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Samstag, 23. Mai 2026

# 505 - Können wir ändern, wer wir sind?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Rachel Khong einen Teil
ihrer Familiengeschichte und ihres Lebensgefühls in ihren Roman Real Americans eingeflochten hat: Als Kind chinesisch-malaysischer Eltern kam sie als Zweijährige von Malaysia in die USA. 2024 sagte sie in einem Interview: "Wann immer meine Familie nach Malaysia zurückkehrte, um Verwandte zu besuchen, fühlte ich mich fremd, da ich weder Malaiisch noch die Dialekte meiner Familie sprechen konnte; ich hatte nie das Gefühl, dazuzugehören."

In ihrem Roman geht es ebenfalls um Migration und die Probleme, die damit verbunden sind. Allerdings ist diese Geschichte eines in die USA eingewanderten chinesischen Paares und seiner dort geborenen Tochter Lily eine besondere.

Rachel Khong beginnt ihre Erzählung im Jahr 1999. Lily ist 22, praktisch mittellos und macht ein unbezahltes Praktikum in der Medienbranche. Sie lernt den reichen und gutaussehenden Matthew kennen und nimmt wahr, dass er das verkörpert, was man im Allgemeinen als "typisch amerikanisch" ansieht, obwohl sie selbst ebenfalls dort geboren wurde - jedoch aufgrund ihres Aussehens als Chinesin wahrgenommen wird, obwohl sie die Sprache nicht spricht.

Matthew und Lily heiraten und werden Eltern eines Sohnes: Nick, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit seinem Vater und sogar dessen Vater hat. 

Die Handlung springt ins Jahr 2021. Lily und Matthew haben sich vor langer Zeit getrennt und keinen Kontakt mehr. Nick ist auf Vashon Island in der Nähe von Seattle bei seiner Mutter aufgewachsen und hat keine Ahnung, wer sein Vater ist. Zwischen Matthews Zuhause in New York und ihnen liegen mehr als zweieinhalbtausend Kilometer. Die beiden schlagen sich finanziell durchs Leben, es reicht immer irgendwie. Auch zu Lilys Eltern gibt es keine Verbindung. Immer, wenn die Rede auf die Kontaktabbrüche kommt, hüllt sich Lily in Schweigen. Da kommt Nicks bester Freund auf eine Idee: Ein Gentest könnte ihn zu seinem Vater führen. Ohne seine Mutter einzuweihen, schickt Nick eine Probe in ein Speziallabor. Das Ergebnis ist der Beginn einer Annäherung zwischen Vater und Sohn, die alles andere als linear verlaufen wird.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der Geschichte von Lilys Eltern. Charles und May sind Wissenschaftler, die vor dem Mao-Regime in die USA geflohen sind und dort zufällig auf einen reichen Mann stoßen, der auf dem Gebiet der Genetik Großes erreichen will. Diese Bekanntschaft ist Ausgangspunkt und Schlüssel für eine ungewöhnliche Familiengeschichte, in der Geschäftspartner durch einen Zufall Teil derselben Familie werden, obwohl zwischen ihnen tiefe kulturelle und soziale Gräben liegen. Rachel Khong schickt Nick und May ins Jahr 2030 und begleitet sie, die sich bislang völlig fremd waren, bei ihrer Annäherung.

Lesen?

Rachel Khong hat mit Real Americans viele Aspekte angerissen, die nachdenklich machen: Was macht einen "echten Amerikaner" aus? Wo sollten die Grenzen der künstlichen Befruchtung sein? Wie wirkt sich die kulturell geprägte Erziehung auf das Leben der nachfolgenden Generationen aus? Was sind Menschen bereit zu tun, um in einem unmenschlichen System zu überleben?

Der Roman ist ein Pageturner, weil er so völlig unvorhersehbar ist, dass die Leserinnen und Leser von den Wechselfällen, die Khongs dramatische Erzählung durchziehen, gefesselt werden.

Real Americans ist im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.


Freitag, 8. Mai 2026

# 504 - Geld als Waffe

Der Krieg - das ist ein Thema, das viele Menschen gern
ausblenden würden. Der Krieg ist: Tod, Zerstörung, unendliches Leid. Zum Krieg gehören: Militär, Politik, Demokratie und - Geld.

Damit sind jedoch nicht die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen gemeint. Gemeint ist, dass sich am Geld entscheidet, wie Kriege beendet werden. Die ökonomische Sicht auf Kriege bringt die Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch Geld als Waffe näher.

Ulrike Herrmann beschränkt sich auf zwei Bedrohungsszenarien: Chinas Wunsch, Taiwan zu annektieren, und Putins Plan, Europa zu bedrohen. Sie erläutert in zwei ausführlichen Kapiteln die Hintergründe für die Kriegsbereitschaft der beiden Länder und deren wirtschaftliche Möglichkeiten, Kriege zu führen und in ihrem Sinne zu einem Erfolg zu führen.

Die Betrachtung Russlands beginnt bereits in der Zeit der Mongolenherrschaft, erläutert dann das "Erfolgsmodell" der faktischen massenhaften Volksversklavung während des Zarenreichs und führt über den Bolschewismus und den Stalinismus bis zur Herrschaft von Putin. Herrmann schildert Putins Aufstieg, die politischen Strukturen Russlands und die Fallstricke, die der vom russischen Präsidenten angezettelte Krieg gegen die Ukraine birgt. Sehr einleuchtend erläutert sie, warum Putin diesen Krieg so schnell nicht beenden wird und zieht eine Parallele zum Beginn der Napoleonischen Kriege 1803: Obwohl mehr als 200 Jahre zwischen diesen Kriegen liegen, sind wirtschaftliche Überlegungen sehr wichtige, wenn nicht sogar ausschlaggebende Gründe, die Kriegshandlungen am Leben zu erhalten. Sowohl Napoleon als auch Putin befanden bzw. befindet sich in einem Dilemma. "Erst im Frieden zeigt sich, wie teuer ein Krieg war" bringt es auf den Punkt.

Auch der chinesische Staatschef Xi Jinping steht vor größeren ökonomischen Problemen, als man auf den ersten flüchtigen Blick auf die Wirtschaftsdaten seines Landes glauben würde. Auch hier geht Ulrike Herrmann weit in die Geschichte des Landes zurück, bis zur Gründung des chinesischen Kaiserreichs im Jahr 221 v. Chr. Wie schon bei der Darstellung der Geschichte Russlands sind Grundkenntnisse der chinesischen Geschichte wichtig, um Kultur und Denkweise wenigstens näherungsweise zu verstehen. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in China macht es Xi schwer, den unausgesprochenen Pakt zwischen der Regierung und der Bevölkerung einzuhalten: Die Regierung versprach die fortschreitende Verbesserung des Lebensstandards, wirtschaftliche Stabilität sowie Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Im Gegenzug akzeptierte die Bevölkerung die uneingeschränkte Führungsrolle der Kommunistischen Partei, eine strenge Internetüberwachung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und kaum politische Teilhabe. Doch die Versprechen können nicht mehr eingehalten werden, die Anzeichen für die Unzufriedenheit der Menschen nehmen zu. Ein Krieg gegen Taiwan, unterfüttert mit der passenden Propaganda, könnte geeignet sein, von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Diese Logik ist nicht neu und war in der Vergangenheit immer wieder ein Auslöser für einen Krieg. Sollte China tatsächlich Taiwan angreifen und das Land einnehmen, "hätten die Amerikaner ihren Status als Supermacht verloren und Peking könnte mühelos noch weitere Gebiete in Südostasien erobern oder unter seine Kontrolle bringen". Die Welt, wie wir sie kennen, wäre eine andere.

