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Samstag, 18. Februar 2023

# 382 - Ein Filmfestival wird zur tödlichen Veranstaltung

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist der sechste
Band einer Krimi-Reihe, in der die Schriftstellerin Margarete von Schwarzkopf ihre Hauptfigur, die Kunsthistorikerin Anna Bentorp, als Laien-Ermittlerin tätig werden lässt.

Anna hat ein untrügliches Gespür dafür, wenn an einer Sache etwas faul ist. Freunde nennen sie deshalb "Miss Marple". Sie ist aber auch ein großer Filmfan, und als ihre Freundin Marianne sie einlädt, als Jurymitglied an einem exklusiven Filmfestival im beschaulichen Eifel-Dorf Angerrath teilzunehmen, das sie gemeinsam mit ihrem Mann auf die Beine gestellt hat, nimmt Anna das Angebot gern an.

Die Jury soll zwar aus aktuellen Filmen die Sieger auswählen, doch der eigentliche Leckerbissen der Veranstaltung ist etwas für eingefleischte Cineasten: Die Tochter des jüdischen Regisseurs Leopold Welfenstein, der 1937 unter ungeklärten Umständen in einem Londoner Filmstudio ums Leben kam, wird aus den USA anreisen und ein Fragment des verschollenen letzten Films ihres Vaters im Gepäck haben. Die Kinowelt ist sich darin einig, dass Welfenstein einer der besten Filmemacher seiner Zeit war, und so sollen auch seine bekannten Werke in Angerrath gezeigt werden.

In dem dem kleinen Ort findet sich ein Publikum ein, das sich die Welt des Films zu eigen gemacht hat: Vom wohlhabenden Sammler von Kinodevotionalien bis zum Betreiber eines kleinen, aber feinen Filmmuseums ist eine bunte Gästemischung vor Ort.

Doch der Frieden soll nicht lange dauern. Ein Filmjournalist, der nicht nur in Angerrath als Querulant von sich reden gemacht hat, wird überfallen und schwer verletzt. Dann verschwindet der Filmstreifen aus dem Zimmer von Welfensteins Tochter. Anna vermutet, dass es einen Zusammenhang mit dem Tod des Regisseurs vor über achtzig Jahren gibt. Ihre Ahnung wird durch weitere Todesfälle untermauert, die im Zusammenhang mit dem verschwundenen Film zu stehen scheinen.

Der Krimi blickt immer wieder in die Zeit der 1930-er Jahre zurück. Während Chief Inspector Howell nicht daran zweifelt, dass sich Welfenstein umgebracht hat, ist sich sein Assistent Kinley da nicht so sicher. Trotz des Verbots seines Vorgesetzten, sich um die Angelegenheit zu kümmern, ermittelt der junge Polizist auf eigene Faust weiter. Im Mittelpunkt seiner Nachforschungen steht dabei die damals sehr einflussreiche Familie Carr, die um jeden Preis die Veröffentlichung von Welfensteins Film verhindern will, obwohl dieser ihn auf deren Wunsch bereits stark verfremdet hat. Was haben die Carrs zu verbergen und wie kommt es, dass sich in ihrer Familie die Todesfälle im Jahr 1900 häufen? Und waren die Unfälle, die weitere Menschen aus Welfensteins Umfeld das Leben kosteten, tatsächlich nur Unglücke oder steckten dahinter eiskalt geplante Morde?

Lesen?

In Das Geheimnis des dunklen Hauses lässt Margarete von Schwarzkopf ihre Protagonisten nicht nur wegen zahlreicher Mordfälle ermitteln, sondern wirft auch einen Blick in die deutsche Geschichte der 1930-er und 1940-er Jahre, als Menschen aus Angst vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten Deutschland verließen. Darunter waren zahlreiche jüdische Künstler und Wissenschaftler. In ihrem Buch sind Fiktion und Elemente aus dem eigenen Leben der Autorin und Journalistin miteinander verwoben und ergeben ein spannendes und stimmiges Gesamtwerk. Wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann wären es die zahlreichen Personen, die die Handlung beeinflussen und manchmal für etwas Unübersichtlichkeit sorgen.

Das Geheimnis des dunklen Hauses ist 2022 im Emons Verlag erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 15 Euro.

