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Freitag, 16. August 2024

# 448 - Roman über eine Gesellschaftsordnung im freien Fall

Republik Irland, zu einem nicht näher bezeichneten
Zeitpunkt der heutigen Welt. Die Bevölkerung spürt ein politisches Grummeln, aber noch sind die Verhältnisse wie gewohnt: geordnet und verlässlich. Doch schon auf den ersten Seiten des Romans Das Lied des Propheten des irischen Schriftstellers Paul Lynch ist zu spüren, dass sich da etwas verschiebt. Die Menschen nehmen diese schleichenden Veränderungen jedoch nicht ernst: Die Kinder fahren zur Schule, man geht seinen Berufen nach und hält Haus und Garten in Ordnung.

Die rechtsgerichtete National Alliance Party (NAP) ist dabei, das Land nach ihren Vorstellungen zu verändern. Das Ziel: Totalitarismus. Dagegen formiert sich allmählich Protest, wenngleich die meisten Bürgerinnen und Bürger den Mund halten. Der Alltag der Menschen wird durch immer neue Notverordnungen geregelt, die nach und nach die Bürgerrechte aushebeln. Die Anzeichen für einen gewaltsamen Aufstand der Rebellen werden immer deutlicher. Es ist beim Lesen zu spüren, dass nur noch ein kleiner Funke fehlt, damit es zu einer Eskalation kommt, bei der Waffen das Sagen haben.

Auch die in Dublin lebende sechsköpfige Familie Stack beobachtet die Situation, vertraut aber darauf, dass der Staat nicht gegen seine eigenen Bürger vorgehen wird. Vater Larry Stack ist Lehrer und hoher Gewerkschaftsfunktionär. Als solcher tritt er für eine bessere Bezahlung für seine Kolleginnen und Kollegen ein. An einem regnerischen Abend tauchen zwei Mitglieder der neu gegründeten Geheimpolizei bei den Stacks auf, um Larry zu verhören. Den Protest der Lehrerschaft nimmt die NAP zum Anlass, die Maske fallen zu lassen: Obwohl es sich bei den Demonstrationen um legale Aktionen handelt, werden alle Gewerkschaftsführer festgenommen. Zu den Inhaftierten gehört auch Larry, der seitdem wie vom Erdboden verschluckt ist. Der Kontakt zu einem Anwalt wird ihm widerrechtlich verwehrt. Eilish macht ihrer Verzweiflung Luft, indem sie auf den Punkt bringt, warum es so weit kommen konnte:

"Ich habe selbst im Gesetz nachgeschaut, in den Verträgen, das ist ein eklatanter Bruch internationalen Rechts, [...] warum dürfen die machen, was sie wollen, warum hat niemand Stopp geschrien?"

Binnen kurzer Zeit verändert sich das Leben der Stacks um 180 Grad. Mutter Eilish, eine Wissenschaftlerin, versucht nicht nur, ihren Mann zu finden, sondern ihren vier Kindern so lange es geht ein normales Leben zu ermöglichen. Aber die Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den Rebellen nehmen das Ausmaß eines Krieges an, in dem die toten und verletzten Bürgerinnen und Bürger nur Kollateralschäden sind. Das gesamte System erodiert, es gilt das Recht des Stärkeren. Lebensmittel werden knapp, Wucherer bereichern sich an der Krise und verlangen horrende Preise. Krankenhäuser arbeiten nur noch eingeschränkt. Das Land versinkt im Chaos.

Eilishs in Kanada lebende Schwester bietet ihr Unterstützung an, Irland zu verlassen und mit ihrer Familie zu ihr zu kommen. Aber die Mutter hofft auf Larrys Rückkehr und schafft es nicht, ihren in der Nähe lebenden dementen Vater im Stich zu lassen. In seinen klaren Momenten rät dieser seiner Tochter ebenfalls eindringlich, sich so schnell wie möglich auf den Weg zu machen, bevor es zu spät ist. 

Als sich ihr ältester Sohn den Rebellen anschließt und ihr Haus von einer Granate getroffen wird, ändert Eilish ihre Meinung. Doch dann wird ihr zweiter Sohn durch einen Granatsplitter verwundet und muss im Krankenhaus behandelt werden. Die ohnehin schon dramatische Situation verschärft sich auf eine unerwartete Weise, die Eilish nicht für möglich gehalten hätte.

