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Montag, 1. Mai 2023

Anstelle einer Buchbesprechung: So war die Leipziger Buchmesse 2023

In dieser Woche ist mein Lesepensum im Vergleich zu sonst eher gering ausgefallen. Der Grund: Ich war am Wochenende in Leipzig und habe die Buchmesse besucht - seit der coronabedingten Absage 2020 die erste nach dem offiziellen Ende der Pandemie. Wie war's?

Ich bin nicht zum ersten Mal zur "LBM" gefahren, wusste also, was mich in etwa erwartet und worauf ich mich einstellen muss. Aber wie das so ist mit vermeintlichen Sicherheiten, lösen sie sich manchmal gern in Rauch auf. Das war auch hier so.

Wir sind am Messe-Freitag, dem zweiten Messetag, angereist, kamen in unserem Hotel aber so spät an, dass wir darauf verzichtet haben, für zwei Stunden Messebesuch zum Gelände zu fahren. "Ist doch kein Problem", dachten wir. "Wir haben morgen den ganzen Tag Zeit und am Sonntag auch noch ein paar Stunden." Ein Trugschluss.

Als wir uns am Samstag auf der Autobahn dem Messegelände näherten, wies die Navigationsapp auf ein Problem hin. Schon etliche Kilometer vor der Abfahrt zur Messe war die Straße rot markiert: Stau, angeblich zwölf Minuten Zeitverlust. Na ja, damit kann man leben. Auf eine andere Route auszuweichen, konnte man sich ohnehin schenken: Alle anderen Zufahrtsstrecken waren ebenfalls rot auf der Karte eingefärbt. Also Stillstand. Zwanzig Meter fahren. Stillstand. Fahren. Die angekündigten zwölf Minuten schien der Algorithmus ausgewürfelt zu haben, so weit weg waren sie von der Wirklichkeit.

Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Die Autoschlange setzte sich nach der Autobahnausfahrt nahtlos bis zu den Messeparkplätzen fort. Die waren schon rappelvoll. Aber wir wollten zum Presseparkplatz, hatten schon die Parkberechtigung hinter die Windschutzscheibe gelegt und waren verhalten optimistisch. In der Warteschlange vor der Schranke beobachteten wir das Gespräch des Parkplatzwächters mit dem Fahrer des Autos vor uns. Der fuhr kurz darauf dorthin zurück, woher er gekommen war: auf die Straße. Immer noch klingelte es nicht bei uns. "Na, da wollte wohl einer einen 'alternativen' Parkplatz ausprobieren", lästerten wir.

Dann standen wir an der Pole-Position - direkt vor der Schranke. Doch der junge Mann mit der Sicherheitsweste klärte uns auf: "Hier ist nichts zu machen. Die Fahrzeuge stapeln sich schon! Der Park&Ride-Parkplatz ist auch schon voll. Die Besucher-Parkplätze auch." Unsere Idee, in der Nähe einer Straßenbahnhaltestelle zu parken und mit Öffis zum Messegelände zu fahren verpuffte in dem Moment, in dem wir mehrere Bahnen gesehen hatten: Zwischen die einzelnen Fahrgäste passte kein Blatt Papier. 

Wir haben uns dann entschieden, die nächsten Stunden im Panometer zu verbringen. Dort wird gerade das 360°-Panoramabild New York 9/11 des Künstlers Yadegar Asisi gezeigt. Schon 2018 musste dieser Ort als Alternative zur Buchmesse "herhalten", weil ein Schneechaos über Leipzig hereingebrochen war.

Start mit Verzögerung

Unser Messebesuch begann am Samstag um 16 Uhr, zwei Stunden vor der Schließung. Da ich einigen unabhängigen Verlagen meinen Besuch angekündigt hatte, wollte ich auf Nummer sicher gehen und war dort zuerst.

