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Freitag, 20. März 2026

# 499 - Sörensen stellt sich seinen Ängsten

2015 hat Sven Stricker seinen 
Kriminalhauptkommissar Sörensen in Sörensen hat Angst von Hamburg in das entlegene nordfriesische Katenbüll geschickt - auf dessen ausdrücklichen Wunsch, weil der Polizist hoffte, dort seine Angststörung in den Griff zu bekommen.

Elf Jahre und fünf Bände später ist Sörensen in Sörensen geht aufs Haus immer noch an Ort und Stelle. Gegen seine Angststörung kämpft er weiterhin an, aber er gehört nun gewissermaßen zum Inventar des kleinen Ortes, der an jeder Ecke norddeutsches Flair atmet. Inklusive des beständigen Regenwetters.

Sörensens gleichförmiges und nur von kuriosen Mordermittlungen unterbrochenes Leben nimmt in Strickers neuestem Roman einige unerwartete Wendungen, auf die die Hauptfigur sicher gern verzichtet hätte. Es geht um die Liebe und Sörensens verkorksten Umgang damit, um den Wert und die Beständigkeit von Freundschaft und die Erkenntnis, dass man auch denen, die man in- und auswendig zu kennen glaubt, nur bis vor die Stirn gucken kann.

Sven Stricker öffnet hin und wieder eine Tür, durch die man in Sörensens Vergangenheit blickt. Das, was man da über seine Kindheit und Jugend erfährt, taugt dazu, seine psychischen Probleme zu verstehen. Umso bemerkenswerter ist es, dass er seinen an Krebs erkrankten Vater, von dem er sich völlig entfremdet hatte, nun in sein Häuschen am Deich aufnimmt und so gut es geht versucht, die Pflege des alten Mannes und die Polizeiarbeit unter einen Hut zu bekommen.

Ach ja, ermittelt wird natürlich auch. Vor zwei Jahren ist die Schülerin Mia nach einer Party nicht nach Hause gekommen. Zeugenaufrufe und Suchaktionen verliefen erfolglos. Die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Tochter hat die Ehe von Mias Eltern scheitern lassen. Doch dann wird ein Fund menschlicher Knochen in Katenbüll gemeldet - ausgerechnet im Garten von Sörensens Schulfreund, der mit seinem Bruder an einer App arbeitet, die die Welt retten soll. Stammen die Knochen von Mia oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Seitdem sich Sörensen in Katenbüll aufhält, reißen die mysteriösen Todesfälle dort nicht ab. Schon kurz nach dem Knochenfund wird eben jener Bruder seines früheren Freundes von einem Zug überrollt. War es ein Unfall oder hat jemand nachgeholfen? Gibt es vielleicht sogar einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen? Sörensen wird es mit seinen besonderen Methoden, die entfernt an die des legendären Kommissars Columbo aus der gleichnamigen TV-Serie erinnern, herausfinden.

Lesen?

Das Hörbuch wird wie seine Vorgänger vom Autor gelesen. Dazu kann man nur sagen: Besser wird's nicht. Sven Stricker gibt jeder Figur eine eigene Stimme und intoniert die wörtliche Rede so, dass man insbesondere Bjarne Mädel, der in den bisherigen beiden Sörensen-Filmen den Polizisten verkörpert, direkt vor sich sieht. Wie schon in den ersten fünf Büchern geistert auch durch Sörensen geht aufs Haus die Frage: Wie heißt der Ermittler eigentlich mit Vornamen? 

Das Hörbuch Sörensen geht aufs Haus ist 2026 bei Audio-To-Go erschienen und kostet als Download 18,29 €. Wer den Krimi lieber lesen möchte: Das Taschenbuch und das E-Book wurden im Rowohlt Verlag veröffentlicht.

Montag, 19. Januar 2026

# 496 - Eine Mischung aus Familiengeschichte und Fantastik

Der Titel von Anna Maschiks Debütroman Wenn du es
heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
 ist zugleich auch der erste Satz ihres Buches. Die Einstiegsszene spielt auf einem Bauernhof in einem Dorf an der deutschen Nordseeküste, wo Henrike während des Zweiten Weltkriegs ein Schaf "schwarz" schlachtet. Im Gegensatz zu Schweinen sterben Schafe still und verraten nicht ihre Schlächter.

Henrike, die am Neujahrstag des Jahres 1900 als ältestes von fünf Geschwistern am selben Ort geboren wird, ist die Urgroßmutter der Erzählerin Alma und der Ausgangspunkt dieser speziellen Familiengeschichte. Anna Maschik legt dabei den Schwerpunkt auf die Frauen und schildert, unter welchen Umständen sie ihre Leben gemeistert haben. Auffällig ist, dass sich manche Verhaltensweisen wiederholen: Die Mütter haben ein Lieblingskind und eines, mit dem sie sich kaum verbunden fühlen. Außerdem stehen sie dem Wunsch ihrer Töchter nach Bildung im Gegensatz zu den Vätern skeptisch gegenüber.

Henrikes Tochter Hilde wird während des Zweiten Weltkriegs von einem österreichischen Soldaten schwanger. Als der Soldat nach Kriegsende zurückkehrt, geht sie mit ihm und dem kleinen gemeinsamen Sohn nach Österreich. Ihre Schwiegereltern haben dort ein Möbelgeschäft, in das das junge Paar einsteigen kann. Fern der Heimat fühlt sie sich so fremd, wie man sich nur fühlen kann: Ihre Schwiegereltern betrachten sie kritisch, die Stadt ist so viel größer als das Heimatdorf, in der  Stadtwohnung lebt es sich ganz anders als auf dem Bauernhof und die Leute mögen keine Deutschen. Hildes ständiger Begleiter ist das Heimweh.

Das Gefühl der Fremdheit und emotionalen Distanziertheit durchzieht die ganze Handlung. Die Geschwister der jeweiligen Generation gehen sich im besten Fall aus dem Weg, die Eheleute gehen mit ihrer Beziehung pragmatisch um. Zu den Konstanten des norddeutschen Dorflebens gehören die Hebamme Anna und die Leichenfrau Nora, die auch dann vor der Haustür stehen, wenn sie nicht gerufen - aber trotzdem gebraucht werden. Beide umgibt eine besondere Aura, aber keine von ihnen beurteilt oder bewertet die Dinge, die sie sieht.

