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Sonntag, 23. August 2026

# 515 - Last Exit Heidelberg

Man kennt das: Man sitzt in einem Restaurant und der Blick fällt auf ein Paar im Seniorenalter, das vermutlich sein halbes Leben miteinander verheiratet ist. Doch anstatt die Atmosphäre und das Essen zu genießen, schweigen sich die beiden an und sehen aneinander vorbei. Unwillkürlich denkt man: "Du lieber Himmel, ist das trostlos. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann."

Genau so ein Paar sind Isolde und Bertram aus Oldenburg in Heinz Strunks Roman Memories of Heidelberg. Beide sind eher unauffällig, Bertram wird in einem Jahr pensioniert, Kinder scheinen sie nicht zu haben. Als Isoldes Mutter die Familie zu ihrem 80. Geburtstag einlädt, machen sie sich auf den Weg nach Heidelberg, um mit der Seniorin zu feiern. Doch die alte Dame erkrankt schwer und wird ins Krankenhaus eingeliefert. Aus dem geplanten einwöchigen Urlaub werden regelmäßige Besuche am Krankenbett.

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit buchen sie eine Suite in einem sündhaft teuren Hotel mit Blick auf den Neckar. Doch Bertrams Hoffnungen, dass sich der Nobelschuppen positiv auf ihre Beziehung auswirken könnte, werden enttäuscht. Isolde, die schon vor einiger Zeit klargemacht hatte, dass sie mit dem Sex abgeschlossen hat, ist von ihrem Gatten abwechselnd genervt und enttäuscht. Nur selten flackert in ihrem Verhalten eine Andeutung ihrer Zuneigung zu Bertram auf. Doch das sind nur kurze Episoden. Sie genügen allerdings, um Bertrams Hoffnung zu nähren, dass zwischen ihnen alles irgendwann wieder gut wird.

Die frustrierende Ehe hat bei Bertram Spuren hinterlassen: Das Essen ist zu seiner großen Leidenschaft geworden. Je mehr Fleisch auf dem Teller ist, umso besser. Er isst, wann immer sich eine Gelegenheit ergibt. Bertram macht sich nichts vor: Die Fresserei hat sich unübersehbar auf seinen Körperumfang ausgewirkt. Es fällt ihm immer schwerer, seine 120 Kilo zu bewegen.

Man ahnt es: Das Hotel hält nicht ansatzweise, was sich Isolde und Bertram erhofft hatten. Doch sie halten den nicht vorhandenen Service trotz des hohen Preises aus. Sie halten auch den abendlichen Gang auf ein nahe gelegenes Schiffsrestaurant aus, das von einer italienischen Familie betrieben wird. Bewirtung und Atmosphäre werden Abend für Abend schlechter, aber Bertram lässt sich von seiner Frau immer wieder breitschlagen, ein weiteres Mal dort zu essen. Aus einem Lautsprecher plärrt die immer gleiche Schleife aus Italo-Pop, die - wie ein Ausreißer - vom Schlager "Memories of Heidelberg" gekrönt wird; einem Lied, das 1968 von Peggy March gesungen wurde. Die Situation, die von Anfang an belastend war, eskaliert zu einer Katastrophe, als Bertram alles zu viel wird und er beschließt, zum Gegenschlag auszuholen.

Lesen?

Mit Memories of Heidelberg hat es Heinz Strunk ein weiteres Mal geschafft, eine im Grunde ereignisarme Handlung in einen Pageturner zu verwandeln. Der Roman ist mit rd. 110 Seiten (E-Book) zwar kurz, aber schon bald möchte man die Protagonisten am liebsten schütteln und ihnen zurufen: "Himmel nochmal, macht etwas aus eurem Leben!" Statt dessen blättert man um und denkt: "Du lieber Himmel, ist das eine trostlose Ehe. Hoffentlich passiert mir das nicht irgendwann." Genau wie beim Anblick solcher Isolde-und-Bertram-Paare im realen Leben.
Strunk lässt jedoch trotz allem keine Resignation aufkommen, sondern beschreibt die Situation mit Empathie und Humor.

