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Sonntag, 15. Februar 2026

# 498 - Über Tyrannei und was man ihr entgegensetzen kann

2017 erschien Über Tyrannei im C. H. Beck Verlag erstmals auf Deutsch, acht Jahre später kam das Buch des bekannten US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder, der an der Yale University lehrt, in einer Ausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung ohne die Illustrationen der Erstausgabe heraus. Wir erinnern uns: Im Januar 2017 begann Donald Trumps erste Amtszeit als US-Präsident; es ist sicher kein Zufall, dass On Tyranny in dieser Zeit herausgegeben wurde.

Snyder macht sich Sorgen um den Zustand der Demokratie in den USA, seine Ausführungen lassen sich aber auf jeden Staat übertragen, dessen demokratisches Gerüst Risse bekommen hat. Wer nun angesichts des Untertitels Zwanzig Lektionen für den Widerstand glaubt, dass es hier um eine Anleitung oder Anstiftung zu einem gewaltsamen Widerstand geht, liegt falsch. 

Die Warnungen, die Snyder 2017 ausgesprochen hat, haben mehr denn je ihre Berechtigung: In Trumps aktueller zweiten Amtszeit spielen sich Dinge ab, auf die der Wissenschaftler hingewiesen hatte. In seinem Vorwort schreibt er: "Wir könnten versucht sein zu glauben, unser demokratisches Erbe schütze uns Amerikaner automatisch vor solchen Gefahren. Doch dieser Reflex ist fehl am Platze."

Snyders Lektionen sind einleuchtend, erfordern aber von uns allen ein demokratisches Rückgrat und die Bereitschaft, auf Privilegien zu verzichten, wenn es der Sache dient. Ein gutes Beispiel ist gleich die erste Lektion: Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam. 
Beim Lesen des ersten Satzes möchte man spontan widersprechen: "Einen Großteil seiner Macht erhält der Autoritarismus aus freien Stücken." Doch dann erklärt Snyder, dass Menschen überlegen, was eine repressive Regierung möglicherweise will und "dienen sich ihr schließlich an, ohne gefragt worden zu sein." Dadurch wird denen, die die Macht inne haben, "gezeigt, wie weit sie gehen können."

Timothy Snyder zeigt, was jede(r) Einzelne tun kann, um die Aushöhlung und Abschaffung unserer demokratischen Gesellschaftsordnung zu verhindern: Entfernung von Hakenkreuzen oder anderen Zeichen, die zu Hass aufrufen, Sorgfalt bei der Wortwahl, aktive Beteiligung am Mehrparteiensystem durch die Teilnahme an Wahlen oder sogar eine eigene Kandidatur sind nur einige seiner Vorschläge.

Wer die Nachrichten verfolgt, die uns derzeit aus den USA erreichen, kann die sechste Lektion nur mit Beklemmungen lesen. Sie hat die Überschrift: Nimm dich in Acht vor Paramilitärs. Dabei wirft Snyder zuerst einen Blick auf Hitlers paramilitärische Einheiten SA und SS, auf die Privatisierung von Gefängnissen und Internierungslagern durch die US-Bundesregierung und schlägt den Bogen zum US-Präsidentschaftswahlkampf 2016: Trump hatte private Sicherheitsleute angeheuert, deren Aufgabe es war, Menschen hinauszuwerfen, die eine andere Meinung hatten als der Kandidat. "Diese Form von Mob-Gewalt sollte das politische Klima verändern, und genau das geschah."

In weiteren Kapiteln ruft der Wissenschaftler dazu auf, Informationen nicht nur aus dem Internet zu beziehen, sondern sie zu hinterfragen und mehr Bücher zu lesen. Gerichte, freie Wahlen, die Unabhängigkeit der Medien: Sie alle müssen geschützt werden, um die Demokratie zu erhalten. Jeder und Jede kann etwas dazu beitragen.

Lesen?

