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Freitag, 8. Mai 2026

# 504 - Geld als Waffe

Der Krieg - das ist ein Thema, das viele Menschen gern
ausblenden würden. Der Krieg ist: Tod, Zerstörung, unendliches Leid. Zum Krieg gehören: Militär, Politik, Demokratie und - Geld.

Damit sind jedoch nicht die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen gemeint. Gemeint ist, dass sich am Geld entscheidet, wie Kriege beendet werden. Die ökonomische Sicht auf Kriege bringt die Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch Geld als Waffe näher.

Ulrike Herrmann beschränkt sich auf zwei Bedrohungsszenarien: Chinas Wunsch, Taiwan zu annektieren, und Putins Plan, Europa zu bedrohen. Sie erläutert in zwei ausführlichen Kapiteln die Hintergründe für die Kriegsbereitschaft der beiden Länder und deren wirtschaftliche Möglichkeiten, Kriege zu führen und in ihrem Sinne zu einem Erfolg zu führen.

Die Betrachtung Russlands beginnt bereits in der Zeit der Mongolenherrschaft, erläutert dann das "Erfolgsmodell" der faktischen massenhaften Volksversklavung während des Zarenreichs und führt über den Bolschewismus und den Stalinismus bis zur Herrschaft von Putin. Herrmann schildert Putins Aufstieg, die politischen Strukturen Russlands und die Fallstricke, die der vom russischen Präsidenten angezettelte Krieg gegen die Ukraine birgt. Sehr einleuchtend erläutert sie, warum Putin diesen Krieg so schnell nicht beenden wird und zieht eine Parallele zum Beginn der Napoleonischen Kriege 1803: Obwohl mehr als 200 Jahre zwischen diesen Kriegen liegen, sind wirtschaftliche Überlegungen sehr wichtige, wenn nicht sogar ausschlaggebende Gründe, die Kriegshandlungen am Leben zu erhalten. Sowohl Napoleon als auch Putin befanden bzw. befindet sich in einem Dilemma. "Erst im Frieden zeigt sich, wie teuer ein Krieg war" bringt es auf den Punkt.

Auch der chinesische Staatschef Xi Jinping steht vor größeren ökonomischen Problemen, als man auf den ersten flüchtigen Blick auf die Wirtschaftsdaten seines Landes glauben würde. Auch hier geht Ulrike Herrmann weit in die Geschichte des Landes zurück, bis zur Gründung des chinesischen Kaiserreichs im Jahr 221 v. Chr. Wie schon bei der Darstellung der Geschichte Russlands sind Grundkenntnisse der chinesischen Geschichte wichtig, um Kultur und Denkweise wenigstens näherungsweise zu verstehen. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in China macht es Xi schwer, den unausgesprochenen Pakt zwischen der Regierung und der Bevölkerung einzuhalten: Die Regierung versprach die fortschreitende Verbesserung des Lebensstandards, wirtschaftliche Stabilität sowie Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Im Gegenzug akzeptierte die Bevölkerung die uneingeschränkte Führungsrolle der Kommunistischen Partei, eine strenge Internetüberwachung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und kaum politische Teilhabe. Doch die Versprechen können nicht mehr eingehalten werden, die Anzeichen für die Unzufriedenheit der Menschen nehmen zu. Ein Krieg gegen Taiwan, unterfüttert mit der passenden Propaganda, könnte geeignet sein, von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Diese Logik ist nicht neu und war in der Vergangenheit immer wieder ein Auslöser für einen Krieg. Sollte China tatsächlich Taiwan angreifen und das Land einnehmen, "hätten die Amerikaner ihren Status als Supermacht verloren und Peking könnte mühelos noch weitere Gebiete in Südostasien erobern oder unter seine Kontrolle bringen". Die Welt, wie wir sie kennen, wäre eine andere.

Herrmann macht sich Gedanken über das Drohpotenzial von Atomwaffen und die Risiken, die ein atomarer Angriff für die Angegriffenen und Angreifer hätte und erläutert, was es mit "schmutzigen Bomben" auf sich hat. Doch trotz dieser gefühlt großen Bedrohung sagt sie: "Die Wirkungsmacht dieser ökonomischen Waffen [Anm.: Sanktionen, Blockaden, Finanzmarkt-Manipulationen, Zurückhalten wichtiger Rohstoffe] entscheidet, wie viel Militär in einem Krieg noch gebraucht wird." 