Lesen?

Mit Das Lied des Propheten ist Paul Lynch ein eindringlicher Roman gelungen. Er zeigt, wie fragil eine stabil wirkende demokratische Gesellschaftsordnung tatsächlich ist, wenn dem Treiben faschistischer Kräfte zu lange tatenlos zugesehen wird. Die Handlung bekommt in dem Maß, in dem sich die Krise für das Land und die Familie Stack zuspitzt, eine immer stärkere Eindringlichkeit. Lynch zeigt deutlich, dass eine Selbstbeschwichtigung à la "So etwas kann hier nicht passieren" der falsche Umgang mit Parteien und Personen ist, die ein Land umkrempeln und in eine Autokratie verwandeln wollen. 

Das Lied des Propheten erschien 2023 unter dem Originaltitel Prophet Song. Paul Lynch erhielt im selben Jahr für seinen Roman den renommierten britischen Booker Prize. 2024 erschien das Buch in der Übersetzung von Eike Schönfeld im Verlag Klett-Cotta. Es kostet in der gebundenen Ausgabe 26 Euro sowie als E-Book 20,99 Euro.

Sonntag, 6. März 2022

338 - Dystopie mit Auffangnetz

John Ironmonger hat sich in seinem 2019 erschienenen Buch Der Wal und das Ende der Welt die Frage gestellt, wie es sein würde, wenn die Welt von einem extrem gefährlichen Virus bedroht werden würde. Nein, kein Corona-, sondern ein extrem gefährlicher Grippevirus ist es, der die Menschheit existenziell bedroht.

Ironmonger wurde durch  ein Forschungsprojekt auf die Idee zu seinem Buch gebracht, von dem er 2014 erfahren hatte. Der an der University of Wisconsin-Madison beschäftigte Wissenschaftler Yoshihiro Kawaoka hatte auf der Grundlage des Erregers der Spanischen Grippe eine besonders aggressive Virusmutation entwickelt, die dem menschlichen Immunsystem entgehen kann. Das Projekt war sehr umstritten und Kawaoka hat wegen der Gefährlichkeit der neuen Virusmutation seine Forschungsergebnisse nicht veröffentlicht. Das Ergebnis seiner Arbeit liegt seitdem in einem Hochsicherheitslabor.

Die Hauptperson des Romans ist Jason "Joe" Haak, ein junger Mathematiker, der als Analyst bei einer Investmentbank arbeitet. Um besonders erfolgreich bei Leerverkäufen von Aktien zu sein, entwickelt Joe das Programm "Cassie", das Krisen in einem begrenzten Zeitraum berechnen und vorhersagen kann. Doch dann scheint Cassie zu versagen, der Bank entstehen Millionenverluste. Joe verlässt fluchtartig seinen Arbeitsplatz.

Verzweifelt fährt er ziellos umher, bis die Straße in dem kleinen abgelegenen Fischerdorf St. Piran in Cornwall endet. Hier geht Joe nackt in den Atlantik, um seinem irdischen Dasein ein Ende zu machen. Doch der Plan geht nicht auf: Durch die Welle, die ein auftauchender Finnwal verursacht, wird er an den Strand gespült. Joe überlebt, doch einen Tag später wird ein Finnwal an den Strand von St. Piran gespült, der nicht aus eigener Kraft zurück ins Meer kommt. Joe motiviert die Dorfbewohner, das Tier mit vereinten Kräften zu retten, und wird für die Einheimischen zum Helden.

Joe lässt der Gedanke an Cassie jedoch keine Ruhe und er wählt sich in das Programm ein. Was er dort sieht, lässt Böses ahnen: Ein offenbar sehr aggressiver Grippevirus hat seine Wanderung um die Erde angetreten. Joe ist sofort klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis auch in den Dörfern Cornwalls die ersten Menschen erkranken und sterben würden. Er beschließt, Vorsorge zu treffen und sein ganzes Vermögen einzusetzen, um die Menschen in St. Piran vor diesem Schicksal zu retten. Cassie kann zwar Ereignisse und ihre Auswirkungen bewerten, nicht aber, wie sich Menschen in Notlagen verhalten. Liegt hierin eine Chance?

