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Freitag, 8. Mai 2026

# 504 - Geld als Waffe

Der Krieg - das ist ein Thema, das viele Menschen gern
ausblenden würden. Der Krieg ist: Tod, Zerstörung, unendliches Leid. Zum Krieg gehören: Militär, Politik, Demokratie und - Geld.

Damit sind jedoch nicht die Aktienkurse von Rüstungsunternehmen gemeint. Gemeint ist, dass sich am Geld entscheidet, wie Kriege beendet werden. Die ökonomische Sicht auf Kriege bringt die Wirtschaftsexpertin Ulrike Herrmann ihren Leserinnen und Lesern in ihrem Buch Geld als Waffe näher.

Ulrike Herrmann beschränkt sich auf zwei Bedrohungsszenarien: Chinas Wunsch, Taiwan zu annektieren, und Putins Plan, Europa zu bedrohen. Sie erläutert in zwei ausführlichen Kapiteln die Hintergründe für die Kriegsbereitschaft der beiden Länder und deren wirtschaftliche Möglichkeiten, Kriege zu führen und in ihrem Sinne zu einem Erfolg zu führen.

Die Betrachtung Russlands beginnt bereits in der Zeit der Mongolenherrschaft, erläutert dann das "Erfolgsmodell" der faktischen massenhaften Volksversklavung während des Zarenreichs und führt über den Bolschewismus und den Stalinismus bis zur Herrschaft von Putin. Herrmann schildert Putins Aufstieg, die politischen Strukturen Russlands und die Fallstricke, die der vom russischen Präsidenten angezettelte Krieg gegen die Ukraine birgt. Sehr einleuchtend erläutert sie, warum Putin diesen Krieg so schnell nicht beenden wird und zieht eine Parallele zum Beginn der Napoleonischen Kriege 1803: Obwohl mehr als 200 Jahre zwischen diesen Kriegen liegen, sind wirtschaftliche Überlegungen sehr wichtige, wenn nicht sogar ausschlaggebende Gründe, die Kriegshandlungen am Leben zu erhalten. Sowohl Napoleon als auch Putin befanden bzw. befindet sich in einem Dilemma. "Erst im Frieden zeigt sich, wie teuer ein Krieg war" bringt es auf den Punkt.

Auch der chinesische Staatschef Xi Jinping steht vor größeren ökonomischen Problemen, als man auf den ersten flüchtigen Blick auf die Wirtschaftsdaten seines Landes glauben würde. Auch hier geht Ulrike Herrmann weit in die Geschichte des Landes zurück, bis zur Gründung des chinesischen Kaiserreichs im Jahr 221 v. Chr. Wie schon bei der Darstellung der Geschichte Russlands sind Grundkenntnisse der chinesischen Geschichte wichtig, um Kultur und Denkweise wenigstens näherungsweise zu verstehen. Die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung in China macht es Xi schwer, den unausgesprochenen Pakt zwischen der Regierung und der Bevölkerung einzuhalten: Die Regierung versprach die fortschreitende Verbesserung des Lebensstandards, wirtschaftliche Stabilität sowie Chinas Aufstieg zur Weltmacht. Im Gegenzug akzeptierte die Bevölkerung die uneingeschränkte Führungsrolle der Kommunistischen Partei, eine strenge Internetüberwachung, Einschränkungen der persönlichen Freiheit und kaum politische Teilhabe. Doch die Versprechen können nicht mehr eingehalten werden, die Anzeichen für die Unzufriedenheit der Menschen nehmen zu. Ein Krieg gegen Taiwan, unterfüttert mit der passenden Propaganda, könnte geeignet sein, von den innenpolitischen Schwierigkeiten abzulenken. Diese Logik ist nicht neu und war in der Vergangenheit immer wieder ein Auslöser für einen Krieg. Sollte China tatsächlich Taiwan angreifen und das Land einnehmen, "hätten die Amerikaner ihren Status als Supermacht verloren und Peking könnte mühelos noch weitere Gebiete in Südostasien erobern oder unter seine Kontrolle bringen". Die Welt, wie wir sie kennen, wäre eine andere.

Herrmann macht sich Gedanken über das Drohpotenzial von Atomwaffen und die Risiken, die ein atomarer Angriff für die Angegriffenen und Angreifer hätte und erläutert, was es mit "schmutzigen Bomben" auf sich hat. Doch trotz dieser gefühlt großen Bedrohung sagt sie: "Die Wirkungsmacht dieser ökonomischen Waffen [Anm.: Sanktionen, Blockaden, Finanzmarkt-Manipulationen, Zurückhalten wichtiger Rohstoffe] entscheidet, wie viel Militär in einem Krieg noch gebraucht wird." 

Nach Ansicht von Ulrike Herrmann führt kein Weg an der Aufrüstung Europas vorbei. Diese Entwicklung wird ihrer Meinung nach zu einem geänderten Selbstverständnis der EU führen: "[...], diese Militärausgaben werden die EU für immer verändern: Europa ist auf dem Weg, zu einem echten Staat zu werden. Heute ist die EU eine Union selbstständiger Länder, künftig wird sie sich zu einer Art Föderalstaat entwickeln, in dem die einzelnen Nationen zwar noch formal eigenständig sind - aber sehr eng kooperieren."

Lesen?

Geld als Waffe gibt einen sehr guten Überblick, was unter einer sog. Kriegswirtschaft zu verstehen ist. Herrmann verbindet die aktuellen Schlagzeilen mit historischen Betrachtungen und macht immer wieder Exkurse zu praktischen Fragen, die sich in einem Krieg stellen: Wie können Fabriken weiterarbeiten? Woher kommen die Vorprodukte? Und was passiert, wenn diese Systeme zusammenbrechen?

Zum Verständnis von Herrmanns Erläuterungen sind spezielle wirtschaftswissenschaftliche Vorkenntnisse nicht nötig. Das Buch fügt sich in die aktuelle Debatte über Resilienz, Verteidigungsausgaben und die damit zusammenhängenden Zielkonflikte ein, die entstehen, wenn Sicherheit sowohl als militärisches als auch wirtschaftliches Projekt erkannt wird.

Ulrike Herrmanns Ausblick hat trotz der Düsternis des Themas einen positiven Grundtenor: "Putin wollte Europa spalten, doch dürfte er das Gegenteil erreichen und den Kontinent einen. Europa wird stärker, nicht schwächer."

Geld als Waffe ist 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 25 Euro sowie als E-Book 22,99 Euro. 

Sonntag, 29. Mai 2022

# 349 - Gier - Wo ist die Grenze?

Vor einigen Wochen hatte ich hier bereits ein Buch
vorgestellt, das in einer neuen Reihe des Hirzel Verlags erschienen ist, die sich mit den Todsünden beschäftigt. Die Journalistin und Autorin Barbara Streidl hat sich in ihrem Essay mit der Gier auseinandergesetzt und verrät im Untertitel, worum es ihr geht: Wenn genug nicht genug ist zielt auf die Probleme, die dann entstehen, wenn Menschen - salopp gesagt - den Hals nicht voll kriegen können.

Ist die Gier eine Sünde, die für einen bestimmten Menschenschlag typisch ist oder kennen wir das maßlose Verhalten in allen Bevölkerungsgruppen? Wer sich und sein Verhalten kritisch hinterfragt, wird feststellen, dass er selbst ebenfalls hier und da zur Gier neigt. Sei es das Super-Sonderangebot an der Fleischtheke oder die Billigkleidung aus Fernost: Menschen, die solche Güter kaufen, nehmen hin, dass Tiere unter unwürdigsten Bedingungen leben und getötet werden und Arbeiterinnen und Arbeiter unter Verhältnissen Geld verdienen, die man seinem ärgsten Feind nicht zumuten würde. Aber viele Menschen verhalten sich dabei wie dreijährige Kinder: Was ich nicht sehe, existiert nicht. Und greifen zu.

Auch durch die Berichterstattung der Medien kann man den Eindruck gewinnen, dass das Heil in immer mehr Wachstum liegt: Steigen Bruttosozialprodukt und Bruttoinlandsprodukt, freuen sich Unternehmen und Wirtschaftsforschungsinstitute; zeigt der Trend abwärts, senken sie unheilvoll den Daumen. Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer Warnung, die schon vor 50 Jahren von renommierten Wissenschatlern ausgesprochen wurde, jedoch in der Kakophonie der vielen anderen Nachrichten unterzugehen scheint: In seinem Bericht "Die Grenzen des Wachstums" zeigt der Club of Rome sehr deutlich auf, dass das Mantra des immerwährenden Wirtschaftswachstums aus verschiedenen Gründen nicht nur Unfug ist, sondern unser Leben schlechter macht.