Herrmann macht sich Gedanken über das Drohpotenzial von Atomwaffen und die Risiken, die ein atomarer Angriff für die Angegriffenen und Angreifer hätte und erläutert, was es mit "schmutzigen Bomben" auf sich hat. Doch trotz dieser gefühlt großen Bedrohung sagt sie: "Die Wirkungsmacht dieser ökonomischen Waffen [Anm.: Sanktionen, Blockaden, Finanzmarkt-Manipulationen, Zurückhalten wichtiger Rohstoffe] entscheidet, wie viel Militär in einem Krieg noch gebraucht wird." 

Nach Ansicht von Ulrike Herrmann führt kein Weg an der Aufrüstung Europas vorbei. Diese Entwicklung wird ihrer Meinung nach zu einem geänderten Selbstverständnis der EU führen: "[...], diese Militärausgaben werden die EU für immer verändern: Europa ist auf dem Weg, zu einem echten Staat zu werden. Heute ist die EU eine Union selbstständiger Länder, künftig wird sie sich zu einer Art Föderalstaat entwickeln, in dem die einzelnen Nationen zwar noch formal eigenständig sind - aber sehr eng kooperieren."

Lesen?

Geld als Waffe gibt einen sehr guten Überblick, was unter einer sog. Kriegswirtschaft zu verstehen ist. Herrmann verbindet die aktuellen Schlagzeilen mit historischen Betrachtungen und macht immer wieder Exkurse zu praktischen Fragen, die sich in einem Krieg stellen: Wie können Fabriken weiterarbeiten? Woher kommen die Vorprodukte? Und was passiert, wenn diese Systeme zusammenbrechen?

Zum Verständnis von Herrmanns Erläuterungen sind spezielle wirtschaftswissenschaftliche Vorkenntnisse nicht nötig. Das Buch fügt sich in die aktuelle Debatte über Resilienz, Verteidigungsausgaben und die damit zusammenhängenden Zielkonflikte ein, die entstehen, wenn Sicherheit sowohl als militärisches als auch wirtschaftliches Projekt erkannt wird.

Ulrike Herrmanns Ausblick hat trotz der Düsternis des Themas einen positiven Grundtenor: "Putin wollte Europa spalten, doch dürfte er das Gegenteil erreichen und den Kontinent einen. Europa wird stärker, nicht schwächer."

Geld als Waffe ist 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro. 

Montag, 25. August 2025

# 486 - VW, China und eine Familiengeschichte

Wer kennt Wenpo Lee? Vermutlich nur wenige Menschen; und das, obwohl Herr Lee für den Volkswagen-Konzern buchstäblich der Türöffner für den Einstieg ins China-Geschäft war und eine beeindruckende Lebensgeschichte hat. Der Journalist Felix Lee hat sich mit seinem Buch China, mein Vater und ich der Lebensgeschichte seines Vaters gewidmet, die eng mit Deutschland und dem Volkswagen-Konzern verknüpft ist.

Wenpo Lee wurde 1936 in Nanjing, der damaligen Hauptstadt Chinas, geboren. Seit dem Sturz der Qing-Dynastie - und damit der Beendigung der 2.000-jährigen Herrschaft chinesischer Kaiser über China -  im Oktober 1911 und der Ausrufung der Republik drei Monate später befand sich das Land im Aufruhr. Die unruhige und instabile Situation mündete 1927 in den bis 1949 dauernden Chinesischen Bürgerkrieg, der mit dem Sieg der Kommunisten über die nationalistische Partei Kuomintang und der Gründung der Volksrepublik China endete. Am 1. Oktober 1949 proklamierte Mao Zedong die Chinesische Volksrepublik.

Das ist ein stark verkürzter geschichtlicher Abriss, der die Not, in der sich die Bevölkerung während dieser jahrzehntelangen Machtkämpfe befand, nicht annähernd beschreiben kann. Die Armut der Menschen war so groß, dass jeder um sein eigenes Überleben kämpfte. 

Die Familie Lee lebte vom Getreidehandel. Als die Soldaten der Kommunistischen Partei 1948 auf Nanjing zumarschierten, war Wenpo Lees Vater klar, dass sein Geschäft unter deren Herrschaft am Ende war. Wenpo floh als 12-Jähriger mit zwei Schwestern und einem Schwager nach Taiwan. Doch seine Hoffnung, seine Familie bald wiederzusehen, erfüllte sich fast dreißig Jahre lang nicht: Mao Zedong schirmte Festland-China völlig von der Außenwelt ab. Die geflüchteten Chinesen und Chinesinnen galten als Klassenfeinde, der Kontakt zu ihnen war verboten.

Wenpo arbeitete in Taiwan in einem Fahrradgeschäft und lernte dort die Grundlagen der Mechanik. Einer Fachhochschuldozentin fiel dort die besondere Begabung des Jungen auf. Sie nahm ihn bei sich auf und bezahlte seinen Schulbesuch. Danach besuchte Wenpo erfolgreich eine Fachhochschule und eine Militärhochschule, an der er Fahrzeugtechnik studierte. Sein nächster Schritt war wieder einem glücklichen Umstand zu verdanken: Einer der dortigen Professoren hatte in Deutschland Motorentechnik studiert und riet Wenpo, das ebenfalls zu tun. Der junge Mann folgte dem Rat 1962, studierte in Aachen Maschinenbau und promovierte. Er bewarb sich erfolgreich auf eine Stelle als Ingenieur bei Volkswagen in Wolfsburg, heiratete eine Chinesin und wurde nicht viel später zum ersten Mal Vater. 

1972, nachdem Mao Zedong zu einer Rückkehr zur Normalität aufgerufen hatte, wagte es Wenpo, seinem Vater einen Brief zu schreiben. Das war die erste Kontaktaufnahme mit der Familie auf Festland-China seit 24 Jahren. Es sollte noch weitere fünf Jahre dauern, bis Wenpo Lee seine Heimatstadt Nanjing wiedersah. Zwei Jahre zuvor war sein zweiter Sohn Felix geboren worden.

Lesen?

Felix Lee hat mit China, mein Vater und ich ein spannendes Buch geschrieben, in dem er anschaulich die Entwicklung Chinas von einem bitterarmen und unbedeutenden Land zu einem machtbewussten und wirtschaftlich stark prosperierenden Staat beschreibt, der einen großen Einfluss auf die Weltpolitik ausübt.