Lesen?

John Ironmonger nimmt sowohl bei Thomas Hobbes' Leviathan, der biblischen Geschichte "Jona und der Wal" als auch dem Buch "Kollaps - Warum Gesellschaften überleben oder untergehen" des Pulitzer-Preisträgers Jared Diamond Anleihen. Er macht sich darüber Gedanken, inwieweit es noch einen gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt, wenn eine riesige Katastrophe über uns hereinbricht.

St. Piran hält zusammen, obwohl die 307 Bewohnerinnen und Bewohner keine homogene Gemeinschaft sind. Ironmonger erzählt von Geheimnissen, ungewöhnlichen Fähigkeiten einzelner Menschen und - das darf wohl nicht fehlen - der Liebe. Es geht in seinem Buch um Ethik und Moral sowie den unbedingten Willen, das eigene Leben und das der Mitmenschen zu erhalten.

Eine uneingeschränkte Leseempfehlung möchte ich nicht abgeben. Der Roman gehört zwar zu der Sorte, die man zur Hand nimmt und erst nach dem Lesen der letzten Seite wieder weglegt; dennoch empfinde ich ihn in der Gesamtschau als zu weichgespült und in weiten Teilen vorhersehbar. Das Ende, das sich Ironmonger für seinen Helden Joe überlegt hat, habe ich als unglaubwürdig und merkwürdig empfunden. Der Wal und das Ende der Welt ist so etwas wie eine Dystopie light.

Der Roman ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro, als Taschenbuch 12 Euro sowie als Hörbuch 9,99 Euro.

 

Freitag, 17. Juli 2020

# 249 - Leere Herzen

In Juli Zehs 2017 erschienenem Roman Leere Herzen werden dystopische Zukunftsentwürfe Wirklichkeit.

Wir sind im Jahr 2025. Angela Merkel wurde vor acht Jahren aus dem Amt gejagt und von Regula Freyer von der BBB - Besorgte Bürger Bewegung - nach einer demokratischen Wahl abgelöst. Die BBB legt seitdem immer neue 'Effizienzpakete' auf, die das bisherige politische System Zug um Zug verwässern und aufweichen.
Die Bürger sind in politischer Hinsicht so träge, dass sie die allmähliche Auflösung von demokratischen Standards eher gleichgültig registrieren: Eine Umfrage hat ergeben, dass sich die meisten Menschen bei der Wahl zwischen einer Waschmaschine und  ihrem Wahlrecht für die Waschmaschine entscheiden würden.

Die Hauptfigur des Buches ist Britta Söldner. Sie ist verheiratet, hat eine noch junge Tochter und ist in ihrem Beruf wirtschaftlich äußerst erfolgreich: Mit ihrem Geschäftspartner Barak, einem IT-Experten, betreibt sie Die Brücke, eine nach außen psychotherapeutische Heilpraxis, deren Hauptzweck es ist, Menschen mit einem ausgeprägten Todeswunsch an Organisationen zu vermitteln, die finden, dass ihren Zwecken mal wieder ein ordentliches Selbstmordattentat guttäte. Die Nachfrage ist immer da, der Laden brummt. Die geeigneten Attentäter werden in einem 12-stufigen Auswahlverfahren auf die Ausgeprägtheit ihres Selbstmordwunsches getestet. 
Brittas Mann und Freunde haben keine Ahnung, was tatsächlich hinter der Brücke steckt.

Britta findet nichts Verwerfliches an ihrem Tun, eher im Gegenteil: Der "klassische" Terrorismus ist am Ende, der 'Daesh' - der 'Islamische Staat' - existiert de facto nicht mehr, die Splittergruppen bekennen sich aber bereitwillig zu praktisch jedem Anschlag. Mit ihrem Geschäftskonzept hat sie eine Nische besetzt, in der sie und Barak ein Monopol inne haben. Anschläge laufen jetzt schön geordnet und strukturiert ab. Britta fehlt jede moralische Leitlinie und Empathie. Rücksichtslos verfolgt sie ihre Interessen, Skrupel sind ihr fremd. Das Interesse an der Gesellschaft und der Politik ist ihr im Laufe der letzten Jahre abhanden gekommen.