Streidl bewertet auch die auf der Gier beruhenden Skandale der letzten Jahrzehnte: Da sind beispielsweise die österreichischen Winzer, die ihren Wein mit Glykol gestreckt hatten, die fortschreitende Gentrifizierung in den Städten oder die Hedgefonds, die Firmen nur aufkaufen, um sie auszuschlachten. Hinter allem steckt die grundsätzliche Haltung, dass es ein 'Genug' nicht gibt. Das 'Mehr' ist das, was zählt; der Verzicht ist nicht populär.

Nachdenklich macht ein Kapitel, das mit "Wie viele Sklaven halten Sie?" betitelt ist. Es geht um das System, das die Menschen in Gewinner und Verlierer des globalen Kapitalismus' einteilt: Auf der einen Seite sind die, die sich am (günstigen) Konsum von Technikartikeln, Flugreisen oder Billigkleidung erfreuen - auf der anderen diejenigen, die keine andere Wahl haben, als dieses System zu mickrigen Löhnen am Laufen zu halten. Doch was steckt hinter diesem ständigen Konsum? Streidl zitiert hier die Philosophin Caroline Krüger, die in unserem Konsumverhalten eine Eskalation von Wünschen und Erwartungen sieht: Es mangelt am Innehalten, um sich zu fragen: Habe ich nicht längst genug?

Lesen?

Gier zeigt deutlich auf, wo die menschliche Maßlosigkeit anzutreffen ist und was sie anrichtet. Wer das Buch gelesen hat, kommt nicht mehr an der Frage vorbei, ob das eigene Konsumverhalten von Notwendigkeit oder doch eher von Überfluss geprägt ist. Kaufen wir etwas, weil wir es tatsächlich brauchen, oder weil es z. B. in unserem Freundeskreis "angesagt" ist oder wir mit dem Kauf eine innere Leere füllen? Mit etwas Selbstkritik lässt sich das wahrscheinlich beantworten.

Eine Stelle gab es allerdings, die mich irritiert hat: Streidl sieht im Lebenswandel vieler Rockstars eine ausgeprägte Gier nach Aufmerksamkeit, Erfolg und Drogen und bezieht sich auf den sog. "Club 27". Damit sind bekannte Musikerinnen und Musiker gemeint, die schon mit 27 Jahren an den Folgen ihres ausschweifenden Lebensstils gestorben sind. Dazu gehören u. a. Amy Winehouse, Jimi Hendrix und Janis Joplin. Alle waren drogensüchtig, sodass mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden kann, dass sie auch psychisch krank waren. Unter diesen Vorzeichen fällt es mir schwer, das Verhalten von kranken Menschen als Gier zu bezeichnen.

Gier ist 2022 im Hirzel Verlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 15 Euro sowie als E-Book 13,90 Euro.


Samstag, 29. Januar 2022

# 334 - Willkommen im Jahr 2030

Der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Mauro F. Guillén ist Dekan der Cambridge Judge Business School und widmet sich als Experte für globale Markttrends schwerpunktmäßig den Themen Globalisierung sowie dem Aufstieg der multinationalen Unternehmen in Schwellenländern. Mit seinem aktuellen Buch 2030: Die Welt von morgen wirft er einen Blick in eine Zukunft, die nicht mehr weit entfernt ist.

Wovon hängt die globale Entwicklung im Wesentlichen ab? Guillén stützt seinen Blick nach vorn auf Daten zur Bevölkerungsentwicklung (Wo wird die Zahl der Geburten voraussichtlich zurückgehen und wo wird sie ansteigen?), macht sich über die Bevölkerungsgruppe mit der größten Kaufkraft Gedanken und beobachtet, wie sich die Mittelschicht - und damit die Verbraucherkaufkraft - global sehr unterschiedlich entwickelt.

Der Wissenschaftler geht außerdem davon aus, dass es 2030 eine bisher nie dagewesene Situation geben wird: Mehr als die Hälfte des weltweiten Vermögens wird sich in der Hand von Frauen befinden. Guillén rechnet deswegen damit, dass mehr Geld in die Gesundheitsvorsorge, die Bildung und in Versicherungen fließen wird, weil dies die Bereiche sind, die von Frauen traditionell am ehesten finanziell unterstützt werden. Auch auf die Finanzmärkte wird sich diese Verlagerung auswirken, weil die meisten Frauen nicht zu riskanten Investitionen neigen. Auf Frauen wartet eine weitere gute Nachricht: Durch den demographischen Wandel stehen immer weniger qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung, sodass die Wirtschaft immer stärker auf entsprechend ausgebildete Frauen angewiesen ist. In Japan lässt sich dieser Trend bereits beobachten.

Auch der Klimawandel treibt Mauro Guillén um. Auf Städte entfallen 75 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs und 80 Prozent der globalen Kohlendioxid-Emissionen. Außerdem heizen sie sich wegen ihrer starken Bodenversiegelung schnell auf und befeuern so die Erderwärmung. Der Wissenschaftler schlägt Wege vor, die das Leben in Städten umweltfreundlicher und nachhaltiger werden lassen. Ein Umdenken und Verhaltensänderungen sind dringend nötig: 80 Prozent der Menschen werden von steigenden Meeresspiegeln bedroht sein. Wohlgemerkt: 2030.

Mauro Guillén spinnt den Faden weiter und beschreibt den künftigen Umgang mit Konsum ("Sharing Economy"), den technischen Fortschritt (effiziente WC-Lösungen und die Ausweitung des 3D-Drucks) sowie den Umgang mit Kryptowährungen.

Lesen?

Mauro F. Guillén benennt in seinen Prognosen die zentralen Probleme, die die Weltgemeinschaft beschäftigen. Was ihn von zahlreichen anderen Wirtschaftswissenschaftlern unterscheidet, ist seine Betrachtung von Wechselwirkungen: Themenfelder werden nicht isoliert betrachtet, sondern miteinander in Verbindung gebracht. Leseempfehlung!

2030: Die Welt von morgen ist 2021 im Verlag Hoffmann & Campe erschienen und kostet als gebundenes Buch 24 Euro sowie als E-Book 14,99 Euro.

Freitag, 5. März 2021

# 280 - Es ist alles so optimal hier

Theresa Hannig hat mit ihrem Debütroman Die Optimierer einen Blick in unsere Zukunft geworfen. 

Wir sind im Jahr 2052 und Deutschland ist kaum noch wiederzuerkennen: Die Europäische Union gibt es seit 2031 nicht mehr, Deutschland ist nun Mitglied der BEU, der 'Bundesrepublik Europa'. Zur BEU gehören außerdem Norwegen, Polen, Dänemark, Östereich, Frankreich, die Benelux-Länder sowie die Schweiz. Um die BEU wurde ein Grenzzaun gezogen, um die Flüchtlingsströme - insbesondere aus dem armen Italien - draußen zu halten. Das neu eingeführte Gesellschaftssystem wird als 'Optimalwohlökonomie' bezeichnet, und mit technischen Neuerungen, die angeblich zum Wohl und der Bequemlichkeit der Menschen eingeführt wurden, werden die Bürger nicht nur überwacht, sondern bis in den Schlaf hinein manipuliert. Dagegen ist 1984 von Aldous Huxley Kinderkram.

Im Mittelpunkt steht Samson Freitag. Er ist Anfang dreißig, lebt mit seiner Freundin in München und ist erfolgreicher Lebensberater. Seine Arbeit besteht darin, Bürger aufzusuchen und anhand eines standardisierten Kriterienkatalogs herauszufinden, für welche Tätigkeit an welchem Arbeitsplatz sie sich am besten eignen. Wer sich von ihm beraten lässt, muss seiner Empfehlung für mindestens zehn Jahre Folge leisten, bevor ein erneuter Termin bei der Lebensberatung möglich ist. Die übliche Grußformel "Jeder an seinem Platz!" passt da genau zum System.

Freitag ist ein Vorzeigebürger, der alles richtig machen will und die neue Gesellschaftsordnung voll und ganz unterstützt. Auf seine Eltern, die der Optimalwohlökonomie sehr skeptisch gegenüberstehen und sich immer wieder ihre kleinen Schlupflöcher suchen, blickt er mit einer Mischung aus Unverständnis und Sorge. Warum wollen sie nicht verstehen, dass die Regierung das Beste für alle will?

Neben weit verzweigten Überwachungsstrukturen zeichnet sich das Leben durch eine Reihe von Vorgaben aus. Der Verzehr von echtem Fleisch ist streng verboten; der Internetzugang ist zensiert; ein Privatauto ist nur wenigen verdienten Bürgern - darunter auch Freitag - vorbehalten, alle anderen nutzen Bahnen, Segways, Fahrräder oder sog. Kommunalautos, die sich selbst steuern; immer mehr humanoide Roboter, die kaum noch von echten Menschen zu unterscheiden sind, übernehmen im öffentlichen und privaten Bereich Aufgaben; die Partnersuche wird mithilfe der Volksdatenbank abgewickelt; klassische Schreibutensilien wie Notizbücher oder Füllfederhalter sind nostalgische Relikte aus einer fernen Vergangenheit. 