Eine andere Konstante ist, dass die Personen nur so viel wie nötig miteinander kommunizieren. So wird der Weg für Missverständnisse und gegenseitiges Unverständnis geebnet. Auch Kindern wird das, was sie wegen ihres Alters noch nicht verstehen können, nicht erklärt.

Anna Maschik greift auf zwei weitere Stilmittel zurück: Am Ende vieler Abschnitte fügt sie Listen an, die Sachverhalte kurz und knapp erzählen. Das gilt auch dann, wenn eine dieser Listen leer bleibt. Außerdem schildert Maschik einige Szenen mehrmals aus den unterschiedlichen Perspektiven der Personen. So gelingt es ihr mit wenigen Worten, Stimmungen zu erzeugen und Sachverhalte verständlich zu machen.

Lesen?

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten schlägt zwar einen zeitlich großen Bogen von 1900 bis heute, auf einzelne Zeitabschnitte wird aber nur schlaglichtartig eingegangen. Anna Maschik erzählt die Familiengeschichte nicht chronologisch, sondern springt zwischen den Zeitebenen vor und zurück.

Die fiktionalen Elemente sind gewöhnungsbedürftig: Da ist Henrikes Sohn Benedikt, der bei seiner Geburt nicht die Augen öffnet, seine gesamte Kindheit und Jugend verschläft und erst als junger Mann aufsteht. Benedikt kann, obwohl er bis zu diesem Tag nur gelegen und mit niemandem geredet hat, sofort gehen und sprechen. Maschik erklärt diesen wundersamen Vorgang nicht, sondern schreibt lediglich: "Es ist nicht natürlich, dass jemand plötzlich als junger Mann erwacht und sprechen und denken kann, als hätte er es irgendwo gelernt." Benedikts erstaunliche kognitive Fähigkeiten führen dazu, dass er gute Ideen hat wie das Gründen einer Dreschgenossenschaft, aber leider auch schlechte: Er will, dass seine Eltern in die NSDAP eintreten, weil er deren Versprechen glaubt, die Höfe zu entschulden. Benedikt stirbt viele Jahre später einsam und verwahrlost auf seinem Hof, Bart und Fingernägel sind meterlang. Hat er zuvor wieder jahrelang geschlafen?

Der Tod wird als etwas beschrieben, das die Verstorbenen so lange im Jenseits hält, bis jemand aus der Familie verstirbt: Benedikts Leiche wird sowohl von der lebenden Nora als auch seinen längst nicht mehr lebenden Eltern aus dem Haus getragen, während Miriam, die Mutter der Erzählerin, in ihrem Gewächshaus als Zitronenbaum in einen Blumentopf eingewachsen ist und von ihrer Tochter gegossen wird. Die Abholung von Miriam wird zu einem Aufmarsch der Toten, die so aussehen, wie die Erzählerin sie in Erinnerung hat.

Es bleibt unklar, ob die fiktionalen Elemente als Metaphern eingesetzt werden. Da sie allerdings stark überzogen sind, wirken sie irritierend.

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten ist 2025 im Luchterhand Verlag erschienen und kostet 23 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.
Der Roman stand auf der Shortlist des Österreichischen Debütpreises 2025. 

Freitag, 12. März 2021

# 281 - Auftakt einer Krimireihe in Deutschlands Norden

Mit ihrem Krimi Nordwesttod startet Svea Jensen eine neue Krimireihe um den Leiter der Polizeidienststelle St. Peter-Ording Hendrik Norberg und die bayerische LKA-Beamtin Anna Wagner. 

Anna Wagner hat sich beim LKA in München mit Vermisstenfällen beschäftigt. Als jemand gesucht wird, der in Kiel eine ähnliche Stelle aufbauen soll, nimmt sie die Gelegenheit wahr: Der Scheidungskrieg mit ihrem Ex-Mann lässt die Aussicht auf räumlichen Abstand verlockend erscheinen. Doch sie ist kaum in Kiel angekommen, als sie wegen eines Vermisstenfalls in St. Peter-Ording sofort dorthin geschickt wird. Einige Tage zuvor ist die 32-jährige Tochter einer wohlhabenden Hotelbetreiberin vermisst gemeldet worden.

Vor Ort trifft Anna auf den Polizeibeamten Hendrik Norberg. Der verwitwete Vater von zwei Söhnen hat wegen seiner Kinder auf eine Beförderung zum Leiter einer Mordkommission verzichtet, um nach dem Tod ihrer Mutter für sie da sein zu können. Norberg befindet sich bei Annas Ankunft in einem psychisch angeschlagenen Zustand: Zu der Trauer um seine Frau kommt die Sorge um die beiden Söhne sowie die Frustration um die verpasste berufliche Chance. Seine Eingewöhnung als Dienststellenleiter in dem Urlaubsort verläuft entsprechend holprig, die Zusammenarbeit mit Anna beginnt in einer distanzierten Atmosphäre.

Die Ermittlungen um den Vermisstenfall ergeben, dass die Frau zu ihrer Mutter und ihrer Schwester kein gutes Verhältnis hatte. Das lag vor allem an den Plänen der Mutter, im Ort weitere Hotelneubauten zu errichten. Die Vermisste war seit Jahren in der Seehundstation in Friedrichskoog beschäftigt und betrachtete die Expansionspläne als aggressiven Eingriff in die Natur. Um weitere Hotelneubauten an der Nordseeküste zu verhindern, hatte sich die junge Frau einer Gruppe von Umweltschützern angeschlossen. Liegt darin der Grund für ihr Verschwinden? Oder hatte sie vielleicht sogar Feinde?

Und dann ist da noch ein weiterer Fall, den zwei Norberg unterstellte Beamte wieder aufgreifen wollen: Etwa zeitgleich zum Vermisstenfall hat sich auf einer wenig befahrenen Straße am Ortsrand ein Unfall ereignet, bei dem ein junger Mann und ein Kind getötet wurden. Die beiden waren auf einem Mofa unterwegs gewesen und offenbar von einem Autofahrer überfahren worden, der sich anschließend nicht um sie gekümmert hatte. Die Nachforschungen der zwei Polizisten bringen auch für die Suche nach der verschwundenen Frau eine erstaunliche Wende.

Lesen?

