mit Deutschland und dem Volkswagen-Konzern verknüpft ist.

Wenpo Lee wurde 1936 in Nanjing, der damaligen Hauptstadt Chinas, geboren. Seit dem Sturz der Qing-Dynastie - und damit der Beendigung der 2.000-jährigen Herrschaft chinesischer Kaiser über China -  im Oktober 1911 und der Ausrufung der Republik drei Monate später befand sich das Land im Aufruhr. Die unruhige und instabile Situation mündete 1927 in den bis 1949 dauernden Chinesischen Bürgerkrieg, der mit dem Sieg der Kommunisten über die nationalistische Partei Kuomintang und der Gründung der Volksrepublik China endete. Am 1. Oktober 1949 proklamierte Mao Zedong die Chinesische Volksrepublik.

Das ist ein stark verkürzter geschichtlicher Abriss, der die Not, in der sich die Bevölkerung während dieser jahrzehntelangen Machtkämpfe befand, nicht annähernd beschreiben kann. Die Armut der Menschen war so groß, dass jeder um sein eigenes Überleben kämpfte. 

Die Familie Lee lebte vom Getreidehandel. Als die Soldaten der Kommunistischen Partei 1948 auf Nanjing zumarschierten, war Wenpo Lees Vater klar, dass sein Geschäft unter deren Herrschaft am Ende war. Wenpo floh als 12-Jähriger mit zwei Schwestern und einem Schwager nach Taiwan. Doch seine Hoffnung, seine Familie bald wiederzusehen, erfüllte sich fast dreißig Jahre lang nicht: Mao Zedong schirmte Festland-China völlig von der Außenwelt ab. Die geflüchteten Chinesen und Chinesinnen galten als Klassenfeinde, der Kontakt zu ihnen war verboten.

Wenpo arbeitete in Taiwan in einem Fahrradgeschäft und lernte dort die Grundlagen der Mechanik. Einer Fachhochschuldozentin fiel dort die besondere Begabung des Jungen auf. Sie nahm ihn bei sich auf und bezahlte seinen Schulbesuch. Danach besuchte Wenpo erfolgreich eine Fachhochschule und eine Militärhochschule, an der er Fahrzeugtechnik studierte. Sein nächster Schritt war wieder einem glücklichen Umstand zu verdanken: Einer der dortigen Professoren hatte in Deutschland Motorentechnik studiert und riet Wenpo, das ebenfalls zu tun. Der junge Mann folgte dem Rat 1962, studierte in Aachen Maschinenbau und promovierte. Er bewarb sich erfolgreich auf eine Stelle als Ingenieur bei Volkswagen in Wolfsburg, heiratete eine Chinesin und wurde nicht viel später zum ersten Mal Vater. 

1972, nachdem Mao Zedong zu einer Rückkehr zur Normalität aufgerufen hatte, wagte es Wenpo, seinem Vater einen Brief zu schreiben. Das war die erste Kontaktaufnahme mit der Familie auf Festland-China seit 24 Jahren. Es sollte noch weitere fünf Jahre dauern, bis Wenpo Lee seine Heimatstadt Nanjing wiedersah. Zwei Jahre zuvor war sein zweiter Sohn Felix geboren worden.

Lesen?

Felix Lee hat mit China, mein Vater und ich ein spannendes Buch geschrieben, in dem er anschaulich die Entwicklung Chinas von einem bitterarmen und unbedeutenden Land zu einem machtbewussten und wirtschaftlich stark prosperierenden Staat beschreibt, der einen großen Einfluss auf die Weltpolitik ausübt.

Und inwiefern war Wenpo Lee für VW ein Türöffner ins China-Geschäft? Das ist eine Anekdote, die Felix Lee gleich im ersten Kapitel beschreibt. 1978, als sein Vater dort eine Forschungsabteilung zur Entwicklung sparsamer Motoren leitete, standen einige Chinesen unangemeldet am Werkstor. Niemand wusste, was sie wollten. Einer von ihnen bezeichnete sich selbst als den chinesischen Maschinenbaumeister. Man bat ihn, den einzigen Chinesen im Werk, zu dolmetschen. Die Familie Lee war völlig in Deutschland integriert. Ihr Leben unterschied sich in nichts von dem deutscher Familien. Wenpo Lee hatte sich lange Zeit nicht mehr für die chinesische Politik interessiert und starke Zweifel, dass es sich bei der Gruppe am Werkstor tatsächlich um Chinesen handeln könnte. Für Deutsche sahen Asiaten schließlich alle gleich aus. Doch er sollte sich irren: Die Delegation wurde vom chinesischen Minister für Land- und Industriemaschinen angeführt und interessierte sich für Nutzfahrzeuge. Dieser Tag markiert den Grundstein für das Engagement von Volkswagen in China, das ohne Wenpo Lees Vermittlung so nicht oder erst später zustande gekommen wäre.

Wenpo Lee starb vor wenigen Wochen im Alter von 89 Jahren in Wiesbanden.

China, mein Vater und ich ist 2023 im Aufbau Verlag erschienen. Mir lag die Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2024 vor, die 5,-- Euro kostet.

Felix Lee gewann 2023 mit seinem Buch den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

Dienstag, 17. Dezember 2024

# 459 - Vaterländer

Der erfolgreiche Schauspieler Sabin Tambrea hat mit
seinem zweiten Roman Vaterländer ein sehr persönliches Buch vorgelegt. Er erzählt darin die Geschichte von drei Generationen seiner aus Rumänien stammenden Familie. 

Wer sich mit der rumänischen Geschichte beschäftigt hat, weiß, wie viel Gewalt und Leid der Bevölkerung angetan wurde, seitdem aus dem Land 1948 eine stalinistisch geprägte Volksrepublik wurde. Im selben Jahr entstand die Geheimpolizei Securitate, deren willfährige Helfer vor keiner grausamen Gewalttat zurückschreckten, um die Bevölkerung mundtot zu machen. 

Die Securitate entwickelte sich unter der Diktatur von Nicolae Ceaușescu zu einer Folterorganisation, die half, die herrschenden Machtverhältnisse zu festigen. Das wahre Ausmaß ihrer Barbarei kam erst ans Licht, nachdem die Diktatur mit der Hinrichtung von Nicolae Ceaușescu und seiner Frau Elena ihr Ende gefunden hatte.

In diesem Zeitraum bewegt sich die Handlung von Vaterländer. Tambrea beginnt 1987 mit der Auswanderung seiner Familie nach Deutschland, die außer ihm aus dem Vater Béla, der Mutter Rodica und der Schwester Alina bestand. Sabin Tambrea ist zu diesem Zeitpunkt zweieinhalb Jahre alt und Béla bereits seit zwei Jahren in Marl. Er hatte bei einer Konzertreise die Gelegenheit zur Flucht genutzt. Wie seine Frau ist er Berufsmusiker.

Tambrea beschreibt das Heimweh der Mutter, die vor allem ihre Eltern vermisst, und wie es ist, alles aufzugeben, um in einem fremden Land neu anzufangen. Béla hat sich bereits eingelebt, aber Rodica fällt es schwerer, sich an die fremde Umgebung zu gewöhnen. Als sie nach dem Sturz Ceaușescus 1989 zum ersten Mal wieder in die Heimat fahren, erleben sie an der rumänischen Grenze, dass die im Regime übliche Korruption nicht mit diesem verschwunden ist.

Sabin Tambrea hat seinen Roman in drei Abschnitte aufgeteilt. Im ersten geht es um die Ankunft der Mutter mit ihren beiden Kindern in Marl, wo der Vater eine Wohnung gemietet hat, und ihre Schwierigkeiten, beruflich Fuß zu fassen und mit der ständigen Geldnot zurechtzukommen. Tambrea schreibt über seine Verlustängste in dieser Zeit, die er als Junge lange nicht überwinden konnte. 

Béla und Rodica legen großen Wert auf die musikalische Erziehung ihrer Kinder. Der Geigenunterricht ist selbstverständlich, und es wird erwartet, dass Alina und Sabin bei Wettbewerben zu den Besten gehören. Als Rodica endlich eine feste Stelle in einem Orchester bekommt, bessert sich die Situation der Familie. Doch weil der Familienzusammenhalt auch über die Grenzen hinweg besteht, wird viel Geld dafür aufgebracht, die Verwandten in Rumänien zu unterstützen.