Freitags ausgeprägtes bürokratisches Pflichtgefühl hat dazu geführt, dass er fast 1.000 Sozialpunkte auf seinem persönlichen Bürgerkonto hat. Er hat sie sich durch Wohltaten und das obsessive Schreiben von Korrekturvermerken verdient. Sobald er die 1.000-Punkte-Marke erreicht hat, kann er mit einer Beförderung rechnen und auf weitere Privilegien hoffen. Freitag sieht eine glänzende Zukunft vor sich.

Aber dann kommt der Tag, an dem sich sein Leben von Grund auf ändern soll. Freitag beendet die Lebensberatung einer jungen Frau damit, dass er sie zur Kontemplation vorsieht. Damit bekommt sie bis zum nächsten Beratungstermin ein bedingungsloses Grundeinkommen, darf aber keinem Beruf nachgehen. Freitag hält sich bei seiner Entscheidung strikt an die Vorgaben und ist felsenfest davon überzeugt, auch hier richtig gehandelt zu haben. Doch schon zwei Tage später ist die Frau tot: Aus Verzweiflung über ihr Schicksal hat sie sich das Leben genommen. Für seine Vorgesetzten bei der Lebensberatung ist klar, dass Freitags Beratung fehlerhaft war und er für den Suizid verantwortlich ist. Er wird vom Dienst suspendiert. 

Der Verlust des angesehenen Berufs ist der Beginn einer unheilvollen Entwicklung. Freitags Freundin trennt sich von ihm, bei einem Besuch bei seinen Eltern servieren ihm diese einen echten Braten, um ihm eine Freude zu machen, und als ob das nicht schon reichen würde, schreibt Freitag einen Korrekturvermerk, in dem er einen bekannten Politiker eines Betrugs beschuldigt. Seine Sozialpunkte schmelzen zusammen wie Schnee im Sonnenlicht und binnen drei Tagen nach der Beratung der jungen Frau hat er den Status eines sog. Piretisten - eines Menschen, der in der sozialen Hierarchie auf der untersten Stufe steht und dem einige Bürgerrechte aberkannt wurden.

Lesen?

Die Optimierer zeichnet eine Welt, die von Technik dominiert wird und die Bürger in vorgegebene Handlungs- und Zukunftsschablonen zwängt. Absolut angepasstes Wohlverhalten wird belohnt, Fehler oder mangelnder Einsatz werden sanktioniert - dieses Prinzip gilt bereits heute in China. Das Land kann jedoch hinsichtlich der technischen Überwachungsmöglichkeiten bei Theresa Hannig Nachhilfe nehmen, die beschreibt, was hier tatsächlich denkbar und möglich wäre. 

Warum ein solches System, in dem individuelle Freiheiten nichts mehr gelten, von den meisten Menschen hingenommen wird, erklärt Hannig damit, dass diese mit einer bescheidenen Karriere, einem schönen Urlaub und ein bisschen Wohlstand zufrieden sind, das Wohl des Staates ihnen aber gleichgültig ist.

Hannig greift Themen auf, die seit Jahren diskutiert werden, und spinnt den Faden weiter: Klimawandel, Flüchtlinge, Wohlstand und Wirtschaftswachstum hängen miteinander zusammen. Sind politische Systeme wie die Optimalwohlökonomie Möglichkeiten, diese Probleme zu überwinden? Und führt eine vollständige Video- und Audioüberwachung der Bevölkerung zu mehr Sicherheit?

Samson Freitags Weg als sozialer Aussätziger nimmt einen Verlauf, den er sich wenige Tage zuvor nicht hätte vorstellen könnte. Das Ende des Romans ist konsequent, aber bis kurz vor dem Schluss dennoch überraschend. Die Optimierer ist ein spannend geschriebenes Buch, das uns nachdenklich machen sollte.

Die Optimierer ist 2017 im Bastei Lübbe Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 Euro sowie als E-Book 6,99 Euro.

Freitag, 10. Juli 2020

# 248 - Money, Money, Money...

Aus irgendwelchen Gründen, die ich nicht kenne, ist es in unserem Kulturkreis verpönt, übers Geld zu reden. Dem zu seiner Zeit reichsten Mann der Welt, dem amerikanischen Öl-Milliardär Jean Paul Getty, wird das Zitat zugeschrieben: "Über Geld spricht man nicht, man hat es."

Getty ist 1976 gestorben, in der Zwischenzeit hat sich hinsichtlich dieser sehr speziellen Sprachlosigkeit etwas geändert. Heute ist es vielen Menschen möglich, auch ohne eine sprudelnde Erdöl-Quelle ihr Vermögen zu vermehren, nämlich mit Wertpapieren. Wie genau, das erklären zahlreiche Bücher, Blogs und Börsenseiten. 

Aus der Fülle der Bücher möchte ich zwei herausgreifen und euch vorstellen. Beide haben einen unterschiedlichen Ansatz und sprechen ihre Leser auf verschiedene Weise an. Gemeinsam haben sie allerdings, dass sie auch Menschen erreichen, die sich zwar für das Thema interessieren, deren Kenntnisse bislang aber gering sind. Man kann es auch anders formulieren: Beide Titel haben das Zeug dazu, die Angst vor der Börse zu verlieren und zu erklären, wie man sich einer guten Kaufentscheidung nähert. Sie öffnen eine Tür für alle, die vor der Lektüre vielleicht gar nicht gewusst hätten, wo deren Klinke ist.

Ich beginne mit dem Buch einer jungen Frau, die sich
schon mit Mitte 20 auf diesem Feld einen Namen gemacht hat: Aya Jaff. Jaff sagt über sich selbst, dass Mathe in ihrer Schulzeit nicht zu ihren starken Fächern gehört hat. Das hielt sie nicht davon ab, ein Wirtschaftsinformatik-Studium zu beginnen und als Programmiererin und Gründerin tätig zu sein. Als Keynote-Speakerin spricht sie u. a. über Digitalisierung.  In  ihrem Buch Moneymakers wendet sie sich der Börse zu. Wer jetzt hofft, ein paar Kauftipps für den schnellen Reichtum zu finden, sollte sich einer anderen Veröffentlichung widmen, denn Aya Jaff geht es um etwas anderes: Sie möchte ihre Leser dazu ermuntern, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Das geht nicht ohne einige Grundkenntnisse darüber, wie die Wirtschaft und insbesondere die Börse funktioniert.

Sie lenkt den Blick nicht nur auf eine bekannte Influencerin, die im Allgemeinen als wandelnder Kleiderbügel wahrgenommen wird, aber eine clevere Geschäftsfrau ist; Jaff zeigt am Beispiel von China auch, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten Asiens in Europa noch immer deutlich unterschätzt werden. Sie greift eine Reihe von "Moneymakers" beispielhaft heraus, um zu dokumentieren, wodurch deren Erfolg begründet wurde. Da kommen natürlich die bekannten Börsen-Gurus André Kostolany und Warren Buffett vor, aber auch die Influencerin Madame Moneypenny oder die chinesischen Unternehmer Jack Ma und Pony Ma.

Aya Jaff zeigt auch auf, wohin die Trends gehen: Biotech, KI oder Blockchain sind nur einige Stichworte. Alles wird leicht nachvollziehbar erläutert, zurückliegende Finanzereignisse werden anschaulich dargestellt. Völlig zu Recht kritisiert die Autorin, dass uns unser Bildungssystem diese Zusammenhänge nicht vermittelt.

Wenn man sich für dieses Buch etwas wünschen dürfte, dann wäre das ein aufmerksameres Lektorat, das bei der einen oder anderen Zahl stutzig wird. Jack Ma wäre sicher begeistert, wenn sein Unternehmen 31 Millionen Mitarbeiter hätte, tatsächlich sind es aktuell aber "nur" etwas mehr als 117.000. Richtig ist statt dessen, dass bis 2017 31 Millionen Stellen im Zusammenhang mit den Alibaba-Aktivitäten geschaffen wurden. Mit den Umsatzzahlen, die seinem Unternehmen zugeschrieben wären, wäre er aber sicher nicht zufrieden. Das soll mich jedoch nicht davon abhalten, dieses Buch zu empfehlen.

Moneymakers ist im Mai 2020 beim Finanzbuchverlag erschienen und kostet als Taschenbuch 16,99 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro. 

Weiter geht's mit dem zweiten Buch:
"Schatz, ich habe den Index geschlagen!" Wie ich auszog, die besten Aktien der Welt zu kaufen von Christian Thiel. Thiel ist "eigentlich" Philosoph und arbeitet als Single- und Paarberater. Die Welt der Aktien ist jedoch seine Leidenschaft, die er so fachkundig betreibt, dass es sein Finanzblog Grossmutters Sparstrumpf 2016 auf die Shortlist für den 'comdirect finanzblog award' schaffte. 