Nordwesttod ist ein Cosy-Krimi, der gute Unterhaltung bietet. Wie es einem ersten Teil einer Reihe oft anhaftet, werden die wichtigsten Personen sehr ausführlich vorgestellt und beschrieben, was etwas zulasten der eigentlichen Falllösung geht. Auch der Lokalkolorit kommt nicht zu kurz, sodass man merkt, wie sehr der Autorin Norddeutschland am Herzen liegt.

Nordwesttod ist 2021 im Verlag Harper Collins erschienen und kostet als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 8,99 Euro.

Nachtrag: Svea Jensen ist das Pseudonym von Angelika Waitschies. Sie schreibt auch unter ihrem zweiten Pseudonym Angelika Svensson. Wer mehr über sie wissen will, wird auf ihrer Homepage fündig.

Freitag, 26. Februar 2021

# 279 - Mittagsstunde ... und andere Rituale auf dem Dorf

Dörte Hansen hat sich mit ihrem Buch Mittagsstunde nach ihrem Erfolgsroman Altes Land wieder in ein Dorf begeben. Diesmal jedoch nicht in das Hamburger Umland mit seinen Obstbäumen, sondern nach Schleswig-Holstein in die Nähe von Husum. Das fiktive Dorf Brinkebüll liegt in der friesischen Geest, einer dünn besiedelten und kargen Landschaft.

Im Mittelpunkt steht Ingwer Feddersen. Der promovierte Archäologe ist in Brinkebüll als Enkel des Gastwirtehepaars Ella und Sönke Feddersen aufgewachsen, hat auf dringendes Anraten des Dorfschullehrers das Gymnasium besucht und ist zum Studieren nach Kiel gegangen. Damit hat er sich gegen die Tradition entschieden, denn für Sönke Feddersen war es eigentlich klar gewesen, dass Ingwer mal den Gasthof übernehmen würde. So wie schon sein eigener Vater, Großvater und Urgroßvater es getan hatten. Tradition verpflichtet schließlich. 

Aber jetzt ist der Junge, der mittlerweile schon fast 50 ist, weit weg und arbeitet als Dozent an der Kieler Uni. Das an sich ist für Sönke schon seltsam genug, aber Ingwer hat auch keine eigene Familie, sondern lebt bereits seit einer Ewigkeit in einer WG mit einer Frau und einem Mann in seinem Alter. Wenn das jetzt nicht wirklich eigenartig ist, was dann sonst?

Aber Sönke und Ella sind nun alt geworden, schon über 90, und Ingwer nimmt sich 2012 ein Sabbatjahr, um die beiden Alten eine Weile zu pflegen und zu überlegen, was aus der Gaststätte werden soll. Sönke ist geistig hellwach, aber körperlich gebrechlich, während Ellas Verstand stark abgebaut hat. Sie lebt immer mehr in der Vergangenheit. 

Ihre Tochter Marret, "die Verdreihte", ist schon seit vielen Jahren verschwunden. Niemand weiß, was aus ihr geworden ist. Marret war das, was man heute als verhaltensauffällig bezeichnen wurde, und Ingwer dämmert erst nach und nach, was es mit der Familiengeschichte der Feddersens eigentlich auf sich hat.

Dörte Hansen befindet sich jedoch nicht nur in der Gegenwart, sondern erklärt in zahlreichen Rückblicken, wie das Dorf mit seinen Bewohnern wurde, was es heute ist, und was es ausmacht. Schützen- und Gesangsvereine spielen keine Rolle, wohl aber die vielen Teppiche, unter die der ganze soziale Unrat gekehrt wurde; das, was nicht jeder wissen durfte und worüber man am besten niemals sprach. Da sind die Kuckuckskinder, die verkorksten Ehen, Väter, die ihre Kinder gewohnheitsmäßig grün und blau schlagen und die Veränderungen, die auch vor einem verschlafenen Nest wie Brinkebüll nicht haltmachen.

Die Flurbereinigung von 1964 gab den Anstoß für eine ganze Reihe von Veränderungen: Vermesser kamen nach Brinkebüll, die kleinen Felder wurden zu größeren zusammengelegt und die alte schadhafte Dorfstraße wurde durch eine glatte Durchfahrtsstraße ersetzt, die sogar eine Mittellinie bekam. Dafür mussten viele alte Kastanien weichen. Das Dorf erhielt dadurch einen anderen Charakter, zog Neubürger an, die sich am Ortsrand ihre Häuschen bauten und erfuhr eine Wandlung, die den Alteingesessenen zwar nicht gefiel, die sie aber nicht aufhalten konnten. Die althergebrachten Strukturen lösten sich auf und andere entstanden. Ob sie besser waren, ist eine ganz andere Frage.

Die Handlung wird begleitet vom Soundtrack der 1960-er und 1970-er Jahre. Ingwer Feddersen hört die Musik von Neil Young, wenn er zur Ruhe kommen will, und die einzelnen Kapitel sind nach Songs aus den alten Zeiten von Brinkbüll - von Interpreten von Manuela über Janis Joplin und Bob Dylan bis zu Roland Kaiser - benannt.

Lesen?

Dörte Hansen widmet sich in ihrem Roman nicht nur den Einwohnern von Brinkebüll mit ihren Marotten und Geheimnissen, sondern auch der Frage, was die junge Generation der alten schuldig ist. Haben die Nachkommen eine Verpflichtung gegenüber den Alten, weil die sich in ihrer Kindheit und Jugend um sie gekümmert haben?

Darüber hinaus werden mit der Flurbereinigung nicht nur deren Folgen für einzelne Menschen im Dorf geschildert, sondern die Autorin beschäftigt sich auch mit den Auswirkungen dieser weitgreifenden Maßnahme für die Natur und die Struktur Deutschlands. Mithilfe der Flurbereinigungen sollte während der Jahre des deutschen Wirtschaftswunders erreicht werden, dass kleine und schlecht zu erreichende Äcker so umstrukturiert wurden, dass es am Ende des Prozesses nur noch große Felder gab, die sich für moderne Landmaschinen eigneten. Dafür wurden natürliche Hecken gerodet, Bäche stillgelegt oder umgeleitet und Feuchtgebiete trockengelegt. Das Sterben der kleinen Höfe begann und das Artensterben gleich mit.