Doch dann wird am Leipziger Flughafen ein Anschlag verübt, der an Dilettantismus kaum zu überbieten ist. Gibt es da einen Konkurrenten, der Die Brücke aus dem Geschäft verdrängen will? Unvermittelt tritt der zwielichtige Multimillionär Guido Hatz auf den Plan, der sich ihrem Mann als Geschäftspartner anbietet. Hat dieser merkwürdige selbsternannte Geo-Heiler in Wirklichkeit Britta im Visier? Britta fühlt sich von Hatz beobachtet und verfolgt, schließlich gibt er ihr den "Rat", sich doch einfach mal eine Weile aus dem Geschäft zurückzuziehen. Dann wird in die Geschäftsräume der Brücke eingebrochen. Das Tempo der Handlung beschleunigt sich, plötzlich fühlt sich Britta existenziell bedroht. Sie begreift, dass sie und ihre Brücke von einer anderen Organisation für deren Zwecke missbraucht werden sollen. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod.

Lesen?

Ja. Juli Zeh hält ihren Lesern den Spiegel vor. Schon ihre Widmung weist darauf hin: "Da. So seid ihr." Und das, was Zeh schon vor drei Jahren beobachtet und kritisiert hat, ist bis heute nicht besser geworden: Das um sich greifende Phänomen, das gern freundlich als 'Politikverdrossenheit' bezeichnet wird, ist nichts anderes als die Gleichgültigkeit der saturierten Bürger, die allzu gern bereit sind, ihre demokratischen Rechte einzutauschen, wenn ihr Leben nur schön bequem verläuft. Ihr Roman ist ein Plädoyer dafür, die Beschäftigung mit der Politik nicht nur denen zu überlassen, die dies aus beruflichen Gründen tun.

Leere Herzen  ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro, als Taschenbuch 11 Euro (btb Verlag) sowie als E-Book 9,99 Euro.

 

Mittwoch, 8. August 2018

Sieht so unsere Zukunft aus?

Dystopische Perspektiven, die sich bald erfüllen könnten

 

Jens Thaele ist auf diesem Blog bereits mit seinem Buch Vom Yin und Yang der Digitalisierung vertreten, vor Kurzem hat er sich wieder zu Wort gemeldet: In Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. verpackt Thaele seine Kritik am Umgang mit der Digitalisierung in eine Kurzgeschichte. 

2017 - eine Bundestagswahl mit Schnarcheffekt

 

Thaele beginnt seine Dystopie mit dem Ergebnis der Bundestagswahl 2017, das vor allem bedeutete: Egal, um welche bedeutende Zukunftsfrage es gehen mag, die Regierung pflegt ein trantütiges "Weiter so" und verpasst wieder mal ihre Chancen und die des ganzen Landes. Doch der Diesel-Skandal führt dazu, dass ein vordergründig innovatives Thema auf den Schild gehoben wird: die Elektromobilität. Immerhin gilt es, so rasch wie möglich die Emissionsvorgaben der EU zu erfüllen. Das geht nach Ansicht der Bundesregierung nur mit elektrisch angetriebenen Fahrzeugen, die als der automobile Heilsbringer propagiert werden. Doch Thaele sieht auch für 2025 nicht, dass es mit dem Umweltschutz und der Klimarettung nennenswert voran gegangen wäre: Wie schon acht Jahre zuvor sind Stromtankstellen Mangelware, die Entwicklung einer geeigneten Speichertechnologie tritt ebenfalls auf der Stelle. Es fehlt außerdem an der intelligenten Vernetzung sowie leistungsfähigen Glasfaser-Netzen. Es rächt sich, dass sich Politik und Forschung auf strombetriebene Fahrzeuge festgelegt und nicht mehrere Möglichkeiten in den Fokus genommen haben. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wächst. Um dem Bürger eine erfolgreiche Energiewende vorzugaukeln, werden in der staatlich gelenkten Propagandazeitung positive Artikel veröffentlicht.