Nennenswertes Vorwissen ist auch bei diesem Buch nicht nötig. Thiel verfolgt wie schon Jaff das Ziel, den Lesern die Sorge zu nehmen, beim Aktienhandel handele es sich um Hexenwerk. In zwölf Kapiteln erläutert er, warum Aktien entgegen aller Unkenrufe eine lohnende Anlage sind, was von anderen Anlageformen (Gold, selbstbewohnte Immobilien, Lebensversicherungen) zu halten ist und dass man bei der Beurteilung einer Aktie nicht nur durch die Front-, sondern auch durch die Heckscheibe schauen soll: Wie hat sie sich in den letzten fünf, zehn, 20 oder auch 30 Jahren entwickelt? 

Thiel rät Anlegern zu Geduld, gepaart mit profunden Kenntnissen über die Unternehmen, deren Wertpapiere sie kaufen wollen. Er räumt auch mit so manchen Mythen aus der Aktienszene auf: Diejenigen, die wir für wirtschaftlich erfolgreich halten, sind es in der Mehrzahl gar nicht. Die Rede ist hier zum Beispiel von Tradern, von denen die meisten Zocker sind, was sich fatal auf ihren Anlageerfolg auswirkt. Und am Rande merkt Thiel an: Auch die große Mehrheit der Drogendealer hat ein so geringes Einkommen, dass es nur für das Kinderzimmer im Hotel Mama reicht.

Und was ist, wenn man nicht ständig auf volatile Börsenkurse starren will, immer in der Angst, das eingesetzte Vermögen könnte quasi über Nacht verglühen? Auch hier hat Thiel praktikable Vorschläge in petto. Nebenbei verrät er seinen Lesern, mit welchen Aktien es ihm gelungen ist, den Index zu schlagen. Das Buch ist zwar schon Anfang 2017 erschienen, hat aber seine Gültigkeit und Aktualität nicht verloren. Einziger Nachteil von Thiels Strategie: Junge Aktien haben hier das Nachsehen, weil sich ihre Entwicklung nun mal nicht Jahre oder Jahrzehnte zurückverfolgen lässt.


"Schatz, ich habe den Index geschlagen!" Wie ich auszog, die besten Aktien der Welt zu kaufen ist im Campus Verlag erschienen und kostet broschiert 17,95 Euro sowie als E-Book 15,99 Euro.

Samstag, 6. April 2019

# 191 - China im Strudel der Gewalt

China und seine Geschichte sind aus unserer Perspektive von einem Hauch
des Geheimnisvollen umweht. Wer sich nicht intensiv mit der Vergangenheit des riesigen Reichs beschäftigt hat, hat meist nur eine ungefähre Vorstellung davon, was sich dort vor 150 oder 200 Jahren ereignet hat.
Ganz anders ist das mit Stephan Thome. Er hat u. a. Sinologie studiert und mit einer Dissertation promoviert, in der das konfuzianische Denken eine zentrale Rolle spielte. Thome lebt seit etlichen Jahren in Taipeh. Mit seinem vierten Buch Gott der Barbaren widmet er sich in Romanform dem China des 19. Jahrhunderts. Der Roman schaffte es 2018 bis in die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

China auf dem absteigenden Ast?

 

Gott der Barbaren ist der Versuch, eine ereignisreiche Zeit, die vom Niedergang der Qing-Dynastie, ihrer Konfrontation mit der religiös-politischen Taiping-Bewegung und den beiden Opiumkriegen Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt war, in Romanform zu schildern. Das Buch wird von den Erlebnissen des fiktiven Charakters Philipp Johann Neukamp, einem Zimmermannssohn aus dem Märkischen, der Tagebuch schreibt und dem Leser seine Erlebnisse berichtet, durchzogen.

Neukamp hat eigentlich vor, nach Amerika auszuwandern. Zufällig trifft er auf den Missionar Karl Gützloff, der ihn dazu bringt, den christlichen Glauben in China zu verbreiten. Gützloff hat es gegeben; er betrieb in China eine Missionsschule, in der Chinesen zum christlichen Glauben bekehrt werden und diesen dann verbreiten sollten.
Neukamp ist jedoch nur mäßig erfolgreich. Im Verlauf der Handlung irrt er durch das Land und wirkt eher wie ein Spielball der Ereignisse, aber nicht wie jemand, der sein Leben aktiv in die Hand nimmt. Er lernt den Mystiker Hong Xiuquan kennen, der sich für Jesus' jüngeren Bruder hält und später den Taiping-Aufstand anführen wird. Dieser Bürgerkrieg gehörte mit seinen 30 Millionen Toten zu den blutigsten Kriegen der Menschheitsgeschichte. Neukamp erliegt zunächst dem charismatischen Sektenführer und wird für eine Weile in den Aufstand mit hineingezogen. Hong war durch Visionen und eine Bibel, die er von einem amerikanischen protestantischen Pfarrer bekommen hat, zum Christentum gekommen. Neukamp wird ihm im Verlauf des Buches immer wieder begegnen.

Eine weitere wichtige Figur, die das Geschehen aus britischer Perspektive beurteilt, ist Lord Elgin. Auch ihn hat es gegeben, er war u. a. Sonderkommissar für China. Als die Qing-Regierung sich nach dem Ende der ersten Phase des Zweiten Opiumkrieges weigerte, die mit den Briten vereinbarten Bedingungen einzuhalten und die britischen Verhandlungspartner folterte, ordnete Lord Elgin einen Rachefeldzug an, der in der Zerstörung des Alten Sommerpalastes in Peking mündete. Die Anlage gilt als ein architektonisches Meisterwerk, sodass Lord Elgin bis heute in China für diese Tat als Barbar gilt. Er wird im Roman als Mensch beschrieben, der dem chinesischen Volk mit großem Unverständnis und reichlich Ignoranz und Arroganz begegnet. Warum sollte man mit Männern verhandeln, die wie Frauen in Kleidern herumlaufen? Gleichzeitig fühlte er sich jedoch von vielem, was er im Grunde ablehnte, auf seltsame Weise angezogen. Ein Beispiel für diese ambivalente Haltung ist der "goldene Lotus": Der Begriff beschrieb die gebundenen Füße der chinesischen Frauen, die damals üblich waren. Der Sonderbotschafter verachtete einerseits diese Verstümmelung, die die Frauen daran hinderte, normal zu gehen, konnte aber andererseits seinen Blick nicht von ihnen abwenden.

Und dann ist da noch eine Person, die im China dieser Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat: General Zeng Guofan. Er war der Anführer der Hunan-Armee, die aus Freiwilligen bestand und den kaiserlichen Truppen zu Hilfe geeilt ist, als diese sich als zu schwach erwiesen, um den Taiping-Rebellen noch etwas entgegenzusetzen. Zeng gehörte zu den gebildetsten Menschen des Landes, wurde jedoch wegen seiner Erfolge und seines Status' von manchen als Gefahr angesehen. Der General wird von Thome als ambivalente Persönlichkeit beschrieben: Er legte zwar Wert auf Kultur und Menschlichkeit, nahm aber 1864 den Tod von 100.000 Menschen in Kauf, als die von den Taiping-Rebellen eroberte Stadt Tianjing (heute: Nanjing) von seiner Hunan-Armee zurückerobert wurde.

Lesen?


Thome transportiert in seinem Roman das gegenseitige Unverständnis der aufeinandertreffenden Kulturen und erklärt, wie eine irritierend falsch ausgelegte und übersetzte Bibel gepaart mit dem - nicht nur in China betriebenen - missionarischen Eifer der Europäer es vermochte, eine fatale Entwicklung ins Rollen zu bringen, an deren Ende zahllose Tote und ein zerrüttetes Land standen. Für Leser, die sich (wie ich) mit dieser Epoche der chinesischen Geschichte jedoch bislang nicht beschäftigt haben, wird es schwer, den Überblick zu behalten. Thome hat sein Buch um ein Personenregister ergänzt, das insbesondere bei den einander sehr ähnelnden chinesischen Namen sehr hilfreich ist. Der Gott der Barbaren ist mit einer Menge Details angefüllt, zugunsten der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit der Handlung wäre aber oft weniger mehr gewesen. Trotz dieser Einschränkung ist es für alle, die sich für die chinesische Geschichte interessieren und bereit sind, sich ein bisschen durch die mehr als 700 Seiten durchzubeißen, ein lesenswertes Buch.

Die damaligen Ereignisse werfen ihre Schatten bis in die heutige Zeit. Sie werden in chinesischen Schulen, Museen etc. als die 100 Jahre der nationalen Demütigung bezeichnet, die von der Kommunistischen Partei beendet wurden. In diesem Kontext steht auch die Niederschlagung des Volksaufstands auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz mit 2.600 Toten und 7.000 Verletzten im Jahr 1989: Die Demonstrationen wurden als unpatriotisches Verhalten und als Folge einer schlechten Erziehung betrachtet. 
Weitere Hinweise auf die Hintergründe des Romans gibt ein Interview, das der Deutschlandfunk mit Stephan Thome geführt hat.