Und inwiefern war Wenpo Lee für VW ein Türöffner ins China-Geschäft? Das ist eine Anekdote, die Felix Lee gleich im ersten Kapitel beschreibt. 1978, als sein Vater dort eine Forschungsabteilung zur Entwicklung sparsamer Motoren leitete, standen einige Chinesen unangemeldet am Werkstor. Niemand wusste, was sie wollten. Einer von ihnen bezeichnete sich selbst als den chinesischen Maschinenbaumeister. Man bat ihn, den einzigen Chinesen im Werk, zu dolmetschen. Die Familie Lee war völlig in Deutschland integriert. Ihr Leben unterschied sich in nichts von dem deutscher Familien. Wenpo Lee hatte sich lange Zeit nicht mehr für die chinesische Politik interessiert und starke Zweifel, dass es sich bei der Gruppe am Werkstor tatsächlich um Chinesen handeln könnte. Für Deutsche sahen Asiaten schließlich alle gleich aus. Doch er sollte sich irren: Die Delegation wurde vom chinesischen Minister für Land- und Industriemaschinen angeführt und interessierte sich für Nutzfahrzeuge. Dieser Tag markiert den Grundstein für das Engagement von Volkswagen in China, das ohne Wenpo Lees Vermittlung so nicht oder erst später zustande gekommen wäre.

Wenpo Lee starb vor wenigen Wochen im Alter von 89 Jahren in Wiesbanden.

China, mein Vater und ich ist 2023 im Aufbau Verlag erschienen. Mir lag die Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung aus dem Jahr 2024 vor, die 5,-- Euro kostet.

Felix Lee gewann 2023 mit seinem Buch den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

Sonntag, 16. Juni 2024

# 440 - China, wer bist du?

Mehr als 7.000 Kilometer Luftlinie liegen zwischen der
deutschen Hauptstadt Berlin und der chinesischen Hauptstadt Peking. Was wir von hier aus über das "Reich der Mitte" wahrnehmen: große Wirtschaftsmacht, viele Einwohner, einen seine Macht stetig ausbauenden
 Präsidenten Xi Jinping, starke Überwachung der Bevölkerung, chinesisches Porzellan, Buddhismus. Wir glauben, durch die vielen chinesischen Restaurants in Deutschland die chinesische Küche zu kennen, und erinnern uns, wenn wir alt genug sind, an das Foto von Mao Tse-Tung, der mit seiner diktatorischen Politik das Land von 1949 bis 1973 beherrschte, was - je nach Schätzung - 40 bis 80 Millionen Menschen den Tod brachte.

Was wir nicht wissen: Wie geht es der chinesischen Bevölkerung heute? Was ist den Menschen wichtig, worauf legen sie Wert - oder worauf nicht?
Diese Fragen und insbesondere die, was Chinesinnen und Chinesen unter Glück verstehen, hat sich auch die Schriftstellerin und Glücksforscherin Simone Harre gestellt. Innerhalb von fünf Jahren hat sie in mehreren Interviewreisen zahlreiche Gespräche mit Frauen und Männern zwischen Peking im Norden und Yangshuo im Süden der Volksrepublik geführt. 50 dieser Interviews hat sie in ihrem Buch China, wer bist du? versammelt. Ganz überwiegend kommen hier Männer zu Wort; nur zehn Frauen haben mit Simone Harre über ihre Vorstellung vom Glücklichsein gesprochen. Die Gründe für dieses Ungleichgewicht bleiben unerwähnt.

Harre ahnte, dass es nicht so einfach sein würde, Interviews zum Thema Glück in Gang zu bringen. Darum hat sie als "Türöffner" zu Beginn der Unterhaltungen zwei Fragen gestellt:
Welche Blume möchtest du sein? und Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Für viele der Interviewten war das Gespräch mit der Autorin sehr herausfordernd, weil diese ihnen Fragen stellte, die sie sich selbst nie gestellt hatten. 

Harre ist es gelungen, Interviewpartnerinnen und -partner aus allen Gesellschaftsschichten zu finden. Von der Straßenverkäuferin über den Taxifahrer bis zum Chefkoch oder Professor stehen ihr die unterschiedlichsten Menschen Rede und Antwort. Die Mehrzahl der Befragten lebt in einer Großstadt, einige jedoch auf dem Land. Auffällig ist die hohe Zahl der Hochschulabsolventen, die allerdings nach ihrem Uni-Abschluss nicht unbedingt im selben Bereich, den sie studiert haben, arbeiten. Auffällig ist auch, wie viele Menschen auf verschiedenen Gebieten gleichzeitig tätig sind und das Scheitern von Unternehmen nicht mit Versagen und Resignation gleichsetzen. Die übliche Haltung ist eher: Wenn dieses Projekt nicht funktioniert, dann vielleicht ein anderes. Eine Einstellung, die für uns ungewohnt ist.

Zahlreiche Gesprächspartner haben in ihrer Kindheit und Jugend in tiefster Armut gelebt, viele sogar gehungert. Das betrifft vor allem die Generation der um 1970 Geborenen. Diese hat die kollektive Erfahrung gemacht, dass Fleiß und Erfolg sehr wichtig sind. Selbstverwirklichung kommt in ihrem Denken nicht vor.
Neben dem beruflichen Erfolg ist die Familie von großer Bedeutung. Zu heiraten und eine Familie zu gründen wird von den eigenen Eltern und der Gesellschaft zwar weniger strikt erwartet als noch vor etwa zwanzig Jahren, ist aber trotzdem als sehr erwünschter Teil des Lebens verankert. Individualismus, wie wir ihn aus unserem westlichen Selbstverständnis kennen, steckt in China noch in den Kinderschuhen.

Die Familie ist auch ein Ersatz für den praktisch nicht vorhandenen Sozialstaat. Wer in eine Notlage gerät und weder Geld noch helfende Angehörige hat, hat ein Problem. Die Vorstellung von sozialer Verantwortung beschränkt sich folgerichtig auf die eigene Familie.

Lesen?

Simone Harre ist es gelungen, die Menschen zum Nachdenken über sich selbst zu bringen - was eine besondere Leistung ist, da Selbstreflexion in der chinesischen Gesellschaft nicht verankert ist.
Es gelingt ihr, ein authentisches Bild von den Menschen zu zeichnen und uns so einen ungewöhnlichen Einblick in die "Seele" des Riesenreichs zu ermöglichen. 

China, wer bist du? ist allen zu empfehlen, die sich abseits der üblichen Reiseführer ein Bild vom heutigen China machen wollen. Ich bin mir sicher, dass viele überrascht sein werden, inwieweit alte Traditionen im modernen China noch eine Rolle spielen.

Die sehr schöne Aufmachung macht das positive Bild komplett: Der Einband besteht aus starker Pappe, zu jedem Interview gibt es mindestens ein Porträtfoto der befragten Person. Dafür wurde das Buch 2020 beim Wettbewerb der Stiftung Buchkunst "Die schönsten deutschen Bücher" mit der Silbermedaille ausgezeichnet.

China, wer bist du? ist 2020 im Verlag Reisedepeschen Berlin erschienen und kostet 26 Euro.