Im zweiten Teil des Romans kommt Tambreas Großvater Horea zu Wort, den er immer als freundlich lächelnden Mann wahrgenommen hatte. Nach dessen Tod werden in seinem Kleiderschrank seine Memoiren gefunden, in denen er ausführlich die Umstände seiner Verhaftung im April 1949 durch die Securitate wegen einer Nichtigkeit beschreibt. Er wird unter grausamen Umständen ohne Gerichtsurteil in mehreren Gefängnissen unschuldig festgehalten und erst nach fast drei Jahren freigelassen. Nach dieser Zeit gilt er als ehemaliger politischer Gefangener, was ihn für den Rest seines Lebens immer wieder benachteiligt.

Im dritten Abschnitt erklärt Tambrea, wie sich seine Eltern kennengelernt haben und es zu der Entscheidung, das Land zu verlassen, gekommen ist. Die schlechten Bedingungen, unter denen die Bevölkerung zu leiden hatte, sowie eine vom Regime geförderte Kultur der Denunziation machten das Leben in der Ceaușescu-Diktatur unerträglich.

Lesen?

Sabin Tambrea zeigt in Vaterländer den Bruch, den eine Flucht mit sich bringt. Er zeigt auch, dass starke Gründe dazu führen, dass man das, was einem lieb und teuer ist, verlässt: die Heimat, die Menschen, das gewohnte Umfeld. Die, die diesen Weg gehen, wissen nicht, ob sie ihre Familie jemals wiedersehen. Béla Tambrea hat damals viel Mut aufgebracht, diesen Schritt zu gehen. Und Großvater Horea hat die schwersten Jahre seines Lebens in den Fängen der Securitate nicht nur überlebt, sondern sich trotz allem sein freundliches und zugewandtes Wesen bewahrt.

Vaterländer ist 2024 im Gutkind Verlag erschienen und kostet gebunden 24 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.


Donnerstag, 24. Oktober 2024

# 457 - Allein durch die Wüste - eine wahre Geschichte über die Flucht eines Kindes

Vor 25 Jahren wird ein neunjähriger Junge auf eine
lange und gefährliche Reise von El Salvador nach Tucson, Arizona, geschickt. Der Versuch, ein reguläres Visum zu bekommen, ist da bereits gescheitert. Er wird einem Schlepper anvertraut, sein Großvater begleitet seinen Enkel auf der Busfahrt durch Guatemala bis nach Ocós an der mexikanischen Grenze. Ab dort ist das Kind auf sich allein gestellt. Dieses Kind ist der Autor Javier Zamora, der diese unglaubliche und rd. 6.000 Kilometer lange Reise in seinem Buch Solito beschreibt. Der Titel trifft die Sache genau, denn 'solito' bedeutet 'allein'.

Javiers Eltern sind schon einige Jahre zuvor als "Illegale" in die USA geflüchtet. Der zwölfjährige Bürgerkrieg in ihrer Heimat hatte zu einer Gewaltspirale geführt und El Salvador auch wirtschaftlich zerrüttet. Doch 1999 beschließt die Familie, dass Javier seinen Eltern nach 'La USA' folgen soll. Für den Jungen wird ein Traum wahr.

Javier kennt seinen Vater, der zuerst das Land verlassen hat, nur noch durch regelmäßige Telefonate und weiß durch Fotos, wie er aussieht. An seine Mutter kann er sich jedoch gut erinnern. Die Fotos zeigen seine Eltern vor schönen Häusern, die gepflegte Gärten und Swimmingpools haben. Javier schließt daraus irrtümlich, dass auch sie in solch einer Umgebung leben. Das steigert - neben seiner Sehnsucht nach ihnen - seine Vorfreude auf das neue Leben in den USA.

Javier fährt auf dem Pazifik in einem überladenen Boot von Ocós (Guatemala) nach Oaxaca (Maxiko); er schläft mit seiner Flüchtlingsgruppe in billigen Motels oder überfüllten Wohnungen und läuft nachts durch die eiskalte Wüste, die sich am Tag wie ein brütend heißer Ofen anfühlt; er erlebt Gewalt und Korruption und verbringt eine Nacht und einen Tag in der überfüllten und stinkenden Sammelzelle eines amerikanischen Grenzgefängnisses. Menschen, die mit der Gruppe nicht mehr Schritt halten können, werden in der Wüste zurückgelassen.

Doch Javier hat Glück: Er bekommt unterwegs Hilfe vom 19-jährigen Chino und der 27-jährigen Patricia, die mit ihrer kleinen Tochter Carla ebenfalls auf dem Weg in die USA ist. Die Vier werden auf dem Boot bis zu ihrer Ankunft zu einem Team, das zusammenhält und aufeinander achtet. Sie erleben gemeinsam, an der Grenze ihres Traumlands zu scheitern und motivieren sich gegenseitig, nicht aufzugeben. Die Familie auf Zeit ist Javiers rettender Anker. 

Lesen?

Solito war 2022, als die Originalausgabe in den USA erschien, wochenlang auf der Bestseller-Liste der New York Times. Das Thema illegale Migration spaltet seit etlichen Jahren das Land und trieb die Wählerinnen und Wähler im Wahlkampf sowohl in diesem Jahr als auch vor vier Jahren um. Zamora hat mit seinem Buch dazu beigetragen, sich in die Situation der Migranten, gegen die Ex-Präsident Trump das Land mit einer Mauer schützen will, hineinzuversetzen. 

Javier Zamora arbeitet zwar mit konkreten Datumsangaben, es darf jedoch bezweifelt werden, dass sich ein neunjähriger Junge, der mit dem nackten Überleben beschäftigt ist, täglich Notizen macht. Seine in Romanform verarbeiteten Erlebnisse geben jedoch Einblicke, wie gefährlich eine Flucht durch Schlepper und wie groß die Hoffnung ist, die Angehörigen wiederzusehen und ein Leben in Frieden zu führen.

Zamora hat viele Jahre lang niemandem von seiner fast zehnwöchigen Flucht erzählt. Die Erlebnisse haben ihn so schwer traumatisiert, dass er sich in psychotherapeutische Behandlung begeben hat. Seine Erzählung enthält sehr viele Eindrücke aus der Perspektive eines Kindes, das sich immer wieder orientieren und eine Situation einschätzen muss: Zamora schildert Gerüche in Unterkünften oder von Menschen, das Mienenspiel von Mitflüchtlingen, Schleppern oder Polizeibeamten oder den Geschmack von Staub. Es ist der Blickwinkel eines Kindes, von dem das Verhalten eines Erwachsenen erwartet wird. Die Angst ist ein ständiger Begleiter - bis zum Schluss, als der kleine Javier hofft, dass seine Eltern ihn vom letzten Schlepper freikaufen und abholen.

Das Buch ist sehr interessant, die immer wieder eingestreuten spanischen Begriffe und Aussprüche, die im Glossar übersetzt werden, haben den Lesefluss allerdings leider gehemmt und waren für das Verständnis nicht nötig.

Zamora ist in den USA bis zur Veröffentlichung von Solito als Lyriker bekannt gewesen und wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 

Solito ist 2024 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.


Tipp: Im Laufe der Handlung werden immer wieder Bands aus Mittelamerika und ihre bekanntesten Lieder genannt. Man muss kein Fan dieser Musik sein, aber sie sich zwischendurch anzuhören trägt dazu bei, die Atmosphäre des Buches zu erfassen.


Samstag, 7. Oktober 2023

# 412 - Wie ist das Kindsein im Krieg? Ein Roman über Entwurzelung, Sprachlosigkeit und Euthanasie

Sepp Malls Roman Ein Hund kam in die Küche ist
eine Zeitreise nach Südtirol und Oberösterreich Anfang der 1940-er Jahre. 
Die Südtiroler Familie Gruber entschließt sich 1942 auf Drängen des Vaters, die Heimat zu verlassen und nach Österreich auszuwandern, das nach dem sog. "Anschluss" des Alpenlandes ein Teil des Deutschen Reichs wurde. Hitler und Mussolini hatten eine als "Option" bezeichnete Möglichkeit vereinbart, dass die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Italiens (was im Wesentlichen der Bevölkerung Südtirols entsprach) sich entweder für ein Leben im Deutschen Reich oder den Verbleib in Italien entscheiden konnte. Die Ausreisewilligen werden in den Augen vieler Südtiroler zu Heimatverrätern.