Timothy Snyder appelliert an uns alle, die Errungenschaften der Demokratie nicht leichtfertig aus der Hand zu geben, sondern wachsam zu sein. Nicht wegsehen, kein Mitläufer und kein Profiteur sein. Das ist nicht immer einfach, aber in einer Gemeinschaft kommt es auf jeden einzelnen Menschen an.

Die mir vorliegende Ausgabe von Über Tyrannei wurde in einer reinen Textform ohne die Illustrationen der früheren Ausgabe 2025 von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegeben und kostet 5,-- Euro.

Samstag, 27. August 2022

# 361 - Atomkraft - nein danke? Wie die deutsche Kernenergie zu dem wurde, was sie heute ist

Wir leben in einer Zeit, in der Energie knapp zu
werden droht. Die Preissteigerungen sind bereits unübersehbar. Hier und da beschwören Politiker, die sich für fachkundig halten, das Schlimmste abzuwenden, indem man die noch aktiven Atomkraftwerke nicht zum Jahresende 2022 abschaltet, sondern sie noch ein bisschen länger weiterlaufen lässt. Das sei eine kostengünstige Lösung, wird dann noch gern hinterher geschoben. Die, die noch einen draufsetzen wollen, schlagen sogar den Neubau von AKWs vor. Wie sinnvoll ist das tatsächlich?

Der Historiker Frank Uekötter hat genau hingesehen und in seinem Buch Atomare Demokratie - Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland nachvollzogen, wie es in den 1950-er und 1960-er Jahren zum dem Hype um Atomkraftwerke gekommen ist, wer ihren Bau maßgeblich vorangetrieben hat und inwieweit hinter dieser Entwicklung demokratische Entscheidungen gesteckt haben. Auch die Frage, ob es sich bei der Kernenergie wirklich um eine kostengünstige Möglichkeit der Stromerzeugung handelt, wird beantwortet.

Kernenergie galt einst als Zukunftstechnologie und passte zum Lebensgefühl der Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg: Wirtschaft und Konsum zogen an, es wurde immer mehr Energie benötigt. Wie viel genau, wusste niemand so recht. Die Chancen, die viele vor Jahrzehnten in der Technologie sahen, ähnelten dem heutigen Blick aufs Internet: Die Atomkraft sollte durch ihren endlos sprudelnden Energiestrom alles zum Besseren wenden. 

Deutschland war mit seiner Euphorie nicht allein. Rund um den Globus entbrannte der Ehrgeiz, möglichst schnell möglichst leistungsfähige Kernkraftwerke zu bauen. Welche der diskutierten Varianten die beste sein würde, sollte die Zeit zeigen. Aus heutiger Sicht mutet der Überschwang des Philosophen Ernst Bloch sehr befremdlich an, der Ende der 1940-er Jahre in der Kernenergie eine Grundlage der sozialistischen Zukunft sah: "Einige hundert Pfund Uranium und Thorium würden ausreichen, die Sahara und die Wüste Gobi verschwinden zu lassen, Sibirien und Nordkanada, Grönland und die Antarktis zur Riviera zu verwandeln.“

Schwamm drüber, die Realität hat solche Wunschträume längst rechts überholt. Im kollektiven Gedächtnis sind die Bilder des Anti-Atom-Protests tief verankert: Die rote lachende Sonne mit dem Slogan "Atomkraft? Nein danke" fand sich seit Mitte der 1970-er Jahre auf Demos, Pkw-Kofferraumdeckeln oder Taschen. Die Nachrichten berichteten über Demos, deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine sehr unterschiedliche Herkunft hatten: Studenten, Wissenschaftler, Juristen, Landwirte und Bürger aus der sog. "Mitte der Gesellschaft" taten sich zu einer der beständigsten Protestbewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik zusammen. Was diese Bewegung ausmachte, war nicht unbedingt die Zahl der beteiligten Menschen, sondern ihr jahrzehntelanges Durchhaltevermögen, das in vielen Familien von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde.

