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Freitag, 17. März 2023

# 385 - Flucht, Rassismus, Nationalsozialismus und Liebe - und die Frage nach der Vererbung von Erinnerungen

Mit Stay away from Gretchen ist Susanne Abel ein Roman gelungen, an dem man nur den Titel kritisieren kann. Der hätte mich fast davon abgehalten, das Buch zu lesen, weil ich dahinter "Kitsch" vermutet hatte.

Greta Schönaich - eben jenes Gretchen - wächst in Ostpreußen auf. Als Achtjährige erlebt sie den Kriegsbeginn sowie die Euphorie und die Siegesgewissheit, die die meisten Erwachsenen um sie herum haben. Mit ihrer Schwester teilt sie die Verehrung für Adolf Hitler, den die beiden Mädchen wie einen Popstar anhimmeln. Nur ihr Opa, der als Soldat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hat, kann der Situation nichts Gutes abgewinnen. 

Gretas Vater Otto, ein glühender Nazi, wird 1940 eingezogen; der Rest der Familie, der außer dem Mädchen noch aus den Großeltern, der Mutter und der älteren Schwester Fine besteht, flieht im Januar 1945 nach Westen. Auf der Flucht wird die Familie auseinandergerissen und trifft sich erst im Mai 1946 bei Verwandten in Heidelberg wieder. Der Vater findet seine Familie nach langer Gefangenschaft in Russland erst 1952 wieder. 

Die Stadt wird ihre neue Heimat. Gretas Lebensweg nimmt eine drastische Wendung, als sie in Heidelberg einen dort stationierten amerikanischen Soldaten kennenlernt, in den sie sich verliebt. Dass er nach der nationalsozialistischen Rassenlehre ein Untermensch ist, ist ihr gleichgültig. Die Folgen dieser Liebe sollen ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen.

2015 - im Hier und Jetzt

Susanne Abel belässt es nicht dabei, die Geschichte der Schönaichs zu erzählen, sondern springt immer wieder rund siebzig Jahre in die Zukunft. Hier steht zunächst der prominente Kölner TV-Nachrichtenmoderator Thomas "Tom" Monderath im Mittelpunkt. Er ist Single, hat immer mal wieder One-Night-Stands und lebt ansonsten im Takt der Nachrichtenlage. Seine 84-jährige Mutter Greta ist verwitwet und lebt allein in der Wohnung, in der Tom aufgewachsen ist. Die Seniorin sieht ihren Sohn vor allem dann, wenn sie abends den Fernseher anschaltet. Der Kontakt zu ihm ist ziemlich spärlich. 

Das ändert sich schlagartig, als die alte Dame seltsame Dinge tut. Tom schiebt den Gedanken, dass sich da möglicherweise Probleme auftun könnten, die sein egozentrisches Leben aus dem Lot bringen, zur Seite. Aber die Diagnose des Arztes ist eindeutig: Seine Mutter leidet an Alzheimer. Je mehr sie sich geistig aus der Gegenwart entfernt, umso stärker rückt die Vergangenheit in den Vordergrund. Als Tom in ihrer Wohnung ein Foto findet, auf dem ein afroamerikanischer Soldat abgebildet ist, bemerkt er die Reaktion seiner Mutter: Sie wird so emotional, wie er sie nie kennengelernt hat und behauptet, dieser Mann sei sein Vater. Tom beginnt mithilfe einer Kollegin, Nachforschungen anzustellen und lernt seine Mutter von einer ganz neuen Seite kennen.

Lesen?

Stay away from Gretchen erzählt eine von tragischen und traumatischen Erlebnissen geprägte Lebensgeschichte. Susanne Abel beschreibt die Folgen des nationalsozialistischen Rassenwahns und die gesellschaftliche Ausgrenzung der deutschen Frauen, die von afroamerikanischen US-Soldaten schwanger wurden. Ihre Kinder wurden als minderwertig angesehen, vielen Müttern wurden sie zwangsweise weggenommen, um dann zur Adoption freigegeben zu werden.

Doch auch innerhalb der US-Armee wurde die Rassentrennung vollzogen. Afroamerikanische GIs bekamen den Rassenhass zu spüren und wurden oft wie Fußabtreter behandelt. 