Der nächste Schritt: die Zensur der Medien

 

Nicht nur das voraussichtliche Versagen der Energiewende nimmt Thaele aufs Korn, sondern er zeigt auch auf, was passieren kann, wenn mit der Begründung, Fake-News, Hasskommentare und Kriminalität bekämpfen zu wollen, die Meinungs- und Pressefreiheit unter den Tisch fallen. Es entsteht eine Regierungsform, die der Autor als "Diktatur des politisch verordneten Wohlfühlens" bezeichnet. Sogar für das rauf und runter diskutierte Thema, wie man mit den ankommenden Flüchtlingen umgehen soll, wurde eine Lösung gefunden - die leider nicht den Flüchtlingen, sondern nur den Industrieländern nutzt und an Zynismus kaum zu überbieten ist. Doch die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte holen Deutschland und seine Nachbarn letztendlich ein.

Wie war's?

 

Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. ist eine Mini-Dystopie, in der sich Jens Thaele kritisch mit der aktuellen Politik auseinandersetzt. An der einen oder anderen Stelle hätte das Szenario meiner Meinung nach etwas mehr ausgestaltet werden können, aber es wird deutlich, was er uns mitteilen will: Mit der derzeitigen Entwicklung und Schwerpunktsetzung sind wir auf dem Holzweg.

Und morgen sind wir alle Elektro - oder tot. ist für 0,99 Euro als im Kindle-Format erhältlich.

  

Samstag, 10. Februar 2018

# 135 - Werden wir fremdgesteuert?

Neun Monate, in denen Deutschland kollabiert

 

In seinem Roman Mutwille schildert Kai Lüdders, wie ein demokratisches Land in kurzer Zeit in den gesellschaftlichen und politischen Abgrund geführt werden kann. 

Lobbyismus als schicksalhafte Kraft 



Paul Schneider arbeitet als Lobbyist für das Gesundheitsunternehmen Unity Medical Care (UMC) und wurde von dessen Chef Norman Bruckheimer persönlich eingestellt. Paul ist ehrgeizig und hat kein Verständnis für Menschen, die sich nicht fit halten, sondern ihre Gesundheit mit ihrem Lebensstil ruinieren. Für seinen Arbeitgeber verfolgt er das Ziel, die Deutschen zu einem gesundheitsbewussten Volk zu erziehen. 
Bruckheimer ist von der skrupellosen Sorte und treibt Paul zu immer neuen Aktionen an. Drei Wochen vor der Bundestagswahl nimmt Paul mit Peters, dem Vorsitzenden der noch jungen "Partei für Gesundheit und Ordnung" (PGO), Kontakt auf. Die PGO dümpelt zu diesem Zeitpunkt noch bei einer Zustimmungsquote von 5 %, aber Paul will Peters davon überzeugen, mit ihm und UMC eine erfolgreiche Zusammenarbeit einzugehen. Wer könnte da widerstehen? Gern lässt sich Peters beim Wahlkampf unter die Arme greifen, zumal die politische Arbeit für ihn nichts mit dem Wunsch nach einer gesellschaftlichen Veränderung zu tun hat, sondern die Partei nur Mittel zum Zweck ist: Peters hat bereits unternehmerisch versagt und will nun endlich mit der PGO Bedeutung erlangen und auf der politischen Bühne stehen.
Doch auch David Braun spielt in diesem Buch eine Rolle: Er ist Forscher beim Allgemeinen Entwicklungsinstitut für Krankheitsforschung (AEIK) und Mitarbeiter des allseits geachteten Prof. Teighaus. Ihm fallen zunächst die überdimensionierten Wahlplakate der PGO und kurz darauf die praktisch aus dem Boden schießenden Krankenhausneubauten des UMC auf. Zunächst kann er keinen Zusammenhang erkennen, doch das soll sich bald ändern.

 