Samstag, 26. Januar 2019

Eine Lesung mit Takis Würger

Ja, der Mann heißt tatsächlich so. Wer immer mal wieder einen Blick in die Bestsellerlisten wirft, der hat sicher auch im Frühling 2017 gesehen, dass sein Debütroman Der Club nahezu kritiklos die Feuilletons passiert hat und sich Autor und Verlag über sehr gute Verkaufszahlen freuen konnten.

Etwas wie "Auf einem Bein steht man schlecht" scheint sich Würger vielleicht gedacht zu haben, denn am 11. Januar 2019 ist bereits sein zweites Buch erschienen: Stella, ein Roman, der sich auf fiktive Weise um die Jüdin Stella Goldschlag rankt, die es tatsächlich gegeben hat. Stella hat den Versprechungen der Nazis geglaubt, dass diese ihre Eltern von der Deportation ins KZ verschonen würden, wenn sie dafür untergetauchte Juden verriete. Würger siedelt die Handlung im Jahr 1942 an. Eine weitere wichtige Person ist der 19-jährige Friedrich, den es zu dieser Zeit aus dem schweizerischen Dorf Choulex am Genfer See nach Berlin zieht. Friedrich verliebt sich in Stella, die sich Kristin nennt und ihm ihre wahre Identität erst später verrät. Seine Mutter, die aus Deutschland stammte, hatte ihm schon als Kind vermittelt, dass sie von Juden nichts hält. Der Autor erzählt auch, dass Friedrich im Alter von sieben Jahren für ein geringes Vergehen von einem Kutscher mit einem Ambosshorn so schwer verletzt wurde, dass seine rechte Gesichtshälfte für den Rest seines Lebens entstellt war. Der Kutscher sprach schwer verständliches Urnerdeutsch, was in der Gegend um den Genfer See nicht sehr geläufig war.

Eine Freundin fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, sie
©: Christian A. Schröder/Lizenz: siehe unten
zu einer Lesung, bei der es um Stella gehen sollte, zu begleiten. Der zunächst dafür vorgesehene Veranstaltungsort - eine Kirche in Hannover - erwies sich aufgrund der großen Kartennachfrage schnell als zu klein. Der Veranstalter, ein bekannter hannöverscher Buchhändler, gab dem Autor in einem Theater eine größere Bühne: Alle 630 Plätze waren ausverkauft. Eine sehr gute Gelegenheit, ein Buch noch bekannter zu machen. Doch was das Publikum bekam, war ein Interview, das die Autorin und Moderatorin Margarete von Schwarzkopf mit Takis Würger führte, und nur ein kleines bisschen Lesung. Drei Mal hat Würger sein Buch aufgeschlagen und jeweils für zwei oder drei Minuten Passagen daraus vorgetragen.


Vermutlich hatten die meisten Menschen im Saal mitbekommen, dass die Buchkritiker eimerweise Jauche über dem Roman ausgeschüttet hatten. Die um eine positive Atmosphäre bemühte von Schwarzkopf betonte dann auch zu Beginn, dass ja die Kritik nicht immer erfreulich ausgefallen sei, aber man sich doch lieber selbst ein Urteil bilden solle, nachdem man das Buch gelesen habe. Na ja, mein guter Wille, das zu tun, war zu diesem Zeitpunkt noch da. Doch dann ging es schon früh etwas seltsam weiter: Frau von Schwarzkopf fragte Würger, wie er denn auf den Ort Choulex als Friedrichs Heimatdorf gekommen sei. Seine Antwort: Er habe ein bisschen bei Google Maps geguckt, welcher Ortsname sich gut anhört, und dieser habe ihm gut gefallen. Aha.
Wenige Minuten später wurde dem Autor die nächste Frage gestellt, auf die er offenbar nicht vorbereitet war: Wie hört sich eigentlich Urnerdeutsch an und was macht es für andere Schweizer so schwer verständlich? Würger räumte nun ein, selbst keine Ahnung zu haben, worum es sich bei diesem Dialekt genau handele und auch nicht, wie er klingt. Ein Herr eine Reihe vor mir schüttelte missbilligend den Kopf, meine optimistische Grundhaltung verdüsterte sich.

Im weiteren Verlauf des Abends habe ich gelernt, dass Würger reichlich Aktenstudium betrieben und Museen besucht hat, um möglichst viel über Stella Goldschlag herauszufinden, sich beim Schreiben von ihrer Person jedoch wieder gelöst hat, da er ja einen fiktionalen Roman verfassen wollte. Soso. Wie es dazu passt, dass sich auf dem Buchcover ein Porträtfoto der tatsächlichen Stella findet, erschließt sich mir nicht.