Memories of Heidelberg ist zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert.
Der Roman ist 2026 im Rowohlt Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 23 Euro sowie als E-Book 19,99 Euro.

Nachtrag
Wem der exzessive Fleischkonsum und die Affinität zu Schlagern bekannt vorkommt: Beides nimmt in Heinz Strunks erstem Roman Fleisch ist mein Gemüse (2004) seinen Anfang.

Dienstag, 18. März 2025

# 469 - Love-Scamming, der Heiratsschwindel des 21. Jahrhunderts

Früher kamen Heiratsschwindler nicht daran vorbei, sich mit den Frauen, an deren Vermögen sie sich bereichern wollten, tatsächlich zu treffen. Das ist heute nicht mehr nötig: Nicht mehr ganz junge Frauen mit einem Account auf einer Social -Media-Plattform finden plötzlich Nachrichten von gutaussehenden, beruflich erfolgreichen weißen Männern ihren Postfächern. Gehen sie auf die Anfragen ein, entwickelt sich oft ein Dialog, der sehr vertraulich und intim werden kann. Die Männer erzählen ihren "Herzdamen" nicht nur von der großen Liebe zu ihnen, sondern bald auch von ihrer plötzlichen finanziellen Notsituation, aus der sie eine Geldspritze der Angebeteten befreien kann. Man ahnt, wie die Sache ausgeht, wenn sich Frauen darauf einlassen. Mittlerweile ist bekannt, dass die Love-Scammer Profilbilder und - inhalte völlig ahnungsloser Männer stehlen, selbst aber in Afrika sind und eine Frau nach der anderen ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

Um so einen Love-Scammer geht es in Martina Hefters Roman Hey guten Morgen, wie geht es dir? Die Performance-Tänzerin und Schauspielerin Juno lebt seit Jahrzehnten mit dem Schriftsteller Jupiter zusammen. Jupiter ist an Multipler Sklerose im fortgeschrittenen Stadium erkrankt und ohne Junos Unterstützung nicht in der Lage, seinen Alltag zu bewältigen. Die Beziehung der beiden ist pragmatisch-besorgt. Juno versucht, ihre Arbeit und das Kümmern um Jupiter unter einen Hut zu bekommen. Da sie unter Schlafstörungen leidet, surft sie nachts durch Instagram. Dort findet sie in ihrem Postfach Nachrichten von angeblich gutsituierten Männern, die ihr honigsüße Nettigkeiten schicken. Juno erkennt die Masche hinter den Komplimenten und macht sich einen Spaß daraus, den Männern absurde Lügen über ihr Leben aufzutischen. Normalerweise brechen die Scammer die Unterhaltung ab, sobald sie sich enttarnt fühlen. 

Doch mit dem Nigerianer Benu entwickelt sich ein längerer Kontakt, der trotz seiner Enttarnung mehrere Monate dauert und immer persönlicher wird. Auch ihm hatte Juno eine falsche Identität vorgegaukelt, in der sie eine erfolgreiche Tänzerin aus Chemnitz in den besten Jahren ist, die als Single ständig One-Night-Stands hat. Nichts davon stimmt: Juno ist über fünfzig und damit etwa zwanzig Jahre älter als Benu. Sie hält sich beruflich knapp über Wasser. Jupiter und sie sind auf das Pflegegeld angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und wohnen in Leipzig.

Benu erzählt hingegen wahrheitsgemäß von seinem Alltag: von der täglichen Stromsperre ab 23 Uhr, seiner Familie und seinem finanziellen Problem, weil das alte nigerianische Geld gegen neues eingetauscht werden muss, dieser Umtausch aber nicht reibungslos klappt. Junos Misstrauen zerbröselt allmählich, sodass die beiden auch per Videocall und WhatsApp-Nachrichten kommunizieren. Und dann kommt der Moment, in dem Benu Juno gesteht, was in ihm vorgeht.

Lesen?

In Hey guten Morgen, wie geht es dir? hat Martina Hefter vieles aus ihrem eigenen Leben hineingeschrieben: Sie kümmert sich um ihren an MS erkrankten Mann Jan Kuhlbrodt, der als Schriftsteller arbeitet, ist als freischaffende Performance-Künstlerin unterwegs und irgendwann aus dem Allgäu nach Leipzig gezogen.