Der Geschichte der Kernkraft in der DDR ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Die dortige Technologie kam aus der UdSSR und stand in Konkurrenz zur Braunkohle. Ein Ost-West-Austausch fand allenfalls informell und nur sporadisch statt. Nach der Wende wanderten zahlreiche Fachkräfte aus dem Osten in den Westen ab, denn die ostdeutschen Kernkraftwerke waren 1990 nicht mehr in Betrieb. Da die westdeutschen AKW-Betreiber nicht über genügend Fachkräfte verfügten, kamen die neuen Mitarbeiter wie gerufen und haben mutmaßlich dazu beigetragen, dass die westdeutschen Kernkraftwerke bis heute betrieben werden konnten.

Lesen?

Atomare Demokratie - Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland ist ein hochinteressantes Buch, das die Geschichte der deutschen Kernkraft sehr anschaulich zusammenfasst. Frank Uekötter hat dabei einen besonderen Schwerpunkt auf die Frage gelegt, inwieweit die Politik, die Rechtsprechung sowie demokratische Prozesse auf diesen Bereich Einfluss genommen haben. Uekötter hat in einem Buchtrailer dieses positive Fazit gezogen:

"Man merkt, dass Demokratie in der Lage ist, Konflikte deeskalieren zu lassen und am Ende tatsächlich auch zu einer Lösung zu führen."

Das Buch wird durch eine ausführliche Chronologie, ein Quellenverzeichnis, eine Auflistung der erwähnten Kernkraftwerke sowie ein Register vervollständigt.

Atomare Demokratie - Eine Geschichte der Kernenergie in Deutschland ist 2022 im Franz Steiner Verlag erschienen und kostet sowohl als gebundenes Buch als auch als E-Book 29 Euro.

Freitag, 12. Februar 2021

# 277 - Was wäre passiert, wenn Hitler Facebook genutzt hätte?

Steile These oder lohnendes Gedankenexperiment?
Maik Fielitz und Holger Marcks stellen diese Überlegung, die 2019 vom britischen Komiker Sacha Baron Cohen geäußert wurde, an den Anfang ihres Buches Digitaler Faschismus. Cohen hatte seinerzeit eine Rede vor der Anti-Defamation League (ADF) gehalten, in der er diese These vertreten hat: 

"Hätte es Facebook in den 1930-er Jahren gegeben, hätte es Hitler für seine Lösung der Judenfrage werben lassen."

Fielitz und Marcks teilen diese Ansicht, weil in den letzten Jahren zu beobachten gewesen ist, wie prinzipienlos sich Facebook verhalten hat. Zuckerberg hat seit 2016 immer wiederholt, man solle vorsichtig damit sein, die Plattformen als Schiedsrichter über die Wahrheit anzusehen. Eine Sichtweise, über die man geteilter Meinung sein kann.

In acht Kapiteln schildern die Autoren, wie das Internet, das zu Beginn als Hort des Informations- und Meinungsaustauschs sowie Bereicherung für die Demokratie gesehen wurde, sich zu einem wirkungsvollen Instrument entwickelt hat, Menschen zu manipulieren. Dabei wird mit verschiedenen Methoden gearbeitet, die von der stetigen dramatischen Wiederholung von Ereignissen und dem Schüren von Panik bis zum Gaslighting reichen. Ein bekanntes Gaslighting-Beispiel ist hier die Aussage der früheren Sprecherin von Ex-US-Präsident Trump, Kellyanne Conway, die im Zusammenhang mit der angeblich riesigen Menschenmenge, die 2017 die Amtseinführung des 45. Präsidenten vor der National Mall in Washington beobachtet hat, von "alternativen Fakten" gesprochen hatte. Ihre Formulierung war der Beginn einer einzigartigen Kette von Lügen, die Trumps gesamte Amtszeit geprägt haben und die vor allem durch die Verbreitung auf Internetplattformen ihre Wirkung entfaltet haben.