Das Thema Flucht und Vertreibung wird in Abels Roman immer wieder angesprochen, wenn beispielsweise Bezüge zu der Fluchtbewegung im Jahr 2015, als zwei Millionen Menschen auf dem Land- und Seeweg in die EU flohen, hergestellt werden. Weder damals noch heute waren geflüchtete Menschen in den Orten, in denen sie Zuflucht suchten, willkommen.

Das Buch greift zudem Erkenntnisse im Zusammenhang mit Demenzerkrankungen auf. Mit fortschreitender Demenz vergessen die Menschen, worüber sie ihr Leben lang schweigen wollten. Es ist häufig so, als würde sich eine Tür öffnen, hinter der die Vergangenheit jahrzehntelang fest verschlossen gewesen war. Abel arbeitet auch Forschungsergebnisse in ihre Handlung ein, wonach Erfahrungen und Erlebnisse, die in einer Generation gemacht wurden, durch eine Art "genetisches Gedächtnis" an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden.

Fazit: Lesen? Ja!

Stay away from Gretchen ist 2021 bei der dtv Verlagsgesellschaft erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort bekommt Josef wieder Arbeit. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Freitag, 28. Februar 2020

# 231 - Das Leben der Gräfin: eine Biografie über eine der einflussreichsten Journalistinnen Deutschlands


Marion Gräfin Dönhoff war lange Jahre Herausgeberin und Chefredakteurin der Wochenzeitung DIE ZEIT und eine einflussreiche Publizistin, die mit den Mächtigsten ihrer Zeit Kontakt hatte und mit vielen von ihnen befreundet war. Gleichzeitig wurde ihre eine etwas unterkühlte Aura nachgesagt. Die Herausgeberin der Frauenzeitschrift EMMA, Alice Schwarzer, hat noch zu Lebzeiten Dönhoffs eine Biografie über sie geschrieben: Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben.

Marion Dönhoff wurde 1909 als jüngstes von sieben Kindern auf Schloss Friedrichstein in der Nähe von Königsberg geboren. Entgegen der damals üblichen Gepflogenheiten bestand sie darauf, das Gymnasium zu besuchen - als einziges Mädchen. So durchsetzungsstark, wie ihr Leben begonnen hatte, sollte es auch weitergehen. Alice Schwarzer hat im Laufe eines Jahres in zahlreichen Gesprächen mit Dönhoff sowie deren Angehörigen und Freunden viele kleine Puzzlestücke zusammengetragen, die sich in diesem Buch zu einem Bild zusammenfügen.

Die Biografie zeigt, unter welchen Umständen Marion Dönhoff die Zeit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und den 2. Weltkrieg in Ostpreußen erlebt hat. Schwarzer schildert, dass es da einen kurzen Moment in Dönhoffs Leben gab, in dem dieser die Vorstellung, Sozialismus und Nationalismus miteinander zu verbinden, attraktiv erschien. Sie erlebte Adolf Hitler dann, als er in einer Schule eine Rede hielt:
"Er trat auf, tobte, geiferte und redete, wie ich fand, viel Unsinn. Angewidert kam ich zurück und erklärte (..): 'Ohne mich! Mit denen nie!'"
In dieser Zeit beobachtet sie, dass nur wenige Menschen wussten, was eine Demokratie ausmacht: "Alle hatten nur noch einen Wunsch: den starken Mann am Ruder zu sehen."

Unter abenteuerlichen Umständen musste Marion Dönhoff im Januar 1945 Ostpreußen in Richtung Westen verlassen. 1.200 Kilometer legte sie in klirrender Kälte auf ihrem Pferd zurück, bevor sie in Westfalen ankam. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht nur ihre Heimat, sondern auch eine ganze Reihe Menschen verloren, die ihr wichtig waren: Ihr Bruder und ihre Neffen waren im Krieg gefallen, mehrere Freunde wurden als Verschwörer im Zusammenhang mit dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Dönhoff hatte sie unterstützt und es nur ihrem Glück zu verdanken, nicht selbst verhaftet worden zu sein. Die Witwen der Hingerichteten erhielten einige Tage später eine Rechnung über die 'Gebühr für die Todesstrafe' und die 'Kosten der Vollstreckung'. Die vielen schlimmen und existenziellen Erfahrungen hatten das Wesen von Dönhoff verändert, sie war hart geworden.