Es geht Hefter nicht nur um die Beschreibung der ungewöhnlichen Dreiecksbeziehung, bei der sie zwischen ihrem Mann und einem fremden, weit entfernt lebenden Mann, zu stehen scheint. Hefter reißt wie nebenbei auch andere Themen an: die Ausbeutung Afrikas durch den (Post-)Kolonialismus, ihre eigene Angst vor dem Altwerden inklusive der vermeintlichen Erwartungen der Gesellschaft an eine über fünfzig Jahre alte Frau oder die Schwierigkeiten eines behinderten Menschen, den Alltag möglichst komplikationsfrei zu gestalten. Auch Hefters Liebe zur Astronomie spielt eine große Rolle. Doch diese Themen, von denen jedes einzelne sich für ein eigenes Buch eignen würde, werden nicht vertieft. Es bleibt der Eindruck der Flüchtigkeit und die Schwierigkeit, einige der als Problem dargestellten Sachverhalte als solche nachzuvollziehen.

Martina Hefter hat 2024 für Hey guten Morgen, wie geht es dir? den Deutschen Buchpreis gewonnen.

Hey guten Morgen, wie geht es dir? ist 2024 im Verlag Klett-Cotta erschienen und kostet gebunden 22 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Freitag, 7. Januar 2022

# 321 - Wo die Politik mauert und die Gesellschaft zu leise ist

In ihrem Buch Femizide - Frauenmorde in
Deutschland
beschäftigen sich die Journalistinnen Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes mit einem Thema, das bei uns nur langsam mehr Aufmerksamkeit erhält.

Es geht um Femizide, also Morde an Frauen, die vor dem Hintergrund eines patriarchalischen Weltbilds von Männern begangen werden, die Frauen innerhalb einer partnerschaftlichen Beziehung als ihr Eigentum betrachten. 

Der Mord an einer jungen Frau im Leipziger Auwald ist der Einstieg in das Buch und der Anstoß für die beiden Autorinnen, umfangreiche Recherchen zu beginnen. Im Frühling 2020 wurde eine junge Mutter von ihrem Ex-Partner mit einem Hammer erschlagen, als sie mit ihrem drei Monate alten Baby spazieren ging. In der Presse wurde die Tat als Beziehungstat bezeichnet und zum Teil auch rassistisch ausgeschlachtet. Nur an wenigen Stellen wurde die Ermordung der jungen Mutter als das bezeichnet, was sie war: ein Femizid.

Cruschwitz und Haentjes haben sich mit Expertinnen und Experten unterhalten, die sich beruflich mit der Thematik befassen. In Interviews kommen auch Frauen zu Wort, die einen solchen Angriff ihres (Ex-)Partners überlebt haben und mit den Folgen zurechtkommen müssen. An diesem Punkt machen die Autorinnen deutlich, dass es in Deutschland ein allenfalls lückenhaftes Unterstützungssystem gibt, das sich nicht nur von einem Bundesland zum anderen, sondern sogar innerhalb der verschiedenen Landkreise unterscheiden kann. Wie gut die Hilfe nach einem solchen Übergriff ausfällt, ist oft reine Glückssache.

Wer vor der Lektüre von Femizide - Frauenmorde in Deutschland davon ausging, dass es so etwas wie ein Schutzsystem für gefährdete Frauen gibt, wird eines Besseren belehrt: Die Polizeiverwaltungen der Länder befinden sich mehrheitlich noch in der "Findungsphase" und überlegen, welche Strategien sie ihren Beamten an die Hand geben könnten, wenn es um die Anzeichen eines sich anbahnenden Femizids oder das Verhalten am Tatort geht.

Cruschwitz und Haentjes belassen es jedoch nicht dabei, sich nur die Situation der Opfer und Täter anzusehen. Da in zahlreichen Fällen eines (versuchten oder vollendeten) Femizids auch Kinder zu den Betroffenen gehören, die zum Beispiel Augenzeugen der Ermordung ihrer Mutter werden oder plötzlich ihr Zuhause verlieren, wird auch untersucht, wie gut sie von staatlichen Stellen sowie der Rechtsprechung geschützt und unterstützt werden. Auch hier sollte man sich keinen Illusionen hingeben.