Doch sieht es in Deutschland besser aus? Auch hier machen sich vor allem rechte Gruppierungen - allen voran die AfD - das Internet zunutze. Messenger-Gruppen, YouTube oder Facebook-Gruppen bieten ein breites Spektrum, um Falschnachrichten oder Halbwahrheiten, ausgestattet mit emotionalen Triggern, unter die Menschen zu bringen. Hier wird nichts auf den Wahrheitsgehalt untersucht, sondern die sog. 'Nachrichten' werden in schneller Folge verbreitet. Die immer besseren Video- und Bildbearbeitungstechniken verleihen vermeintlichen Nachrichten Glaubwürdigkeit und werden immer mehr dazu verwendet, Personen zu denunzieren, in denen ihnen Aussagen in den Mund gelegt oder Handlungen zugeschrieben werden, die sie nie gesagt bzw. getan haben.

Die Autoren sehen eine Aushöhlung der Demokratie und bemerken immer mehr Rufe nach einer Regulierung. Vorgaben müssen jedoch den "faschistischen Dynamiken im Netz entgegenwirken ohne selbst die Demokratie zu schwächen". (S. 203) Wie das gehen kann, machen Fielitz und Marcks mit ihren Vorschlägen deutlich.

Lesen?

Dass die sozialen Medien für Rechtsextreme ein beliebtes Betätigungsfeld sind, ist zunächst einmal nichts Neues mehr. Was dieses Buch allerdings lesenswert macht, ist die anschauliche Erläuterung der verschiedenen Mechanismen und Manipulationsmöglichkeiten, die das Internet für eine wirkungsvolle Meinungsmache mithilfe von Fake News bereithält. In Digitaler Faschismus wird deren ganze Palette dargestellt, sodass man als Leser wie die beiden Autoren nur zu dem Schluss kommen kann, dass hier etwas passieren und eingegriffen werden muss.

Digitaler Faschismus ist 2020 im Dudenverlag erschienen und kostet als Klappenbroschur 18 Euro sowie als E-Book 13,99 Euro.

Nachtrag: Hier gibt es weitere Informationen über das Buch, u. a. die Zusammenfassung von drei Kapiteln in Illustrationen.

Sonntag, 13. September 2020

# 256 - Der Blick ins Oval Office aus der ersten Reihe

Je näher die US-Wahl am 3. November 2020 rückt, umso mehr Menschen, die dem amtierenden Präsidenten auf die eine oder andere Weise nahe stehen oder standen, veröffentlichen ein Buch mit ihrer Sicht auf ihn. Nicht immer ist klar, was die Autorinnen und Autoren dazu bewogen hat, doch bei John Bolton gibt es hinsichtlich seiner Motivation keinen Zweifel. 

Bolton hat sich aus "kleinen" Verhältnissen hochgearbeitet und ist sein Leben lang für die Republikanische Partei eingetreten. Schon im Alter von 16 Jahren engagierte er sich für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater, während der Amtszeiten von Ronald Reagan und Bush sen. und jun. hatte er mehrere verantwortugsvolle Positionen in der US-Administration inne. Als er im April 2018 als Nationaler Sicherheitsberater in Trumps Dienst eintrat, war er im 70. Lebensjahr und damit in einem Alter, in dem andere ihr Leben genießen. Das kam für ihn jedoch nicht infrage: Er wollte noch mitmischen und hat auch Trump gegenüber immer wieder betont, dass er nur an zwei Positionen Interesse hat: der des Außenministers und der des Nationalen Sicherheitsberaters.

Zum Zeitpunkt seiner Amtsübernahme hat Bolton sicher nicht damit gerechnet, was ihn in den nächsten Monaten erwarten würde. Er beschreibt mit beinahe buchhalterischer Genauigkeit, was sich während seiner 519 Amtstage in der Welt an politisch Bedeutsamem zugetragen hat und wie seiner Ansicht nach damit hätte umgegangen werden müssen, aber nicht wurde. Während Bolton sich zu Beginn noch über das administrative Chaos um den Präsidenten herum wundert, seine Grundhaltung diesem gegenüber aber grundsätzlich positiv ist, beginnt die Stimmung irgendwann zu kippen. Bolton registriert, dass Trumps Entscheidungen, wie die USA mit den globalen Krisenherden umgehen sollten, nicht auf Fakten und Erfahrungen beruhen, sondern fast durchgehend einem Impuls entspringen: Was heute gilt, kann schon morgen überholt sein. Die wichtigste Richtschnur bei der Entscheidungsfindung ist nicht das Wohl des amerikanischen Volkes, sondern der Nutzen für die eigene Wiederwahl.