Alice Schwarzer beschreibt den Weg Marion Dönhoffs nach Hamburg in die Redaktion der ZEIT. Dönhoff berichtet über die Nürnberger Prozesse, die Demontage der Industriebetriebe und den Grund, der sie dazu veranlasste, sich kurzzeitig von der ZEIT abzuwenden: Einer der Mitbegründer und Chefredakteur der Wochenzeitung, Richard Tüngel, fand nichts dabei, dass der Staatsrechtler Carl Schmitt, ein seit 1933 aktives Mitglied der NSDAP, dort Artikel schrieb. Hier wird erneut ihr starke Abneigung gegen den Nationalsozialismus deutlich, der sie ihr ganze Leben lang schreibend Ausdruck gegeben hat.

Man wundert sich zunächst etwas, dass einer bekannten Feministin wie Alice Schwarzer so viel daran lag, sich biografisch einem Menschen wie Marion Dönhoff zuzuwenden, die vom Feminismus nie viel gehalten hat. Im zweiten Teil des Buches findet man ein Interview aus dem Jahr 1995, in dem Schwarzer ihre eigene Verwunderung darüber formuliert hat:
"Es sieht so aus, als würde unser Buch bald erscheinen. Meinen Sie nicht, dass einige Leute erstaunt gucken werden, wenn unserer beider Namen auf einem Buchdeckel stehen?" - Antwort Dönhoff: "Sicher ist das so. Aber das ist mir wurscht." 

Wer Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben gelesen hat, erfährt nicht nur viel über die 2002 verstorbene Journalistin, sondern bekommt einen tiefen Blick in die deutsche Geschichte. Das Buch wird zum Schluss durch eine Auswahl an von Dönhoff zwischen 1950 und 1995 für die ZEIT verfassten Artikeln abgerundet, in denen sich sehr deutlich erkennen lässt, welche Themen sie bewegt haben.

Marion Dönhoff - ein widerständiges Leben hat mir als vom Verlag Kiepenheuer & Witsch herausgegebenes E-Book vorgelegen. Der Titel wurde zuerst 1996 und dann erneut 2017 veröffentlicht. Das E-Book ist für 9,99 Euro erhältlich, das gebundene Buch kostet 17,95 Euro und das Taschenbuch 9,99 Euro.

Dienstag, 6. August 2019

# 206 - Wenn sich eine Frau dem IS anschließt

Vor etwas mehr als drei Jahren habe ich zum letzten
Mal ein Buch von Ulrike Blatter vorgestellt: Vor dem Erben kommt das Sterben ist damals noch als Self-Publishing-Titel erschienen.

Töchter des Todes ist ihr neuester Roman, und dafür hat sich die Autorin viel vorgenommen. Die Geschichte, die Ulrike Blatter erzählt, ist nicht nur eine einzelne, für sich allein stehende Handlungsabfolge, sondern es sind vielmehr mehrere miteinander verwobene Schicksale, in die die Menschen manchmal einfach hineingeschubst worden sind. So, wie es bei dem bosnischstämmigen Ehepaar Edin und Kristina Hodžić der Fall ist, das die Flucht vor dem Balkankrieg in das beschauliche und friedliche Taufingen verschlagen hat. Die muslimische Religion spielt in ihrem Leben keine Rolle, die beiden Töchter Semina und Aylin wurden in Deutschland geboren, die Familie ist in die Gemeinschaft integriert. Die Eltern wollen, dass aus ihren Kindern etwas Vernünftiges wird und spornen sie an, in der Schule und im Studium Leistung zu zeigen. "Glaub ja nicht, dass die Welt gerade auf dich gewartet hat!", wird für die beiden Schwestern zu einer der meistgehörten Ermahnungen.

Doch dann öffnet Aylin den Facebook-Account ihrer älteren Schwester Semina. Sie schaut in ein mit einem Niqab vollverschleiertes Gesicht, in dem sie nur die Augen wiedererkennt. Semina hat dort ihren Standort mit "Syrien" angegeben. Von diesem Tag an ändert sich fast alles: Seminas Verschwinden spricht sich im Ort rasch herum, die selbsternannte Investigativpresse gießt mit unbewiesenen Behauptungen fleißig Öl ins Feuer. Als wenige Tage später ein Selbstmordattentat auf eine Taufinger Metzgerei verübt wird und Zeugen eine in einen schwarzen Niqab verhüllte Frau gesehen haben, sind sich praktisch alle Einwohner einig, dass Semina für diese Tat verantwortlich ist. Es wird in der Öffentlichkeit sogar vermutet, dass sie in Deutschland war, um für den IS junge Frauen anzuwerben.