Vom Verlag Donata Kinzelbach habe ich hier schon mehrmals berichtet. Seit nun schon 38 Jahren gibt die Verlegerin Literatur aus dem Maghreb, also den nordafrikanischen Staaten Tunesien, Algerien, Marokko sowie der West-Sahara, heraus. Im Laufe der Jahre hat sich die Bandbreite etwas erweitert: Der Verlag bietet nun auch einige Titel von Autorinnen und Autoren anderer Nationalitäten an, der Maghreb bleibt jedoch der Schwerpunkt. 
Für ihre Verdienste hinsichtlich der Vermittlung zwischen Kulturen und Kulturkreisen erhielt Donata Kinzelbach vor 15 Jahren sogar das Bundesverdienstkreuz am Bande. 
In Kürze werde ich in der Bücherkiste den autobiografischen Titel Wie Mond und Sonne der iranischen Autorin Mahshid Najafi vorstellen, die 1985 gemeinsam mit ihrem Mann aus ihrer Heimat nach Deutschland geflüchtet ist und im Januar 2023 für ihre ehrenamtlichen Bemühungen um Integration und Demokratie mit dem Integrationspreis der Stadt Offenbach ausgezeichnet wurde.

Auch diesmal habe ich beim Polar Verlag vorbeigeschaut, dessen Krimis ich seit einigen Jahren mit Begeisterung lese. Ihr werdet hier bald noch mehr über ihn finden, und damit sind nicht (nur) weitere Rezensionen gemeint. Demnächst werde ich den in diesem Jahr auf Deutsch erschienenen Krimi Sunset City von Melissa Ginsburg vorstellen.

Margarita Stein, die Leiterin der Anthea Verlagsgruppe, habe ich während der Frankfurter Buchmesse 2022 kennengelernt. Sie gibt Bücher von bemerkenswerten Autorinnen und Autoren heraus, darunter das des Gewinners des Europäischen Literaturpreises 2021. Sie hat mir den Roman Der Fassadenkletterer von Angela Schmidt-Bernhardt ans Herz gelegt. Ein Anruf aus Polen reißt eine Frau aus ihrem bisherigen Leben: Der beste Freund ihres Vaters hinterließ einen Stapel Briefe, in denen sich interessante Informationen über ihren eigenen Vater befanden. Was hat ihr Vater ihr verschwiegen?

In der Bücherkiste wurden bereits sieben Titel aus dem erst vor drei Jahren gegründeten Kanon Verlag vorgestellt - ein deutliches Indiz dafür, wie gut mir gefällt, was dort veröffentlicht wird. Das nächste Kanon-Buch wird "Was ich sah, war die freie Welt" des Publizisten Max Dax sein. In seinen 24 Gesprächen über die Vorstellungskraft interviewt er zum Beispiel Yoko Ono, Grace Jones oder Isabella Rossellini. Ich bin sehr gespannt.

Am Samstag hatten wir noch etwa zwei Stunden Zeit, bevor wir die Heimreise angetreten haben. Das genügte für einen Überblick über das Angebot des diesjährigen Gastlandes Österreich. Ein Buch hatte es mir besonders angetan: Die 1929 in Wien geborene jüdische politische Journalistin Hella Pick schreibt in ihrem autobiografischen Buch Unsichtbare Mauern (erschienen im Czernin Verlag, Wien) über ihre Flucht nach England 1939 und ihren Werdegang zu einer der renommiertesten Journalistinnen. Sie war für die BBC tätig und reiste für die Zeitung The Guardian um die Welt. Pick wurde für ihr Lebenswerk mit britischen, österreichischen und deutschen Preisen ausgezeichnet. Ich freue mich darauf, das Buch zu lesen.

Am Stand des Steidl Verlags, dessen Name österreichisch klingt, der aber in Göttingen zu Hause ist, haben wir zuerst die tollen Foto-Bände bewundert. Doch dann bin ich über das Buch Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte gestolpert. Stella? Nachdem ich mich bei einer Standmitarbeiterin erkundigt hatte, wurde meine Vermutung bestätigt: Es handelt sich tatsächlich um dieselbe Person, über die der Autor Takis Würger seinen 2019 veröffentlichten Roman Stella geschrieben hat. Es war damals sicher eines der am kontroversesten diskutierten Bücher des Jahres, das ich auch hier in der Bücherkiste besprochen habe. Der Autor und Journalist Peter Wyden war ein Mitschüler Stella Goldschlags und ist der Geschichte um ihren massenhaften Verrat von Jüdinnen und Juden an die Nationalsozialisten nachgegangen. Sein Buch basiert auf Fakten, was es von Würgers Roman unterscheidet.