Immer wieder hatte ich den Eindruck, dass Margarete von Schwarzkopf und Takis Würger sich nicht ausreichend auf diesen Abend vorbereitet hatten. Auf manche Fragen folgten sekundenlange Pausen, in denen Würger sich eine passende Antwort überlegte oder sich ständig mit "Ähs" behalf. Meine Freundin raunte mir einmal zu: "Wenn da noch mehr Ähs kommen, verliere ich den Faden." Sie hatte recht, diese Unsicherheiten gab es deutlich zu oft. Aber warum? Takis Würger kennt die Situation schon von der Lesereise für Der Club, der Temin in Hannover für Stella war bereits der fünfte, danach sind noch 42 weitere geplant. Waren die vielen Zuschauer ungewohnt? Das ist möglich, aber ich hatte gerade von einem gelernten Journalisten (Würger ist Redakteur beim SPIEGEL) mehr Professionalität erwartet.

Die Chancen, dass ich Stella kaufen werde, stehen jetzt eher schlecht. Das Konzept, das in Würgers Buch mündete, machte auf mich einen unausgegorenen Eindruck. 



Foto Schauspielhaus Hannover: Lizenz unter https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de. Es wurden keine Veränderungen vorgenommen.

Sonntag, 18. November 2018

Statt einer Rezension: So war's auf der Buchlust 2018



Kennt Ihr die Buchlust in Hannover? Das ist eine kleine Buchmesse, die jedes Jahr im Künstlerhaus in Hannover stattfindet und auf der sich unabhängige Verlage präsentieren. In diesem Jahr hatte die Buchlust ihr 25-jähriges Jubiläum, und passend dazu waren 25 Verlage vor Ort.

Ich war dieses und letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse und 2017 auf der Leipziger Buchmesse. Auch, wenn die unabhängigen Verlage dort in einem separaten Bereich untergebracht sind, stehen sie in unmittelbarer Konkurrenz zu den großen Publikumsverlagen. Die meisten Besucher steuern zunächst deren Stände an und gucken bei den kleinen Unabhängigen nur dann vorbei, wenn sie noch ein bisschen Zeit übrig haben. Das ist sehr schade, weil sich unabhängige Verlage gern um Buchprojekte abseits des Mainstreams kümmern.

Dieser Konkurrenz müssen sich die Unabhängigen auf der Buchlust nicht aussetzen. Dort kommt man mit kompetentem Standpersonal ins Gespräch und kann in Ruhe stöbern.
Immer wieder habe ich mein Smartphone gezückt und Fotos der Bücher gemacht, die mich interessiert haben. Ich werde versuchen, sie Euch nach und nach vorzustellen. Hier ist meine "Ausbeute":


Mit diesem Buch liebäugele ich schon eine ganze Weile. Spätestens, seit diese Graphic Novel zu den zehn Gewinnern der Hotlist 2017 gehörte, war mein Interesse geweckt.













Was kann man anderes über dieses Buch sagen als "Toll!", wenn man sich diese Bilder ansieht?








Dieses Foto ist leider etwas verwackelt, aber es geht in diesem Buch um einen Prozess gegen eine Ärztin, der über Jahre hinweg den Raum Hannover beschäftigt hat. Dr. Mechthild Bach war viele Jahre niedergelassene Internistin und hatte Belegbetten in einem Krankenhaus bei Hannover. Eines Tages wurde sie von ehemaligem Krankenhauspersonal angezeigt: Sie sollte für den Tod von mehreren Patienten verantwortlich sein. Sie wurde wegen Mordes angeklagt und hat immer gesagt, sie würde auf keinen Fall eine Haft antreten. Das hat sie auch nicht, da sie ihrem Leben ein Ende setzte, bevor es soweit kommen  konnte. Alle, die sie als Patienten, Angehörige oder Freunde kannten, waren sich sicher, dass an den Vorwürfen gegen sie nichts dran war. Sie wurde durchgehend als kompetent und engagiert bezeichnet. Ein Gerichtsverfahren, das es wirklich in sich hatte.

Die weiteren Favoriten, nachdem ich ein bisschen in ihnen gelesen hatte:














  





Bei der nächsten Buchlust bin ich sicher wieder dabei.

Hier habe ich weitere Eindrücke von dieser Buchmesse geschildert, die die Atmosphäre dort beschreiben und auch erzählt, was mir besonders aufgefallen ist.