Mittagsstunde ist ein sehr einfühlsam geschriebenes Buch. Das, was lange im Verborgenen geblieben war, wird von Dörte Hansen oft nur angedeutet: mit einem Nebensatz oder einer im Suff herausgerutschten Bemerkung. Die Atmosphäre bekommt durch zahlreiche plattdeutsche Dialoge viel Authentizität, sodass das Ende des Romans nach der letzten Seite viel zu früh kommt. Das Bild über die Vergangenheit der Dorfbewohner setzt sich erst nach und nach zusammen, vieles kommt einem bekannt vor. Brinkebüll: Der Name steht stellvertretend für viele Dörfer. Klare Leseempfehlung!

Mittagsstunde ist 2018 im Penguin Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 18. Dezember 2020

# 270 - Vier Bücher zum Verschenken oder Selberlesen

Weihnachten steht vor der Tür, und da ich ein großer Fan davon bin, Bücher zu verschenken (und natürlich auch zu bekommen), stelle ich heute vier Titel vor, die die unterschiedlichsten Geschmäcker ansprechen.

Es geht los mit einem Krimi, der seine Leser so sehr in seinen Bann zieht, dass sie ihn erst weglegen, wenn die letzte Seite gelesen worden ist: Tin Men des kanadischen Autors Mike Knowles.

Dennis, Woody und Os sind hartgesottene Polizisten, die schon lange im kanadischen Hamilton ihren Dienst tun. Die Drei haben bereits einiges in ihrem Berufsleben gesehen und glauben, dass sie nichts mehr erschüttern kann. Doch der Mord an ihrer Kollegin Julie hat eine besonders grausame Komponente: Der Schwangeren wurde von ihrem Mörder ihr ungeborenes Kind aus dem Bauch geschnitten. Das ungleiche Ermittlerteam wird auf die Frage angesetzt, warum Julie getötet wurde und wer ein Interesse an ihrem Baby gehabt haben könnte.

Die drei Cops sind nicht unbedingt ein vertrauenswürdiges Dream Team: Woody ist drogensüchtig und hat sein Leben nicht mehr im Griff, Dennis hält sich für den fähigsten Cop der Stadt und gibt seinem schwachen Ego durch Bordellbesuche einen faden Glanz, und der Hüne Os flößt seinen Mitmenschen schon durch seine massige Erscheinung Angst ein, befindet sich aber in der Hand der örtlichen Russenmafia. Selbstverständlich setzt jeder von ihnen alles daran, seine Schwächen vor anderen zu verbergen. Einer von ihnen hütet außerdem ein Geheimnis, das ihn zwar auch privat motiviert, Julies Mörder und das verschwundene Kind so schnell wie möglich zu finden, aber die Ermittlungsarbeit für die beiden Kollegen erschwert.

Die einzige Person, mit der Julie befreundet gewesen war, ist ihre Wohnungsnachbarin Lisa. Diese gibt wertvolle Hinweise zum Privatleben der Ermordeten. Die Situation wird jedoch kompliziert, als Lisa kurz nach ihrer polizeilichen Befragung bei einem Autounfall ums Leben kommt. Gibt es einen Zusammenhang mit Julies Ermordung? 

Während der gesamten Ermittlungsarbeit kämpfen die drei Polizisten gegen ihre eigenen Dämonen an und haben Mühe, dass nicht ihre eigenen Leben aus der Kurve getragen werden. Einer von ihnen wird nicht mehr erfahren, wer die Kollegin auf dem Gewissen hat.

Tin Men  ist 2020 im Polar Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 14 Euro. 

 

Es geht kriminell weiter, dieses Mal aber ganz realistisch und bodenständig. Der Kulturjournalist Bert Lingnau hat sich in seinem in der zweiten Auflage 2018 erschienenen Buch Rübe ab! in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern umgesehen und spürt in vier Kapiteln, die das Bundesland unterteilen, 48 wahren Kriminalfällen nach, die sich zwischen dem 14. und dem 20. Jahrhundert ereignet haben. Mordende Diener, Münzfälscher, als Hexen verfolgte Frauen oder Räuber, die ihren Opfern in dunklen Wäldern auflauerten: Sie alle sind in diesem Buch vertreten, das Lingnau mit zahlreichen Fotos illustriert hat. Früher war man auch mit der Art der Bestrafung nicht zimperlich: Wer "Glück" hatte, landete im Kerker; oft waren aber auch Vierteilungen oder Köpfungen das Mittel der Wahl, um einen Täter zu bestrafen. 

Rübe ab! ist trotz des ernsten Hintergrunds ein sehr unterhaltsames Buch, weil der Autor es versteht, den lange zurückliegenden Ereignissen durch seinen Schreibstil Leben einzuhauchen. Der Titel ist im Klatschmohn Verlag als Taschenbuch erschienen und kostet 9,80 Euro.


Wer sich gern mit Sprache beschäftigt, wird an diesem
Buch Gefallen finden: Der Schriftsteller und Satiriker Eckhard Henscheid hat mit Dummdeutsch erstmals 1985 seinem Unmut über den Verfall der deutschen Sprache Luft gemacht. Der damals vom Fischer Verlag herausgegebene Titel wurde im Reclam Verlag neu aufgelegt, mir liegt die Printversion aus dem Jahr 2017 vor. Henscheid ist Mitbegründer der Satirezeitschrift "Titanic" und so verwundert es nicht, dass seine Kritik nicht bitterböse, sondern humorvoll und messerscharf daherkommt. Dummdeutsch ist wie ein Lexikon alphabetisch aufgebaut, der Wortfundus reicht von A wie "Abbauen" bis Z wie "Zynisch". Henscheid belegt an Beispielen, wie die Bedeutung von bereits bestehenden Begriffen z. B. in der Werbung verhunzt wird oder neue Wörter ("Korngesund", "Gehirn-Jogging" oder "Entsorgungspark") kreiert wurden, um den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Und immer wieder stellt man beim Lesen fest, dass man selbst nicht frei davon ist, dummdeutsch daherzureden.

Der Titel ist im üblichen Format der kleinen Reclam-Bücher erschienen und kostet 7,80 Euro.


