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Samstag, 24. September 2022

Corona-Pause in der Bücherkiste

Das war so nicht geplant, aber man kann nicht alles
vorhersehen. Seit Kurzem hat sich hier ein Gast breit gemacht, den niemand eingeladen hat: das 
SARS-CoV-2-Virus, umgangssprachlich "Corona". Das Ding braucht kein Mensch. Der Gast löst einiges aus, unter anderem, dass ich mich im Augenblick nicht lange auf einen Text konzentrieren kann - egal, ob ich ihn lese oder schreibe.

Darum kann ich Euch an diesem Wochenende leider kein neues Buch empfehlen. Wahrscheinlich lest ihr von mir wieder in einer Woche.

Passt bis dahin auf Euch auf.

Samstag, 8. Mai 2021

# 289 - Igor Levit: Nicht einfach "nur ein Pianist"

Wer sich für Musik interessiert, wird seinen Namen schon einmal gehört haben; wer sich insbesondere für klassische Klaviermusik interessiert, kommt an ihm praktisch nicht vorbei: Der Pianist Igor Levit hat sich in der Musikwelt längst einen Namen gemacht und lockt auf der ganzen Welt viele Menschen in seine Konzerte.

Der Journalist Florian Zinnecker hat Igor Levit ein Konzertjahr lang begleitet. Es gab persönliche Treffen, Telefonate und E-Mails. Hin und wieder habe ich in Feuilletons gelesen, bei dem so entstandenen Buch Hauskonzert handele es sich um eine Biografie. Man kann angesichts Levits Alter (34) und des relativ kurzen Zeitraums, in dem sich der Kontakt zwischen Levit und Zinnecker abgespielt hat (Dezember 20019 bis August 2020), durchaus anderer Meinung sein.

Was das Buch aber auf jeden Fall ist: ein Porträt, das sich nicht nur mit dem erfolgreichen Musiker Igor Levit beschäftigt, sondern auch mit dessen Persönlichkeit. Levit blickt zurück auf sein Leben, in dem sich seine Kindheit als große Leerstelle erweist: Wie er sich in seiner Geburtsstadt Gorki gefühlt hat, wie seine ersten Lebensjahre verlaufen sind - Levits Erinnerungen an viele Dinge sind nur verschwommen und werden von denen seiner Mutter Elena ergänzt.

Präsent sind hingegen die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit. Freundschaften entstehen, verfestigen sich und werden beendet - durch den Tod oder weil die jeweiligen Wege auseinandergehen.

Levits künstlerischer Erfolg war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viele Rückschläge markierten seinen sich über etliche Jahre hinziehenden Aufstieg in die Musikelite. Seine musikalische Ausbildung erhielt er überwiegend an der renommierten Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, wo er seit 2019 auch eine Professur inne hat.

Die Musik nimmt ohne Frage einen großen Teil von Levits Leben ein. Der Pianist ist jedoch auch ein politischer Mensch, der sich immer wieder über seinen Twitter-Account zu Antisemitismus und Rassismus äußert. Das hat ihm nicht nur Freunde eingebracht, sondern auch reichlich Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.
Vielen Menschen wurde er erst durch seine Aktivitäten dort bekannt: Als mit dem Beginn der Pandemie sich im März 2020 auch die Türen der Konzertsäle auf unbestimmte Zeit schlossen, entschied sich Levit spontan zu seinen Hauskonzerten auf Twitter. Das erste fand am 12. März statt, er spielte die Waldsteinsonate von Beethoven. 80.000 Menschen haben live zugesehen. 52 Hauskonzerte waren es, das letzte gab es am 4. Mai 2020. Diese Konzerte, die mithilfe von Smartphones übertragen wurden, waren für Igor Levit wichtig, weil er auf diese Weise vor Publikum spielen konnte und einen Grund hatte, sich ans Klavier zu setzen.

Die Pandemie ist für Levit wie für jeden anderen Künstler eine große Katastrophe. Es geht nicht nur um fehlende Einkünfte, sondern auch um die große Leere, die sich auf die Psyche niederschlägt. Seine Rettung sind die Menschen, die ihm nahestehen, und die Musik, die er vor Publikum spielt.
Levit neigt zu spontanen Entschlüssen, und aus einer Laune heraus beschloss er, die Vexations des französischen Komponisten Erik Satie zu spielen: ein Thema und zwei Variationen, die sich 840 Mal wiederholen. Das Stück symbolisiert für Levit die Leere, die durch die Schließung der Konzertsäle und den gleichgültigen Umgang der verantwortlichen Politiker damit entstanden ist. Das Spielen dieses monotonen Stücks dauerte vierzehneinhalb Stunden und ist für den Pianisten wie eine Vertonung der Schmerzensschreie der Kunst.