Die Familie Hodžić ist nun sozial isoliert, Kristina ist an ihrem Arbeitsplatz, einem Kindergarten, nicht mehr erwünscht und sogar ihre beste Freundin wendet sich von ihr ab. Die Familie erhält Drohungen, und Edin beginnt plötzlich wieder zu beten und verschwindet immer wieder ohne eine Erklärung. Zu der Angst um Semina kommt nun noch die um den Vater und Ehemann hinzu. Hatten sie es in der Vergangenheit als "gemischtes" Paar im ehemaligen Jugoslawien nicht schon schwer genug?

Die Handlung wird noch von weiteren Figuren getragen: Aylins Freund Jordan, der mit seiner dunklen Haut und seinen schwarzen Haaren mit Vorbehalten konfrontiert wird, ist durch seine Vergangenheit traumatisiert und kämpft immer wieder gegen das, was er "das Biest" nennt. 
Jordans größter Kontrahent ist Sven; der junge Mann macht keinen Hehl aus seiner rechten Gesinnung.

Parallel zu den Geschehnissen in Taufingen wird auch die Geschichte von der jungen Deutschen Star und ihrem Mann Luan erzählt. Beide hatten sich mit völlig falschen Vorstellungen dem IS im syrischen Rakka angeschlossen, dann aber desillusioniert ihre Flucht geplant. Sie wollten ihrem trostlosen Leben entfliehen, um dann zu erleben, dass sie direkt in der Hölle gelandet waren. Doch sie werden in der Wüste von einer Patrouille aufgegriffen und sehen ihrem sicheren Tod entgegen. Erst gegen Ende des Buches wird deutlich, wo der Zusammenhang zwischen ihnen und Seminas Verschwinden ist.


Wie war's?


Ulrike Blatter hat mit Töchter des Todes einen hochaktuellen Roman geschrieben, in dem sie den Fokus auf Themen lenkt, über die derzeit ständig diskutiert wird: Flucht und Vertreibung, Terrorismus, Fremdenhass, Vorurteile, Zivilcourage, Korruption, Kriminalität und die Verpflichtung der Medien, über Sachverhalte wahrheitsgemäß zu berichten.
Am Ende des Buches ist nichts mehr so, wie es zu Anfang schien. 

Der Roman ist an jeder Stelle spannend geschrieben und nimmt den Leser durch seine eindringliche Sprache mit in die Welt, in der die einzelnen Personen leben - mit ihren Gefühlen, Nöten und ihrer Vergangenheit. Klare Leseempfehlung für ein Buch, das uns einen Spiegel vorhält.

Töchter des Todes ist im Leinpfad Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 14 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.


Samstag, 9. Februar 2019

# 183 - Vom Fliehen und Ankommen

1945 verschlägt es die Gräfin Hildegard von Kamcke und
ihre fünfjährige Tochter Vera auf ihrer Flucht aus Ostpreußen ins Alte Land, das Obstanbaugebiet vor den Toren Hamburgs. Sie kommen bei Ida Eckhoff unter, die zusammen mit ihrem im Krieg als Soldat verwundeten Sohn Karl auf einem Altländer Hof wohnt. Die Botschaft der plattdeutschen Inschrift am Giebel des Wohnhauses wird sich durch das ganze Buch ziehen:

Dit Huus is mien un doch nich mien,
de no mi kummt, nennt't ook noch sien.

Ida Eckhoff hat für das "Polackenpack" nichts übrig und lässt das die Neuankömmlinge deutlich spüren: "Von mi gift dat nix!", ist ihre Antwort auf Hildegards Bitte um etwas Essen für ihre Tochter. Doch sie kann nicht verhindern, dass sich die stolze Hildegard und der durch den Krieg körperlich und seelisch schwer angeschlagene Karl einander annähern und schließlich heiraten. Dieser Schritt lässt Ida in ihrer neuen Rolle als Schwiegermutter schwere Geschütze auffahren. Doch die beiden Frauen sind einander ebenbürtig und schenken sich nichts.