Dass Donald Trump nicht über nennenswerte geographische oder historische Kenntnisse verfügt, ist nichts Neues. Auch seine Zuneigung zu Autokraten wie Putin oder Kim Jong-Un sowie sein ambivalentes Verhältnis zum chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping ist schon häufig in den Medien geschildert worden. Aus Boltons Sicht, der diese Zuneigung nicht teilt, hat sich der US-Präsident von ihnen immer am Nasenring herumführen lassen, ohne deren wahre Absichten zu verstehen. Bolton schildert Ereignisse, die belegen, wie gleichgültig Trump demokratische Prozesse und der diplomatische und - als letztes Mittel - militärische Umgang mit Krisen sind. Seine Denkweise ist von Dogmen geprägt, die sich gebetsmühlenartig wiederholen: "Warum sind wir da?", wenn er registriert, dass sich US-Truppen im Ausland befinden, oder "die EU ist schlimmer als China, nur kleiner", was sich immer anbietet, wenn es warum auch immer um einen EU-Mitgliedsstaat geht oder den Staatenbund als Ganzes. Ebenfalls bekannt ist sein gestörtes Verhältnis zu Frauen in Machtpositionen.

Bolton muss sich wie Don Quijote beim Kampf gegen die Windmühlenflügel vorgekommen sein, wenn  immer dann, wenn sich ein für die USA günstiger Regierungswechsel im Ausland abzeichnete (Iran, Venezuela, Syrien), seine Vorschläge für eine militärische Intervention ignoriert wurden. Der Grund für Trumps Ablehnung lag jedoch nicht darin, die amerikanischen Soldaten schützen oder einen Krieg verhindern zu wollen; er wurde stets von einem isolationistischen Leuchtturmdenken geleitet, dem die Erkenntnis, dass kein Land auf der Welt für sich allein steht, völlig fremd ist.
Bolton litt zusehends auch unter dem Chaos, das der Präsident ständig verursachte, und war befremdet von dessen Rachsucht, die auch diejenigen Menschen einschloss, die ihm nicht mehr schaden konnten.

Bolton zeichnet in Der Raum, in dem alles geschah ein Bild des amtierenden US-Präsidenten, das niemanden überraschen dürfte, der das Weltgeschehen in den letzten Jahren ein bisschen verfolgt hat. Mutmaßlich unfreiwillig gibt er seinen Lesern jedoch auch Einblick in seine eigene Persönlichkeit. Die Welt hatte, als Bolton zum Nationalen Sicherheitsberater ernannt wurde, bereits seit über einem Jahr dem erratischen und egomanischen Treiben Trumps zusehen müssen. Da wirkt Boltons Wunsch, in dieser Regierung etwas bewirken zu können, sehr naiv. Die Erkenntnis, dass Trump nicht auf seine besten Berater hört, sondern auf die Person, mit der er zuletzt gesprochen hat, ist Bolton relativ früh gekommen. Er muss sich im Rückblick selbst fragen, warum er fast eineinhalb Jahre trotzdem in der Rolle des Zuträgers geblieben ist. Nicht zuletzt wirkt auch seine Weigerung, vor dem Untersuchungsausschuss auszusagen, der im Rahmen des Amtsenthebungsverfahrens gegen Trump eingerichtet wurde, unglaubwürdig. Wäre es nicht die Gelegenheit gewesen, sich dieses unfähigen Präsidenten zu entledigen? Oder spielten dabei eigene wirtschaftliche Überlegungen hinsichtlich der Buchveröffentlichung eine Rolle?