Der Vater des im Roman als Ich-Erzähler auftretenden elfjährigen Ludi ist von der Vorstellung begeistert, Reichsdeutscher werden und der deutschen Sache dienen zu können. Doch die Familie, die außerdem noch aus der Mutter und dem sechsjährigen Hanno besteht, ahnt nicht, was da auf sie zukommt.

Die erste Station ist Innsbruck. Dort werden die Vier zunächst in einem Hotelzimmer untergebracht, danach folgt eine genaue ärztliche Untersuchung. Während sie für Ludi und seine Eltern komplikationslos verläuft, muss sich Hanno einer weiteren medizinischen Begutachtung unterziehen. Er ist wegen seiner körperlichen und geistigen Einschränkungen aufgefallen.

Der Vater meldet sich kurz nach der Ankunft zum Kriegsdienst an die Front. Er ist überzeugt davon, dass Deutschland den Krieg schnell gewinnen und er bald wieder bei seiner Familie sein wird. Es wird jedoch Jahre dauern, bis er zurückkehrt.

Aufgrund der Untersuchungsergebnisse muss Hanno in ein Behindertenheim. Die Familie geht davon aus, dass es ein Aufenthalt von einigen Wochen oder vielleicht einem Monat wird und Hanno danach besser sprechen und laufen kann. Man ahnt, dass es anders kommt.

Lesen?

Sepp Mall beschreibt die Folgen der krassen Fehlentscheidung des Vaters, die Heimat zu verlassen, brutal, aber dennoch empathisch. Szenen wie die, in denen es der Mutter und Ludi im Behindertenheim durch einen Trick verwehrt wird, sich von Hanno zu verabschieden, gehen sehr nahe. Ludi, der zu seinem Bruder ein enges und liebevolles Verhältnis hat, hofft, diesen noch einmal durch eines der Fenster zu sehen: "Und doch wurde ich den Gedanken nicht los, dass Hanno uns noch gesehen hatte. [...] Er musste uns gesehen haben, als wir davongingen." Die Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung, die von Ludis Worten ausgeht, ist deutlich zu spüren. Später hört er den Kommentar des Dorfladenbesitzers nach Hannos Tod, dass alle Opfer bringen müssten und man das dem gesunden Volkskörper schuldig sei.

Mall spricht nicht nur die Euthanasie an, der Hanno im Zuge der "Aktion T4" zum Opfer fiel, sondern auch das Gefühl der Heimatlosigkeit. Ludi hat Heimweh nach seinem Tal in Südtirol, und seine Mutter verspricht ihm, dass sie beide so bald wie möglich dorthin zurückkehren werden. Er fühlt sich in Österreich im "Niemandsland": "Meine Mutter war die Einzige, die wusste, wer in der Schulbank neben mir gesessen hatte oder wen ich meinte, wenn ich der Schneider sagte. [...] Hier an diesem Ort gab es keine Erinnerungen, die mir gehörten und die ich mit jemandem teilen konnte."
Doch zunächst werden sie ins sog. Oberdonaugau (heutiges Oberösterreich) geschickt. Die Familie wird wegen ihrer italienischen Herkunft mit Vorurteilen konfrontiert, die geflüchteten Sudetendeutschen, denen sie begegnet, werden von den Einheimischen aber deutlich schlechter behandelt. 

Und dann ist da diese Sprachlosigkeit. Nichts wird Ludi erklärt, oft muss er sich die Wahrheit aus den wenigen Äußerungen und Gesten seiner Eltern zusammenreimen. Auf Nachfragen, warum man ihm nichts gesagt habe, kommt häufig die stereotype Antwort: "Es ist besser so." Begriffe, die in der Sprachwelt der Erwachsenen eine Bedeutung haben, sind dem Jungen fremd und er gibt ihnen einen neuen Inhalt.

Mit einem sprachlichen Kniff lässt Sepp Mall den getöteten Hanno lebendig werden: Er erscheint seinem Bruder sowohl im Traum als auch im Alltag und erzählt ihm, was ihm im Behindertenheim widerfahren ist.

Ein Hund kam in die Küche wurde für den Deutschen Buchpreis 2023 nominiert. Zu Recht, denn der Roman schildert eindringlich und mit klaren Worten, wie sich Entwurzelung und Krieg für ein Kind anfühlen. 

Das Buch 2023 in der Leykam Buchverlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,-- Euro sowie als E-Book 18,99 Euro.

Dienstag, 16. Mai 2023

# 392 - Angekommen: ein neues Leben in Deutschland nach der Flucht aus Iran

Die 1952 in Iran geborene Mahshid Najafi lebt seit
1985 im hessischen Offenbach, einer Stadt mit einem für deutsche Verhältnisse hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. In ihrem Buch Wie Mond und Sonne schreibt sie sehr anschaulich, aus welchen Gründen sie ihre Heimatstadt Isfahan verlassen und vor fast vierzig Jahren ein neues Leben in Deutschland begonnen hat.

Najafi wuchs in einer wohlhabenden Familie auf und verlebte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend. Sie beschreibt sehr plastisch ihre Wohnumgebung und den Umgang der einzelnen Familienmitglieder miteinander sowie die Beziehung mit ihrem ersten festen Freund als junge Studentin in Schiras, die in ihre erste Hochzeit mündete. Sie reiste mit ihrem Mann 1975 in die USA, um dort ihr Studium fortzusetzen. Dort erfuhr sie nur wenig von dem, was sich in ihrer Heimat politisch abspielte. Durch eine Schah-kritische Studentenorganisation gelangte sie an Informationen über die diktatorische Monarchie, über die religiös motivierten Aktivitäten des damals noch im Exil lebenden Ajatollahs Ruhollah Chomeini erfuhr sie in den USA jedoch nichts.

Doch Najafi entschied sich, etwas für ihr Land tun zu wollen und kehrte vier Jahre später nach Iran zurück. Sie engagierte sich in einer linken politischen Gruppe. Um sich vor Verrat und Verfolgung zu schützen, legte sie sich einen Decknamen zu. Ihr Traum war Freiheit und Chancengleichheit für alle. Unter der Schah-Diktatur wurden Frauen benachteiligt, unter Chomeini mussten kritische Bürgerinnen und Bürger damit rechnen, hingerichtet zu werden - so, wie es Najafis Schwager ergangen ist.

Schließlich erkannten Mahshid Najafi und ihr zweiter Ehemann, dass für sie nur die Flucht infrage kommt, wenn sie weiter ohne Repressalien und Angst leben und arbeiten wollten. Nach kurzen Aufenthalten in Istanbul und den USA kam das Ehepaar im Winter 1985/86 in Frankfurt an. Nach einigen Wohnortwechseln ließ es sich in Offenbach nieder.

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Mahshid Najafi schreibt sehr offen und authentisch über ihr Leben. Ihr ist bewusst, unter welch privilegierten Bedingungen sie in Iran gelebt hat. In ihrer Anfangszeit in Deutschland hat sie in eher ärmlichen Verhältnissen gewohnt, was sie jedoch in Kauf genommen hat. 

Die Gruppe der Exil-Iraner verfügte über einen guten Zusammenhalt, der ihr und ihrer Familie - Najafi und ihr Mann haben zwei Kinder - in schwierigen Situationen oft weitergeholfen hat. Obwohl das Ehepaar bei seiner Flucht ursprünglich davon ausging, irgendwann in die Heimat zurückzukehren, blieb es in Deutschland.

Mahshid Najafi lernte Deutsch und brachte sich über etliche Ehrenämter vielfach in die deutsche Gesellschaft ein. Sie setzt sich für Integration und den Abbau von Fremdenfeindlichkeit ein und war Betriebsrätin, Ausländerbeauftragte und Stadtverordnete. Für ihr vielfältiges und jahrzehntelanges Engagement wurde sie im Januar 2023 mit dem Integrationspreis der Stadt Offenbach ausgezeichnet.

Wie Mond und Sonne enthält zahlreiche Farb- und Schwarzweiß-Fotos. Leider sind ihnen keine Erläuterungen beigefügt, sodass sich nicht immer erschließt, was genau dokumentiert wird.

Die Autorin schließt ihr Buch mit einem Nachwort, in dem sie etwas klarstellt:
"Meine Autobiografie soll auch ein Dokument gegen das Vergessen sein. Denn kein Exilant verlässt sein Geburtsland aus freiem Willen. Es gibt entweder gesellschaftliche, politische oder ökonomische Probleme, die auch meist zusammenhängen. So gibt es im Iran heute Menschen, die ihre eigenen Organe verkaufen, damit sie ihre Kinder ernähren können."