Aber der Tag kommt, an dem Hildegard ihre Sachen packt und das Haus für immer verlässt. Allein. Vera bleibt bei Karl zurück, gefragt wurde sie nicht. Ida ist da schon nicht mehr am Leben, Hildegard von einem Architekten schwanger. Hildegard lässt sich von Karl scheiden und heiratet ein zweites Mal. Sie bekommt eine Tochter, die später selbst zwei Kinder - eine Tochter und einen Sohn - haben wird. Der Kontakt zwischen Vera und ihrer Halbschwester Marlene ist eher sporadisch, die Jüngere weiß nur wenig von der Flüchtlingsvergangenheit der Mutter.
Vera wird Zahnärztin und bleibt ihr Leben lang in dem Haus, das einmal Ida Eckhoff gehört hat. Es ist nicht so, dass sie eine bewusste Entscheidung getroffen hätte, weil sie Land und Leute ins Herz geschlossen hat; sie ist auf irgendeine Weise hier hängengeblieben, wie ein Blatt, dass sich in einem murmelnden Bach an einem kantigen Stein verfangen hat. Sie lebt ihr ziemlich einsames Leben, passt sich nicht an das an, was andere für "normal" halten und lässt Haus und Hof langsam verrotten.

Sechzig Jahre nach Veras Ankunft treffen wieder "Flüchtlinge" auf dem Altländer Hof ein: Veras Nichte Anne und ihr kleiner Sohn Leon. Anne hat bis jetzt mit ihrem Sohn und ihrem Freund in Hamburg-Ottensen gewohnt, einem Stadtteil, der vor hippen Menschen und modernen Eltern überquillt und wo sich Anne nie wirklich wohl gefühlt hat. Nachdem herausgekommen ist, dass ihr Freund sie betrogen hat, hat Anne kurzentschlossen ihre Sachen gepackt, Leon ins Auto gesetzt und ist zu ihrer Tante gefahren. Die beiden unterschiedlichen Frauen müssen sich nun aneinander gewöhnen und die Eigenheiten der jeweils anderen akzeptieren lernen.


Lesen?

 

Altes Land erzählt sehr empathisch davon wie es sich anfühlt, sein Zuhause zu verlieren und woanders, wo man nicht willkommen ist, neu anzufangen. Der Roman stellt das Leben der Altländer jedoch auch dem der Zugezogenen gegenüber: Erstere wollen sich entweder nicht daran gewöhnen, dass sich die Zeiten ändern und man sich Neuem öffnen muss oder sie werden von ihren Nachbarn belächelt, wenn sie ihre Obsthöfe um touristische Attraktionen erweitern; die neuen Bewohner, vorwiegend gutsituierte Hamburger auf Sinnsuche, haben eine romantische Vorstellung vom Leben auf dem Land, wie sie Leute pflegen, die regelmäßig in diesen Lifestyle-Magazinen blättern, in denen Bauernhöfe aufgeräumt und keimfrei und Landwirte mindestens so glücklich wie ihre Kühe sind. Für manche dieser Menschen sind die Alteingesessenen tumbe Bauern, denen es gehörig an Bildung fehlt. Man kann vermuten, dass Dörte Hansen, die selbst auf dem Land lebt, das so oder so ähnlich schon oft erlebt hat. 
Klare Leseempfehlung.

Altes Land  kostet als gebundenes Buch 19,99 Euro, als Taschenbuch 10 Euro, als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro sowie als Audio-CD 7,99 Euro. 

Freitag, 13. Juli 2018

# 158 - Ein Gesellschaftsroman mit wahren Elementen

Ein mecklenburgisches Dorf als Zentrum des Geschehens

 

Machandel: Das ist der Name eines fiktiven mecklenburgischen Dorfes und des gleichnamigen Debutromans von Regina Scheer, der 2014, passend zum 25. Jahrestags des Falls der deutsch-deutschen Mauer, erschienen ist. Der Dorfame leitet sich vom niederdeutschen Wort für Wacholder ab, der rund um Machandel üppig wächst.

Deutschland von den 1930er bis zu den 1990er Jahren

 

So unbedeutend das winzige Dorf Machandel an sich ist, für die Hauptpersonen in Regina Scheers Roman ist es so etwas wie der Nabel ihres Lebens. Der russische Offizier Grigori strandet hier im 2. Weltkrieg für etwas mehr als ein Jahr ebenso wie die  Arztwitwe Emma aus Hamburg, die es sich zur Aufgabe macht, sieben verwaiste Kinder großzuziehen, deren Mutter verstorben ist, deren Vater als Soldat im Krieg kämpft und deren älteste Schwester in einer Nervenklinik ist - nachdem sie vom Stallarbeiter und späteren Gefangenenaufseher Wilhelm Stüwe vergewaltigt und dann als schwachsinnig denunziert wurde, damit sie ihm nicht gefährlich werden kann.