Eine todbringende Seuche bricht über das Land herein


Praktisch aus dem Nichts bricht in Deutschland eine Lassa-Epidemie aus. Eine Heilung scheint nicht möglich zu sein, da es sich um ein mutiertes Virus handelt, für das noch kein Gegenmittel entwickelt worden ist. Die Zahl der Erkrankten steigt ständig, und schnell sind die Schuldigen ausgemacht: afrikanische Einwanderer. Für die Bevölkerung ist nicht erkennbar, was sich hier tatsächlich abspielt, aber eins ist klar: Alle, die Ähnlichkeit mit einem Afrikaner haben, haben auf Berlins Straßen nichts mehr zu lachen. Nur eine Handvoll Menschen weiß, was tatsächlich hinter dieser Epidemie steckt. Einer von ihnen ist  Paul Schneider, dem fast jedes Mittel recht ist, um in einem Staat zu leben, in dem die Gesundheit über alles geht. Dafür ist er bereit, alle seine moralischen Grundsätze über Bord zu werfen. In den Nachrichten ist bald von nichts anderem mehr die Rede als von der Epidemie, die "Breaking News" melden immer neue Horrorzahlen. Schnell macht die Meldung die Runde, dass bereits viereinhalb Millionen Menschen in Deutschland an Lassa erkrankt sein sollen. Die gesellschaftliche und politische Situation gerät außer Kontrolle, und UMC ergreift die günstige Gelegenheit, sich die Sendergruppe TeleDeutschland unter den Nagel zu reißen. Nun kann der stetig wachsende Konzern sein Aktionsfeld noch weiter vergrößern, während das öffentliche Leben praktisch zum Erliegen gekommen ist. Dass auch die politischen Mandatsträger angesichts der dramatischen Entwicklung im Land nicht ungeschoren davonkommen, ist klar. Letztlich bemerken viele der für den Fortgang des Romans wichtigen Personen zu spät, dass sie schon lange keine selbstständig Handelnden mehr sind, sondern nur Spielfiguren, die wie auf einem Schachbrett hin und her geschoben werden.

Wie war's?

 

Mutwille hat mich wegen seiner Thematik gereizt: Wie würde Kai Lüdders mit einem solchen Krisenszenario, das ganz Deutschland in den Zusammenbruch führt, umgehen? Würde es ihm gelingen, eine schlüssige und überzeugende Story rund um diesen Plot aufzubauen? Das Buch beginnt mit einer Szene, die einen Teil des Endes vorwegnimmt: Paul Schneider ist auf der Flucht und in so großer Not, dass er nicht zögert, auf seine Verfolger zu schießen. Damit ist nach zweieinhalb Seiten klar, dass sein Plan nicht funktioniert. 
Es gibt noch weitere Inhalte, die an der Glaubwürdigkeit des Buches kratzen: Innerhalb von drei Tagen soll sich die gesamte Bevölkerung in Arztpraxen und Krankenhäusern melden, um sich einem Lassa-Test zu unterziehen. Wie das bei 82 Millionen Menschen in diesem kurzen Zeitraum gehen soll, kann ich nicht nachvollziehen und wird auch nicht erklärt. Auch die Folgen, die eine solche Massendiagnostik für "normale" Patienten und das medizinische Personal haben würde, werden nicht thematisiert. Dass das Lassa-Virus außerdem nur in Speziallaboren, von denen es in Deutschland nur drei gibt, diagnostiziert werden kann, ist da nur eine Randerscheinung der Ungereimtheiten. 
Die Schilderung der Szenen rund um den Lassa-Ausbruch ist ebenfalls nicht stimmig: Die Menschen hamstern Vorräte und vor den Tankstellen bilden sich lange Autoschlangen, aber auf den Straßen ist es wie ausgestorben? Auch der Umstand, dass Lassa eine meldepflichtige Erkrankung ist und ihr Ausbruch von Gesundheitsbehörden erfasst und bekanntgegeben wird, spielt hier keine Rolle. Eine Unterstützung von Hilfsorganisationen, Nachbarstaaten oder gar der EU oder der WHO gibt es hier ebenfalls nicht. Da Mutwille jedoch in Deutschland spielt und der Fokus auf Berlin liegt, können die hiesigen Gegebenheiten auch für eine Dystopie nicht ignoriert werden.
Leider leidet der Roman auch unter einem mangelhaften Lektorat und Korrektorat, was den Lesefluss abbremst.  

Mutwille wurde mir von der Agentur Literaturtest zur Verfügung gestellt, wofür ich mich bedanke. Das Buch ist beim Velum Verlag (er wurde für dieses Buch gegründet) als Taschenbuch für 11,99 Euro und bei tredition als gebundene Ausgabe für 22,99 Euro erhältlich.
Von Literaturtest erhielt ich kürzlich die Nachricht, dass der Roman nachgedruckt wird, weil er zu viele Fehler enthält. Welche Fehler dabei korrigiert werden, ist mir nicht bekannt.