Fazit

Die Leipziger Buchmesse hat wieder viele spannende Titel bereitgehalten, und ich habe mich sehr über die guten Gespräche an den Ständen gefreut. 
Der Wermutstropfen war die katastrophale Verkehrs- und Parkplatzsituation am Messe-Samstag. Möglicherweise war die Messeleitung von diesem Ansturm selbst überrascht, man weiß es nicht. Das sollte sich jedoch nicht wiederholen, denn die Messebesucher sollen das Gelände am Ende eines Tages mit einem guten Gefühl verlassen. Schließlich sind sie das, was die Branche dringend braucht: Buchkäuferinnen und -käufer.

Freitag, 23. April 2021

# 287 - Ernstfall Liebe? Kein Kitsch, sondern aus dem Leben erzählt

Auch wenn der Titel des Romans Die Liebe im Ernstfall das nahelegen könnte: Bei diesem Buch der Leipziger Schriftstellerin Daniela Krien handelt es sich nicht um einen klassischen Liebesroman mit den (gewohnt) kitschigen Einschlägen. Wenn es den Begriff 'Lebensroman' gäbe, würde er hier passen.

Krien schreibt über fünf Frauen, die etwa so alt sind wie sie selbst: geboren in den 1970-er Jahren in der DDR, nach der Wende mit völlig anderen Bedingungen konfrontiert und damit der Notwendigkeit, sich neu zurechtzufinden.
Jeder dieser Frauen ist ein eigenes Kapitel gewidmet, alle haben ihren Lebensmittelpunkt in Leipzig und trotz ihrer Unterschiedlichkeit haben sie gemeinsam, dass ihre Lebensläufe Brüche aufweisen, die sie zu Richtungsänderungen zwingen.

Alle Fünf sind miteinander verbunden, sei es durch Verwandtschaft, Freundschaft oder aufgrund der Tatsache, dass die eine die Patientin der anderen ist. Gemeinsam ist den meisten von ihnen auch der Wunsch nach einer stabilen Partnerschaft. Dafür nehmen sie einige Dinge in Kauf, die nichts mit einer Beziehung auf Augenhöhe zu tun haben: Eine der Frauen widerspricht nicht, als ihr künftiger Ehemann beschließt, dass sie künftig in einem Loft wohnen würden. Erst mit ihrer Schwangerschaft willigt er widerstrebend in einen Umzug eine 'normale' Wohnung ein. Da werden Egoismen ertragen oder klein geredet, oft enden Streitigkeiten mit Versöhnungssex. Nur eine der Frauen, eine Ärztin, hat andere Prioritäten: Ihr wichtigstes Lebewesen ist ihr Pferd, Männer sind nur für flüchtige Beziehungen da, nachdem man sie sich auf einer Dating-Plattform ausgewählt hat.

Der Roman erzählt davon, wie sich Menschen näherkommen, zu Paaren werden und irgendwann einer von ihnen des anderen überdrüssig wird oder sich von ihm entfremdet. Fremd zu gehen ist dann der Weg der Männer, auf die Belastungen in der festen Beziehung zu reagieren. Aber Daniela Krien schreibt auch darüber, dass Menschen durch die Vergangenheit (Kindheit, Eltern etc.) ebenso wie die Gegenwart geformt werden und sich so viele ihrer Verhaltensweisen erklären lassen.

Beim Lesen drängt sich häufig die Vermutung auf, dass Krien viel aus ihrem eigenen Leben in ihren Roman hat einfließen lassen. Eine der Frauen verliert ihre acht Monate alte Tochter wenige Tage nach einer Impfung. Eine Obduktion ergibt, dass das Kind nicht als Folge der Impfung, sondern am plötzlichen Kindstod verstorben ist. Die Autorin hat selbst eine sehr ähnliche Erfahrung machen müssen: Eine ihrer Töchter erlitt einen Impfschaden und wird ihr Leben lang so schwer behindert sein, dass sie nicht ohne Betreuung auskommt. 

Alle fünf Frauen müssen eine Entscheidung treffen: Wie wichtig ist ihnen eine Familie? Stehen eigene Kinder der Selbstverwirklichung entgegen? Um jeden Entschluss wird gerungen, und es geht auch um die Frage, inwieweit der Verlauf eines Lebens Schicksal ist oder durch eigene Entscheidungen gelenkt wird.

Lesen?