Sehr unangenehm wirkt auch das Schwarz-Weiß-Denken, in dem sich Trump und Bolton gar nicht so unähnlich sind. Es ist überall üblich, dass sich politische Gegner in der Öffentlichkeit nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen. Das Ausmaß der Verachtung, das Bolton jedoch sämtlichen demokratischen Politikern entgegenbringt, ist symptomatisch für die derzeitige politische Situation in den USA: Da wird nicht mehr debattiert, sondern der Gegner in die Nähe von Kriminellen gerückt und regelrecht verteufelt. Die fragwürdige Politik unter republikanischen Präsidenten, an der Bolton maßgeblich beteiligt war, wird nicht angesprochen. Ein derart vergiftetes Klima schadet jedem Land.

Verärgert beschreibt Bolton viele Male, wie sich Trump von Beratern beeinflussen ließ und vergisst dabei, dass er das ebenso versucht hat - wenn auch immer öfter vergeblich. Der Bürokratie bringt der Ex-Sicherheitsberater viel Verachtung entgegen: Die Bedenken des damaligen Finanzministers sind ihm zu kleinlich, der Wunsch des Außenministers nach Verhandlungen ist lästig. In vielen Situationen wirkt er persönlich beleidigt.
Die Presse kommt bei Bolton sehr schlecht weg: Wo immer Reporter auftauchen, bezeichnet er sie als "Pressemeute" oder "Pressemob"; als Teil einer demokratischen  Kultur sieht er die Medien nicht. 

Bolton schreibt in seinem Buch sinngemäß, das erste Jahr als Nationaler Sicherheitsberater sei ihm wie zehn Jahre vorgekommen. Man glaubt das unbesehen.

Der Raum, in dem alles geschah ist 2020 bei Das Neue Berlin erschienen und kostet als gebundenes Buch 28 Euro sowie als E-Book 18 Euro.

Zu diesem Buch hatte die Agentur Literaturtest eine Blogtour veranstaltet, die mit diesem Beitrag begann.

Anmerkung: Wer mehr über das Sterben der Demokratie vor allem in den USA erfahren möchte, kann hier weiterlesen.


 

Freitag, 21. August 2020

# 254 - Wie Demokratien sterben - eine "Anleitung"

Die amerikanischen Politikwissenschaftler David Ziblatt und Steven Levitsky erklären in ihrem Buch Wie Demokratien sterben, welche gesellschaftlichen und politischen Prozesse letzten Endes dazu führen, dass aus einer Demokratie eine Autokratie wird. 

Grundsätzlich gibt es hierfür zwei Möglichkeiten: ein einzelnes Ereignis wie zum Beispiel einen Putsch oder einen schleichenden Prozess. Bei der ersten Variante ist die Veränderung für jeden sofort erkennbar, bei der zweiten kann sich die Transformation über mehrere Jahre erstrecken, sodass erst an ihrem Ende erkennbar wird, was sich da vor aller Augen abgespielt hat.

Levitsky und Ziblatt sind Harvard-Professoren und haben in ihrem 2018 veröffentlichten Buch den antidemokratischen Entwicklungen in den USA viel Raum gegeben. Sie haben sich jedoch nicht nur auf den amtierenden Präsidenten Donald Trump beschränkt, sondern sich auch in der amerikanischen Geschichte umgesehen. Fazit: Immer wieder haben US-Präsidenten versucht, ihre Macht auszuweiten und dabei zu Mitteln gegriffen, die den Einfluss der Pfeiler der Demokratie untergraben sollten. Levitsky und Ziblatt unterscheiden hierbei in die Möglichkeiten und Grenzen, die aus der Verfassung hervorgehen sowie das, was dort nicht steht, aber allgemeiner Konsens ist: die sogenannten "Leitplanken", die in der Regel von allen an der Politik beteiligten Akteuren eingehalten werden. So lange, bis versucht wird, diese zu ignorieren. Trump ist allerdings derjenige Präsident, der es in der Grenzüberschreitung zu einer traurigen Meisterschaft gebracht hat.