Samstag, 13. Januar 2018

Gewonnen! Zwei spannende Bücher von Ina Kloppmann

Wenn der Postmann zweimal klingelt...

 

Okay, einmal klingeln hat gereicht: Heute habe ich meinen Gewinn einer Verlosung der Online-Zeitschrift Leineblitz.de erhalten. Verlost wurde Hassliebe, der neueste Krimi der hannoverschen Autorin Ina Kloppmann, aber bekommen habe ich sogar zwei Bücher: Ina hat mir zusätzlich noch die Doppelausgabe ihrer beiden vorangegangenen Krimis Bereue und Anders ins Paket gelegt.  
Ina, ich habe mich total gefreut und bedanke mich sehr herzlich! 


 


Hassliebe spielt sogar zum Teil in meinem Wohnort Hemmingen bei Hannover, was es für mich natürlich noch interessanter macht. Eines ist klar: Sobald ich die Bücher gelesen habe, melde ich mich an dieser Stelle wieder.




Rathaus von Hannover

Dienstag, 21. November 2017

# 125 - Hannovers historisches Gruseln

"Warte, warte nur ein Weilchen,..."

 

Ich habe mal wieder in den Tiefen meiner Bücherregale gekramt und dabei ist mir dieses Buch in die Hände gefallen: Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs aus dem Jahr 1989, recherchiert und beobachtet von Theodor Lessing.
Fast jeder, der in oder um Hannover zu Hause ist, kennt den Refrain eines Liedes, dessen Anfang in der Überschrift steht, und viele wissen auch, wie es weitergeht: "...bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Hackefleisch aus dir." Fast jede Gegend hat "so Einen": einen Serienmörder, der auch noch lange nach seinem Tod bei den Menschen, die von seinen Taten wissen, ein Schaudern hervorruft. In Brandenburg war es Willi Kimmritz, in München Johann Eichhorn, in Frankfurt Arthur Gatter und in Hannover Friedrich „Fritz“ Heinrich Karl Haarmann. In einem Schauprozess vor dem Schwurgericht Hannover wurden seine Taten 1924 verhandelt. Der jüdische Philosoph, Psychologe und damalige Hochschulprofessor Theodor Lessing hat so lange dem Prozess beigewohnt und ihn protokolliert, bis man ihn wegen seiner öffentlich geäußerten Kritik an dem Verfahren ausschloss.

Ein einziges staatliches Versagen

 

Lessing beobachtete das Geschehen im Gericht damals sehr genau und hatte etliche Dinge an den Ermittlungen und dem Strafverfahren gegen den Serienmörder Haarmann auszusetzen. Zwischen 1918 und 1924 hatte Haarmann mindestens 24 Jungen und junge Männer auf grausame Weise umgebracht, die Toten zerteilt und ihr Fleisch an Marktbeschicker verkauft. Sehr wahrscheinlich hat es noch mehr Opfer gegeben, aber nur diese konnten ihm zweifelsfrei zugeordnet werden. Haarmann konnte fast unbehelligt agieren, weil die Polizei nicht auf ihn aufmerksam wurde: Als ihr Spitzel betrachtete sie ihn fast als einen der ihren. Erschwerend kam hinzu, dass die Kriminalpolizei in Hannover damals deutlich unterbesetzt und personell gar nicht in der Lage war, bei jeder Vermisstenmeldung aktiv zu werden. Der Großteil der gefundenen Spuren stammte deshalb auch von den Angehörigen der Vermissten, die sich selbst auf die Suche gemacht hatten, oder von Privatdetektiven.
Haarmanns "Jagdrevier" war der Hauptbahnhof, zu dem er quasi als Mitarbeiter der Polizei Tag und Nacht ungehindert Zugang hatte und nicht wie die Reisenden eine Fahrkarte benötigte. Er hat sich seine Kenntnisse der Polizeistrukturen zunutze gemacht und hatte Zugang zu verschiedenen Informationskanälen. 

Ach, wer braucht schon unabhängige Gutachter...