Doch im Mittelpunkt des Romans steht die 1960 geborene Clara. Wie die anderen Personen, die den Inhalt des Buches wesentlich prägen, spricht sie aus der Ich-Perspektive und zeigt ihre Sicht der Ereignisse. Sie ist die Schwester des 14 Jahre älteren Fotografen Jan Langner, der im Schloss von Machandel geboren wird und erst im Alter von sieben Jahren zu seinen Eltern nach Ost-Berlin zieht. Die beiden sind die Kinder des Kommunisten Hans Langner, der in der DDR verschiedene wichtige Positionen bis hin zum Minister inne hatte und sein Leben lang von einem kommunistischen Staat träumt. Er wird 1935 wie seine Lebensgefährtin Else als Mitglied der Kommunistischen Partei verhaftet und letztlich ab 1943 im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten. Als die Rote Armee immer näher rückt, treibt die SS über 30.000 Häftlinge nach Nordwesten. Auf diesem Todesmarsch gelingt Hans Langner gemeinsam mit zwei tschechischen Gefangenen die Flucht und er erreicht schwer krank Machandel. Dort wird er von der jungen Johanna gesund gepflegt, die selbst zusammen mit ihrer Mutter als Flüchtling in das Dorf gelangt ist. Johanna und Hans werden ein Paar.

Clara lernt Machandel erst 1985 kennen. Jan hat seine Ausreise aus der DDR beantragt, und sie wurde genehmigt. Kurz vor dem Abschied schlägt er vor, mit Clara und ihrem Mann Michael nach Machandel zu fahren und ihnen den Ort seiner frühen Kindheit zu zeigen. Ab diesem Zeitpunkt wird das Dorf für Clara zu einer Art Sehnsuchtsort: Sie und Michael kaufen die alte Kate, in der Emma etliche Jahre zuvor mit den sieben Kindern gelebt hat, und richten sie als Wochenendhaus her. Sie verbringen viel Zeit in Machandel, das gerade Clara wie eine Art Oase und Ruhepunkt erscheint. Doch im Laufe der Jahre erfährt sie immer mehr über die Bewohner - die früheren und die jetzigen - und die Geschichte des Dorfs. Flucht, Gewalt und Erniedrigung hat dieser Ort gesehen, aber auch Zusammenhalt und Liebe. Clara lernt im Laufe der Jahre auch immer mehr über ihre eigene Familie. In ihrem eigenen Leben geht es auf und ab, doch ein Wunsch begleitet sie immer: Sie würde gern ihren Bruder wiederfinden. Niemand aus der Familie oder von seinen Freunden hat Jan seit seiner Ausreise aus der DDR wiedergesehen. Doch es gibt Spuren, an die sich sein alter Freund Herbert heftet: Immer wieder werden seine Fotos in Zeitschriften veröffentlicht - aus Kuba, Nicaragua oder Bolivien. Aber die Fotos sind nicht mit seinem Namen gekennzeichnet: Unter jedem Bild steht einfach nur "Machandel".

Lesen?

 

Machandel ist ein äußerst vielschichtiger Roman, in den man förmlich eintaucht. Da es sich nicht um eine chronologische Handlung handelt, sondern die Personen nacheinander ihre Sicht auf die Vergangenheit erzählen, gelingt es sehr gut, sich in sie hineinzufühlen. Jeder hat ein Geheimnis oder leidet unter der Erinnerung an oft lange zurückliegende Ereignisse. Nur der Leser weiß, warum die Menschen auf die eine oder andere Art gehandelt haben. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie mehr miteinander geredet hätten?

Regina Scheer wurde 1950 in Ost-Berlin geboren und hat die DDR auch dann nicht verlassen, als sich die Möglichkeit ergeben hatte. Der Osten Deutschlands und vor allem Berlin ist darum auch der Schwerpunkt ihres Buchs. Wer in der DDR aufgewachsen ist oder die Situation dort verfolgt hat, wird auch viele Namen von einst wichtigen Personen wiedererkennen; auch die, die nicht explizit genannt, sondern nur beschrieben werden.

Machandel ist in der mir vorliegenden Ausgabe 2017 im Penguin Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro, als gebundene Ausgabe 22,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Edition 8,99 Euro.
Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. 