Gott der Barbaren ist im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 25 Euro, als Kindle- oder epub-Ausgabe 21,99 Euro sowie als Taschenbuch 14 Euro.

 

Samstag, 19. August 2017

# 113 - Es geht ums Geld

Den Durchblick haben - mit diesem Buch klappt's

 

Manche Menschen werfen es sinnbildlich zum Fenster raus, andere hüten es wie ihren Augapfel und die Dritten haben ein entspanntes, problemloses Verhältnis zu ihm: Die Rede ist vom Geld. In seinem Buch Verstehen Sie Geld? beginnt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl mit seiner Erklärung, was es mit dem, wonach so viele streben, auf sich hat. Er schaut zurück in die Zeit, als die Menschheit noch kein Geld kannte, sondern nur Waren gegeneinander tauschte. Ab 500 v. Chr. tauchten die ersten Gold- und Silbermünzen auf, doch auch sie mussten noch weiter verbessert werden, denn Betrüger gibt es nicht nur heute, sondern sie hat es schon immer gegeben. Aber dieser Rückblick nimmt nur einen kleinen Teil seines Buches ein. Çöl kommt zügig in der Gegenwart mit ihren Geldströmen und Finanzmarktmechanismen an.


Wachstum über alles?

 

Ohne Geld geht heute rein gar nichts: Wir können keine Miete zahlen, uns keine Lebensmittel kaufen, uns nicht einkleiden und nichts leisten, was über unsere Grundbedürfnisse hinausgeht. Und was passiert, wenn wir am Ende des Monats ein paar Euros übrig haben? Früher war alles klar: "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not" haben noch viele von uns im Ohr. Soll heißen: Halt dein Geld zusammen, kauf nur, was du dir leisten kannst und mach nach Möglichkeit keine Schulden. Wenn man sich umsieht, kann man sich jedoch leicht so fühlen, als gehörte man damit zu den ewig Gestrigen: Konsum ist angesagt, und die unschlagbar niedrigen Sollzinsen lassen bei vielen Menschen die Bereitschaft, einen Kredit für Konsumgüter aufzunehmen, steigen. Wem kommt das zugute? Zuerst den produzierenden Unternehmen, keine Frage, aber eben nicht nur ihnen. Doch was passiert, wenn viele oder wenige Güter nachgefragt werden? Und warum greift der Staat wirtschaftlich schlingernden Konzernen immer wieder unter die Arme? Wie groß ist die Verbundenheit von Staat und Wirtschaft? Und was hat es eigentlich mit der sogenannten Rettung der ökonomisch schwachen EU-Mitgliedsländer wie z. B. Griechenland durch die Europäische Zentralbank (EZB) auf sich? Wie kann es sein, dass da immer wieder neue "Rettungspakete" geschnürt werden, aber sogar Bürger, die das Ganze nur am Rande mitbekommen, ahnen, dass das alles mit dem, was man sich im Allgemeinen unter einer Rettung vorstellt, herzlich wenig zu tun hat?

Die Deutschen - ein total konservatives Anlegervolk

 

Die Deutschen sind in puncto Geldanlagen so flexibel wie Eisenbahnschienen. So oder so ähnlich klingt der sich stetig wiederholende Vorwurf aus der Finanzwirtschaft - also aus der Ecke, wo die sitzen, die sich in Gelddingen angeblich viel besser auskennen als der durchschnittliche Normalbürger. Aktien werden als die Anlageform der Stunde propagiert, das Sparbuch mit seinen insbesondere aktuell mikroskopisch kleinen Zinsen ist nur etwas für Leute, die sich vom Totgesagten nicht trennen mögen. Çöl erläutert in klaren und leicht verständlichen Sätzen, was hinter diesen Aussagen steckt und dass man von den Verbrauchern ihr Bestes will - ihr Geld. Er erklärt auch, warum Regierungen und Unternehmen die Zahlen zum Wirtschaftswachstum so wichtig sind und weshalb es aus ihrer Sicht hier nur eine Richtung geben darf: aufwärts. Der Autor erläutert jedoch auch, was gegen die Rettung von Firmen mithilfe von Steuerngeldern spricht, warum die Zinspolitik der EZB zutiefst ungerecht ist, was man gegen die Anfeuerung des Wirtschaftswachstums haben kann oder wieso das Heil für den Einzelnen nicht unbedingt in Aktien liegt. Und: Er spricht sich deutlich und mit gut nachvollziehbaren Argumenten gegen die Abschaffung des Bargelds aus und plädiert an seine Leser, sich beim Konsum auf ihre Selbstverantwortung zu besinnen.

Lesen?

 

Davut Çöl bietet in Verstehen Sie Geld? einen sehr informativen Rundumblick: Nach der Lektüre seines Buches ist klar, wozu Geld dient, welche Marktmechanismen und Geldkreisläufe für unsere Wirtschaft eine Rolle spielen, wie Konsumenten gelenkt werden und wie der Autor die künftige Entwicklung des Geldmarkts einschätzt. Das alles in auch für Laien gut verständlicher Sprache und mit Erklärungen, die das zunächst kompliziert Erscheinende mit einfachen Beispielen aus dem Alltag verständlich werden lassen. Das Buch eignet sich also nicht nur für am Thema Wirtschaft Interessierte, sondern auch für alle, die den Wirtschaftsteil der Zeitung bislang immer rasch zur Seite gelegt haben.

Verstehen Sie Geld? ist bei tredition erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 19,90 €, als Hardcover 27,90 € sowie als E-Book 14,90 €.

Freitag, 12. Mai 2017

# 99 - Design gibt es nicht nur in der Mode und der Kunst

Märkte gibt es an jeder Ecke - ein Nobelpreisträger über Marktdesign

 

Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Alvin E. Roth erhielt gemeinsam mit Lloyd S. Shepley 2012 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für die Entwicklung der Idee des sog. Marktdesigns und die Theorie, wie in einem bestimmten Markt stabile Verteilungen erreicht werden können. Klingt trocken und abgehoben? Das ist es keinesfalls. Roth macht sich in seinem 2016 erschienenen Buch Wer kriegt was und warum? Gedanken darüber, wie typische und häufige Probleme, die dann entstehen, wenn ein Markt nicht reibungslos funktioniert, gelöst werden können.

Nicht nur forschen, sondern auch anwenden

 

Das Berufsleben von Roth unterscheidet sich in einem Punkt wesentlich von dem zahlreicher anderer Forscher: Er arbeitet nicht nur Theorien aus, sondern setzt diese auch praktisch ein. Sein im Buch dargestellter Schwerpunkt liegt dabei auf solchen Märkten, bei denen kein Geld im Spiel ist. Er bezeichnet sie als "Matching Markets": Man kann sich nicht einfach etwas oder jemanden auswählen, sondern muss ebenfalls von der Gegenseite ausgewählt werden. Roth hat z. B. ein System kreiert, mit dessen Hilfe möglichst viele Schwerkranke eine für sie dringend benötigte Niere bekommen. Die Spende von Nieren von Lebenden oder Verstorbenen darf nahezu weltweit - Ausnahme: Iran - nur unentgeltlich vonstattengehen. Mit Roth' Tauschringen ist es gelungen, viele Lebendspender zu gewinnen und so das Leben vieler Kranker zu retten. Die Spender hatten durchaus eine starke Motivation, ihr Spendenversprechen einzuhalten, aber eben keine finanzielle. Auch die praktikable und einigermaßen gerechte Zuteilung von Plätzen an öffentlichen Schulen war in New York und Boston ein so großes Problem, dass sich die Stadtverwaltungen an den Wissenschaftler wandten und um seine Hilfe baten - mit Erfolg. Eines der Probleme war, dass sich viele Eltern und zahlreiche Schulen dem offiziellen Zuteilungsverfahren entzogen und so neue Ungerechtigkeiten generiert wurden, ein anderes, dass Eltern nicht mehr ihren wahren Schulwunsch angaben, sondern eine strategische Wahl trafen. Beides sind unerwünschte Verhaltensweisen, die die Platzvergabe noch unbefriedigender machten.

Jetzt aber schnell...