Zum Schluss stelle ich ein Buch vor, das sich an Kinder im Grundschulalter richtet, aber auch Erwachsenen die
ein oder andere neue Information bietet: Eine Reise durch die Zeit - Alfelds Geschichte für Kinder wurde von der Stadt Alfeld (Leine) herausgegeben und widmet sich der Geschichte der niedersächsischen Stadt in der Nähe von Hannover vom Jahr 1010 bis heute. Das Buch ist mit sehr vielen Zeichnungen und Fotos illustriert und zeigt, wie ähnlich sich die Entwicklungen deutscher Städte in vielen Dingen sind: der Dreißigjährige Krieg, der Einfluss der Kirche, die typische Ernährung der einfachen Bürger im Mittelalter, der Nationalsozialismus oder Feuersbrünste: Die Alfelder Stadtgeschichte ist nicht weniger abwechslungsreich als die größerer Orte. Hervorzuheben ist jedoch etwas, das weltweit nur wenige Städte vorzuweisen haben: Mit dem 1911 vom Architekten Walter Gropius entworfenen Fagus-Werk hat Alfeld ein UNESCO-Weltkulturerbe, das seit 2011 auf der Liste der wichtigsten Bauwerke der Welt steht.

Eine Reise durch die Zeit - Alfelds Geschichte für Kinder kostet 9,50 Euro und kann über das Forum Alfeld Aktiv e. V. vor Ort oder im Versand erworben werden.

Freitag, 3. Mai 2019

# 195 - Tödliche Hotelbewertungen?

Ulrike Busch ist auf unterhaltsame Krimis von der
Nordseeküste spezialisiert, und auch Mordsverrat ist dort angesiedelt. Das Ermittlerteam Tammo Anders und Fenna Stern, das für Buschs Leserschaft nicht unbekannt und auch privat ein Paar ist, hat es zwischenzeitlich dienstlich von Ostfriesland nach Husum verschlagen. 

Wurde die Hotelerbin ermordet?

 

Die Hotelerbin Jessica Leverenz wird von zwei Angestellten tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Geschäftsfrau, die Jahre zuvor das renommierte Hotel Blaue Möwe in St. Peter Ording gemeinsam mit ihrer Schwester Clarissa geerbt hat, war stark medikamentenabhängig, sodass zunächst der Verdacht einer versehentlichen Vergiftung oder eines Suizids besteht. Doch die Gerichstmedizinerin äußert noch vor Ort den Verdacht, dass die Frau ermordet wurde. Je länger die Ermittlungen fortschreiten, desto größer wird der Kreis der für die Tat infrage kommenden Personen: Steckt Jessicas Freund Lukas Harzog dahinter? Es ist im Ort ein offenes Geheimnis, dass der Betreiber von mehreren Hotelbewertungsportalen einzelne Häuser zu Unrecht mit falschen Beurteilungen überzieht und von Hoteliers für deren Löschung ein saftiges Honorar kassiert. Nicht nur deshalb ist er in der örtlichen Branche unbeliebt, sondern auch wegen seiner gefühllosen und kaltschnäuzigen Art. Musste Jessica sterben, weil sie zu viel über seine Machenschaften wusste?
Oder die Schwester der Toten? Sie hat sich oft über Jessica geärgert und befürchtet, deren Lebenswandel könnte sich ungünstig auf den Ruf der Blauen Möwe auswirken.
Aber auch die Angestellten, die Jessica gefunden haben, geraten in den Fokus der Ermittler. Die langjährige rechte Hand von Clarissa Leverenz, Ella Kluck, benimmt sich bei der Befragung durch das Ermittlerteam merkwürdig. Weiß sie mehr über die Todesumstände von Jessica, als sie zugibt? 
Das Zimmermädchen Carina da Silva reinigt nicht nur die Gästezimmer, sondern auch die Privatwohnungen der Schwestern; immer allein. Auch sie scheint Informationen zurückzuhalten.
Ein Motiv hätte auch eine ortsansässige Hoteliersfamilie gehabt, die unter den vernichtenden Bewertungen auf Harzogs Plattformen leidet. Könnte sie Jessica Leverenz auf dem Gewissen haben, um Harzog gewissermaßen über einen Umweg zu treffen?
Nach und nach wird außerdem deutlich, dass sich mehr Personen einen Zugang zur Wohnung des Mordopfers hätten verschaffen können, als Anders und Stern es zu Beginn ihrer Befragungen gesagt worden war.

Die Ermittlungen nehmen eine neue Wendung, als Lukas Harzog plötzlich nicht mehr auffindbar ist. Ist er vor den beiden Beamten geflohen oder ist ihm etwas zugestoßen? Und auch der Portier der Blauen Möwe, die seit Jahrzehnten gute Seele des Hauses, ist verschwunden, nachdem ihm von seiner Chefin Diebstahl vorgeworfen wurde. Der Fall wird zusehends mysteriöser. Nicht nur dienstlich müssen sich sich Anders und Stern etlichen Herausforderungen stellen, sondern auch privat gibt es eine wichtige Entscheidung, die sie gemeinsam treffen müssen und die die Handlung durchzieht.

Mordsverrat ist gut gemachte Krimi-Unterhaltung vor einer authentischen Nordsee-Kulisse. Leser, die die Gegend um Husum und die Halbinsel Eiderstedt aus eigener Anschauung kennen, werden vieles in Ulrike Buschs Buch wiedererkennen.

Mordsverrat kostet als Taschenbuch 9,99 Euro und als E-Book 3,99 Euro.

Samstag, 9. Februar 2019

# 183 - Vom Fliehen und Ankommen

1945 verschlägt es die Gräfin Hildegard von Kamcke und
ihre fünfjährige Tochter Vera auf ihrer Flucht aus Ostpreußen ins Alte Land, das Obstanbaugebiet vor den Toren Hamburgs. Sie kommen bei Ida Eckhoff unter, die zusammen mit ihrem im Krieg als Soldat verwundeten Sohn Karl auf einem Altländer Hof wohnt. Die Botschaft der plattdeutschen Inschrift am Giebel des Wohnhauses wird sich durch das ganze Buch ziehen:

Dit Huus is mien un doch nich mien,
de no mi kummt, nennt't ook noch sien.

Ida Eckhoff hat für das "Polackenpack" nichts übrig und lässt das die Neuankömmlinge deutlich spüren: "Von mi gift dat nix!", ist ihre Antwort auf Hildegards Bitte um etwas Essen für ihre Tochter. Doch sie kann nicht verhindern, dass sich die stolze Hildegard und der durch den Krieg körperlich und seelisch schwer angeschlagene Karl einander annähern und schließlich heiraten. Dieser Schritt lässt Ida in ihrer neuen Rolle als Schwiegermutter schwere Geschütze auffahren. Doch die beiden Frauen sind einander ebenbürtig und schenken sich nichts.