Fazit: Der erste wichtige Schritt, um Femiziden vorzubeugen ist, sie klar zu benennen. Die dpa hat im November 2019 angekündigt, Begriffe wie "Familientragödie" oder "Beziehungsdrama" nicht mehr zu verwenden, wenn es um Gewaltverbrechen in Familien oder partnerschaftlichen Beziehungen geht.

Femizide - Frauenmorde in Deutschland ist 2021 im Hirzel Verlag erschienen und kostet 18 Euro.


Nachtrag: In der Bücherkiste habe ich im Oktober 2021 über das Buch Alle drei Tage geschrieben. Es geht dort ebenfalls um Femizide, sodass es zu inhaltlichen Überschneidungen der beiden Titel kommt. Wer sich allerdings umfassend informieren möchte, sollte beide Bücher lesen. Ich kann nicht sagen, dass ich eines der Bücher dem anderen vorziehen würde.

Samstag, 30. Oktober 2021

# 314 - Alle drei Tage

Um dieses Buch habe ich mich etwas herumgedrückt,
weil ich mir nicht sicher war, ob ich das, was darin steht, aushalten würde. Aber dann hat das Interesse am Thema überwogen. Einem Thema, das in anderen Ländern längst in der Öffentlichkeit angekommen ist, nur nicht in Deutschland.

Worum geht's? Laura Backes und Margherita Bettoni sehen sich an, was da Alle drei Tage passiert: In diesem statistischen Abstand wurde 2019 in Deutschland eine Frau von ihrem ehemaligen oder aktuellen Partner getötet. Zu diesen Verbrechen kommen die Tötungen von Frauen durch Männer hinzu, die ihnen unbekannt waren. Etwa täglich versucht ein Mann, seine jetzige oder ehemalige Partnerin zu töten. Die Zahlen beruhen auf der jährlichen Statistik "Partnerschaftsgewalt" des Bundeskriminalamtes. Müsste das nicht einen gesellschaftlichen Aufschrei auslösen? Nicht nur von den Frauen, sondern auch den Männern, denen die Frauen in ihrem Umfeld wichtig sind? Immerhin waren diese Frauen auch Töchter, Schwestern, Freundinnen, Kolleginnen...

In den Medien ist dieses Thema praktisch nicht präsent. Warum interessiert sich fast niemand dafür? Backes und Bettoni kritisieren, dass solche Taten begrifflich mit Worten wie "Beziehungstat" oder "Familientragödie" verbrämt werden, als habe es sich um Schicksalsschläge gehandelt und nicht um das, was sie letztendlich sind: Taten, mit denen der Täter seine Macht demonstrieren oder wiederherstellen will. Die Frau wird hier als etwas gesehen, das man besitzen kann. Wendet sie sich ab, wird mit dem oft tödlichen Angriff "sichergestellt", dass sie keinem anderen Mann als dem Täter gehören soll. Dahinter steckt ein zutiefst patriarchalisches Rollenbild.

Die Autorinnen sprechen in ihrem Buch von Femiziden. Einerseits, weil dieser Begriff mittlerweile in zahlreichen Ländern verwendet wird; andererseits wollen sie deutlich machen, dass Frauen wegen ihres Geschlechts oder fester Vorstellungen, was Weiblichkeit ausmacht, getötet werden.

Jeder versuchte oder vollendete Femizid ist für sich genommen zwar ein Einzelfall, aber dass diese Fälle einem bestimmten Muster folgen, ist nicht zu übersehen. Der Ablauf erfolgt stufenförmig, wobei jede Stufe einen kurzen Moment oder auch Jahre dauern kann. Mit diesem Wissen könnte man meinen, dass es bereits ein Mindestmaß an staatlicher Prävention geben müsste. Das ist jedoch nicht so: Weder in der Politik noch in Behörden ist das Interesse an der Situation, in der sich Frauen befinden, besonders ausgeprägt. 