 

Lessing machte sich bei Gericht als Prozessbeobachter nachhaltig unbeliebt, als er den Finger in die Wunden legte und erläuterte, welche Gutachter maßgeblich zum Verfahrensverlauf beigetragen haben. Darunter fand sich ein Gerichtsmedizinalrat, der Haarmann Jahre zuvor für geistig gesund erklärt hatte; ein weiterer Gerichtsmedizinalrat, der das bei Haarmann gefundene Menschenfleisch nach kurzer Untersuchung als Schweinefleisch klassifizierte; nicht zuletzt ein Geheimer Medizinalrat, der sich zunächst alle früheren Gutachten ansah, bevor er sich ein eigenes Urteil bildete.  
Lessing kritisierte auch den Umstand, dass Haarmanns Geständnisse erst durch den Druck der Polizei während der Vernehmungen zustande gekommen waren. Er legte im Gegensatz zum Gericht auch Wert darauf, sich Haarmanns Lebensweg näher anzusehen.
Letzlich lag dem Gericht nur daran, den Prozess schnell voranzutreiben und die Nachlässigkeiten bei den Ermittlungen zu vertuschen. Doch Lessings stärkster Vorwurf an das Gericht betrifft dessen Urteil gegen Haarmanns früheren Freund Hans Grans, das er als Justizmord bezeichnet.

Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs ist in der Sammlung Luchterhand herausgegeben worden und enthält neben Lessings Prozessbeobachtungen auch kurze Schilderungen anderer Mordfälle, die von Serientätern verübt wurden, sowie einige historische Fotos. Es ist ein sehr interessanter Blick in eine Zeit, von der man beim Lesen meinen könnte, dass sie nicht rd. 90 Jahre, sondern schon viel länger zurückliegt. Lessings Aufzeichnungen sind derzeit z. B. beim Verlag Projekt Gutenberg-De erhältlich. Die mir vorliegende Ausgabe gibt es nur noch antiquarisch.

Über Theodor Lessing

Theodor Lessing hat aus seinen Ansichten keinen Hehl gemacht und zog nach dem Haarmann-Prozess auch mit seinen kritischen Gedanken über eine mögliche Präsidentschaft Hindenburgs den Unmut der konservativen Kreise auf sich. Dieser Unmut steigerte sich auf Betreiben der Nationalsozialisten zu Hass, sodass Lessing im März 1933 nach Prag floh. Er ließ sich mit seiner Frau in Marienbad nieder, wo er im August 1933 erschossen wurde, nachdem in tschechoslowakischen Zeitungen ein von Reichspropagandaminister Goebbels ausgesetztes Kopfgeld von 80.000 Reichsmark ausgeschrieben worden war. 

Freitag, 27. Januar 2017

# 85 - Hoch die Tassen: Der SPIEGEL ist 70


Eine der meistgehassten Zeitschriften ist 70


Am 4. Januar 1947 wurde in Hannover eine neue Wochenzeitschrift aus der Taufe gehoben: Der nur 23 Jahre alte Rudolf Augstein wurde von drei britischen Offizieren der Militärregierung damit beauftragt, ein Nachrichtenmagazin nach dem Vorbild der britischen „News Review“ herauszubringen. Augstein fiel zunächst kein passender Name ein, aber sein Vater hatte spontan die richtige Idee: DER SPIEGEL.

Eine Woche nach seinem runden Geburtstag erschien am 11. Januar 2017 das Buch zum Jubiläum: 70 – Der Spiegel 1947–2017, herausgegeben vom aktuellen Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Konrad Adenauer bezeichnete den SPIEGEL als „Schmierblatt“, Willy Brandt schimpfte „Scheißblatt“ und Herbert Wehner war sogar der Meinung „Ein Blatt, weiter gar nichts“. Deutlich selbstbewusster ging Franz Josef Strauß mit dem Nachrichtenmagazin um, zumal ihn mit Rudolf Augstein eine gut gehegte und gepflegte Hassliebe verband: Dem Zitat „Was wäre der SPIEGEL ohne mich?“ ist nichts hinzuzufügen.

Die erste Botschaft bereits im Vorwort


Bevor überhaupt auf die Geschichte eines der ältesten Wochenblätter Deutschlands zurückgeschaut wird, erinnert sich Brinkbäumer in seinem Vorwort an den 4. November 2008. An diesem Tag gewann mit Barack Obama der erste afroamerikanische Kandidat die Wahl um das Amt des Präsidenten der USA. Brinkbäumer beschreibt, welche Hoffnungen sich damals mit Obamas Sieg verbunden hatten. „Yes, we can“ wurde zu einem Slogan, der um die Welt ging. Acht Jahre später wendete sich mit dem Sieg von Donald Trump das Blatt: Unter der massiven Zuhilfenahme von Twitter und Facebook gelang es ihm, seine demokratische Gegenkandidatin Hillary Clinton auszustechen, obwohl er sich eine soziale Grenzüberschreitung nach der anderen geleistet hatte. „Postfaktisch“ wurde danach zu einem neuen Schlagwort, dessen Bedeutung sich am einfachsten mit „nur auf Gefühlen, aber nicht auf Fakten beruhend“ übersetzen lässt. Brinkbäumer versteht den SPIEGEL wie schon zu Zeiten seiner Gründung als ein Medium, das die Dinge als das benennt, was sie sind: Rassisten sollen als solche bezeichnet werden, das gleiche gilt für Lügen. Ein hehrer Anspruch, der die Redaktion in den vergangenen 70 Jahren vor immer neue Herausforderungen gestellt hat.


