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Samstag, 24. September 2022

Corona-Pause in der Bücherkiste

Das war so nicht geplant, aber man kann nicht alles
vorhersehen. Seit Kurzem hat sich hier ein Gast breit gemacht, den niemand eingeladen hat: das 
SARS-CoV-2-Virus, umgangssprachlich "Corona". Das Ding braucht kein Mensch. Der Gast löst einiges aus, unter anderem, dass ich mich im Augenblick nicht lange auf einen Text konzentrieren kann - egal, ob ich ihn lese oder schreibe.

Darum kann ich Euch an diesem Wochenende leider kein neues Buch empfehlen. Wahrscheinlich lest ihr von mir wieder in einer Woche.

Passt bis dahin auf Euch auf.

Freitag, 8. Juli 2022

# 355 - Ein großer Roman über ein hundertjähriges Leben

Die chilenisch-amerikanische Erfolgsautorin Isabel Allende ist in ihrem neuesten Roman Violeta einem vertrauten Muster treu geblieben: Sie setzt sich auch hier für die Rechte der Frauen ein und hat folgerichtig eine Frau in den Mittelpunkt gestellt.

Violeta del Valle wird 1920 als jüngstes Kind einer bürgerlichen Familie in Südamerika geboren. Zu dieser Zeit bahnt sich die Spanische Grippe ihren Weg in ihre Heimat. Der Vater handelt jedoch vorausschauend und schickt die ganze Familie in häusliche Quarantäne. Alle überleben, aber die später folgende Weltwirtschaftskrise bricht ihnen finanziell das Genick. Die Schande treibt den Vater in den Selbstmord, die Familie ist nun nahezu mittelos. 

Violetas älterer Bruder schickt seine Schwester, die Mutter, die Tanten und das britische Kindermädchen in das wilde Hinterland, wo sie bei einem älteren Lehrerehepaar unterkommen. Die Lebensverhältnisse sind sehr einfach, doch die Familie gewöhnt sich irgendwann daran. Hier wächst Violeta zu einer jungen Frau heran, die ihrem Herzen folgt. Sie heiratet einen wohlhabenden deutschen jungen Mann und kommt so mit dem Nationalsozialismus in Berührung. Doch diese Ehe soll nicht ihre einzige bleiben.

Isabel Allende hat ihren Roman als Violetas Brief an ihren Enkel Camilo angelegt, in dem diese nicht nur über die Höhen und Tiefen schreibt, die sie im Laufe der Jahrzehnte erlebt hat, sondern auch historische Begebenheiten einflicht. Violeta entwickelt sich von einem Anhängsel ihres ersten Mannes zu einer eigenständigen Frau, die ihr eigenes Geld verdient, häusliche Gewalt erlebt und dagegen ankämpft. Immer wieder werden gesellschaftliche Themen aufgegriffen wie z. B. der Kampf der Frauen um das Wahlrecht und ein selbstbestimmtes Leben.

Violeta enthält unübersehbare Parallelen zu Allendes eigener Geschichte: Die Schriftstellerin ist zum dritten Mal verheiratet, hatte etliche Affären und hat ebenso wie ihre Protagonistin ein Kind verloren. Sogar die Situation, wegen einer Krise flüchten zu müssen, hat Allende selbst erlebt.

Lesen?

Violeta ist ein großer Familienroman, der in einer Pandemie beginnt und hundert Jahre später, kurz vor Violetas Tod, in einer anderen - der heutigen - Pandemie endet. Allende beschreibt Violeta sehr facettenreich, in Bezug auf deren Kinder sind allerdings nur wenige tiefe Emotionen spürbar. Violeta kümmert sich zwar um sie, doch das Verhältnis zu ihnen wirkt distanziert.

Der Schreibstil des Romans wirkt etwas irritierend: So, wie Allende formuliert, würde man nicht einen persönlichen Brief schreiben. Mit Ausnahme einiger hin und wieder eingestreuter Passagen, in denen Violeta ihren Enkel direkt anspricht, passt die Wortwahl zu einer romanhaften Erzählung, aber nicht zu einem persönlichen und sehr privaten Schriftstück. Davon unabhängig ist das Buch sehr lesenswert und bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte Südamerikas während der letzten einhundert Jahre.

Violeta ist 2022 im Suhrkamp Verlag erschienen und kostet als gebundenes Buch 26 Euro, als E-Book 21,99 Euro sowie als Hörbuch-Download 18,95 Euro.


Sonntag, 6. März 2022

338 - Dystopie mit Auffangnetz

John Ironmonger hat sich in seinem 2019 erschienenen Buch Der Wal und das Ende der Welt die Frage gestellt, wie es sein würde, wenn die Welt von einem extrem gefährlichen Virus bedroht werden würde. Nein, kein Corona-, sondern ein extrem gefährlicher Grippevirus ist es, der die Menschheit existenziell bedroht.