Die Autoren sehen sich jedoch auch die Schwierigkeiten an, die andere Staaten beim Erhalt ihrer Demokratien haben oder hatten. Ihr Blick geht nach Europa ebenso wie nach Südamerika oder Asien. Sie stellen fest, dass Militärputsche seit dem Ende des Kalten Krieges selten geworden sind und demokratische Zusammenbrüche mehrheitlich durch gewählte Regierungen stattgefunden haben. Die Schritte, die zu diesen Zusammenbrüchen geführt haben, beruhen auf äußerlich legalen Maßnahmen, die vom Parlament beschlossen oder von einem Gericht abgesegnet wurden. Auch die Begründung, man handele zum Wohl des Landes, weil man beispielsweise die Korruption bekämpfen wolle, muss immer wieder herhalten, wenn es darum geht, demokratische Prozesse und Möglichkeiten abzuwürgen.

Ziblatt und Levitsky erläutern, welche Parallelen es gegeben hat, wenn in bislang demokratischen Ländern politische Außenseiter an die Macht drängten: In vielen Fällen (z. B. Deutschland mit Hitler, Italien mit Mussolini oder Peru mit Fujimori) setzten die politischen Eliten dort darauf, dass sich die Außenseiter einhegen ließen, wenn sie an der Regierung beteiligt würden. Ein fataler Irrtum.  
Sehr ausführlich wird erläutert, anhand welcher Warnzeichen autoritäre Politiker zu erkennen sind und dass bereits die Erfüllung nur eines Kriteriums genügt, um sich Sorgen zu machen. Die Autoren bezeichnen diese Warnzeichen auch als Lackmustest:
Da werden die "Schiedsrichter" (z. B. Gerichte, Ethikkommissionen) bedrängt, die "Schlüsselspieler" (z. B. Medien oder politische Gegner) neutralisiert und neue "Spielregeln" aufgestellt - einschließlich der Bereitschaft, diese mit Gewalt durchzusetzen oder andere dazu zu ermutigen.

Lassen sich diese die Demokratie zerstörenden Mechanismen und Vorgänge aufhalten? Die beiden Wissenschaftler sind optimistisch: Sie sehen insbesondere in den USA die Parteien in der Pflicht, dem Präsidenten die mittlerweile verrutschten und ramponierten Leitplanken deutlich aufzuzeigen und sich untereinander nicht mehr als Feinde, sondern als politische Gegner zu sehen, die sich trotz aller Differenzen darum bemühen, einen parteiübergreifenden Konsens zu finden. Als Beispiele dafür, dass Länder ihre demokratischen Systeme schützen konnten, führen Ziblatt und Levitsky Belgien (1936) und Finnland (1929) an: In beiden Staaten waren es die politischen Eliten, die dafür sorgten, dass die Demokratie nicht von Faschisten zerstört wurde.


Lesen?

Auf jeden Fall! Während des Lesens bemerkt man, dass man sich an viele demokratieschädliche Vorgänge bereits gewöhnt hat. Die in diesem Buch geballte Darstellung all dessen, was zu einem Zusammenbruch eines demokratischen Systems führen kann oder geführt hat, macht die Dringlichkeit dieses Themas noch deutlicher.
Das Buch wurde mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis 2018 als bestes Sachbuch des Jahres ausgezeichnet.

Wie Demokratien sterben ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 22 Euro, broschiert 14 Euro sowie als E-Book 12,99 Euro. Die Bundeszentrale für politische Bildung bietet das Buch in Heftform als Teil ihrer Schriftenreihe für 4,50 Euro zuzügl. Versandkosten an.

Freitag, 17. Juli 2020

# 249 - Leere Herzen

In Juli Zehs 2017 erschienenem Roman Leere Herzen werden dystopische Zukunftsentwürfe Wirklichkeit.