Backes und Bettoni haben sich mit Opfern unterhalten oder Gerichtsprozessen beigewohnt. Sie wollten außerdem wissen, ob es einen bestimmten Tätertyp gibt, der mit größerer Wahrscheinlichkeit einen Femizid begehen könnte. Die Autorinnen wollten auch herausfinden, wie es den überlebenden Opfern geht und inwieweit sie in ein normales Leben zurückgefunden haben. Auch die Angehörigen von getöteten Frauen kommen zu Wort. Und es wird mit einem Vorurteil aufgeräumt, das sich hartnäckig hält: Es lässt sich empirisch nachweisen, dass nicht vor allem Frauen nichtdeutscher Herkunft häusliche Gewalt erleben. Vielmehr haben Frauen in bestimmten Lebenssituationen (z. B. Obdachlosigkeit oder mit einer Behinderung) ein erhöhtes Risiko, von einem gewalttätigen Partner angegriffen zu werden.

Alle drei Tage behandelt auch die Frage, wie die Rechtsprechung mit Femizid-Opfern und -Tätern umgeht. Gibt es da eine etwa einheitliche Beurteilung oder werden bestimmte Fälle von den Gerichten in einem anderen Licht gesehen? Hier spielen Urteile des Bundesgerichtshofs eine große Rolle. In einigen anderen Ländern ist man hier zwar schon weiter, allerdings macht eine ignorante Umsetzung der bestehenden Gesetze die Situation nicht besser.

Lesen?

Alle drei Tage zeigt überdeutlich, wie nötig es ist, dieses Thema in die Gesellschaft hineinzutragen. Dazu müssen nicht nur die Medien, sondern auch Politik und Rechtsprechung an einem Strang ziehen. Dieses Buch berührt und macht wütend - eben weil in unserem Land so wenig passiert, um (versuchten) Femiziden entgegenzutreten. Es fehlt nicht nur an Plätzen in Frauenhäusern, sondern auch an Angeboten für ein Anti-Gewalt-Training sowie einer klareren Gesetzgebung und Rechtsprechung. 

Es ist gut, dass sich der Titel auf der Longlist des NDR Sachbuchpreises befindet und so mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Alle drei Tage ist 2021 bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet 20 Euro.

Freitag, 23. April 2021

# 287 - Ernstfall Liebe? Kein Kitsch, sondern aus dem Leben erzählt

Auch wenn der Titel des Romans Die Liebe im Ernstfall das nahelegen könnte: Bei diesem Buch der Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien handelt es sich nicht um einen klassischen Liebesroman mit den (gewohnt) kitschigen Einschlägen. Wenn es den Begriff 'Lebensroman' gäbe, würde er hier passen.

Krien schreibt über fünf Frauen, die etwa so alt sind wie sie selbst: geboren in den 1970-er Jahren in der DDR, nach der Wende mit völlig anderen Bedingungen konfrontiert und damit der Notwendigkeit, sich neu zurechtzufinden.
Jeder dieser Frauen ist ein eigenes Kapitel gewidmet, alle haben ihren Lebensmittelpunkt in Leipzig und trotz ihrer Unterschiedlichkeit haben sie gemeinsam, dass ihre Lebensläufe Brüche aufweisen, die sie zu Richtungsänderungen zwingen.

Alle Fünf sind miteinander verbunden, sei es durch Verwandtschaft, Freundschaft oder aufgrund der Tatsache, dass die eine die Patientin der anderen ist. Gemeinsam ist den meisten von ihnen auch der Wunsch nach einer stabilen Partnerschaft. Dafür nehmen sie einige Dinge in Kauf, die nichts mit einer Beziehung auf Augenhöhe zu tun haben: Eine der Frauen widerspricht nicht, als ihr künftiger Ehemann beschließt, dass sie künftig in einem Loft wohnen würden. Erst mit ihrer Schwangerschaft willigt er widerstrebend in einen Umzug eine 'normale' Wohnung ein. Da werden Egoismen ertragen oder klein geredet, oft enden Streitigkeiten mit Versöhnungssex. Nur eine der Frauen, eine Ärztin, hat andere Prioritäten: Ihr wichtigstes Lebewesen ist ihr Pferd, Männer sind nur für flüchtige Beziehungen da, nachdem man sie sich auf einer Dating-Plattform ausgewählt hat.