Aber der Tag kommt, an dem Hildegard ihre Sachen packt und das Haus für immer verlässt. Allein. Vera bleibt bei Karl zurück, gefragt wurde sie nicht. Ida ist da schon nicht mehr am Leben, Hildegard von einem Architekten schwanger. Hildegard lässt sich von Karl scheiden und heiratet ein zweites Mal. Sie bekommt eine Tochter, die später selbst zwei Kinder - eine Tochter und einen Sohn - haben wird. Der Kontakt zwischen Vera und ihrer Halbschwester Marlene ist eher sporadisch, die Jüngere weiß nur wenig von der Flüchtlingsvergangenheit der Mutter.
Vera wird Zahnärztin und bleibt ihr Leben lang in dem Haus, das einmal Ida Eckhoff gehört hat. Es ist nicht so, dass sie eine bewusste Entscheidung getroffen hätte, weil sie Land und Leute ins Herz geschlossen hat; sie ist auf irgendeine Weise hier hängengeblieben, wie ein Blatt, dass sich in einem murmelnden Bach an einem kantigen Stein verfangen hat. Sie lebt ihr ziemlich einsames Leben, passt sich nicht an das an, was andere für "normal" halten und lässt Haus und Hof langsam verrotten.

Sechzig Jahre nach Veras Ankunft treffen wieder "Flüchtlinge" auf dem Altländer Hof ein: Veras Nichte Anne und ihr kleiner Sohn Leon. Anne hat bis jetzt mit ihrem Sohn und ihrem Freund in Hamburg-Ottensen gewohnt, einem Stadtteil, der vor hippen Menschen und modernen Eltern überquillt und wo sich Anne nie wirklich wohl gefühlt hat. Nachdem herausgekommen ist, dass ihr Freund sie betrogen hat, hat Anne kurzentschlossen ihre Sachen gepackt, Leon ins Auto gesetzt und ist zu ihrer Tante gefahren. Die beiden unterschiedlichen Frauen müssen sich nun aneinander gewöhnen und die Eigenheiten der jeweils anderen akzeptieren lernen.


Lesen?

 

Altes Land erzählt sehr empathisch davon wie es sich anfühlt, sein Zuhause zu verlieren und woanders, wo man nicht willkommen ist, neu anzufangen. Der Roman stellt das Leben der Altländer jedoch auch dem der Zugezogenen gegenüber: Erstere wollen sich entweder nicht daran gewöhnen, dass sich die Zeiten ändern und man sich Neuem öffnen muss oder sie werden von ihren Nachbarn belächelt, wenn sie ihre Obsthöfe um touristische Attraktionen erweitern; die neuen Bewohner, vorwiegend gutsituierte Hamburger auf Sinnsuche, haben eine romantische Vorstellung vom Leben auf dem Land, wie sie Leute pflegen, die regelmäßig in diesen Lifestyle-Magazinen blättern, in denen Bauernhöfe aufgeräumt und keimfrei und Landwirte mindestens so glücklich wie ihre Kühe sind. Für manche dieser Menschen sind die Alteingesessenen tumbe Bauern, denen es gehörig an Bildung fehlt. Man kann vermuten, dass Dörte Hansen, die selbst auf dem Land lebt, das so oder so ähnlich schon oft erlebt hat. 
Klare Leseempfehlung.

Altes Land  kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro, als Taschenbuch 10 Euro, als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro sowie als Audio-CD 7,99 Euro. 

Freitag, 7. September 2018

# 166 - Tödliche Männerfeindschaft

Im Spaßgeschäft geht es ernst zu

 


Johnny Quadt hat es geschafft und ist auf Sylt die Größe unter den Event-Unternehmern. Wenn da nur nicht sein Konkurrent Alf Leefmann wäre, der versucht, ihm auf der Insel das Wasser abzugraben. Die Feindschaft zwischen den beiden Männern, der eine enge Freundschaft vorausgegangen ist, bestimmt Johnnys Leben wie fast kein anderes Thema. Bisher war er für die beliebte Veranstaltung 'Sylter Sommernachtsträume' verantwortlich, doch die Ausschreibung für das nächste Jahr ist Alf praktisch auf den Leib geschnitten, und Johnny sieht seine Felle davonschwimmen. Mit diesem Einstieg beginnt Countdown in Westerland, der neueste Krimi der Autorin Ulrike Busch.

Ein Anschlag zerstört den Inselfrieden

 

Johnny pflegt einen verschrobenen Tick: Er hat sich vor Jahren seine verbleibende Lebenszeit auf die Sekunde genau voraussagen lassen. Seitdem zeigen ihm eine Wanduhr im Firmenbüro und eine App auf seinem Smartphone an, wann für ihn die letzte Stunde schlägt. Als er eines Morgens wie immer als Erster seine Firma betritt, blickt er auf die Uhr und stutzt: Sie steht auf null. Im selben Moment wird durch das Fenster auf ihn geschossen. Doch die Kugel verfehlt ihr Ziel und trifft nur einen alten Pokal. Für Johnny gibt es keinen Zweifel: Da hatte Alf seine Finger im Spiel. Die erfahrenen Kriminalbeamten Kuno Knudsen und Arno Zander übernehmen die Ermittlungen und stoßen bald auf etliche Ungereimtheiten. Hat der Schütze absichtlich danebengeschossen oder den Unternehmer versehentlich verfehlt? Überraschenderweise ist Quadt nur begrenzt zur Zusammenarbeit bereit. Alle Überlegungen, die sich jenseits von Alf Leefmann bewegen, werden von ihm zurückgewiesen. Sein verschrobenes Wesen lässt ihn auch nicht zum Sympathieträger werden: Sein Haus ist komplett vernetzt und wird mithilfe von 'Amanda' auf Zuruf ferngesteuert, und im Firmenbüro sorgt eine heimlich installierte Spionagesoftware dafür, dass ihm nichts entgeht - auch nicht das, was seine Lebensgefährtin Eta Smid, die in praktisch allem das Gegenteil von ihm ist, tut.
Die Situation spitzt sich weiter zu, als Johnny auf seinem Grundstück von einer mit einem Messer bestückten Drohne angegriffen wird. Doch die Entwicklung nimmt ihren Höhepunkt, als tatsächlich ein Mensch erschossen wird, den man als Leser nicht als gefährdet eingeschätzt hat.