Wie Mond und Sonne ist 2022 im Verlag Donata Kinzelbach Mainz erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro.


Freitag, 17. März 2023

# 385 - Flucht, Rassismus, Nationalsozialismus und Liebe - und die Frage nach der Vererbung von Erinnerungen

Mit Stay away from Gretchen ist Susanne Abel ein Roman gelungen, an dem man nur den Titel kritisieren kann. Der hätte mich fast davon abgehalten, das Buch zu lesen, weil ich dahinter "Kitsch" vermutet hatte.

Greta Schönaich - eben jenes Gretchen - wächst in Ostpreußen auf. Als Achtjährige erlebt sie den Kriegsbeginn sowie die Euphorie und die Siegesgewissheit, die die meisten Erwachsenen um sie herum haben. Mit ihrer Schwester teilt sie die Verehrung für Adolf Hitler, den die beiden Mädchen wie einen Popstar anhimmeln. Nur ihr Opa, der als Soldat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hat, kann der Situation nichts Gutes abgewinnen. 

Gretas Vater Otto, ein glühender Nazi, wird 1940 eingezogen; der Rest der Familie, der außer dem Mädchen noch aus den Großeltern, der Mutter und der älteren Schwester Fine besteht, flieht im Januar 1945 nach Westen. Auf der Flucht wird die Familie auseinandergerissen und trifft sich erst im Mai 1946 bei Verwandten in Heidelberg wieder. Der Vater findet seine Familie nach langer Gefangenschaft in Russland erst 1952 wieder. 

Die Stadt wird ihre neue Heimat. Gretas Lebensweg nimmt eine drastische Wendung, als sie in Heidelberg einen dort stationierten amerikanischen Soldaten kennenlernt, in den sie sich verliebt. Dass er nach der nationalsozialistischen Rassenlehre ein Untermensch ist, ist ihr gleichgültig. Die Folgen dieser Liebe sollen ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen.

2015 - im Hier und Jetzt

Susanne Abel belässt es nicht dabei, die Geschichte der Schönaichs zu erzählen, sondern springt immer wieder rund siebzig Jahre in die Zukunft. Hier steht zunächst der prominente Kölner TV-Nachrichtenmoderator Thomas "Tom" Monderath im Mittelpunkt. Er ist Single, hat immer mal wieder One-Night-Stands und lebt ansonsten im Takt der Nachrichtenlage. Seine 84-jährige Mutter Greta ist verwitwet und lebt allein in der Wohnung, in der Tom aufgewachsen ist. Die Seniorin sieht ihren Sohn vor allem dann, wenn sie abends den Fernseher anschaltet. Der Kontakt zu ihm ist ziemlich spärlich. 

Das ändert sich schlagartig, als die alte Dame seltsame Dinge tut. Tom schiebt den Gedanken, dass sich da möglicherweise Probleme auftun könnten, die sein egozentrisches Leben aus dem Lot bringen, zur Seite. Aber die Diagnose des Arztes ist eindeutig: Seine Mutter leidet an Alzheimer. Je mehr sie sich geistig aus der Gegenwart entfernt, umso stärker rückt die Vergangenheit in den Vordergrund. Als Tom in ihrer Wohnung ein Foto findet, auf dem ein afroamerikanischer Soldat abgebildet ist, bemerkt er die Reaktion seiner Mutter: Sie wird so emotional, wie er sie nie kennengelernt hat und behauptet, dieser Mann sei sein Vater. Tom beginnt mithilfe einer Kollegin, Nachforschungen anzustellen und lernt seine Mutter von einer ganz neuen Seite kennen.

Lesen?

Stay away from Gretchen erzählt eine von tragischen und traumatischen Erlebnissen geprägte Lebensgeschichte. Susanne Abel beschreibt die Folgen des nationalsozialistischen Rassenwahns und die gesellschaftliche Ausgrenzung der deutschen Frauen, die von afroamerikanischen US-Soldaten schwanger wurden. Ihre Kinder wurden als minderwertig angesehen, vielen Müttern wurden sie zwangsweise weggenommen, um dann zur Adoption freigegeben zu werden.

Doch auch innerhalb der US-Armee wurde die Rassentrennung vollzogen. Afroamerikanische GIs bekamen den Rassenhass zu spüren und wurden oft wie Fußabtreter behandelt. 

Das Thema Flucht und Vertreibung wird in Abels Roman immer wieder angesprochen, wenn beispielsweise Bezüge zu der Fluchtbewegung im Jahr 2015, als zwei Millionen Menschen auf dem Land- und Seeweg in die EU flohen, hergestellt werden. Weder damals noch heute waren geflüchtete Menschen in den Orten, in denen sie Zuflucht suchten, willkommen.

Das Buch greift zudem Erkenntnisse im Zusammenhang mit Demenzerkrankungen auf. Mit fortschreitender Demenz vergessen die Menschen, worüber sie ihr Leben lang schweigen wollten. Es ist häufig so, als würde sich eine Tür öffnen, hinter der die Vergangenheit jahrzehntelang fest verschlossen gewesen war. Abel arbeitet auch Forschungsergebnisse in ihre Handlung ein, wonach Erfahrungen und Erlebnisse, die in einer Generation gemacht wurden, durch eine Art "genetisches Gedächtnis" an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden.

Fazit: Lesen? Ja!

Stay away from Gretchen ist 2021 bei der dtv Verlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort bekommt Josef wieder Arbeit. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Freitag, 8. Juli 2022

# 355 - Ein großer Roman über ein hundertjähriges Leben

Die chilenisch-amerikanische Erfolgsautorin Isabel Allende ist in ihrem neuesten Roman Violeta einem vertrauten Muster treu geblieben: Sie setzt sich auch hier für die Rechte der Frauen ein und hat folgerichtig eine Frau in den Mittelpunkt gestellt.

Violeta del Valle wird 1920 als jüngstes Kind einer bürgerlichen Familie in Südamerika geboren. Zu dieser Zeit bahnt sich die Spanische Grippe ihren Weg in ihre Heimat. Der Vater handelt jedoch vorausschauend und schickt die ganze Familie in häusliche Quarantäne. Alle überleben, aber die später folgende Weltwirtschaftskrise bricht ihnen finanziell das Genick. Die Schande treibt den Vater in den Selbstmord, die Familie ist nun nahezu mittelos. 

Violetas älterer Bruder schickt seine Schwester, die Mutter, die Tanten und das britische Kindermädchen in das wilde Hinterland, wo sie bei einem älteren Lehrerehepaar unterkommen. Die Lebensverhältnisse sind sehr einfach, doch die Familie gewöhnt sich irgendwann daran. Hier wächst Violeta zu einer jungen Frau heran, die ihrem Herzen folgt. Sie heiratet einen wohlhabenden deutschen jungen Mann und kommt so mit dem Nationalsozialismus in Berührung. Doch diese Ehe soll nicht ihre einzige bleiben.

Isabel Allende hat ihren Roman als Violetas Brief an ihren Enkel Camilo angelegt, in dem diese nicht nur über die Höhen und Tiefen schreibt, die sie im Laufe der Jahrzehnte erlebt hat, sondern auch historische Begebenheiten einflicht. Violeta entwickelt sich von einem Anhängsel ihres ersten Mannes zu einer eigenständigen Frau, die ihr eigenes Geld verdient, häusliche Gewalt erlebt und dagegen ankämpft. Immer wieder werden gesellschaftliche Themen aufgegriffen wie z. B. der Kampf der Frauen um das Wahlrecht und ein selbstbestimmtes Leben.

Violeta enthält unübersehbare Parallelen zu Allendes eigener Geschichte: Die Schriftstellerin ist zum dritten Mal verheiratet, hatte etliche Affären und hat ebenso wie ihre Protagonistin ein Kind verloren. Sogar die Situation, wegen einer Krise flüchten zu müssen, hat Allende selbst erlebt.

Lesen?

Violeta ist ein großer Familienroman, der in einer Pandemie beginnt und hundert Jahre später, kurz vor Violetas Tod, in einer anderen - der heutigen - Pandemie endet. Allende beschreibt Violeta sehr facettenreich, in Bezug auf deren Kinder sind allerdings nur wenige tiefe Emotionen spürbar. Violeta kümmert sich zwar um sie, doch das Verhältnis zu ihnen wirkt distanziert.