 

Auch die Vergabe von Facharztstellen an Medizinstudenten oder die Bewerbungsmodalitäten für Referendarstellen bei Bundesrichtern für Jurastudenten nahm so skurrile Züge an, dass letzten Endes weder den Studenten noch den künftigen Arbeitgebern geholfen war. Beide "Matching Markets" hatten Eigenschaften, die an das Märchen vom Hasen und vom Igel erinnerten: Es wurde an den Regularien vorbei geschummelt, aber mindestens eine Seite fühlte sich zu kurz gekommen. Die beiden Phänomene, die eine sinnvolle Zuordnung der Studenten zu Bundesrichtern bzw. Kliniken verhinderten, waren einerseits die sog. verfrühte Transaktion und andererseits "explodierende" Angebote. Verfrühte Transaktionen - also z. B. Stellenangebote an ganz bestimmte Kandidaten, die immer früher abgegeben werden - entstehen aus der Sorge heraus, dass bei einer zu späten Suche nach geeigneten künftigen Juristen oder Ärzten die Konkurrenz bereits die vielversprechendsten Kandidaten für sich gewinnen konnte. In diesem Zusammenhang sind auch die "explodierenden" Angebote zu sehen: Dieser von Roth geprägte Begriff meint Stellenangebote, die einem Wunschkandidaten nur für einen äußerst begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt werden. Roth nennt hier einen extremen Fall eines Studenten, der während eines inneramerikanischen Flugs zwischen zwei Vorstellungsgesprächen ein solches Angebot eines Richters erhielt, das dieser bereits nach 35 Minuten wieder zurückzog - sowohl das Angebot als auch die Absage konnte der Student jedoch erst nach der Landung auf seinem Smartphone lesen. Der Grund für ein solches Verhalten liegt auch hier in der Angst begründet, einen (anderen) geeigneten Kandidaten zu verpassen, wenn man zu lange auf die Antwort des angeschriebenen Studenten wartet. Kurios, aber ständige Realität auf dem "Matching Market" unter angehenden Juristen und Ärzten in den USA.

Kein Modell ist dauerhaft

 

Roth gibt keine Patentrezepte. Er erläutert anschaulich, dass jeder Markt seine eigenen Gesetze hat und ständigen Veränderungen unterworfen ist, auf die entsprechend reagiert werden muss, wenn es zu einer von ihm als "Marktverstopfung" bezeichneten Situation kommt: Solch eine Situation entsteht beispielsweise auf Dating-Portalen im Internet, wenn attraktive Frauen von Anfragen interessierter Männer so überschüttet werden, dass sie darauf nicht mehr antworten wollen oder können. Im nächsten Schritt versenden Männer, die auf ihre Anfragen keine oder nur wenige Rückmeldungen bekommen haben, zwar immer noch weitere Nachrichten, geben sich aber für jede einzelne nun weniger Mühe, weil sie von der vorangegangenen Erfahrung frustriert sind. Die Folge: Die in der "2. Runde" angeschriebenen Frauen registrieren, dass sie nicht individuell angesprochen werden und reagieren auf diese Lieblosigkeit mit Nichtbeachtung.
Zum Schluss noch ein Beispiel für die Verfrühung in einem besonders ungewöhnlichen "Matching Market", den Roth sich mit einem chinesischen Kollegen angesehen hat: Die Arunta, ein Aborigine-Volk in Australien, waren ein polygames Volk. Das führte zu einem ständigen Frauenmangel. Wurden nun ein Junge und ein Mädchen geboren, besprachen ihre Väter nicht die Ehe zwischen den beiden Neugeborenen; das war nicht mehr möglich, weil der Vater des Mädchens bereits vor dessen Geburt eine Ehe für das ungeborene Kind arrangiert hatte. Nein, die Absprache zwischen diesen beiden frischgebackenen Vätern beinhaltete, dass die erste Tochter, die das kleine Mädchen irgendwann haben würde, den heute noch kleinen Sohn heiraten würde.

Marktdesign praxisnah erklärt

 

Man muss weder ein Ökonomie-Freak noch mit geballtem Wirtschaftswissen ausgestattet sein, um zu verstehen, worum es Roth beim Marktdesign geht. Die Beispiele, die er zur Erläuterung anführt, stammen entweder aus seiner eigenen Berufspraxis oder aus Zusammenhängen, die jeder versteht, der diesen Text lesen kann, also über einen Computer verfügt. Wer Marktmechanismen aus einem anderen Blickwinkel betrachten und will, ist mit Wer kriegt was und warum? gut beraten.  

Wer kriegt was und warum? wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Siedler Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24,99 €, broschiert 15 € sowie als epub- oder Kindle-Edition 19,99 €.

Dienstag, 9. Mai 2017

Der doppelte Rückblick: Vielfalt im März und April

Kochen, essen, töten, der Blick auf die Frauen und die Eigenheiten der Wirtschaft

 

In den letzten beiden Monaten habe ich wieder viele verschiedene Bücher gelesen und vorgestellt, die unterhalten, aber auch neue Einblicke und Sichtweisen ermöglicht haben. Lust auf einen kurzen Rückblick? 

Das waren die Bücher aus dem März

 

Karina Both-Peckham hat mit Peckham's Kochbuch - Band 1: Lieblingssuppen ein tolles Buch herausgebracht, das sich an Menschen richtet, die mit der Variation nur eines Gerichts mehrere Esser zufriedenstellen wollen. Ob Flexitarier, Vegetarier, Veganer,  Paleo- oder Low-Carb-Fans: Mit diesem Buch gelingt es auch Hobbyköchen, allen Geschmäckern gerecht zu werden. Die Autorin betreibt ein Café und Bistro in Erfurt (Peckham's House) und seit mehreren Jahren einen Food-Blog (Iss dich glücklich).

Einen Blick auf die gastronomischen Anfänge von Karina Both-Peckham und ihres Mannes im Jahr 2008 gibt dieses  Video:


 




Beatrix Langner hat in ihrem Buch Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken auf knapp 240 Seiten ein kulturhistorisches Essay über die (geistige) Unterdrückung der Frauen geschrieben. Ein sehr spannendes, aber auch sehr anspruchsvolles Buch, das in jedem Absatz eine Fülle von Informationen transportiert. Langner verzichtet jedoch darauf, die verbale Keule zu schwingen, sondern analysiert die stetige Benachteiligung vor dem jeweiligen historischen Hintergrund. Klingt trocken, ist es aber nicht. Beatrix Langner ist Literaturkritikerin und Autorin mehrerer Bücher u. a. über Adelbert v. Chamisso oder Jean Paul. Sie trägt neben anderen Autoren Texte zum Chamisso-Forum bei. In der Sendung Mosaik bei WDR 3 hat sie ausführlich über ihr Buch gesprochen und einige zusätzliche Informationen gegeben. Der Sender hat das Interview als Download zur Verfügung gestellt.




Zusammen mit dem Journalisten Göran Schattauer hat der deutschlandweit bekannte Strafrechtsanwalt Steffen Ufer das Buch Nicht schuldig herausgebracht. Aus seiner reichen Erfahrung aus 50 Berufsjahren erzählt Ufer von bekannten und unbekannten Kriminalfällen und macht sehr deutlich, dass Rechtsprechung kein Instrument ist, um an einem Täter Rache zu üben. Auch den häufigen Vorwurf, sogar Menschen zu verteidigen, die eines besonders brutalen Verbrechens angeklagt sind, lässt der Jurist nicht gelten: Er sieht seine Rolle als die eines Wächters, der darauf achtet, dass das geltende Recht angewendet wird. Der SWR-Moderator Wolfgang Heim hat Steffen Ufer im Herbst 2016 interviewt. Das Interview wurde per Download zu Verfügung gestellt. 


Damit ging es im April weiter



Eines der meiner Meinung nach besten Bücher der letzten Zeit ist Geister des US-Autors Nathan Hill. Der College-Professor Samuel Anderson wird gebeten, sich für seine Mutter Faye einzusetzen, die den Präsidentschaftskandidaten Packer attackiert hat. Samuels Problem: Seine Mutter hat die Familie vor Jahrzehnten verlassen, sodass ihr Sohn gar nicht in der Lage ist, etwas Positives über sie zu sagen. Doch die Situation verkompliziert sich immer weiter, je mehr sich Samuel der Vergangenheit seiner Mutter widmet. Irgendwann ist das, was vorher völlig klar und offensichtlich erschien, alles andere als das. Hill greift in der Romanhandlung zahlreiche gesellschaftliche und politische Themen auf, die in ihrer jeweiligen Zeit in allen Medien diskutiert wurden. Von Audible Hörbücher wurde eine Hörprobe veröffentlicht.







Zarah Philips greift in ihrem Roman Lauter Leichen ein uraltes Motiv auf, das Menschen zum Morden bewogen hat, seit es den Tauschhandel gibt: Gier. Das ist auch in diesem Buch nicht anders: In Hamburg wird wegen des Geldes und des gefährdeten guten Rufs seit Generationen gemordet, was das Zeug hält. Der LKA-Beamte Watkowski bringt mit Spürsinn und Verstand Licht in den Beziehungs- und Täterdschungel, gerät dabei aber selbst in die Schusslinie. Sehr flott und unterhaltsam geschrieben, aber hier und da hat sich die Logik von der Handlung verabschiedet. Die farbigen Zeichnungen auf dem Totenschädel, der das Cover ziert, sind übrigens den Motiven entlehnt, die in Mexiko am Tag der Toten (Día de los Muertos am 2. November) auf den Gesichtern der Lebenden oder den dekorativen Zuckerschädeln zu sehen sind, die es dann überall zu kaufen gibt. Euronews hat in einem kurzen Video erklärt, worum es sich bei diesem in Mexiko wichtigen Feiertag handelt: 


Und ehe ich es vergesse: Eine Autoren-Homepage von Zarah Philips gibt es natürlich auch noch.