Wie war's?

 

Ulrike Busch bietet ihren Lesern mit Countdown in Westerland wieder einen Krimi, bei dem alles "rund" ist: Wer hinter den Anschlägen steckt, offenbart sich erst fast zum Schluss. Grundsätzlich kommen eine ganze Reihe von Personen aus Johnnys Umfeld in Betracht: seine Tochter Isa, deren Freund Alex, zwei von Johnnys Mitarbeitern und nicht zu vergessen Alf Leefmann. Für alle, die bereits die vorigen Bände der Reihe 'Kripo Wattenmeer' kennen: Kunos Bruder Okko und der praktisch allgegenwärtige Inselreporter Friedrich Fliegenfischer sind auch wieder mit dabei.

Countdown in Westerland kostet als Taschenbuch (BoD) 10,99 Euro und als ePUB- oder Kindle-Edition 3,99 Euro. 

Freitag, 20. April 2018

# 145 - Auf einer Hallig hat man seine Ruhe...

Ja, seine ewige Ruhe!

 

Mord auf der Hallig ist der neueste Nordseekrimi
von Ulrike Busch, in dem, wie es sich für einen "ordentlichen" Krimi gehört, Menschen aus niederen Beweggründen anderen Menschen nach ihrem Leben trachten. Kurz: Sie morden. Diesmal wird die Idylle der Hallig Langeneß getrübt und treibt die Polizei für ihre Ermittlungen auf die Warften.

Déjà-vu für Kriminalhauptkommissar Kuno Knudsen

 

Mord auf der Hallig ist der vierte Fall der Reihe "Ein Fall für die Kripo Wattenmeer". Der erste, Der Pfauenfedernmord, wurde hier bereits vorgestellt. Kuno Knudsen und sein Kollege Arne Zander von der Kripo Wattenmeer haben ein paar Tage Urlaub und wollen sich auf der Hallig Langeneß einfach nur erholen. Doch dann wird nach einer Nacht, während der eine heftige Sturmflut getobt hat, die Naturschützerin Beeke Klock tot in einer Bucht gefunden, kurz danach auch ihr Fahrrad. Knudsen und Zander beginnen mit ihren Ermittlungen, die sich auch wegen der norddeutschen Zurückhaltung der Halligbewohner ziemlich schwierig gestalten. Die Kriminalbeamten erfahren von einer Informationsveranstaltung, die am Vorabend im Forschungsinstitut "Nordfriesische Halligen" stattgefunden hatte, dessen Gründerin eben jene Frau Klock ist, die nun leblos im Sand von Langeneß liegt. Es drehte sich um ein aufwendiges Warftenzukunftsprogramm, das von der verantwortlichen Mitarbeiterin des Landesamts für Küstenschutz, Britta Tjaden, vorgestellt worden war. Britta stammt selbst von Langeneß, sodass man hätte meinen können, dass sie bei ihren früheren Nachbarn auf offene Ohren gestoßen war. Doch das Gegenteil war der Fall: Dem Grundanliegen, die Warften zu erhöhen und die Häuser darauf auch für die nächsten Jahrzehnte hochwassersicher zu machen, stimmten die Bewohner grundsätzlich zu. Aber der Teufel lag auch hier im Detail: Das Land Schleswig-Holstein wollte lediglich die Erhöhungen bezahlen, für die Abriss- und Wiederaufbaukosten ihrer Häuser sollten die Halligbewohner selbst aufkommen. Als ob diese Zumutung nicht schon reichen würde, wurden den Einheimischen die Entwürfe der Architektin Babsi Manhardt, wie ihre neuen Häuser aussehen sollten, vorgestellt: Keine mit Reet gedeckten roten Backsteinhäuser, wie sie für die Nordseeküste typisch sind, sondern Flachdachgebäude mit großen Glasfenstern. Die Volksseele im Saal brodelte so laut wie das Meer um die Hallig.

Das Leben auf Langeneß kann ungesund sein...

 

Etwa zeitgleich mit dem Fund der Leiche von Beeke Klock wird das spurlose Verschwinden von Britta Tjaden bekannt. Erste Mutmaßungen machen die Runde: Ist sie für Beekes Tod verantwortlich, weil sich die Naturschützerin vehement gegen Brittas Projekt ausgesprochen hatte? Aber wie hätte Britta Langeneß dann verlassen sollen? Klar ist nur: Sie ist kurz nach dem Ende der Informationsveranstaltung noch per Fahrrad auf der Hallig unterwegs gewesen, um Fotos von deren Zustand vor der Sturmflut zu machen. Ihre Schwester Tilda hatte ihr wegen des immer stärkeren Windes davon abgeraten, aber Beeke hatte das Risiko auf sich genommen. 
Tilda meldet ihre Schwester jedoch erst am Morgen nach dem Unwetter als vermisst, ihre persönliche Betroffenheit hält sich in Grenzen. Auch Brittas Ehemann Paul, der telefonisch von der Polizei über das Verschwinden seiner Frau informiert wird, ist eher mäßig besorgt. Doch das Rätselraten dauert nur kurz: Im Deichvorland von Pellworm wird eine Frauenleiche angespült. Nach kurzer Zeit steht fest, dass es sich um die Vermisste handelt. Hat ihr Ehemann, der sich als spielsüchtiger und hoch verschuldeter, aber leider erfolgloser Unternehmensberater entpuppt, etwas mit ihrem Tod zu tun? Und was macht dieser Tourist Mario Meier eigentlich wirklich auf der Hallig? Sucht er tatsächlich nach seltenen Pflanzen und Tieren oder treibt ihn etwas anderes nach Langeneß? 
Die Liste der Verdächtigen wird immer länger, aber nach und nach kommen immer mehr Sachverhalte ans Licht, die Zweifel an Britta Tjadens Integrität aufkommen lassen: Hat die Landesbedienstete tatsächlich Bestechungsgelder von einem wohlhabenden Halligbewohner entgegengenommen, wie es Babsi Manhardt gesehen haben will? Oder war alles doch ganz anders?
Kuno Knudsen und Arne Zander haben alle Hände voll zu tun, die beiden Todesfälle aufzuklären. Doch Knudsen ist noch nicht fertig mit Langeneß: Vor sieben Jahren schaffte er es nicht, die Gründe für das Verschwinden einer jungen Dänin zu ermitteln. Wird es ihm jetzt gelingen?