Nach Ansicht von Ulrike Herrmann führt kein Weg an der Aufrüstung Europas vorbei. Diese Entwicklung wird ihrer Meinung nach zu einem geänderten Selbstverständnis der EU führen: "[...], diese Militärausgaben werden die EU für immer verändern: Europa ist auf dem Weg, zu einem echten Staat zu werden. Heute ist die EU eine Union selbstständiger Länder, künftig wird sie sich zu einer Art Föderalstaat entwickeln, in dem die einzelnen Nationen zwar noch formal eigenständig sind - aber sehr eng kooperieren."

Lesen?

Geld als Waffe gibt einen sehr guten Überblick, was unter einer sog. Kriegswirtschaft zu verstehen ist. Herrmann verbindet die aktuellen Schlagzeilen mit historischen Betrachtungen und macht immer wieder Exkurse zu praktischen Fragen, die sich in einem Krieg stellen: Wie können Fabriken weiterarbeiten? Woher kommen die Vorprodukte? Und was passiert, wenn diese Systeme zusammenbrechen?

Zum Verständnis von Herrmanns Erläuterungen sind spezielle wirtschaftswissenschaftliche Vorkenntnisse nicht nötig. Das Buch fügt sich in die aktuelle Debatte über Resilienz, Verteidigungsausgaben und die damit zusammenhängenden Zielkonflikte ein, die entstehen, wenn Sicherheit sowohl als militärisches als auch wirtschaftliches Projekt erkannt wird.

Ulrike Herrmanns Ausblick hat trotz der Düsternis des Themas einen positiven Grundtenor: "Putin wollte Europa spalten, doch dürfte er das Gegenteil erreichen und den Kontinent einen. Europa wird stärker, nicht schwächer."

Geld als Waffe ist 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro. 

Montag, 21. Juli 2025

# 482 - Männer, die die Welt verbrennen

Dieses Buch gehört zu denen, die mich beim Lesen wirklich auf die Palme gebracht haben. Nicht, weil ich den Autor Christian Stöcker kritisieren würde oder nichts vom Inhalt seines Buches Männer, die die Welt verbrennen halte. Das Gegenteil ist der Fall. Die Erkenntnisse aus Stöckers Recherchen rund um die Fossil-Branche sind so haarsträubend, dass man sie ins Reich der Verschwörungserzählungen verweisen möchte - wohin sie nicht gehören. Ein paar Kostproben gefällig?

Zwischen 1970 und 2020 hat die Öl- und Gasbranche inflationsbereinigt pro Jahr einen Gewinn (!) von einer Billion Dollar gemacht. Das sind drei Milliarden Dollar pro Tag! Das entspricht etwa dem jeweiligen Umfang der öffentlichen Haushalte von z. B. Kanada, Italien oder Brasilien. 
Subventionen (= Steuergelder) tragen dazu bei, dass es der Branche weiterhin gut geht. Der Internationale Währungsfond (IWF) stellte fest: "Weltweit beliefen sich die Subventionen für fossile Brennstoffe im Jahr 2022 auf 7 Billionen US-Dollar oder 7,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was einem Anstieg von 2 Billionen US-Dollar seit 2020 entspricht [...]" Wohlgemerkt nur in diesem einen Jahr.

Noch nicht mal während der Covid19-Pandemie mussten sich die Ölkonzerne um ihr Geschäftsmodell Sorgen machen: Der Gewinn (!) der fünf größten Öl-Aktiengesellschaften ExxonMobil, Shell, Chevron, Total und BP betrug 2022 insgesamt 200 Milliarden Dollar.

Christian Stöcker hat sein Buch in neun Kapitel aufgeteilt. Sehr anschaulich beschreibt er, wie das Netzwerk der Klimawandelleugner erfolgreich agiert, wer am meisten von Geschäften mit fossilen Energien profitiert und wer für die möglichst lange Beibehaltung von Öl und Gas verantwortlich ist. Die maßgeblichen Akteure sind Männer. Es fallen Namen von einflussreichen Profiteuren wie zum Beispiel Charles Koch, Donald Trump oder Wladimir Putin. Sie benutzen ihre Macht und ihr Geld, um Entscheidungsträger in ihrem Sinne zu beeinflussen. Doch es gibt auch eine Reihe von Staaten, deren Haupteinnahmequelle die Erdöl- oder Erdgasförderung ist. Manchmal ist sie sogar die einzige nennenswerte Einnahmequelle. Auch sie sind Teil einer weltweiten Manipulationsmaschinerie.