In Hauskonzert kommt man Igor Levit sehr nah. Das gelingt noch besser, wenn man während des Lesens die Stücke hört, die ihm wichtig sind. 

Lesen?

Um sich für Igor Levit zu interessieren, muss man kein Fan von Klaviermusik sein. Das Buch gibt nicht nur Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern auch in unsere Gesellschaft, in der es Menschen gibt, die andere wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft angreifen und bedrohen. Levit musste sogar erleben, dass sich ein bekannter deutscher Musikkritiker mit antisemitischen Zwischentönen über die Art des Pianisten, Beethoven zu spielen, äußerte und sich dabei eines im Nationalsozialismus verbreiteten Narrativs bediente, wonach jüdische Künstler außerhalb der deutschen geschichtlichen Gemeinsamkeit aufgewachsen und deshalb nicht zu einer eigenen Schöpfung in der Lage sind, sondern die wahre Kunst nur nachahmen. Diese Äußerung stammt aus einem Aufsatz von Richard Wagner aus dem Jahr 1850. Levit wird (glücklicherweise) nicht müde, gegen diese Entwicklung Stellung zu beziehen. Leseempfehlung!

Hauskonzert  ist 2021 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.

Sonntag, 14. Juni 2020

# 244 - Und wieder mal Corona...

Man sollte meinen, dass es in den letzten Monaten genug Veröffentlichungen und Äußerungen im Zusammenhang mit Covid-19 gegeben hat. Ich finde das übrigens auch und hatte eigentlich nicht vor, noch mehr als die tagesaktuellen Meldungen darüber zu lesen. Aber der Zufall spülte mir beim Durchsehen des Angebots der Onleihe die Anthologie Corona und wir auf den Bildschirm. Da war meine Neugier, was die 32 Autorinnen und Autoren der geneigten Leserschaft zum Thema zu sagen haben, dann doch geweckt.

Es gibt grundsätzlich Einigkeit darüber, dass die uns bekannte Welt sich "nach Corona" anders präsentieren wird. Wie genau, darüber gehen die Meinungen allerdings weit auseinander. Die Äußerungen der Experten aus den verschiedensten Disziplinen könnte man vielleicht so zusammenfassen, wie es schon Sokrates vor mehr als 2.400 Jahren getan hat: "Ich weiß, dass ich nicht weiß." Ein Grund, dieses Buch zur Hand zu nehmen, um sich ein bisschen mehr Orientierung und Überblick zu verschaffen.

Corona und wir ist nicht einseitig ausgerichtet; es kommen Fachleute zu Wort, die die aktuelle und (mutmaßliche) künftige Situation aus verschiedenen Blickwinkeln einschätzen und zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen. 

Da ist zum Beispiel die Journalistin und Historikerin Anne Applebaum, die die drastischen Beschränkungen anlässlich der Pandemie sehr kritisch betrachtet und insbesondere die Grenzschließungen nicht befürwortet: Sie kritisiert die aktionistische Art und Weise der nationalen Abschottungen, hinter der keine Planung steckte. Sie weiß um die Popularität dieser Handlungsweise, die jedoch die Verbreitung des Virus' nicht aufhalten konnte. Viele Menschen können sich für hartes staatliches Durchgreifen begeistern und beugen sich, wenn sie vor etwas Angst haben.

Mit dieser Haltung ist Applebaum nicht allein. Aber die MIT-Professorin Esther Duflo und und der ebenfalls am MIT lehrende Professor Abhijit V. Banerjee weisen auch auf die Notwendigkeit eines Staates hin, der funktioniert: "Damit in Notzeiten ein gut regierter Staat für uns da ist, müssen wir in normalen Zeiten einen solchen Staat fördern und auch erwarten."

Doch auch Schriftsteller wie Luca D'Andrea kommen zu Wort. Er macht sich über den Unterschied zwischen Angst und Panik Gedanken, sein Leben vor und nach Covid-19 und die Verbreitung der Krankheit in seiner Heimat Italien.

Ich will an dieser Stelle nicht auf jede/n Einzelne/n in diesem Buch eingehen. Aber den Hinweis des Psychologen Gerd Gigerenzer möchte ich noch aufgreifen: Er hält unsere Risikokompetenz für nicht ausreichend. Die Gesellschaft muss lernen, mit Ungewissheiten zu leben und darf sich nicht von ihnen in Geiselhaft nehmen lassen. Er erläutert, warum ausgerechnet Covid-19 sowie in den vergangenen Jahren die Vogel- oder die Schweinegrippe der Bevölkerung Angst gemacht haben, nicht aber in diesem Ausmaß die Bedrohung durch beispielsweise Krankenhauskeime, mit denen sich jährlich in Deutschland bis zu 600.000 Menschen infizieren und an denen 10.000 bis 20.000 Menschen versterben - ebenfalls Jahr für Jahr.

Lesen?