Wie war's?

 

Mit Mord auf der Hallig gelingt es Ulrike Busch, ihren Lesern nicht nur einen spannenden Krimi zu präsentieren, sondern sie auf authentische Weise an die Nordsee zu entführen und ihnen das Leben und Wesen der Halligbewohner nahezubringen. Das Buch ist sehr unterhaltsam geschrieben und lässt sich flott lesen. Die Autorin nimmt auf ein aktuelles Thema Bezug, mit dem sich die Halligbewohner und die zuständigen Behörden beschäftigen: Das Ansteigen der Meeresspiegel und die Häufung von schweren Sturmfluten zwingt zum Handeln, Aufwarftungen haben bereits stattgefunden und weitere werden folgen. Auf der Seite Biospäre Die Halligen gibt es weitere Informationen hierzu.

Mord auf der Hallig wurde über Books on Demand Norderstedt herausgegeben und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 3,99 Euro. 

Montag, 15. Juni 2015

Der Start: Bücher "rauf und runter"

Die Premiere - mein erster Blog


So, liebe Leute, es ist geschafft: Nach ein bisschen überlegen (Soll ich? Soll ich nicht?) will ich euch nun  regelmäßig ein paar Bücher vorstellen. Und nein: Ich werde nicht die Spiegel-Bestsellerliste abarbeiten. Das tun schon andere. Ich will euch zeigen, was ich gerade lese oder schon vor einer Weile gelesen habe. Das heißt: Es werden aktuelle Titel dabei sein, aber auch Bücher, die schon länger auf dem Markt sind. Ich freue mich, wenn ihr den einen oder anderen Kommentar da lasst. Aber jetzt ist es genug geschwafelt, es geht gleich nahtlos weiter zum ersten Buch.

Das Buch über ein Leben in der Anstalt

Vor kurzem habe ich tatsächlich einen Spiegel-Bestseller gelesen, und zwar Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war von Joachim Meyerhoff. Er ist 2015 erschienen und wurde mir von meinem Lieblings-Buchhändler empfohlen. Meyerhoff erzählt darin von seinem Leben in der Psychiatrie. Nein, nicht er ist es, der therapiert wird. Er lebt als Sohn des Direktors mitten auf dem Anstaltsgelände in Schleswig, zusammen mit seinen Eltern und den beiden älteren Brüdern. Das Buch beginnt, als der Autor sieben Jahre alt wird und endlich allein, ohne seine Mutter, zur Schule gehen darf. Eine Woche befolgt er die strikten Instruktionen seiner Eltern und geht genau den verabredeten Weg, aber schon zu Beginn der zweiten Woche ist es ihm zu langweilig und er macht einen Schlenker durch die verbotene Schrebergartensiedlung. Der Leser ahnt, dass das nicht ohne Folgen bleiben kann. Prompt findet das Kind Joachim einen Toten, aber in der Schule glaubt die Geschichte zunächst niemand. Das Erlebnis entwickelt sich zu seinem Leidwesen ganz anders als erhofft.

Ein Leben wie ein Roman - so etwas musste aufgeschrieben werden

Die Kindheit und Jugend des Autors hat nichts mit dem zu tun, was wir als „normal“ ansehen würden. Meyerhoff beschreibt die Geburtstagskaffeetafeln des Vaters mit immer denselben Gästen. Da sitzen dann keine Verwandten, Freunde oder Bekannten mit am Tisch, sondern vier Patienten: Margret, die das ganze Jahr über eine gemusterte Kittelschürze trägt und deren Sätze so klingen, als würden sie aus einem einzigen Wort bestehen; Ludwig, der sich jedes Jahr wieder wünscht, den Familienhund zu streicheln, es aber viele Jahre nicht schafft und hysterisch aus dem Zimmer rennt und die Feier ruiniert; Dietmar, der pausenlos Fragen stellt und seinen Kot auf die Klowände schmiert; und zu guter Letzt Kimberley, die sich nach dem Geburtstagskäffchen halb nackt zum Sonnen auf den Rasen legt.

Die Mutter versucht so gut es geht, zwischen nachts schreienden Patienten und unzähligen Skurrilitäten so etwas wie Normalität herzustellen. Nach und nach wird deutlich, dass ihr diese Aufgabe allmählich über den Kopf wächst. Ihr Mann, der allseits geachtete Psychiatriedirektor, ist ihr und ihren Söhnen gegenüber leider wenig empfindsam und vertieft sich lieber in theoretische Exkurse.

Die Fassade wird viele Jahre aufrechterhalten, bis diese durch den Unfalltod eines Familienmitglieds Risse bekommt. Das Zerbröseln des familiären Zusammenhalts nimmt Fahrt auf, als das Doppelleben des Vaters auffliegt.

Meyerhoff beschreibt die Figuren in seinem Roman so deutlich, dass sie beim Lesen klar vor Augen stehen. So kann man zum Beispiel das immer stärker werdende Läuten hören, wenn sich der Glöckner nähert. Man sieht ihn vor sich, in schwarzer Kleidung und mit schwarzen, zerzausten Haaren, wie er mit weit ausladenden Armbewegungen die Glocken in seinen Händen beim Gehen durch den Anstaltspark schwenkt. Die Angst des Kindes Joachim vor dem Patienten kann man als Leser gut nachfühlen. Aber Meyerhoff schildert auch andere Szenen so lustig, dass man immer wieder laut auflacht. Dass das Leben in der Anstalt nicht nur witzig oder seltsam war, wird jedoch auch beschrieben. Meyerhoff spart die traurigen und tragischen Phasen nicht aus.

Kaufen? Ja!

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, gerade wegen seiner Ausgewogenheit von Humor und Ernsthaftigkeit. Na klar, so gut wie niemand wächst in so einer Umgebung auf, darum erübrigt sich auch jeder Vergleich. Aber das Buch zeigt auf, dass das Heranwachsen eines Kindes in solchen ungewöhnlichen Umständen nicht dazu führen muss, dass aus ihm ein psychotischer Erwachsener wird, der an seinem Leben verzweifelt.

Das bei KiWi erschienene Taschenbuch kostet 9,99 €.