Der Schreibstil des Romans wirkt etwas irritierend: So, wie Allende formuliert, würde man nicht einen persönlichen Brief schreiben. Mit Ausnahme einiger hin und wieder eingestreuter Passagen, in denen Violeta ihren Enkel direkt anspricht, passt die Wortwahl zu einer romanhaften Erzählung, aber nicht zu einem persönlichen und sehr privaten Schriftstück. Davon unabhängig ist das Buch sehr lesenswert und bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte Südamerikas während der letzten einhundert Jahre.

Violeta ist 2022 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro, als E-Book 21,99 Euro sowie als Hörbuch-Download 18,95 Euro.


Freitag, 3. April 2020

# 234 - Der Blick nach Algerien: Ist die Hoffnung auf Veränderung berechtigt?


Mitte Januar 2020 hatte ich hier bereits zwei Bücher aus dem Verlag Donata Kinzelbach vorgestellt. Im heutigen Buch geht es um ein Stück der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, die Algerien in der jüngsten Vergangenheit durchgemacht hat.

In dem Buch Im Aufbruch, herausgegeben von dem algerischen Dichter Amin Khan, versammeln sich 19 Texte von zum Teil namhaften algerischen Dichtern, Schriftstellern, Journalisten und/oder Wissenschaftlern. Alle beschäftigen sich mit den seit Februar 2019 in Algier stattfindenden Demonstrationen, an denen zehntausende Menschen teilnehmen.

Zunächst ging es um den Protest gegen die am 12. September 2019 geplante Präsidentschaftswahl. Es wurde zwar zwischenzeitlich klar, dass der an der Macht hängende greise und gesundheitlich schwer angeschlagende bisherige Präsident Bouteflika nun doch nicht mehr kandidieren würde, aber das änderte wenig am Zorn der Algerier.

Schon viel zu lange fühlten sie sich ausgebootet. Diejenigen, die den Staat repräsentierten, haben nicht zugunsten des Volkes gehandelt, sondern zugunsten der eigenen Taschen. Junge Algerier haben entweder kaum eine Chance auf eine Berufsausbildung oder können den erworbenen Hochschulabschluss im eigenen Land nicht nutzen. Viele von ihnen haben im Laufe der Jahre versucht, der bodenlosen Hoffnungslosigkeit in der eigenen Heimat durch die Flucht übers Mittelmeer zu entgehen.

Die Texte handeln nicht nur von der Wut gegen die Regierung. Es geht auch um die Achtung, die die Älteren nun den Jungen entgegenbringen, weil diese Proteste organisieren und eine Veränderung erreichen wollen. Auch das, was in der algerischen unruhigen und gewaltsamen Geschichte, insbesondere seit Ende der 1980-er Jahre, passierte, wirkt bis heute in den Menschen nach. So berichtet zum Beispiel der Arzt Farid Chaoui von schwer traumatisierten Patienten quer durch alle Altersgruppen, die aus einer bestimmten Region kommen, die am meisten unter Gewalt und Terrorismus zu leiden hat.

Die algerische Protestbewegung ist seit mehr als einem Jahr aktiv und verschafft sich Gehör. Aktuell wird sie durch Covid-19 gestoppt. Wie es mit ihr und dem Land weitergeht, wenn die Pandemie vorbei ist, weiß heute keiner. 

Im Aufbruch ist als Taschenbuch erschienen und kostet 22 Euro.

Freitag, 28. Februar 2020

# 231 - Das Leben der Gräfin: eine Biografie über eine der einflussreichsten Journalistinnen Deutschlands


Marion Gräfin Dönhoff war lange Jahre Herausgeberin und Chefredakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT und eine einflussreiche Publizistin, die mit den Mächtigsten ihrer Zeit Kontakt hatte und mit vielen von ihnen befreundet war. Gleichzeitig wurde ihre eine etwas unterkühlte Aura nachgesagt. Die Herausgeberin der Frauenzeitschrift EMMA, Alice Schwarzer, hat noch zu Lebzeiten Dönhoffs eine Biografie über sie geschrieben: Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben.

Marion Dönhoff wurde 1909 als jüngstes von sieben Kindern auf Schloss Friedrichstein in der Nähe von Königsberg geboren. Entgegen der damals üblichen Gepflogenheiten bestand sie darauf, das Gymnasium zu besuchen - als einziges Mädchen. So durchsetzungsstark, wie ihr Leben begonnen hatte, sollte es auch weitergehen. Alice Schwarzer hat im Laufe eines Jahres in zahlreichen Gesprächen mit Dönhoff sowie deren Angehörigen und Freunden viele kleine Puzzlestücke zusammengetragen, die sich in diesem Buch zu einem Bild zusammenfügen.

Die Biografie zeigt, unter welchen Umständen Marion Dönhoff die Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und den 2. Weltkrieg in Ostpreußen erlebt hat. Schwarzer schildert, dass es da einen kurzen Moment in Dönhoffs Leben gab, in dem dieser die Vorstellung, Sozialismus und Nationalismus miteinander zu verbinden, attraktiv erschien. Sie erlebte Adolf Hitler dann, als er in einer Schule eine Rede hielt:
"Er trat auf, tobte, geiferte und redete, wie ich fand, viel Unsinn. Angewidert kam ich zurück und erklärte (..): 'Ohne mich! Mit denen nie!'"
In dieser Zeit beobachtet sie, dass nur wenige Menschen wussten, was eine Demokratie ausmacht: "Alle hatten nur noch einen Wunsch: den starken Mann am Ruder zu sehen."

Unter abenteuerlichen Umständen musste Marion Dönhoff im Januar 1945 Ostpreußen in Richtung Westen verlassen. 1.200 Kilometer legte sie in klirrender Kälte auf ihrem Pferd zurück, bevor sie in Westfalen ankam. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch eine ganze Reihe Menschen verloren, die ihr wichtig waren: Ihr Bruder und ihre Neffen waren im Krieg gefallen, mehrere Freunde wurden als Verschwörer im Zusammenhang mit dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Dönhoff hatte sie unterstützt und es nur ihrem Glück zu verdanken, nicht selbst verhaftet worden zu sein. Die Witwen der Hingerichteten erhielten einige Tage später eine Rechnung über die 'Gebühr für die Todesstrafe' und die 'Kosten der Vollstreckung'. Die vielen schlimmen und existenziellen Erfahrungen hatten das Wesen von Dönhoff verändert, sie war hart geworden.

Alice Schwarzer beschreibt den Weg Marion Dönhoffs nach Hamburg in die Redaktion der ZEIT. Dönhoff berichtet über die Nürnberger Prozesse, die Demontage der Industriebetriebe und den Grund, der sie dazu veranlasste, sich kurzzeitig von der ZEIT abzuwenden: Einer der Mitbegründer und Chefredakteur der Wochenzeitung, Richard Tüngel, fand nichts dabei, dass der Staatsrechtler Carl Schmitt, ein seit 1933 aktives Mitglied der NSDAP, dort Artikel schrieb. Hier wird erneut ihr starke Abneigung gegen den Nationalsozialismus deutlich, der sie ihr ganze Leben lang schreibend Ausdruck gegeben hat.

Man wundert sich zunächst etwas, dass einer bekannten Feministin wie Alice Schwarzer so viel daran lag, sich biografisch einem Menschen wie Marion Dönhoff zuzuwenden, die vom Feminismus nie viel gehalten hat. Im zweiten Teil des Buches findet man ein Interview aus dem Jahr 1995, in dem Schwarzer ihre eigene Verwunderung darüber formuliert hat:
"Es sieht so aus, als würde unser Buch bald erscheinen. Meinen Sie nicht, dass einige Leute erstaunt gucken werden, wenn unserer beider Namen auf einem Buchdeckel stehen?" - Antwort Dönhoff: "Sicher ist das so. Aber das ist mir wurscht." 

Wer Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben gelesen hat, erfährt nicht nur viel über die 2002 verstorbene Journalistin, sondern bekommt einen tiefen Blick in die deutsche Geschichte. Das Buch wird zum Schluss durch eine Auswahl an von Dönhoff zwischen 1950 und 1995 für die ZEIT verfassten Artikeln abgerundet, in denen sich sehr deutlich erkennen lässt, welche Themen sie bewegt haben.

Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben hat mir als vom Verlag Kiepenheuer & Witsch herausgegebenes E-Book vorgelegen. Der Titel wurde zuerst 1996 und dann erneut 2017 veröffentlicht. Das E-Book ist für 9,99 Euro erhältlich, das gebundene Buch kostet 17,95 Euro und das Taschenbuch 9,99 Euro.