Desinformation ist ebenfalls sehr gut geeignet, das "bewährte" Geschäft am Laufen zu halten. Erinnert sich noch jemand an die gigantischen Desinformationskampagnen, die die US-amerikanische Tabakindustrie ab 1960 gestartet hatte? Kurz zuvor hatten wissenschaftliche Studien einen Zusammenhang zwischen Zigarettenkonsum und schweren Erkrankungen wie zum Beispiel Lungenkrebs oder chronischer Bronchitis festgestellt. Das Geschäftsmodell der Tabakindustrie drohte, ins Wanken zu geraten. Die Branche streute gezielt Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Studien: Wissenschaftler wurden für dem Rauchen unkritisch gegenüber stehende Studien bezahlt, es wurde Werbung mit irreführenden Botschaften geschaltet und man erzeugte den Eindruck, dass es in der Wissenschaftsszene zwei Lager gebe - was falsch war.

Was das mit der Fossilbranche zu tun hat? Von ihr wird mit denselben Mitteln erfolgreich die öffentliche Meinung beeinflusst, obwohl man dort längst weiß, dass die durch das Verbrennen von Erdöl und -gas freigesetzten Treibhausgase die Erde immer weiter aufheizen. Zitat aus einem internen Briefing mit dem Betreff "CO2 Greenhouse-Effect" des Exxon-Konzerns aus dem Jahr 1982:

"Die Verbrennung fossiler Brennstoffe und die Abholzung von Wäldern gelten als die wichtigsten anthropogenen Faktoren [...]. Wir gehen davon aus, dass sich der Klimawandel um das Jahr 2090 verdoppeln könnte, basierend auf dem im langfristigen Energieausblick von Exxon prognostizierten Brennstoffbedarf. [...] Unsere beste Schätzung geht davon aus, dass eine Verdoppelung der aktuellen Konzentration die durchschnittliche globale Temperatur um etwa 1,3 bis 3,1 Grad Celsius erhöhen könnte." Der Text belegt, dass dem Exxon-Konzern der Zusammenhang zwischen dem Verbrennen von fossilen Brennstoffen und dem Treibhauseffekt schon vor mehr als vierzig Jahren bekannt war.

Doch der Blick richtet sich auch nach Deutschland. Ein Klimawandelleugner-Netzwerk ist hier ebenfalls erfolgreich aktiv. Ein seit 2007 eingetragener Verein mit Verbindungen zu einem FDP-Bundestagsabgeordneten, der AfD sowie Koch Industries streut Halb- oder Unwahrheiten, die durch dessen gute Vernetzung ihre gewünschte Wirkung nicht verfehlen. Derselbe Abgeordnete gründete vor mehr als zehn Jahren eine sogenannte Denkfabrik, die sich als 'Freiheitsinstitut' bezeichnet und libertäre Positionen vertritt, wozu auch die Leugnung des Klimawandels gehört. Diese Denkfabrik ist Teil des Atlas-Netzwerks, das aktiv eine 'klimaskeptische' Grundhaltung vertritt und beispielsweise - wenig überraschend - von den Stiftungen der Koch-Brüder und ExxonMobil finanzielle Zuwendungen erhält.

Im letzten Kapitel "Das Zeitalter des Lichts hat begonnen, das des Feuers muss enden" gibt Stöcker einen Ausblick auf eine Entwicklung, die bereits begonnen hat. In immer mehr Ländern wächst die Erkenntnis, dass die bisherigen Arten, Energie zu erzeugen (einschließlich Atomstrom), im Vergleich zu erneuerbaren Ressourcen zu kostspielig sind. Zitat aus einer 2021 von BloombergNEF veröffentlichten Studie: "In Staaten einschließlich China, Indien und Deutschland ist es jetzt billiger, ein neues, großes Solarkraftwerk zu errichten, als ein bereits existierendes Kohle- oder Gaskraftwerk weiterzubetreiben."

Die Abkehr vom Verbrennen von fossilen Ressourcen wird, wenn nicht aus Klimaschutzgründen, aus ökonomischen Gründen erfolgen.

Lesen?

Der Journalist und Fachhochschul-Professor Christian Stöcker beschäftigt sich schon lange mit Technik-, Energie- und Klimathemen. Mit Männer, die die Welt verbrennen zeichnet er die Mechanismen nach, die der Fossilwirtschaft immer noch ihre großen Gewinne sichern und nur ein Ziel haben: einem kleinen Kreis von Männern (und ihren Unternehmen) ihren Profit zu sichern, auch mit Steuergeldern.

Männer, die die Welt verbrennen ist 2024 bei Ullstein Buchverlage erschienen. Mir lag die im selben Jahr herausgegebene Sonderausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung vor, die als Paperback für 5,-- Euro erhältlich ist.