 

Corona und wir habe ich zunächst skeptisch zur Hand genommen. Wie das so ist mit unterschiedlichen Ansichten, haben mich einige Texte nicht überzeugt, weil mir die Argumente nicht schlüssig erschienen. Aber das ist ein normaler Prozess, wenn man sich verschiedenen Positionen nähert. Ich empfehle das Buch, weil es dazu beiträgt, die eigenen Ansichten zu hinterfragen und möglicherweise neu auszurichten.

Die Erlöse aus dem Verkauf der Anthologie gehen an das Sozialwerk des deutschen Buchhandels. Mit ihnen werden unverschuldet in Not geratene Buchhändler unterstützt und die berufliche Aus- und Weiterbildung bedürftiger junger Buchhändler gefördert.

Corona und wir ist im Penguin Verlag erschienen und wurde nur als E-Book herausgegeben. Es kostet 9,99 Euro.

Samstag, 7. März 2020

Nichts los in Leipzig? Die Absage der Buchmesse bringt einiges durcheinander

Ausnahmsweise schreibe ich diesmal nicht über ein Buch, sondern über ein ausgefallenes Großereignis: die Leipziger Buchmesse. Vom 12. bis zum 15. März 2020 sollte sie gehen. Viele Buchfans hatten sich auf die Messe gefreut, Verlage sich einen Umsatzschub erhofft. Insbesondere für die kleineren von ihnen ist die Absage bitter. Aber dann kam das, was in den Medien undeutlich als "das Corona-Virus" bezeichnet wird, als gäbe es nur eines davon.Nun heißt das Virus offiziell "SARS-CoV 2" und die von ihm verursachte Krankheit "Covid-19". Hier steht ein bisschen mehr darüber.

Mittlerweile sind die Menschen aufgrund des medialen Trommelfeuers so verunsichert, dass Hamsterkäufe getätigt werden. Handseife ist genau wie Toilettenpapier, Nudeln oder Lebensmittel in Dosen so begehrt, dass die Regale in manchen Supermärkten große Lücken aufweisen. Apotheker haben oft kein Desinfektionsmittel mehr. Mir wurde sogar erzählt, dass es Leute gibt, die sich auf Krankenhausfluren herumdrücken und sich dort beim Toilettenpapier und dem Handdesinfektionsmittel bedienen. Ziemlich erbärmlich ist das, was manche da abliefern, kaum, dass ihnen ein kleines Krisenlüftchen um die Nase weht. Man mag sich kaum vorstellen, was passiert, wenn wir irgandwann mal eine echte Krise haben sollten.

Wegen Covid-19 wurde neun Tage vor ihrem geplanten Start die Leipziger Buchmesse abgesagt. Zum Zeitpunkt der Absage war ich zufällig in Leipzig und habe mir die Stadt angesehen. Wer Leipzig besser kennt, dem sagt wahrscheinlich die "Runde Ecke" etwas. Das ist eine Gedenkstätte in der Innenstadt, die anhand von Originalexponaten zeigt, wie die Stasi es geschafft hat, die Bevölkerung zu überwachen, zu unterdrücken und einzuschüchtern. Sehr interessant, der Besuch lohnt sich. Die Gedenkstätte befindet sich in den Räumen der Stasi-Bezirksverwaltung, wo auch ein Büro oder eine Zelle für Untersuchungshäftlinge gezeigt werden.

Auf einem Tisch in der Nähe des Eingangs lag dieser Flyer. Die Gedenkstätte hatte für die Buchmesse ein eigenes umfangreiches Programm unter dem Motto "Leipzig liest" vorbereitet, das darin ausführlich vorgestellt wurde. Unter diesem Motto tun das zu jeder Buchmesse zahleiche Veranstalter außerhalb des Messegeländes. 

Für die ersten drei Messetage waren sechs bis sieben Termine für Lesungen vorgesehen, am letzten Tag sollte eine Matinee-Lesung stattfinden. So ein Programm auszuarbeiten, den Termin vorzubereiten etc. ist sehr aufwendig. Die Enttäuschung, dann alles vergeblich getan zu haben, muss beim Planungsteam riesengroß gewesen sein.

Doch gleich neben dem Flyer lag ein Informationsblatt. Mit seiner leuchtend gelben Farbe war es nicht zu übersehen. "Leipzig liest doch" war es übertitelt und teilte mit, dass alle Termine wie geplant stattfinden würden. Aus diesen Worten spricht eine "Jetzt erst recht"-Mentalität, der Wunsch, sich nicht so einfach unterkriegen zu lassen. Ich werde dann leider nicht mehr in Leipzig sein. Ich wünsche den Machern der "Runden Ecke" aber, dass ihre Veranstaltungsreihe ein Erfolg und ihre Mühe nicht vergeblich gewesen sein wird. Trotz Covid-19.