Der Roman erzählt davon, wie sich Menschen näherkommen, zu Paaren werden und irgendwann einer von ihnen des anderen überdrüssig wird oder sich von ihm entfremdet. Fremd zu gehen ist dann der Weg der Männer, auf die Belastungen in der festen Beziehung zu reagieren. Aber Daniela Krien schreibt auch darüber, dass Menschen durch die Vergangenheit (Kindheit, Eltern etc.) ebenso wie die Gegenwart geformt werden und sich so viele ihrer Verhaltensweisen erklären lassen.

Beim Lesen drängt sich häufig die Vermutung auf, dass Krien viel aus ihrem eigenen Leben in ihren Roman hat einfließen lassen. Eine der Frauen verliert ihre acht Monate alte Tochter wenige Tage nach einer Impfung. Eine Obduktion ergibt, dass das Kind nicht als Folge der Impfung, sondern am plötzlichen Kindstod verstorben ist. Die Autorin hat selbst eine sehr ähnliche Erfahrung machen müssen: Eine ihrer Töchter erlitt einen Impfschaden und wird ihr Leben lang so schwer behindert sein, dass sie nicht ohne Betreuung auskommt. 

Alle fünf Frauen müssen eine Entscheidung treffen: Wie wichtig ist ihnen eine Familie? Stehen eigene Kinder der Selbstverwirklichung entgegen? Um jeden Entschluss wird gerungen, und es geht auch um die Frage, inwieweit der Verlauf eines Lebens Schicksal ist oder durch eigene Entscheidungen gelenkt wird.

Lesen?

Trotz aller Probleme, denen sich die Frauen stellen, ist der Roman nicht düster, sondern hat durch Kriens besonderen Schreibstil eine Leichtigkeit, die das Interesse an den Schicksalen der Frauen bis zum Schluss aufrecht erhält. Über allem steht der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern sich dem Leben zu stellen. Das macht das Buch sehr lesenswert.

Die Liebe im Ernstfall ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Freitag, 16. April 2021

# 286 - Eine zerstörte Kindheit in den 1970-ern

Der belgische Schriftsteller Dimitri Verhulst lässt in seine Romane viel aus seiner eigenen Biografie einfließen. Das ist in seinem 2011 erschienen Buch Die letzte Liebe meiner Mutter nicht anders.

Der Roman spielt in den 1970-er Jahren, als die Vorstellungen davon, wie Dinge zu sein hatten und wie man mit Problemen umging, sich deutlich von den heutigen unterschieden.
Im Mittelpunkt steht der elfjährige Jimmy. Seine Mutter Martine hat sich von ihrem Mann, einem gewalttätigen Säufer, der seinen Lohn in die nächste Kneipe trug, getrennt und ist schon kurze Zeit später eine neue Beziehung eingegangen: Wannes Impens ist Arbeiter bei VW, findet aber, dass er irgendwie nicht zu den einfachen Leuten dort gehört. Er zieht rasch bei Martine ein und lässt so das Leben bei seinen Eltern hinter sich. Dass zu der neuen Partnerschaft auch ein Kind gehört, nimmt er zunächst hin, entwickelt sich für ihn allerdings immer mehr zu einem Ärgernis. Daraus, dass er Jimmy für einen Störfaktor hält, macht Wannes keinen Hehl.

Martine sehnt sich nach einer bürgerlichen Normalität und blendet Wannes' unschöne Eigenschaften kurzerhand aus. Er ist für sie eine Art Erlöser, der sie aus der Armut in ein besseres Leben führt. Da liegt der Gedanke an einen gemeinsamen Urlaub nah, und Wannes bucht für die kleine Patchworkfamilie eine einwöchige Busreise in den Schwarzwald. Unterwegs ist er bemüht, den Mitreisenden eine heile Familie vorzugaukeln und schärft Jimmy ein, ihn nur mit "Vater" anzusprechen. Dem Jungen ist jedoch sonnenklar, dass er in der Gunst seines wahrscheinlich künftigen Stiefvaters nicht höher als eine Waldameise steht, und ignoriert Wannes' Ansagen. Zwischen den beiden wächst eine Feindschaft heran, die während des Urlaubs ihren Höhepunkt findet, als Jimmy in eine lebensgefährliche Situation gerät. Und dann trifft die schwangere Martine eine Entscheidung, die Jimmys Leben von Grund auf verändert und über die sich Wannes gefreut haben wird. Der Umstand, dass der Junge wie das Abbild seines Vaters aussieht, dürfte zu der verhängnisvollen Entwicklung beigetragen haben.