Dienstag, 31. Januar 2023

# 379 - Vier Generationen auf der Flucht - eine wahre Familiengeschichte

Inge Ruth Marcus' Familiengeschichte ist
außergewöhnlich. So außergewöhnlich, dass sie von der Autorin mit ihrem biografischen Roman Glut im Eis erzählt werden musste. Einen ersten Hinweis darauf gibt schon ihr Geburtsort: Hsinking in Mandschukuo. 1941 kam sie dort zur Welt, in einem nur dreizehn Jahre existierenden Marionettenstaat, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte.

Hsinking heißt heute Changchun und ist eine Provinzhauptstadt im Nordosten Chinas mit mehr als 3,4 Millionen Einwohnern. Marcus deutet es im Untertitel ihres Romans an: "Vier Generationen zwischen fünf Diktatoren". Sie selbst gehört zur vierten Generation, erwähnt sich jedoch ohne Namensnennung nur kurz. Im Mittelpunkt ihres Buches steht ihr Großvater, dem sie das Pseudonym Josef Naumann gegeben hat. Josef wird 1877 in Hamburg geboren, wächst in bürgerlichen Verhältnissen auf und arbeitet für eine Hamburger Handelsfirma. Schon früh spürt er den Wunsch, mehr von der Welt zu sehen. Es ist die Zeit, in der die neuartigen Dampfschiffe den Fortschritt symbolisieren und der Arzt Bernhard Nocht für sein besonnenes Verhalten während der Cholera-Epidemie verehrt wird.

Dann ergibt sich für Josef unerwartet die Gelegenheit, weit weg von zu Hause zu arbeiten: Sein Arbeitgeber sucht für ein deutsches Handelsunternehmen in Wladiwostok, mit dem er als Geschäftspartner in Verbindung steht, jemanden mit bestimmten Sprachkenntnissen und Verwaltungserfahrung. Ohne lange zu überlegen nimmt Josef die Herausforderung an und macht sich auf die Reise in eine ihm fremde Welt, fast 8.000 Kilometer Luftlinie von zu Hause entfernt. Erst nach sechs Jahren würde ihm ein halbes Jahr Urlaub zustehen.

Sollte Josef bis dahin geglaubt haben, mit dem Besteigen des Schiffes sein größtes Abenteuer vor sich zu haben, würde er einige Jahre später eines Besseren belehrt werden. Das, was das Leben für ihn bereithalten würde, sollte eine Abfolge von extremen Situationen sein, die ihn mehrmals dem Tod nahebringen. Josef erlebt die Zarenzeit unter Nikolaus II., dem letzten Kaiser Russlands, und Jahre der Verbannung in Sibirien. Dort findet er zwar sein privates Glück mit einer Burjatin, mit der er zwei Kinder haben wird, ist aber wieder von Verfolgung bedroht. Die Rote Armee kämpft gegen die aus Freiwilligen bestehende Weiße Armee und hinterlässt dort, wo sie auftaucht, eine Spur der Verwüstung. Die Situation wird für Josef als Deutschen brenzlig, aber unter abenteuerlichen Umständen und mit der Hilfe der Familie seiner Frau gelingt die Flucht nach Wladiwostok. Dort bekommt Josef wieder Arbeit. Kommen die Vier hier nun zur Ruhe? 

Lesen?

Glut im Eis ist ein anspruchsvoller Roman, für den man sich Zeit nehmen sollte. Inge Ruth Marcus spannt auf fast 650 Seiten einen weiten Bogen der europäischen und asiatischen Geschichte zwischen 1897 und 1945 und zeigt, wie sehr Menschen zu einem Spielball der politischen Verhältnisse werden können. Ihr Großvater war zweifellos ein kluger Mann, der gern "trickste", wie es seine burjatische Frau gern nannte. Das, was er und später auch seine Familie erleben musste, war nur mit Mut, Zähigkeit und einem unbedingten Überlebenswillen auszuhalten. Ganz sicher kam Josef auch zugute, dass er das, was man heute als "Netzwerken" bezeichnet, sehr gut beherrschte. So gab es oft ihm wohlgesonnene Menschen, die ihm hilfreich verdeckt oder offen zur Seite standen und ihm den Hals retteten.

Inge Ruth Marcus hat im Anhang ein 20-seitiges Sachregister erstellt, das sehr dabei hilft, die geschilderten Zusammenhänge ihres Romans zu verstehen. Dennoch habe ich mehrmals zusätzlich das ein oder andere nachgeschlagen, weil mich die geschichtlichen Hintergründe interessiert haben. 
Auch die nach Zeiträumen aufgeteilte Auflistung der handelnden Personen habe ich häufig genutzt. Ohne sie kann man bei der Vielzahl der Menschen, die für die Handlung eine Rolle spielen, schnell ins Schleudern kommen.

Das einzig Irritierende war für mich Marcus' Umgang mit der wörtlichen Rede. Das Gesagte wird nie in Anführungszeichen gesetzt, sondern mit dem Namen des Sprechers oder der Sprecherin angekündigt und am Beginn mit einem Spiegelstrich markiert. Daran habe ich mich bis  zum Schluss nicht gewöhnen können.

Glut im Eis ist 2022 im Anthea Verlag Berlin erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 22,90 Euro.

Sonntag, 23. Februar 2020

# 230 - Entlang der historischen Seidenstraße

In unserer Zeit ist immer wieder von der "Neuen
Seidenstraße" die Rede, einem Projekt, das von der chinesischen Regierung aus wirtschaftlichen Gründen vorangetrieben wird und in das derzeit schon mehr als 100 Länder eingebunden sind.

Im von Susan Whitfield herausgegebenen Buch Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte geht es allerdings um den Blick zurück bis ca. 200 v. Chr. Innerhalb der folgenden 1.600 Jahre bildeten sich im ganzen afrikanisch-eurasischen Raum überregionale Handelsnetzwerke - sowohl auf Flüssen oder Meeren als auch auf dem Landweg. Nicht nur Seide wurde transportiert, sondern u. a. auch Gewürze, Pelze, Früchte oder Sklaven. Die so entstandenen Handelsbeziehungen zogen den technologischen und kulturellen Austausch zwischen den Völkern nach sich.

Auf einer doppelseitigen Landkarte zu Beginn des Buches sind die Handelsrouten dargestellt. Hier wird deutlich, dass es sich bei der Formulierung "die Seidenstraße" lediglich um eine Vereinfachung handelt, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist, und nur von einer einzigen Straße keine Rede sein kann.
Schon im 2. Jahrhundert n. Chr. begann die Zeit der Kartographie, die im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte immer besser und vollständiger wurde. So zeigte der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts auf Mallorca entstandene Katalanische Weltatlas die Welt zwischen China und dem Atlantik so, wie sie damals bekannt war. Der Atlas ist außerdem eine der ersten Fundstellen für die Kompassrose.