Deutsche Geschichte spannend erzählt


70 - DER SPIEGEL 1947-2017 ist in sieben Abschnitte aufgeteilt, für jede Dekade einer. Auf einer Doppelseite werden zunächst die 32 besten Cover des Jahrzehnts abgebildet. Die Gründungsnummer 1 aus dem Jahr 1947 zeigte eine Person, die schon damals kaum bekannt war und heute völlig vergessen ist: Es ging im Heft um das Ziel Österreichs, künftig nicht mehr in vier Besatzungszonen aufgeteilt zu sein und staatlich souverän zu werden. Das Foto zeigte den Gesandten Österreichs Dr. Ludwig Kleinwächter, der im Augenblick der Aufnahme vor dem Weißen Haus seinen Hut zieht. Das Foto wird vielen bekannt vorkommen, die Geschichte dahinter wohl eher nicht.

Ähnlich ist es auch, wenn man weiter durch dieses Buch blättert: Es enthält neben zahlreichen Fotos von wichtigen oder bekannten Szenen oder Persönlichkeiten sehr umfangreiche Texte zu einzelnen Themen, die zum jeweiligen Zeitpunkt in aller Munde waren. Viele davon sind im Laufe der Zeit in den Hintergrund gerückt oder schlicht vergessen worden. Andere sind in der Erinnerung so präsent, als seien sie erst gestern passiert. 70 - DER SPIEGEL 1947-2017 gehört nicht zu den Büchern, die man von vorne bis hinten durchliest. Es ist eher ein sehr anschaulich und lebendig geschriebenes Geschichtsbuch, das auch für diejenigen interessant sein dürfte, die normalerweise keine SPIEGEL-Leser sind. Klaus Brinkbäumer hat für die Texte keine alten Artikel wieder „aufgewärmt“, sondern zu jedem ausgewählten Thema einen neuen Text geschrieben. Die Redaktion hatte sich für diese Art der Darstellung entschieden, weil der Abdruck einzelner Artikel oft aus dem Zusammenhang gerissen wirken kann und sich im Einzelfall der Sinn dahinter nicht erschließen würde. In den neu verfassten Texten wird berichtet, erklärt und auch ein Blick auf die eigenen Fehler geworfen. Immer wieder finden sich jedoch auch Artikel, die von Personen stammen, die sich über den SPIEGEL nicht immer gefreut haben. So hat zum Beispiel Willy Brandt, der zur Beisetzung des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy nach Washington gereist war, über sein letztes Gespräch mit dessen Witwe berichtet.

70 – Der Spiegel 1947–2017 ist ein wichtiges Zeitdokument, was auch gewichtig daherkommt: Mit mehr als 1,8 kg Gewicht hat es eindeutig kein Handtaschenformat mehr.


Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. 70 – Der Spiegel 1947–2017 ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet 34,99 Euro.

Freitag, 30. September 2016

# 69 - Politik, Geschäfte, Macht - Hannover

Was macht die niedersächsische Landeshauptstadt aus?

 

An diesem Buch kam ich nicht vorbei: Ich stamme aus einer Stadt am Nordrand Hannovers und lebe jetzt seit mehr als 20 Jahren in einer Kleinstadt, die an die Südgrenze der Stadt grenzt, die Lutz Hachmeister als Hannover - ein deutsches Machtzentrum bezeichnet. Auf knapp 340 Seiten widmet er sich der Frage, was eigentlich dran ist am sogenannten "Hannover-Mythos": Werden von hier aus tatsächlich im Verborgenen die Strippen gezogen, die letztendlich sogar die Bundespolitik beeinflussen?

Wodurch wird eine Stadt mächtig?