Und noch ein Kochbuch: Miriam Warnke lebt seit einigen Jahren vegan und kocht gern kreativ. Beides hat sie nun miteinander verknüpft und mit ihrem Kochbuch The Vegan Sister gezeigt, dass vegane Gerichte weder besonders aufwendig noch sehr schwierig nachzukochen sind. Wer die vegane Ernährung selbst einmal ausprobieren möchte, ist mit diesem Buch sehr gut beraten.
Miriam Warnke betreibt auch einen Blog, nach dem das Buch benannt wurde.




Stephen J. Dubner und Steven D. Levitt betreiben seit Jahren einen Wirtschaftsblog. Aus diesem stammen die einzelnen Beiträge für das Buch Wann Sie eine Bank überfallen sollten, die zum Teil bereits 2005 online veröffentlicht wurden. Da dies bereits das dritte Buch der beiden Ökonomie-Experten ist, das Beiträge von eben diesem Blog enthält und sich mit zum Teil etwas abseitigen Überlegungen beschäftigt, wirkt es manchmal, als seien die letzten Reste zusammengekehrt und zu diesem Buch verarbeitet worden. Kann man lesen, muss man aber nicht. Die Autoren betreiben nicht nur ihren Blog, sondern auch einen Video-Kanal bei Youtube. Bei Youtube sich auch die Buchvorstellung durch Steven J.Dubner im Londoner Büro von Google:





Im letzten Buch dieses doppelten Monatsrückblicks wird gut gegessen, aber nicht selbst gekocht. Das überlässt Axel Schwab in Sushi Guide den versierten Köchen in den von ihm empfohlenen Restaurants in vier deutschen Großstädten. Schwab beschränkt sich in seinem Buch auf die Beschreibung von Nigiri-Sushi und geht genau auf die einzelnen hierfür verwendeten Fischarten ein. Der Titel enthält außerdem einen "Restaurant-Knigge" für alle Leser, die in einem japanischen Restaurant nicht ständig ins Fettnäpfchen treten wollen, und ein Wortregister, das sehr dabei hilft, die Sushi-Speisekarte zu verstehen. Ein Buch mit sehr viel Sachverstand, da der Autor fünf Jahre in Tokio gelebt hat.
Axel Schwab gibt auf seiner Homepage Einblick in sein Leben, das zum Teil aus Reisen und Fotokunst besteht.


Das waren die Bücher, die ich euch im März und April vorgesellt hatte. War eins für euch dabei?





Samstag, 22. April 2017

# 96 - Praktische Lebenshilfe? Wie Ökonomen die Welt sehen

Gesammeltes aus fast allen Lebensbereichen

 

Der Autor und Journalist Stephen J. Dubner und der US-Ökonom Steven D. Levitt haben mit ihrem Buch Wann Sie eine Bank überfallen sollten den dritten Band ihrer Reihe herausgebracht, in der sich reichlich gesammelte Erkenntnisse oder Überlegungen zu Problemen, die die Welt oder doch wenigstens die beiden Herren bewegen, finden. Nicht nur die Titelfrage wird in etwa beantwortet, auch andere alltagstaugliche Antworten auf Fragen, die man vorher gar nicht hatte, werden angesprochen. Eine Auswahl: Wie beseitigt man den Flugstau über New York? Würde eine höhere Bezahlung bessere Politiker anlocken? Wie viel würde Pepsi dafür zahlen, an Coca Colas Geheimrezept zu kommen?

Das was vom Blog übrigblieb

 

Die beiden Autoren sind offenbar auch privat befreundet, nur so lässt sich der lockere Ton deuten, den sie anschlagen, wenn sie über den jeweils anderen schreiben. Doch beim Lesen des Buches wird man den Eindruck nicht los, dass Dubner und Levitt der große Erfolg ihrer beiden vorangegangenen Titel Freakonomics (2007) und SuperFreakonomics (2010) zu der Erkenntnis gebracht hat: Da geht noch was. Auch finanziell. So liest sich zumindest Wann Sie eine Bank überfallen sollten: Die US-Ausgabe erschien 2015, die mir vorliegende deutsche 2017. Die Texte, die jeweils maximal fünf Buchseiten lang sind, stammen alle vom gemeinsam betriebenen Blog Freakonomics, dessen Posts auch mehrere Jahre über die New York Times liefen. Die ältesten von ihnen reichen allerdings bis ins Jahr 2005 zurück, sofern sich das anhand der Datierung überhaupt nachvollziehen lässt. Das, was 2005 die USA oder auch die Welt interessiert hat, lädt heute zum Überblättern der Seiten ein. Dazu passt die Redewendung "Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern": Dieses Gefühl hinterlässt der eine oder andere Beitrag. Von der Relevanz der Überlegungen ergibt sich eine Kluft zwischen den Erwartungen, die beim Buchkäufer geweckt werden, und dem, was das Buch tatsächlich hergibt: Die Auswahl der Blogbeiträge wirkt eher wie der "Rest vom Schützenfest", aber nicht wie fundierte Überlegungen zu relevanten Wirtschaftsthemen. Da wird beispielsweise darüber nachgedacht, warum es nicht üblich ist, einer Stewardess im Flugzeug ein Trinkgeld zu geben, obwohl das bei der Bedienung im Restaurant als selbstverständlich angesehen wird. Diese Frage wird nicht etwa mit einer fundierten  Begründung beantwortet, sondern es wird mit Mutmaßungen im Nebel gestochert. Am Ende des Textes angekommen ist der Leser so schlau wie zuvor.
Geht es dann tatsächlich um ökonomische Themen, wird an diese immer wieder mit einer Sichtweise herangegangen, die nahelegt, dass den Autoren der Blick über den eigenen Tellerrand und damit die Verknüpfung mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen nicht so leicht fällt. Vermutlich würden z. B. Mediziner und Soziologen angesichts des Vorschlags, den Levitt dem früheren britischen Premierminister David Cameron kurz vor dessen Wahl gemacht hat, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Er hatte sich überlegt, wie man das britische Gesundheitswesen von Grund auf reformieren könnte: Jeder Brite sollte zum 1. Januar eines Jahres 1.000 £ bekommen, die grundsätzlich frei verwendet werden können, aber für Gesundheitskosten gedacht sind. Ergänzend dazu schlug er ein gestaffeltes Zuzahlungssystem vor, wonach sich die Zuzahlung durch den Staat prozentual bei größeren Gesamtaufwendungen erhöht. Alles, was über 8.000 £ pro Jahr hinausginge, übernähme die staatliche Gesundheitsfürsorge komplett. Nur bei schweren Erkrankungen käme der Staat vollständig für die Kosten auf. Verursacht jemand bis zu 8.000 £ Gesundheitskosten, müsste er die Hälfte davon aus der eigenen Tasche bezahlen. Angesichts dessen, dass von den rd. 65 Millionen Einwohnern mittlerweile 13,5 Millionen als arm gelten, mag man sich nicht ausmalen, was es hieße, wenn diese Bevölkerungsgruppe im schlechten Fall umgerechnet 400 Euro Gesundheitskosten pro Monat aufbringen müsste.

Lesen?

 

Wann Sie eine Bank überfallen sollten ist kein "Muss" im Bücherschrank. Vieles hat den Charakter eines launigen Geplauders, und durch die lange Dauer zwischen der Veröffentlichung einiger Beiträge auf dem Blog und dem Erscheinen des Buches hat sich die eine oder andere Erkenntnis von selbst erledigt.

Wann Sie eine Bank überfallen sollten ist im Penguin Verlag erschienen und kostet als Taschenbuch 10 € sowie als Kindle- oder epub-Edition 8,99 €. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Freitag, 30. September 2016

# 69 - Politik, Geschäfte, Macht - Hannover

Was macht die niedersächsische Landeshauptstadt aus?

 

An diesem Buch kam ich nicht vorbei: Ich stamme aus einer Stadt am Nordrand Hannovers und lebe jetzt seit mehr als 20 Jahren in einer Kleinstadt, die an die Südgrenze der Stadt grenzt, die Lutz Hachmeister als Hannover - ein deutsches Machtzentrum bezeichnet. Auf knapp 340 Seiten widmet er sich der Frage, was eigentlich dran ist am sogenannten "Hannover-Mythos": Werden von hier aus tatsächlich im Verborgenen die Strippen gezogen, die letztendlich sogar die Bundespolitik beeinflussen?