Über 80 Autorinnen und Autoren haben mit ihrem Wissen zur Entstehung dieses Buches beigetragen. Die Leser bekommen interessante Informationen über die wichtigsten Handelsstädte von Andalusien bis Osaka und vom Ural bis nach Afrika und Sumatra.  
Susan Whitfield hat die Vielzahl der Informationen nicht chronologisch, sondern nach den Landschaften, die von den Handelswegen durchzogen wurden, strukturiert. So erfährt man im Kapitel, das sich der Steppe widmet, viel über die Völker, die in den chinesischen und iranischen Steppengebieten gelebt haben. Es geht hier zum Beispiel um Befestigungen der Römer, die transkaspische Verteidigungskette der Sasaniden vom Elburs-Gebirge im Iran bis zum Kaukasus oder die Herstellung von Goldschmuck mit Motiven aus den Steppen. 

Doch Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte hat nicht nur hochinteressante Texte, sondern auch sehr viele schöne Fotos und Karten zu bieten, die das Geschriebene noch anschaulicher machen. Einige Fotos zeige ich hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) Theiss.


Foto 1: Safranfeld im heutigen Kaschmir



Foto 2: Das Katharinenkloster am Fuß des Berges Sinai war früher eine Festung, die im 6. Jh. erbaut wurde; seit 2002 UNESCO-Weltkulturerbe




Foto 3: Mausoleum des Öldscheitü (reg. 1304 bis 1306), Herrscher der Ilchane, in der damaligen Oasenhausptstadt Soltaniye (Iran); seit 2005 UNESCO-Weltkulturerbe



Foto 4: Pilger an der Kaaba; aus einer für Sultan Iskandar 1140/1141 zusammengestellten Sammlung




Lesen?

Die Seidenstraße - Landschaften und Geschichte ist ein tolles Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann. Auf mehr als 460 Seiten erfährt man alles Wissenswerte über die früheren Handelswege, was einem internationalen und renommierten Team aus Wissenschaftlern zu verdanken ist. 

Das Buch ist 2019 in der vorliegenden deutschen Ausgabe erschienen und kostet 50 Euro.


Bildnachweise:
  • Foto 1: Roland and Sabine Michaud/akg images
  • Foto 2: Robert Harding/Alamy Stock Photo
  • Foto 3: Roland and Sabine Michaud/akg images
  • Foto 4: Erich Lessing/akg- images

Samstag, 6. April 2019

# 191 - China im Strudel der Gewalt

China und seine Geschichte sind aus unserer Perspektive von einem Hauch
des Geheimnisvollen umweht. Wer sich nicht intensiv mit der Vergangenheit des riesigen Reichs beschäftigt hat, hat meist nur eine ungefähre Vorstellung davon, was sich dort vor 150 oder 200 Jahren ereignet hat.
Ganz anders ist das mit Stephan Thome. Er hat u. a. Sinologie studiert und mit einer Dissertation promoviert, in der das konfuzianische Denken eine zentrale Rolle spielte. Thome lebt seit etlichen Jahren in Taipeh. Mit seinem vierten Buch Gott der Barbaren widmet er sich in Romanform dem China des 19. Jahrhunderts. Der Roman schaffte es 2018 bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

China auf dem absteigenden Ast?

 

Gott der Barbaren ist der Versuch, eine ereignisreiche Zeit, die vom Niedergang der Qing-Dynastie, ihrer Konfrontation mit der religiös-politischen Taiping-Bewegung und den beiden Opiumkriegen Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt war, in Romanform zu schildern. Das Buch wird von den Erlebnissen des fiktiven Charakters Philipp Johann Neukamp, einem Zimmermannssohn aus dem Märkischen, der Tagebuch schreibt und dem Leser seine Erlebnisse berichtet, durchzogen.

Neukamp hat eigentlich vor, nach Amerika auszuwandern. Zufällig trifft er auf den Missionar Karl Gützloff, der ihn dazu bringt, den christlichen Glauben in China zu verbreiten. Gützloff hat es gegeben; er betrieb in China eine Missionsschule, in der Chinesen zum christlichen Glauben bekehrt werden und diesen dann verbreiten sollten.
Neukamp ist jedoch nur mäßig erfolgreich. Im Verlauf der Handlung irrt er durch das Land und wirkt eher wie ein Spielball der Ereignisse, aber nicht wie jemand, der sein Leben aktiv in die Hand nimmt. Er lernt den Mystiker Hong Xiuquan kennen, der sich für Jesus' jüngeren Bruder hält und später den Taiping-Aufstand anführen wird. Dieser Bürgerkrieg gehörte mit seinen 30 Millionen Toten zu den blutigsten Kriegen der Menschheitsgeschichte. Neukamp erliegt zunächst dem charismatischen Sektenführer und wird für eine Weile in den Aufstand mit hineingezogen. Hong war durch Visionen und eine Bibel, die er von einem amerikanischen protestantischen Pfarrer bekommen hat, zum Christentum gekommen. Neukamp wird ihm im Verlauf des Buches immer wieder begegnen.

Eine weitere wichtige Figur, die das Geschehen aus britischer Perspektive beurteilt, ist Lord Elgin. Auch ihn hat es gegeben, er war u. a. Sonderkommissar für China. Als die Qing-Regierung sich nach dem Ende der ersten Phase des Zweiten Opiumkrieges weigerte, die mit den Briten vereinbarten Bedingungen einzuhalten und die britischen Verhandlungspartner folterte, ordnete Lord Elgin einen Rachefeldzug an, der in der Zerstörung des Alten Sommerpalastes in Peking mündete. Die Anlage gilt als ein architektonisches Meisterwerk, sodass Lord Elgin bis heute in China für diese Tat als Barbar gilt. Er wird im Roman als Mensch beschrieben, der dem chinesischen Volk mit großem Unverständnis und reichlich Ignoranz und Arroganz begegnet. Warum sollte man mit Männern verhandeln, die wie Frauen in Kleidern herumlaufen? Gleichzeitig fühlte er sich jedoch von vielem, was er im Grunde ablehnte, auf seltsame Weise angezogen. Ein Beispiel für diese ambivalente Haltung ist der "goldene Lotus": Der Begriff beschrieb die gebundenen Füße der chinesischen Frauen, die damals üblich waren. Der Sonderbotschafter verachtete einerseits diese Verstümmelung, die die Frauen daran hinderte, normal zu gehen, konnte aber andererseits seinen Blick nicht von ihnen abwenden.

Und dann ist da noch eine Person, die im China dieser Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat: General Zeng Guofan. Er war der Anführer der Hunan-Armee, die aus Freiwilligen bestand und den kaiserlichen Truppen zu Hilfe geeilt ist, als diese sich als zu schwach erwiesen, um den Taiping-Rebellen noch etwas entgegenzusetzen. Zeng gehörte zu den gebildetsten Menschen des Landes, wurde jedoch wegen seiner Erfolge und seines Status' von manchen als Gefahr angesehen. Der General wird von Thome als ambivalente Persönlichkeit beschrieben: Er legte zwar Wert auf Kultur und Menschlichkeit, nahm aber 1864 den Tod von 100.000 Menschen in Kauf, als die von den Taiping-Rebellen eroberte Stadt Tianjing (heute: Nanjing) von seiner Hunan-Armee zurückerobert wurde.

Lesen?