Dienstag, 6. August 2019

# 206 - Wenn sich eine Frau dem IS anschließt

Vor etwas mehr als drei Jahren habe ich zum letzten
Mal ein Buch von Ulrike Blatter vorgestellt: Vor dem Erben kommt das Sterben ist damals noch als Self-Publishing-Titel erschienen.

Töchter des Todes ist ihr neuester Roman, und dafür hat sich die Autorin viel vorgenommen. Die Geschichte, die Ulrike Blatter erzählt, ist nicht nur eine einzelne, für sich allein stehende Handlungsabfolge, sondern es sind vielmehr mehrere miteinander verwobene Schicksale, in die die Menschen manchmal einfach hineingeschubst worden sind. So, wie es bei dem bosnischstämmigen Ehepaar Edin und Kristina Hodžić der Fall ist, das die Flucht vor dem Balkankrieg in das beschauliche und friedliche Taufingen verschlagen hat. Die muslimische Religion spielt in ihrem Leben keine Rolle, die beiden Töchter Semina und Aylin wurden in Deutschland geboren, die Familie ist in die Gemeinschaft integriert. Die Eltern wollen, dass aus ihren Kindern etwas Vernünftiges wird und spornen sie an, in der Schule und im Studium Leistung zu zeigen. "Glaub ja nicht, dass die Welt gerade auf dich gewartet hat!", wird für die beiden Schwestern zu einer der meistgehörten Ermahnungen.

Doch dann öffnet Aylin den Facebook-Account ihrer älteren Schwester Semina. Sie schaut in ein mit einem Niqab vollverschleiertes Gesicht, in dem sie nur die Augen wiedererkennt. Semina hat dort ihren Standort mit "Syrien" angegeben. Von diesem Tag an ändert sich fast alles: Seminas Verschwinden spricht sich im Ort rasch herum, die selbsternannte Investigativpresse gießt mit unbewiesenen Behauptungen fleißig Öl ins Feuer. Als wenige Tage später ein Selbstmordattentat auf eine Taufinger Metzgerei verübt wird und Zeugen eine in einen schwarzen Niqab verhüllte Frau gesehen haben, sind sich praktisch alle Einwohner einig, dass Semina für diese Tat verantwortlich ist. Es wird in der Öffentlichkeit sogar vermutet, dass sie in Deutschland war, um für den IS junge Frauen anzuwerben.

Die Familie Hodžić ist nun sozial isoliert, Kristina ist an ihrem Arbeitsplatz, einem Kindergarten, nicht mehr erwünscht und sogar ihre beste Freundin wendet sich von ihr ab. Die Familie erhält Drohungen, und Edin beginnt plötzlich wieder zu beten und verschwindet immer wieder ohne eine Erklärung. Zu der Angst um Semina kommt nun noch die um den Vater und Ehemann hinzu. Hatten sie es in der Vergangenheit als "gemischtes" Paar im ehemaligen Jugoslawien nicht schon schwer genug?

Die Handlung wird noch von weiteren Figuren getragen: Aylins Freund Jordan, der mit seiner dunklen Haut und seinen schwarzen Haaren mit Vorbehalten konfrontiert wird, ist durch seine Vergangenheit traumatisiert und kämpft immer wieder gegen das, was er "das Biest" nennt. 
Jordans größter Kontrahent ist Sven; der junge Mann macht keinen Hehl aus seiner rechten Gesinnung.

Parallel zu den Geschehnissen in Taufingen wird auch die Geschichte von der jungen Deutschen Star und ihrem Mann Luan erzählt. Beide hatten sich mit völlig falschen Vorstellungen dem IS im syrischen Rakka angeschlossen, dann aber desillusioniert ihre Flucht geplant. Sie wollten ihrem trostlosen Leben entfliehen, um dann zu erleben, dass sie direkt in der Hölle gelandet waren. Doch sie werden in der Wüste von einer Patrouille aufgegriffen und sehen ihrem sicheren Tod entgegen. Erst gegen Ende des Buches wird deutlich, wo der Zusammenhang zwischen ihnen und Seminas Verschwinden ist.


Wie war's?


Ulrike Blatter hat mit Töchter des Todes einen hochaktuellen Roman geschrieben, in dem sie den Fokus auf Themen lenkt, über die derzeit ständig diskutiert wird: Flucht und Vertreibung, Terrorismus, Fremdenhass, Vorurteile, Zivilcourage, Korruption, Kriminalität und die Verpflichtung der Medien, über Sachverhalte wahrheitsgemäß zu berichten.
Am Ende des Buches ist nichts mehr so, wie es zu Anfang schien. 

Der Roman ist an jeder Stelle spannend geschrieben und nimmt den Leser durch seine eindringliche Sprache mit in die Welt, in der die einzelnen Personen leben - mit ihren Gefühlen, Nöten und ihrer Vergangenheit. Klare Leseempfehlung für ein Buch, das uns einen Spiegel vorhält.

Töchter des Todes ist im Leinpfad Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.


Samstag, 9. Februar 2019

# 183 - Vom Fliehen und Ankommen

1945 verschlägt es die Gräfin Hildegard von Kamcke und
ihre fünfjährige Tochter Vera auf ihrer Flucht aus Ostpreußen ins Alte Land, das Obstanbaugebiet vor den Toren Hamburgs. Sie kommen bei Ida Eckhoff unter, die zusammen mit ihrem im Krieg als Soldat verwundeten Sohn Karl auf einem Altländer Hof wohnt. Die Botschaft der plattdeutschen Inschrift am Giebel des Wohnhauses wird sich durch das ganze Buch ziehen:

Dit Huus is mien un doch nich mien,
de no mi kummt, nennt't ook noch sien.

Ida Eckhoff hat für das "Polackenpack" nichts übrig und lässt das die Neuankömmlinge deutlich spüren: "Von mi gift dat nix!", ist ihre Antwort auf Hildegards Bitte um etwas Essen für ihre Tochter. Doch sie kann nicht verhindern, dass sich die stolze Hildegard und der durch den Krieg körperlich und seelisch schwer angeschlagene Karl einander annähern und schließlich heiraten. Dieser Schritt lässt Ida in ihrer neuen Rolle als Schwiegermutter schwere Geschütze auffahren. Doch die beiden Frauen sind einander ebenbürtig und schenken sich nichts.

Aber der Tag kommt, an dem Hildegard ihre Sachen packt und das Haus für immer verlässt. Allein. Vera bleibt bei Karl zurück, gefragt wurde sie nicht. Ida ist da schon nicht mehr am Leben, Hildegard von einem Architekten schwanger. Hildegard lässt sich von Karl scheiden und heiratet ein zweites Mal. Sie bekommt eine Tochter, die später selbst zwei Kinder - eine Tochter und einen Sohn - haben wird. Der Kontakt zwischen Vera und ihrer Halbschwester Marlene ist eher sporadisch, die Jüngere weiß nur wenig von der Flüchtlingsvergangenheit der Mutter.
Vera wird Zahnärztin und bleibt ihr Leben lang in dem Haus, das einmal Ida Eckhoff gehört hat. Es ist nicht so, dass sie eine bewusste Entscheidung getroffen hätte, weil sie Land und Leute ins Herz geschlossen hat; sie ist auf irgendeine Weise hier hängengeblieben, wie ein Blatt, dass sich in einem murmelnden Bach an einem kantigen Stein verfangen hat. Sie lebt ihr ziemlich einsames Leben, passt sich nicht an das an, was andere für "normal" halten und lässt Haus und Hof langsam verrotten.

Sechzig Jahre nach Veras Ankunft treffen wieder "Flüchtlinge" auf dem Altländer Hof ein: Veras Nichte Anne und ihr kleiner Sohn Leon. Anne hat bis jetzt mit ihrem Sohn und ihrem Freund in Hamburg-Ottensen gewohnt, einem Stadtteil, der vor hippen Menschen und modernen Eltern überquillt und wo sich Anne nie wirklich wohl gefühlt hat. Nachdem herausgekommen ist, dass ihr Freund sie betrogen hat, hat Anne kurzentschlossen ihre Sachen gepackt, Leon ins Auto gesetzt und ist zu ihrer Tante gefahren. Die beiden unterschiedlichen Frauen müssen sich nun aneinander gewöhnen und die Eigenheiten der jeweils anderen akzeptieren lernen.


Lesen?