Ironmonger wurde durch  ein Forschungsprojekt auf die Idee zu seinem Buch gebracht, von dem er 2014 erfahren hatte. Der an der University of Wisconsin-Madison beschäftigte Wissenschaftler Yoshihiro Kawaoka hatte auf der Grundlage des Erregers der Spanischen Grippe eine besonders aggressive Virusmutation entwickelt, die dem menschlichen Immunsystem entgehen kann. Das Projekt war sehr umstritten und Kawaoka hat wegen der Gefährlichkeit der neuen Virusmutation seine Forschungsergebnisse nicht veröffentlicht. Das Ergebnis seiner Arbeit liegt seitdem in einem Hochsicherheitslabor.

Die Hauptperson des Romans ist Jason "Joe" Haak, ein junger Mathematiker, der als Analyst bei einer Investmentbank arbeitet. Um besonders erfolgreich bei Leerverkäufen von Aktien zu sein, entwickelt Joe das Programm "Cassie", das Krisen in einem begrenzten Zeitraum berechnen und vorhersagen kann. Doch dann scheint Cassie zu versagen, der Bank entstehen Millionenverluste. Joe verlässt fluchtartig seinen Arbeitsplatz.

Verzweifelt fährt er ziellos umher, bis die Straße in dem kleinen abgelegenen Fischerdorf St. Piran in Cornwall endet. Hier geht Joe nackt in den Atlantik, um seinem irdischen Dasein ein Ende zu machen. Doch der Plan geht nicht auf: Durch die Welle, die ein auftauchender Finnwal verursacht, wird er an den Strand gespült. Joe überlebt, doch einen Tag später wird ein Finnwal an den Strand von St. Piran gespült, der nicht aus eigener Kraft zurück ins Meer kommt. Joe motiviert die Dorfbewohner, das Tier mit vereinten Kräften zu retten, und wird für die Einheimischen zum Helden.

Joe lässt der Gedanke an Cassie jedoch keine Ruhe und er wählt sich in das Programm ein. Was er dort sieht, lässt Böses ahnen: Ein offenbar sehr aggressiver Grippevirus hat seine Wanderung um die Erde angetreten. Joe ist sofort klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis auch in den Dörfern Cornwalls die ersten Menschen erkranken und sterben würden. Er beschließt, Vorsorge zu treffen und sein ganzes Vermögen einzusetzen, um die Menschen in St. Piran vor diesem Schicksal zu retten. Cassie kann zwar Ereignisse und ihre Auswirkungen bewerten, nicht aber, wie sich Menschen in Notlagen verhalten. Liegt hierin eine Chance?

Lesen?

John Ironmonger nimmt sowohl bei Thomas Hobbes' Leviathan, der biblischen Geschichte "Jona und der Wal" als auch dem Buch "Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" des Pulitzer-Preisträgers Jared Diamond Anleihen. Er macht sich darüber Gedanken, inwieweit es noch einen gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt, wenn eine riesige Katastrophe über uns hereinbricht.

St. Piran hält zusammen, obwohl die 307 Bewohnerinnen und Bewohner keine homogene Gemeinschaft sind. Ironmonger erzählt von Geheimnissen, ungewöhnlichen Fähigkeiten einzelner Menschen und - das darf wohl nicht fehlen - der Liebe. Es geht in seinem Buch um Ethik und Moral sowie den unbedingten Willen, das eigene Leben und das der Mitmenschen zu erhalten.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung möchte ich nicht abgeben. Der Roman gehört zwar zu der Sorte, die man zur Hand nimmt und erst nach dem Lesen der letzten Seite wieder weglegt; dennoch empfinde ich ihn in der Gesamtschau als zu weichgespült und in weiten Teilen vorhersehbar. Das Ende, das sich Ironmonger für seinen Helden Joe überlegt hat, habe ich als unglaubwürdig und merkwürdig empfunden. Der Wal und das Ende der Welt ist so etwas wie eine Dystopie light.

Der Roman ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als Hörbuch 9,99 Euro.

 

Samstag, 8. Mai 2021

# 289 - Igor Levit: Nicht einfach "nur ein Pianist"

Wer sich für Musik interessiert, wird seinen Namen schon einmal gehört haben; wer sich insbesondere für klassische Klaviermusik interessiert, kommt an ihm praktisch nicht vorbei: Der Pianist Igor Levit hat sich in der Musikwelt längst einen Namen gemacht und lockt auf der ganzen Welt viele Menschen in seine Konzerte.