Trotz aller Probleme, denen sich die Frauen stellen, ist der Roman nicht düster, sondern hat durch Kriens besonderen Schreibstil eine Leichtigkeit, die das Interesse an den Schicksalen der Frauen bis zum Schluss aufrecht erhält. Über allem steht der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern sich dem Leben zu stellen. Das macht das Buch sehr lesenswert.

Die Liebe im Ernstfall ist 2019 im Diogenes Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 22 Euro, als Taschenbuch 13 Euro sowie als E-Book 10,99 Euro.

Samstag, 7. März 2020

Nichts los in Leipzig? Die Absage der Buchmesse bringt einiges durcheinander

Ausnahmsweise schreibe ich diesmal nicht über ein Buch, sondern über ein ausgefallenes Großereignis: die Leipziger Buchmesse. Vom 12. bis zum 15. März 2020 sollte sie gehen. Viele Buchfans hatten sich auf die Messe gefreut, Verlage sich einen Umsatzschub erhofft. Insbesondere für die kleineren von ihnen ist die Absage bitter. Aber dann kam das, was in den Medien undeutlich als "das Corona-Virus" bezeichnet wird, als gäbe es nur eines davon.Nun heißt das Virus offiziell "SARS-CoV 2" und die von ihm verursachte Krankheit "Covid-19". Hier steht ein bisschen mehr darüber.

Mittlerweile sind die Menschen aufgrund des medialen Trommelfeuers so verunsichert, dass Hamsterkäufe getätigt werden. Handseife ist genau wie Toilettenpapier, Nudeln oder Lebensmittel in Dosen so begehrt, dass die Regale in manchen Supermärkten große Lücken aufweisen. Apotheker haben oft kein Desinfektionsmittel mehr. Mir wurde sogar erzählt, dass es Leute gibt, die sich auf Krankenhausfluren herumdrücken und sich dort beim Toilettenpapier und dem Handdesinfektionsmittel bedienen. Ziemlich erbärmlich ist das, was manche da abliefern, kaum, dass ihnen ein kleines Krisenlüftchen um die Nase weht. Man mag sich kaum vorstellen, was passiert, wenn wir irgandwann mal eine echte Krise haben sollten.

Wegen Covid-19 wurde neun Tage vor ihrem geplanten Start die Leipziger Buchmesse abgesagt. Zum Zeitpunkt der Absage war ich zufällig in Leipzig und habe mir die Stadt angesehen. Wer Leipzig besser kennt, dem sagt wahrscheinlich die "Runde Ecke" etwas. Das ist eine Gedenkstätte in der Innenstadt, die anhand von Originalexponaten zeigt, wie die Stasi es geschafft hat, die Bevölkerung zu überwachen, zu unterdrücken und einzuschüchtern. Sehr interessant, der Besuch lohnt sich. Die Gedenkstätte befindet sich in den Räumen der Stasi-Bezirksverwaltung, wo auch ein Büro oder eine Zelle für Untersuchungshäftlinge gezeigt werden.

Auf einem Tisch in der Nähe des Eingangs lag dieser Flyer. Die Gedenkstätte hatte für die Buchmesse ein eigenes umfangreiches Programm unter dem Motto "Leipzig liest" vorbereitet, das darin ausführlich vorgestellt wurde. Unter diesem Motto tun das zu jeder Buchmesse zahleiche Veranstalter außerhalb des Messegeländes. 

Für die ersten drei Messetage waren sechs bis sieben Termine für Lesungen vorgesehen, am letzten Tag sollte eine Matinee-Lesung stattfinden. So ein Programm auszuarbeiten, den Termin vorzubereiten etc. ist sehr aufwendig. Die Enttäuschung, dann alles vergeblich getan zu haben, muss beim Planungsteam riesengroß gewesen sein.

Doch gleich neben dem Flyer lag ein Informationsblatt. Mit seiner leuchtend gelben Farbe war es nicht zu übersehen. "Leipzig liest doch" war es übertitelt und teilte mit, dass alle Termine wie geplant stattfinden würden. Aus diesen Worten spricht eine "Jetzt erst recht"-Mentalität, der Wunsch, sich nicht so einfach unterkriegen zu lassen. Ich werde dann leider nicht mehr in Leipzig sein. Ich wünsche den Machern der "Runden Ecke" aber, dass ihre Veranstaltungsreihe ein Erfolg und ihre Mühe nicht vergeblich gewesen sein wird. Trotz Covid-19.