 

Hachmeister spürt den hannöverschen Machtbestrebungen nach und sieht sich dabei die Werdegänge von unterschiedlichen Persönlichkeiten an, die mit Hannover in Verbindung gebracht werden. Das reicht von Rudolf Augstein, der die Wochenzeitschrift DER SPIEGEL in Hannover gegründet hat, über Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel, Christian Wulff, den Scorpions und Fury in the Slaughterhouse bis hin zu den Hell's Angels mit dem früheren Chef des Hannover-Chapters Frank Hanebuth.

Hannover leidet darunter, von außen betrachtet als spießig und provinziell angesehen zu werden. Das liest man immer wieder, und das behauptet auch Lutz Hachmeister. Da stellt sich natürlich fast automatisch die Frage: Kann eine Stadt, die angeblich als ein Hort des Mittelmaßes und  als Musterbeispiel der Unauffälligkeit verschrieen ist, in der Lage sein, nicht nur die Geschicke Niedersachsens, sondern sogar Deutschlands zu beeinflussen?

Hachmeister fackelt nicht lange und kommt nach einem kurzen historischen Rückblick auf das Geschlecht der Welfen und die Verbindungen zum englischen Königshaus dann auch flott in der jüngeren Geschichte der Stadt an der Leine an: Mit der fatalen Alkoholfahrt der früheren Bischöfin Margot Käßmann, dem Leben von Paul von Hindenburg als Ruheständler in Hannover, Theodor Lessing, Kurt Schumacher mit seinem "Büro  Dr. Schumacher", das als "Gründungszelle der westdeutschen Sozialdemokratie" nach dem 2. Weltkrieg gilt und einem "Rundumschlag", in dem sich markante Orte in Hannover und längst verstorbene Prominente, die hier beeerdigt wurden, wiederfinden, zeichnet er ein erstes Bild der Landeshauptstadt. In dieser Reihenfolge.

Vieles ist bekannt, nur wenige Fakten sind neu

 

Wenn es um Hannover und Niedersachsen geht, darf der ehemalige Ministerpräsident Ernst Albrecht nicht fehlen. Der Vater der heutigen Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat das Land 14 Jahre lang regiert. Sein Name wird sowohl mit positiven Ereignissen wie der Aufnahme von 1.000 vietnamesischen Flüchtlingen als erstes Bundesland wie auch mit mindestens seltsamen Vorgängen in Verbindung gebracht: Die Entscheidung, den Salzstock Gorleben in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Grenze zu einem atomaren Zwischenlager zu machen, war aus einem politischen Kalkül heraus getroffen worden und rief auf beiden Seiten der Mauer Proteste hervor. Zu den spektakulären Aktionen der Regierung Albrecht zählte das "Celler Loch": Mittels eines fingierten Anschlags wurde ein Loch in die Mauer des Hochsicherheitsgefängnisses Celle gesprengt, um V-Leute in die Rote Armee Fraktion (RAF) einzuschleusen. Die Hintergründe dieser 1978 durchgeführten Aktion wurden erst 1986 durch einen Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung aufgedeckt. Der Verfasser bekam dafür den Wächterpreis der deutschen Tagespresse.

Selbstverständlich kommt auch der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident und Ex-Kanzler Gerhard Schröder nicht zu kurz. Seinem Leben hat Hachmeister bis zum Jahr 2015 hinterhergeforscht, sodass auch die Trennung von seiner vierten Ehefrau Doris Schröder-Köpf nicht unerwähnt bleibt. Auch die Promi-Szene um Schröder wird näher ausgeleuchtet: Da ist der mit Finanzgeschäften sein Geld verdienende Carsten Maschmeyer, der in Hannover bekannte Rechtsanwalt Götz von Fromberg, mit dem Schröder lange Zeit eine Anwaltssozietät betrieb, Dirk Roßmann, Klaus Meine von den Scorpions oder der frühere TUI-Chef Michael Frenzel. Das Schlagwort "Frogs" wird im Buch immer wieder genannt: "Friends of Gerhard Schröder". Diese Wortschöpfung ist mir innerhalb Hannovers noch nicht begegnet, scheint aber in der Presse herumgereicht zu werden.

Christian Wulff wird ebenfalls viel Raum gewidmet. Sein Aufstieg vom Ministerpräsidenten zum Bundespräsidenten und sein freier Fall nach dem Rücktritt von diesem Amt wird noch einmal in allen Einzelheiten in Erinnerung gerufen.

Hannover als früheres Nazi-Nest?