Thome transportiert in seinem Roman das gegenseitige Unverständnis der aufeinandertreffenden Kulturen und erklärt, wie eine irritierend falsch ausgelegte und übersetzte Bibel gepaart mit dem - nicht nur in China betriebenen - missionarischen Eifer der Europäer es vermochte, eine fatale Entwicklung ins Rollen zu bringen, an deren Ende zahllose Tote und ein zerrüttetes Land standen. Für Leser, die sich (wie ich) mit dieser Epoche der chinesischen Geschichte jedoch bislang nicht beschäftigt haben, wird es schwer, den Überblick zu behalten. Thome hat sein Buch um ein Personenregister ergänzt, das insbesondere bei den einander sehr ähnelnden chinesischen Namen sehr hilfreich ist. Der Gott der Barbaren ist mit einer Menge Details angefüllt, zugunsten der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Handlung wäre aber oft weniger mehr gewesen. Trotz dieser Einschränkung ist es für alle, die sich für die chinesische Geschichte interessieren und bereit sind, sich ein bisschen durch die mehr als 700 Seiten durchzubeißen, ein lesenswertes Buch.

Die damaligen Ereignisse werfen ihre Schatten bis in die heutige Zeit. Sie werden in chinesischen Schulen, Museen etc. als die 100 Jahre der nationalen Demütigung bezeichnet, die von der Kommunistischen Partei beendet wurden. In diesem Kontext steht auch die Niederschlagung des Volksaufstands auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz mit 2.600 Toten und 7.000 Verletzten im Jahr 1989: Die Demonstrationen wurden als unpatriotisches Verhalten und als Folge einer schlechten Erziehung betrachtet. 
Weitere Hinweise auf die Hintergründe des Romans gibt ein Interview, das der Deutschlandfunk mit Stephan Thome geführt hat.

Gott der Barbaren ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 25 Euro, als Kindle- oder epub-Ausgabe 21,99 Euro sowie als Taschenbuch 14 Euro.

 

Freitag, 27. Oktober 2017

# 122 - Selbst erlebt: Sieben Monate in chinesischer Haft

Wie aus einer Dummheit ein Drama wird

 

2014: Hamza Özyol ist gelernter Schlosser und bekommt von einer Facebook-Bekanntschaft das Angebot, in China beim Bau eines U-Bahn-Tunnels mitzuhelfen. Er ist gerade arbeitslos, daher kommt die lukrative Offerte wie gerufen. Seine Familie einschließlich seiner Freundin ist gegen diesen Schritt, aber Özyol lässt sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Er fliegt im August von Deutschland nach Hongkong und will zunächst ausprobieren, ob er mit den harten Arbeitsbedingungen umgehen kann. In seinem Buch China - 210 Tage hinter Gittern schreibt er über seine Erfahrungen als ausländischer Häftling in einem chinesischen Gefängnis.

Ein kurzer Moment, der alles verändert

 

Özyol wohnt wie einige andere ausländische Kollegen in einem Hotel in der Nähe der Baustelle. Die Tage bestehen in den ersten beiden Wochen im Wesentlichen aus arbeiten und schlafen, und er vermisst freie Zeit und Abwechslung. Doch dann ergibt sich eines Abends eine Gelegenheit, die Bars der Stadt zu erkunden. Özyol ist allein unterwegs und besucht mehrere von ihnen. Sein stetiger Alkoholkonsum sorgt bei ihm für gute Stimmung, und er genießt seine Freiheit. Der Umstand, dass ihn sein Arbeitgeber jederzeit anrufen und zur Baustelle beordern könnte, bremst ihn nicht in seinem Trinkverhalten. In einer Bar fallen ihm drei Handys auf, die unbeachtet auf einem Bistrotisch liegen. Özyol kann keinen Eigentümer ausmachen und versteckt die Geräte in seiner Hosentasche. Doch nach einer Weile bringen ihn seine Gewissensbisse dazu, noch in derselben Nacht in das Lokal zurückzukehren und die Handys wieder dort abzulegen, wo er sie an sich genommen hat. Aber vor Ort warten bereits die Sicherheitsleute auf ihn, die schon die Polizei gerufen haben: Er ist auf den Kamerabildern, die in der Bar aufgenommen wurden, eindeutig als Dieb zu erkennen. Von diesem Moment an ändert sich sein Leben von Grund auf. Özyol wird ins Gefängnis gebracht, wo er monatelang auf seinen Prozess wartet. Sein Arbeitgeber kümmert sich nicht um ihn, die deutsche Botschaft setzt sich nur wenig für ihn ein. 
Das Leben in den Zellen ist so, wie es bereits in Presseberichten immer wieder beschrieben wurde: Mehrere Dutzend Häftlinge sind in einem zu engen Raum untergebracht, Ernährung und Hygiene sind auf einem schlechten Niveau, und die Knasthierarchie ist enorm gewöhnungsbedürftig. Özyol beschreibt, wie er unter Ausgrenzungen gelitten und seine Familie vermisst hat, erzählt aber auch von Zusammenhalt und so etwas wie Freundschaft zwischen ihm und einigen wenigen anderen Gefangenen. Er lernt während der sieben Monate dauernden Haft mehrere Zellen im selben Gefängnis kennen und erlebt, dass es in jeder eigene "Gesetze" gibt. Für kleine Verfehlungen werden den Insassen von den Gefängniswärtern teils drakonische Strafen auferlegt. Davon, dass Folterungen stattgefunden haben, schreibt Özyol allerdings nichts.

Wie war's?

 

Hamza Özyols authentische Schilderung seiner Gefangenschaft gibt einen Einblick, wie schnell man in China im Gefängnis landen kann. Lange Wartezeiten, bis es zum ersten Gerichtstermin kommt, sind nicht nur für Ausländer wie ihn, sondern für alle Angeklagten üblich. Auch über die schlimmen Haftbedingungen wurde in den Medien immer wieder berichtet. Özyols Verhalten ist heute auch für ihn selbst kaum nachvollziehbar. 
So interessant die Erlebnisse des Autors sind, so sinnvoll wäre es gewesen, einen Lektor mit der Überarbeitung des Buches zu beauftragen. Der Text hätte dann nicht nur stilistisch deutlich gewinnen können, sondern es wären auch einige Ungereimtheiten aufgefallen.

China - 210 Tage hinter Gittern ist bei Books on Demand (BoD) erschienen und kostet 9,99 Euro. Das Buch wurde mir von Indie Publishing, einem Angebot der Fachzeitschrift buchreport, zur Verfügung gestellt.

Freitag, 16. Dezember 2016

# 80 - Was macht China aus?

Eine Übersetzung, die ein Leben verändert

 

London im April 2013: Die Übersetzerin Iona Kirkpatrick beginnt mit ihrer Arbeit an einem Stapel fotokopierter chinesischer Schriftstücke. Der ihr bis dahin nicht bekannte Verleger Jonathan Barker hat ihr vor einigen Wochen ein ungeordnetes Konvolut von Tagebüchern und Briefen gegeben, von denen er den Eindruck hat, dass hinter ihnen etwas Bedeutendes stecken könnte. Tatsächlich soll sich diese Vermutung bestätigen. Um diesen Plot rankt sich die Geschichte, die die chinesische Autorin Xiaolu Guo in ihrem Roman Ich bin China erzählt.