 

 

Freitag, 29. Juni 2018

# 156 - Roman über eine lange Liebe mit Höhen und Tiefen

Stille und Einfachheit prägen die Familie

 

Johanna Lettmann und Wilfried Fiebelkorn werden im 2. Weltkrieg von der Roten Armee aus Hinterpommern vertrieben. Johanna wird schnell schwanger, doch auf der Flucht wird Wilfried von britischen Soldaten aufgegriffen und verbringt die nächsten fünf Jahre in englischer Kriegsgefangenschaft, ohne vorher je einen Schuss abgefeuert zu haben. Johanna erhält während dieser Zeit kein Lebenszeichen von ihm. In seinem Debutroman Ein Fiebelkorn erzählt Matthias Lanin auf eine spezielle Art von einer deutschen Familie, deren Schicksal - wie das vieler anderer auch -  von Umständen abhing, die sie nicht beeinflussen konnten.

Mehr als 50 Jahre Ehe in einem Buch

 

Die Fiebelkorns führen ein stilles Leben und sind immer wieder gezwungen, sich mit einschneidenden Ereignissen auseinanderzusetzen und sie zu verarbeiten. Sie haben vier Töchter, aber eine von ihnen stirbt im Alter von vier Jahren. Zu einer anderen Tochter, die in den USA lebt, haben sie nur gelegentlich Kontakt. Johanna und Wilfried haben das Kriegsende erlebt, ihre Kinder in der DDR großgezogen, haben ungläubig den Mauerfall vor dem Fernseher verfolgt und sind über all dem alt geworden. Jeder kennt genau die Vorzüge und Macken des anderen und kommt damit zurecht, sie haben sich als über 80-Jährige in ihrer bescheidenen Zweisamkeit eingerichtet. Doch man ahnt schon auf den ersten Seiten, dass damit bald Schluss ist: Wilfried spürt ein Gewicht auf der Brust, das ihm das Atmen schwer macht, behält das aber für sich. Aber dann, etwa in der Mitte des Romans, passiert das, wovor sich Johanna gefürchtet hat: Ihr Mann bittet sie, ihn sofort mit dem Auto ins Krankenhaus zu fahren. Wenn er das macht, muss es schlimm um ihn stehen, das ist Johanna klar. Aber sie ist schon eine Ewigkeit nicht mehr gefahren, und ihre Brille hat sie auch verlegt. Wilfried sackt auf dem Beifahrersitz zusammen, noch bevor sie am Krankenhaus angekommen sind.

Wie soll es nun allein weitergehen? 

 

Mithilfe einer ihrer Töchter wird Wilfrieds Beerdigung organisiert, aber Johannas Gemütszustand ist völlig aus den Fugen geraten: In manchen Momenten will sie nicht wahrhaben, dass ihr Mann tot ist und nie mehr zur Tür hereinkommen und auf seinem Platz am Küchentisch sitzen wird. Manchmal ärgert sie sich auch, dass er sich so einfach davongemacht hat, ohne ihr Bescheid zu sagen. Doch vom ersten Moment an, den sie allein in ihrem Haus verbringt, spürt sie die Einsamkeit, die Leere um sich herum. Und dann sieht sie etwas vor dem Fenster, was sie unmissverständlich auf ihre eigene Endlichkeit hinweist.

Wie war's?

 

Matthias Lanin setzt für seinen Roman einen neutralen Erzähler ein, der immer dann, wenn der Fokus auf Johanna oder Wilfried liegt, zu plattdeutschen Ausdrücken greift. Auffällig ist die Sprachlosigkeit der Eheleute: Sie verständigen sich untereinander oft nur mit Blicken oder Gesten, richtige Gespräche finden nicht statt. Das setzt sich auch gegenüber ihren Töchtern fort: Das, was die Eltern denken, lassen diese unausgesprochen und fertigen ihre Kinder oft mit Kurzsätzen barsch ab.
Auf dem Buchcover wird Ein Fiebelkorn als Liebesgeschichte bezeichnet. Wer deswegen eine romantische Lektüre erwartet, ist hier falsch. In der Rückschau gibt es sogar einen Moment, in dem sich die junge schwangere Johanna fast einem anderen Mann zugewandt hätte. Auch das, was die Eheleute voneinander denken, ist nicht immer freundlich, aber nach so vielen gemeinsamen Jahren realistisch.

Ein Fiebelkorn ist im Divan Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 15,90 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 8,99 Euro. Ich bedanke mich bei der Literaturagentur kongking, die  mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.