Lesen?

Verhulst schildert sehr authentisch das Leben der sog. "kleinen Leute" in Belgien während der 1970-er Jahre, das sich in Deutschland ganz ähnlich abgespielt hat. Alles, was den Anschein einer heilen Familie trüben könnte, wurde unter den Teppich gekehrt und der Wunsch, sich etwas leisten zu können, war immer präsent. Vorurteile waren durch praktisch nichts zu erschüttern, was insbesondere bei der Schilderung der Busfahrt durch das Steuerparadies Luxemburg mit seinen überteuerten Raststätten-Toiletten und Frankreich mit seinen Zollbeamten, die sich nach dem Verzehr eines schlechten Essens an den Touristen rächten, indem sie deren Autos akribisch durchsuchten, deutlich wird.

Die Handlung ist dann aber ziemlich abrupt an ihrem Ende angekommen, als Verhulst lässig die nächsten achtzig Jahre überspringt und auf den nun 91-jährigen Jimmy blickt. Kurz vor dem Ende seines Lebens kommt es zu einer Begegnung, auf die er seit Jahrzehnten gewartet hatte.

Lesen? Ja, denn das einzige, was man an diesem Roman vermisst, ist ein längerer Blick auf Jimmys Leben nach dem Schwarzwaldurlaub.

Die letzte Liebe meiner Mutter ist 2011 erstmals als E-Book im Luchterhand Verlag erschienen (siehe Coverfoto) und kostet 7,99 Euro. 2013 wurde bei btb eine broschierte Ausgabe zum Preis von 8,99 Euro herausgegeben.

Freitag, 24. Juni 2016

# 56 - Wie lernt man die Frau fürs Leben kennen?

Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht

 

30 Dates in 30 Tagen ist das Erstlingswerk des österreichischen Autors Jürgen Koller. Meine erste Assoziation zum Film mit dem Titel "50 erste Dates" war falsch, denn der Autor hat sich im November 2013 nicht 30 Mal mit derselben Frau, sondern den ganzen Monat hindurch täglich mit immer anderen Frauen getroffen.

Dating-Marathon vom Feinsten

 

Jürgen Koller ist Single. Die Frau, mit der er lange liiert war und von der er glaubte, sie wollte ebenso gern mit ihm alt werden wie er mit ihr, hat ihn verlassen. So traurig das ist, so normal ist es auch. Man kann mit solchen Lebenskrisen unterschiedlich umgehen: Manche Menschen schließen sich ein, tun sich unendlich leid und glauben, nach diesem Verlust könnte es nicht mehr schlimmer kommen. Andere bereuen ihre Fehler und wollen eine neue Chance, und die Dritten sind einfach nur wütend. Koller hat sich für einen anderen Weg entschieden. Er ist 30 Jahre alt und hat den Wunsch, sein Leben mit einer Partnerin zu teilen. Seine Vorstellungen sind die, die auch unzählige andere Menschen für ihr Leben haben: eine Frau, ein Kind, ein Heim. Ein Ort, zu dem man nach der Arbeit nach Hause kommt und sich mit dem Menschen, den man liebt, austauschen und mit ihm gemeinsame Zeit verbringen kann. Das sind Dinge, die ihm als Single-Mann verwehrt sind. Doch Koller weiß sich zu helfen: Er kommt auf die Idee, sich an 30 aufeinanderfolgenden Tagen mit 30 verschiedenen Frauen an 30 verschiedenen Orten zu treffen. Sollte da nicht die Richtige dabei sein?