Das Individuum ist der Feind des Kollektivs

 

Iona führt ein Leben in einer selbstgewählten Einsamkeit: Außer der wechselnden Sexualpartner, zu denen sie keine emotionale Bindung hat und die sie nach einer gemeinsamen Nacht aussortiert wie einen Packen Altpapier, bekommt sie keinen Besuch. Ihre Schwester, die in ihrer Rolle als Mutter aufgeht, sieht sie selten, die Eltern noch seltener. So vertieft sie sich in die chinesischen Aufzeichnungen, die ihr zunächst rätselhaft erscheinen. Doch nach und nach begreift sie, dass sie eine ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen zwei Chinesen vor sich hat, die von Anfang an schwierig ist und durch das politische System behindert wird. Sie beginnt Anfang November 1993: Kublai Jian ist 21 Jahre alt, Student und Punk-Musiker in Peking, die 18-jährige Deng Mu ist als Besucherin beim Konzert seiner Band. Schon zwei Monate später kritisiert Jian seine Freundin in einem seiner Tagebucheinträge: Sie hat begonnen, sich für den Dichter Hai Zi zu interessieren, der für ihn nicht akzeptabel ist, weil er dessen Lyrik für rückgewärtsgewandt und morbide hält. Was soll man schon über einen denken, der sein Leben mit 25 auf Eisenbahnschienen liegend beendet? 
Im Laufe der Jahre werden Mu und Jian ihre Höhen und Tiefen mteinander haben, für eine kurze Zeit sind sie sogar Eltern eines Sohnes. Doch dann, im Dezember 2011, wird Jian außer Landes gebracht, nachdem man ihn zuvor in der Gefangenensammelstelle vor der Stadtgrenze Pekings festgehalten hatte. Ihm ist zum Verhängnis geworden, während eines seiner Konzerte ein politisches Schriftstück, das er als sein Manifest bezeichnet, ins Publikum geworfen zu haben. Ein Schriftstück mit den Gedanken des Künstlers, die sich nicht an die Staatsdoktrin halten wollen. Das kann nicht gutgehen, zumal Jian einer Familie angehört, zu der ein Kriegsheld und ein hoher Funktionär gehören. So wird eine Nervenklinik in Lincolnshire seine erste Station, der noch weitere folgen sollen. Aber Jian und Mu versuchen noch eine Weile, den Kontakt durch Briefe aufrechtzuerhalten, die jedoch immer verzögert ihre Empfämger erreichen: Nicht nur Jian wechselt mehrmals den Aufenthaltsort, sondern auch Mu versucht, sich ohne ihren Freund ein eigeständiges Leben als singende Protest-Lyrikerin aufzubauen. Ein Manager formt eine Band mit ihr als Frontfrau und organisiert eine USA-Tour, die den Protest kommerzialisiert. Damit entfernt sie sich ein gutes Stück von der Idee Jians, mit Musik eine politische Veränderung zu bewirken.

Der Sog einer Lebensgeschichte

 

Iona vertieft sich so sehr in die chinesischen Unterlagen, dass sie ihr eigenes Leben zunehmend aus den Augen verliert. Immer tiefer steigt sie in die chinesische Geschichte um Mao und den Langen Marsch ein, um zu verstehen, was in Mu und Jian vorgeht und worauf deren Konflikte begründet sind. Sie recherchiert ausführlich, und zusammen mit Jonathan gelingt es ihr, die Puzzleteile, die zu Jiangs Leben gehören, zu einem großen Ganzen zusammenzuführen. Der Lebensabschnitt von Jian in Europa beginnt keine 1 1/2 Jahre vor Ionas Übersetzungsarbeit, sodass die Übersetzerin in dem Gefühl arbeitet, sie laufe den frischen Spuren der beiden Chinesen hinterher. Jonathan ist von der Entwicklung und den Erkenntnissen, die mit Ionas Arbeit gewonnen werden konnten, so begeistert, dass er die Unterlagen unbedingt als Buch herausbringen will. Doch da gibt es Leute, die seine Pläne verhindern wollen: Jemand hat sich Zugang zu allen gespeicherten Projektdaten verschafft, die beim Verlag vorhanden sind. Kurz darauf wird Jonathan zum ersten Mal und ohne eine stichhaltige Begründung ein Visum nach China verwehrt. Er beschließt trotz Ionas Protest, die Veröffentlichung zu stoppen. Iona hat sich indessen eine ganz andere Idee in den Kopf gesetzt: Sie will versuchen, den Konatkt zwischen Mu und Jian wieder herzustellen.

Ein großer Bogenschlag in der Geschichte Chinas

 

Ich bin China geht in der chinesischen Geschichte so weit zurück, wie es nötig ist, um insbesondere Jians Lebensweg zu erklären, nämlich bis zur Zeit des Langen Marsches 1934 bis 1935. Xiaolu Guos Roman ist sehr vielschichtig angelegt und zeigt den Konflikt zwischen dem früheren und modernen China auf, in dem Individualität und Freiheit bis heute der Stabilität und Ordnung untergeordnet sind. Ein Buch, das ich unbedingt empfehlen kann.

Ich bin China wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist 2015 im Knaus Verlag  erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 €.

Hinweis: Wer sich für den Maoismus in China interessiert, sollte sich auch das Buch  Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics ansehen.

Mittwoch, 26. August 2015

Dieses Buch ist ziemlich schräg und ungewöhnlich

Der Kuriositäten-Post Nr. 1 - eine Reise nach China

 

Wie schon angekündigt werde ich ab und zu über ein Buch schreiben, das auf die eine oder andere Art aus dem üblichen Rahmen fällt. Wenn es soweit ist, werde ich das - im Gegensatz zu meinen Buchvorstellungen an den Freitagen - immer vorher ankündigen.
 
Was soll ich sagen? Heute ist so weit! Das heutige Buch ist kein Roman, sondern passt, wenn man es überhaupt irgendwo einordnen will, in die Kategorie "Sachbuch". Langweilig? Nein, aus unserer Sicht, mit dem zeitlichen Abstand, ziemlich amüsant! Der Titel lautet Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics und ist 1972 bei Rowohlt erschienen. Herausgeber war Jürgen Manthey und nicht wie bei der zehn Jahre später herausgegebenen Ausgabe Umberto Eco. Das Buch enthält sechs Comics oder Fotogeschichten.

Worum geht's?

 

Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics glänzt durch seine unfreiwillige und unbeabsichtigte Komik. Anders als im Westen, wo Comics so gut wie immer der Unterhaltung dienten, wurden sie in China seit den 1950er Jahren für die politische Propaganda eingespannt. Sie kursierten im ganzen Land und wurden von Hand zu Hand weitergereicht. Nur wenige arbeiteten allerdings mit Sprechblasen, sondern ordneten den Text immer parallel zu einem Bild an. Zunächst waren die gezeichneten Comics eher für Jugendliche gedacht, für Erwachsene gab es Fotogeschichten. Im Laufe der Jahre näherten sich die chinesischen Comics immer mehr der Weltsicht von Mao Tse-tung an und zeigten den Bürgern, wie man zu leben und zu denken hatte. Anti-maoistische Hefte wurden aus dem Handel genommen. Aber wann war etwas anti-maoistisch? Da gab es z. B. eine Krimi-Serie, in der Verbrechen von richtigen Berufspolizisten professionell aufgeklärt wurden. Völlig verkehrt! Die wahren Helden hätten hier die Vertreter aus den breiten Volksmassen sein müssen, damit das Bild stimmt.