 

Altes Land erzählt sehr empathisch davon wie es sich anfühlt, sein Zuhause zu verlieren und woanders, wo man nicht willkommen ist, neu anzufangen. Der Roman stellt das Leben der Altländer jedoch auch dem der Zugezogenen gegenüber: Erstere wollen sich entweder nicht daran gewöhnen, dass sich die Zeiten ändern und man sich Neuem öffnen muss oder sie werden von ihren Nachbarn belächelt, wenn sie ihre Obsthöfe um touristische Attraktionen erweitern; die neuen Bewohner, vorwiegend gutsituierte Hamburger auf Sinnsuche, haben eine romantische Vorstellung vom Leben auf dem Land, wie sie Leute pflegen, die regelmäßig in diesen Lifestyle-Magazinen blättern, in denen Bauernhöfe aufgeräumt und keimfrei und Landwirte mindestens so glücklich wie ihre Kühe sind. Für manche dieser Menschen sind die Alteingesessenen tumbe Bauern, denen es gehörig an Bildung fehlt. Man kann vermuten, dass Dörte Hansen, die selbst auf dem Land lebt, das so oder so ähnlich schon oft erlebt hat. 
Klare Leseempfehlung.

Altes Land  kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro, als Taschenbuch 10 Euro, als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro sowie als Audio-CD 7,99 Euro. 

Freitag, 13. Juli 2018

# 158 - Ein Gesellschaftsroman mit wahren Elementen

Ein mecklenburgisches Dorf als Zentrum des Geschehens

 

Machandel: Das ist der Name eines fiktiven mecklenburgischen Dorfes und des gleichnamigen Debutromans von Regina Scheer, der 2014, passend zum 25. Jahrestags des Falls der deutsch-deutschen Mauer, erschienen ist. Der Dorfame leitet sich vom niederdeutschen Wort für Wacholder ab, der rund um Machandel üppig wächst.

Deutschland von den 1930er bis zu den 1990er Jahren

 

So unbedeutend das winzige Dorf Machandel an sich ist, für die Hauptpersonen in Regina Scheers Roman ist es so etwas wie der Nabel ihres Lebens. Der russische Offizier Grigori strandet hier im 2. Weltkrieg für etwas mehr als ein Jahr ebenso wie die  Arztwitwe Emma aus Hamburg, die es sich zur Aufgabe macht, sieben verwaiste Kinder großzuziehen, deren Mutter verstorben ist, deren Vater als Soldat im Krieg kämpft und deren älteste Schwester in einer Nervenklinik ist - nachdem sie vom Stallarbeiter und späteren Gefangenenaufseher Wilhelm Stüwe vergewaltigt und dann als schwachsinnig denunziert wurde, damit sie ihm nicht gefährlich werden kann.

Doch im Mittelpunkt des Romans steht die 1960 geborene Clara. Wie die anderen Personen, die den Inhalt des Buches wesentlich prägen, spricht sie aus der Ich-Perspektive und zeigt ihre Sicht der Ereignisse. Sie ist die Schwester des 14 Jahre älteren Fotografen Jan Langner, der im Schloss von Machandel geboren wird und erst im Alter von sieben Jahren zu seinen Eltern nach Ost-Berlin zieht. Die beiden sind die Kinder des Kommunisten Hans Langner, der in der DDR verschiedene wichtige Positionen bis hin zum Minister inne hatte und sein Leben lang von einem kommunistischen Staat träumt. Er wird 1935 wie seine Lebensgefährtin Else als Mitglied der Kommunistischen Partei verhaftet und letztlich ab 1943 im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten. Als die Rote Armee immer näher rückt, treibt die SS über 30.000 Häftlinge nach Nordwesten. Auf diesem Todesmarsch gelingt Hans Langner gemeinsam mit zwei tschechischen Gefangenen die Flucht und er erreicht schwer krank Machandel. Dort wird er von der jungen Johanna gesund gepflegt, die selbst zusammen mit ihrer Mutter als Flüchtling in das Dorf gelangt ist. Johanna und Hans werden ein Paar.

Clara lernt Machandel erst 1985 kennen. Jan hat seine Ausreise aus der DDR beantragt, und sie wurde genehmigt. Kurz vor dem Abschied schlägt er vor, mit Clara und ihrem Mann Michael nach Machandel zu fahren und ihnen den Ort seiner frühen Kindheit zu zeigen. Ab diesem Zeitpunkt wird das Dorf für Clara zu einer Art Sehnsuchtsort: Sie und Michael kaufen die alte Kate, in der Emma etliche Jahre zuvor mit den sieben Kindern gelebt hat, und richten sie als Wochenendhaus her. Sie verbringen viel Zeit in Machandel, das gerade Clara wie eine Art Oase und Ruhepunkt erscheint. Doch im Laufe der Jahre erfährt sie immer mehr über die Bewohner - die früheren und die jetzigen - und die Geschichte des Dorfs. Flucht, Gewalt und Erniedrigung hat dieser Ort gesehen, aber auch Zusammenhalt und Liebe. Clara lernt im Laufe der Jahre auch immer mehr über ihre eigene Familie. In ihrem eigenen Leben geht es auf und ab, doch ein Wunsch begleitet sie immer: Sie würde gern ihren Bruder wiederfinden. Niemand aus der Familie oder von seinen Freunden hat Jan seit seiner Ausreise aus der DDR wiedergesehen. Doch es gibt Spuren, an die sich sein alter Freund Herbert heftet: Immer wieder werden seine Fotos in Zeitschriften veröffentlicht - aus Kuba, Nicaragua oder Bolivien. Aber die Fotos sind nicht mit seinem Namen gekennzeichnet: Unter jedem Bild steht einfach nur "Machandel".

Lesen?

 

Machandel ist ein äußerst vielschichtiger Roman, in den man förmlich eintaucht. Da es sich nicht um eine chronologische Handlung handelt, sondern die Personen nacheinander ihre Sicht auf die Vergangenheit erzählen, gelingt es sehr gut, sich in sie hineinzufühlen. Jeder hat ein Geheimnis oder leidet unter der Erinnerung an oft lange zurückliegende Ereignisse. Nur der Leser weiß, warum die Menschen auf die eine oder andere Art gehandelt haben. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie mehr miteinander geredet hätten?

Regina Scheer wurde 1950 in Ost-Berlin geboren und hat die DDR auch dann nicht verlassen, als sich die Möglichkeit ergeben hatte. Der Osten Deutschlands und vor allem Berlin ist darum auch der Schwerpunkt ihres Buchs. Wer in der DDR aufgewachsen ist oder die Situation dort verfolgt hat, wird auch viele Namen von einst wichtigen Personen wiedererkennen; auch die, die nicht explizit genannt, sondern nur beschrieben werden.

Machandel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2017 im Penguin Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro, als gebundene Ausgabe 22,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 8,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

 

 

Freitag, 29. Juni 2018

# 156 - Roman über eine lange Liebe mit Höhen und Tiefen

Stille und Einfachheit prägen die Familie

 

Johanna Lettmann und Wilfried Fiebelkorn werden im 2. Weltkrieg von der Roten Armee aus Hinterpommern vertrieben. Johanna wird schnell schwanger, doch auf der Flucht wird Wilfried von britischen Soldaten aufgegriffen und verbringt die nächsten fünf Jahre in englischer Kriegsgefangenschaft, ohne vorher je einen Schuss abgefeuert zu haben. Johanna erhält während dieser Zeit kein Lebenszeichen von ihm. In seinem Debutroman Ein Fiebelkorn erzählt Matthias Lanin auf eine spezielle Art von einer deutschen Familie, deren Schicksal - wie das vieler anderer auch -  von Umständen abhing, die sie nicht beeinflussen konnten.

Mehr als 50 Jahre Ehe in einem Buch

 

Die Fiebelkorns führen ein stilles Leben und sind immer wieder gezwungen, sich mit einschneidenden Ereignissen auseinanderzusetzen und sie zu verarbeiten. Sie haben vier Töchter, aber eine von ihnen stirbt im Alter von vier Jahren. Zu einer anderen Tochter, die in den USA lebt, haben sie nur gelegentlich Kontakt. Johanna und Wilfried haben das Kriegsende erlebt, ihre Kinder in der DDR großgezogen, haben ungläubig den Mauerfall vor dem Fernseher verfolgt und sind über all dem alt geworden. Jeder kennt genau die Vorzüge und Macken des anderen und kommt damit zurecht, sie haben sich als über 80-Jährige in ihrer bescheidenen Zweisamkeit eingerichtet. Doch man ahnt schon auf den ersten Seiten, dass damit bald Schluss ist: Wilfried spürt ein Gewicht auf der Brust, das ihm das Atmen schwer macht, behält das aber für sich. Aber dann, etwa in der Mitte des Romans, passiert das, wovor sich Johanna gefürchtet hat: Ihr Mann bittet sie, ihn sofort mit dem Auto ins Krankenhaus zu fahren. Wenn er das macht, muss es schlimm um ihn stehen, das ist Johanna klar. Aber sie ist schon eine Ewigkeit nicht mehr gefahren, und ihre Brille hat sie auch verlegt. Wilfried sackt auf dem Beifahrersitz zusammen, noch bevor sie am Krankenhaus angekommen sind.