 

Lutz Hachmeisters Recherchen haben ergeben, dass sich zahlreiche frühere NS-Größen nach dem Krieg in Hannover getummelt und rasch neue Positionen gefunden hatten. Der Hauptgrund war in vielen Fällen, dass diese Leute über Kompetenzen verfügten, die damals gebraucht wurden. So handhabte es beispielsweise auch der Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht, der sein Amt in Hannover von 1948 bis 1975 inne hatte. Er hatte die damals als fortschrittlich geltende Vision einer autogerechten Stadt, die er mithilfe von Konstanty Gutschow, einem Architekten mit einem Faible für Monumentalbauwerke, der als treues NSDAP-Mitglied mit dem Ausbau der Stadt Hamburg zur "Führerstadt" betraut gewesen war, umsetzen wollte.
Auch der SPIEGEL-Gründer Rudolf Augstein kommt bei Hachmeister nicht besonders gut weg. Er stellt dar, dass der Journalist 1949 eine ganze Reihe seiner Mitarbeiter aus der Reichskriminalpolizei und dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) rekrutiert hatte. Sie waren unter Augstein die Autoren wilder Artikel rund um den NS-Untergrund und jüdische "Displaced Persons", die durchgängig als Denunzianten, Hehler und Schmuggler dargestellt wurden.

Wie war's?

 

Für Leser, die sich mit der Stadt Hannover bislang noch nicht beschäftigt haben, ist Hannover - ein deutsches Machtzentrum ein guter Einstieg. Einheimischen dürften die meisten Dinge im Großen und Ganzen bekannt sein. Etwas ermüdend finde ich die bei manchen Personen akribische Schilderung ihres Lebenslaufs. Wo ist der Zusammenhang zum Buchtitel und dem Auf und Ab von Gerhard Schröders Ehen? Welchen Erkenntnisgewinn hat hier die Beschreibung der hannöverschen Bands Scorpions und Fury in the Slaughterhouse? Der Autor hat offensichtlich einen anderen Musikgeschmack, denn er hat für beide nur Spott übrig. Angesichts von in beiden Fällen jahrzehntelangen Karrieren ist das etwas unangemessen.
Trotz aller Akribie bei der Zusammenstellung von Lebensläufen kommt es jedoch hin und wieder vor, dass es Hachmeister dann doch nicht so genau nimmt. So wird z. B. Gerhard Schröder der Erwerb des akademischen Grades des Diplom-Juristen im Jahr 1974 zugesprochen, den es in den alten Bundesländern allerdings erst seit 2001 gibt. 
Hannover - ein deutsches Machtzentrum hätte ein spannenderes Buch werden können, wenn sich sein Autor an den selbstgewählten Titel gehalten hätte. Hier entstand aber immer wieder der Eindruck, dass zahlreiche Informationen nur deshalb gegeben wurden, um das Manuskript auf Buchstärke anschwellen zu lasen. Oder interessiert es ernsthaft jemanden, dass Gerhard Schröders Treffen mit Thomas Middelhoff (Ex-Bertelsmann- und Ex-Arcandor-Chef), Rolf-E. Breuer (Ex-Vorstandssprecher und ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank) und Erich Schumann (damals Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe) im jetzt geschlossenen Restaurant "Gaststätte Fritz Wichmann" 2002 im Stadtteil Döhren stattgefunden hat? Dass trotz dieser übertriebenen und überflüssigen Genauigkeit der angegebene Straßenname falsch ist, kann man fast überlesen.
Andere Machtmenschen werden im Buch schlicht ignoriert: Utz Claassen, ehemaliger Chef von EnBW und Solar Millennium, ist gebürtiger Hannoveraner, hat dort studiert und war Kurzzeit-Präsident des Fußballclubs Hannover 96. Auch der Einfluss des Keksfabrikanten Werner Michael Bahlsen sollte nicht unterschätzt werden: Der erfolgreiche Unternehmer ist seit 2015 Vorsitzender des Wirtschaftsrates der CDU e. V. und beeinflusst so die Wirtschaftspolitik der CDU.
Zu einem wirklich guten Sachbuch hätte letztendlich mehr Objektivität und ein Fokus auf die wesentlichen Informationen gehört. Diesen Anspruch kann Hannover - ein deutsches Machtzentrum leider nicht erfüllen. 

Ich bedanke mich beim Bloggerportal, das mir das Buch zur Verfügung gestellt hat. Es ist bei der Deutsche Verlags-Anstalt erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 19,99 Euro sowie als Kindle- oder epub-Edition 15,99 Euro.