Die Handlung des Comics "Das Mädchen aus der Volkskommune" (1964)


Leider kann ich hier aus urheberrechtlichen Gründen keine Aufnahmen einzelner Seiten zeigen, ein paar Zitate müssen es dann auch tun. Im Comic "Das Mädchen aus der Vokskommune" geht es um ein junges Ehepaar, das sich wegen der Verteilung der häuslichen Aufgaben streitet. Als der Ehemann Hsi-wang weiter stichelt, verliert seine Frau Shuang-shuang die Nerven und schlägt ihn mit beiden Fäusten auf den Rücken. Er will sich mit seinem Schuh verteidigen, doch Shuang-shuang wehrt ihn ab und sagt: "Gehen wir das mit dem Zellensekretär diskutieren!" Tja, da, wo es keine Eheberatung gibt, muss eben ein Parteifunktionär herhalten. 
Doch dazu kommt es nicht, weil sich schon das nächste drängende Problem anbahnt, das unbedingt gelöst werden will: Die Frauen arbeiten zu wenig für die Gemeinschaft, und Shuang-shuang ärgert sich darüber. Sie weiß auch genau, woran das liegt: Der stellvertretende Brigadeleiter Chin-ch'iao hat mit der Verteilung der Arbeitspunkte aufgehört! Außer Shuang-shuang traut sich keine der Frauen, das Problem beim Schopf zu packen. Also nimmt sie das nächste Vorhaben allein in Angriff und gestaltet eine Wandzeitung, mit der sie diesen Missstand anprangert.

Der Parteisekretär lobt ihren Vorstoß und Hsi-wang wird zum Verantwortlichen für die Bücher gewählt, in denen die Arbeitspunkte notiert werden. Doch schon bahnt sich der nächste Ärger an: Bei der Frage der gerechten Punkteverteilung gibt es Unstimmigkeiten. Hsi-wang ist mit anderen Männern zum Düngen eines entfernten Feldes mit Mist geschickt worden. Doch welch glückliche Fügung: Der Fahrer eines unbeladenen Lastwagens kommt vorbei, und die Männer können ihn überreden, den Mist zum Feld zu transportieren. Dort verteilen sie ihn auf dem Acker, indem sie ihn direkt vom fahrenden Laster abwerfen. Die Arbeit ist schnell erledigt und Hsi-wang trägt allen in einem Anflug von Großzügigkeit 10 Punkte in ihre Arbeitsbücher ein.

Währenddessen hat Shuang-shuang zusammen mit anderen Frauen auf einem Baumwollfeld gearbeitet. Sie diskutieren über die Punkteverteilung und sind sich keineswegs einig: Shuang-shuang kritisiert die schlechte Arbeitsqualität einer der Frauen und es kommt zum Streit.  Die Gruppe trennt sich in schlechter Stimmung, und für ihre Arbeit werden fast allen fünf Punkte gutgeschrieben. Doch zu Hause prahlt Hsi-wang vor seiner Frau damit, wie leicht er so viele Arbeitspunkte gemacht habe. Der nächste Ehekrach bricht los.

Die Geschichte geht noch eine Weile in diesem Modus weiter: Shuang-shuangs Streben nach Gerechtigkeit und bestmöglicher Planerfüllung stößt bei ihrem Mann auf nur wenig Gegenliebe. Sobald er ihr Verhalten kritisiert und sie zur Mäßigung aufruft, ist die Stimmung zwischen den beiden vergiftet. Hsi-wang lenkt grundsätzlich nur dann ein, wenn sein Verhalten öffentlich wird und er direkt oder indirekt kritisiert wird. Der arme Mann hat es nicht leicht mit seiner Frau, die zu allem Überfluss auch noch dabei ist, in der Parteihierarchie aufzusteigen.
Doch am Ende wird alles gut: Hsi-wang wandelt sich unter dem Einfluss seiner Frau und der Gemeinschaft von einem Individualisten zu einem besseren Menschen, der die heimlichen Verfehlungen anderer Brigademitglieder zum Wohl der Gemeinschaft zur Sprache bringt und zum Schluss erkennt, was er an seiner intelligenten Frau hat.

Hintergründe

 

Auch wenn man als Leser spontan über die in den Comics gezeigten Handlungen amüsiert sein mag, gibt es doch Parallelen zu denen im Westen herausgegebenen Heften: Hier wie dort wird die Welt in "gut" und "böse" aufgeteilt. Den Bösen ist oft, damit es auch der letzte Idiot begreift, die Boshaftigkeit an der Nasenspitze anzusehen. Probleme werden standardisiert und vereinfacht dargestellt, Mehrdeutigkeiten sind nicht üblich. Die Handlung geht grundsätzlich von einer Erwartungshaltung der Leser aus und bedient sie.

Als die im Buch vorgestellten Comics entstanden sind, waren sie für die große Masse gedacht. Zu Beginn der 1960-er Jahre lag die Aphabetisierungsrate der chinesischen Bevölkerung bei etwa 30 %. Das Volk mit rein schriftlichem Propagandamaterial versorgen zu wollen, wäre da völlig sinnlos gewesen. Da bot sich mit den Comics ein guter Kompromiss, da die Bilder so eindeutig waren, dass man sich die Handlung gut "zusammenreimen" konnte. Sie wurden von der Parteiführung als Übergangslösung, jedoch auch zu diesem Zeitpunkt als unentbehrlich angesehen.

Das Buch spiegelt sehr gut das wider, was das chinesische Volk zu denken und zu tun hatte. Natürlich hat es einen ernsten Hintergrund: Immerhin verloren unter der Herrschaft von Mao Tse-Tung etwa 45 Millionen Menschen ihr Leben. Aber ich nehme mir aus meiner heutigen ziemlich komfortablen Situation die Freiheit heraus, die Comics mit einem Schmunzeln zu lesen, jedoch gleichzeitig froh zu sein, solch eine Zeit nicht selbst erlebt haben zu müssen.

Das Mädchen aus der Volkskommune - Chinesische Comics ist schon lange nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Die bekannten Versender von gebrauchten Büchern bieten jedoch Exemplare an.

Zitate

 

"Wir haben eine kollektive Produktion, und auf jedem Grashalm liegt der Schweiß von allen!"  (Shuang-shuang zu Hsi-wang)

"Ich bin ein guter Kerl des alten Typs. Sie [Anm.: gemeint ist Shuang-shuang] ist ein guter Kerl des neuen Typs. Unser ganzes Denken wird von der Politik geleitet." (Hsi-wang zu einem anderen Brigademitglied)