Wir sind im Jahr 2025. Angela Merkel wurde vor acht Jahren aus dem Amt gejagt und von Regula Freyer von der BBB - Besorgte Bürger Bewegung - nach einer demokratischen Wahl abgelöst. Die BBB legt seitdem immer neue 'Effizienzpakete' auf, die das bisherige politische System Zug um Zug verwässern und aufweichen.
Die Bürger sind in politischer Hinsicht so träge, dass sie die allmähliche Auflösung von demokratischen Standards eher gleichgültig registrieren: Eine Umfrage hat ergeben, dass sich die meisten Menschen bei der Wahl zwischen einer Waschmaschine und  ihrem Wahlrecht für die Waschmaschine entscheiden würden.

Die Hauptfigur des Buches ist Britta Söldner. Sie ist verheiratet, hat eine noch junge Tochter und ist in ihrem Beruf wirtschaftlich äußerst erfolgreich: Mit ihrem Geschäftspartner Barak, einem IT-Experten, betreibt sie Die Brücke, eine nach außen psychotherapeutische Heilpraxis, deren Hauptzweck es ist, Menschen mit einem ausgeprägten Todeswunsch an Organisationen zu vermitteln, die finden, dass ihren Zwecken mal wieder ein ordentliches Selbstmordattentat guttäte. Die Nachfrage ist immer da, der Laden brummt. Die geeigneten Attentäter werden in einem 12-stufigen Auswahlverfahren auf die Ausgeprägtheit ihres Selbstmordwunsches getestet. 
Brittas Mann und Freunde haben keine Ahnung, was tatsächlich hinter der Brücke steckt.

Britta findet nichts Verwerfliches an ihrem Tun, eher im Gegenteil: Der "klassische" Terrorismus ist am Ende, der 'Daesh' - der 'Islamische Staat' - existiert de facto nicht mehr, die Splittergruppen bekennen sich aber bereitwillig zu praktisch jedem Anschlag. Mit ihrem Geschäftskonzept hat sie eine Nische besetzt, in der sie und Barak ein Monopol inne haben. Anschläge laufen jetzt schön geordnet und strukturiert ab. Britta fehlt jede moralische Leitlinie und Empathie. Rücksichtslos verfolgt sie ihre Interessen, Skrupel sind ihr fremd. Das Interesse an der Gesellschaft und der Politik ist ihr im Laufe der letzten Jahre abhanden gekommen.

Doch dann wird am Leipziger Flughafen ein Anschlag verübt, der an Dilettantismus kaum zu überbieten ist. Gibt es da einen Konkurrenten, der Die Brücke aus dem Geschäft verdrängen will? Unvermittelt tritt der zwielichtige Multimillionär Guido Hatz auf den Plan, der sich ihrem Mann als Geschäftspartner anbietet. Hat dieser merkwürdige selbsternannte Geo-Heiler in Wirklichkeit Britta im Visier? Britta fühlt sich von Hatz beobachtet und verfolgt, schließlich gibt er ihr den "Rat", sich doch einfach mal eine Weile aus dem Geschäft zurückzuziehen. Dann wird in die Geschäftsräume der Brücke eingebrochen. Das Tempo der Handlung beschleunigt sich, plötzlich fühlt sich Britta existenziell bedroht. Sie begreift, dass sie und ihre Brücke von einer anderen Organisation für deren Zwecke missbraucht werden sollen. Es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod.

Lesen?

Ja. Juli Zeh hält ihren Lesern den Spiegel vor. Schon ihre Widmung weist darauf hin: "Da. So seid ihr." Und das, was Zeh schon vor drei Jahren beobachtet und kritisiert hat, ist bis heute nicht besser geworden: Das um sich greifende Phänomen, das gern freundlich als 'Politikverdrossenheit' bezeichnet wird, ist nichts anderes als die Gleichgültigkeit der saturierten Bürger, die allzu gern bereit sind, ihre demokratischen Rechte einzutauschen, wenn ihr Leben nur schön bequem verläuft. Ihr Roman ist ein Plädoyer dafür, die Beschäftigung mit der Politik nicht nur denen zu überlassen, die dies aus beruflichen Gründen tun.

Leere Herzen  ist im Luchterhand Verlag erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 20 Euro, als Taschenbuch 11 Euro (btb Verlag) sowie als E-Book 9,99 Euro.