Man kennt das: Man sitzt in einem Restaurant und der Blick fällt auf ein Paar im Seniorenalter, das vermutlich sein halbes Leben miteinander verheiratet ist. Doch anstatt die Atmosphäre und das Essen zu genießen, schweigen sich die beiden an und sehen aneinander vorbei. Unwillkürlich denkt man: "Du lieber Himmel, ist das trostlos. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann."
Genau so ein Paar sind Isolde und Bertram aus Oldenburg in Heinz Strunks Roman Memories of Heidelberg. Beide sind eher unauffällig, Bertram wird in einem Jahr pensioniert, Kinder scheinen sie nicht zu haben. Als Isoldes Mutter die Familie zu ihrem 80. Geburtstag einlädt, machen sie sich auf den Weg nach Heidelberg, um mit der Seniorin zu feiern. Doch die alte Dame erkrankt schwer und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Aus dem geplanten einwöchigen Urlaub werden regelmäßige Besuche am Krankenbett.
Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit buchen sie eine Suite in einem sündhaft teuren Hotel mit Blick auf den Neckar. Doch Bertrams Hoffnungen, dass sich der Nobelschuppen positiv auf ihre Beziehung auswirken könnte, werden enttäuscht. Isolde, die schon vor einiger Zeit klargemacht hatte, dass sie mit dem Sex abgeschlossen hat, ist von ihrem Gatten abwechselnd genervt und enttäuscht. Nur selten flackert in ihrem Verhalten eine Andeutung ihrer Zuneigung zu Bertram auf. Doch das sind nur kurze Episoden. Sie genügen allerdings, um Bertrams Hoffnung zu nähren, dass zwischen ihnen alles irgendwann wieder gut wird.
Die frustrierende Ehe hat bei Bertram Spuren hinterlassen: Das Essen ist zu seiner großen Leidenschaft geworden. Je mehr Fleisch auf dem Teller ist, umso besser. Er isst, wann immer sich eine Gelegenheit ergibt. Bertram macht sich nichts vor: Die Fresserei hat sich unübersehbar auf seinen Körperumfang ausgewirkt. Es fällt ihm immer schwerer, seine 120 Kilo zu bewegen.
Man ahnt es: Das Hotel hält nicht ansatzweise, was sich Isolde und Bertram erhofft hatten. Doch sie halten den nicht vorhandenen Service trotz des hohen Preises aus. Sie halten auch den abendlichen Gang auf ein nahe gelegenes Schiffsrestaurant aus, das von einer italienischen Familie betrieben wird. Bewirtung und Atmosphäre werden Abend für Abend schlechter, aber Bertram lässt sich von seiner Frau immer wieder breitschlagen, ein weiteres Mal dort zu essen. Aus einem Lautsprecher plärrt die immer gleiche Schleife aus Italo-Pop, die - wie ein Ausreißer - vom Schlager "Memories of Heidelberg" gekrönt wird; einem Lied, das 1968 von Peggy March gesungen wurde. Die Situation, die von Anfang an belastend war, eskaliert zu einer Katastrophe, als Bertram alles zu viel wird und er beschließt, zum Gegenschlag auszuholen.
Lesen?
Mit Memories of Heidelberg hat es Heinz Strunk ein weiteres Mal geschafft, eine im Grunde ereignisarme Handlung in einen Pageturner zu verwandeln. Der Roman ist mit rd. 110 Seiten (E-Book) zwar kurz, aber schon bald möchte man die Protagonisten am liebsten schütteln und ihnen zurufen: "Himmel nochmal, macht etwas aus eurem Leben!" Statt dessen blättert man um und denkt: "Du lieber Himmel, ist das eine trostlose Ehe. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann." Genau wie beim Anblick solcher Isolde-und-Bertram-Paare im realen Leben.
Strunk lässt jedoch trotz allem keine Resignation aufkommen, sondern beschreibt die Situation mit Empathie und Humor.
Memories of Heidelberg ist zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert.
Der Roman ist 2026 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.
Nachtrag
Wem der exzessive Fleischkonsum und die Affinität zu Schlagern bekannt vorkommt: Beides nimmt in Heinz Strunks erstem Roman Fleisch ist mein Gemüse (2004) seinen Anfang.