Der Journalist Florian Zinnecker hat Igor Levit ein Konzertjahr lang begleitet. Es gab persönliche Treffen, Telefonate und E-Mails. Hin und wieder habe ich in Feuilletons gelesen, bei dem so entstandenen Buch Hauskonzert handele es sich um eine Biografie. Man kann angesichts Levits Alter (34) und des relativ kurzen Zeitraums, in dem sich der Kontakt zwischen Levit und Zinnecker abgespielt hat (Dezember 20019 bis August 2020), durchaus anderer Meinung sein.

Was das Buch aber auf jeden Fall ist: ein Porträt, das sich nicht nur mit dem erfolgreichen Musiker Igor Levit beschäftigt, sondern auch mit dessen Persönlichkeit. Levit blickt zurück auf sein Leben, in dem sich seine Kindheit als große Leerstelle erweist: Wie er sich in seiner Geburtsstadt Gorki gefühlt hat, wie seine ersten Lebensjahre verlaufen sind - Levits Erinnerungen an viele Dinge sind nur verschwommen und werden von denen seiner Mutter Elena ergänzt.

Präsent sind hingegen die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit. Freundschaften entstehen, verfestigen sich und werden beendet - durch den Tod oder weil die jeweiligen Wege auseinandergehen.

Levits künstlerischer Erfolg war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viele Rückschläge markierten seinen sich über etliche Jahre hinziehenden Aufstieg in die Musikelite. Seine musikalische Ausbildung erhielt er überwiegend an der renommierten Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, wo er seit 2019 auch eine Professur inne hat.

Die Musik nimmt ohne Frage einen großen Teil von Levits Leben ein. Der Pianist ist jedoch auch ein politischer Mensch, der sich immer wieder über seinen Twitter-Account zu Antisemitismus und Rassismus äußert. Das hat ihm nicht nur Freunde eingebracht, sondern auch reichlich Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.
Vielen Menschen wurde er erst durch seine Aktivitäten dort bekannt: Als mit dem Beginn der Pandemie sich im März 2020 auch die Türen der Konzertsäle auf unbestimmte Zeit schlossen, entschied sich Levit spontan zu seinen Hauskonzerten auf Twitter. Das erste fand am 12. März statt, er spielte die Waldsteinsonate von Beethoven. 80.000 Menschen haben live zugesehen. 52 Hauskonzerte waren es, das letzte gab es am 4. Mai 2020. Diese Konzerte, die mithilfe von Smartphones übertragen wurden, waren für Igor Levit wichtig, weil er auf diese Weise vor Publikum spielen konnte und einen Grund hatte, sich ans Klavier zu setzen.

Die Pandemie ist für Levit wie für jeden anderen Künstler eine große Katastrophe. Es geht nicht nur um fehlende Einkünfte, sondern auch um die große Leere, die sich auf die Psyche niederschlägt. Seine Rettung sind die Menschen, die ihm nahestehen, und die Musik, die er vor Publikum spielt.
Levit neigt zu spontanen Entschlüssen, und aus einer Laune heraus beschloss er, die Vexations des französischen Komponisten Erik Satie zu spielen: ein Thema und zwei Variationen, die sich 840 Mal wiederholen. Das Stück symbolisiert für Levit die Leere, die durch die Schließung der Konzertsäle und den gleichgültigen Umgang der verantwortlichen Politiker damit entstanden ist. Das Spielen dieses monotonen Stücks dauerte vierzehneinhalb Stunden und ist für den Pianisten wie eine Vertonung der Schmerzensschreie der Kunst.

In Hauskonzert kommt man Igor Levit sehr nah. Das gelingt noch besser, wenn man während des Lesens die Stücke hört, die ihm wichtig sind. 

Lesen?

Um sich für Igor Levit zu interessieren, muss man kein Fan von Klaviermusik sein. Das Buch gibt nicht nur Einblicke in seine Persönlichkeit, sondern auch in unsere Gesellschaft, in der es Menschen gibt, die andere wegen ihres Glaubens oder ihrer Herkunft angreifen und bedrohen. Levit musste sogar erleben, dass sich ein bekannter deutscher Musikkritiker mit antisemitischen Zwischentönen über die Art des Pianisten, Beethoven zu spielen, äußerte und sich dabei eines im Nationalsozialismus verbreiteten Narrativs bediente, wonach jüdische Künstler außerhalb der deutschen geschichtlichen Gemeinsamkeit aufgewachsen und deshalb nicht zu einer eigenen Schöpfung in der Lage sind, sondern die wahre Kunst nur nachahmen. Diese Äußerung stammt aus einem Aufsatz von Richard Wagner aus dem Jahr 1850. Levit wird (glücklicherweise) nicht müde, gegen diese Entwicklung Stellung zu beziehen. Leseempfehlung!

Hauskonzert  ist 2021 im Hanser Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 24 Euro sowie als E-Book 17,99 Euro.