Wodurch wird eine Stadt mächtig?

 

Hachmeister spürt den hannöverschen Machtbestrebungen nach und sieht sich dabei die Werdegänge von unterschiedlichen Persönlichkeiten an, die mit Hannover in Verbindung gebracht werden. Das reicht von Rudolf Augstein, der die Wochenzeitschrift DER SPIEGEL in Hannover gegründet hat, über Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, den Scorpions und Fury in the Slaughterhouse bis hin zu den Hell's Angels mit dem früheren Chef des Hannover-Chapters Frank Hanebuth.

Hannover leidet darunter, von außen betrachtet als spießig und provinziell angesehen zu werden. Das liest man immer wieder, und das behauptet auch Lutz Hachmeister. Da stellt sich natürlich fast automatisch die Frage: Kann eine Stadt, die angeblich als ein Hort des Mittelmaßes und  als Musterbeispiel der Unauffälligkeit verschrieen ist, in der Lage sein, nicht nur die Geschicke Niedersachsens, sondern sogar Deutschlands zu beeinflussen?

Hachmeister fackelt nicht lange und kommt nach einem kurzen historischen Rückblick auf das Geschlecht der Welfen und die Verbindungen zum englischen Königshaus dann auch flott in der jüngeren Geschichte der Stadt an der Leine an: Mit der fatalen Alkoholfahrt der früheren Bischöfin Margot Käßmann, dem Leben von Paul von Hindenburg als Ruheständler in Hannover, Theodor Lessing, Kurt Schumacher mit seinem "Büro  Dr. Schumacher", das als "Gründungszelle der westdeutschen Sozialdemokratie" nach dem 2. Weltkrieg gilt und einem "Rundumschlag", in dem sich markante Orte in Hannover und längst verstorbene Prominente, die hier beeerdigt wurden, wiederfinden, zeichnet er ein erstes Bild der Landeshauptstadt. In dieser Reihenfolge.

Vieles ist bekannt, nur wenige Fakten sind neu

 

Wenn es um Hannover und Niedersachsen geht, darf der ehemalige Ministerpräsident Ernst Albrecht nicht fehlen. Der Vater der heutigen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat das Land 14 Jahre lang regiert. Sein Name wird sowohl mit positiven Ereignissen wie der Aufnahme von 1.000 vietnamesischen Flüchtlingen als erstes Bundesland wie auch mit mindestens seltsamen Vorgängen in Verbindung gebracht: Die Entscheidung, den Salzstock Gorleben in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Grenze zu einem atomaren Zwischenlager zu machen, war aus einem politischen Kalkül heraus getroffen worden und rief auf beiden Seiten der Mauer Proteste hervor. Zu den spektakulären Aktionen der Regierung Albrecht zählte das "Celler Loch": Mittels eines fingierten Anschlags wurde ein Loch in die Mauer des Hochsicherheitsgefängnisses Celle gesprengt, um V-Leute in die Rote Armee Fraktion (RAF) einzuschleusen. Die Hintergründe dieser 1978 durchgeführten Aktion wurden erst 1986 durch einen Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung aufgedeckt. Der Verfasser bekam dafür den Wächterpreis der deutschen Tagespresse.

Selbstverständlich kommt auch der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident und Ex-Kanzler Gerhard Schröder nicht zu kurz. Seinem Leben hat Hachmeister bis zum Jahr 2015 hinterhergeforscht, sodass auch die Trennung von seiner vierten Ehefrau Doris Schröder-Köpf nicht unerwähnt bleibt. Auch die Promi-Szene um Schröder wird näher ausgeleuchtet: Da ist der mit Finanzgeschäften sein Geld verdienende Carsten Maschmeyer, der in Hannover bekannte Rechtsanwalt Götz von Fromberg, mit dem Schröder lange Zeit eine Anwaltssozietät betrieb, Dirk Roßmann, Klaus Meine von den Scorpions oder der frühere TUI-Chef Michael Frenzel. Das Schlagwort "Frogs" wird im Buch immer wieder genannt: "Friends of Gerhard Schröder". Diese Wortschöpfung ist mir innerhalb Hannovers noch nicht begegnet, scheint aber in der Presse herumgereicht zu werden.

Christian Wulff wird ebenfalls viel Raum gewidmet. Sein Aufstieg vom Ministerpräsidenten zum Bundespräsidenten und sein freier Fall nach dem Rücktritt von diesem Amt wird noch einmal in allen Einzelheiten in Erinnerung gerufen.

Hannover als früheres Nazi-Nest?

 

Lutz Hachmeisters Recherchen haben ergeben, dass sich zahlreiche frühere NS-Größen nach dem Krieg in Hannover getummelt und rasch neue Positionen gefunden hatten. Der Hauptgrund war in vielen Fällen, dass diese Leute über Kompetenzen verfügten, die damals gebraucht wurden. So handhabte es beispielsweise auch der Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht, der sein Amt in Hannover von 1948 bis 1975 inne hatte. Er hatte die damals als fortschrittlich geltende Vision einer autogerechten Stadt, die er mithilfe von Konstanty Gutschow, einem Architekten mit einem Faible für Monumentalbauwerke, der als treues NSDAP-Mitglied mit dem Ausbau der Stadt Hamburg zur "Führerstadt" betraut gewesen war, umsetzen wollte.
Auch der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein kommt bei Hachmeister nicht besonders gut weg. Er stellt dar, dass der Journalist 1949 eine ganze Reihe seiner Mitarbeiter aus der Reichskriminalpolizei und dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) rekrutiert hatte. Sie waren unter Augstein die Autoren wilder Artikel rund um den NS-Untergrund und jüdische "Displaced Persons", die durchgängig als Denunzianten, Hehler und Schmuggler dargestellt wurden.

Wie war's?

 

Für Leser, die sich mit der Stadt Hannover bislang noch nicht beschäftigt haben, ist Hannover - ein deutsches Machtzentrum ein guter Einstieg. Einheimischen dürften die meisten Dinge im Großen und Ganzen bekannt sein. Etwas ermüdend finde ich die bei manchen Personen akribische Schilderung ihres Lebenslaufs. Wo ist der Zusammenhang zum Buchtitel und dem Auf und Ab von Gerhard Schröders Ehen? Welchen Erkenntnisgewinn hat hier die Beschreibung der hannöverschen Bands Scorpions und Fury in the Slaughterhouse? Der Autor hat offensichtlich einen anderen Musikgeschmack, denn er hat für beide nur Spott übrig. Angesichts von in beiden Fällen jahrzehntelangen Karrieren ist das etwas unangemessen.
Trotz aller Akribie bei der Zusammenstellung von Lebensläufen kommt es jedoch hin und wieder vor, dass es Hachmeister dann doch nicht so genau nimmt. So wird z. B. Gerhard Schröder der Erwerb des akademischen Grades des Diplom-Juristen im Jahr 1974 zugesprochen, den es in den alten Bundesländern allerdings erst seit 2001 gibt. 
Hannover - ein deutsches Machtzentrum hätte ein spannenderes Buch werden können, wenn sich sein Autor an den selbstgewählten Titel gehalten hätte. Hier entstand aber immer wieder der Eindruck, dass zahlreiche Informationen nur deshalb gegeben wurden, um das Manuskript auf Buchstärke anschwellen zu lasen. Oder interessiert es ernsthaft jemanden, dass Gerhard Schröders Treffen mit Thomas Middelhoff (Ex-Bertelsmann- und Ex-Arcandor-Chef), Rolf-E. Breuer (Ex-Vorstandssprecher und ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank) und Erich Schumann (damals Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe) im jetzt geschlossenen Restaurant "Gaststätte Fritz Wichmann" 2002 im Stadtteil Döhren stattgefunden hat? Dass trotz dieser übertriebenen und überflüssigen Genauigkeit der angegebene Straßenname falsch ist, kann man fast überlesen.
Andere Machtmenschen werden im Buch schlicht ignoriert: Utz Claassen, ehemaliger Chef von EnBW und Solar Millennium, ist gebürtiger Hannoveraner, hat dort studiert und war Kurzzeit-Präsident des Fußballclubs Hannover 96. Auch der Einfluss des Keksfabrikanten Werner Michael Bahlsen sollte nicht unterschätzt werden: Der erfolgreiche Unternehmer ist seit 2015 Vorsitzender des Wirtschaftsrates der CDU e. V. und beeinflusst so die Wirtschaftspolitik der CDU.
Zu einem wirklich guten Sachbuch hätte letztendlich mehr Objektivität und ein Fokus auf die wesentlichen Informationen gehört. Diesen Anspruch kann Hannover - ein deutsches Machtzentrum leider nicht erfüllen. 

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. Es ist bei der Deutsche Verlags-Anstalt erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 15,99 Euro.