Nichts geht über eine gute Planung

 

Der 10. Mai 2013 ist der Tag, an dem Jürgen Koller genug davon hat, ständig verliebte Paare um sich herum zu sehen. An diesem Tag fällt die Entscheidung zu seinem privaten Partnerprojekt. Kurz darauf beginnen die Vorbereitungen, die eine Reihe von Fragen aufwerfen: Welche Locations sind so interessant, dass sich Frauen für ein Treffen mit ihm interessieren könnten, obwohl er selbst sich als "Mr. Durchschnitt" bezeichnet, dessen Foto nicht unbedingt dazu taugt, dass ihm die Frauen zu Füßen liegen würden? Wie macht man die Projekt-Website und die Aktion bekannt? Dürfen die Damen vorab wissen, wie der einsame Koller aussieht? Woraufhin sich fast schon zwangsläufig die nächste Frage stellt: Darf Koller  vor dem Treffen wissen, wie seine Dating-Partnerinnen aussehen?

Jürgen Koller bereitet alles generalstabsmäßig vor. Da er als Selbstständiger in der New Media Branche arbeitet, ist die Erstellung der Website (http://www.30dates.at/) kein Problem. Er schafft es auch, die Presse für sein Vorhaben zu interessieren; bei der Anfrage eines Fernsehsenders zieht er seine Zustimmung zurück, als man versucht, die bereits getroffenen Absprachen zu umgehen.
Am 22. Oktober 2013 sind alle Dates vergeben. Bis dahin hatten sich 115 Frauen auf Kollers Website angemeldet. Die Unterschiedlichkeit der Unternehmungen hat ihre Wirkung nicht verfehlt: Das Repertoire reicht vom Restaurantbesuch über eine Whisky-Verkostung bis zu Poetry-Slam, Sport, Bildung und Musik. Im Rückblick hatte die eine oder andere Idee ihre Tücken: Koller ist z. B. aufgefallen, dass sich zwei fremde Menschen, die sich mit einer bestimmten Absicht miteinander verabreden, ziemlich gehemmt verhalten, wenn sie sich bei ihrem ersten Treffen in Badekleidung gegenüberstehen.

Wie war es für "sie"?

 

Der Autor interessiert sich dafür, wie den Damen, mit denen er sehr unterschiedliche Dates hatte, die Treffen mit ihm gefallen haben, und er lässt jede von ihnen zu Wort kommen. In einem Fall schweigt die Dame, was wohl auch eine Art von Auskunft ist. Alle anderen äußern sich positiv. Bemerkenswert war dabei Date 6, ein Afterwork-Cocktail mit Roswitha: Jürgen Koller empfindet die junge Volksschullehrerin als wandelnde Wortkaskade, deren verästelten Ausführungen er immer weniger folgen kann, le länger das Treffen dauert. Er sehnt nach einer Weile das Ende des Abends herbei und bedankt sich im Geiste bei der Österreichischen Bundesbahn, die ausnahmsweise dafür sorgt, dass Roswitha pünktlich in den Zug einsteigen kann, der sie nach Hause bringt. Doch Roswitha sind Jürgens Befindlichkeiten völlig entgangen: Sie bedankt sich überschwänglich für das sehr schöne Date und hofft auf ein weiteres Treffen, "da wir auf der gleichen Wellenlänge sind". So ist das mit der Eigen- und Fremdwahrnehmumg.

Eine locker-leichte Sommerlektüre

 

Wer ein unterhaltsames Buch für laue Sommerabende oder den Urlaub sucht, liegt mit 30 Dates in 30 Tagen genau richtig. Jürgen Koller hat einen  lockeren Schreibstil und nimmt sich immer wieder auf die Schippe. Er selbst sagt über sein Buch, dass es kein literarisches Meisterwerk sei; aber wer braucht Meisterwerke, wenn es darum geht, die Seele baumeln zu lassen?
Sollte Herr Koller diese Zeilen lesen: Date Nr. 14 war ein No-Go und hat mich zwischenzeitlich an der Ernsthaftigkeit des Projekts zweifeln lassen.

30 Dates in 30 Tagen wurde mir von Indie Publishing über Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es kostet als Taschenbuch 14,30 € und in der epub- oder Kindle-Edition 6,99 €.