Wie soll es nun allein weitergehen? 

 

Mithilfe einer ihrer Töchter wird Wilfrieds Beerdigung organisiert, aber Johannas Gemütszustand ist völlig aus den Fugen geraten: In manchen Momenten will sie nicht wahrhaben, dass ihr Mann tot ist und nie mehr zur Tür hereinkommen und auf seinem Platz am Küchentisch sitzen wird. Manchmal ärgert sie sich auch, dass er sich so einfach davongemacht hat, ohne ihr Bescheid zu sagen. Doch vom ersten Moment an, den sie allein in ihrem Haus verbringt, spürt sie die Einsamkeit, die Leere um sich herum. Und dann sieht sie etwas vor dem Fenster, was sie unmissverständlich auf ihre eigene Endlichkeit hinweist.

Wie war's?

 

Matthias Lanin setzt für seinen Roman einen neutralen Erzähler ein, der immer dann, wenn der Fokus auf Johanna oder Wilfried liegt, zu plattdeutschen Ausdrücken greift. Auffällig ist die Sprachlosigkeit der Eheleute: Sie verständigen sich untereinander oft nur mit Blicken oder Gesten, richtige Gespräche finden nicht statt. Das setzt sich auch gegenüber ihren Töchtern fort: Das, was die Eltern denken, lassen diese unausgesprochen und fertigen ihre Kinder oft mit Kurzsätzen barsch ab.
Auf dem Buchcover wird Ein Fiebelkorn als Liebesgeschichte bezeichnet. Wer deswegen eine romantische Lektüre erwartet, ist hier falsch. In der Rückschau gibt es sogar einen Moment, in dem sich die junge schwangere Johanna fast einem anderen Mann zugewandt hätte. Auch das, was die Eheleute voneinander denken, ist nicht immer freundlich, aber nach so vielen gemeinsamen Jahren realistisch.

Ein Fiebelkorn ist im Divan Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 15,90 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 8,99 Euro. Ich bedanke mich bei der Literaturagentur kongking, die  mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

Freitag, 13. April 2018

# 144 - Doppelagent ohne Heimat

"Ich will zeigen, wie der Westen den Krieg erzählt"

 

Dieses Zitat stammt von Viet Thanh Nguyen, der mit seinem Roman Der Sympatisant einen neuen Blick auf das Geschehen im Vietnamkrieg geschaffen hat. Der Autor stammt aus Vietnam und floh 1975 im Alter von vier Jahren kurz vor dem Fall Saigons mit seinen Eltern in die USA. Sein Buch ist der Versuch, den Vietnamkrieg aus einer nicht-amerikanischen Perspektive zu beschreiben. Das ist sowohl in der Literatur als auch beim Film eine große Ausnahme. Viet Thanh Nguyen erhielt dafür 2016 den Pulitzerpreis und den Edgar Allan Poe Award.


Wohin gehöre ich?

 

Der namenlose Erzähler in diesem Roman ist als Hauptmann die rechte Hand eines südvietnamesischen Generals und kann mit ihm und dessen Frau in letzter Minute aus Saigon in die USA fliehen, bevor der Vietcong die Hauptstadt einnimmt. Dem General ist nicht klar, dass sein Adjutant ein kommunistischer Spion des Vietcong ist, der seine verschlüsselten Aufzeichnungen regelmäßig an eine Kontaktperson in Europa schickt. Der Erzähler hält sich auch in den USA immer in der Nähe des Generals auf und empfindet sein Leben in Kalifornien als zwiespältig: "Die Mehrheit der Amerikaner begegnete uns mit gemischten Gefühlen, wenn nicht sogar mit unverhohlener Abneigung, da wir die personifizierte Erinnerung an ihre schmerzhafte Niederlage waren." So erklärt sich auch, dass sich die Mehrheit der Exil-Vietnamesen auf einem niedrigen sozialen Niveau einrichten muss: Der früher geachtete General eröffnet einen Schnapsladen, andere Landsleute gehen putzen oder arbeiten als Tankwart. 

Das ganze Leben des Mannes ist geprägt von Zerrissenheit. Er ist als Sohn einer Vietnamesin und eines französischen Missionars in Südvietnam geboren worden, was zur ersten Ausgrenzung in seinem Leben führte: Er sah nun mal nicht aus wie ein richtiger Vietnamese. Da er als junger Mann in den USA studiert hatte, wurde ihm bei seiner Rückkehr in die Heimat von den Kommunisten Misstrauen entgegengebracht: War er nicht viel zu westlich, um einer der ihren zu sein? 
Der ehemalige Hauptmann hat in seiner Zeit in Kalifornien das Glück, als früherer Student einen Aushilfsjob an seiner ehemaligen Universität am Institut für Orientalistik zu bekommen. Während dieser Zeit wird er auch Berater für einen Film, der sich mit dem Vietnamkrieg beschäftigt. Sein Ziel ist es, die Situation auch aus der Sicht des vietnamesischen Volks zu erklären und ein Stück weit von der amerikanisch geprägten Sichtweise abzurücken. Er widmet sich dieser Aufgabe mit vollem Einsatz, muss dann aber feststellen, dass seine berechtigten Einwände nicht berücksichtigt wurden und sein Name trotz seines intensiven Mitarbeit nicht den Sprung in den Abspann schaffte, wo sogar ein Hund aufgeführt wurde. Die Parallelen zu Francis Ford Coppola und dem bekannten Film "Apocalypse Now" sind da nicht zu übersehen.
Später dann, als der Erzähler nach Südvietnam zurückkehrt, begleitet er eine revanchistische Gruppe dabei, über Laos in das Vereinte Vietnam einzudringen, wo sie dem Widerstand gegen das neue Regime Nahrung geben soll. Dieser Auftrag ist ein gefährliches Himmelfahrtskommando, das die Gruppe zum Teil in den Tod führt. Die Überlebenden werden in ein entlegenes Lager des Vietcong gebracht, wo der Erzähler gefoltert wird, obwohl er die Aktion an den Vietcong verraten hat. Man erwartet von ihm, dass er seine wahre Gesinnung bekennt und ein Geständnis aufschreibt, dass er vom Westen infiziert worden sei. Er weigert sich jedoch, Klischees zu formulieren und wird nach einem Jahr Einzelhaft fast zu Tode gefoltert.

Wie war's?

 

Der Sympathisant schafft es, das Geschehen rund um den Vietnamkrieg mit all seinen Gräueltaten auf amerikanischer und vietnamesischer Seite neu aufzurollen. Viet Thanh Nguyen schildert, wie sein Erzähler zwar unter seinem Doppelleben leidet, sich aber auch nicht klar für eine Lebenswelt entscheiden kann. Interessant sind dabei die Parallelen zu einem vietnamesischen Doppelagenten, der in der Zeit des Vietnamkriegs in den USA als Reporter für die Nachrichtenagentur Reuter und die TIME arbeitete und nach Feierabend Berichte nach Hanoi schickte: Pham Xuan An hatte Kontakte, die bis in die höchsten Kreise des südvietnamesischen Militärs sowie der US-Armee und dem CIA reichten, ohne dass jemand von seiner geheimen Arbeit für die Befreiungsarmee wusste. Er starb 2006.
Der Sympathisant ist ein sehr vielschichtiger und anspruchsvoller Roman, der viele Themen aufgreift und auch da, wo es ans "Eingemachte" geht, kein Blatt vor den Mund nimmt. 

Der Sympathisant ist im Blessing Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 Euro. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. 

Wer noch mehr über das Thema lesen möchte, dem empfehle ich dieses Buch: Vietnam - Gesichter und Schicksale von Anna Mudry. Die DDR-Journalistin ist zwischen den Vietnamkriegen in das Land gereist und schildert ihre Eindrücke.